BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH
UND
DEUTSCHER NEKROLOG
UNTER STANDIGER MITWIRKUNG
VON
GUI DO ADLER, F. VON BEZOLD, ALOIS BRANDL, ERNST ELSTER,
AUGUST FOURNIER, ADOLF FREY, HEINRICH FRIEDJUNG, LUDWIG
GEIGER, KARL GLOSSY, EDUARD PREIHERRN VON DER GOLTZ,
MAX GRUBER, SIGMUND GUNTHER, OTTO GUNTTER, EUGEN
GUGLIA, ALFRED FREIHERRN VON MENSI, JACOB MINOR, KARL
OBSER, JOHANN SASS, PAUL SCHLENTHER, ERICH SCHMIDT,
ANTON E. SCHONBACH, GEORG WOLFF U. A.
HERAUSGEGEBEN
VON
ANTON BETTELHEIM.
XIH. BAND
VOM I. JANUAR BIS 31. DEZEMBER 1908.
MIT DEM BILUN1S VOX WILHCLM EUSCH IN HELIOGRAVURE.
BERLIN
DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER
1910.
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Vorwort.
In den standigen Kreis der Berater des Biographischen Jahrbuches
und Deutschen Nekrologes sind auf Ersuchen des Herausgebers zwei
sachkundigste Fachmanner eingetreten, die seit langerer Zeit wohl-
wollend und hilfreich jede Frage der Redaktion auf ihrem Gebiete zu
klaren und zu losen bereit waren, der Professor D. Eduard Frei-
herr v. d. G o 1 t z , Direktor des evangelischen Predigerseminars in
Wittenburg, Westpreuflen, und Geheimrat Karl Obser, Direktor
des grofiherzoglich badischen Landesarchivs in Karlsruhe.
Der Text hatte fur die Wiirdigung der im Jahr 1908 Geschiedenen
ebenso schwere als schone Aufgaben. Die Nekrologe Eduard
Z e 1 1 e r s von Theobald Ziegler, Wilhelm Buschs von
Volkmann, Althoffs von Heubaum, Paulsens von
Lorenz, Voits von Krummacher, Eduard Bachers
von Kolmer, Sickels von Ottenthal, Siebolds von
Graf Brandenstein -Zeppelin, Kirchhoffs von Weil,
K rastels von Minor, Biichelers von Marx, Leo Bergs
von Eloesser, Inama-Sterneggs von Mischler, Eber-
hard Schraders von Eduard Meyer, Pfleiderers
von Z u r h e 1 1 e n , die Malerbiographien von H. Holland und
L. P i e t s c h , die Charakteristiken der Politiker von H. D i e z
und anderen, die Beitrage von Schollenberger fiir die Schweiz
mogen dafur zeugen, dafi unser Sammelwerk auch in Band XIII den
Geistes- und Naturwissenschaften, der Forschung und dem offentlichen
Leben, der bildenden und redenden Kunst gleichmafiig zu dienen
bestrebt war.
IV Vorwort.
Erganzungen und Nachtrage vermochten noch lange nicht alle
Llicken der bisher veroffentlichten zwolf Bande zu fiillen. Immerhin war
es moglich, diesmal die langverheifienen Biographien von E u g e n
Richter (aus der Feder von F. Rachfahl), Wilhelm v.Har-
tel, P. Mobius, Overbeck,v. Bergmann und manche andere,
vom Leserkreis und der Leitung unseres Jahrbuches gleicherweise ver-
mifite Nekrologe zu bringen. Mit dem Wunsche, auch in Zukunft und
immer ausgiebiger die Ruckstande in ahnlicher Art aufarbeiten zu
diirfen, wiederholen wir neuerdings die Bitte," dafi alle Berufenen und
Beteiligten diese Bemuhungen der Redaktion durch Rat und Tat unter-
stiitzen mogen.
Die Bearbeitung und Ausgestaltung der Totenliste hat wiederum
Herr Dr. Holleck- Weithmann sich angelegen sein lassen und
fur sorgsames Mitlesen aller Texte bleibe ich abermals Herrn Dr. J. Sass
dankbar verpflichtet
Wien, 10. Oktober 1910.
Anton Bettelheim.
I n h a 1 1.
Seite
Vorwort Ill
Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1908 1
Erganzungen und Nachtrage 281
Alphabetisches Namenverzeichnis zum Nekrolog 397
Alphabetisches Namenverzeichnis der Erganzungen und Nachtrage.... 398
Totenliste 1908 399
DEUTSCHER NEKROLOG
VOM i. JANUAR BIS 3i. DEZEMBER
I908
Homo liber de nulla re minus quam
de morte cogitat et ejus sapientia non
mortis, sed vitae meditatio est.
*
Spinoza. Ethiccs pars IV. Propos.
LXVII.
Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1908.
Voit, Karl von, Universitats - Professor fur Physiologie zu Munchen,
* 31. Oktober 183 1 zu Amberg, f 31. Januar 1908 zu Munchen. — V. kann
mit Fug als Begrunder der modernen Physiologie des Stoffwechsels bezeichnet
werden; denn wenn er auch neben eigenen Schopfungen Gedanken und Re-
sultate seiner Vorganger mit verwandte, so tat er dies doch nie ohne voran-
gegangene gewissenhafte Prufung. Zeit seines Lebens war es sein Grundsatz
nur auf gesicherter Unterlage weiter zu bauen. Damit steht nicht in
Widerspruch, daB er vielfach genotigt war, seine Anschauungen zu andern;
ist doch kein Naturforscher gegen Trugschlusse geschiitzt; zukiinftige Er-
fahrungen kann er nicht voraussehen. Auch der Weiseste kann nicht mehr
tun als die SchluBfolgerungen Ziehen, die am besten mit dem Wissen seiner
Zeit in Einklang stehen.
Wenden wir uns nach diesen kurzen Andeutungen uber V.s Forscher-
tatigkeit zur Beschreibung seines Lebenslaufes. Nur die friiheste Kindheit
verlebte er in seinem Geburtsort Amberg, wo der Vater August als Baumeister
im Staatsdienste tatig war. Aber schon bald sah sich dieser genotigt, mit
seiner Familie zwcimal den Wohnsitz zu wechseln. Nach einem voriibergehenden
Aufenthalt in Speyer ward ihm 1840 eine Anstellung in Munchen zu teil, die
eine praktische Tatigkeit als Architekt mit einer Professur an der Kunstakademie
verband. A. Voit machte sich bekannt durch Erbauung der neuen Pinakothek
sowie durch Errichtung des unverwiistlichen ursprunglich nur als Ausstellungs-
halle gedachten Glaspalastes.
So erhielt denn sein Sohn Karl die Gymnasialbildung in Munchen. Im
Jahre 1848 legte er die Reifeprtifung ab, dann lieB er sich an der Universitat
seiner nunmehrigen Heimat immatrikulieren. Zunachst horte er der damaligen
Sitte gemaB Vorlesungen allgemeineren Inhaltes aus dem Gebiete der Natur-
wissenschaft und Philosophic, deren Studium dem fachlichen Unterricht vor-
ausgehen muflte. Wie so mancher andere freiheitsbegeisterte Patriot der
spater eine Zierde im Lehrkorper deutscher Universitaten wurde, nahm auch
V. an der Volkserhebung tatigen Anteil. Es w T are verfehlt, aus diesem Ver-
halten des Siebzehnjahrigen weitgehende Schliisse zu Ziehen; aber so viel er-
sehen wir doch, daB er schon im jugendlichen Alter den entschlossenen Mut
hatte, mit seiner Person fur das einzutreten, was er als recht erkannt hatte,
unbekiimmert um das Urteil seiner Vorgesetzten.
4 Voit.
1850 bestand er die Admissionsprtifung, die ihm den Zugang zu den Fach-
studien eroffnete. V. entschied sich fiir die Medizin, allem Anschein nach mehr
durch theoretische Fragen gefesselt als durch die Aussicht auf Broterwerb
angelockt. 185 1 wandte er sich nach Wlirzburg, wo er u. a. bei Kolliker
Histologic und Physiologie, bei Scherer Chemie horte. Noch im selben Jahre
nach Munchen zuriickgekehrt, versaumte er neben dem pflichtmafiigen klinischen
Unterricht nicht die Vorlesungen des damals schon beruhmten Liebig zu be-
suchen. 1854 bestand er das praktische Examen und die Doktorprlifung.
Aber weit entfernt, nunmehr dem Berufe eines praktischen Arztes zuzusteuern,
suchte er sich weiter in den fiir die rationelle Medizin grundlegenden Natur-
wissenschaften auszubilden. Er horte bei Jolly Physik, bei Bischoff Physiologie
und wiederum bei Liebig Chemie. Zugleich ward ihm auf sein Ansuchen ge-
stattet, im Laboratorium Pettenkofers als Praktikant physiologisch-chemische
Aufgaben zu losen. Hier machte er seine erste Entdeckung. Im Muskelfleisch
Cholerakranker gelang es ihm Harnstoff aufzufinden. Wahrend dieser Zeit
geschah es auch, dafl ihm das im Jahre 1852 verfaOte Buch der Dorpater
Forscher Bidder und Schmidt »Die Verdauungssafte und der Stoffwechsel« in
die Hande fiel, ein Werk, das entscheidend fiir seine Laufbahn werden sollte,
Seinem Scharfblick entging es nicht, daB die hier niedergelegten Resultate
und Cberlegungen sich weit liber den Stand der damaligen Durchschnitts-
arbeiten erhoben. Waren die angestellten Erwagungen richtig, so eroffneten
sie die Aussicht auf eine unabsehbare Flucht von Entdeckungen. Diese Uber-
zeugung durfte sich schon damals dem angehenden Forscher aufgedrangt und
den EntschluB gereift haben, den von Bidder und Schmidt vorgezeichneten
Weg weiter zu verfolgen.
Doch V. hielt die Zeit noch nicht fiir gekommen, um sogleich ans Werk
zu gehen; vielmehr fiihlte er sich bewogen, nach beendeter Lehrzeit noch einmal
die Wanderschaft anzutreten. Auf Liebigs Rat wahlte er Gottingen zum Auf-
enthalt, das zu den beriihmtesten Universitaten Deutschlands zahlte. Hier
erweiterte und vertiefte er seine Kenntnisse durch R. Wagners Vorlesungen
liber Physiologie, Joh. Bened. Listings Kollegien iiber Optik; vor allem aber
bildete er sich im Laboratorium Wohlers in der chemischen Technik aus. Eine
Frucht dieser Tatigkeit ist die im Jahre 1856 erschienene Arbeit liber Benzoyl-
verbindungen.
In die Gottinger Zeit fallt auch die Bekanntschaft mit Willy Kuhne, dem
spatercn Heidelberger Physiologen. Die beiden an Temperament so ver-
schiedenen jungen Manner zogen sich gegenseitig an, indem jeder dem anderen
etwas bieten und von ihm empfangen konnte. V. von gemessener Ruhe, nicht
geneigt, das Feme zu erwagen, bevor das Nachste bis ins einzelne zergliedert
war, Kiihne von sprudelnder Lebhaftigkeit, weite Zusammenhange suchend*
Der 44jahrige Freundschaftsbund wurde erst durch Klihnes Tod im Jahre
1900 gelost.
Nach Beendigung des Gottinger Wanderjahres wandte sich V. wieder der
Heimat zu, doch nur um eine Reise nach Dorpat ins Werk zu setzen, wo er
unter den Augen von Bidder und Schmidt die ihm vorschwebende Aufgabe
beginnen wollte. Sein Vorhaben sollte indessen nicht in Erfiillung gehen, dcnn
unerwartet bot sich ihm die Gelegenheit bei Theodor Bischoff, dem Freunde
Liebigs, eine Assistentenstelle anzutreten.
Voit. 5
Bischoff, wie die meisten Physiologen seiner Zeit von Haus aus Anatom
und besonders als Embryologe bekannt, hatte schon lange auf Liebigs An-
regung seine Aufmerksamkeit dem Stoffwechsel gewidmet. Als Assistent Bi-
schoffs begann nun V. die lange Reihe seiner Stoffwechseluntersuchungen mit
der denkwurdigen Arbeit uber den Kreislauf des Stickstoffs, damit den Grund-
stein zur Methodik legend. Verlockender ware es freilich gewesen, nach den
Regeln der Dorpater Physiologen sogleich die Zersetzungsvorgange in ihrer Ab-
hangigkeit zu prufen, aber der angehende Forscher war fest uberzeugt, daB
nicht der geringste Schritt vorwarts getan werden konne, ehe nicht die viel
umstrittene Frage nach den Ausscheidungswegen des Stickstoffs im Korper
entschieden sei; denn wollte man mit Bidder und Schmidt aus dem abgege-
benen Stickstoff Riickschlusse auf das im Organismus zersetzte EiweiB tun,
so mufite die Menge des Stickstoffs in samtlichen Ausgaben bekannt sein;
kein unbekannter Rest durfte ins Spiel kommen.
Die Dorpater Forscher hatten den Stickstoff der Nahrung in den sicht-
baren Ausscheidungen, Harn und Kot, nahezu vollstandig wiedergefunden,
die meisten anderen Autoren dagegen, Bischoff an der Spitze, hatten immer
betrachtlich weniger Stickstoff in den Ausgaben als in den Einnahmen er-
halten. Diese Differenz mufite sich noch vergrofiern, wenn ein Teil der Stick-
stoff fuhrenden Nahrung im K6rper verblieb, woriiber nach damaliger An-
schauung das Korpergewicht Aufschlufi geben sollte.
V.s oben erwahnte Arbeit zerrifl dies ganze Gewebe von Vorstellungen.
Er konnte dartun, dafi bei sorgfaltiger Vermeidung aller Fehlerquellen Ein-
nahmen und Ausgaben in drei- bis viertagigen Versuchsreihen hinsichtlich des
Stickstoffs entweder vollstandig ubereinstimmten oder doch nur unbedeutende
Differenzen aufwiesen, weit geringer als die friiheren Befunde vermuten liefien.
Diese Erfolge waren ausschliefilich der von V. verbesserten Versuchstechnik
zu danken, deren weitere Ausbildung in der nachsten Zeit das Hauptziel seiner
Tatigkeit bildete. Bei diesem Geschafte kam ihm neben seiner staunenswerten
Ausdauer sein sorgsam abwagendes Urteil zu statten, so dafi er unter den
vielen muhsamen rein mechanischen Verrichtungen niemals den Oberblick
uber das Ganze verlor. Denn ganzlich verfehlt ware es zu glauben, man konnte
Methoden ausbilden nach dem trivialen Grundsatz, allenthalben die denkbar
groflte Genauigkeit walten zu lassen. Das ware eine Verschwendung an Zeit,
Geld und Arbeitskraft; vielmehr gilt es als wissenschaftliche Regel, die Ge-
nauigkeit nur so weit zu treiben, dafi die im Endresultat auftretenden Zahlen-
werte eine unzweideutige Antwort auf die gestellte Frage erwarten lassen.
Aber nicht allein die Methodik im engeren Sinne haben wir V. zu ver-
danken, die Sammlung der Ausscheidungen und ihrer Untersuchung, sondern
auch die Festlegung des Versuchsplanes, wie Stoffwechselversuche iiberhaupt
angestellt werden miissen, um zuverlassige Ergebnisse zu liefern.
So schuf er zuerst die Methodik des Eiweiflstoffwechsels, und als ihm
dieser nach alien Richtungen hinlanglich geklart schien, ging er erst dazu uber
die Grundsatze zu entwickeln, nach denen der Verbrauch von Fett und Kohlen-
hydrat zu beurteilen ist.
Dies mag etwas naher im einzelnen ausgefuhrt werden. Wir sahen, dafi
V. zum ersten Male, unvermeidliche Versuchsfehler abgerechnet, die Stick-
stoffmenge der Einnahmen vollstandig in den Exkrementen wiedergefunden
6 Voit.
hatte; wenigstens in einigen Fallen; in anderen waren deutlich ausgesprochene
Differenzen zu beobachten, bald iiberwog der Stickstoff der Nahrung, bald
der Stickstoff in den Ausgaben. Die Erklarung konnte nicht zweifelhaft sein:
Es gibt keine anderen Ausfuhrbahnen im Organismus fur den Stickstoff der
Zersetzungsprodukte als Harn und Kot; aber selbstverstandlich kann nur dann
Stickstoffgleichgewicht bestehen, wenn das verfiitterte stickstoffuhrende
Nahrmaterial mit dem umgesetzten sich deckt; wird dagegen weniger ver-
braucht als dargereicht wurde, so ergibt sich eine positive Stickstoffbiianz,
wird mehr verbraucht, also von den Bestanden des Korpers zugeschossen,
eine negative.
Die wichtigste Ausbeute der sorgfaltigen Untersuchung ist also die Fest-
stellung, dafl sich der Umsatz von Eiweifl und stickstoffhaltigem Nahrmaterial
iiberhaupt allein aus dem Stickstoff von Harn und Kot berechnen laflt.
V. hatte einen langwierigen Kampf zu bestehen, um seine Zeitgenossen
von dieser Wahrheit zu uberzeugen. Nach kurzem Widerstand streckte als
erster Bischoff die Waffen, andere folgten spater; aber immer aufs neue wurden
Versuche erdacht, noch schlagender als die fruheren, um die Einwendungen
der Gegner zu entkraften, bis ihre Stimmen endlich verstummten.
Schon 1857 war V. als Privatdozent in den Lehrkorper der Miinchener
Universitat aufgenommen worden; 1859 erhielt er einen Ruf nach Tubingen,
doch liefl er sich bewegen in Miinchen zu bleiben, nachdem ihm auf Antrag
der Fakultat eine aufierordentliche Professur bewilligt worden war.
Mit den gewonnenen Ertragen der fruheren Arbeiten wuchernd, verfolgt
er jetzt, zunachst in Gemeinschaft mit Bischoff, dann als sein eigener Meister,
die Gesetze des Eiweiflstoffwechsels unter den verschiedensten aufleren und
inneren Bedingungen. Nun zeigt sich auch deutlich, was in der ersten Ver-
offentlichung noch nicht bestimmt ausgesprochen wurde, dafl der Organismus
bei jeder gleichmafiigen Nahrung sich allmahlich von selbst ins Stickstoff-
gleichgewicht setzt.
Seine Berufung als Ordinarius im Jahre 1863 gestattet ihm endlich ganz
seine eigenen Wege zu gehen und sich eine ansehnliche Schar von Hilfskraften
heranzubilden. Neben dem Eiweiflstoffwechsel beginnt er jetzt auch den
Umsatz von Fett- und Kohlenhydrat in den Kreis seiner Untersuchungen zu
ziehen. Und wiederum gilt es neue Methoden zu schaffen. Den Verbrauch
der stickstofffreien Nahrsubstanzen aus den Ausscheidungen zu berechnen,
hatten bereits Bidder und Schmidt versucht. Ihre Schlusse mufiten jetzt,
nachdem fur das zersetzte EiweiB ein untriiglicher Gradmesser gefunden war,
erheblich an bindender Kraft gewinnen, aber noch fehlte es an einem zweck-
mafligen Apparate, der es gestattete, sichtbare und gasformige Ausscheidungen
ohne Verlust zu gewinnen. Da der Verbrauch der stickstofffreien Nahrstoffe
nur aus ihrem abgefuhrten Kohlenstoff erschlossen werden kann, das Eiweifl
aber gleichfalls kohlenstoffhaltige Zersetzungsprodukte bildet, so ist die Kenntnis
des Eiweifiumsatzes eine unerlaflliche Vorbedingung.
Die gestellte Aufgabe zu losen, verband sich V. mit seinem ehemaligen
Lehrer und nunmehrigen Freunde Pettenkofer, dessen Erfindungsgabe es
gelang, eine den Anforderungen geniigende Vorrichtung zu konstruieren.
Nun begann eine Zeit eifriger erwartungsvoller Arbeit mit dem neuen
Apparate. Hatte an seiner Erfindung Pettenkofer den Hauptanteil, so war
Voit. 7
es dagegen V., der die Ausfuhrung der Experimente fast allein auf sich nahm,
auch in den Versuchen, die unter dem Namen beider Autoren veroffentlicht
sind. Die freudige Begeisterung liber die errungenen Erfolge schildert V. mit
folgenden Worten in seinem Nachruf auf Pettenkofer. »Man kann sich denken,
welche Empfindungen wir hatten, als sich nach und nach vor unserem Auge
ein Bild der merkwiirdigsten Stoffwechselvorgange im Korper enthiillte und
eine Fiille von neuen Tatsachen uns bekannt wurde: als wir fanden, dafi beim
Hunger nur Eiweifl und Fett zerstort wird, dafi bei der Arbeit im wesentlichen
mehr Fett zur Zersetzung gelangt und bei Ruhe, besonders auffallend im Schlafe
viel weniger Fett verbraucht wird usw.«
Die vielen neugewonnenen Tatsachen konnten nicht verfehlen die Liebigsche
Theorie, welche auch V. urspriinglich als Richtschnur gedient hatte, auf das
heftigste zu erschuttern. Ihre Leitgedanken mogen, um das Verstandnis des
folgenden zu erleichtern, in wenigen Worten zusammengefafit werden: Liebig
ging von der Grundansicht aus, dafi als Substrat der korperlichen Arbeit nur
der wesentlichste Bestandteil des Muskels dienen konne; danach mufite bei
der Arbeit mehr Eiweifi als in der Ruhe zersetzt werden. Dafi mit dem Stoff
aber auch die Form zugrunde gehe, schien Liebig selbstverstandlich, w T eil er
sich die Notwendigkeit des Wiederersatzes sonst nicht zu erklaren vermochte;
an die energetische Bedeutung des Eiweifi wurde damals noch nicht gedacht.
Schon in den friiher angefiihrten Untersuchungen iiber den Eiweifistoffwechsel
hatte indessen V. zu seiner # grofien Verwunderung die erwartete Erhohung
im Eiweifiumsatz nach korperlicher Arbeit entweder vollig vermifit, oder doch
gar keine gesetzmafiigen Beziehungen zwischen beiden Vorgangen feststellen
konnen; nun fand er mit dem Respirationsapparat eine Vermehrung des zer-
setzten Fettes. Die von V. festgestellte Tatsache, dafi bei der Muskelarbeit
vorwiegend stickstofflose Substanzen verbraucht werden, ist von alien spateren
Forschern bestatigt worden. Damit ist dem Eiweifi die ihm von Liebig zu-
gewiesene Rolle als alleinige Arbeitsquelle genommen, womit aber keineswegs
gesagt ist, dafi mechanische Leistungen niemals auf Kosten von Eiweifi ver-
richtet werden konnen. Gerade iiber diesen Punkt hat sich V. immer sehr vor-
sichtig ausgesprochen ; lange hat er gegen L. Traube, Fick und Wislicenus,
die ohne weiteres stickstofffreies Material als Quelle der Muskelkraft bezeich-
neten, die Liebigsche Auffassung zu verteidigen gesucht. Die Frage nach dem
materiellen Substrat der korperlichen Arbeit konnte — so fiihrte er aus —
durch Stoffbilanzen allein uberhaupt nicht entschieden werden, sondern nur
in Verbindung mit Warmemessungen. Um diese Liicke auszufullen, liefi er
ein Kalorimeter bauen, doch sind die damit ausgefiihrten Versuche niemals
veroffentlicht worden. Entgegen der vielfach gehorten Meinung, als habe V.
das Eiweifi als Arbeitsquelle ausgeschlossen, mag ein Bilanzversuch aus seinem
Laboratorium erwahnt werden, in dem die quantitative Elementaranalyse samt-
licher Einnahmen und Ausgaben zu dem Ergebnis fiihrte, dafi aufier Eiweifi
kein anderer Nahrstoff an der Zersetzung teilgenommen hatte. Hier konnte
also auch nur das Eiweifi die Energie fur die Arbeit geliefert haben.
War das Eiweifi nicht mehr das einzige materielle Substrat der mechanischen
Leistungen, so fiel der zweite Teil der. Liebigschen Lehre, der zufolge alles
Eiweifi vor der Zersetzung als lebendes Gewebe organisiert werden sollte, von
selbst zusammen. Gegen diese schon von R. Mayer und Moleschott bekampfte
g Voit.
Anschauung wandte sich V. vor allem auf Grund seiner Versuche iiber die
deutlich ausgepragte Abhangigkeit des Eiweiflumsatzes von der Zufuhr; schon
geringe EiweiBzulagen in der Nahrung haben alsbald eine Erhohung der Stick-
stoffausscheidung zur Folge. V. stellte eine der Liebigschen gerade entgegen-
gesetzte Ansicht auf: nicht das organisierte EiweiB unterliege dem Zerfall,
sondern das fliissige in den Zellen kreisende Material. Diese Theorie ist im-
stande manche Tatsachen dem Verstandnis naher zu bringen, so die eben
genannten Beziehungen zwischen Eiweifizufuhr und EiweiBumsatz, aber auch
die Stcigerung im Eiweiflverbrauch an den ersten Hungertagen. Als den eigent-
lichen Kern der Lehre vom zirkulierenden EiweiB diirfen wir eine noch nicht
bis zur scharfen Fassung gediehene Vorstellung vom Massenwirkungsgesetz
vermuten, das spater von Rubner und vor allem von E. Voit auch auf die
stickstofffreien Nahrstoffe mit BewuBtsein angewandt wurde.
Allein der neuen, den bisherigen Anschauungen stracks zuwiderlaufenden
Theorie gelang es nicht die Zustimmung der Physiologen zu erringen. AuBer
Liebig traten Hoppe-Seyler und Pfliiger dagegen auf, und selbst V.s Schiiler
Rubner zollt ihr nur bedingte Anerkennung. Offenbar ist der Widerstand
zum Teil nur begreiflichen MiBverstancinissen zuzuschreiben, da die Termi-
nologie im Laufe der Zeit vielfach geandert werden mufite. Angesichts der
erwiesenen Tatsache, dafl die Gesamtzersetzung sich nach energetischen Prin-
zipien regelt, dtirfte indessen eine konsequente Durchflihrung des Massen-
wirkungsgesetzes fur den Umsatz der einzelnerf Nahrstoffe kaum gelingen.
In einem anderen Punkte sollte Liebig trotz seiner als unrichtig erkannten
Voraussetzungen gegen V. Recht behalten, namlich in der Lehre von der Fett-
bildung im Tierkorper. Die Rechnung hatte in einer Reihe der oben erwahnten
Respirationsversuche nach EiweiBaufnahme eine erhebliche Aufspeicherung
von Kohlenstoff ergeben, die sich bei Kohlenhydratkost niemals nachweisen
liefi. Wie sich aber spater herausstellte und vor allem von Pfliiger betont worden
ist, war man bei der Auslegung der Resultate von einer unrichtigen Annahme
iiber die Zusammensetzung des Fleisches ausgegangen. Die Theorie der Fett^
bildung geriet dadurch auf eine falsche Bahn; doch mag ausdriicklich an dieser
Stelle bemerkt werden, dafi V. die Entstehung des Fettes aus Kohlenhydrat
lange vor Pfliigers Erorterungen als bewiesen ansah. Heutzutage spricht man
bekanntlich den Kohlenhydraten eine viel grofiere Bedeutung bei der Fett-
bildung zu als dem EiweiB.
Die an Tier und Menschen angestellten Versuche trugen auch wesentlich
dazu bei, "die von Lavoisier zuerst aufgestellte, von Liebig mit einigen An-
derungen iibernommene Ansicht iiber die Oxydationsvorgange im Organismus
zu stiirzen. Noch Liebig liefi Fett und Kohlenhydrate unmittelbar, das EiweiB
erst nach Abspaltung der stickstoffhaltigen Gruppe durch den mit der Atmung
zugefiihrten Sauerstoff verbrannt werden. Das verschiedene Verhalten der
einzelnen Nahrstoffe in ihrer Zersetzlichkeit innerhalb und auBerhalb des Orga-
nismus wie es V. gefunden hatte, war mit jener Vorstellung nicht mehr in
Einklang zu bringen; die den Stoffverbrauch bestimmenden Umstande konnten
nach diesen Resultaten nur in inneren Bedingungen des Tierkorpers gesucht
werden. Zu der gleichen Folgerung fiihrte auch die von Regnault und Reiset
innerhalb weiter Grenzen gefundene Unabhangigkeit der Kohlensaurebildung
vom Sauerstoffgehalt der Luft, die spater Pfliiger noch viel schlagender bewies.
Voit. 9
Entgegen der modernen Auffassung, welchc in den Energieentwicklungen
die urspriinglichen und fur das Leben wesentlicheren Prozesse erblickt, ist V.
bei seinen Untersuchungen stets von der stofflichen Bedeutung der Nahrsub-
stanzen ausgegangen, so dafi man vielleicht auf den Gedanken kommen konnte,
er hatte den Wert energetischer Betrachtungen fiir die Ernahrungslehre ver-
kannt. Damit wiirde man ihm jedoch durchaus unrecht tun; schon einer seiner
friihesten, im Jahre i860 erschienenen Abhandlung iiber den Einflufi des Koch-
salzes, des Kaffees und der Muskelbewegungen auf den Stoffwechsel, gibt er
den Titel »Beitrag zur Feststellung des Prinzips der Erhaltung der Kraft«.
Und in seiner spater mit Liebig iiber die Quelle der Muskelkraft gefiihrten
Polemik zeigt er sich in der Anwendung des Energiegesetzes auf biologische
Vorgange seinem Gegner entschieden uberlegen, der damals 1870 noch meinte,
die zu gewinnende Energie ware nicht allein vom Anfangs- und Endzustand,
sondern auch von den Zwischenstufen eines Prozesses abhangig. V. war auch
der erste von den Physiologen, der den zweiten Hauptsatz der mechanischen
Warmetheorie fiir die Muskeln nutzbar zu machen suchte, wenn er auch die
daraus gezogenen Folgerungen nicht so scharf wie spater Fick zu formulieren
wufite.
Aber allerdings, der Vernachlassigung der stofflichen Prozesse auf Kosten
rein energetischer Oberlegungen glaubte er entgegentreten zu mussen, keines-
wegs blofi aus Vorliebe fur die bisherige Meinung, sondern durch gewichtige
Griinde bewogen; einmal lassfen sich namlich auch heute noch gewisse Stoff-
wechselvorgange wie der Kreislauf der Mineralbestandteile und jene geringe,
durch keine anderen Nahrstoffe aufzuhebende Eiweifizersetzung nur aus einem
rein stofflichen Bedurfnis des Organismus begreifen; sodann wollte er der
Gefahr vorbeugen durch allzu summarische Energiemessungen die einzelnen
Ziige des Gesamtbildes zu verwischen. So sehr man daher auch in jungster
Zeit das energetische Prinzip in den Vordergrund schieben mag, auf alle Falle
war die Warnung nicht uberfliissig, denn auch die Energieprozesse werden in
Verbindung mit den daran gekniipften Stoffwechselvorgangen viel gnindlichere
Aufschlusse iiber das Geschehen im lebenden Korper liefern, als rein kalori-
metrische Untersuchungen.
Wenn sich auch V. vorzugsweise der von ihm selbst geschaffenen Methode
der Bilanzrechnung bediente, um in das Getriebe der im Organismus ver-
laufenden Prozesse einzudringen, so verhehlte er sich doch keincswegs, dafi
viele Stoffwechselfragen von verschiedenen Seiten aufzufassen waren und dafi
namentlich die intermediaren Vorgange aus dem Anfangs- uqd Endzustand
des Gesamtverlaufs nur ganz unvollkommen ermittelt werden konnten. Von
solchen Erwagungen geleitet untersuchte er mit seinen Schulern die Bedingungen
der Glykogenbildung nach Verfutterung verschiedener Zuckerarten. Die in
dieser Richtung angestellten Experimente halten auch heute ungeachtet der
grofien Verfeinerung aller hier in Frage kommenden analytischen Methoden
die strengste Kritik aus.
Ebenso wie die Bilanzrechnung versagt, wenn es sich darum handelt die
einzelnen Zwischenglieder in der Kette der Umsetzungen zu erforschen, ist
sie naturlich auch aufierstande iiber den Ort der chemischen Prozesse Auf-
schlufi zu geben. Diese Liicke konnte nur durch Untersuchung der einzelnen
Organe vollig ausgefiillt werden. Wichtige Anhaltspunkte lassen sich aber
IO
Voit.
doch gewinnen aus der Abnahme der Organe im Hungerzustande, uber die V.
mehrfach Versuche anstellen liefi.
Neben seinen Forschungen iiber den organischen Stoffwechsel lieferte er
auch wertvolle Beitrage zur Kenntnis des Kreislaufs der Salze. So wurden
auf seine Veranlassung die Erscheinungen bei vollstandigem Salzhunger sowie
bei Entziehung der Kalziumverbindungen verfolgt.
Andere aus V.s Laboratorium hervorgegangene Arbeiten hangen mehr
oder weniger eng mit den Stoffwechselvorgangen im eigentlichen Sinne, den in
den Geweben sich vollziehenden Prozessen zusammen, wie die Beziehungen
der Galle zum Gesamtstoffwechsel, die Untersuchungen uber Resorption und
Ausnutzung; ist doch die Kenntnis der Ausnutzung nicht allein fiir die Hygiene
von groflter Bedeutung, sondern auch eine unerlaflliche Vorbedingung aller
Futterungsversuche. Hierher gehoren auch seine den Genuflmitteln gewidmeten
Darlegungen, deren Bedeutung durch Pawlows Untersuchungen in neuer Be-
leuchtung erscheint.
Das Gebiet der animalen Physiologie hat V. als Forscher nur einige Male
betreten; zuerst mit Messungen der Ohrtemperatur nach Sympathikusdurch-
schneidung, sodann mit seinen Beobachtungen nach Abtragung der Grofi-
hirnhemispharen bei Tauben.
V, war aber nicht nur Theoretiker; vielmehr war es ihm darum zu tun,
die in der Ernahrungslehre gewonnenen Kenntnisse im weitesten Umfange der
Gesellschaft dienstbar zu machen. So sind ihm hauptsachlich die Grundsatze
zu verdanken, nach denen die Ernahrung der Soldaten in Frieden und Krieg,
die Kost in Gefangnissen und offentlichen Anstalten geregelt wurde.
Nicht minder ist der Fdrderung zu gedenken, die die Landwirtschaft von
den aus dem *Munchener Laboratorium hervorgegangenen Arbeiten erfuhr,
indem sie die hier geschaffenen Methoden mit Erfolg auf die landwirtschaftlichen
Nutztiere anwandte.
Ziehen wir die Summe aus V.s wissenschaftlichen Leistungen, so diirfen
wir mit den Worten schlieflen, die W. v. Humboldt einst Kant widmete: »Einiges,
was er zertrtimmert hat, wird sich nie wieder erheben, einiges, was er begrtindet
hat, wird nie wieder untergehen*.
Es versteht sich eigentlich von selbst, ist aber gerade seit der Neubelebung
des geschichtlichen Sinnes in den Naturwissenschaften in jungster Zeit wieder
besonders betont worden, dafi auch abstrakte Forschertatigkeit erst im Zu-
sammenhang mit der ganzen Personlichkeit recht verstanden und gewiirdigt
werden kann. So wollen wir denn versuchen, ein Bild unseres Forschers als
Mensch zu zeichnen.
Das wertvollste Mittel, um Blicke in das Innere eines vorragenden Geistes
zu tun, liefern uns unstreitig Selbstzeugnisse iiber Weltanschauung und Lebens-
auffassung. Und es ware zu verwundern, wenn ein Mann von der tiefernsten
Denkungsart V.s nicht nach einem einheitlichen System seines Wissens ge-
strebt hatte; aber vielleicht hatte er doch Bedenken getragen, seine geheimsten
Gedanken preiszugeben, wenn nicht die mit Heftigkeit um die Grundlagen
der Erkenntnis gefiihrten Kampfe auch ihn aufgefordert hatten, Offentlich
Stellung zu nehmen.
Den aufleren Anlafl hierzu bot seine Wahl zum Rektor im Jahre 1878.
In sein Ehrenamt fuhrte er sich ein mit einer an die studierende Jugend ge-
Voit.
II
richteten Rede uber die Entwicklung der Erkenntnis. Um die darin nieder-
gelegten Gedanken in ihrem Verhaltnis zum Zeitgeist zu erkennen, miissen wir
einige Jahre zuruckgreifen. 1872 hatte Du Bois-Reymond auf der Naturforscher-
versammlung zu Leipzig seinen denkwiirdigen Vortrag uber die Grenzen der
Naturerkenntnis gehalten, darin den auf den Trummern der Naturphilosophie
uppig emporwuchernden Materialismus ernstlich mahnend, sich einmal wieder
auf die Grundlagen der Erkenntnis zu besinnen. Im besonderen hatte er das
Verhaltnis zwischen Materie und Empfindung als kausal unbegreiflich hin-
gestellt. Naegeli hatte dann, freilich ohne besonderes Gliick, bei der Tagung
der deutschen Naturforscher und Arzte zu Miinchen im Jahre 1877 sich be-
muht, den von Du Bois gezogenen Schlufi »ignorabimus« abzuweisen und ihm
den Ausspruch entgegengesetzt »wir wissen und wir werden wissen«. V. sucht
nun die AuBerungen der beiden Vorganger nach seiner Weise zu verarbeiten.
Im ganzen vertritt er den von Du Bois eingenommenen Standpunkt eines
transzendentalen Realismus. Der begriffliche Unterschied zwischen den Dingen
an sich und ihrer Erscheinungsform ist ihm vollig gelaufig; den naiven Realismus
hat er also ganzlich uberwunden, doch neigt er im Sinne seiner Zeit dazu in
Molekiilen und Atomen, den Resultaten theoretischer Spekulationen, die Dinge
an sich zu erblicken, ohne sich andererseits uber das Liickenhafte unserer Er-
kenntnis zu tauschen; auf die Entdeckung ganzlich neuer von den Sinnen
bisher nicht wahrgenommener Erscheinungen ist er gefafit; die Auffindung der
Rontgenstrahlen dlirfte also keine Erschiitterung seiner Weltanschauung herbei-
gefiihrt haben. Was nun im besonderen das Verhaltnis von Leib und Seele
angeht, so driickt sich V. allerdings nicht so entschieden aus wie Du Bois, aber
ganz unumwunden erklart er das einzige vom Materialismus dargebotene Heil-
mittel, den Hylozoismus fur keine Losung des Problems, sondern nur fur eine
Durchhauung des Knotens.
Hervorzuheben ware noch in erkenntnistheoretischer Hinsicht, dafl er mit
Kant im teilweisen Gegensatz zu Helmholtz Raum und Zeit als a priori
gegebene Anschauungsformen betrachtet. Mit Kant ist er auch in der Uber-
zeugung einig, dafi unser auf die reine Vernunft gegrundetes Wissen einer
metaphysischen Erganzung bedarf; ein unbesiegbares Gefiihl im innersten
Menschenherzen scheint ihm auf eine hohere Welt, als die materielle ist, hinzu-
weisen. In diesem Sinne konnte man ihn wohl religios nennen, doch war
ihm, was gewohnlich unter Religion verstanden wird, ganzlich fremd.
Ubrigens nahm er auch an der Philosophic nur insofern Anteil, als sie
erkenntniskritische Fragen behandelt; zur systematischen in seiner Lehr- und
Wanderzeit noch vorwiegend von Hegel beherrschten Schulphilosophie verhielt
er sich geradezu ablehnend. Der Quell, aus dem er Erfrischung nach der All-
tagsarbeit schopfte, war vielmehr die Kunst, im besonderen die bildende Kunst,
fur die schon das Vaterhaus Geschmack und Verstandnis entwickelt hatte. Gern
horte er Musik, ohne imstande zu sein, selbst ein Instrument zu spielen. Unter
den Dichtern bevorzugte er Shakespeare.
Sehen wir nun zu, wie er sich gab im Umgang mit andern. Auf alle, die
mit ihm in Beriihrung kamen, machte er den Eindruck einer von hohem sitt-
lichem Ernst erfiillten Personlichkeit; doch druckten seine Ztige zumeist heitere
Ruhe aus; es sei denn, dafi tieferer Kummer ihn druckte, der ihm auf seinem
Lebenswege in reichem Mafie beschieden war.
12
Voit.
Zu seinen hervorragendsten Charaktefeigenschaften gehorte unstreitig eine
unerschutterliche Wahrheitsliebe, die als oberstes Gesetz alle seine Handlungen
beherrschte. Aus ihr entsprang peinliche Gewissenhaftigkeit und unerbittlicher
Gerechtigkeitssinn.
Als Lehrer zeichnete er sich durch anschaulichen klaren Vortrag aus; auf
kunstvolle Durchbildung legte er keinen Wert; seine rein sachliche Darstellung
entbehrte und sollte entbehren jedes rhetorischen Aufputzes.
Nach des Verfassers Ansicht gingen seine Ausfuhrungen mitunter zu welt
ins einzelne, so dafi der Student sich getrieben fiihlte, unverhaltnismafiig viel
Zeit und Miihe auf rein mechanische Aneignung des Lehrstoffes zu verwenden
und eben dadurch der hoheren geistigen Tatigkeit, des Ordnens und Durch-
denkens, zu entziehen.
V. gait als strenger, wenn auch gerechter Examinator. Aber sein Urteil
bildete er sich nicht allein nach den auf bestimmte Schulfragen gegebenen
Antworten; er suchte tiefer in den Geist des Examinanden einzudringen; nach
Sokratischer Methode bemiihte er sich durch Zuriickgehen auf die Grundlagen
schlummernde Kenntnisse herauszuholen, ein Verfahren, durch welches hohles
Phrasentum sofort entlarvt, gediegene Bescheidenheit dagegen in ihrem wahren
Wert erkannt ward.
Als Kollege war V. allgemein geachtet; wegen seiner sprichwortlich ge-
wordenen Unparteilichkeit wurde ihm mit Vorliebe in heiklen Fakultatsan-
gelegenheiten die wenig beneidenswerte Aufgabe eines Mittlers und Schieds-
richters ubertragen.
Schon friih offnete sich ihm die Akademie der Wissenschaften, als Beweis,
dafi seine Leistungen auch aufierhalb der Fachkreise Anerkennung gefunden
hatten. Nach v. Kobells Tod 1882 wahlte ihn die mathematisch-physikalische
Klasse zu ihrem Sekretar. Das ihm dadurch zugefallene Amt hat er ungeachtet
der vielen Berufsgeschafte mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit bis zu seinem
Tode verwaltet. Aus der langen Zeit seiner Tatigkeit als Klassensekretar sind
uns eine Reihe gehaltreicher Reden in den Annalen der Akademie aufbewahrt,
die er im Auftrage seiner Sektion zum Gedachtnis der hingeschiedenen Mitglieder
gehalten hat.
Bis in die letzten Lebensjahre konnte er seinem Beruf mit fast un-
geschwachter Kraft nachgehen. Dann wurde seine Tatigkeit hin und wieder
durch Krankheiten unterbrochen, ohne dafi er besonders schw T er darunter ge-
litten hatte.
Im Jahre 1907 fafite er bei aller Riistigkeit doch den EntschluB, seinen
Platz einem jungeren Nachfolger zu raumen. Die einleitenden Schritte wurden
getan. Allein er sollte sich der wohlverdienten Ruhe nicht mehr erfreuen. Noch
mitten in voller Tatigkeit wurde er im Winter- Semester 1907/08 von einem
Leiden befallen, dessen Ernst trotz voriibergehender Besserung immer mehr
zutage trat. Am 31. Januar 1908 erlag er der tuckischen Krankheit; eine latent
abgelaufene, langst geheilte Tuberkulose war in die akute Form der Miliar-
tuberkulose iibergegangen.
Moge der Dank, den ihm die Nachwelt schuldet, vor allem darin bestehen,
das Gebaude, zu dem er den Grund gelegt, mit demselben Eifer und derselben
Gewissenhaftigkeit, wie er sie geubt, weiter auszubauen.
Voti.
13
Literatur: M. Cremer, Zum siebzigsten Geburtstage C. v.Voits, Munchener Med.Wschr.
1901, S. 1751. — O. Frank, Nachruf, Carl Voit gewidmet, Ztschr. f. Biologie Bd. 51, S. 1,
1909. — Verzeichnis der im Druck erschienenen Schriften mit Ausnahme
der in der Akademie gehaltenen Gedachtnisreden. I. Gesondert
erschienene Abhandlungen: Physiologisch-chemische Untersuchungen, H. 1.
Augsburg, J. P. Himmer, 1857. Inhalt: Beitrage zum Kreislauf des Stickstoffs im tierischen
Organismus. — Uber die Aufnahme des Quecksilbers und seiner Verbindungen in den
Korper. — Die Gesetze der Ernahrung. des Fleischfressers. (Bischof! und Voit.) Leipzig,
Winter, i860. — Ober die Wirkung des Kochsalzes, des Kaffees und der Bewegung auf den
Stoffwechsel. Munchen, Cotta, i860. — Anhaltspunkte zur Beurteilung des sogenannten
eisernen Bestands fur Soldaten. Munchen, Oldenbourg, 1876. — Untersuchung der Kost
in einigen offentlichen Anstalten. Munchen, Oldenbourg, 1877. — Physiologie des allgemeinen
Stoffwechsels und der Ernahrung, Bd. 6 im Handbuch der Physiologie v. Hermann. Leipzig,
Vogel, 1881. — II. In Zeitschriften zerstreut: Untersuchungen uber epidemische
Cholera (gesamter chemischer Teil). Ztschr. f. ration. Medizin N. F. Bd. 6, 1855. — Zur Boden-
frage der Pflanzen dienende chemische Analysen. Regensburg, Flora, 1855, Nr. 32. — Ober
einige Benzoylverbindungen. Ann. d. Chemie u. Pharm. 1856. — Uber Temperaturverhalt-
nisse am Ohr nach der Sympathikusdurchschneidung und uber die Messung derselben. Ber.
d. Naturforschervers. zu Karlsruhe 1859, S. 221. — Anhaltspunkte fur die Physiologie der
Perlmuschel. Ztschr. f. wiss. Zool. Bd. 10, i860. — Untersuchungen uber die Respiration.
(Pettenkofer und Voit.) Ann. d. Chemie u. Pharm. 1862, Suppl.-Bd. 2. — Uber den Kreislauf
des Stickstoffs im tierischen Organismus (Versuch an einer Taube). Ebendai863, und Sitzgb.*)
1863, Bd. 1, S. 69. — Beobachtungen an einer Taube, welcher die Hemispharen des GroB-
hirns abgetragen worden waren. Sitzgb. 1863, Bd. 1, S. 479. — Uber die Produkte der Respi-
ration des Hundes bei Fleischnahrung und uber die Gleichung der Einnahmen und Ausgaben
des Korpers dabei. (Pettenkofer und Voit.) Ann. d. Chemie u. Pharm. 1864, Suppl.-Bd. 2,
S. 361. — Uber die in den Schuppen und der Schwimmblase von Fischen vorkommenden
irisierenden Krystalle. Ztschr. f. wiss. Zool. Bd. 15, 1865, S. 515. — Die Gesetze der Zer-
setzungen der s ticks toffhaltigen Stoffe im Tierkorper (Methode der Untersuchung). Ztschr.
f. Biol. 1865. — Uber den Einflufi des Glaubersalzes auf den EiweiBumsatz im Tierkorper.
Ebenda S. 195. — Uber die Ausscheidungsverhaltnisse der Kynurensaure im Hundeharn.
(Voit und Riederer.) Ebenda S. 315. — Uber Druckschwankungen im Lungenraum infolge
der Herzbewegungen. Ebenda S. 390. — Untersuchungen uber die Ausscheidungswege der
stickstoffhaltigen Zersetzungsprodukte aus dem tierischen Organismus. Ebenda 1866, S. 6
u. 189. — Uber die Verschiedenheit der Eiweiflzersetzung beim Hungern. Ebenda S. 1. —
Untersuchungen iiber den Stoffverbrauch des normalen Menschen. (Pettenkofer und Voit.)
S. 459. — Der Eiweiflumsatz bei Ernahrung mit reinem Fleisch. Ebenda 1867, S. 1. — Notiz
iiber Ablagerungen von Tyrosin auf tierischen Organen. Ztschr. f. wiss. Zool. Bd. 18, S. 301. —
Cber das Wesen der Zuckerharnruhr. (Pettenkofer und Voit.) Sitzungsber. 1865 Bd. 2,
S. 224. — Ober Kohlensaureausscheidung und Sauerstoffaufnahme wahrend des Wachens
und Schlafens beim gesunden und kranken Menschen. (Pettenkofer und Voit.) Sitzungsber.
1866 Bd. 2, S. 236. — Uber Kohlensaureausscheidung und Sauerstoffaufnahme beim Menschen.
(Pettenkofer und Voit.) Sitzungsber. 1867 Bd. 1, S. 255. — Uber die Beziehungen des Kreatins
und Kreatinins zum Harnstoff im Tierkorper und das Wesen der Uramie. Ebenda S. 364. —
Cber die Fettbildung im Tierkorper. Sitzungsber. 1867 Bd. II, S. 402. — Uber den Stoff-
verbrauch eines Zuckerharnruhrkranken. (Pettenkofer und Voit.) Ebenda S. 572. — uber
den Stoffverbrauch bei der Zuckerharnruhr. (Pettenkofer und Voit.) Ztschr. f. Biol. 1867,
Bd. 3. — Uber die Theorien der Ernahrung der tierischen Organismen. Festrede in der Aka-
demie 1868. — Beobachtungen nach Abtragung der Hemispharen des GroOhirns bei Tauben.
Sitzungsber. 1868 Bd. 2, S. 105. — Uber die Ausscheidungswege der stickstoffhaltigen Zer-
setzungsprodukte aus dem Tierkorper. — Notiz uber den Nachweis von Blausiiure im Blute. —
*) Abgekiirzt fur Sitzungsberichte der K. Bayer. Akademie der Wisscnschaften.
*4
Voit.
Bemerkung uber die sogenannte Luxuskonsumption. — Ober das Verhalten des Kreatins,
Kreatinins und Harnstoffe im Tierkorper. Ztschr. f. Biologie 1868, Bd. 4. — Ober die Fett-
bildung im Tierkorper. — Ober den Stoffverbrauch bei einem leukamischen Manne. (Petten-
kofer und Voit.) — t)ber den Eiweifiumsatz bei Zufuhr von Eiweifl und Fett und iiber die
Bedeutung des Fettes fur die Ernahrung. — Respirationsversuche am Hunde bei Hunger
und ausschliefllicher Fettzufuhr. (Pettenkofer und Voit.) — Ober den Einflufl der Kohlehydrate
auf den Eiweiflverbrauch im Tierkorper. — Ober die Aufsaugung im Dick- und Dunndarme.
Ztschr. f. Biol. 1869, Bd. 5. — Ober die Unterschiede der animalischen und vegetabilischen
Nahrung, die Bedeutung der Nahrsalze und der Genuflmittel. Sitzungsber. 1869 Bd. 2, S. 483. —
Ober die Entwicklung der Lehre von der Quelle der Muskelkraft und einiger Teile der Er-
nahrung seit 25 Jahren. Ztschr. f. Biol. 1870, Bd. 6. — Ober den Stoffverbrauch bei der
Phosphorvergiftung. Sitzungsber. 1871, S. 29. — Ober die Verwertung gewisser Asche-
bestandteile im Tierkorper. Ebenda S. 78. — Ober die Zersetzungsvorgange im Tierkorper bei
Fattening mit Fleisch. (Mit Pettenkofer.) Ztschr. f. Biol. 1871, Bd. 7, S. 433. — Ober das
Volumen der unter verschiedenen Umstanden ausgeatmeten Luft. Sitzungsber. 187 1, S. 195. —
Ober die Grofle der Eiweiflzersetzung nach Blutentziehungen. Ebenda S. 254. — Ober die
Bedeutung des Lcimes bei der Ernahrung. Ztschr. f. Biol. 1872, Bd. 8, S. 297. — Ober die
Zersetzungsvorgange im Tierkorper bei Fiitterung mit Fleisch und Fett. (Mit Pettenkofer.)
Ebenda 1873, Bd. 9, S. 1. — Gutachten uber die Errichtung von Volkskuchen in Munchen,
fur den Magistrat. — Ober die Bedeutung der Kohlehydrate in der Nahrung. (Mit Petten-
kofer.) Sitzungsber. 1873, S. 273. — Ober die Zersetzungsvorgange im Tierkorper bei Futte-
rung mit Fleisch und Kohlehydraten allein. (Mit Pettenkofer.) Ztschr. f. Biol. 1873, Bd. 9,
S. 435. — Ober die Aufnahme des Pflanzenschleims und des Gummis aus dem Darm in die
Safte. Ebenda 1874, Bd. 10, S. 59. — Ober die Verdaulichkeit der leimgebenden Gewebe.
Ebenda S. 84. — Bemerkungen iiber die Bedeutung des leimgebenden Gewebes fur die Er-
nahrung. Ebenda S. 202. — Ober die Bestimmung des Wassers mittels des Pettenkoferschen
Respirationsapparates. (Mit E. Voit und J. Forster.) Ebenda 1875, Bd. 11, S. 126. — Be-
schreibung cines Apparates zur Untersuchung der gasformigen Ausscheidungen des Tier-
korpers. Abh. XII, Bd. i, 1875, u - Zschr. f- Biol. 1875, Bd. II, S. 532 — 586. — Ober die Kost
in offentiichen Anstalten. Zschr. f. Biol. 1876, Bd. 12, S. 1 — 59. — Ober die Ausscheidung
des Salmiaks im Harn. Sitzungsber. 1876, S. 149. — Ober den Einflufl kalkarmen Putters
auf die Knochen. Amtlicher Bericht der 50. Versammlung deutscher Naturforscher, 1877,
S. 242. — Ober die Ausniitzung einiger Nahrungsmittel im Darmkanal des Menschen. Ebenda
S. 351. — Ober das Verhalten der Kalkschalen der Hiihnereier bei der Bebrutung. Ztschr.
f. Biol. 1877, Bd. 13, S. 318. — Bemerkung uber die Umwandlung der Harnsaure in Harn-
stoff im Korper des Hundes. Ebenda S. $30. — Ober die Wirkung der Temperatur der urn-
gebenden Luft auf die Zersetzungen im Organismus der Warmbluter. Ebenda 1878, Bd. 14,
S. 57. — Ober die Entwicklung der Erkenntnis. Rektoratsrede 1879. — Ober die Bedeutung
des Wechsels von Tatigkeit und Ruhe im Leben des Menschen. Rektoratsrede 1880. — Er-
nahrung des Soldaten im Frieden und Kriege. Bericht der uber die Ernahrungsfrage des
Soldaten niedergesetzten Spezialkommission, 1880. — Zur Frage der Ausscheidung gas-
formigen Stickstoffs aus dem Tierkorper. (Mit Pettenkofer.) Ztschr. f. Biol. 1880, Bd. 16,
S. 508. — Ober den zeitlichen Verlauf der Zersetzungen im Tierkorper. Sitzungsber. 1882,
S. 130. — Ober die Bedeutung der Galle fiir die Aufnahme der Nahrungsstoffe im Darmkanal.
Beitrage zur Biol. Festgabe fur Bischoff, 1882, S. 104. — Ober die Beziehungen der Gallen-
absonderung zum GesamtstorTwechsel im tierischen Organismus. Aus der Festschrift fur das
Wurzburger Jubilaum, 1882. — Ober den Wert der Weizenkleie fiir die Ernahrung des Men-
schen. Sitzuifgsber. 1883, S. 76. — Ober den Nahrwert des Glyzerins. Arztliches Intelligenz-
blatt 1883. — Abwehr gegen die Angriffe von Prof. Eduard Pfliiger in Bonn. Ztschr. f. Biol.
1882, S. 406. — Ober die Vertretungswerte von Eiweifl, Fett und Kohlehydraten im Tier-
korper. Sitzungsber. 1883, S. 401. — Ober die Ursachen der Fettablagerung im Tierkorper.
Festschrift fiir den arztlichen Verein, 1883, S. 310. — Ober die Bedeutung des Asparagins
als Nahrungsstoff. Sitzungsber. 1883, S. 401. — Ober den Nahrungsbcdarf des Generals Mite.
Voit. Nicolai.
15
Beitrige zur Anthropologic und Urgeschichte Bayerns, 1883. — Uber den Einflufi kQnstlich
erhohter Korpertemperatur auf die Eiweifizersetzung. Sitzungsber. d. Akad. 1884, S. 226. —
Sur quels principes devrait itre basie V alimentation des ddtenus, au point de vue hygiinique et
pinitentiaire? Bulletin de la Commission Pinitentiaire Internationale No. 14. April 1884. —
Uber die Fettbildung im Tierkfcrper. Sitzungsber. 1885, S. 288. — Die Verkostigung der Ge-
fangenen in dem Arbeitshause Rebdorf; drei Gutachten. Munchener med. Wschr. 1886, Nr. 4.
— Ober die Periodizitat im Gewichte der Kinder; Gutachten. Munchener med. Wschr. 1886,
Nr. 8. — Ober den Nahrwert des Glyzerins. Sitzungsber. d. Ges. f. Morph. u. Physiol. 1886,
S. 39. — Die Verwendung der Sauermilch in den Gefangenenanstalten; Gutachten. Munchener
med. Wschr. 1887, Nr. 12. — Untersuchungen der Kost eines Vegetarianers. Sitzungsber.
d. Ges. f. Morph. u. Physiol. 1887, S. 11 u. Sitzungsber. d. Akad. 1887, S. 63. — Ernahrung
der Gefangenen, in dem Handbuch des Gefangniswesens von Holtzendorff und Jagemann
1887. — Kostversuche mit dem C. Beckerschen Ofen. Munchener med. Wschr. 1888, Nr. 9
u. 10. — Beitrag zur Erweiterung des Gebrauchs der Milch als Volksnahrungsmittel; Gutachten
herausgegeben von dem Landeskulturrat f. d. Konigreich Sachsen 1888, S. 21. — Ober die
Kost eines Vegetarianers. Ztschr. f. Biol. 1888, Bd. 25, S. 232. — Bemerkungen iiber das
Vorkommen von Guanin. Sitzungsber. d. Ges. f. Morph. u. Physiol. 1888, S. 79. — Ober den
Kalkgehalt der Knochen und Organe rhachitischer Kinder. Sitzungsber. 1889, S. 437. —
Uber die Resorption verschiedener Fette aus dem Darmkanale. Sitzungsber. d. Ges. f. Morph.
u. Physiol. 1889, H. 3, S. 99. — Ober den Einflufi der Kohlehydrate auf den EiweiBzerfall.
Ebenda 1891. — Ober schiefe und gerade Heftlage. — Schiefschrift und Steilschrift (Gutachten
des K. b. Obermedizinal-Aussch.). Munchener med. Wschr. 1891, Nr. 13. — Ober die Gly-
kogenbildung nach Aufnahme verschiedener Zuckerarten. Ztschr. f. Biol. 1 891, Bd. 28, S. 245.
Sitzungsber. 1891, S. 189. — Uber den Einflufi verschiedener Nahrungsmittel auf den Wasser-
gehalt der Organe und den Hamaglobingehalt des Blutes. Sitzungsber. 1892, H. 1, S. 21. —
Bemerkung zu der Mitteilung von Dr. S. Gabriel. Ztschr. f. Biol. 1892, Bd. 29, S. 125. —
Ober die Anwendung der Eiweifitrager, insbesondere des Weizenklebers in der Nahrung des
Menschen. Arch. f. Hygiene 1893, Bd. 17, S. 408. — Gewichte der Organe eines wohlgenahrten
und eines hungernden Hundes. Ztschr. f. Biol. 1894, Bd. 30, S. 510. — Ober die Bezichungen
der Gallenabsonderung zum GesamtstofTwechsel im tierischen Organismus. Ztschr. f. Biol.
1894, Bd. 30, S. 523. — Ober die Nahrung in verschiedenen Klimaten. Arch. f. Anthropol.
1895, Bd. 23, S. 967. — Ober den Eiweifiumsatz bei Zufuhr von Antipepton. Sitzungsber.
1895, H. 3, S. 443. — Ober die Bedeutung des Fleischextraktes als Nahrungsmittel und als
Genufimittel. Munchener med. Wschr. 1897, Nr. 9. — 1st das Eiweifi ausschliefllich die Quelle
der Muskelkraft? Ber. lib. d. Centenarfeier des Todestages von Spallanzani, S. 89. — 1903.
Das Isodynamiegesetz, Munchener med. Wochenschr. 49, S. 232. — 1905. Max von Petten-
kofer zum Gedachtnis. Rede in der offcntl. Sitzung d. K. Bayer. Akademie'd. Wissensch. v
16. November 1901. — Ober die Bedeutung der Genufimittel in der Nahrung. Vortrag z
Best, eines Pettenkoferhauses in Mtinchen, geh. am 10. Dezember 1903; in der Dtsch. Revue,
Oktober u. November 1904. — 1907. Ober die Eiweifizersetzung bei Atemnot, Ztschr. f. Biol.
49» S. I. ~ T . ,
0. Krummacher.
Nicolai, Friedrich, GroBh.-Badisch. Geheimer Oberfinanzrat, Dr. phil.,
* 3. April 1 861 in Karlsruhe (Baden), f 21. Oktober 1908 ebendaselbst. — N.
war der Sohn des spateren Grofih. Badischen Geheimrats und Vorsitzenden
Rates im Finanzministerium August Nicolai und seiner Ehefrau Julie geb.
Kolle. Der Vater war ein hervorragend tuchtiger, aufierst pflichttreuer Be-
amter, die Mutter eine hochgesinnte, kluge Frau. Die (jberzeugung der Eltern,
daB der Stand des Vaters und das Ansehen, welches die Familie in der Stadt
genofi, gewichtige Pflichten gegeniiber der Allgemeinheit auferlegten, ging auf
die Kinder einfach uber. Schon von schwerer Krankheit befallen besorgte noch
1 6 Nicolai.
bis zu seinem im Jahre 1883 erfolgten Tode Geheimrat Nicolai mit grofiter
Gewissenhaftigkeit seine Dienstgeschafte. Seine Gattin aber widmete sich,
nachdem die Erziehung der Kinder vollendet war, bis in ihr hohes Alter hin-
gebend und tatkraftig selbstgewahlten Pflichten im Dienste der sozialen Fur-
sorge und der Nachstenliebe. Dabei wurde aber immer gerne genossen, was
sich Schones und Angenehmes im Karlsruher gesellschaftlichen, Theater-
und Kunstleben bot, Der heitere, gesellige Sinn, der namentlich der Mutter
eigen war, lieB das kleine Haus in der Hirschstrafle in Karlsruhe, welches die
Familie Nicolai allein bewohnte, zum Mittelpunkt einer frohen Geselligkeit
werden, die auf Gewandtheit in Rede und Verkehr der jungen Generation
gunstig wirkte. Dazu kamen erfrischende Ausfluge in den Schwarzwald, Reisen
in die nahe Schweiz.
Friedrich N. besuchte das von dem hervorragenden Schulmann Gustav
Wendt geleitete Gymnasium seiner Vaterstadt. Von diesem Fiihrer empfing
N. zeitlebens nachwirkende Anregungen: als vielbeschaftigter Beamter fand
N. immer noch Zeit zum Lesen nicht nur der fur seinen Beruf erforderlichen
Bucher und Zeitungen, sondern auch der besten Erzeugnisse der schonen
Literatur und besonders der Werke unserer grofien Geschichtsschreiber. Schon
auf der Schule trat Friedrich N. einem Kreise von Alters- und Klassengenossen
naher, der dann auch im Leben in Freundschaft zusammenhielt.
1 88 1 verliefl der Zwanzigjahrige das Gymnasium und trat zusammen mit
einigen nahen Schulfreunden, um seiner Militarpflicht zu geniigen, als Ein-
jahrig-Freiwilliger in das in Karlsruhe garnisonierende I. badische Feldartilleric-
Regiment GroBherzog ein, zu dessen Reserve-Offizieren er spater zahlte. Zeit-
lebens hing er an seiner Waffe und an seinen Kameraden, und diese an
ihm, so daB ihn der aus friiheren Angehorigen seines Regiments gebildete
Artilleriebund St. Barbara spaterhin zu seinem Ehrenmitglied ernannte.
Dem Beispiel und Wunsche seines Vaters folgend, widmete sich N. dem
Studium der Kameralwissenschaften. Wahrend heutzutage auch im GroB-
herzogtum Baden die kiinftigen Finanzbeamten auf der Hochschule dieselben
Vorlesungen horen wie die Juristen, war ihnen damals noch ein besonderer
Ausbildungsgang vorgeschrieben. Neben Nationalokonomie und Finanz-
wissenschaft mufite der badische Kameralist etwas Jurisprudenz, Gewerbs-
kunde, Landwirtschaftslehre und Mathematik studieren. Da die letztgenannten
Facher auch auf einer polytechnischen Anstalt gehort werden konnten, lieB
sich der Einjahrig-Freiwillige N. auf der Technischen Hochschule in Karlsruhe
als Student immatrikulieren, ohne freilich sich allzu haufig in den Horsalen
blicken zu lassen. Mit um so grofierem Interesse und Eifer widmete sich N.
nach seiner Entlassung vom Militar den Studien. In Heidelberg war es vor
allem der Nationalokonom Karl Knies, der ihn fesselte. Obwohl N. spater
in Berlin auch noch Gustav Schmoller und Adolf Wagner horen durfte, hat
Knies den grofiten EinfluB auf seinen Ausbildungsgang behalten. Besonders
dankbar gedachte N. auch stets des groBen Rechtslehrers Rudolf Sohm, damals
in Strafiburg. Aber nicht nur ein fleifliger, auch ein frohlicher Student war
N. Mit seinen nachsten Schulfreunden zusammen sprang er, nachdem sie die
Universitat Heidelberg bezogen hatten, in die akademische Verbindung Rupertia
ein. Und als N. schon langst in Amt und Wiirden war, war er in der ersten
Reihe der Alten Herren tatig, welche ihrer Verbindung ein schones eigenes
Nicolai. I j
Heim schufen. Auch am gesellschaftlichen Leben der mit seiner Vaterstadt
und insbesondere mit seinem Elternhause durch mancherlei Faden verknupften
Universitatsstadt Heidelberg nahm der stud. cam. N. lebhaften Anteil.
1885 wurde N. nach gut bestandener Staatsprufung unter die Zahl der
Finanzpraktikanten aufgenommen und 1886 promovierte ihn die philosophische
Fakultat der Universitat Heidelberg auf Grund der Inauguraldissertation:
»Die Nutzungen und ihr Preis in der Lehre vom Einkommen«, in welcher er
die Gedankengange seines Meisters Knies selbstandig fortsetzte und welche
die besondere Anerkennung der Fakultat gefunden hat, zum Doktor. Von
akademischer Seite wurde damals dem jungen Doktor nahegelegt, den Weg
des akademischen Lehrers einzuschlagen, der fur ihn um so verlockender sein
mufite, als die Diensttatigkeit, welche der Staat zunachst dem jungen Prak-
tikanten anwies, fur die wissenschaftlichen Spekulationen, denen er bisher so
gerne nachgehangen hatte, keinen Raum mehr liefi. Aber seine Natur drangte
ihn doch bei aller Liebe und Verehrung fur die Wissenschaft zur praktischen
Betatigung. Und ein gunstiges Geschick fugte es, dafi er die Anfangsstadien
der Laufbahn eines badischen Finanzbeamten rasch durchlaufen durfte, und
dafl schon dem Finanzpraktikanten ein Arbeitsgebiet eroffnet wurde, auf dem
er spater Hervorragendes leisten sollte. Als 1887 die Reichsbranntweinsteuer-
Gesetzgebung in Baden in Kraft trat, durfte N. als Steuerkontrolleur bei Ein-
fiihrung dieses komplizierten Werkes der Gesetzgebung in seinem Heimatstaat
tatig sein. Er beherrschte diese Materie bald vollstandig und legte daruber
Zeugnis ab in einem ausfiihrlichen, spater auch in Druck gelegten Vortrag in
der 1888 er Jahresversammlung des badischen Kameralistenvereins uber: »Die
Bcsteuerung des Branntweins in Deutschland mit besonderer Beriicksichtigung
der badischen Kleinbrennereien*.
Nach dreijahriger Praktikantenzeit wurde N. zum Sekretar des Finanz-
ministeriums ernannt. Man war auf N.s hervorragende Befahigung aufmerksam
geworden. 1890 wurde N. zum Obereinnehmer und Domanenverwalter in
Bretten ernannt. Aber schon im folgenden Friihjahr wurde er als Kollegial-
mitglied in die Gr. Zolldirektion berufen, welcher er 1891 — 97 zuerst als Finanz-
assessor, dann als Finanzrat angehorte. Mit Vorliebe und Erfolg war hier N.
auf dem Gebiet der Branntweinsteuergesetzgebung tatig, an dereh Einfiihrung
in Baden er mitgewirkt hatte und bei deren weiterer Ausgestaltung er jetzt
in einfluBreicherer Stellung die Interessen der zahlreichen Klcinbrenner seines
Heimatstaates bei jedem Anlafi trefflich zu wahren wufite. 1897 wurde N.
zum Vortragenden Rat im Finanzministerium befordert, in welchem er dann
bis zu seinem allzu friihen Tode tatig war. Es wurde ihm sogleich bei seinem
Eintritt in das Ministerium, an dessen Spitze damals Adolf Buchenberger
stand, die Stelle des Budgetreferenten ubertragen, fur die er sich wegen
seiner verbindlichen Umgangsformen und ausgezeichneten Rednergabe be-
sonders gut eignete, weil der Budgetreferent mehr als andere Ministerialrate
im Landtag tatig zu sein und mit den Mitgliedern der Volksvertretung zu ver-
kehren hat. Die noch geltenden Teile der bisherigen Rechnungsinstruktion
vereinigte N. mit den zahlreichen seit Erscheinen dieser Instruktion heraus-
gekommenen Verordnungen iiber das Kassen- und Rechnungswesen zu einer
Kassen- und Rechnungsordnung fur die Grofiherzoglichen Staatskassen, die
trotz ihres grofieren Umfangs wegen der ubersichtlichen Gruppierung des
BiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog*. 13. Bd. 2
I g Nicolai.
Stoffes leicht zu handhaben ist und sich im Gebrauch wohl bewahrt hat. Als
genauer Kenner der Reichsbranntweinsteuergesetzgebung wurde N., obwohl
diese nicht mehr sein eigentliches Arbeitsfeld bildete, wiederholt nach Berlin
geschickt, um als Vertreter seines Heimatlandes an den Beratungen der Bundes-
ratsausschusse iiber Branntweinsteuergesetzes-Novellen und Attsfuhrungs-
bestimmungen teilzunehmen.
Eine besonders schwierige Aufgabe erwuchs dem Budgetreferenten aber
dadurch, dafi die Frage der wirtschaftlichen Besserstellung der Beamten auch
in Baden immer dringender geworden war. Schon vor N.s Eintritt ins Finanz-
ministerium war eine gesetzliche Anderung des Gehaltstarifs notig geworden,
die im wesentlichen eine Besserstellung der unteren und mittleren Beamten
bezweckte. 1 900 kam nun unter N.s Mitwirkung das Gesetz iiber die Auf-
hebung der Witwenkassenbeitrage zustande, welche die Beamten bisher in
der Hohe von drei Prozent ihres jahrlichen Diensteinkommens zu entrichten
gehabt hatten. Schwierigere Vorarbeiten verlangte von ihm das Gesetz iiber
das Wohnungsgeld, 1902, durch das jeder Beamtenkategorie ein ihrem
durchschnittlichen tatsachlichen Wohnungsaufwand entsprechendes Wohnungs-
geld gewahrt wurde. Aber auch damit war den in zahlreichen Petitionen an
Regierung und Landtag gelangten, berechtigten Wunschen der Beamten nicht
genug getan, so dafi Finanzminister Buchenberger, einer Anregung aus der
Mitte der II. Kammer folgend, auf dem Landtag 1901/02 eine allgemeine
Revision des Gehaltstarifs in Aussicht stellte. Die Vorarbeiten waren in der
Hauptsache vom Finanzministerium und in diesem wieder vom Budgetreferenten
zu leisten. N.s Ahteil an der endlichen Losung der schwierigen Aufgabe war um
so grofler, als das Finanzministerium seit ihrer Inangriffnahme zweimal seinen
Chef gewechselt hatte, wahrend die Arbeit in der Hand des Referenten ununter-
brochen weiter ging. In langwierigen Sitzungen mit den Kommissarien der anderen
Ministerien war das Werk so weit gediehen, dafi N. nur den Entwurf des neuen
Gehaltstarifs zusammenzufassen und die Gesetzentwiirfe zu verschiedenen als not-
w f endig erkannten Abanderungen des Beamtengesetzes und der Gehaltsordnung
auszuarbeiten gehabt hatte. Da befiel ihn im Friihjahr 1907 der erste Anfall
eines schon lange in ihm schlummernden, nun plotzlich heftig auftretenden
Herzleidens. Sehr gegen seinen Willen mufite nun N. die Arbeit aus der Hand
geben, um den Sommer und Herbst iiber der Wiederherstellung seiner Ge-
sundheit zu leben, die zu Beginn des Winters 1907/08 so weit wieder gekraftigt
schien, dafi er sich zur Teilnahme an den Verhandlungen des damals tagenden
Landtags, dem die beamtengesetzlichen Vorlagen inzwischen zugegangen
waren, zur Verfugung stellen konnte. Als griindlichster Kenner der Materie
stand er dem Finanzminister — seit 1906 Dr. ing. Max Honsell — bei der Be-
ratung der Vorlagen in den dazu gebildeten Kommissionen beider H&user
des Landtags zur Seite. Noch einmal entwickelte er die alte Spannkraft, die
ihm eigene Rednergabe, die Kunst der klugen Vermittlung zwischen urspriing-
lich entgegengesetzten Standpunkten und half so die Vorlagen in den Kom-
missionen zur Annahme zu bringen. In der Fassung der Kommissionen ge-
langten die Vorlagen im Sommer 1908 auch zur Annahme in den beiden Kam-
mern des Landtags. Auch den Beratungen der Vorlagen im Plenum beider
Hauser des Landtags wohnte N. als Regierungskommissar noch an. Aber
seine korpcrlichen Krafte waren erschopft. Noch vor Schlufi des Landtags
Nicolai. x g
muflte er einen Erholungsurlaub antreten, aus dem er % nur heimkehrte um zu
Hause zu sterben. Am 21. Oktober schlofi er ftir immer die Augen. Dieses
Scheiden war um so schmerzlicher, als sich N. erst sechs Jahre vorher ein
eigenes Heim geschaffen hatte. Am 19. August 1902 hatte er sich mit Elisabeth
Scholtz, der Tochter eines oberschlesischen Rittergutsbesitzers, die er auf
einer Erholungsreise in der Schweiz kennen gelernt hatte, vermahlt. Seine
Ehe mit der geistig hochstehenden Frau, die imstande war alle seine Inter-
essen zu teilen und, selbst eine Meisterin des Klavierspiels, auch durch gemein-
same kiinstlerische Neigungen mit dem Gatten verbunden war, war eine sehr
gliickliche. Vorher hatte N., seitdem er im Jahre 1 89 1 wieder standig in Karls-
ruhe ansassig geworden war, im Hause seiner seit 1883 verwitweten Mutter
gelebt, an der er mit riihrender Treue hing. Selbst der plotzliche Ausbruch
seines schweren Herzleidens ist vielleicht durch die Aufregung veranlafit
worden, die der im Friihsommer 1907 erfolgte Tod der geliebten Mutter dem
Sohne verursachte.
Als politischer Parteimann ist N. nicht hervorgetreten. Aber seine Liebe
zum Vaterland hat er nicht nur durch rastlose Arbeit im Dienste des badischen
Staates betatigt. Bis zu seinem Tode gehorte er dem Prasidium der badischen
Milkarvereine an. Auch in den Vorstand des Kyffhauserbundes deutscher
Militarvereine wurde er entsendet, wo es ihm in seiner feinen und klugen Art
manchesmal zwischen suddeutschem und norddeutschem Wesen zu vermitteln
vergonnt war.
Ein offenes Auge hatte N. auch fiir die Schonheit seines Vaterlandes,
namentlich des badischen Heimatlandes. Verschiedene Reisen ins Ausland,
so 1892 durch Italien, spater nach Frankreich, England, Osterreich-Ungarn, den
Niederlanden und in die Schweiz, erweiterten seinen Anschauungskreis. Seine
Begeisterung fiir die bildenden Kiinste fand Nahrung an deren klassischen
Pflegestatten in Italien, Holland und Belgien. An Mut und korperlicher Ge-
wandtheit auch zu schwierigeren Alpenfahrten fehlte es ihm nicht. Aber am
wohlsten fiihlte er sich doch im heimatlichen Schwarzwald, dessen einzelne
Berge ihm wie personliche Bekannte vertraut waren, dessen schone Wege er
immer wieder zu wandern und seine Freunde und spater die Gattin zu f uhren liebte.
Zur schriftstellerischen Betatigung liefi ihm der angestrengte Dienst nur
wenig MuBe. Immerhin zeigt ein von N. in diesem Jahrbuch (1906) entworfenes
Lebensbild des im Jahre 1904 verstorbenen Finanzministers Adolf Buchen-
berger, daB er auch in dieser Beziehung Vortreffliches zu leisten imstande war.
N. war eine ungemein gesellige Natur. In seinem mit schonen Kunst-
werken geschmuckten Heim pflegte er gerne eine heitere, durch die Kunst seiner
Gattin veredelte Geselligkeit. AuBergewohnlich groB war der Kreis der ihm
persQnlich nahestehenden Freunde. Wer ihm einmal naher getreten war, an
dem hielt er mit seltener Treue fest, der hielt aber auch an ihm fest. Sein offenes,
gerades Wesen, sein reger Geist, sein mitunter allerdings beiBender Humor,
seine Gabe anregender Unterhaltung zog die Menschen an. Dazu war er jeden
Augenblick bereit, die Sache seiner Freunde zu seiner eigenen zu machen.
Aber wer sonst sich auch mit einem Anliegen an ihn wandte, dem kam er mit
Rat und Tat gerne zu Hilfe.
Die gliickliche Gabe der Rede, die N. besaB, kam ihm nicht nur in der
Geselligkeit zustatten. Sie verschaffte ihm den gebuhrenden Einflufl im Vor-
20 Nicolai. Fastenrath.
stand der militarischen Vereine wie des badischen Frauenvereins, dem er an-
gehorte. Sie verschaffte ihm aber auch das Ohr der Kammer, wenn er in der
Plenarsitzung oder bei Kommissionsberatungen der Landstande sprach.
Das Geheimnis des ungewohnlichen Erfolges, den N. auf jedem Gebiete
des Lebens und seines amtlichen Wirkens zu verzeichnen hatte, lag aber
gewifi darin, daO er jede Arbeit, der er sich unterzog, jede Unternehmung t
deren er sich annahm, zu seiner eigenen personlichen Sache machte. Und
vielleicht hat er so seine Krafte rascher aufgerieben und war deshalb auch
weniger imstande der an ihm nagenden Krankheit zu widerstehen. Aber es
war ihm dadurch auch vergonnt, in seinem verhaltnismaBig kurzen Leben
seinem Vaterland erfolgreiche Dienste zu leisten und sich unverloschiiche Er-
innerung zu sichern in den Herzen seiner zahlreichen Freunde und Verehrer.
Unabsehbar war die Schar derer, welche Friedrich N. an einem schonen
Herbsttag des Jahres 1908 zu seiner letzten Ruhestatte folgten. Artillerie-
salven drohnten uber seinem Grabe, die Banner der Kriegervereine senkten
sich, und unter den letzten Grufien, die ihm nachgerufen wurden, war auch
der Dank seines Fursten, der wie das Vaterland noch GroCes von Friedrich
N. hatte erwarten diirfen, wenn nicht ein allzu friiher Tod seinem Leben ein
Ziel gesetzt hatte.
Karlsruhe. Otto Ellstatter.
Fastenrath, Johannes, Dr. utr. jur., PreuBischer Auskultator a. D., GroBh.
Sachsischer Hofrat, Spanische Exzellenz, deutsch-spanischer Dichter, Schrift-
steller und Gelehrter, * 3. Mai 1839 zu Remscheid, | 16. Marz 1908 zu Koln
am Rhein. — F. entstammte von vaterlicher und mutterlicher Seite alten
bergischen Familien. Sein Vater stand mit Frankreich in geschaftlichen Be*
ziehungen, wahrend sein GroBvater hauptsachlich mit den Spaniern Handel
trieb. So kam es, dafi er schon in friiher Jugend die beiden Sprachen horte,
die er spater selbst mit Meisterschaft beherrschte und wovon das Spanische
ihm die zweite Muttersprache wurde. Bald kam der Knabe Johannes mit
seinen Eltern nach Koln, das er seitdem, abgesehen von seinen Reisen, nicht
mehr verlassen hat; deshalb betrachtete er Koln als seine eigentliche Vater-
stadt, Remscheid nur mehr als seinen Geburtsort. In Koln besuchte er die
Elementarschule und dann das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Hier ward
ihm das Gliick, ausgezeichnete Lehrer zu haben, darunter den rheinischen
Dichter Gustav Pfarrius, und manche seiner Schulgenossen sind ihm Freunde
fur das Leben geblieben, so der Kardinal Antonius Fischer, Erzbischof von
Koln. — Im Jahre 1849, ^ s Zehnjahriger, machte er seine erste groflere Reise.
Er begleitete seinen Vater auf dessen letzter geschaftlichen Ausfahrt nach
Paris. Riihrend ist es, wenn er spater erzahlte, er habe damals geweint, weil
er sich mit den Freunden seines Vaters nicht franzosisch unterhalten konnte. —
Auf den Wunsch seines Vaters studierte er Jura und besuchte von 1856 bis
i860 die Universitaten Bonn, Heidelberg, Munchen, Paris und Berlin und wurde
in letzterer im Marz i860 zum Doctor utriusque juris promoviert. Kurze Zeit
gehorte er dann dem Landgericht in Koln an, als Auskultator, wie man zu jener
Zeit die Referendare nannte. Aber fremde Sprachen und Poesie waren seine
Leidenschaft. Schon von seiner Pariser Studentenzeit erzahlte er, daB er zwar
Fastenrath. 2 1
morgens auf den Banken der Sorbonne juristische Kollegien gehort, regel-
maflig abends aber in den Pariser Theatern gesessen. 1862 gab er die Juristerei
ganz auf und lebte seitdem nur noch seinen literarischen Neigungen und der
. Poesie. — In jener Zeit herrschte, besonders in den Rheinlanden, die Nach-
romantik, zu der sich f angeregt durch die Sakularfeier Schillers, der Nach-
klassizismus gesellte. Es war ganz nattirlich, dafi der junge F. wie fast alle
seine damaligen Zeitgenossen, die sich literarischen Bestrebungen widmeten,
in diesem geistigen Doppelideal, dem Klassischen und Romantischen lebte.
Dieses klassisch-romantische Ideal lenkte ihn zunachst nach Italien. Aber
die Reise, die er 1862 in dieses Land der alten deutschen Sehnsucht unternahm,
brachte ihm eine Enttauschung; er fand nicht, was er suchte, nicht das, was
seinem besonderen Wesen, zu dem die elterlichen und groOelterlichen Tradi-
tionen wohl den Grund gelegt hatten, adaquat war. Das fand er erst, als sich
ihm 1864 die Wunderwelt Spaniens auf tat. Von da ab war er ganz im Banne
spanischer Romantik und spanischer Poesie.
.Die Frucht der ersten spanischen Reise waren »Ein spanischer Romanzen-
straufi« (Leipzig 1865, 2. Auflage 1867), »Klange aus Andalusien« (Leipzig 1866,
2. Auflage 1867), »Die Wunder Sevillas* (Leipzig 1867), »Hesperische Bliiten*
(Leipzig 1869) und »Immortellen aus Toledo« (Leipzig 1869). Was er in diesen
deutschen Dichtungen stofflich bot, waren die geschichtlichen Ereignisse der
iberischen Halbinsel aus den Zeiten der Romer und Goten, von den ersten
Spuren der Araber bis zum letzten Seufzer Boabdils, von den Kreuzfahrern
zu den Entdeckern und Eroberern der neuen Welt und so bis in die neueste Zeit
bis zu dem Triumphgesang der Spanier uber die im Jahre 1859 gewonnene
Schlacht bei Tetuan. Die Form, in der er das tat, war meist die tonende Ro-
manze, in die sich jedoch auch Formen andern Stils, Lieder, Madrigale, Sonette
und Weisen im Volkston mischten. Eigenes und Nachgedichtetes wechselt dabei
in bunter Folge. In den Anmerkungen bietet er eine Fulle von historischen
und literarischen Notizen, die fur den Forscher eine Fundgrube wertvollen
Materials sind. — In diese Zeit fallt auch die Ubersetzung des spanischen Lust-
spiels »Receta contra las suegras* (Rezept gegen Schwiegermutter) von D. Manuel
Juan Diana. (Berlin 1865, 2. Auflage.) Es fiigte sich aber, dafl just um dieselbe
Zeit dieses Stuck auch von Konig Ludwig I. von Bayern ins Deutsche iibertragen
wurde, was bei den Theaterauffiihrungen der F.schen Bearbeitung zu einigen
lustigen Verwechselungen und Zusammenziehung der beiden deutschen Autoren
fiihrte. So stand z. B. auf einem Theaterzettel in Voslau: »Rezept gegen
Schwiegermutter, nach dem Spanischen bearbeitet von Johannes Fastenrath
(weiland Konig Ludwig I von Bayern) «. Die Ubersetzung dieses Lustspiels hatte
auch andere, fur F. wichtigere Folgen. Sie eroffnete ihm bei seinem zweiten
Besuche Spaniens im Jahre 1869 die Pforten der spanischen Dichter- und
Kiinstlerwelt, denn D. Manuel Juan Diana machte ihn mit den Grofieri der
spanischen Literatur bekannt, mit Hartzenbusch, dem von deutschen Eltern
in Madrid geborenen bedeutendsten der neueren dramatischen Dichter Spaniens,
mit Zorrilla, Echegaray, Balaguer, Campoamor, Nunez de Arce, Valera und
andern. Manche davon sind F.s Freunde furs Leben geworden. Hartzenbusch,
der zwar kein Deutsch sprechen konnte, dem die deutsche Sprache und Literatur
aber gelaufig waren, wie die seines Vaterlandes, begeisterte sich so fur des
deutschen Poeten Dichtungen und den echt spanischen Geist, der ihm daraus
22 Fastenrath.
entgegenwehte, dafi er vide der Gedichte in das Spanische iibertrug und in
der Madrider »Iberia« liber den Dichter schrieb: »Dieser deutsche Poet hat
eine Liebe fur unser Land, die nicht grofier sein konnte, wenn er in Spanien
geboren ware . . . Spanien, die Herrin der Gedanken F.s, schuldet ihm einen .
Lohn, den ihm im Namen der Nation geben sollte die Regierung.« Auf ein
von Hartzenbusch und Diana an den Unterstaatssekretar Juan Valera ge-
richtetes Schreiben wurde F. das Ritterkreuz, bald darauf auch das Komman-
deurkreuz des Ordens Carlos III. verliehen und es begab sich das fast Wunder-
bare, dafi der deutsche Poet, den ein Jahr vorher kaum jemand in Spanien
gekannt, in Spanien plotzlich eine beruhmte Personlichkeit wurde. Auf einen
Antrag von Hartzenbusch, Echegaray und Campoamor wurde er zum Mitglied
der Academia Espaflola und bald darauf zum korrespondierenden Mitglied der
Academia de la Historia in Madrid ernannt. Das war der Anfang der langen
Reihe von Ehrungen, die Spanien F. zukommen liefi, noch bis uber das Grab
hinaus. Seinem Freunde D. Manuel Juan Diana, der ihn zuerst in jene Kreise
einfiihrte, ist F. immer dankbar geblieben.
Von dieser zweiten spanischen Reise nach Deutschland zuriickgekehrt,
entstand »Das Buch meiner spanischen Freunde* (zwei Bande, Leipzig 1870),
in dem F., untermischt mit eigenen Dichtungen, solche seiner spanischen Freunde
in Madrid, Sevilla, Cordoba, Salamanca und Zaragoza verdeutschte : Sonette,
Romanzen und Marchen. Ihnen folgte spater, der Zusammengehorigkeit wegen
hier schon genannt, der historische Romanzen-Zyklus »Die zwolf Alfonsos von
Castilien« (Leipzig 1887), in dem F. es unternahm, die tausendjahrige Geschichte
Spaniens wie in einem Panorama vorzufiihren, beginnend mit dem Helden von
Covadonga und schliefiend an der Bahre Alfonsos XII. Als letzte dieser Art
Dichtungen F.s erschienen »Granadinische Elegien« (Leipzig 1885) mit einer
Zugabe von tJbertragungen verschiedener spanischer Dichtungen ins Deutsche.
Die groflen Ereignisse der Jahre 1870 und 187 1 begeisterten ihn, der bei
all seinen spanischen Sympathien ein gliihender deutscher Patriot und ins-
besondere ein Verehrer und Bewunderer Bismarcks war, zu einem Bandchen
den deutschen Helden gewidmeten »Kriegs- und Siegeslieder« (Leipzig 1871),
das im Jahre seines Erscheinens sechs Auflagen erlebte. Als Gelegenheits-
dichtungen entstanden 1880 zur Feier der Vollendung des Kolner Domes ein
Festgrufi und ein Heft Lieder (Koln 1880).
Seine dritte Reise nach Spanien unternahm F. 1879, die vierte 1881;
letztere gelegentlich der in Madrid mit grofiem Geprange begangenen Gedenk-
feier zu Calderons 200jahrigem Sterbetage. Zwei deutsche Festschriften groflen
Stils veroffentlichte F. liber diese Feier: Calderon de la Barca, Festgabe zur
Feier seines zweihundertjahrigen Todestages« (Leipzig 1881) und »Calderon
in Spanien «, mit einem Anhang: »Die Beziehungen zwischen Calderons wunder-
tatigem Magus und Goethes Faust « (Leipzig 1882). Eine ahnliche Festschrift,
noch grofieren Umfanges, veroffentlichte F. gelegentlich der im Jahre 1892 in
vielen Stadten Spaniens veranstalteten vierten Zentenarfeier der Entdeckung
Amerikas: »Christoph Columbus« (Dresden und Leipzig 1895).
Die eigenen Schriften F.s in spanischer Sprache sind, abgesehen von den
»Pastonarias de un aleman-espanol; articulos acerca de las representations de la
Pasion y Muerte de Nuestro Senor Jesu Cristo en Oberammergau* (Madrid 1872)
in einem Titel zusammenzufassen: »La Walhalla y las glorias de Alemania*.
Fastenrath.
23
F. war im Jahre 1872 von seincn spanischen Freunden aufgefordert worden,
fur spanische Zeitungen Aufsatze tiber deutsche Stoffe zu schreiben. Er kam
diesem Wunsche nach und schrieb zunachst eine Reihe von Aufsatzen iiber die
Oberammergauer Passionsspiele des Jahres 1 871, die er besucht und die ihn
entzuckt und erbaut hatten. Diese Aufsatze wurden in der Madrider Zeitung
»El Argos* abgedruckt und erschienen spater gesammelt als Buch unter dem
oben angegebenen Titel. Der Erfolg war ein ganz aufiergewohnlicher: die
Spanier standen plotzlich einem Deutschen gegenviber, der eine geradezu.
klassische spanische Prosa schrieb. Die Verwunderung und Bewunderung ging
so weit, dafi ein namhafter spanischer Schriftsteller rundweg erklarte: »Das
beste Spanisch von uns alien schreibt Herr Fastenrath in Koln am Rhein<<.
Die Folge davon war die Aufforderung der vornehmsten Zeitungen und Zeit-
schriften des Landes um F.s Mitarbeiterschaft fur ihre Spalten. Auch dem
entsprach F. und schrieb eine Reihe von Essays liber die Helden des deutsch-
franzosischen Krieges: Konig Wilhelm, den Kronprinzen, Bismarck, Moltke,
Roon und andere, die in der Revista de Espana erschienen. Der grofle Beifall,
den auch diese Arbeiten fanden, zeitigte bei F. den Plan, den Spaniern in ihrer
Sprache die Beruhmtheiten Deutschlands auf jedem Gebiete von den fruhesten
Zeiten bis auf unsere Tage vorzufiihren. Diese Aufsatze, deren Zahl sich im
Laufe der Jahre auf tiber 1000 belief, wurden nicht nur in in Spanien erscheinen-
den Zeitungen veroffentlicht, sondern auch in solchen des spanisch sprechenden
Amerika und uberall, wo eine spanische Presse tatig ist. Sie haben den Namen
Juan Fastenrath zu einem der bekanntesten Autorennamen der modernen
spanischen Literatur gemacht. F. aber hat sich durch diese Arbeiten um sein
deutsches Vaterland das Verdienst erworben, in alien spanisch sprechenden
Landern der Erde viel zur richtigen Kenntnis und Wlirdigung deutscher
Art und deutschen Wesens auf den Gebieten der Kunst, der Wissenschaft,
der Politik, der Volkswirtschaft und jedem andern geleistet zu haben, in mancher
Richtung viel mehr als Diplomaten und Politiker es vermochten. Diese Auf-
satze, *La Walhalla y las Glorias de Alemania% bildeten bis 188 1 sechs starke
Bande; eine Neuausgabe fortgesetzt bis zu den letzten Aufsatzen, die etwa
zwolf Bande umfassen wird, ist unter der Redaktion von M. R. Blanco- Belmonte
und im Verlage von La Ilustracidn Espanola y Americana in Madrid im Gange.
Der erste Band davon kam im Januar 19 10 zur Ausgabe.
Eine Reihe ahnlicher Essays wie die spanisch geschriebenen in der Walhalla,
hat F. in franzosischer Sprache geschrieben, die zunachst in der Pariser Revue
Internationale veroffentlicht wurden, um spater als Buch unter dem Titel fi-
gures de V Allemagne contemporaine« (Paris 1887, 2. Auflage) zu erscheinen.
Aufier dieser selbstschopferischen Tatigkeit entwickelte F. eine uberaus
umfangreiche als Ubersetzer und zwar sowohl aus dem Spanischen als aus dem
Katalanischen, denn ebenso wie die spanische Sprache beherrschte er die
katalanische, gerade so wie ihm neben der franzosischen Sprache auch die
provenzalische gelaufig war. Zu siidfranzosischen Dichtern und Schriftstellern,
insbesondere zu den Felibres, hatte er viele personliche Beziehungen. Aufier
dem schon genannten Lustspiele von D. Manual Juan Diana ubertrug er aus
dem Spanischen: »Bruder Martins Vision« (Luther im Spiegel spanischer
Poesie) von D. Gaspar Nunez de Arce (Leipzig 1881, 3. Auflage), »Stimmen
der Weihnacht« von D. Ventura Ruiz Aguilera (Leipzig 1881), den andalusischen
24
Fastenrath.
Roman »Pepita Jimcnez« von D. Juan Valera (Leipzig 1882), die Dramen
»Im SchoCe des Todes« (Leipzig 1882) und »Die Frau des Rachers« (Wien
1883), beide von Jos6 Echegaray, mehrere Lustspiele von D. Manuel Breton
de los Herreros (Dresden und Leipzig 1897), das Drama » Yorick« von D. Manuel
Tamayo y Baus und das Nationaldrama »Don Juan Tenorio* von Jos6 Zorrilla,
dem er eine wertvolle Abhandlung uber die Don Juan-Sage in Spanien und
in der Weltliteratur vorausschickte. Aus dem Katalanischen iibertrug er die
Trilogie »Die Pyrenaen« von Victor Balaguer (Leipzig 1892) und ein Buch:
»Katalanische Troubadoure der Gegenwart« (Leipzig 1890), das von einer Uber-
sicht der gesamten katalanischen Literatur eingeleitet wird. Eine Besonderheit
bilden die »Zaragozaner Schnurren in Kolnischer MundarU (Koln 1901), vvomit
F. seiner Kenntnis und seiner Schatzung des heimatlichen Dialektes Aus-
druck gab.
Aus dem literarischen Nachlafi F.s befindet sich gegenwartig noch ein
Band Cbersetzungen unter der Presse, der zwei spanisch-amerikanische und
einen katalanischen Dichter vereinigen wird, ein Epos von D. Juan Zorrilla
de San Martin aus Uruguay, ein Epos von D. Isabel Prieto de Landazuri aus
Mexiko und landliche Bilder von D. Ramon Masifern aus Barcelona. Das
Buch soil im Sommer 1910 in Berlin erscheinen.
Gelegentlich des deutschen Schriftstellertages 1881 in Wien hatte F. die
osterreichische Dichterin Frau Anna Forstenheim kennen gelernt und durch
diese im Jahre 1882 auch deren Schwester Louise Goldmann (* 1858 in Zombor
in Ungarn), mit der er sich dann im Jahre 1883 vermahlte. Der Brautstand
F.s zeitigte ein Buch personlicher Gedichte: »Von Hochzeit zu Hochzeit; Lieder
aus sonnigen Tagen« (Wien 1883). In seiner Frau aber hat F. eine kongeniale
Gefahrtin gefunden, die mit einem scharfen Verstande eine durchaus ideale
Weltanschauung zu verbinden wufite. Sie war es, die F.s Leben fiirder Stil
und schone Form gegeben hat. Sehr bald hatte sie sich neben ihren schon
reichen Sprachkenntnissen das Spanische zu eigen gemacht, und ganz selbst-
verstandlich war, dafi sie ihren Gatten auf seinen noch oft wiederholten Reisen
nach Spanien begleitete. Auf einer dieser Reisen, im Jahre 1890, wurde die
Frau des gefeierten spanischen Schriftstellers deutscher Geburt bei den Jochs
florals in Barcelona zur Blumenkonigin gekiirt und 1900, als diese poetischen
Turniere in Saragossa eingefuhrt wurden, trug sie auch da das Diadem. Gar
nicht ausbleiben konnte es, dafi diese heitern, aus Poesie geborenen, vom Reize
des siidlichen Lenzes durchstrahlten, dem Kultus des Schonen und Edlen
dienenden pomphaften Feste auf eine Personlichkeit wie die F.s den tiefsten
Eindruck machten. Denn er war eine Dichternatur durch und durch, ein Roman-
tiker und Idealist. Und so war es eine ganz logische Folge, dafi er den Ver-
such machte, die Blumenspiele aus seinem geliebten Spanien in sein geliebtes
Koln zu verpflanzcn. Das geschah 1898, als die Literarische Gesellschaft in
Koln, deren Erster Vorsitzender F. seit ihrem Bestehen gewesen und auch bis
zu seinem Tode geblieben ist, ihr fiinftes Stiftungsfest feierte. Hierbei iiber-
raschtc F. mit dem Plane der Kolner Blumenspiele und stiftete ein Kapital
von 10 000 Mk., aus dessen Zinsen die vier ordentlichen Stiftungspreise, goldene
Blumen, beschafft werden sollen. 1899 wurden dann in Koln die ersten Blumen-
spiele in deutschen Landen begangen. Veranstaltet wurden sie durch die
Literarische Gesellschaft in Koln, aber ihre Seele waren F. und seine edle Gattin,
Fastenrath.
25
Frau Louise. Nicht ohne Zagen war man in Koln an das ungewohnte Werk
gegangen, aber es gelang. Seitdem haben die Kolner Blumenspiele zwolfmal,
alljahrlich am ersten Sonntage des Mai stattgefunden.
F. besafl eine unverwiistliche Arbeitskraft und entwickelte eine literarische
Fruchtbarkeit, die von der sprichwortlichen der grofien Spanier kaum uber-
troffen wurde; seine Schriften bilden eine ganze kleine Bibliothek. Uber den
Spanier Don Juan Fastenrath steht das Urteil fest. Dafi bei den zahlreichen
eigenen Dichtungen in deutscher Sprache nicht alles von gleichem Werte, ist
fast selbstverstandlich. Alle spanischen Akademien haben ihn zu ihrem Ehren-
mitglied ernannt. Die Stadt Sevilla hat ihm das Ehrenbiirgerrecht verliehen
und in Barcelona und in Arenas del Rey tragen StraBen seinen Namen. Nach
seinem Tode aber veranstaltete die Stadt Barcelona eine groflartige Gedachtnis-
feier fiir ihn, an der sich die namhaftesten katalanischen Dichter und Schrift-
steller beteiligten. Neuerdings wurde beschlossen, in einem offentlichen Ge-
baude Barcelonas eine Buste F.s aufzustellen.
Als Mensch war F. eine durchaus vornehme nur auf das Ideale gerichtete
Natur mit einem stark betonten romantischen Einschlag, der sich auch dann
nicht verlor, als er in spateren Jahren ein freundliches und wohlwollendes
Verstandnis gewann fiir moderne Bestrebungen in Literatur und Kunst. Er
war eine heitere, sich immer gleichbleibende Kinderseele, edel, hilfreich und von
stets offener Hand, dabei von einer, jedoch von aller Eitelkeit fernen Neigung
zu prunkvoller Representation. Dieser Neigung entsprach das schone Haus,
das er in Koln am Neumarkt bewohnte, das er in alien seinen Raumen mit
kostbaren Kunstwerken und Mobeln ausgestattet hatte. Dem entsprach auch
die vornehme Gastlichkeit dieses Hauses. Fursten der Geburt und des Geistes
gingen da ein und aus, und wer je auf der Estrade des maurischen Zimmers
im ersten Stockwerk gesessen hat, durch dessen Fenster der Blick hinausgeht
in den Garten, wo eine Nachbildung des benihmten Brunnens der Alhambra
aus zwolf Lowenrachen seine Wasser speit, der wird dieses Hauses nie vergessen.
In seinem Testamente hat F. noch einmal Zeugnis gegeben von seinem
Idealismus und seinem weiten Herzen. Seine kostbare, 10 OOO Bande urn-
fassende Bucherei vermachte er der Stadtbibliothek der Stadt Koln. Der
Stadt Barcelona bestimmte er ein Legat von 10 000 Mk., deren Zinsen jahrlich
zu Pramien in den Juegos florales verwandt werden sollen. Neben andern Stif-
tungen charitativer Art aber hinterlieS er ein Vermachtnis von 300 000 Mk.,
aus dessen Zinsen alljahrlich an acht bis zehn deutsche Dichter und Schrift-
steller ohne Riicksicht auf Konfession oder literarische Richtung Ehrensolde
gezahlt werden sollen, die es Bedurftigen ermoglichen, ein Jahr lang von
druckendster Sorge frei zu schaffen. Die Stadt Koln hat die Verwaltung dieser
Stiftung unter dem Namen »Fastenrath-Stiftung« unter ihre Obhut genommen.
1910 wurde von Kolnischen Frauen an dem Hause ChristophstraBe Nr. 12
in Erinnerung daran, dafi F. hier vom Jahre i860 bis 1901 gewohnt, eine
marmorne Gedachtnistafel errichtet, und die Stadtverwaltung von Koln hat
den BeschluB gefaOt, einer StraBe in Koln seinen Namen zu geben. Im Oktober
desselben Jahres aber wurde auf dem alten Friedhofe zu Melaten, wo der Dichter,
Gelehrte und Patriot seine letzte Statte gefunden, ein Marmordenkmal ein-
geweiht. Es ist ein Werk des steierischen Bildhauers Prof. Hans Brandstetter
in Graz. Unter einem gotischen Baldachin zeigt es die Buste F.s, zu der rechts
26 Fastenrath. Schlatter.
und links ideale Frauengestalten Lorbeer und Blumen hinaufreichen. Unter
den Rednern, die bei dieser Gelegenheit sprachen, war auch Otto Ernst aus
Hamburg. Die letzten Satze seiner Rede, die im besonderen Bezug nahmen
auf die Fastenrath- Stiftung, sollen den Schlufi dieser biographischen Skizze
bilden: »Hier ruht ein beneidenswerter Mann, ein wunderbarer, seltener Mann,
doppelt selten, weil er ruht und lebt, lebt nicht nur in einer achtbaren Tat,
sondern in einem Geschlecht von Taten, das aus dem fruchtbaren SchoBe seiner
Wohltaten entspnefien kann und entsprieflen wird. Wir gruflen Dich heute
Johannes Fastenrath, Du wackerer Samann! Das deutsche Volk, so hoffen wir,
wird Dich dankbar grufien, noch an manchem Tag der GarbenU
Nekrologe brachten fast alle deutscherv Tagesblatter und sehr viele spanische und fran-
zosische Zeitungen und Zeitschriften; viele mit Bild. Die bedeutendsten — etwa hundert —
sind abgedruckt im Jahrbuch der Kolner Blumenspiele X, Koln 1909, S. 672 — 779. Daselbst
und im Jahrbuch I, Koln 1900, auch Bilder aus verschiedenen Lebensaltern. Weiteres bio-
graphisches Material im Jahrbuch XI, Koln 191 o. — Eine Autobiographic in »Fur unser
Heim, Spenden deutscher Dichter und Denker fiir das Schriftstellerheim in Jena«, heraus-
gegeben von Dr. Timon Schroeter, Leipzig (J. J. Weber) ohne Jahr. Dieselbe erweitert in
Rheinisches Dichterbuch, herausgegeben von D. H. Sarnetzki, Koln 1910.
Fritz Zilcken.
Schrotter, Ritter von Kristelli, Leopold, Dr. med., Universitatsprofessor fur
innere Medizin, Vorstand der III. Medizinischen Universitatsklinik zu Wien,
* 5. Februar 1837 in Graz, f 22. April 1908 in Wien. — v. Sch. war der Sohn
des beriihmten Chemikers und Entdeckers des amorphen Phosphors, Anton
Ritter Schrotter von Kristelli. Dieser war zur Zeit der Geburt seines Sohnes
Professor fiir Chemie am Joanneum in Graz. Da die Mutter Leopolds, eine
geborene Eder, zwei Jahre nach seiner Geburt starb, leitete die der Familie
v. Sch. befreundete Familie Baron Kalchberg die Erziehung des verwaisten
Knaben. Nach Absolvierung der ersten Klassen im Grazer Gymnasium kam
er in das akademische Gymnasium nach Wien, da sein Vater unterdessen einen
Ruf an die Wiener Technik erhalten hatte. Die Sturme des Jahres 1848 lieflen
in dem lebhaften Knaben tiefe Eindrucke zuruck.
Die Verhaltnirse, die ihn nun hier in Wien anfangs der 5oer Jahre des
vergangenen Jahrhunderts empfingen, waren fiir seine Entwickelung und
Ausbildung wohl die denkbar giinstigsten. Der Vater, als ein angesehener
Professor, hochgeschatzter Lehrer und ernster, eifriger Forscher, bot dem
Knaben stets ein leuchtendes Vorbild. Er war es aber auch, der die Liebc
zur Natur, die Liebe zum schonen osterreichischen Alpenlande in ihm wachrief.
Zu einer Zeit, da noch keine Eisenbahnen die Alpentaler durchfuhren und
ihre Hohen erklommen, zu einer Zeit, da die Ersteigung der Berge noch auf kein
allgemeines Verstandnis rechnen konnte, hatte Vater Anton v. Schrotter zu-
sammen mit dem Erzherzog Johann eine Ersteigung des GroBglockners aus-
gefuhrt, kein Wunder, dafi er dieses Interesse fiir die Bergwelt auch in seinem
Sohne weckte, zumal die Familie die Sommerszeit in Grub am Hallstadter See
Jahre hindurch verbrachte. Und so sehen wir Leopold v. Sch. schon als Gym-
nasiasten mit dem Ranzen am Riicken die osterreichischen Alpen, vor allem
das Salzkammergut durchwandern und nicht nur der schonen Natur sich er-
freuen, sondern auch mit offenem Auge nach Mineralien forschen und suchen,
Schrttttcr.
27
und mit dem frohlichen Wandern auch ein ernstcs Moment, einen Zweck der
Belehrung verbinden. So lehrte der Vater Chemiker seinen Sohn nicht nur
das Geniefien, sondern auch das Arbeiten im Leben. Aber er konnte ihm noch
mehr bieten als seine eigene voile Personlichkeit. Seine Familie war ein Mittel-
punkt des geistigen Lebens des damaligen Wiens, vor allem die Vertreter der natur-
wissenschaftlichen Richtung gehorten zu den Freunden des Hauses. Beriihmte
Physiker, Chemiker, Botaniker und die Grofien der Wiener Medizinischen Schule
verkehrten in der Familie Anton v. Schrotters, der als Generalsekretar der
Akademie der Wissenschaften auch mit den ersten, bedeutendsten Forschern
der anderen Lander in Fiihlung stand. Auflerdem bestanden verwandtschaftliche
Bande, die Anton v. Schrotter mit der Familie des Mathematik-Professors
v. Ettingshausen verbanden, da er in zweiter Ehe die Tochter desselben ge-
heiratet hatte. Als vorziigliche Klavierspielerin vermittelte sie die Freude und
das Verstandnis fiir Musik ihrer Familie. Mitten in diesem Kreise unter steter
Einwirkung des Besten, was Wissenschaft und Kunst in damaliger Zeit leistete,
wuchs der junge v. Sch. heran. Dazu kam, daB ihn im akademischen Gym-
nasium, das als die Musterstatte gymnasialer Bildung gait, eine Reihe vorzuglich-
ster Lehrer beeinfluOte; namentlich Professor Gernerth hat in ihm Vorliebe fiir
Mathematik geweckt. Nach Ablegung der Matura, von der er in seinen Tage-
biichern nur als »Schreckgespenst« spricht, bezog er die Wiener Universitat und
inskribierte sich 1854 an der medizinischen Fakultat. Auch hier hatte er das
Gliick, eine grofieZeit anzutreffen, und kam mitten in diePeriode der sogenannten
»grofien Wiener Medizinischen Schule«, die sich eben zur ersten medizinischen
Schule der Welt emporgearbeitet hatte. Bahnbrechende Forscher, begeisternde
Lehrer, sprachgewaltige Redner wirkten auf die Horer ein und eiferten sie an,
ihr Bestes zu leisten. Es war eine Zeit, in der gut veranlagte, strebsame und
fleifiige Individualitaten die Aufmerksamkeit ihrer Lehrer auf sich lenken und
so sich durch eigene Kraft emporarbeiten konnten. Zu diesen Naturen gehorte
v. Sch. Nach Beendigung seiner Hochschulstudien 1 861 diente er kurze Zeit
auf der Hautabteilung Sigmunds und der internen Abteilung Standhartners
und trat dann als Operationszogling bei Schuh ein, der ihn ebenso wie Skoda
am meisten anzog. Wahrend seiner zweijahrigen chirurgischen Tatigkeit bis
1863 verlor er aber nie die Fiihlung mit den andern Disziplinen. Schon damals
bemuhte sich v. Sch. nicht nur spezialistisch tatig zu sein, sondern sich mit
den Errungenschaften der anderen Facher vertraut zu machen. Wir finden
diesen Zug durch sein ganzes Leben. Stets hielt er spater seine Schuler an,
ihr Wissen moglichst abzurunden, nicht zu Spezialisten auszuarten, sondern
sich in alien Fachern umzutun. Ihm gait nur der als Arzt, der den kranken
Menschen als Ganzen nahm und ihn nicht in einzelne Organe zerlegte. Immer
und immer wieder lehrte er seine Schuler, bei ihren Patienten alles selbst zu
untersuchen, selbst zu fiihleji, selbst zu schauen, selbst zu horen, und nur in
seltenen, sehr schwierigen Fallen die Hilfe eines Kollegen aus einem Spezial-
fache in Anspruch zu nehmen. Der Vorteil dieser Art lag nicht nur in der Grund-
lichkeit, allgemeinen Ausbildung und in dem Hinweis auf das positive Wissen,
das wieder zur notwendigen Selbstkritik fiihrt, sondern auch in der Raschheit
und Schnelligkeit des Arbeitens. Alles dies waren aber auch die Eigenschaften
v. Sch.s selbst: Streben nach Zusammenfassung, Positivismus und Schnelligkeit
im Handeln.
2 8 Schlatter.
Bald lenkte er die Aufmerksamkeit Skodas auf sich. 1863 machte ihn
dieser zu seinem Assistenten. Sechs Jahre arbeitete er so unter Skoda, anfangs
nur Schiiler, spater Vertreter des klinischen Vorstandes, wenn diesen sein
Gichtleiden oft lange Zeit an das Bett fesselte, und schlieOlich beratender Arzt
und Freund seines Lehrers. Die interne Medizin war schon zu dieser Zeit durch
die Ausiibung der Perkussion, Auskultation und Palpation, wie sie Skoda lehrte,
zu einer praktischen Heilkunde geworden und nicht nur wie friiher bloOe Buch-
wissenschaft. Aber v. Sch. drangte es zu aktiverem Handeln. Er hatte zwei
Jahre als Chirurg gewirkt und er besaO dazu eine auCerordentliche manuelle
Geschicklichkeit. Fiir diese suchte wohl sein Aktivitatsdrang eine Gelegenheit
zur Betatigung. Er fand diese in der Laryngologie, in welcher er sich durch
die Arbeiten Turks, aber nicht durch diesen selbst angeregt, als Autodidakt
ausbildete. Er betrieb sie nicht als einen Nebenzweig, sondern brachte es in
ihr zur Meisterschaft neben Turk. Erformte die Systematik in der
Laryngologie.
v. Sch. beherrschte zwei Disziplinen, die innere Medizin und die Laryn-
gologie, welch letztere er zum Teile selbst schuf. Die Sorge um die Klinik, die
Nachmittags-Visite fiir die Studenten, die Vorlesungen in Vertretung Skodas,
die Kurse uber Perkussion, Auskultation und Laryngologie, die wissenschaft-
lichen Arbeiten auf beiden Gebieten lassen den Nichtmediziner wohl nur ahnen,
welche Arbeit, welche Kraftentfaltung, welche Begabung und welcher Fleifi
dazu gehorte, diese Leistungen alle gut zu vollfuhren. Nach vierjahriger klinischer
Assistentenzeit habilitierte er sich mit einer Arbeit uber die Lungenentzundung
(1867). Seine Erfolge auf dem Gebiete der Laryngologie hatten indessen die
Aufmerksamkeit nicht nur seines Lehrers Skoda, sondern auch der anderen
Mitglieder des Professorenkollegiums erregt. Als Turk starb, vermochte v.
Sch. unter Hinweis auf die Wichtigkeit der Laryngologie die Griindung einer
laryngologischen Klinik 1870 zu erreichen, eine Leistung, die nicht nur den
Lohn fur seine vorzuglichen Arbeiten darstellte, sondern fiir die Wiener Uni-
versitat, ja fur die gesamte Medizin von grofiter Bedeutung war, da diese d i e
erste Lehrkanzel fiir Laryngoskopie uberhaupt wurde. Die
wissenschaftliche GroOe, die unbeugsame Energie und die voile Leistungs-
fahigkeit v. Sch.s konnten sich hier zum Segen der Alma mater verbiinden mit
dem personlichen EinfluO. Denn wer osterreichische Verhaltnisse kennt, weiB,
dafi die ersteren allein mitunter zur Anerkennung, aber kaum weiter fiihren.
Neben seiner anstrengenden Berufstatigkeit hatte v. Sch. noch immer
Zeit, an der Ausbildung seiner eigenen Personlichkeit zu arbeiten und sich
fiir Fragen, die aufierhalb seines engeren Berufes gelegen waren, nicht nur zu
interessieren, sondern auch Tatsachliches darin zu leisten. — v. Sch. war Nicht*
raucher. Essen und Trinken waren fiir ihn Notwendigkeiten des Lebens, aber
niemals Mittel des Genusses. Er vertrat immer die Ansicht, dafi die Menschcn
durchschnittlich zuviel essen und zuviel schlafen. Er arbeitete bis tief in die
Nacht hinein; morgens ein Spazierritt im Freien schaffte ihm neue Lust und
Arbeitsfreude. Reiten, das er schon als Assistent gelernt hatte, im Sommer
Rudern auf den Salzkammergut-Seen und Bergpartien boten ein Gegengewicht
gegen die geistigen Anstrengungen. In der Grofistadt war es wieder die Musik,
der er mit Verstandnis und Erhebung lauschte. Zwei Freunde, Derfel, Assistent
an der Technik, und Dr. Ronsburger, beide ausgezeichnete Klavierspieler, er-
Schrotter. 2 9
weiterten seine Kenntnis und seine Auffassung im Gebiete der Musik, wozu
noch die »Grune Insel«, die den Sammelpunkt fast aller damaligen Kiinstler
darstellte, das ihrige beitrug. Hier empfing er wohl auch andere kiinstlerische
Anregungen, so fur sein eigenes, nach englischem Muster eingerichtetes Familien-
haus in Wien und seinen malerischen Landsitz Rinnbach am Gmundner See.
In seinem Heim zeugen Antiquitaten und Kunstschatze von dem gediegenen
Verstandnis ihres Besitzers fur Lebenskunst und Lebensfreude. In den Sommer-
ferien sehen wir ihn auf weiten Reisen; als Mediziner, als Begleiter Schuhs
besuchte er England und Frankreich. Fufiwanderungen fuhren ihn stets wieder
indie Alpen und i868bereiste er allein in seinem zweiradrigen Wagen Schweden.
Durch Errichtung der Klinik erhielt v. Sch. eine selbstandige, unabhangige
Stellung. Die nun folgenden Jahre waren wohl die strengsten Arbeitsjahre
seines Lebens. Sie brachten aber auch eine ununterbrochene Reihe von Er-
folgen. Im Sommer- Semester 1871 und im Winter- Semester 1871/72 hatte ihm
das Professorenkollegium die Supplierung der verwaisten Oppolzerschen Klinik
nach dessen Tode ubertragen. In diese Jahre fallt seine Beschaftigung
mit der Behandlung der Kehlkopf- und Trachealstenosen, die ihn zum Studium
uber die Bewegungserscheinungen an der Bifurkation der Trachea, zur Er-
findung biegsamer modellierender Bougies und nachher zur Benutzung der
festen »Schrotterschen« Bolzen fiihrte, die noch heute die beste Behandlung der
Luftrohrenverengerung darstellen. Es gibt eine Operation in diesem Spezial-
gebiet, die v. Sch. gerne, mit einer gewissen Vorliebe ausfiihrte und die bei
ihrer Ausfuhrung durch ihn dem Zuseher es ermoglichte, die ganze Personlichkeit
v. Sch.s mit einem Schlage zu erkennen. Es war dies die Entfernung eines Fremd-
korpers aus dem Kehlkopf oder der Luftrohre. Die Auffassung des Falles, die
durch reiche Erfahrung geschulte Erkenntnis der Art desselben, die rasche Ent-
schlossenheit in der Wahl der Mittel, die Energie und der EinfluB auf den
erregten, oft ungestiimen Kranken, der sichere, scharfe Blick und die feine,
ruhige, zarte und doch feste Hand, die Schnelligkeit der Ausfuhrung, die
niemals plump, stets elegant erschien und nicht zum geringsten die aufrichtige,
stolze Freude, wenn der Beinsplitter, die Miinze oder die Nadel in der feinen
Pinzette erglanzte — gaben ein geschlossenes Bild seiner Individuality.
1875 wurde er zum auOerordentlichen Professor fur Hals- und Brust-
krankheiten ernannt. Es war nicht in der Natur v. Sch.s gelegen, bei dem er-
reichten Ziele halt zu machen. Er kannte keine Erschopfung; Ruhe, die wirklich
nichts anderes gewesen ware als Ruhe, war ihm fremd. Und so sehen wir ihn
neben der Leitung der laryngologischen Klinik 1877 auch als Primararzt einer
internen Abteilung des Rudolf- Spitals bis 188 1 und von da ab einer internen
Abteilung am Wiener Allgemeinen Krankenhaus wirken. In diese Zeit fallt
ein Vortrag (1883) im Wiener medizinischen Doktorenkollegium, in dem er die
klimatologische Behandlung der Tuberkulose in geschlossenen Anstalten er-
ortert, empfiehlt und so als erster in Osterreich begriindet. Dieser Vortrag
wurde weiterhin der Ausgangspunkt fur die Behandlungsfrage der Tuberkulose
iiberhaupt. Von da ab sehen wir ihn immer mit diesem Thema beschaftigt.
Durchdrungen von dem groflen Nutzen der Anstaltsbehandlung, bemiiht, das
offentliche Interesse fur die Unterbringung, Verpflegung und Behandlung der
armen Tuberkulosen zu wecken, widmet er von nun an einen grofien Teil
seiner Arbeitszeit und seiner Arbeitskraft dieser Idee. Es ist dies eine seiner
,tO Schlatter.
Arbeiten, die fiir das Interesse zeugen, das er so vielen allgemeinen Fragen des
menschlichen Lebens entgegenbrachte. Zwar nie politisch tatig, im Sinne des
Parteikampfes, wiewohl er sein Deutschtum stets betonte, leistete er durch
Vortrage iiber allgemeine hygienische Fragen und seine Aufsatze uber die
sanitaren Verhaltnisse Wiens, uber den Bau und die Erweiterung des allgemeinen
Krankenhauses, uber die Bekampfung der Tuberkulose als Volkskrankheit,
iiber den Bau von Hotels usw. (die zum Teile allerdings erst spateren Jahren
angehoren) mehr als mancher, den die politische Wahl zur Herrschaft und zur
Macht in der Land- und Stadtgemeinde berufen hatte. Aber mehr als Reden
und Schreiben gait ihm das Handeln. Die Grundung des Ferienhortes fiir die
Erholung bedurftiger, armer Gymnasialschiiler in Steg am Hallstadter See ist
sein Werk. Er erkannte die Bedeutung der dalmatinischen Kiiste und ihrer
Inseln, in ihrem milden Klima fiir die Kranken, und hat einen Hauptanteil
an dem Emporbliihen von Abbazia, Lussin und Ragusa; in zielbewuflter Weise
wies er auch auf die wirtschaftliche Bedeutung dieser Landstriche fiir Osterreich
hin. Seine Reisen in die anderen Kulturlander, bei denen er, wie aus seinen
Tagebuchern hervorgeht, immer reges Interesse, nicht nur deren Schonheit,
sondern auch deren wissenschaftlichen und Kunst-Instituten, sowie deren
sanitaren Verhaltnissen entgegenbrachte, gaben ihm Gelegenheit, reiche Erf ahrung
in alien diesen Dingen zu sammeln, und HeBen ihn nie ermiiden, auch immer
das Beste fiir Wien und sein Vaterland Osterreich, das er wahrhaft liebte,
anzustreben. Als leitender Arzt und Professor im Krankenhause gewohnt,
seine auf Erfahrung und gesunden Menschenverstand fufienden Befehle und
Vorschlage genau beachtet und in Kenntnis seines impulsiven Temperaments
von den unterstehenden Hilfskr&ften auch rasch durchgefuhrt zu sehen, stieC
er bei seinen weitausgreifenden Planen nun des ofteren auf Widerstand. An-
fangs allerdings nur vereinzelt; aber noch kannte er keine Schwierigkeiten.
Nur seiner Zahigkeit, Ausdauer und wahren Opferwilligkeit war es moglich,
die Grundung der ersten Lungenheiistatte fiir Arme in Osterreich, der Heil-
anstalt »Alland« durchzusetzen. Nicht nur ihr arztlicher Griinder, der sie zur
Zentralstelle aller wissenschaftlichen Tuberkuloseforschung in Oster-
reich machen wollte, sondern auch ihr materieller Urheber ist v. Sch., der durch
Sammlungen die notwendigen Betrage aufbrachte. Dieses A 1 1 a n d war eine
Lieblingsidee von ihm. Wir finden bei v. Sch. ab und zu soich eine Lieblings-
idee, die, als wertvoll erkannt, von ihm festgehalten, verfochten und durch-
gefuhrt wird, ohne Rucksicht auf das Verhaltnis der notwendigen Kraft zum
Erfolg, in der Ansicht, dafl das von ihm als gut und niitzlich Erkannte auch
von anderen, selbst mit persflnlichen Opfern unterstiitzt werden mtisse. Das
macht oft Feinde, und manches herbe, temperamentvoll schroffe, wenn auch
wahre Wort bricht nicht den Widerstand, sondern verdoppelt ihn.
Neben alien diesen dem offentlichen Leben und Wohle gewidmeten Lei-
stungen war v. Sch. unermiidlich wissenschaftlich tatig. Sein Lehrbuch der
Kehlkopf-Krankheiten gehort zu den klassischen, medizinischen Werken;
klassisch nicht nur seinem Inhalte, sondern auch der Sprachweise nach, in der
die scharf prazisierende Eigenart zum Ausdrucke kam; in Ziemssens Handbuch
behandelte er die Kapitel der Herzkrankheiten; er veroffentlichte in dieser
Zeit auch eine Reihe kleinerer Aufsatze aus der inneren Medizin, deren urn-
fassendes Gebiet ihn immer wieder beschaftigte. Auch in seiner Privatpraxis,
Schrtttter. * j
die die allgemeine innere Medizin betraf, kam dies zum Ausdruck. Seine
Sicherheit und Meisterschaft im Gebiete der Laryngologie hatte er 1888
bei der Berufung nach San Remo zu dem kranken deutschen Kaiser Friedrich III.
auch aufierhalb seines Vaterlandes zu zeigen Gelegenheit. Trotz all dieser Er-
folge iiberwog in v. Sch. aber doch der Wunsch nach dem Lehrstuhl eines
allumfassenden Faches, wie es die innere Medizin war; so wie er schon seit
Jahren eine interne Abteilung leitete, so bemuhte er sich nun um die Errichtung
einer neuen internen Klinik, einer dritten an der Wiener Universitat. Er hatte
Freude am Lehren und war ein guter Lehrer. Ein lautes, allerdings nicht schmieg-
sames Organ, eine gutgefiigte, fliefiende Rede, die Betonung und Zusammen-
fassung des Praktisch-Wichtigen, die Gabe, gut und vieles und zur richtigen
Zeit zu demonstrieren, machten seine Vorlesungen uber innere Medizin als
Grundlage des klinischen Arbeitens fiir die Studenten unschatzbar. Mit seinem
Sinne fiir das Notwendige und Praktische hatte er seine Klinik baulich von
allem Anfange an als die modernste eingerichtet ; in dem amphitheatralischen,
lichten, hohen Horsaal liefl er die Biiste seines unvergeBlichen Lehrers Skoda
aufstellen. Hier hielt er seine wahrhaft klassischen Vorlesungen uber die physi-
kalische Diagnostik im Sinne Skodas. Es gait unter den Studenten der Medizin
als ungeschriebene Regel, die ersten klinischen Semester bei v. Sch. zu horen ;
denn seine Klarheit, Einfachheit und Sicherheit in der Untersuchung und
Vorstellung der Kranken bot dem Horer die beste Moglichkeit, sich in dem
schwierigen Gebiete der Internen anfangs zurecht zu finden.
Neben seiner Tatigkeit als Kliniker war in diesen Jahren fast seine
ganze ubrige Zeit durch die Ausfuhrung des Allandprojektes eingeriommen,
welches 1896 zur Eroffnung der Heilstatte fuhrte. Damit war sein zweites
Lebenswerk — das erste war der Ausbau der Laryngologie — vollendet. Neben
einer Reihe kleinerer wissenschaftlicher Arbeiten publizierte er in dieser Periode
seine »Erkrankungen der Gefafie* und »die Erkrankungen des Herzfleisches«,
wozu ihm eine seltene Erfahrung zustatten kam. Auf dem Kongresse fiir innere
Medizin zu Karlsbad war ihm das Referat uber die Herzinsuffizienz iibertragen,
welche Aufgabe er glanzend loste. Jetzt besuchte er auch wieder haufiger
Kongresse und regte in Paris die Einsetzung einer permanenten internationalen
Kommission zum Studium der Tuberkulose an, wodurch er zum geistigen
Urheber der internationalen Vereinigung gegen die Tuberkulose wurde.
Aus der bisherigen Schilderung des Entwickelungsganges und der Lebens-
arbeit v. Sch.s geht hervor, dafi er bei seinen vorziiglichen Anlagen, bei seinem
immensen FleiBe und seinem Streben nach Gesamtbildung als Arzt und Mensch,
bei seinem Sinn fiir das real Wahre und seiner Zahigkeit am Festhalten des
von ihm als gut Erkannten, die kaum eine Toleranz fiir anderes gestattete,
wahrhaft GroCes und Bedeutendes geschaffen hat. Er war eine gewaltige,
kraftvolle Personlichkeit. In den letzten Jahren hatte er die Fiihlung mit
derAuffassung der modernen Zeit mit ihren geanderten Lebensanschau-
ungen etwas verloren. Nicht als ob er den neuen Entdeckungen und neuen
Erfindungen nicht voiles Interesse entgegengebracht hatte; wo es sich um
wirklich Greifbares, Positives handelte, da blieb er ein eifriger Verfechter.
Hatte er doch in den letzten Jahren seines Lebens die neuesten Errungenschaften
der elektrischen Lichttechnik fiir die Verbesserung eines Broncho- und Osopha-
goskops verwendet. Aber der G e f u h 1 s auffassung der modernen Zeit, die
2 2 Schrtftter.
ihren Ausdruck in den neuen Formen der Kunst und der Musik findet, dem
Streben nach ungebundener Freiheit jedes Individuums, dem ungestumen
Drangen nach Gleichberechtigung aller im Staate, ob sie nun etwas leisten
oder nicht, dem alles nivellierenden Amerikanismus der Zeit, dem Niederreiflen
jedes Autoritatenglaubens, dem alien stand er, der sich vor seinen einstigen
Lehrern auch noch mit 70 Jahren demiitig neigte, kampfend gegenuber, doch
nicht imstande, in dieser Zeit, die alles anders wertet, zu siegen. Er mafl zu
oft noch mit dem Maflstab aus Skodas Zeit so manchen kleinen Epigonen, und
die Ansichten der entschwundenen wuchtigen Jugendzeit traten ohne Hemmung
hervor. Nur wer viel und Grofies geleistet, hatte Anspruch auf eine Ausnahme-
stellung im Leben. Auch war er kein Hofmann. Dafi Wahrheiten auch storend
wirken konnen, empfand er nie. Manch wahres, aber rauhes Wort vermehrte
seine Feinde, und mancher Schlag, gegen ein als falsch und schlecht verachtetes
System gerichtet, traf unvermutet auch das eigene Gefolge. Doch die Ver-
wundung seiner Gefolgschaft erachtete er fur geringer als die Verfolgung des
Gegners. Die Sentimentalitat seiner Jugend, die aus seinen Tagebiichern spricht,
hatte auch ihm das rauhe Leben abgewohnt; er hatte gelernt auf Dank ver-
zichten. Doch die Samen, die er gesaet, sie werden reichlich aufgehen, und die
Baume, die er gepflanzt, sie werden bliihen und herrliche Friichte tragen. Tau-
sende von Schulern gedenken in inniger Verehrung seiner Lehren, Tausende
und aber Tausende von Lungenkranken werden ihm ihre Ruckkehr zum Leben
danken; die internationale Vereinigung gegen die Tuberkulose nimmt einen
gewaltigen Aufschwung, alles folgt ihrem Rufe in diesem Kampfe; die sonnigen
Kiisten Dalmatiens erwachen zum erstenmal aus ihrem tiefen Schlummer seit
der Romer Zeiten!
Als im April des Jahres 1908 der I. Internationale Laryngo-Rhinologen-
KongreB in Wien tagte, hielt v. Sch. als altester Laryngologe und Ehrenprasident
des Kongresses — die besten der alteren Laryngologen zahlte er zu seinen
Schulern — eine mehr als einstiindige, jugendfrische, meisterhafte Festrede
uber die beiden Begriinder der Laryngologie Turk und Czermak. In der Nacht
desselben Tages machte ein Schlaganfall seinem reichen Leben ein Ende. Die
Stadt Wien widmete der Asche ihres treuen Burgers fur seine Verdienste um
das Wohl und das Ansehen der Stadt ein Ehrengrab.
Quellen zur Biographie: 1. Curriculum vitae. Von Schrotter selbst geschrieben. — 2.
Tagebiicher von 1853 — 1877, m Besitze der Familie. — 3. Zur Erinnerung an Anton Ritter
Schrotter von Kristelli. Wien 1905. Aniafilich der feierlichen Enthullung des Denkmales auf
dessen Ehrengrab. — 4. Zum 70. Geburtstage von Hofrat Professor Dr. Leopold Schrotter,
Ritter von Kristelli. Dr. E. Frank. Munchener med. Wschr. 1907, Nr. 6. — 5. Hofrat Pro-
fessor Dr. Leopold Schrotter Ritter von Kristelli. Professor M. Groflmann. Monatsschr.
f. Ohrenheilk. 1907, Bd. XLI, H. 1. — 6. Lejubile de Monsieur le Professeur Schrotter (de Vienne).
Notes biographiques par le Dr. F. Helme. Archives internationale s de laryngologie 1897. —
Die wichtigsten Werke: Exstirpation eines Kehlkopfpolypen. Wiener med. Presse 1865. —
Uber die Temperaturverhaltnisse bei der kruposen Pneumonic und die Wirkung verschiedener
Herzmittel. Monatsabh. d. Kaisl. Akademiei868. — Jahresberichte der Klinik fur Laryn-
goskopie. Wien, Braumuller. 1871 — und laryngolog. Mitt. 1871 — 1873. Braumiiller. 1875.
— Beitrag zur Behandiung der Larynxstenosen. 1876. Braumuller. — Die Herzkrank-
heiten in Ziemssens Handbuch. 1876 — 1877. — Vorlesungen uber die Krankheiten des
Kehlkopfes. Braumuller. 1887. — Vorlesungen uber die Krankheiten der Luftrohre. Ibidem
1896. — Ober Herzinsuffizienz. Karlsbad (Kongrefi f. innere Med.) 1901. — Erkrankungen
Schr<3tter. Bacher. 33
dcs Herzfleisches. Pericarditis in Nothnagels Handbuch. — Erkrankungen der Gefafle (Ar-
terien und Venen). Ibidem 1 902. — Hygiene der Lunge. In 5 Sprachen ubersetzt. Verl.
Moritz in Stuttgart. 1903. — Erste Hilfe bei inneren Erkrankungen.
Priv.-Doz. Dr. Carl Reitter.
Bacher, Eduard, Dr., Chefredakteur und Herausgeber der »Neuen freien
Presse« in Wien, * 7. Marz 1846, t 16. Januar 1908. — B. wurde in der deutschen
Stadt Postelberg im Saazer Kreise Bohmens geboren. Fiir den kiinftigen Po-
litiker und politischen Schriftsteller war der Boden mafigebend, in dem seine
friiheste geistige Entwicklung wurzelte, wo er die fruhesten Eindriicke seines
nationalen Empfindens erhielt, die sich seiner Denkungsart zeitlebens ein-
pragten. Seine Vaterstadt und die im duftigsten Hopfengelande eingebettete
Gymnasialstadt Saaz, wo B. seine Jugend verlebte, lagen zu Beginn der zweiten
Halfte des vorigen Jahrhunderts noch feme vom groCen Weltgetriebe. Der
Schienenstrang erstreckte sich noch nicht in diese idyllische Gegend, altvate-
risches Behagen lagerte iiber diesen kerndeutschen Orten, an welche die slavische
Flut noch nicht heranreichte. Niemand traumte davon, dafi wenige Jahrzehnte
spater die nationale Sturzwelle auch hier deutschen Boden bespulen und manche
deutsche Scholle mitreifien werde.
Wahrend B. seine humanistischen Studien in Saaz vollendete, vollzogen
sich grofle weltgeschichtliche Ereignisse; die innere Gestaltung der osterreichi-
schen Monarchic erf uhr eine Umwalzung. Die absolutistische Ara war zusammen-
gebrochen, die Geister der Jahre 1848, die ein Jahrzehnt unter dem Sargdeckel
des feudalen Klerikalismus begraben waren, wurden wieder lebendig. Laut
tonte der Ruf nach dem Selbstbestimmungsrecht des Volkes. In Bohmen
verlangten die Volksstamme nationale Selbstverwaltung und die Tschechen
begannen den Kampf fiir die Wiederherstellung der Selbstherrlichkeit der Lander
der Krone Bohmens, mit den alten Grenzen des Przemyslidenreiches. Es gellte
der Schlachtruf durchs Land: Hie Deutsche! Hie Tschechen! In alien Stadten
und Gemarkungen Bohmens pulsierte ein kraftiges politisches Leben. Das
Burgertum drangte nach Erweiterung seiner Freiheiten und Rechte, Amt und
Schule wurden zu hart umstrittenen Kampfobjekten im nationalen Wett-
bewerb. Die heranwachsende Jugend nahm mit brennender Begier Stellung
zu den Tagesfragen, ein edler Wetteifer forderte die Befreiung der Geister.
Lehrer und Schuler waren Kampfer fur nationale Interessen und politische
Ideale; Indifferentismus gait fiir Charakterschwache. Mitten in diese Ent-
wicklung fielen die Schrecken des Krieges vom Jahre 1866 und das Ausscheiden
Osterreichs aus dem Deutschen Bunde.
Zu dieser Zeit hatte B. seine juridischen Studien an der Prager Universitat
begonnen und nahm mit seinen Kollegen an der nationalen Bewegung regen
Anteil. Die nationale Frage in Bohmen war nun erst recht die Herzensfrage
der deutschen Jugend geworden. Noch war die Carolo-Ferdinandea ungeteilt,
aber der Kampf um die Universitat hatte eingesetzt, die Erinnerung an den
Rektor Johannes Hufi und an die Austreibung der deutschen Lehrer und Stu-
denten aus Prag wurde geweckt. Brinz, Hasner, Herbst, Hofler, Schulte traten
fiir das Recht der Deutschen auf die Universitat mit Warme ein, die deutsche
Studentenschaft stand hinter ihnen. Dennoch verscheuchte das Kampfgeschrei
deutsche Professoren und Schuler auch diesmal aus Prag. B. und eine Reihe
Biogr. Jahrbuch u. Dcutjchcr Xekrolog-. 13. Bd. 3
*a Bacher.
seiner Studiengenossen kamen nach Wien. Hier vollendete er seine Rechts-
studien und erwarb den Doktorgrad.
Das groOe Interesse mit dem B. die Peripetien der politischen Ereignisse
verfolgte, veranlafite ihn schon wahrend der Prager Studienjabre sich an dem
parlamentarischen Leben zu betatigen. Er arbeitete im Stenographenbureau
des bohmischen Landtags und fand so fruhzeitig Gelegenheit, das aufiere Ge-
triebe und die Geschaftsordnung des Landtags kennen zu lernen und einen
klaren Einblick in das parlamentarische Formenwesen wie in alle Verfassungs-
und nationalen Streitfragen zu erlangen. In Wien setzte er diese Tatigkeit
im Reichsrate fort und war Revisor im Connschen Stenographenbureau.
Seine Schrift war von einer dem Auge wohltuenden Ebenmafiigkeit, in den
Schriftzugen spiegelte sich die Ruhe, Kraft und Entschiedenheit seines
Charakters. Er gait als einer der besten Stenographen jener Periode.
Nach vollendeten Rechtsstudien war B. ein tuchtiger, scharfblickender
Jurist geworden. Die klare juristische Distinktion blieb die feste Grundlage
seines Denkens. Er absolvierte sein Gerichtsjahr und dachte einen Augenblick
daran, sich der Rechtsanwaltschaft zu widmen. Aber der Trieb zur offentlichen
Betatigung uberwog, und B. trat im Jahre 1872 in die Redaktion der »Neuen
freien Presses ein, die im Jahre 1864 als das publizistische Sprachrohr des
damals machtigen und emporstrebenden deutschliberalen Burgertums, von
Max Friedlander und Michael Etienne gegriindet, bereits zu groBer Macht und
Ansehen gelangt war. Seiner Neigung entsprechend arbeitete er in erster Reihe
als Parlamentsreporter. Damals entsprach der Reichsrat noch voll seiner
legislatorischen Aufgabe, die Arbeitstatigkeit des Parlaments war fruchtbar.
B. lenkte durch seine Erorterungen der parlamentarischen Geschehnisse, die
sich durch sachliches Urteil und Gediegenheit der Form bemerkbar machten,
die Aufmerksamkeit der politischen Welt auf sich. Kurz nach dem Eintritt
B.s in die Redaktion starb Max Friedlander, und wenige Jahre spater wurde
B. die Leitung des innerpolitischen Teiles des Blattes ubertragen. Er hielt
die traditionelle Richtung der groCen Zeitung fest. In konsequenter Weise
hielt er den deutsch-zentralistischen Standpunkt aufrecht und vertrat die
Forderung freiheitlich fortschrittlicher Entwicklung auf alien Gebieten der
Justiz und Verwaltung und das zu einer Zeit, als sich bereits Risse in der Staats-
einheit zu bilden begamnen und eine immer mehr anwachsende ruckschrittliche
Stromung den altliberalen Standpunkt als obsolet bezeichnete.
Seiner politischen Uberzeugung ist B., trotz aller Wandlungen, die sich
vollzogen, unentwegt treu geblieben. Vornehmlich in der Beurteilung der Ziele
der tschechischen Politik in Bohmen, gegen die er hartnackig und mit grofiem
Geschick zu Felde zog, lieO er sich durch keine Macht abbringen. Er kampfte
gegen die Anfeindungen der Regierungen, deren gefahrlichste Waffe gegen die
Pressc, die Beschlagnahme, er oft genug zu fiihlen bekam, und liefi sich auch
durch den Opportunismus, welchem die deutschliberale Partei verfiel, von
seiner Richtlinie nicht abdrangen. So kam es, dafi er zur Zeit, als sich das Regime
Taaffe vorbereitete und die sogenannten Emmersdorfer Konferenzen bei Dr.
Adolf Fischhof stattfanden, gegen die Absicht, dem Foderalismus die Bahn frei
zu machen, publizistisch auftrat.
In diesem kritischen Momente starb am 24. April 1879 der zweite der
Grunder des Blattes Michael Etienne. Wenige Monate spater trat B. als
Bacher.
35
Chefredakteur der »Neuen freien Presse« an erste Stelle. Seine Kollegen im
Blatte liefien keinen Zweifel daruber, dafi sie seine hervorragende Eignung
zum Leiter anerkannten. Ungefahr zwei Jahre spater teilte sich der gegen-
wartige Herausgeber und Chefredakteur Moritz Benedikt mit ihm in die
Fuhrung des Blattes. Die Ara Taaffe hatte begonnen, der parlamentarische
Kampf urn die Mehrheit im Reichsrate sollte in Bohmen entschieden werden.
In diesem Kampfe fand Graf Taaffe in B., der mit seinen Artikeln uber die
bohmische Frage gar oft die Erfolge der vereinigten Foderalisten und Klerikalen
zerstorte, einen nicht leicht zu besiegenden Gegner. B. deckte die gewundenen
Pfade der Taaffeschen Politik auf, warnte vor der beschleunigten Slavisierung
Osterreichs und erhob flammenden Einspruch gegen die Rechtsbeugung und
Verfassungsverletzung, die immer geringeren Widerstand bei der deutsch-
liberalen Partei fand. Aus jener Zeit stammt das gegen B. gemunzte Wort
des Grafen Taaffe, es scheme, man musse ein so »gelernter Deutschbohme* wie
der Chefredakteur der »Neuen freien Presses sein, um die von der Regierung
gefuhrte »Verstandigungsaktion« zu bekampfen.
In mehr als dreifiigjahriger aufreibender Arbeit hatte B. seinen groBen
publizistischen Anteil an den Wandlungen der Geschichte Osterreichs. Trotz
der Anonymitat seiner Artikel, mit denen er die Tagesereignisse begleitete,
erkannte das groBe Lesepublikum der »Neuen freien Presses das originelle
Wesen seiner Schreibart an dem logischen Aufbau, der klaren Ausdrucksweise
und dem klassischen Stil, der seine schriftstellerischen Arbeiten auszeichnete.
Er schopfte aus innerster Uberzeugung, aus klarer Erkenntnis, tiefem Wissen
und reicher Erfahrung. B. war ein Gegner jeder Sensationshascherei ; was er
darlegte, wirkte durch die Macht der Arguments Er vermied es seine Schriften
mit fluchtigen Lesefriichten zu fullen, seine Exposition fiihrte im breiten Strome
der Gedanken muhelos zur logischen Konklusion. Alles was er zu Papier brachte,
war vorher klar durchdacht. Ehe er sich zum Schreibtisch setzte, ging er mit
ruhig gemessenen Schritten im Arbeitszimmer auf und ab. Wer ihn dabei
beobachtete, konnte die geistige Arbeit formlich ihm aus den Augen lesen und
an den Reflexbewegungen seiner Mienen beobachten. Setzte er sich sodann vor
das Papier, dann flofl der fertige Gedanke rasch durch die Feder, und selten
wies sein Manuskript Korrekturen auf. Was er scharf durchdacht, stand dann
plastisch vor seiner Seele. In seinen reifen Jahren verbluffte B. durch sein
erstaunliches Gedachtnis, das ihn befahigte, einmal Gehortes oder Gelesenes
oft wortgetreu wiederzugeben.
Im Leben von grofler Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit mied er
den groflen, gesellschaftlichen Verkehr. Das aufreibende Tagewerk des
Journalisten, der es mit seinem Berufe ernst meint, gestattet ihm wenig
Ablenkung von der Arbeit, die ihn im sttirmischen Wirbelwind der Geschehnisse
wie an das Rad des Ixion gefesselt halt. Trotzdem stand B. in regem
brieflichen und mundlichen Verkehr mit einer groBen Zahl intellektueller
GroBen und erfreute sich einer besonderen Wertschatzung Professor Nothnagels,
des beruhmten Klinikers. Der verewigte Kronprinz Rudolf beehrte ihn
wiederholt durch sein Vertrauen und erbat sich seinen Rat in literarischen
Fragen.
In den aufregendsten Episoden der Tagesgeschichte wahrte er seine Ruhe
und voile Gemessenheit, eine nachdenkliche Behabigkeit bildete den Grundzug
3*
36 Bacher.
seines Wesens. Er kam fast nie in Affekt. Mit fester Hand deckte er die
Schwachen und Fehler der Zeit auf, zergliederte mit unbeeinflufiter Kritik
die Fehier und triigerischen Gestaltungea der Politik, hielt sich aber moglichst
fern dem personlichen Gezanke und kampfte mit offenem Visier gegen den
Gegner. In glanzender Weise erwies B. sein scharfes, juristisches Urteil in
einer Schrift, in welcher er dem Schriftsteller- und Journalistenverein »Con-
cordia« T dessen Mitglied er war, ein Referat unter dem Titel: »Die Ehre der
Zeitung* erstattete. Den Anlafl bot ein Ehrenbeleidigungsprozefi der Schrift-
leiter der alldeutschen »Ostdeutsche Rundschau* gegen eine beleidigende
Rede des Abgeordneten und Wiener Gemeinderates Bielohlawek. Der Be-
leidiger war in zwei Instanzen zu vierundzwanzig Stunden Arrest verurteilt
worden. Nach dem Urteile vom 22. Januar 1902 erhob der Generalprokurator
die Beschwerde zur Wahrung des Gesetzes. Der Oberste Gerichtshof hob das
Urteil auf, wies die Angelegenheit dem Landesgerichte zu neuerlicher Urteils-
fallung zu, und nun wurde das fruhere Urteil umgestofien und Bielohlawek
freigesprochen. In der Begriindung der oberstgerichtlichen Entscheidung kam
erstaunlicherweise der Satz vor: »Die Anschauung, dafi eine Zeitung ein taug-
liches Objekt fiir eine Ehrenbeleidigung bilden kann, ist ein Rechtsirrtum«.
In einer aufierordentlichen Versammlung der »Concordia«, welche einem Proteste
gegen diese sonderbare Feststellung des Obersten Gerichtshofes gait und zu
der auch die juristischen Koryphaen des Abgeordnetenhauses erschienen waren,
zerfaserte B. in geistvoller Weise den Trugschlufi des Gerichtes. Er wies den
wahren Sinn dieses Rechtsspruches dar. Der Syllogismus des Urteils besagte:
»Eine Zeitung ist eine Ware, eine Ware kann nicht beleidigt werden. Wenn
nun doch jemand eine Zeitung beleidigt, so fehlt das taugliche Objekt fiir die
strafbare Handlung und der Beleidiger ist straflos« — freilich mufi man dann
voraussetzen, dafi der Beleidiger sinnlos und unverniinftig handelte, denn dafi
man ein Stuck Papier nicht beleidigt, hat auch Herr Bielohlawek gewufit, und
trotz des Urteils des Obersten Gerichtshofes zweifelte niemand daran, dafi
letzterer den hinter der Zeitung stehenden Schreiber beleidigen wollte, und
darauf allein kommt es an.
In den letzten Jahren seines Lebens erlahmte infolge einer Herzkrankheit
seine starke Arbeitskraft. Die gewaltigen Umwandlungen in der Zeitungs-
industrie, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen, seit Telegraph und
Telephon taglich aus den entferntesten Landern und Weltteilen Nachrichten
mit Blitzeseile vermitteln, vervielfaltigt die Arbeit des Tagesschriftstellers und
stellt oft ubermafiige Anforderungen an sieine Nerven. Diese Unrast, die sich
steigernde fieberhafte geistige Anspannung, standen in grellem Gegensatz zu
seiner physischen Abspannung. Die atembeklemmende Eile der Arbeit, das
zuweilen vorschnelle Urteilen iiber Geschehnisse widersprachen seiner griindlich
erwagenden Denkungsweise. Sein schweres Leiden verhinderte ihn in seinen
letzten Lebensjahren mit der machtigen Entwicklung der »Neuen freien Presses
Schritt zu halten. Er sehnte sich nach Ruhe, konnte aber ohne die gewohnte
Arbeit nicht leben. Nur allmahlich liefi er die Leitung des grofien Unternehmens
in jungere Hande gleiten. Trotzdem bedeutete sein Tod einen grofien Verlust.
Andere Kampfer traten in die Bresche, das grofie Werk, die Zeitung, der er
sein Leben gewidmet, schreitet machtig anstrebend vorwarts, aber die Eigenart,
die B. vertrat, die originelle Marke, die er dem Blatte aufgepragt, die bei dem
Bacher. Rohr. Altenthan-Weyerhaus. 37
Lesepublikum ihm Popularitat verschaffte, ist geschwunden. In der journalisti-
schen Tradition pflanzt sich die Erinnerung an seine schriftstellerischen Er-
fol g e fort ' GustavKolmcr.
Rohr, Paul Theodor, Landschafts- und Bildnismaler, * 25. November 1864
in Chemnitz (Sachsen), "f 2. November 1908 in Pasing-Munchen. — R. kam,
da die Neigung zum Zeichnen und Malen fruhzeitig hervortrat, durch die nach
Dresden ubersiedelten Eltern von der Schule weg in eine lithographische An-
stalt. Nach dem Tode des Vaters (1883) ging, n&chst der Sorge fiir die
Mutter, das Bestreben des braven Sohnes dahin, durch Anstrengung und Ent-
behrung die Mittel zum Besuch der Akademie bei Schonherr, Preller, Pohle
und Pauwels zu ermoglichen. Und der Jiingling errang als Preis ein Reise-
stipendium und die ehrende Auszeichnung des Ankaufs einer seiner Portrat-
Arbeiten fiir die Akademie. Im Jahre 1898 ubersiedelte R. mit seinem in-
zwischen gegriindeten Haushalt nach Pasing-Munchen, wo in unermudlich
heiterer Freude Landschaften und wohlgelungene Bildnisse (darunter des
Bildhauers Julius Zumbusch, nebst einer alteren Dame) entstanden, die ihm
von den Ausstellungen zu Miinchen, Berlin und Dresden mannigfachen Ruhm
einbrachten. Aber nur zu bald schloO ein schleichendes Leiden die ehrenreiche
Laufbahn.
Kunstvereinsbericht f. 1908, S. 22. H y a C H 1 1 a n d.
Grundherr zu Altenthan und Weyerhaus, Adolf von, Genremaler, * 30. Sep-
tember 1848 zu Miinchen, (Sohn des aus einer alten Niirnberger Patrizierfamilie
stammenden K. b. Majors und Zeughausdirektors Sigmund von G.), f 6. April
1908. — G. hatte nach Absolvierung aller Vorbedingungen das Studium
der Jurisprudenz an der Universitat begonnen, als er auf Veranlassung und
Rat des Akademiedirektors Wilhelm von Kaulbach zur Kunst iiberging, welcher
sich G. zuerst bei August yon Kreling in Nurnberg, dann bei Piloty und
Andreas Muller in Miinchen mit solchem Eifer (1872 — 81) widmete, da6 der
vielversprechende Jiingling durch ein Staatsstipendium ausgezeichnet, eine
langere Studienreise nach Italien zur weiteren Ausbildung unternehmen konnte.
Seine geniale Phantasie und reiche Kompositionsgabe bewies G. mit einer
Menge von kunstgewerblichen Zeichnungen, Karton- und gefalligen Bildern,
darunter beispielsweise ein neues Titelblatt zu J. J. Webers »Meisterwerke
der Holzschneidekunst« 1887, Bd. 9, »Die kleine Liese am Brunnen« nach
Chamisso (als Holzschnitt in Nr. 34 Ober Land und Meer 1889, Bd. 62), »Heide-
prinzeBchens Toilette« und »Der Widerspenstigen Zahmung«, mit Wand-
gemalden im Cramer-Klett-Hause (1898, 1899 und 1907), im Treppenhaus der
Miinchener Versicherungskammer (1904), im Saal des Akademischen Gesang-
vereins, in der Niirnberger Peterskirche (1900), am Plafond der Kirche in Klein-
sorheim bei Nordlingen (189? . Fiir die Hof-Glasmalerei-Anstalten von E. X.
Zettler und Burckhardt fertigte der in verschiedenen Stilarten wohlbewanderte
Kiinstler durchgebildete Kartons zu den Fensterbildern im Boudoir der Konigin
von Rumanien und des Miinchener Rathauses; ebenso lieferte er Vignetten
und Randzeichnungen zu Prachtausgaben deutscher Dichter usw. Als Krone
seiner kunstgewerblichen Entwiirfe kann der »Ein LebensschifT« betitelte
3 g Altenthan-Weyerhaus. Radlkofcr.
Tafelaufsatz gelten, welchen der vielgewandte Goldschmied Theodor Heiden
flir den Kommerzienrat von Grundherr in Niirnberg in uberraschendster Weise
und Schonheit zur Ausfuhrung brachte.
Vgl. Fr. v. Botticher 1891, Bd. i, S. 421; Singer 1906, Bd. 6, S. 117; Kunstvereins-
bericht f. 1908, S. 17. u u 1 1 j
Hyac. Holland.
Radlkofer, Max, Philolog und Historiker, * 6. August 1836 in Munchen,
Sohn eines magistratischen Rechtsrats (zu dessen bleibendem Ehrengedachtnis
eine Strafie benannt ist), f 4. Dezember 1908 als Studienlehrer zu Augsburg. 1 ) —
R. betricb mit vielseitiger, auch poetiseher Veranlagung, das Studium der
klassischen Philologie und historischen Wissenschaften, wobei er durch H. von
Sybels Seminar die bleibende Grundlage fur seine spatere Lebenstatigkeit ge*
wann. Nach dem Staatsexamen i860 und sechsjahriger Praxis im k. Reichs-
archiv iibernahm R. fur kurze Zeit die Leitung der Privatlateinkurse zu Deides-
heim, dann die Professur an der Lateinschule zu Burghausen, die er mit Giinz-
burg vertauschte, bis er 1889 seines Augenleidens wegen nach Augsburg in den
Ruhestand ubersiedelte. Den Schwerpunkt seiner Forschungen auf die Zeit
des Bauernkrieges, der Humanisten-Bestrebungen und gleichzeitiger Er-
scheinungen des sechzehnten Jahrhunderts beschrankend, hatte er die Gabe
nicht allein friiher erforschte Stollen mit bestem Erfolge neu abzubauen und
immer neues archivales Material auszuschurfen, wie ein gluckhafter Bergmann
frische Adern anzuschlagen und ungeahnt reichhaltige Ausbeute zu erheben:
Alles mit rastlosem Fleifi, umsichtiger Sorgfalt anziehend gestaltend. Den
Anfang machte R. 1877 m it einem literar-historischen Trio, in welchem er die
sarkastischen Sebastian Brant, Thomas Murner und Erasmus im heiteren
Clair -obscur ihrer Werke erfafite: das Narrenschiff, die Schelmenzunft und
Narrenbeschworung und das »Laus Stultitiae* in unverkennbarer Affinitat und
im Zusammenhang der ubrigen luftreinigenden Werke der genannten Drei in
frohlicher Beleuchtung brachte: eine meisterliche, weitblickende Leistung,
welche leider in den Jahresberichten der Burghauser Studienanstalt vergraben
blieb. Darauf folgte in gleicher Verborgenheit eine »Auswahl deutscher Syn-
onima« (1881) und die muhsamen Regesten iiber die von 942 bis 1644 (1743)
reichende Familie der »Gufien von Leipheim«r, wahrend gleichzeitig sein aus
enormem Quellenmaterial aufgebautes Hauptwerk iiber den wanderfrohen
Agitator Johann Eberlin von Gtinzburg und dessen Vetter Pfarrer Hans Jakob
Wehe von Leipheim (Nordlingen 1887 bei Beck, XI, 653 Seiten, 8°) erschien,
ein Appendix zu den Fachwerken von Riggenbach, Jorg, Baumann und Druffel,
zugleich mit weiteren Ausblicken iiber die Bauernbewegung in Oberschwaben
von Februar und Marz 1525 bis zum Ausbruch des Krieges und einer Geschichte
des auch im Volksliedc nachklingend morderlichen Leipheimer Haufens. Weiter
folgten (1893) die Erhebungen iiber »Die Humanisten und Arzte zu Augsburg
im XVI. JahrhundcrU ,\velche sich als Schriftsteller, Dichter, Obersetzer,
x ) Der altestc Bruder, Geheimrat Dr. Ludwig von Radlkofer, feierte als Uni-
versitatsprofessor und Konservator des Botanischen Gartens, am 19. Dezember 1909. in neidens-
wcrter Frische scin achtzigstes Lebensjahr. Ein Bruder Otto von Radlkofer, ein
ausgczeichneter Jurist, starb am 21. Marz 1904, siebzig Jahre alt, als Senatsprasident am b
Oberlandesgericht zu Munchen.
Radlkofer. Roegge. 30
Weltreisende, Sammler, Apotheker und Mathematiker hervortaten, darunter
die aus Westfriesland 1494 eingewanderte Familie der Occo, deren Einer ein
beruhmtes Buch uber die Pest verfaflte, auch eine in neun Auflagen edierte
Pharmacopoea und auflerdem als Poet und Numismat glanzte; der Stadtarzt
Sigmund Grimm, der nebenbei Alchymie und Buchdruckerei betrieb und als
solcher die neuestens wieder erweckten Kompositionen des Tondichters
Ludwig Sanfftl verlegte; dann der Chronist Achilles Priminius Gasser (1505 bis
1577), welcher eine Abschrift mit Glossar des Evangelienepos »Krist« des
WeiOenburger Otfried besorgte; Leonhard Rauwolf, der die Ergebnisse einer
dreijahrigen Orientreise in einem zu Lauingen 1582 gedruckten, einst viel-
gelesenen geographischen Wunderwerk der erstaunten Welt verkundete. —
Ein Vortrag R.s behandelte den auch als deutscher Liederdichter bekannten
Prazeptor Bernhard Heupold, welcher allerlei Merkwurdigkeiten der Stadt
Augsburg, ihren Ursprung, Wappen (»die Zirbelnufi der Gottin Cybele*), "die
von Mathias Kager am Weberhaus 1607 gemalten Fresken und den von Elias
Holl 161 5 begonnenen Neubau des Rathauses in vierfuCigen Jamben besang,
auch ein »LoBbuchlein« mit einer kulturhistorischen »Tafel (Deutung) von
Traumen« (Frankfurt 1595) verfaOte und einen 15 18 durch die Welt auf Gast*
rollen reisenden iiber Augsburg prungenden Kometen besang. Eine andere
Arbeit illustriert die Tatigkeit der Augsburger Volksschullehrer und Meister-
singer, darunter den »Stadtgerichtswaibl« Hans Rogel, welcher gleichzeitig
mit dem hochverdienten Stadteplastiker Jakob Sandner ein getreues Holzmodell
der Stadt Augsburg (1568) fertigte, und den dramatischen Poeten Leonhard
Seb. Wild, den (wie August Hartmann erwies) Dichter einer groflen drama-
tischen »Passion«, welche sich in dem heute weltberuhmten »Ammergauer-
Spiel« teilweise erhalten hat. R.s ausdauerndem Forschersinn gelangen
auch neue Erhebungen iiber den aus der Ehe des Erzherzogs Ferdinand mit
Philippine Welser stammenden, als Markgraf Karl von Burgau bekannten zweiten
Sohn (Innsbruck 1907) und dessen ruhfnreiche Teilnahme als spanischer Obrist
in den Niederlanden (1587) und an dem Turkenkriege (1592), einen eifrigen
Jager, Bauherrn, Kunstmazen, welcher zu Giinzburg eine Hofbuchdruckerei
griindete. — Einen grofien Teil seiner Forschungen verarbeitete der fleifiige
R. zu sorgfaltig ausgefeilten Vortragen im Historischen Verein zu Augsburg,
welche teilweise in dessen Publikationen zum Abdruck gelangten, Andere
zahlreiche Elaborate sind in verschiedenen Zeitschriften zerstreut, darunter
beispielsweise eine literar-historische Studie iiber das heitere Volksbuch »Von
den sieben Schwaben« (im 221. Heft von Virchow und Wattenbach, Sammlung
gemeinverstandlicher wissenschaftlicher Vortrage, Hamburg 1895), welches in
der ergotzlichen Bearbeitung Ludwig Auerbachers die weiteste Verbreitung
fand. Leider hat der verdiente stille Mann, welcher so vielen friiheren Autoren
ein neues Ehrengedachtnis setzte und ihre Namen zur weiteren verdienten
Kenntnis brachte, seither keinen Nachruf Jund Nekrolog, nicht einmal ein
vollgultiges Verzeichnis seiner Arbeiten, Vortrage und Schriften gefunden.
Hyac, Holland.
Roegge, Wilhelm, Historien- und Genremaler, * 28. April 1829 zu Oster-
cappeln (bei Osnabruck), | 11. Februar 1908 in Munchen. — R. erhielt als
40 Roegge.
Sohn eines schlichten Burgers den ersten Unterricht durch den Maler und
Lithographen Josef Tepe, der sich riihmte seinerzeit Goethes Interesse erregt
zu haben. Zur weiteren Bildung zog es den Kunstjunger nach dem viel-
gepriesenen Munchen, wo er mit groflen Erwartungen und sehr geringen Mitteln
anfangs 1848 ankam, als gerade die ersten Nachrichten von der Pariser Februar-
Revolution alles in Bewegung brachten und sogar die Professoren der Akademie
mit ihren Schulern daran gingen, die Waffen zu erheben und militarische Korper-
schaften, niemand wuCte wofiir und gegen welche Gefahren, zu bilden. In diesem
fliigge gewordenen Bienenschwarm, wo keiner mehr an Palette und Farbe
oder Meifiel und Richtscheit dachte, wo alle Elemente iiberall in unklaren
Hoffnungen erwartungsvoll ineinanderflossen, war es lange unmoglich fur den
armen angehenden, mit all den neuen Bewegungen vollig unbekannten Scholaren
festen Fufi zu fassen; R. litt, wie ehedem Pietro Perugino in Florenz, grofie
Not und war froh fur seinen knurrenden Magen ein Schiisselchen Klostersuppe
zu finden. Nur schwer, bei allmahlicher Klarung der Dinge, gelang dem Armsten
die Aufnahme in die Malschule bei Professor Anschutz, welcher ihn, die Be-
gabung seines Eleven erkennend, an Philipp Foltz von Bingen empfahl, der
damals im Rufe stand die ungefuge tastenden Talente gehorig einzurenken
und auf die rechten Bahnen zu leiten. Und es ging, freilich mit Ach und Krach.
Das erste unter unsaglichen Miihen und dem vollen Aufwand aller Krafte voll-
endete Bild aus der Geschichte Kaiser Otto des Grofien fand nicht nur An-
klang und Beifall im Kunstverein, sondern sogar Ankauf und Aufnahme fur
das Museum in Hannover. Von da an walteten freundlichere Sterne uber dem
Kiinstler, der sich nun nach Diisseldorf wagte, und durch Josef Kehren bei
Fertigstellung von Rethels Kaiserbildern im Rathause zu Aachen sich betatigen
konnte. Von da flihrte eine griindliche Studienreise nach Holland und spater
nach Oberitalien, dann lieB er sich bleibend zu Munchen nieder. Hier entstand
ein Bild aus dem tragischen Leben des letzten Staufers Konradin; in Folge
davon erhielt R. drei Fresken fiir die Galerie des Bayerischen National-
Museums, darstellend den Heldentod des Markgrafen Luitpold gegen die Un-
garn, Herzog Arnulfs Ausgleich mit Konig Heinrich I. vor Regensburg und
die Stiftung des Kurvereins zu Rense — Stoffe, welche dem Maler zwar geringe
Anziehung boten, aber doch wackere Losung fanden. Als Nachklang dieser
historischen Tatigkeit folgte ein Bild mit »Kreuzfahrern«, welche die heilige
Stadt erblicken, »Heinrichs des Lowen Pilgerfahrt nach Jerusalem« und »Ent-
hauptung des Kufsteiner SchloUhauptmanns Hans Pinzenauer« oder gar eine
»VerstoCung der Hagar« — das war aber doch zu viel »akademische« in der
Foltz- Schule beliebte Luft; R. fuhlte, dafi er auf die Dauer nicht die rechte
Befriedigung in dieser Geschichtsmalerei finden wurde. Sein warmes, gemuts-
tiefes Fiihlen wies ihn auf das Genre, welches ihm erlaubte, frisch aus dem
zunachst liegenden Leben, aus dem direkt Erschauten und Erlebten zu schopfen.
So entstand eine Reihe von anziehenden Novellen, die er dem landlichen Fa-
milien- und Kinderleben entnahm und die ihm mit ihrer freudigen Harm-
losigkeit und trefflichen ansprechenden Mache wohlverdiente weitcre An-
erkennung und Freunde zuzogen, darunter »Grofimutters Licbling«, nasch-
hafte oder Apfel stehlende Knaben, ein »Sonntagsmorgen« und »Zerbrochener
Milchtopf«, 3>FleiBige Madchen am Spinnrade«, j>Frohliche Heimkehr«, »Schach-
spieler* und neugierige »Kammerkatzchen«, Zitherspielerinnen, aber auch
Roegge. Gebhardt. Rau. *\
lustig kneipende Landsknechte und Schnapphahne; ein »Taufzug« und »Findel-
kind«; nette Harmlosigkeiten, die man nicht allein ihrer delikaten Ausfiihrung
wegen gern hatte, sondern auch kauf te und anstandig bezahlte — es war etwas
darinnen von L. Knaus und Vautier; sie gingen eine Zeitlang nach England
und Amerika und wurden mit »goldenen Medaillen« in echter Bronze so haufig
pramiiert, dafi dem Maler die Anlage eines eigenen Kabinetts moglich gewesen
ware; dann lief en lhm Andere den Weg ab. Dafur entschadigten ihn Auftrage
von Konig Ludwig II. fiir dessen Schlofibauten in Schwanstein und Herren-
chiemsee. R. nahm unentwegt die alte liebe Tatigkeit, das »Otium cum
dignitatem genieCend, wieder auf, bis, beinahe unbemerkt, der Tod die Palette
seiner Hand entwand.
Vgl. Spruner,\Yandbilder, 1868, S. 12 u. 42, bzw. Fr. v. Pecht, Munchener Kunst i88S T
S. 242; Botticher 1898, Bd. 2, S. 459 f.; Das geistige Deutschland 1898, S. 572; Singer 1901
Bd. 4. S. 91; Kunstvereinsbericht 1908, S. 20; Nr. 74 d. Allg. Ztg., 14. Februar 1908.
Hyac. Holland.
Gebhardt, Ludwig, Landschaftsmaler, * 20. Juli 1830 in Munchen, f 6. Ok-
tober 1908 daselbst. — G. war von Jugend auf schon ein geborener Kunstler,
ohne absonderliche Leitung genossen zu haben, ein geborener Autodidakt.
Kein Lehrer wies ihm hierbei den Weg, keine »Schule« druckte ihm den Stempel
auf. Kurze Zeit zwar besuchte er die Zeichnungsklasse der Akademie, dann
lief er instinktmaBig in die freie Natur mit Stift und Farbenkasten und bannte,
was ihm in der Nachbarschaft seiner Heimat gefiel, in sein Skizzenbuch oder
auf die Leinwand; die eigenartigen Reize des damals noch nicht regulierten
Isartales, die Gelande des Starnberger- und Ammersees, die Dachauer Moore
oder die Chiemgau-Ufer. Was ihn ansprach nach Form oder Stimmung, das
hielt er fest und machte bald auch Anderen Freude; das heiflt, seine anspruchs-
losen Bildchen wurden gekauft und erfuhren stete Nachfrage. Neues zu schauen,
wagte er sich in die Bergwelt Tirols und uber den Brenner, ins Pustertal, dann
an die Kanale (Haus der Desdemona), den schiffreichen Lido Venedigs und
was ihm von der Adria oder dem Gardasee mit Torbole gelegentlich mitnehmens-
wert in die Wege kam. Am meisten gefiel ihm doch die heimatliche Umgegend,
sein bajuwarischer Karwendel mit Konigssee, Watzmann und Berchtesgaden,
dem Oberaudorfer Schlofiberg, welchen er einmal gar mit Kriegern, Rittern und
den damals beliebten »Reisigen« staffierte. Da es ihm an willkommenen Stoffen
niemals mangelte, hatte er gar keine Zeit fiir Wiederholungen. So verjiingte
er sich immer aufs neue. Das iibte er fort zeitlebens und die Schaffensfreude
litt nicht unter der Last der Jahre. Den Anderen lieC er unbekummert den
Streit der Meinungen und artistischen Moden, liebenswurdig und duldsam.
Als mit dem Selbstportrat viele Bilder und Studien im Januar 1909 aus dem
NachlaG in den Kunstverein kamen, da war in wenigen Tagen alles in festen
Handen.
Vgl. Fr. v.. Botticher 1895, Bd. I, S. 361; Kunstvereinsbericht f. 1908, S. 17.
Hyac. Holland.
Rau, Adolf, Landschafter, * 5. Mai 1867 zu Frankfurt
1908 in Munchen. — R. erweckt unser Interesse, weil er erst
a. M., t 2 4- J un i
nach seinem Todc
a 2 R au « Correggio. Carstens.
als Ktinstler bekannt geworden. Wahrend seiner nach dem Wunsch des Vaters
betretenen Laufbahn zeigte R. auf seinen Geschaftsreisen nach Hamburg und
Siid-Amerika grofie Liebe und Verstandnis und das Bestreben, seine artistischen
Anlagen durch eiferiges Selbststudium zu fordern. Aber spat erst wagte er den
von Fleifl und Begeisterung geleiteten Schritt, an der Hand tuchtiger Lehrer
dem innersten Drang seines Denkens und Fuhlens zu folgen. Seltsamerweise
war es ihm nicht gegonnt zu Lebzeiten in die Offentlichkeit zu treten, welche
seine warmen leuchtenden Farben, sein scharfes Sehen und feines Empfinden
fur Luft und Licht erst nach dem Ableben, aus dem im November 1908 zur
Ausstellung gebrachten Nachlafi, darunter eine »Vermoderte Schleuse* kenneh
und schatzen lernte. So konnte man unter Hinblick auf Chateaubriands «Me-
moires d'outre tombed von Rau, sprechen als einem »Maler nach dem Tode«
oder von seinen »Bildern aus dem Grabe«.
Kunstvereinsbericht f. 1908, S. 20. H y a C H O 1 1 a n d.
Correggio, Max, Landschafts- und Tiermaler, * 21. Juli 1854 in Munchen,
| 12. Mai 1908, — C. war Sohn und Schuler des aus Wolfratshausen stammenden
Hoftheatersangers und Stillebenmalers Josef C. (• 1810, f 1891), bildete sich
an der Akademie in der Zeichnungsschule des Kupferstechers Johanfi Leonhard
Raab und in der Malklasse bei Wilhelm von Diez und errang mit seinen Sport -
bildern und Portrats bald bei alien Nimrod-Jungern einen geachteten Namen.
Dazu verhalfen ihm die »Uberraschten Wilderer«, »Forsters Lieblinge«, »Treib-
jagen« und der anmutende figurenreiche »Knodelbogen« mit dem gefalligen
Arrangement von Portrat, Tierbild und Landschaft. Ein lebensgroBes Bildnis
schilderte den Reichsrat von Poschinger als Jager, ebenso den Prinzregenten
Luitpold inmitten seiner beiden Sohne auf der Fasanenjagd. Auch lieferte C.
Ehrenscheiben, beispielsweise zu dem von der uralten Munchener Hauptschiitzen-
gesellschaft gegebenen HochzeitsschieBen zur Feier der Vermahlung des PrJnzen
Ruprecht mit der schonen Herzogin Marie Gabriele. Ein Gehirnschlag endete
unerwartet, so recht wnedia in vita* die Tatigkeit des Kunstlers, dessen Bilder
durch Holzschnitt und Photographie die weiteste Verbreitung fanden. Vgl.
beispielsweise das Doppelbild »Beim Treibjagen« in (Jber Land und Meer 1885,
S. 1208 und 1209.
Fr. v. Botticher 1895, Bd. i, S. 190; Kunstvereinsbericht f. 1908, S. 15.
Hyac. Holland.
Carstens, Julius Viktor, Landschafts- und Genremaler, * 29. November
1849 in Nusse bei Lubeck, f 15. November 1908 zu Pasing-Munchen. — C.
war Sohn eines Arztes, zum kaufmannischen Beruf (Tuchhandlung) bestimmt;
trachtete, aus sich selbst heraus, in voller Begeisterung fur die Kunst, Maler
zu werden, er uberwand alle Hemmnisse und errang die ersehnte Ausbildung
zuerst bei Paul Thumann in Weimar, der damals auf der Hohe seines Ruhmes
stand, dann bei Ferdinand Wilhelm Pauwels, welcher ihn mit den hollandischen
und belgischen Galerien bejcannt machte. So kam C. als ein Fertiger 1875 nach
Munchen, wo er im Wetteifer mit Weishaupt, Holmberg, Stabli, Schwaben-
Meyer, Ernst Zimmermann, B. von Cederstrom, Gussow, Schachinger, Hocker,
Carstens. Frank. 43
Dill urtd Arthur Langhammer ebenso anregend wirkte, wie seine Individuality
weiter fordernd behauptete. Obwohl zum guten Teil der Sezession entstammend,
hielt er sich doch immer, eigener Intention folgend, abseits derselben. So wurde
er zwar kein Maler der Mode, auch kein Hausseobjekt fiir den Kunsthandler-
kurs, der aber das stolze »anch'io sono pittore« im edelsten Sinne beanspruchen
konnte. Der sonnige Widerschein des Lebens lacht aus alien seinen, Land-
schaft und figurliche Darstellung in gluckhafter Wechselwirkung verbindenden
Bildern. Dazu gehoren ein klosterlicher Auerhahnjager h. la Scheffels »Moengal«
oder »Romaias«; ein im stillen Park lesendes Damchen; vergniiglich auf dem
Schneeweg zur Schule wandernde Kinder; die ungezierte Szene eines im bauer-
lichen Kostum »Vor dem MaskenbalW im Boudoir sich putzenden Madchens;
das in einem Korbe vor der Klosterpforte entdeckte »Findelkind«; die »In
unruhigen Zeiten« ihre kostbaren liturgischen Gewande und Gerate bergenden
Monche; ein frohlich »Maifest« mit blumengeschmiickten Madchen; herzerfreu-
liche »Mildtatigkeit«; auch ein ernstes ^Memento mori% »Abschied« der Braut
im mutterlichen Heim, wobei die Freude am Glanz schoner Seidengewebe das
potenziert Malerische zum virtuosen Ausdruck bringt. Dazwischen gingen
mehr oder minder, immer aber anziehend staffierte »Interieurs« aus Kreuz-
gangen, Burg- und Stadtestuben, wirklich jubelnde Farbensymphonien mit
Obst- und Blumen-Stilleben, in verbliiffender Spezialitat: »Wer so zu malen
versteht, hat ein Anrecht auf alle Zeiten«. Heilbringender als ehebevor
sein namensverwandter Landsmann, der Historienmaler Asmus Carstens,
hatte er sich die eigenen Wege bleibend gebahnt. Darin waren beide
gleich: Jeder nahm das Schone, wo und wie er es fand, und brachte dasselbe
in adaquater Art zum gefalligen Ausdruck. — Ruhmenswert war seine
stets hilfsbereite, offene und gutige Hand. Lange Krankheit behinderte
schliefllich sein eifriges Schaflfen. Nach Wunsch wurde der Kunstler in einem
stillen Winkel des Pasinger Friedhofes zur letzten Rast gebettet. Sein
Nachlafi fand willige Freunde.
Vgl. Fr. v. Botticher 1891, Bd. i, S. 162; Singer 1895, Bd - J » s - 2 3 2 i Nr - I0 5 d - MOn "
chener Ztg., 6. Mai 1909; Nek (von Alex Braun), im Kunstvereinsbericht 1908, S. 14 f.
Hyac. Holland.
Frank, Julius, Historienmaler, * 11. April 1826 in Munchen, f 30. April
1908 ebendaselbst. — F. fand, mit griindlicher Vorbildung ausgestattet, durch
seinen Vater, den als Lithograph und Porzellanmaler, insbesondere aber durch
Wiederentdeckung der altdeutschen Glasmalerei-Technik hochverdienten Michael
Sigmund F. (* 1. Juni 1770 in Niirnberg, f 16. Januar 1847 in Munchen),
fnihzeitig Aufnahme an der Akademie, wo er sich unter Johann von Schraudolph
dem »historischen Fach« widmete und bei einer Konkurrenz um ein Altarblatt
fiir die Kirche zu Dinkelsbiihl mit einem wohlberitten ritterlichen Drachen-
stecher St. Georg den ersten Preis errang. Nun folgte weitere Gelegenheit,
sich als tiichtiger 01- und Freskomaler zu bewahren, so dafi ihn der schwer-
kranke Josef Anton Fischer (1814 — 59) an seiner Stelle edelmutig zur Aus-
fiihrung eines grofien Freskenzyklus an das Colleg in Stonyhorst (England)
empfahl, welchen F. mit Franz Wurm (1818 — 65) zur vollsten Zufriedenheit
der Auftraggeber loste. Durch diese Leistung gelangte F. auch in der Heimat
44 Frank.
zur verdienten Anerkennung, wo man ihn allgemach mit sechs Wandbildern
(i860-— 64) fur die historische Galerie des damaligen Munchener National-
Museums mit Szenen aus der fruheren Geschichte Schwabens betraute, darunter
das Martyrium der heiligen Afra, die Christianisierung des Allgau, auch die
Darstellung der »Lechfeldschlacht Kaisers Otto gegen die Ungarn«, welche
durch Leo Schoningers Galvanographie weite Verbreitung erreichte. In den
nachsten Jahren erhielt die Kirche der Philippiner -Kongregation zu Gostyn
(Posen) ihren Bilderschmuck, wozu F. die Kartons in der Winterzeit zu Miinchen
zeichnete, welche in den folgenden drei Sommern (1865 — 67), unter Assistenz
des weniger bekannten Nikolaus Baur zur Ausfuhrung gelangten, darunter
die grandiosen Gestalten der »Kirchenvater«, eine innige »Anbetung der heiligen
drei Konige«, eine »Darbringung im Tempek und der durch Schonheit der
Linien und innige Ergriffenheit ausgezeichnete »Tod der heiligen Jungfrau«
(wozu die sorgfaltig gezeichneten Entwiirfe noch auf der retrospektiven Mun-
chener Kunstausstellung [1908] zutage traten). Weiter folgten eine sinnige
»Allegorie« in den Arkaden des sudlichen Munchener Camposanto an Dr. Harters
Familiengruft; eine Personifikation der »Sieben ritterlichen Tugenden« {»Probi-
tates*), nebst den vier »Jahreszeiten« im Ahnen- und Speisesaal des Fursten
zu Wolfegg, eine Serie von Marchen im Palais Schwab zu Wien und ahnliche,
anmutige Arbeiten. Inzwischen entstanden viele Altarbilder, Kartons und
Zeichnungen zu Glasgemalden, teilweise auch im Auftrage Liidwig II. fur die
Hof kirche der k. Residenz; auch staffierte F. ein grofies das Bankett der Sankt
Georg-Ritter darstellendes Aquarell Friedrich Eibners mit zahlreichen Portrat-
figuren, ebenso assistierte er seinem Schwager Wilhelm Hauschild bei dem im-
posanten Bilderschmuck im Thronsaal des Schlosses Schwanstein. Nur wenige
von F.s Schopfungen gelangten durch Photographie in die Offentlichkeit. Da-
gegen fanden viele seiner fruheren religiosen Genrebilder und Idyllen in kleinen
Stahlstichen von Kracker, Barf us u. a. durch den Verlag von G. Manz in Re-
gensburg, die weiteste Verbreitung. Sie trugen die Signatur gewissenhaft
durchgebildeter Form und idealer Schonheit : Die Kunst gait ihm als ein heiliger,
lebenveredelnder Beruf. — Als Epigone von Cornelius und Heinrich HeC, ein
getreuer, dankbarer Schuler des in feierlicher Haltung und Faltenwurf dahin-
schreitenden Schraudolph- Stiles, hatte er einen groflen Teil der grandiosen
Ara Konig Ludwig I. mit erlebt und hielt diese artistischen Traditionen in
hochsten Ehren. F. war die lebendige Chronik jener nur zu schnell verrauschten
schonen Zeit und besafi eine Fulle von Erinnerungen, die er anmutend und
bereitwillig erzahlte; leider ist davon nichts schriftlich aufbehalten. Der neueren
darauf folgenden stark realistischen und in ihren Auswuchsen oft hochst un-
schonen Stromung gegeniiber verteidigte er mit streng historischem Gerech-
tigkeitsgefiihl seine Position, bereitwillig die wohlberechtigten Anspruchc der
Neuzeit anerkennend. — Durch zwei Dezennien fiihrte F. umsichtig die Vor-
standschaft des nun schon vor funfzig Jahren begriindeten Vereins zur Pflege
der christlichen Kunst. Als erganzender Gegensatz zu dem tiefen Ernst seiner
Schopfungen trat sein goldener, nie versagender Humor bei jeder Gelegenheit,
bei alien damaligen Kunstlerfesten, bei den Faschings- und Maienspielen »Jung-
Miinchens« mit dramatischen Inszenierungen vielfarbig und werktatig hervor,
ein beneidenswertes Theaterblut beweisend, auch bei verschiedenen ernst-
klassischen Privatauffuhrungen im k. Residenztheater, wo ihm ob seiner buhnen-
Frank. David.
45
gerechten Sprache und des reif durchdachten Spieles Auszeichnung zuteil
und Anerbietungen von hochstehenden Dramaturgen gemacht wurden, sich
ganz der heroischen Buhnenlaufbahn zu widmen. F. aber blieb seiner Palette
getreu, entsagte dem Kothurn, um auf den leichtbeschwingten Soccus einer
unverwiistlichen Laune seine Uberraschungen, auch noch in spateren Freundes-
kreisen, bei den Familienabenden und den Ehrentagen der »Kunstgenossen-
schafU und des »Sangerverein« ausstromen zu lassen, wofur ihm aus Anlafl
des achtzigsten Wiegenfestes voile Vergeltung in treuer, unverbriichlicher
Freundschaft erbliihte. — Sein schoner, feinmodellierter Kopf wurde haufig
von Plastikern und Portratmalern gesucht, zuletzt noch von Fritz Steinmetz-
Noris und Leo Samberger. F. fand, von einem Automobil angerannt, unerwartet
den Tod. Auktion seines Nachlasses bei Mossel, 7. Februar 1908.
Vgl. C. v. Spruner, Wandbilder des Bayer. Nat.-Museums 1868, S. 4, 522, 611; Fr. v.
Botticher 1891, Bd. 1, S. 320; Nekr. in: Die Chris tl. Kunst, 1. Juli 1908, S. 239 ff.; Kunst-
vereinsbericht f. 1908, S. 16; Max Furst u. Franz Wolter: Festschrift d. Vereins. f. Christl.
Kunst 1910, S. 35, 48, 139.
Hyac. Holland.
David, Anton Johann Ludwig Pascal, Chefredakteur der StraBburger
Post, * 8. Dezember 1850 zu Duren (Rheinprovinz), f 2 7- Marz 1908 zu Strafi-
burg i. E. — Einer ursprunglich im Elsafl ansassigen katholischen Familic
entsprossen, Sohn eines koniglich preuBischen Forstadministrators, trat D.
nach Erlangung des Gymnasialreifezeugnisses in den Postdienst ein. Nach
mehrjahriger praktischer Dienstleistung wurde er am I. April 1876 zum kaiser-
lich deutschen Postamte in Konstantinopel versetzt, dessen mit besonderer
Sorgfalt ausgewahlte Beamte uber eine grofle Fahigkeit im Erlernen und Be-
herrschen fremder Sprachen verfugen mufiten, ein Talent, das bei D. besonders
stark entwickelt war. Er blieb dort bis zum Herbst 1879. Seine Brief e und
Stimmungsbilder aus Konstantinopel, die in der Kolnischen Zeitung zum Ab-
druck kamen, zeigten schon von Anfang an bedeutende journalistische und
literarische Qualitaten und lenkten die Aufmerksamkeit des Verlegers Schultze
und des Chefredakteurs Dr. Schmits auf den Verfasser. Auch erwarb er sich
durch eifriges, haufig mit grofler personlicher Gefahr verbundenes, Studium
des Volkslebens eine genaue Kenntnis der mohammedanischen Anschauungen,
Gebrauche und Sitten. Infolge eines Konfliktes mit dem Reichspostamte
zuruckberufen und durch eine Strafversetzung nach Bromberg gemafiregelt,
schied D. im Marz 1880 aus dem Postdienste aus und trat in die Redaktion
der Kolnischen Zeitung ein, an deren Spitze als Verleger inzwischen August
Neven Du Mont getreten war. In dieser Stellung tat er sich durch politischen
Scharfblick und bedeutende Arbeitskraft derart hervor, dafi er schon 2 Jahre
spater als Chefredakteur der vom Verlage der Kolnischen Zeitung begriindeten
StraOburger Post berufen werden konnte. Durch die kluge und maflvolle, stets
auf das Erreichbare gerichtete, konsequente, jeder sprunghaften Politik ab-
holde Haltung des von ihm geleitcten Blattes wuBte D. der ungeheuern Schwie-
rigkeiten, mit denen eine unabhangige deutsche Zeitung in ElsaB-Lothringen
zu kampfen hatte, Herr zu werden und die Strafiburger Post zu einem wich-
tigen, von Regicrung, Volk und Volksvertretung gleichmafiig beachteten, Faktor
im politischen Leben des Reichslandes zu machen. Wahrend der Regierungszeit
46 David.
des ersten Statthalters, Feldmarschalls von Manteuffel, stand D. in scharfer
Opposition zur Regierung, da er die mit halben Mafiregeln arbeitende, auf
personliche Augenblickserfolge ausgehende, die fur die Zukunft vorsorgende
Kleinarbeit verschmahende, personliche Politik des Statthalters als der Sache
des Deutschtums schadlich erkannte. Der Ausfall der Septennatswahlen 1887
bewies, wie richtig D. geurteilt, und fiihrte zu einem vollstandigen System-
wechsel in Gesetzgebung und Verwaltung. Gegenuber allem Sturmen und
Drangen, gegenuber voreiligem Optimismus wie mutlosem Pessimismus vertrat
D. die Anschauung, dafi ein Volkerverschmelzungs-Prozefi, wie er im Reichslande
vor sich geht, zu seiner Vollendung nicht einige Jahre, sondern mehrere Jahr-
zehnte brauche, dafi nicht wir, sondern erst kommende Generationen sein Ende
erleben, seine Friichte ernten werden. Fur seine Haltung in alien Fragen der
reichslandischen Politik stellte D. den Grundsatz auf: »Den Freunden Freund,
den Lauen gegenuber kalt, den Feinden Feind!« Im Hinblicke auf die der
deutschen Verwaltung im Reichslande entgegenstehenden Schwierigkeiten lieB
D. die kritische Seite seiner journalistischen Tatigkeit etwas zuriicktreten,
wufite jedoch dabei seine voile Unabhangigkeit jederzeit zu wahren. D. besafi
in hohem Mafie alle die Eigenschaften, die den vollendeten Journalisten aus-
machen: umfassende Bildung und Welterfahrung, vielseitige geistige Interessen,
grofie Menschenkenntnis, glanzenden Stil, ein nie versagendes Gedachtnis, die
Fahigkeit, sich in jede Materie schnell und sicher einzuarbeiten, neue Quellen
zur Tagesgeschichte zu erschliefien und restlos zu erschopfen, feines Taktgefiihl
und unbedingte Diskretion. Auf einem aufiergewohnlich expoinerten Posten
stehend, hatte er viele Gegner: seine Stellungnahme in den Kampfen fiir
und wider Bismarck nach dessen Entlassung wurde von alldeutscher
Seite herb getadelt; die franzosisch gesinnten Elemente, die sich mit den
neuen Verhaltnissen in Elsafi-Lothringen nicht versohnen wollten, hafiten
und fiirchteten ihn wegen der Unerschrockenheit und Unerbittlichkeit, mit
der er der politischen Brunnenvergiftung entgegentrat. Seine Eigenschaften
als Politiker und Journalist aber wurden von Freund und Feind, von alien
Parteien ohne Ausnahme anerkannt und verschafften ihm im Verein mit
der Lauterkeit seines Charakters, seiner personlichen Liebenswiirdigkeit
und Hilfsbereitschaft gegen jedermann im Laufe der Zeit eine ganz einzig-
artige Stellung unter den deutschen Journalisten, einzigartig wie die Lauf-
bahn, die er vom jungen Postbeamten zum Leiter einer der bedeutendsten
deutschen Zeitungen zuriickgelegt hatte. In erhebender Weise trat dies
zutage bei der Jubelfeier der Strafiburger Post im April 1907 und namentlich
bei seinem nach langer qualvoller Krankheit durch ein Herzleiden herbei-
gefiihrten Tode. — Die bedeutenderen deutschen Zeitungen aller Richtungen,
von der aufiersten Rechten bis zur Sozialdemokratie, widmeten ihm mehr
oder weniger eingehende Nachrufe, unter denen der der Strafiburger Post
Nr. 337, 28. Marz 1908, hervorzuheben ist. — Eine Auswahl der Konstantinopeler
Briefe (mit Portrait) erschien nach seinem Tode im Verlage von Josef Singer,
Straflburg i. E., 1909.
Quelle: ♦Pascal David und die politische Entwicklung Elsafi-Lothringens 1882 — 1907*.
Von Martin Berger (Munchen 1910, J. F. Lehmanns Verlag).
Martin Berger.
Zeller.
47
Zeller, Eduard, Universitatsprofessor der Philosophic, * d. 22. Januar 1814
in Kleinbottwar (bei Marbach), f d. 19. Marz 1908 in Stuttgart. — Am 19. Marz
1908 ist Eduard Zeller zu Stuttgart, wo er seit 1894 ein otium cum dignitate
verbracht hat, im Alter von 94 Jahren gestorben. Vier Jahre zuvor haben die
Festlichkeiten und Auszeichnungen zu seinem neunzigsten Geburtstag noch
einmal Zeugnis abgelegt von dem hohen Ansehen und der allgemeinen Ver-
ehrung, die der greise Gelehrte weit uber den Kreis seiner nachsten Fachge-
nossen hinaus genoB; mit Recht hat man ihn bei diesem Anlafi mit Ranke
und Mommsen, mit Helmholtz und Virchow zusammengestellt, an Jahren hat
er sie alle, auch Ranke, den altesten von ihnen, weit hinter sich gelassen.
Den aufleren Gang seines Lebens hat er uns selber erzahlt in den liebens-
wurdigen »Erinnerungen eines Neunzigjahrigen«, die bald nach seinem Tode,
zunachst als Gabe fiir den engeren Kreis der Freunde bestimmt, im Druck
crschienen sind. Wir konnen uns daruber kurz fassen, denn es war — nehmt
alles nur in allem! — ein schlichtes deutsches Gelehrtenleben mit wenig aufler-
lich Bemerkenswertem, dafur aber um so reicher an innerem Gehalt und um
so kostlicher durch die Fulle der Arbeit, die darin geleistet worden.
Geboren ist Eduard Zeller am 22. Januar 1814 zu Kleinbottwar in der
Xahe von Marbach, wo sein Vater 42 Jahre lang erst Stabsamtmann, dann
im Dienste des Geheimrats v. Kniestadt gutsherrschaftlicher Rentamtmann
gewesen ist. Die Eltern waren tiichtige Menschen. »Eine aufrichtige, aber durch-
aus praktisch gerichtete, in dogmatischer Beziehung weitherzige und duld-
same Frommigkeit bildete den festen Untergrund ihrer Lebensfiihrung.«
Die gesunde, kraftige und kraftigende Luft des Rationalismus also, der alle
religiosen Ubertreibungen und alle blofi aufierlichen Religionsubungen ablehnte
und es dafiir mit der Pflichterfullung um so strenger nahm, war es, die den
Knaben im Elternhaus umgab. Und auch hier ging neben des Vaters ernstem
Fuhren das lebhafte Temperament und das weiche Gemtit der Mutter mildernd
und Frohsinn um sich verbreitend einher; ihr stand dieser Sohn, das achte unter
ihren neun Kindern, besonders nahe. Schon als kleines Kind hing er mit grofler
Zartlichkeit an ihr und sie vergalt diese Anhanglichkeit mit einer Liebe, durch
die sie sich selbst dem Verdacht aussetzte, ihn ein wenig zu bevorzugen. In-
mitten der zahlreichen Geschwisterschar, aus der sich neben ihm spater noch
andere der Briider in geistlichen und weltlichen Amtern seines schwabischen
Heimatlandes hervorgetan haben, wuchs Eduard frohlich und kraftig heran,
von Anfang an ganz selbstverstandlich gleich einem alteren Bruder zur theo-
logischen Laufbahn bestimmt, die ja in Wurttemberg ihren vorgezeichneten
Gang durch Seminar und Stift zu nehmen hat. Dieser Wcg aber fiihrt durch
die enge Pforte des zu jener Zeit noch dreimaligen »Landexamens«, und deshalb
muflte der Knabe fruhe schon, mit acht Jahren, aus dem Elternhaus fort einer
der Lateinschulen iibergeben werden, die sich der Vorbereitung auf diesen Kon-
kurs mit besonderem Eifer und Geschick unterzogen. Im Haus und in der
Schule des Prazeptors Scheid in Backnang hat es Zeller gut getroffen, und
da er ein begabter und leicht lernender Knabe war, hat er auch die Anstrengung
dieses allzufruh einsetzenden Drills ohne nachteilige Folgen fur seine Gesundheit
auf sich nehmen konnen. Seine Lieblingsfacher waren hier schon Griechisch
und Geschichte, so berichtet er selber. DaO er dann im Fruhjahr 1827 vor
dem Eintritt in die klosterliche Stille des Seminars noch ein halbes Jahr in
4 8 teller.
Stuttgart "das Gymnasium besuchen durfte und dabei allerlei groflere Ver-
haltnisse und interessantere Menschen kennen lernte, als dies in dem kleinen
Backnang moglich war, hat er selbst mit viel Befriedigung als Wohltat und
Vorzug empfunden. Das Landexamen zu bestehen, machte ihm natiirlich keine
Schwierigkeit, und in die Einsamkeit Maulbronns und in die strenge Disziplin
des damaligen Klosterlebens fand sich der fleiflige Junge ohnedies leicht. Das
freundschaftliche Verhaltnis zu einem seiner Lehrer, dem Repetenten Albert
Binder, trug dazu von Anfang an nicht wenig bei. Unter den Kameraden war
neben ihm der begabteste Hermann Kurz, der bekannte Dichter von »Schillers
Heimatjahren« und den »beiden Tubus*, dem Zeller im Seminar auch besonders
nahe stand. Bedeutsam war, dafl hier in Maulbronn einige Sommermonate
hindurch David Friedrich Straufl als Professoratsverweser sein Lehrer ge-
wesen ist: so kniipfte sich schon damals jenes Freundschaftsband, das sich
dann ein ganzes Leben lang haltbar und fest erwiesen hat. Als Lehrer fesselte
ihn StrauB durch die Klarheit und Lebendigkeit seines Unterrichts, Eigenschaften,
die ihm dann freilich noch mehr auf dem Katheder in Tubingen entgegentraten.
Im Herbst 1831 bezog Z. als Angehoriger des evangelisch-theologischen
Seminars die Universitat Tubingen. Wie in Maulbronn, so fand er sich auch
hier ohne Muhe zurecht und empfand auch die Beschrankungen, die dem Stiftler
damals noch mehr als heute auferlegt waren, nicht so druckend, dafl er sich
dadurch den Genufl der Universitatsjahre hatte verkummern lassen. Von den
Lehrern fesselte ihn in seinen ersten philosophischen Semestern neben Straufl,
der die Hegelsche Philosophic von Berlin mitbrachte und sie als ihr erster
Apostel in Tubingen lehrte, besonders Uhland, in dem er nicht blofl den Dichter
und geistvollen Lehrer, sondern vor allem auch den charaktervollen und unab-
hang'gen Menschen verehrte. Als die wurttembergische Regierung dem frei-
sinnigen Mann den Urlaub fiir den Landtag verweigerte und Uhland darauf
mit der Niederlegung -seiner Professur antwortete, haben ihm die Studenten
einen Ehrenbecher uberreichen lassen durch eine Deputation, an deren Spitze
Z. das Wort zu fiihren hatte.
Im vierten Semester ging es von der Philosophic zur Theologie. Der Fiihrer
hier war Ferdinand Christian Baur, dessen Einflufl auf Z. alsbald bestimmend
geworden ist. So reihte er sich von Anfang an in die Tubinger Schule ein,
wenngldich Baurs Untersuchungen liber das Neue Testament und das Ur-
christentum damals noch lange nicht so weit gingen und noch nicht zu so urn-
fassenden und allseitig gesicherten Ergebnissen fuhrten, wie es um ein Jahr-
zehnt spater der Fall war. Hat doch Z. erst Baur auf die Unvereinbarkeit
der Berichte uber das sogenannte Apostelkonzil im 15. Kapitel der Apostel -
geschichte und im 2. Kapitel des Galaterbriefs aufmerksam gemacht. In
diesem seinem Lehrer trat ihm die eigenartige Verbindung von groflzugigem
historischem Sinn und spekulativer Tiefe besonders imponierend entgegen;
sie gab auch seiner Art, geistigen Stromungen und Entwicklungen nachzugehen
und sie konstruktiv nachzuschaffen, soweit dazu nicht schon durch das Studium
der Hegelschen Philosophic der Grund gelegt war, Vorbild und Richtung. Der kri-
tische Geist war dabei die Lebensluft, die den jungen Mann umgab und in der
er atmete und sich wohl f iihlte : etwas wie einen Bruch oder eine geistige Umwalzung
bedurfte es bei diesem klaren, kiihlen Kopfe nicht; auch war er ja an freieres
Denken schon vom Elternhaus her gewohnt. Und aus dem Eigenen kam dann
Zeller. 49
noch jene Andacht zum Kleinen hinzu, eine in Schwaben nicht eben haufig zu
findende Akribie in philologischer Einzelarbeit, die den philosophischen auf
das Ganze und in die Tiefe gehenden Zug in ihm glucklich erganzte. So hat
er sich nicht blofi liber den Gegensatz zwischen Juden- und HeidenChristen-
tum in weiten und grofien Zusammenhangen seine Gedanken gemacht, sonjdern
ebenso gewissenhaft auch liber den Wortervorrat der neutestamentlichen
Schriftsteller statistische Tabellen angelegt.
Nachdem er in seinem letzten Studienhalbjahr mit Freund Straufi, dem
er wahrend dessen Repetentenzeit im Stift nur immer naher gekommen war,
das Erscheinen des »Lebens Jesu« und die Enthebung vom Tiibinger Lehramt
in voller wissenschaftlicher und menschlicher Anteilnahme durchlebt hatte,
beschlofl er das theologische Studium durch eine grlindliche Zusammenfassung
der Ergebnisse seiner bisherigen Arbeit und durch ein glanzendes Examen
mit der damals schon selten gewordenen Note la. Doch blieb er zunachst noch ein
Semester in Tubingen, um die griechische und vor allem die platonische Philo-
sophic griindlich zu studieren, da er liberzeugt war, dafi sie nicht nur an der
Fortbildung, sondern auch schon an der Entstehung der christlichcn Religion
einen viel grofleren Anteil habe, als man bis dahin gewohnlich angenommen
hatte. Die Frucht dieses Studiums war eine groflere Arbeit liber »Philosophie,
Platonismus und Christentum«, in der sich der Zusammenhang und der Uber-
gang vom Theologen zum Philosophen bereits anklindigte. Nach kurzen kirch-
lichen Dienstleistungen als Vikar in Nellingen (bei EBlingen) und nachdem er
sich — nicht wie er wollte, durch eine Dissertation liber Platons Gesetze, sondern
durch eine altere Preisarbeit liber die Beziehungen zwischen Griechenland
und Agypten bis auf Herodot — zuvor noch den Doktorhut in Tubingen er-
worben hatte, trat er im Herbst 1836, begleitet von seinem Freund Gustav
Bockshammer (gestorben als President des Studienrats in Stuttgart) die lib-
liche Kandidatenfahrt nach Berlin an, wo er wohl empfohlen von den slid-
deutschen Hegelianern, vor allem von StrauB, bei Marheineke und Gans, bei
Vatke und Hitzig und im Hause von Hegels Witwe freundliche Aufnahme fand.
Da Hegel und Schleiermacher tot waren, hatte der Schliler von Baur und
Straufi fur sein eigentliches Studium in Berlin freilich nicht allzuviel mehr
zu lernen.
Nach der Ruckkehr in die Heimat, wo inzwischen sein Vater gestorben
war, und nach kurzer Verwendung erst im Kirchendienst als Vikar in Tubingen,
dann im Schuldienst als Repetent am Seminar zuUrach, kehrte er im Mai 1839
als Repetent ins Stift nach Tubingen zurlick. Der Historiograph des Repetenten-
kollegiums aus jener Zeit hebt mit Stolz hervor, dafi Z. in das Kollegium
venerabile einen solchen »Glanz« schon mitgebracht habe, wie vor ihm noch
keiner; waren doch unmittelbar vor seinem Eintritt seine »Platonischen Studien«
erschienen, die auf jene Arbeit seines letzten Tiibinger Semesters zurlickgingen,
und hatte er sich liberdies als Mitarbeiter der Berliner und der Halleschen
Jahrblicher bereits einen angesehenen und als Kritikerteilweisesogar schon einen
geflirchteten Namen gemacht. Daneben aber riihmt derselbe Berichterstatter
an ihm den wohltatigen EinfluB seiner »Familientugend, der Sophrosyne«,
die er also jung schon sich erworben hatte und die sich schon damals im Ver-
kehr mit Menschen glucklich und spurbar betatigte. Wissenschaftlich aber
bcgniigte er sich nicht mit dem sozusagen angeborenen Recht des Stiftsrepe-
Biogrr. Jahrbuch u. Deutschcr Nekrolog-. 13. Bd. 4
c o Zeller.
tenten, Vorlesungen zu halten, sondern erwarb sich schon 1840, gestiitzt auf
den Erfolg, den er von vornherein als Dozent gehabt hat, den besseren Rechts-
titel zur venia legendi durch die Habilitation als Privatdozent der Theologie
an der heimischen Universitat.
.Sieben Jahre lang ist Z. in dieser bescheidenen Stellung geblieben
oder belassen worden, obgleich er sich nicht nur seit 1842 als Herausgeber der
»Theologischen Jahrbucher«, des fuhrenden Organs der Tubinger Schule und
der geistvollsten theologischen Zeitschrift aller Zeiten, sondern auch durch das
Erscheinen des ersten Bandes seiner »Philosophie der Griechen« im Jahre 1844
langst schon den Ruhm eines der bedeutendsten Kritiker und Gelehrten auf
theologischem und philosophischemGebiet zugleich erworben hatte. Tubingen hatte
fur ihn keinen Platz, er war der im Lande herrschenden pietistischen Partei-
richtung und der von ihr beeinflufiten Regierung ein Dorn im Auge, war zu
freidenkend, zu kiihn und zu voraussetzungslos, um auch nur als philosophischer
Extraordinarius in Tubingen festgehalten zu werden. Dem Meister und Haupt
der Schule, Baur selbst, konnte man ja nicht beikommen, ihn schiitzte als
Ordinarius damals schon die akademische Lehrfreiheit; dafur traf man ihn
in seinen Schiilern: Straufi wurde »removiert«, Vischer suspendiert, Zeller
und Schwegler ignoriert und systematisch ubergangen. Immerhin waren es
schone Jahre, die Z. in Tubingen verlebt hat, und gerne hat er an den geist-
sprlihenden Kreis zuruckgedacht, der sich allabendlich unter der anerkannten
Fuhrung Vischers zu belebtester Unterhaltung versammelte und in dem Z.
selber eines der lebendigsten, angeregtesten und anregendsten Mitglieder war.
Aber natiirlich griff er doch mit Freuden nach der ersten sich ihm bieten-
den Gelegenheit und folgte 1847 einem Ruf nach auswarts — als Professor
der Theologie nach Bern. Einen Augenblick schien es, als sollte es mit und
bei dieser Berufung ahnlich gehen wie acht Jahre vorher mit der Berufung
Straufiens nach Zurich: dem Ziiriputsch analog entfachten die Berner Pietisten
einen »Zellerlarm«, der hier wie dort in erster Linie der radikalen Regierung
gait. Allein anders als in Zurich behauptete sich diese gegen den Sturm,
und so blieb es bei der Berufung Z.s, die ihm um so willkommener war,
als er sich noch vor seiner Ubersiedelung in die Schweiz mit der ebenso tempe-
ramentvollen wie geistig hochstehenden Tochter seines verehrten Lehrers,
Freundes und Kampfgenossen Baur verlobt hatte. Am 22. Juni 1847 hat Vater
Baur das Paar getraut. 57 Jahre lang stand ihm dann die Gattin als treue,
verstandnisvolle Gefahrtin zur Seite, und darum ist es fur den Neunzigjahrigen
ein besonders harter Schlag gewesen, als sie ihm am 14. Mai 1904 durch den
Tod entrissen wurde. Er ist in seiner Familie nicht der einzige geblieben,
wiederholt hat Zeller erfahren mussen, dafi Leben auch Leiden ist, und sich
im Tragen und Ausharren von Schwerem und Schwerstem zu beweisen und zu
bewahren gehabt. Zunachst aber waren es zwei gliickliche Jahre, die er erst
als Extraordinarius, dann als ordentlicher Professor der Theologie in der Schweiz
verbracht hat. Mit Beziehung auf ihn und diesen seinen Aufenthalt in Bern
hat Vischer spater das schone Wort gesprochen: »In Schweizerluft eine Zeit
als tatiger Mann gelebt zu haben, noch kein Deutscher von gesundem Geistes-
nerv hat es bereut«.
Aber die grofien Tage der deutschen Revolution brachten auch Z. den
Ruf zur Heimkehr in das deutsche Vaterland. Freilich nicht in die schwabische
Zeller.
5*
Heimat, wie er es sich wohl am meisten gewunscht und wie er es am ersten
verdient hatte, sondern nach Kurhessen, wo ihn das dortige Marzministerium
fur Herbst 1849 als Professor in die theologische Fakultat nach Marburg berief.
Allein zwischen Lipp' und Kelchesrand schien diese Wendung seines Geschicks
noch einmal ruckgangig gemacht werden zu sollen. Die Reaktion hatte in-
zwischen wieder Oberwasser, und der Kurfiirst, fur den ein gegebenes Ver-
sprechen niemals ein Grund gewesen ist, etwas zu tun oder zu lassen, war auf
Vilmars Anregung hin nicht geneigt, Zellers Berufung zu vollziehen. Da fand
sich nach langem Harren und Bangen in letzter Stunde noch ein Ausweg:
Z. wurde statt in die theologische in die philosophische Fakultat versetzt —
*ohne sein Zutun, aber nicht im Widerspruch mit seiner Neigung«. Was bei
manchen anderen, katholischen wie protestantischen Theologen um ihrer selbst
willen und noch weit mehr im Interesse des Faches, das sie nun vertreten sollten,
ein Bedenkliches und Verwerfliches, ein recht ubler Notbehelf gewesen ist,
das war bei Z. sachlich durchaus moglich und berechtigt und gereichte
beiden, dem Philosophen und der Philosophic, nur zum Gewinn. Der Kritiker
der Apostelgeschichte war ja ebenso auch der Verfasser der Philosophic der
Griechen, als solcher hatte er den Befahigungsnachweis fur das philosophische
Lehramt durchaus erbracht, und er hat sich dann 45 Jahre lang als ein Meister
auch in diesem seinem neuen Fach ausgewiesen und bewahrt. War es in Tu-
bingen der Kreis derer um Baur, dem sich Z. vor allem angeschlossen hatte,
so waren es in Marburg der Theologe Gildemeister und der Historiker Sybel,
denen er menschlich und politisch besonders nahe kam, namentlich mit dem
ersteren verkniipften ihn Bande wirklicher Freundschaft. Dafl er 1859 im Komitee
zur Schillerfeier mit Vilmar eintrachtig zusammentagte, war fiir Marburg eine
Art Ereignis. Die Grundung eines segensreich wirkenden Armenvereins ver-
schaffte ihm bei seinem Abgang das Ehrenburgerrecht der Stadt.
In einen groBeren Wirkungskreis und erfreulichere offentliche Zustande
brachte ihn 1862 die Berufung nach Heidelberg, wo er auch sofort mit seiner
programmatischen Antrittsvorlesung uber »Bedeutung und Aufgabe der Er-
kenntnistheorie« der Philosophic einen neuen Weg, den Weg »zurtick zu Kant«
vorzeichnete. Es war dies auch fiir sein eigenes Denken eine epochemachende
Wendung, bedeutete den Bruch mit der Hegelschen Spekulation, an die er
sich zuerst als Theologe und Glied der Tiibinger Schule, dann ebenso auch in
seinen philosophischen Anfangen frei zwar, aber doch eng und scheinbar ganz fest
angeschlossen hatte, bedeutete das Eingehen auf die empiristische und reali-
stische Stromung der Zeit uberhaupt. In den Zerwurfnissen der Heidelberger
Professoren, in denen Partei ergriffen werden muBte, als Rektor der Universitat,
als ihr Vertreter in der badischen Ersten Kammer, als Doktor ihrer theologischen
Fakultat — iiberall stellte er seinen Mann und uberall wurde sein Name mit
Ehren genannt. Hier habe auch ich ihn zum ersten Mai kennen gelernt und
seine liebenswiirdige Selbstverstandlichkeit, die auch dem Jiingeren und noch
nicht Bekannten so menschlich entgegenkam, dankbar auf mich wirken lassen.
Politisch stand er in der entscheidungsvollen Zeit vor Koniggratz nicht
wie sein Freund StrauB von vornherein auf der Seite PreuBens: mit Watten-
bach und Gervinus war er eifrig fiir das Recht der deutschen Stamme an der
Nordsee eingetreten und hatte deshalb im ersten Augenblick die Losung, die
die schleswig-holsteinische Frage durch Bismarck fand, mit seinem Rechtsgefuhl
4*
52
Zeller.
nicht vereinigen zu konnen geglaubt. Bald genug freilich hat dann auch er
die Bedeutung und Grofle Bismarcks voll begriffen und gehorte hinfort zu
dessen begeistertsten Bewunderern und Verehrern.
1872 kam der Ruf nach Berlin, wo kurz vorher mit Falk in das Kultus-
ministerium ein neuer freier Geist eingezogen war. Z. nahm es nicht ganz leicht,
die scheme Neckarstadt mit der nervenzermurbenden Groflstadtluft zu ver-
tauschen. Aber seine zahe Natur war auch ihr gewachsen, und gewachsen war
er dem Berliner Leben uberhaupt, so dafi selbst solche, die sonst weniger freund-
lich von siiddeutscher Art dachten und urteilten, iiber seine geistige »Lebendig-
keit und Mitteiisamkeit« staunten und seine voile Gleichberechtigung aner-
kennen muflten. Dafi er auch mit schnabelschnellen Berlinerinnen fertig zu
werden wuflte, davon hat er uns in den »Erinnerungen eines Neunzigjahrigenn
selbst ein kostliches Beispiel erzahlt. Durch das wirre Getriebe der Parteien
und Coterien, das, wie in Berlin uberhaupt, so auch an der dortigen Univer-
sitat und Akademie oft recht unerfreuliche Formen annimmt, schritt der schlichte
Mann unberiihrt, gesund an Leib und Seele hindurch und alle bezeugen, daB
er auch hier wieder durch seine kluge Sophrosyne vielfach ausgleichend, ver-
mittelnd und versohnend gewirkt habe. Und wieder war es wie in Heidelberg
ein reicher Kreis von bedeutenden Menschen der verschiedensten Art, unter
denen sich Zeller als ein Ebenburtiger bald heimisch fiihlte: ich nenne nur
Curtius und Mommsen, Sybel und Helmholtz und die Landsleute Dillmann,
Dorner und Otto Pfleiderer. Zu demWertvollsten, was ihm Berlin gegeben hat,
rechnete er namentlich die Teilnahme an der »Graka«, der er viel wissenschaft-
liche Anregung und eine willkommene Gelegenheit zur Pflege erfreulicher
personlicher Beziehungen zu danken hatte. Auch am kronprinzlichen Hof
war er ein gerngesehener Gast. Die Kronprinzessin (die spatere Kaiserin Fried-
rich) war ihm besonders zugetan; fiir ihre freigeistigen Aufierungen berief sie
sich mit Vorliebe auf Z. Umgekehrt riihmt er ihr in seinen Lebenserinne-
rungen Wifibegierde und Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit als
Grundzuge ihres Wesens nach und macht damit an seinem Teil gut, was die
Deutschen im Jahre 1888 an der »Englanderin« miflgetan und verbrochen
haben. Mit vollem Recht ist Zellers Buste an dem Denkmal der Kaiserin Fried-
rich in Berlin angebracht worden.
DaB er alsbald auch Mitglied der Akademie wurde, versteht sich von selbst;
mehr noch wollte es besagen, dafi ihm 1877 der Orden pour le tnerite und 1882
der bayrische Maximiliansorden fiir Wissenschaft und Kunst verliehen, er nach
und nach zum Doktor aller vier Fakultaten kreiert und zum Mitglied einer
ganzen Reihe von auswartigen Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften
ernannt und ihm im Jahre 1878 auch in Berlin wieder das Rektorat der Uni-
versitat tibertragen wurde. Zweiundzwanzig Jahre hat er so als erfolgreicher
Lehrer, als gewissenhafter und milder Examinator, als hochangesehener,
einfluflreicher Akademiker und als allgemein beliebter Kollege auch hier
wieder eine umfassende und fruchtbare Tatigkeit entfaltet; tausende und
abertausende sind als Horer zu seinen Fiifien gesessen und haben den
freilich nicht auf den geistreichen Berliner Ton gestimmten, aber durch und
durch soliden, den niemals rhetorischen, aber in ihrer Schlichtheit urn so
uberzeugender wirkenden Worten des gelehrten Mannes gelauscht und neben
reicher Belehrung einen tiefen Eindruck von der Echtheit und edeln Wurde
Zeller. 53
eines solchen ganz nur der Erforschung der Wahrheit gewidmeten Lebens
mit davongenommen.
Bis zu seinem achtzigsten Jahre blieb Z. auf seinem Posten; dann trat er
im Gefiihl seines Alters, aber nicht des Alt- und Veraltetgewordenseins,
noch einmal mit Ehren iiberhauft, als Wirklicher Geheimer Rat und Exzellenz
in den Ruhestand iiber, nicht um hinfort untatig seine Jahre zu verbringen,
sondern um Jiingeren Platz zu machen und in MuBe tun zu konnen, was ihm
noch zu tun oblag und moglich war. Diese fast vierzehnjahrige Ruhezeit hat
er in Stuttgart verbracht, wo der einzige ihm gebliebene Sohn, Professor Dr.
Albert Zeller, als Chirurg seine Heimat gefunden hatte. So kehrte Eduard Zeller
zuletzt wieder gewissermaBen zu seinem Ausgangspunkt, als pensionierter
Professor endiich in seine schwabische Heimat zuriick, die durch ihn weit mehr
geehrt war, als er von ihr an auBerer Forderung und spat auch noch an Ehrungen
aller Art erfahren hat, und doch als ein treuer Sohn Schwabens, das er in seinen
besten, auch draufien in der Feme immer festgehaltenen Eigenschaften dar-
gestellt und wiirdig vertreten hat. Dafi sein neunzigster Geburtstag im neuen
Jahrhundert noch einmal ein grofier Tag fur ihn geworden ist, an dem ihm
von alien Seiten gehuldigt wurde, ist schon erwahnt; ebenso, daB wenige Mo-
nate darauf seine Gattin, die dem Vater geistesverw r andte Tochter Baurs, der
er mit Recht »seltene Herzens- und Geisteseigenschaften« nachruhmen durfte,
durch einen plotzlichen Tod von seiner Seite genommen wurde. DaB es nicht
allzu einsam um ihn her wurde, dafur sorgten der Sohn mit seiner Familie
und neben der langjahrigen Hausgenossin, seiner Schwagerin Pauline Baur,
die vielen Besucher von nah und fern, Bekannte aus alter und auch aus neuer
und neuester Zeit.
Zeller war Theologe und Philosoph: das hat uns sein Lebensgang gezeigt,
das zeigen auch seine Arbeiten. Als Theologe gehorte er zur Tubinger Schule,
war er ein Schuler von Baur, ein Freund und Kampfgenosse von StrauB,
und daher wie diese in erster Linie bemuht, die Anfange des Christentums
historisch aufzuhellen und seine altesten Urkunden kritisch zu erforschen. Sein
spezielles Arbeitsgebiet war das apostolische Zeitalter, dessen geschichtliche
Kenntnis er durch seine scharfsinnigen Untersuchungen iiber Inhalt und Ur-
sprung der Apostelgeschichte wesentlich gefordert hat. Daneben hat er, wie
ihm ein anderer Meister neutestamentlicher Forschung (Holtzmann) bezeugt,
»durch lichtvolle Gesamtdarstellungen und Ubersichten fur die Verbreitung
der Tubinger Resultate innerhalb weiterer Kreise gewirkt«. Aber auch tiefer
herab in der Geschichte der christlichen Kirche ist er mit seinen Forschungen
gedrungen und hat dem ihm als Humanisten besonders sympathischen Systeme
Zwinglis eine eingehende und tiefdringende Darstellung gewidmet. Und endiich
hat er auch fur die neueste Kirchengeschichte Material geliefert, nicht nur
durch die ebenso pietatvollen als gerecht abwagenden Monographien iiber
Schleiermacher, iiber F. Chr. Baur und die Tubinger historische Schule, iiber
Renan und StrauB, sondern auch durch seine Vorlesungen iiber das Verhaltnis
von Staat und Kirche, die er gleich im ersten Jahre seines Berliner Lehramts
gehalten und alsbald auch im Druck hat erscheinen lassen. Dabei war es ihm
nicht so sehr um eine prinzipielle Auseinandersetzung dieses intrikaten Ver-
haltnisses zu tun, als vielmehr um eine riickhaltlose Verteidigung der leitenden
Gedanken des eben damals seinem Hohepunkt zustrebenden Kulturkampfes
54
Zeller.
und der Falkschen Maigesetzgebung. Veranlaflt sah er sich dazu, wie er selbst
sagt, »hauptsachlich durch die Wahrnehmung, dafi der Berliner Freisinn tiber
das Wesen und die Tendenzen der katholischen Hierarchic sehr schlecht unter-
richtet und nur zu geneigt war, die unveraufierlichen Aufsichtsrechte des Staates
tiber die Religionsgemeinschaften um der vermeintlichen Religionsfreiheit
willen preiszugeben«. So war die Schrift eine Gelegenheitsschrift und als solche
nicht eine grundsatzliche Losung des alten, nie gelosten Problems, sondern
mehr nur ein Dokument zur Geschichte jener schicksalsvollen Tage. Und
doch oder eben deshalb — wenn wir sie heute wieder lesen, blicken wir mit
Neid auf jene grofie Zeit und auf die frische, frohliche Art dieses Kampfes
gegen die immer ultramontaner werdende und immer gleich herrschsiichtige
Kirche zuruck: quantum mutatus ab Mo! mussen wir beschamt gestehen.
Auch systematisch hat sich Z. in seinen theologischen Anfangen mit theore-
tischen, freilich schon in das philosophische Gebiet heriiberfiihrenden Fragen be-
schaftigt. Seine lichtvolle Abhandlung iiber das Wesen der Religion in den Theo-
logischen Jahrbiichern, die bei aller Selbstandigkeit doch die Herkunf t von Straufl
und Feuerbach nicht verleugnen kann und will, hat vielen das Verstandnis
fur dieses tiefste Erlebnis des Menschen erschlossen; seine Aufsatze iiber das
Bose und die sittliche Weltordnung haben sich um die Losung dieser schwierig-
sten Probleme des Daseins ernstlich bemiiht und eine solche vom Hegelschen
Standpunkt und vom Boden pantheistischer Diesseitigkeit aus zu geben versucht ;
wohl niemals ist die pantheistische Deutung dieser beiden Weltratsel gliicklicher
formuliert und weniger einseitig gegeben worden als hier.
Mit diesen systematischen Abhandlungen haben wir uns den Weg gebahnt
zu Z.s philosophischen Leistungen, denen nun doch der Hauptteil
seiner Lebensarbeit gewidmet war. Wie er von der Theologie zur Philosophic,
vom Christentum zum Griechentum gekommen ist, haben wir oben schon
angedeutet. Er selber hat es in seiner Antwort an die Vertreter der Tiibinger
Hochschule bei der Feier seines neunzigsten Geburtstages so erklart : »Als ich
meine theologischen Studien unter Baurs Leitung betrieb und zu einem ge-
wissen Abschlufi brachte, da war mir sofort die Unentbehrlichkeit der genaueren
Kenntnis der Geschichte der Philosophic klar, indem ich gerade bei meiner
Bemiihung, das Christentum geschichtlich zu verstehen, mich uberzeugte,
dafi es ganz unmoglich sei, dieses Ziel zu erreichen, wenn man nicht mit der
einen seiner Wurzeln, mit der Kenntnis der alttestamentlichen Religion, auch
die der anderen, der Entwicklung der griechischen Philosophic, verbinde. So
geschah es, dafi ich alsbald nach dem theologischen Examen mich ganz auf
die griechische Philosophic warf«. Noch vorher freilich war es das Tiibinger
Stift und dessen doch immer wieder dreimal zu segnende Art von Bildung,
die es seinen Zoglingen iibermittelt, und in der die Philosophic die Grundlage
der Theologie bildet und ganz besonders damals zur Zeit der Vor-, um nicht
zu sagen der Alleinherrschaft des Hegelianismus gebildet hat; als Angehoriger
des Stifts in den dreifiiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Schuler und
Freund von Baur und Straufi mufite Z. als Theologe Philosoph und mufite
er Hegelianer werden. Aber dafi er gerade nach Platon und iiberhaupt nach der
griechischen Philosophic griff, das hat allerdings seinen Grund in dem tat-
sachlich engen Zusammenhang zwischen den Anfangen des Christentums und
der hellenistischen, vielfach in Platon wurzelnden Philosophic und in der
Zeller. 55
Erkenntnis dieses Zusammenhanges in der Tubinger Schule. Darum begann
er in seinen »PIatonischen Studien* mit dem Studium Platons: sie bildeten
ebenso wie die grofle Abhandlung iiber »die Geschichte der alten Philosophic
in den letztverflossenen 50 Jahren* nur eine Vorarbeit fur die umfassende
Gesamtdarstellung der »Philosophie der Griechen«, die in den Jahren 1844 bis
1852 in ihrer ersten Auflage erschienen ist. 1902 hat Z. noch selber die
vierte Auflage des letzten Bandes besorgt, von anderen Banden war schon
vorher eine funfte Auflage notig geworden. So hat ihn das Buch sechzig
Jahre hindurch — ein rechtes Lebenswerk — begleitet. Und dazu kam
dann noch der ebenfalls schon in neunter Auflage erschienene Grundrifl
der »Geschichte der griechischen Philosophies und kommen die vielen Aufsatze
vor allem in dem von ihm gegriindeten »Archiv flir Geschichte der
Philosophies, die vielfach der Verteidigung einzelner Aufstellungen in seinem
Hauptwerkgewidmet sind 1 ), undeben dort auch die inhaltreichen Jahresberichte
iiber die Erscheinungen zur griechischen Philosophic in den betreffenden Jahr-
gangen. Dafl sich der Meister selbst einer solchen kritischen Uberschau des
auf diesem Gebiete Geleisteten unterzog, war ein ganz besonderes Verdienst,
das ihm durch die Beachtung, mit der diese Berichte bei uns und im Auslande
aufgenommen und verfolgt wurden, gelohnt worden ist.
Was Z.s Arbeiten zur griechischen Philosophic und speziell sein grofles,
etwa 5000 Seiten umfassendes Hauptwerk auszeichnet, ist die ganz einzig-
artige Verbindung von subtilster philologischer Griindlichkeit, die an jeder
wichtigeren Stelle, an jedem bedeutungsvolleren Wort ihre Goldschmiedekunst
bewahrt, und von wahrhaft philosophischem Verstandnis fur den Gedanken-
gehalt und den Zusammenhang der Systeme, die er aus dem Geist ihrer Urheber
heraus scharfsinnig nachkonstruiert und als kunstlerisch abgerundetes Ganzes
zur Darstellung bringt. Dadurch ist dieses Werk das Standard Work geworden
flir unsere Kenntnis und unser Verstandnis der griechischen Philosophic, auf
das man immer wieder wird zuriickgreifen und von dem man immer wieder
wird ausgehen mussen. Dafl seine Resultate nicht flir alle Zeiten feststehen,
nicht uberall das letzte Wort bedeuten, das hat, auch wenn man von der
bereits vorhandenen und noch zu erwartenden Papyrusliteratur absieht, schon
jetzt die oft gereizte Polemik gezeigt, in die Z. noch zu Lebzeiten ver-
wickelt worden ist, und ein Buch wie die ^Griechischen Denker« von Theodor
Gomperz beweist, dafl man auch auf diesem Arbeitsfeld andere modernere
Bahnen einschlagen kann als er. Aber die lieblose Art, mit der Z., nicht zum
wenigsten auch von schwabischen Landsleuten wie Edmund Pfleiderer oder
Konstantin Ritter, bekampft worden ist, hat er nicht verdient. Auch die, die
meinen, dafl man iiber ihn hinauskommen konne und hinausgehen mlisse
— und jeder von uns kennt solche Partien — , sind ihm fur das Grundlegende
seiner Arbeit, auf deren Schultern wir alle ohne Ausnahme stehen, vollen Dank
schuldig. Er hat die Geschichte der griechischen Philosophic trotz mancher
Vorarbeiten doch gleichsam aus dem Nichts heraus geschaffen und sofort auch
auf eine bewundernswiirdige Hohe emporgehoben ; die, die heute iiber ihn
*) Diese Abreiten alle sollen wir nun gesammelt erhalten in den ♦Kleinen Schriften«,
von denen kurzlich (1910) der erste von drei Banden, herausgegeben von Dr. Otto Leuze,
erschienen ist.
5 6 Zellcr.
hinaussehen, verdanken es in erster Linie doch nur »dem groflen Zeller*, dafl
sie ihre Arbeit in dieser Weise haben tun und dabei an manchen Punkten
auch uber ihn hinaus haben weiter fuhren konnen. Hoch anzuschlagen war
es dann noch besonders, dafl der Altmeister selber durch seinen »Grundrifl«
die reichen Schatze des groflen Werkes in kleine, handliche Munze umsetzte
und sie so auch den nicht speziell Philosophic Studierenden zuganglich machte.
Die vielen Auflagen beweisen, wie sehr er auch damit und darin das richtige
getroffen hat. Von den mancherlei Fehden, in die ihn diese Arbeit an der grie-
chischen Philosophie verwickelt hat, nenne ich hier nur seinen Streit mit Erwin
Rohde uber die Abfassungszeit des platonischen Theatet, sein Eingreifen in
den Kampf um die Existenz Leukipps und seine energische Ablehnung
der sprachstatistischen Methode zur Losung der platonischen Frage gegen
Konstantin Ritter.
Von ganzanderer Art als seine Philosophie derGriechen ist seine »Geschichte
der deutschen Philosophie seit Leibniz*, die er fur die von Maximilian II. in
Bayern veranlaflte Geschichte der Wissenschaften in Deutschland schrieb
und die einen der wenigen wirklich gelungenen Bande dieses grofi gedachten
Unternehmens bildet. War dort das Wertvollste der extensive Kleinbetrieb,
der sozusagen aktenmaflig die Exaktheit der Darstellung garantiert und die
Mittel zur Kontrolle immer selbst schon darbietet, so liegt der Vorzug dieses
zweiten Werkes vor allem in der Kunst des Zusammenfassens und in der Uber-
sichtlichkeit und lichtvollen Durchsichtigkeit der Darstellung. Dabei geht
aber der Verfasser nicht wie Kuno Fischer durch Vereinfachung der Probleme
oder durch geschickte Verwendung von Zitaten den Schwierigkeiten, sie ver-
hiillend oder ignorierend, aus dem Weg, sondern er deckt sie, wo sie auf seinem
Wege liegen, ehrlich auf und sucht sie gewissenhaft zu losen. Eine Frucht
dieser seiner Beschaftigung mit der neuen deutschen Philosophie war auch
das ebenfalls aus der Berliner Zeit stammende schone Buch uber Friedrich
den Groflen als Philosophen (1886), das zum ersten Mai diese Seite des groflen
Konigs im Zusammenhang darlegte und ihr reizvolles Seitenstiick etwa in den
sechs Vortragen von Straufl uber Voltaire finden mag.
Es ist gesagt worden, der Historiker der griechischen und deutschen Philo-
sophie sei nur der halbe Zeller; daneben konne sich der systematische
P h i 1 o s o p h , der Denker Zeller, sehr wohl sehen lassen. So unbedingt diirfte
dem doch nicht beizustimmen sein. Der Schwerpunkt seiner Arbeit und seiner
Leistungen lag fraglos im Historischen, in der kritisch scharfen Herausarbeitung
und der feinsinnig nachkonstruierenden Zusammenfassung dessen, was andere
gedacht und philosophiert haben. Dafl dabei seine Meinung immer die gewesen
ist, dafl man die Geschichte der Philosophie nur zu studieren habe um der
Philosophie willen und dafl man an ihr selbstandig denken und selbstandig
philosophieren lernen solle, das versteht sich von selber. Doch wenn er auch
nie vergessen hat, dafl die Geschichte der Philosophie nicht Selbstzweck ist,
so war doch seine Forscherarbeit vor allem diesem Mittel gewidmet, das er
fur andere moglichst exakt herauszupraparieren und moglichst handlich zu
gestalten bemuht war. Aber daneben ist nun freilich auch ein wichtiges Ereignis
in dem Entwicklungsgang der neueren deutschen Philosophie selbst an seinen
Namen gekniipft. Als diese am Ende der fiinfziger Jahre ihren Tiefstand erreicht
hattc und sich vollig ohnmachtig und unfahig zeigte, dem materialistischen
Zeller. 5 y "
Ansturm Widerstand zu leisten und ein Bollwerk entgegenzusetzen, da war es
Eduard Zeller, der dagegen auf die einzig mogliche und einzig wirksame Hilfe
hinwies: Der Ruf »zuruck zu KantU ist in seiner schon genannten Heidelberger
Antrittsvorlesung am 22. Oktober 1862 von ihm als Losung ausgegeben worden.
Es war die ausdriickliche Absage an Hegel und das offene Bekenntnis zu
Kant, wenn er hier erklarte: »Unser Standpunkt ist mit einem Wort nicht
der des Dogmatismus, weder des empiristischen noch des spekulativen, sondern
der des Kritizismus; wir konnen nicht erwarten, eine Erkenntnis des Wirk-
lichen anders als von der Erfahrung aus zu gewinnen; wir werden aber ebenso-
wenig vergessen, dafl in der Erfahrung selbst schon apriorische Bestandteile
enthalten sind, durch deren Ausscheidung wir erst das objektiv Gegebene
rein erhalten, und dafi die allgemeinen Gesetze und die verborgenen Grunde
der Dinge liberhaupt nicht durch die Erfahrung als solche, sondern durchs
Denken erkannt werden*. In diesem Sinn ist »der Anfang der Entwicklungsreihe,
in der unsere heutige Philosophic liegt, Kant; und die wissenschaftliche Leistung,
mit der Kant der Philosophic eine neue Bahn brach, ist seine Theorie des Er-
kennens. Auf diese Untersuchungen wird jeder, der die Grundlagen unserer
Philosophic verbessern will, vor allem zuriickgehen und die Fragen, welche
sich Kant vorlegte, im Geist seiner Kritik neu untersuchen mtissen«. Dieser
Ruf Z.s hat alsbald Widerhall gefunden — ich nenne nur Liebmann und
Fr. Alb. Lange — , von ihm mufl man die Selbstbesinnung und damit die Wieder-
erhebung der am Boden liegenden Philosophic datieren: von da an hat sie sich
zu neuer Arbeit und neuer Bedeutung aufgerafft. Zeller selbst aber war bei
aller Anerkennung Kants doch nicht willens, sich ihm bedingungslos gefangen
zu geben : das zeigt in derselben Rede die in den Ohren unserer strengen Neu-
kantianer libel genug klingende Fortsetzung jener eben zitierten Satze: dafl
man »durch die wissenschaftlichen Erfahrungen unseres Jahrhunderts be-
reichert, die Fehler, welche Kant machte, vermeiden« musse. Noch deutlicher
sehen wir diesen Vorbehalt Kant gegenuber aus der schonen Abhandlung Ciber
>Begriff und Begrlindung der sittlichen Gesetze* (1882), in der er das gute
Recht des Eudamonismus gegen die formalistische und rigorose Moral Kants
sicher zu stellen sucht und siegreich verficht. Trotz alledem will es mir aber
doch scheinen, als ob — vom Historischen abgesehen — nicht in diesen spateren
erkenntnistheoretischen und ethischen Abhandlungen die Bedeutung des Philo-
sophen Zeller liege, sondern eben doch in jenen grundlegenden Aufsatzen liber
das Wesen der Religion oder uber die menschliche Freiheit aus den vierziger Jahren,
die durchaus vom Hegelschen Pantheismus erfullt waren, aber sich freihielten
von dessen einseitigem Panlogismus und Intellektualismus und darum doch der
menschlichen Freiheit im Sinne eines rationalen Willens Raum zu schaffen
bemuht waren und gerade darin die durchaus diesseitig gedachte sittliche Welt-
ordnung verbiirgt glaubten. Ich jedenfalls bin von jenen friiheren Arbeiten
Z.s weit tiefer beeinfluflt und angeregt worden als von den spateren in die
zweite und dritte Sammlung der »Vortrage und Abhandlungen« aufgenom-
menen Abhandlungen systematischen Inhalts. In jenen zeigt sich die »Sophro-
syne«, die ihm menschlich immer wieder nachgeruhmt wird, in glucklichster
Weise auch recht eigentlich als seine wissenschaftliche Tugend und als die Kunst,
alles Extreme zu vermeiden und die Probleme nicht durch Abschwachung ihrer
Schwierigkeiten, sondern durch gewissenhafteste Vertiefung in sie ihrer Losung
'58
Zeller.
entgegenzufuhren, wahrend diese selbe Sophrosyne spater doch zuweilen zu
eioem allzu absichtlich vermittelnden juste milieu zu verflachen drohte. Und
so kann man vielleicht sagen: als Schiiler Hegels sei Z. seiner selbst ge-
wisser und sicherer, sei in dieser Abhangigkeit und Zugehorigkeit zur Schule
geradezu selbstandiger gewesen, als in seinem vielbelobten Zuriickgehen auf
Kant, dem er doch bei aller Einsicht in die Notwendigkeit eines solchen An-
schlusses mehr kritisch als in ihm lebend und aus ihm schopfend gegeniiber-
stand. Z. war in seiner »ersten Periode* als Hegelianer mehr Philosoph,
als er es in seiner »zweiten« unter dem Einflufi von Kant gewesen ist; aber
um die systematische Philosophie und ihre Weiterentwicklung hat er sich
groflere Verdienste dennoch erst durch dieses Zuriickrtifen zu Kant erworben.
Das ist, mochte ich sagen, die einzige Paradoxic in dem sonst so klaren und
durchsichtigen Wesen Z.s.
Oder sollte eine zweite am Ende noch in seinem Stil liegen? Be-
kanntlich hat Straufi in seinem gelungenen Scherz vom »Papierreisenden«
den Freund auf den Mangel seines Stils an »Taille<r, auf das fehlende
Semikolon hingewiesen. Das war ganz richtig. Auch hat sich Z. diese
Empfehlung von Semikolon und Taille von da ab gemerkt und zu Nutze ge-
macht. Aber in der Hauptsache blieb es naturlichdochbeim Alten. Undtrotzdem
— Z.s Stil ist nicht blofl in seinen gelehrten Werken lichtvoll und klar, er
ist in seinen »Vortragen und Abhandlungen* auch schon, die Monographien
iiber Baur und iiber Renan und Straufi hat man geradezu als »klassisch«
bezeichnen konnen, und noch manche andere seiner biographischen und
historischen Abhandlungen stehen jenen darin kaum nach. Freilich sind sie
weder in der geistreich pointierten Manier Nietzsches noch in dem pathetisch-
rhetorischen Brustton Treitschkes geschrieben: diese beiden mufiten Z.
von ihrem Standpunkt aus ebenso ablehnen, wie sie Straufi als »Philister«
verhohnt und abgelehnt haben; sondern es ist jene schlichte, einfache Schon-
heit, wie wir sie vor allem an Straufi bewundern, nur dafi dieser dem Freund
an Fulle und bildlicher Anschaulichkeit, an Grazie und »Taille« doch noch
weit uberlegen war. Bei Z. war es dagegen vor allem die Sache und die
Sachlichkeit, die seinen Stil bestimmte, auch daraus ergibt sich, wie recht
Straufi hatte, ihn schlechtweg zu den grofien Gelehrten zu rechnen. Das war
Z., eine durch und durch gelehrte, intellektualistische Natur, in der die
Geduld und der Fleifi grofier waren als die Phantasie, das Gefuhlsmafiige stark
zurlicktrat und auch der Wille nur etwas gait, soweit er rational war. Darin
liegt vielleicht seineintimsteBeziehungzuKant, dem er von Natur aus verwandter
war als Goethe. Aber weil er durch seine grundliche Gelehrsamkeit seiner Sache
so ganz machtig war, sie so ganz durchdrang und durchschaute, deswegen hatte
er auch das Wort fur sie ganz in seiner Hand; weil ihm die Sache, von der er
gerade sprach, jederzeit ganz klar war, deswegen hat auch sein Stil diese ange-
nehme Klarheit und Durchsichtigkeit; weil er Herr der Sache war und nicht
redete, ehe er es war und ohne es zu sein, deshalb besafl er auch die Herrschaft
iiber das Wort und die Treffsicherheit des Ausdruckes dafur. So ist doch auch
bei ihm der Stil der Mensch gewesen.
Denn auch als Mensch war Z. durchsichtig und klar und rein, wie
wenige, eine anima Candida oder, wie ihn Straufi einmal genannt hat, eine anima
angelica. Das zeigte sich vor allem seinen Freunden gegenuber, denen er Treue
Zeller. c g *
zu halten wufite wie selten einer. Ich denke dabei in erster Linie eben an sein
Verhaltnis zu StrauB, obwohl zeitweise seine Stellung zwischen dem zuriick-
haltenden Schwiegervater und dem dariiber mit Recht empfindlichen Freunde
keine ganz leichte war und obwohl er schliefilich mit dem »neuen Glauben«
des Freundes auch sachlich nicht in alien Teilen einverstanden sein konnte.
Jenes Verhaltnis zwischen Baur und StrauB hat er in seinen »Erinnerungen«
noch einmal mit gerecht abwagender Billigkeit formuliert und sich mit dem
Herzen auf die Seite des Freundes, mit dem Kopf auf die Baurs gestellt; und
dem »alten und neuen Glauben* gegenuber hat er ohnedies nicht rechthaberisch
wie Vischer in dringendster Stunde den Dissens betont, sondern furchtlos und
treu den Schild uber den hart Angegriffenen gehalten, ihm nach dessen Tode
erst im Schwabischen Merkur, dann in einer besonderen und besonders feinen
Skizze (David Friedrich StrauB in seinem Leben und seinen Schriften 1874)
ein biographisches Denkmal gesetzt und darin bei allem sachlichen Vorbehalt
voll Respekt auch von diesem letzten »Bekenntnis« des alten Kampfgenossen
gesprochen; und endlich hat er 21 Jahre nach Straufiens Tod diesen durch
die Herausgabe seiner »ausgewahlten Briefer vor aller Welt in das hellste und
freundlichste Licht gestellt, so dafi hinfort dieAngriffe auf den Menschen StrauB
wenigstens verstummen mufiten: einen besseren Freundesdienst hatte er ihm
in der Tat nicht erweisen konnen.
Das alles hing aber noch mit einer anderen Eigenschaf t Z.s zusammen,
die ihm gerade diesen Freund besonders sympathisch machen muflte, mit seiner
eigenen geistigen Freiheit, die ihn so unerschrocken auf den Plan treten und so
tapfer fur seine Sajihe einstehen lieB. Er war als theologischer Kritiker
groB geworden, diese polemische Ader hat den streitbaren Mann nie verlassen;
und dabei stand dem sonst so Mildedenkenden eine Scharfe, und wo er auf
bosen Willen stieB, sogar eine Grausamkeit zu Gebot, die ihn zu einem hochst
gefahrlichen und gefiirchteten Gegner machte, ob er nun die Tiibinger Theologie
gegen die »Denunziationen« der Evangelischen Kirchenzeitung oder den Redner
am Grabe von StrauB gegen die Unduldsamkeit eines wtirttembergischen
Pralaten, ob er seine Darstellung Zwinglis gegen die »Jugendlichkeiten«Sigwarts
oder seine Datierung des Platonischen Theatet gegen Erwin Rohde's schweres
Geschutz zu verteidigen oder sich mit Konstantin Ritter iiber den Wert der
Sprachstatistik zur Losung der platonischen Frage auseinanderzusetzen hatte.
Innerlich frei aber war er geworden in den theologischen Kampfen seiner Jugend,
frei von aller dogmatischer Abhangigkeit und Befangenheit und darum ein
entschlossener Verfechter des heiligsten Gutes deutscher Wissenschaft, der aka-
demischen Lehrfreiheit, deren Wert er in Tubingen und in Marburg fur sich und
seine Freunde aus nachster Nahe schatzen gelernt hatte. So frei war er auch
deshalb, weil er nur da das Wort ergriff, wo er nicht nur ganz in der Sache,
sondern als ein Meister und ein Wissender auch (iber der Sache stand.
Aber diese Objektivitat und die Unterwerfung seines personlichen Willens
unter das Rationale machte ihn nicht kuhl oder gleichgiltig gegen das Mensch-
liche. Das zeigt wiederum seine andieAntikeerinnerndehoheAuffassungvonder
Freundschaft und seine feine Art, sie auch praktisch zu betatigen. Gerade da
hat er sich in den heikelsten Situationen so recht als eine natura angelica be-
wahrt, und — fugt der temperamentvollere StrauB hinzu — »wenn wir zu-
weilen geneigt sind, das Mangelhafte, was eine solche Natur hat, hervorzu-
60 Zeller.
heben, so habe ich zugleich das voile Gefiihl des Hoheren bekommen, welches
darin liegt«. Auch sein eigenes Familienleben und seine ruhrende Freude an
den heranwachsenden Enkeln in Stuttgart offenbarte sein Herz.
Vollends rege aber war sein Anteil an den Geschicken seines Volkes, ob
es sich nun handelte um die Bewegung des Jahres 1848 oder um die Befreiung
der Elbherzogttimer vom danischen Joch und das daran sich anschliefiende
Problem der Einigung Deutschlands unter Preufiens Fiihrung oder um den
Kampf gegen den Ultramontanismus in den siebziger Jahren, um den Wider-
stand gegen den reaktionaren Zedlitzschen Volksschulgesetzesentwurf oder um
die Abwehr der die Freiheit der Kunst bedrohenden lex Heinze, um die Gym-
nasialreform, die ihm das Studium der klassischen Sprachen und die Berei-
cherung des deutschen Geisteslebens durch die Beriihrung mit dem Griechen-
tum, oder um die Zuruckweisung der Ubertreibungen des deutschen Sprach-
vereins im Kampf gegen die Fremdworter, die ihm die Beweglichkeit und die
Nuancierungsmoglichkeit unserer deutschen Sprache zu hemmen und zu ver-
engen schienen. Oberall ergriff Z. zu solchen brennenden Fragen selber
als Fiihrer das Wort oder stellte sich wenigstens mit aufgeschlagenem Visier
den Rufern im Streit zur Seite.
Aber die hohe Stufe, die ihn seine Gelehrsamkeit innerlich und auOerlich hat
ersteigen lassen, machte ihn auch nicht zu vornehm fur das Kleinleben und
seine Interessen; seine Andacht zum Kleinen, die seine gelehrte Arbeit so exakt
machte, zeigte sich hier noch in anderer, rein menschlicher Form. Lebhaft
interessierte er sich fur alles, was um ihn her in Familie und Haus, in Stadt
und Land vorging und lebhaft auch ftir alle, die bei ihm eintraten oder die
friiher einmal seinen Weg gekreuzt hatten. Sein phanomenales Gedachtnis
machte ihn zu einer lebendigen und geradezu unerschopflichen Chronik. Und
hier kam dann auch Fernerstehenden die ganze tiefinnerliche Liebenswiirdigkeit
seines Wesens zum Bewufitsein: man fand in ihm nicht nur einen hochst unter-
haltenden Erzahler und Gesellschafter, sondern, was ja viel schwerer ist, auch
einen bereitwilligen und verstandnisvollen Horer, der teilnahmvoll auf die
Interessen und Anliegen des anderen einging. So war es doch kein Zufall und
kein falscher Schritt, dafi Z. 1894 aus der Weite des Berliner Lebens in
die intime Enge Stuttgarts zuruckkehrte und dort die letzten vierzehn Jahre
seines Lebens verbrachte. Hier flihlte er sich heimisch und wohl. Die schwa-
bische Stammesart brach, wie in dem dialektisch gefarbten Hochdeutsch seiner
Sprechweise, in der er sie auch draufien nie ganz abgelegt und verleugnet hat,
so auch in seinem schlichten Auftreten und in seinem behaglichen sich Geben
immer wieder durch und wurde in der Heimat schliefilich doch am besten ver-
standen. Und hier zogen ihn die vielgeschmahte und vielbelobtc schwabische
Gemutlichkeit, der siiddeutsche Humor und jene treuherzige Schalkhaftigkeit,
die bald mehr das Herz, bald mehr den Schalk herauskehrt oder verbirgt,
je nachdem — die schwabische Art seiner Umgebung zog und heimelte ihn deshalb
an, weil er sie selber in so hohem MaBe besaC. Diese Eigenschaften, die er mit
seinen Stammesgenossen teilte, und dazu noch die Hoflichkeit des Herzens, die
ihn personlich auszeichnete und die eine so seltene Tugend ist, machten den Ver-
kehr mit dem geistig hochstehenden Mann auch denen leicht und erfreulich, die
bei weitem nicht an ihn heranreichten: sie merkten nicht einmal, wie sehr er der
Gebende und sie nur dieEmpfangenden waren und wie hoch er uber ihnen stand.
Zeller. Loritz. 6 !
So war der groBe Gelehrte durch und durch Mensch und als solcher eine
natura tnusica, eine harmonische, oder wie ihn Straufl einmal fein genannt
hat, eine melanchthonische Natur. Wir Schwaben aber konnen stolz darauf
sein, von ihm, dessen Ruhm als der eines ganz groflen Gelehrten durch alle
Lande ging, doch ganz intim sagen zu diirfen: »denn er war unser«.
Literatur: Ein moglichst vollstandiges Verzeichnis der uberaus zahlreichen Ver-
offentlichungen Zellers wird der dritte Band der »Kleinen Schriften* bringen; auf ihn,
der 191 1 erscheinen soil, sei daher im voraus schon verwiesen. Hier genugten die Haupt-
werke, die alle oben im Text selbst genannt sind. In jenem dritten Band wird auch die
von seinem Kollegen Diels in der Berliner Akademie der Wissenschaften gehaltene Gedachtnis-
rede auf Zeller weiteren Kreisen zuganglich gemacht werden. Unter den zahllosen Nach-
rufen bei seinem Tode, woran es kaum eine Zeitschrift und grofiere Zeitung hat fehlen
lassen, nennc ich, urn des Ortes willen, den im Archiv fur Geschichte der Philosophic
(XXI, 3) von Ludwig Stein, und auflerdem den im Schwabischcn Merkur vom 21. Marz 1908
von mir herriihrenden Nekrolog: den letzteren deshalb, weil der voranstehende Gedachtnis-
artikel eine mehrfach wortliche, freilich auch nicht unwesentlich erweiterte Wicderholung
desselben ist.
Straflburg i. E. T h e b a 1 d Z i e g 1 e r.
Loritz, Josef, herzogl. Anhalt. Kammersanger, * 16. April 1864 in Nittenau
(bayr.Oberpfalz), f 27. Dezember 1908 in Munchen. Wie so viele Sanger von
Bedeutung, ist auch L. aus dem Lehrerstande hervorgegangen. Er absolvierte
das Lehrerseminar in Amberg, war Lehrer in Wenzenbach, Furth, Worth a. D.
und Regensburg. Ja, es war vorwiegend die musikalisehe Begabung, welche
die Eltern bestimmte, den Knaben Lehrer werden zu lassen. Vorlaufig und
noch ziemlich lange blieb L., der sich aus Eichstatt inzwischen seine Braut
heimgeholt hatte, ein solider und bcliebter Lehrer; er besuchte zwar zwei
Jahre lang die Akademie der Tonkunst in Munchen, lernte singen, geigen und
Orgel spielen, ging aber dann wieder als Seminarhilfslehrer nach Eichstatt
(1890) und 1895 als Praparandenlehrer nach Regensburg. Erst 1899 entschlofl
sich L., ernstlich bei Eugen Gura in Munchen zu studieren, und er darf wohl
als der Lieblingsschuler des groflen Sangers gelten, der nur wenige Schuler
hatte und ja keinem sein Genie hinterlassen konnte. L. Jcam dem Meister aber
weitaus am nachsten, namentlich in der Interpretation Loewescher Balladen,
die ja Gura gewissermaflen erst wieder neu entdecken muflte. L. wurde jetzt
Sanger, aber es w r urde ihm nicht leicht gemacht. L. hat nie der Biihne angehort,
und man weifl, dafl, mit Unrecht, die Biihnensanger auch im Konzertsaal
gesuchter zu sein pflegen als die eigentlichen Konzertsanger. Ferner hatte
seine Erscheinung nichts Blendendes. Kraftvoll, deutsch und ehrlich stand er
auf dem Podium, bescheiden und ohne die Fahigkeit, sich durchzusetzen,
wo man ihm nicht willig entgegenkam. Wer ihn kannte, hatte den Menschen
lieb, ohne den Sanger je .gehort zu haben. Wer ihn aber gchort hatte, wufite,
welch' gewissenhafter Kunstler in ihm steckte. Langsam und muhevoll brach
er sich Bahn; er reiste endlich, fand uberall Beifall, ja Begeisterung und auch
dankbare, ihn verehrende Schuler. So haben ihn fast alle Stadte Deutschlands
gehort. Sein Bariton war von uberaus edler Klangfarbe, sein Vortrag von
einer gewissen lehrhaften Deutlichkeit und inneren Uberzeugung. Das Merk-
wiirdigste aber war der Umfang seiner Stimme, die ein solches Kuriosum war,
6 2 Loriu. Sickel.
dafl, hatte L. einen beliebigen fremden Namen getragen und ware er eben
n i c h t gewesen, wie er war, er wie seinerzeit etwa das Tenorwunder Mierz-
winski die Welt und ihr Gold zu seinen FuBen gesehen hatte. L. konnte nam-
lich Tenor, Bariton und Ba6 singen, seine Stimme umfafite nahezu vier Ok-
taven; er sang mit tenoralem Glanze das hohe A und F und stieg ebenso miihe-
los zum tiefen C hinab. Nicht lange vor seinem allzu fruhen Tode ubernahm
er z. B. ohne Probe fur den erkrankten Tenoristen die so schwierige Partie
des Evangelisten in der Matthaus-Passion. Er war iiberhaupt ein vortreff-
licher Oratoriensanger und fiihrte in solchen in der Regel die Bafipartien durch
— ein Phanomen, wie, zur Zeit wenigstens, kein zweites im deutschen Konzert-
saal, noch weniger auf der Biihne bekannt ist. Ein grausames Schicksal entrifi
L. ungeahnt friih seiner Familie und der Kunst. Am 15. November 1908 hatte
er in Pirmasens zum letzten Male gesungen, erkaltet und krank kehrte er heim.
Von einer aufierst heftigen Bronchitis, die ihn befallen, schien er sich noch zu
erholen, da brachten Herzkrampfe das Ende. Wie in einer Vision begann er
am Sonntag, den 27. Dezember, abends Bruchstiicke aus dem Oratorium
»Christus« von P. Hartmann, dessen Titelpartie er ofters gesungen, vor sich
hinzusummen, dann schlief er ein, um nicht mehr aufzuwachen. Eine der
sympathischesten, mannlichsten Erscheinungen ist mit ihm aus dem deutschen
Musikleben verschwunden.
Die musikalische Kritik ist L. in kurzen Nachrufen gerecht geworden. Von seiner Jugend
wufite man wenig. Den einzig authentischen Nekrolog brachte wohl der Oberpfalzer Schul-
anzeiger (Regensburg v. 16. Januar 1909, Nr. 2; mit Bild), aus der Feder eines ehemaligen
Kollegen.
Munchen. Alfred Frhr. v. Mensi.
Sickel, Theodor von, * am 18. Dez. 1826 im Pfarrhaus zu Aken (Prov.
Sachsen), | Meran 21. April 1908. S. erhielt seine erste Bildung durch seinen
Vater, welcher 1830 zum Rektor des Lehrerseminars in Erfurt ernannt wurde,
jedoch schon 1842 starb. Auch der Sohn studierte zunachst 1845 — 1 &47 zu Halle
und Berlin Theologie, trat dann aber auf die philosophische Fak;ultat uber, horte
Lachmann, Grimm, Bockh, Raumer, Neander und wurde 1850 in Halle mit
einer Dissertation uber den Anfall Burgunds an das Haus Valois zum Doktor
promoviert. Den grofiten Einflufi ubte auf ihn der beriihmte Lachmann, den
er als seinen vaterlichen Freund bezeichnet, aus. Dieser wies ihn nachdrucklich
darauf hin, oder ermunterte doch seine angeborene Neigung, in Studium und
Forschung immer auf die Urquellen zurtickzugehen, auf diese aufzubauen.
Lachmann war es auch, der ihn fiir seine weitere historische Ausbildung auf die
1847 reorganisierte £cole des chartes in Paris aufmerksam machte.
Der junge Doktor, dem seine politische Betatigung im Jahre 1848 die
Aussicht auf Weiterkommen in PreuBen zu versperren schien, wanderte in wohl-
gemutem Selbstvertrauen, obwohl er schon in Berlin nur durch Unterricht
eines Turken sich sein Studium hatte ermoglichen konnen, im Herbst 1850
nach der damaligen Hauptstadt Europas. Er muBte dort zunachst von der
Feder leben, durfte den Vortragen der £cole des chartes nur durch eine Spalte
lauschen. Aber solche Widerwartigkeiten stahlten nur seine eiserne Energie;
die Studien, um deretwillen er gekommen war, gab er nicht preis. Archiv-
reisen, welche er fur seine burgundischen Forschungen nach Siiddeutschland,
Sickel. 6 j
Schweiz, Mailand unternahm, verschafften ihm die Achtung der Gelehrten,
fur welche er nebenbei arbeitete. Er eroberte sich eine Position in Paris. 1855
offnete ihm die £cole des chartes ihre Pforten, er durfte nun an Vortragen und
Obungen teilnehmen, trat in nahere Beziehungen zu den Professoren, verkehrte
viel in offiziellen Kreisen.
Schon 1854 hatte ihm der franzosische Unterrichtsminister den Auftrag
erteilt, die oberitalienischen Archive fur die Beziehungen Franz Sforzas zu
Frankreich zu durchforschen. In Mailand und Venedig trat er mit den ein-
heimischen Historikern, aber auch mit den osterreichischen Kreisen in Beruhrung.
Auf Veranlassung Chmels, des Vizedirektors des Haus-, Hof- und Staatsarchivs,
erschien die erste grofiere Arbeit Sickels uber dieErwerbungMailands durch Franz
Sforza 1855 im Archiv f. osterr. Geschichte. Da er konstatierte, daB bedeutende
Materialien zur franzosischen Geschichte des XV. Jahrh. sich in Wien befanden,
erteilte ihm Minister Fortoul die ausgedehntere Mission, Hofbibliothek und
Staatsarchiv dafiir auszubeuten. Man verweigerte ihm anfangs den Zutritt,
da von Preufien aus seine politische Haltung noch immer verdachtigt wurde.
Flugs eilte er nach Berlin, um sich zu rechtfertigen, und hatte vollen Erfolg.
Nach solchen Jugenderfahrungen begreift man, da6 er zeitlebens den Kampf
um sein Recht und seine Stellung im Grofien wie im Kleinen auf das nach-
drucklichste fuhrte.
Der fiinfjahrige Pariser Aufenthalt Ss. zeigt eine deutliche aufsteigende
Linie. Der stattliche, lebhafte und nihrige Mann mit den blitzenden Augen und
dem unverkennbar norddeutschen Typus hatte jene Sicherheit des Auftretens
gewonnen, welche perfekte Kenntnis fremder Sprachen, vielfache Reisen, der
von ihm stets eifrig gepf legte Verkehr mit den besten Kreisen und eine Fiille von
Ankniipfungspunkten in Frankreich, Deutschland, Italien, verbunden mit
dem Bewufltsein der eigenen Leistungsfahigkeit verleihen konnten. Durch um-
fangliches Wissen und ernste Forschung hatte er sich in der gelehrten Welt
bereits vorteilhaft eingefiihrt. Aber die Stellung und wissenschaftliche Rich-
tung, in welcher er dann sein ganzes Konnen so glanzend entfaltete, konnte
er selbst nicht ahnen. Zwei ganz unvorhergesehene Umstande wirkten da be-
stimmend: die Kiindigung seiner wissenschaftlichen Mission aus nationalen
Grunden und hauptsachlich die Errichtung des Instituts fur osterreichische
Geschichtsforschung in Wien.
Zu den Maflregeln, durch welche die Regierung in einer groflzugigen,
hohen Idealen zuganglichen Epoche die neuorganisierten Universitaten Oster-
reichs auf das Niveau der deutschen Schwestern zu heben suchte, gehorte auch
die Grundung dieser Anstalt im Jahre 1854. Die Initiative entstammte durch-
aus dem Ministerium. Die Absicht ging auf die Belebung ernster Geschichts-
forschung in Osterreich, es sollte durch eine solche Einrichtung zu wissenschaft-
lichem Betrieb der vaterlandischen Geschichte angeeifert, die Heranbildung
tuchtiger Krafte fur Archive, Bibliotheken, Museen, insbesondere auch fur
die Hochschulen erzielt werden. Als Muster diente die £cole des chartes, die
beruhmte Pflanzstatte franzosischer Historiker, und zwar in Einrichtung wie
in Lehrstoff, nur daC die neue Schule den heimischen Verhaltnissen entsprechend
der Universitat der Hauptstadt angegliedert wurde. Wie in Paris, so wurde
auch hier fur die methodische Ausbildung den historischen Hilfswissenschaften
breiter Raum zugedacht.
64 Sickel.
Im Oktober 1855 eroffnete der zum Direktor bestellte Professor der dster-
reichischen Geschichte, Albert Jager, den ersten Lehrkursus. Trotz der eifrigsten
Hingabe iiberwogen zunachst die Schwierigkeiten den Erfolg. Jager hatte
das Institut in einen gewissen Gegensatz zur Universitat gestellt, so dafi kein
anderer Professor sich an den Vortragen beteiligte; fur Hilfswissenschaften
gab es damals an keiner deutschen Hochschule eine Professur, Jager selber
war darin voller Dilettant.
Da bat das Institutsmitglied Ottokar Lorenz Sickel, dessen Bekannt-
schaft er im Archive gemacht hatte, um Unterweisung in der Palaographie.
Jager ersuchte, das Privatissimum alien Mitgliedern zuganglich zu machen,
und war vom Erfolge des Unterrichts so befriedigt, daC auf seinen Antrag
das Ministerium am 19. Sept. 1856 diesen Mann »von so bedeutenden Kennt-
nissen und so eminenter Lehrgabe« zum Dozenten fur historische Hilfswissen-
schaften am Institute bestellte. Sickel, dessen franzosische Mission erloschen
war, nahm an. Er war damit zeitlebens fur Osterreich g e -
w o n n e n. 1857 wurde seine Stellung durch Ernennung zum auOerordent-
lichen Professor mit den Universitatseinrichtungen in Einklang gebracht.
Er hatte im Institut Palaographie, Urkundenlehre und Chronologie vorzu-
tragen.
S. hatte diese Facher in Paris, dann auch in Mailand mit Eifer ge-
trieben, aber doch nur, um sich fur seine Forschungen in den Archiven griind-
lichst zu schulen. Mit jenem Pflichteifer und jener unverwiistlichen Tatkraft,
die ihn jederzeit auszeichnete, stellte er nun seine bisherigen Forschungen
zuriick und widmete sich vollstandig seiner neuen Aufgabe als Dozent der Hilfs-
wissenschaften, in Lehre wie in Forschung.
Das erste war die Schaffung eines palaographisch - diplomatischen Lehr-
apparates fur das Institut. Da es an geeigneten, im Handel befindlichen
Sammlungen fehlte, schritt er mit freigebiger Unterstiitzung des Unterrichts-
ministeriums an eine eigene, neuartige und grofizugige Publikation, die
Monutnenta graphica. Da Lombardei und Venetien noch zum Kaiserstaat
gehorten, vermochte er aus den inlandischen Sammlungen Proben fast aller
lateinischen Schriftarten von dem friihesten bis zum ausgehenden Mittelalter
zu bieten, zugleich also auch die Erforschung der osterreichischen Geschichte
im besonderen zu befruchten. In ausgedehnterem Mafie als die Buchschriften
sollten die viel mannigfacheren Formen der Urkunden beriicksichtigt werden.
Beim Besitz der Archive des damaligen Kaiserstaates an Kaiser-, Papst-,
Flirsten-, deutschen und italienischen Privaturkunden konnte eine Auswahl
geboten werden, welche sowohl fiir die allgemeine als fur die verschiedensten
Zweige der Spezialdiplomatik ein treffliches Lehr- und Hilfsmittel bildete.
Fiir die Vervielfaltigung wurde zum erstenmal in groflem Maflstab die
noch junge Photographie verwendet und zwar, um die voile Treue zu wahren,
ohne Retouche. Zur Erlauterung beigegeben wurden, was bisher ebenfalls
nicht gebrauchlich war, buchstabengetreue Transkriptionen der Texte, wie sie
sich seitdem bei guten palaographischen Sammlungen mit geringen Verbesse-
rungen eingeburgert haben, ein Zeugnis fiir S.s treffsicheres Verstandnis in
alien didaktischen Fragen.
In rascher Abf olge erschienen 1858 bis 1869 neun Lieferungen von je zwanzig
Tafeln. Freilich konnte das Programm nicht vollstandig eingehalten werden.
Sickel.
65
Die Abtrennung der italienischen Provinzen lieB eine wichtige Quelle versiegen,
das Wiener Staatsarchiv, das heute ein beneidetes photographisches Atelier
besitzt, scheute sich damals, Originate photographieren zu lassen; die ruhmens-
werte Liberalitat der groflen osterreichischen Stifte konnte diese Liicke doch
nicht ganz fullen. Endlich verhinderte die Auflassung der photographischen
Anstalt in der Staatsdruckerei die Erprobung eines Verfahrens, welches dem
Verblassen weniger ausgesetzt war als die Silberkopien. Mit einer erst 1882
in wenig gegliickter Ausfuhrung von K. Rieger besorgten zehnten Lieferung
schlofl das Werk. Sickel verwies darauf, daB die geanderten Verhaltnisse nun
auch andersgearteter Sammlungen bediirften. Schade, dafi die geplanten aus-
fiihrlichen Kommentare einen Niederschlag nur in seinen ausgezeichneten Vor-
lesungen fanden.
Die Monument a graphica waren fur ihre Zeit eine fruchtbringende Tat,
deren Bedeutung wir uns bei der heutigen Fiille von derartigen Tafelwerken
nicht mehr so leicht vergegenwartigen ktfnnen. Sie haben auch als Torso ihre
Schuldigkeit getan, fur die Forschung, fur den Unterricht besonders im Institut
und auf den osterreichischen Hochschulen, aber auch fiir die Verwendung neuer
Vervielfaltigungsverfahren bei palaographischen Tafelwerken. Sickel selbst ge-
wann durch die Auswahl und Bearbeitung dieses Stoffes rasch eine auflerordent-
liche Kenntnis der Schatze in den Ssterreichischen Archiven und Bibliotheken,
die seinen Schulern wieder tausendfach zu gute kam.
Schon die knappen Bemerkungen zu den Transkriptionen lassen Sickels
Selbstandigkeit in der Wertung der Abkiirzungen erkennen. Er hat sich dann
als erster seit U. F. Kopp wieder eine voile Kennerschaft in den so schwierigen
tironischen Noten erworben. Und wo er in seinen spateren Arbeiten palao-
graphische Untersuchungen zu liefern hat, zeigt er eine erstaunliche Erudition
und Beherrschung weit zerstreuten Stoffes: immer voll Scharfe und Genauig-
keit der Beobachtung, auch die geringsten Details werden berucksichtigt und
erklart, nicht in antiquarischer Kleinigkeitskramerei, sondern wenn sie sich
als GHeder groflerer Zusammenhange verwenden lassen. Ich verweise etwa
auf die Charakteristik der Salzburger Schrift in den Alkuinstudien, auf die
Erorterungen uber die Minuskel des X. Jahrh. im Privileg Ottos I. fiir die
rdmische Kirche, auf die Altersbestimmung des vatikanischen Kodex des Liber
diurnus mit den weitausgreifenden Vermutungen liber die Entstehung der
karolingischen Minuskel, oder nach anderer Richtung auf die zahlreichen Schrift -
bestimmungen von Kaiserurkunden, welche uns zu Sickels Leistungen in der
D i p 1 m a t i k hiniiberleiten.
Nachdem fiir den palaographischen Unterricht Vorsorge getroffen war,
widmete Sickel der Urkundenlehre sein Hauptaugenmerk.
In Frankreich, wo der wissenschaftliche Betrieb dieser Disziplin nie er-
loschen war, hatte zuletzt 1838 Wailly eine zeitgemafie Bearbeitung der all-
gemeinen Diplomatik ganz nach Art des XVIII. Jahrh. geliefert. Weit forder-
licher fiir die Forschung war, dafi in den fiinfziger Jahren Huillard-Breholles
und Delisle sich in tief eindringenden, wenn auch bei der bisherigen Methode
verharrenden Monographien der Spezialdiplomatik zuwendeten. In Deutsch-
land war die Diplomatik als Hilfswissenschaft der Juristen betrachtet und als
solche seit der franzosischen Revolution uberfliissig geworden. Bei der an der
philologischen Kritik aufgewachsenen Geschichtsforschung des XIX. Jahrh.
Bio^T. Jahrbuch u. Dcutichcr Nckrolog. 13. Bd. c
66 Sickel.
hatten die formalistischen, oft kritisch ganz unhaltbaren Regeln der gangbaren
diplomatischen Handbiicher alien Kredit verloren, so daC man es auch unterlieO,
den alten genialen Mabillon zu studieren. Als Geschichtsquellen wurden die
Urkunden auch hier immer mehr geschatzt, besonders seitdem J. F. Bdhmer
mit seinen Kaiserregesten iiberaus befruchtend auf die politische Kaiser-
geschichte gewirkt hatte und spater auch Waitz und Ficker mit nicht geringem
Erfolge die Urkunden fur Verfassungsgeschichte zu verwerten begannen.
Die Kritik der Urkunden aber wurde lange sehr willkurlich gehandhabt, da
man die Sonderart dieser Quellen nicht kannte oder beachtete. DaC man,
um hier festen Boden zu gewinnen, von Bohmers Regesta Imperii ausgehen
miisse, erschien schon darum selbstverstandlich, weil hier der Stoff fur die
wichtigste Urkundengruppe gesammelt und bis zu einem gewissen Grad kritisch
gesichtet vorlag. Als Endziel erschien durchaus Forderung der Reichsgeschichte.
So arbeitete Stumpf schon seit 1856 an seinen Reichskanzlern. Und auch
Sickel ging zunachst darauf aus, verbesserte Regesten zu liefern. Die Uber-
weisung der zahlreichen Schrifttafeln karolingischer Urkunden aus dem Nach-
lasse U. F. Kopps an das osterreichische Institut im Jahre 1858 gab ihm den
ersten AnstoB, d i e s e Epoche zu erforschen, aber auch, direkt auf die Be-
schaffenheit der Originale zuriickzugehen. Gleich den Franzosen wahlte er
einen enger begrenzten Stoff, bearbeitete diesen aber erschopfend, er treibt
Spezialdiplomatik bei voller Beherrschung des uberlieferten Wissens-
stoffes in der allgemeinen Urkundenlehre. Er vereinigte deutsche und franzo-
sische Richtung.
Schritt fiir Schritt konnen wir verfolgen, wie die Absicht, die Karolinger
Regesten zu verbessern, Sickel immer tiefer in die Probleme der Urkunden-
lehre hineinfiihrt, ihn die Eigenart dieser Quellen immer besser erkennen und
endlich neue, haltbare Methoden zur Dosung dieser kritischen Fragen ersinnen
und anwenden laCt, durch welche er zum Bahnbrecher auf dem Gebiete
der Urkundenlehre wird.
In den Beitragen zur Diplomatik I bis V (Sitzungsberichte der phil. hist.
Kl. der Wiener Akademie 1861 — 1864) geht er von den inneren Merkmalen
der karolingischcn Konigsurkunde aus, da er die auCeren noch nicht vollstandig
hatte erforschen konnen. In systematischer Ubertragung der fur die erzahlenden
Quellen erprobten kritischen Regeln auf diese andersgearteten Quellen unter-
sucht er das Formular und fiihrt die Scheidung von selbstandigen und aus
Formularen oder Vorurkunden abgeleiteten Texten mit gleich glanzendem
Erfolg wie das G. H. Pertz bei den Scriptores getan hatte, in die Diplomatik
ein. So stellt er nicht nur die Wandlungen des Formulars nach Regierungen
und Kanzlerepochen fest, sondern kommt auch auf die voile Bewertung und
richtige Erfassung des Rechtsinhaltes. Fiir einige der wichtigsten Gruppen
erweist er in musterhafter Weise durch den Vergleich der erhaltenen und ab-
leitbaren Formularien mit denUrkundentexten den typischeh Inhalt der Rechts-
institutionen, zeigt deren Weiterbildung an den Ausnahmefallen auf, ver-
mag zugleich "scharfsinnig eine Menge Falschungen auszuscheiden. Eben damals
war Heinrich Brunner sein Schuler, welcher die diplomatische Forschungs-
methode auf die Rechtsgeschichte libertrug.
Nach mehrjahriger, hochst konzentrierter Vorbcreitung erschienen dann
1867 die Acta Karolinorum. Der zweite Bd. enthalt die Regesten der eigent-
Sickel.
67
lichen Herrscherurkunden von 751 — 840 mit tiefgriindigem Kommentar, fur
Jahrzehnte einer der wichtigsten Beitrage zur Karolingergeschichte. Geradezu
epochemachend aber war der erste Band, welcher die Spezialdiplomatik dieser
Periode, erweitert zu einer Einfiihrung in die Urkundenlehre und einer Neu-
begriindung dieser iiberhaupt bietet.
Vorbildlich durch die uberaus scharfsinnige und umsichtige Bearbeitung
in den Einzelheiten liegt der dauernde Wert in der lichtvollen Darlegung der
Aufgaben der Diplomatik und in der Aufdeckung neuer, sicherer Methoden
fur die Urkundenkritik. Diese Lehren sind Gemeingut geworden, wir konnen
sie kurz in die Satze zusammenfassen : die Lehre von den wesentlichen Merk-
malen der Urkunden ist auf den Vergleich der Originale einer zusammengehorigen
Urkundengruppe aufzubauen, das Urteil ob ein Stuck Original ist, hangt in erster
Linie vom Schriftbeweis ab (ob es von der Hand eines bekannten Kanzleinotars,
Rekognoszenten etc. herriihrt). Aus den also gesicherten Originalen ergeben
sich die wesentlichen inneren Merkmale, welche auch in den Abschriften unver-
andert erhalten sein konnen und daher fur deren Glaubwurdigkeit mafigebend
sind (also ob das Formular dem in der Kanzlei vorgeschriebenen oder dem
von einem bestimmten Kanzleinotar gebrauchten entspricht).
Moglichste Heranziehung der Urquellen, umfassende Sichtung der ganzen
Uberlieferung sind notwendige Voraussetzungen solcher Studien, sie waren der
Neigung Sickels jederzeit ebenso kongenial als abschliefiende Untersuchungen.
Er hat sich die Aufgabe durchaus so gestellt, dafi er sie auch dem Umfang
nach losen konnte, wenn nicht unberechenbare aufiere Ereignisse hemmten.
Die ununterbrochene Beschaftigung mit der Palaographie gewohnte ihn an
scharfste Beobachtung, an das Streben nach voll gesicherten, an die offene
Ausscheidung von bloB hypothetischen Ergebnissen. Dafi er veranlafit war,
mit der Karolingerzeit einzusetzen, erleichterte dem Palaographen die Erkennt-
nis des Schriftbeweises, da damals noch die eigenhandige Rekognition des
Oberbeamten Vorschrift war. Neben den aufieren Merkmalen sind ebenso
nachdrucklich die inneren, neben dem formelhaften und formalen ist gleich
stark der materielle Inhalt berucksichtigt.
S. hat sich an dem ersten Begrunder der Urkundenlehre, Mabillon, ge-
schult, kein Forscher hat seitdem diesen Wissenszweig in gleichem Mafie ge-
fordert, wie unser Meister. Die von ihm aufgestellten Grundsatze haben Gel-
tung, soweit das Wesen der urkundlichen Quellen gleich bleibt, sie gehoren
der allgemeinen Diplomatik an.
Fur die spatern Karolinger und die Ottonen hat S. selbst noch die
Spezialdiplomatik geliefert, seine Methode weiterbildend und verfeinernd, der
wechselnden Beschaffenheit des Materials anpassend, nach seinem Grundsatz,
dafi er nur e i n e diplomatische Methode kenne, welche der Stoff selbst an
die Hand gibt.
Hatte er schon fruher gelehrt, dafi jede Urkunde eine Quelle individueller
Gestalt sei, bei der unbeschadet der Originalitat und Glaubwurdigkeit die
Besonderheit der Entstehung oder des Inhaltes zu Besonderheiten der Form
fiihren konne, so gaben ihm die von verw r andten Gesichtspunkten ausgehenden
Forschungen Fickers die Anregung, die Entstehungsgeschichte der einzelnen
Urkunden bis in die feinsten Fasern zu zergliedern, urn die zahlreichen Unregel-
mafiigkeiten und Widerspriiche aufzuklaren, welche sich in den Urkunden
5*
68 Sickcl.
gewisser Epochen finden und deren Verwertung als historische Zeugnisse iiber-
aus erschweren. Aus der grofien Fiille der Ergebnisse seien nur zwei allgemeinere
angedeutet: die Losung der uberaus verwickelten Datierungsfragen, der S.
mehrere eigene Abhandlungen widmete und die Tatsache, dafi die Zahl der
gefalschten oder verdachtigen Urkunden sich verminderte, also jene der glaub-
wiirdigen Quellen sich vermehrte.
Indem S. fern von formalistischer Einseitigkeit fur die Erklarung des
einzelnen Urkundenindividuums wie ganzer Urkundenarten die geschichtliche
Umwelt in vollem Mafie heranzieht, kommen die Ergebnisse der neu begnindeten
Diplomatik auch wieder der Geschichtsforschung auf der ganzen Linie zu gute,
besonders auch den jungern, der Erforschung der Zustande zugewendeten
Richtungen; diese lebendige Wechselwirkung hat trotz anfanglichem Wider-
spruch den historischen Hilfswissenschaften Geltung erobert in der Forschung,
wie im Unterricht.
Das ftihrt uns zur Stellung S.s im Institut zuriick.
Seine geistige Bedeutung trat um so starker hervor, als er — der Sohn
eines Padagogen — ein uniibertrefflicher Lehrer war. Groflter Eifer und tiefes
Pflichtgeftihl paarten sich mit voller Beherrschung des Stoffes; einfach, klar
und eindringlich die Rede, auch beim trockensten Stoff wufite er zu fesseln,
als das groflte Meisterwerk erscheint mir sein Kolleg uber Chronologic Die
Cbungen brachte er gerne in unmittelbaren Zusammenhang mit seinen For-
schungen, die ja wieder aus den Vortragen hervorgegangen waren. In der Dis-
kussion kam jede Meinung zur Geltung, das Streben nach Wahrheit fand auch
an seinem ausgesprochenen Selbstbewufitsein nie eine Schranke. Drum suchte
auch jeder Schuler die an ihn gestellten oft weitgehenden Forderungen mog-
lichst zu erfullen; man wufite, S. war sich gegenuber ebenso streng. Er
war geboren zu befehlen. Seine Autoritat trat oft schroff hervor, gemildert
nur durch seine Selbstzucht und sein warmes Wohlwollen fur seine Schuler,
so dafi sich unschwer wieder das rechte Wort des Ausgleiches fand. Dieser
kraftvollen Personlichkeit schlossen sich alsbald die hervorragendsten Mitglieder
des Instituts an.
Als im Jahre 1869 Jager zuriicktrat, war S. der berufenste als Nach-
folger, zumal er seit 1867 Ordinarius war und 1870 wirkliches Mitglied der
Akademie wurde. Aber er ward zunachst nur provisorisch mit der Leitung be-
traut, Intrigen, Bedenken, Aspirationen machten sich gegen ihn geltend, erst
1873 ging das Provisorium stillschweigend in ein Definitivum iiber. Nach
seinen Antragen erfolgte bereits 1874 in manchen Punkten eine zeitgemafle
Reorganisation der Anstalt, sie wurde bestimmter zur Pflanzschule fur ge-
lehrte Staatsanstellungen, besonders an Archiven und Museen ausgebaut;
zum Teil in Zusammenhang damit wurde der Lehrkorper durch einen Kunst-
historiker und einen zweiten Vertreter der Hilfswissenschaften vergrofiert.
Alle diese Posten konnten mit Schiilern Sickels besetzt werden.
Das Institut trug nun vollends die Signatur der fiihrenden Personlichkeit
in den Hilfswissenschaften; auch S.s aufiere Stellung entsprach der des
Hauptes der hervorragendsten historischen Schule in Osterreich. So sehr die
historischen Hilfswissenschaften, besonders unter S.s Leitung, im Institut als
methodisches und kritisches Bildungsmittel dienten, so wenig bedingten sie
bei den Schiilern eine einseitige Richtung, die ja S.s eignen Studien und
Sickel. 6 o
seinem weiten Interessenkreis fern lag. Wohl suchte er diese Wissenszweige
als wichtige Hilfsmittel der Geschichtsforschung einzubiirgern, mit Erfolg trat
er fur die Errichtung hilfswissenschaftlicher Lehrkanzeln an den osterreichischen
Universitaten ein, Deutschland und Italien folgten seinem fuhrenden Beispiel.
Auf wie mannigfachen Gebieten und nicht am wenigsten auf dem der
osterr. Geschichte sich dagegen seine Schiiler betatigten, zeigt am besten
der Inhalt der im J. 1879 unter Sickels Leitung ins Leben gerufenen, nun
in 37 Banden vorliegenden Mitteilungen des I n s-t i t u t s fiir
6s t. Geschichtsforschung.
Im Jahre 1874 bestand ubrigens hohe Gefahr, dafi S. seiner Schopfung
durch einen ehrenvollen Ruf nach Berlin verloren gehe. Die osterreichischen
Historiker und nicht nur sie haben heute noch alien Grund sich zu freuen,
dafl es gelang, den beriihmten Forscher und Lehrer fiir Wien zu erhalten. Denn
unter den Bedingungen seines Hierbleibens war namentlich auch die, dafi
Osterreich fortfahre, sich an dem groflen deutschen National werke der Monti-
menia Germaniae hisiorica zu beteiligen.
Als durch die Neuordnung im Jahre 1875 wieder frisches Leben in dieses
Unternehmen kam, da gab es nur eine Stimme, dafi der Neubegriinder der
Diplomatik der geeignetste Mann fiir die seit funfzig Jahren ersehnte Heraus-
gabe der Kaiserurkunden sei. Mit Begeisterung machte er sich an die Auf-
gabe, die ihm selber schon so lange am Herzen gelegen. Tuchtige Schiiler traten
ihm als Mitarbeiter zur Seite, in Cbungen und Ferienreisen beteiligte sich oft
das ganze Institut an der Forschung. Wohl vorbereitet richtete S. seine Di-
plomata-Abteilung in Wien ein; er erwies sich als trefflicher Organisator. Er
setzte mit den Diplomen des X. Jahrhunderts ein; er hatte die Moglichkeit
gewonnen, dafi fiir die Karolinger der Boden durch Miihlbachers Neubearbeitung
der Karolingerregesten noch besser durchgepfliigt werde und sein Wissensdurst
drSngte ihn zur Erforschung einer ihm noch weniger bekannten, aber nicht
weniger schwierigen Epoche.
Von 1879 — 1893 edierte er m & seinen Gehilfen in zwei Banden die Dip-
lome von 911 bis 1002. Das Schwergewicht lag von vornherein nicht in der
Erschliefiung noch unbekannter Urkunden, sondern in der Art der VeroTfent-
lichung. Durchaus sollte auf die beste Oberlieferung zuriickgegangen werden.
Das 1876 fur die Bearbeitung verdffentlichte »Programm und Instruktion«
zeigt in lehrreicher Weise, wie griindlich und umfassend die Archivforschung
gemacht werden sollte und soweit als moglich hielt er sich daran; seine
♦Kaiserurkunden in der Schweiz« und sein VI. Beitrag zur Diplomatik
geben Beispiele fiir die Art der Untersuchung einzelner unter sich zu-
sammenhangender Gruppen. Der ganze Stoff war so durchgearbeitet, dafi
eine abschliefiende Spezialdiplomatik gewonnen wurde, von deren Ergebnissen
schon friiher die Rede war; es sei nur noch hinzugefiigt, dafi neben der
Schriftenvergleichung die Diktatuntersuchung eine besonders wichtige Rolle
spielte. So wurden der Ausgabe selbst die richtigen diplomatischen
Kriterien fiir die formale Beurteilung der Originalitat, aber auch in aus-
gedehntem MaOe fur die Zuverlassigkeit der Kopien und fur die Echtheit
der einzelnen Diplome gewonnen. Nur bei etwa dem zehnten Teil dieser
Dokumente glaubte S. den Grad der Glaubwiirdigkeit nicht sicher ent-
scheiden zu kftnnen.
7 O Sickel.
Mehrfacher Wechsel der Mitarbeiter und langeres schweres Unwohlsein,
das S. zu Beginn der achtziger Jahre behinderte, haben ja manche Un-
gleichmafiigkeit verschuldet, im ganzen aber wurde Plan und Durchfiihrung
durchweg als meisterhaft und vorbildlich anerkannt. Die Fortsetzer des Unter-
nehmens, Brefilau und Miihlbacher, fanden doch nur in wenigen Punkten Anlafl
zur Verbesserung seines Vorgehens.
Zur Erlauterung der Acta Karolinortcm hatte S. im Jahre 1870 Tafeln
mit Karolingerurkunden aus dem Nachlasse von U. F. Kopp herausgegeben.
Die Generaldirektion der preufi. Staatsarchive unter Heinrich von Sybel bot
nun die Mittel, um nicht nur flir die beiden Bande der Diplomata, sondern die
Kaiserurkunden des Mittelalters iiberhaupt ein ahnliches Hilfsmittel zu liefern.
Es ist das auch technisch vorziiglich gelungene Tafelwerk ^Kaiserurkunden in
Abbildungen* (1880 — 91). Der wissenschaftliche Plan und die wissenschaft-
liche Leitung waren durchaus Sache S.s. Es wird eine systematische Sammlung
von 361 Stiicken geboten, welche die Arten und Abarten der Kaiserurkunden
in den verschiedenen Perioden, ihre allmahliche Fortbildung, die Entstehung
und einzelnen Phasen der Beurkundung, die jeweili'gen Normen der Kanzlei und
auch Beispiele fur Abweichung von ihnen veranschaulicht. Die Auswahl fur
die Karolinger und Ottonen traf S. mit seiner souveranen Beherrschung des
Stoffes noch selbst und lieferte wichtige Beitrage fur die Spezialdiplomatik
der spatern Karolinger. Fiir die andern Zeitraume ubertrug er sie an geeignete
Fachmanner. Da die italienischen Archive fiir dieses Werk nicht benutzt
werden konnten, regte er bei der romischen historischen Gesellschaft ein
ahnliches Unternehmen zur Erganzung an und steuerte zu dem einzigen
erschienenen Heft die Tafeln fiir die italienischen Karolinger bei.
Schliefilich mufi in diesem Zusammenhang noch der Monographic gedacht
werden, welche S. 1883 der in manchen Beziehungen bedeutungsvollsten Ur-
kunde Ottos I., dem lang mit geheimnisvollem Dunkel umhullten Privileg
fiir die romische Kirche widmete. Er kam zum Ergebnis, dafi wir es nicht mit
einem in der Kanzlei geschriebenen Original, sondern mit einer Prunk-Aus-
fertigung zu tun haben, welche aber gleichzeitig und amtlichen Ursprunges,
echt und durchaus glaubwiirdig ist; ja Brefilau machte jiingst sehr wahrschein-
lich, dafi sie auch echtes Siegel trug.
Diese Schrift war eine der ersten Friichte der Eroffnung des vatikanischen
Archives durch Papst Leo XIII. Ihr Ergebnis trug wesentlich dazu bei, die
Bedenken uber diese Liberalitat des Papstes zu zerstreuen. Diese Untersuchung
fiihrte auch zur Grundung des Istituto austriaco di studii storici in Rom und
damit zu einer vollstandigen Anderung in S.s Wirksamkeit und Tatigkeit.
Das osterr. historische Institut in Rom erstand im Herbst 1 88 1 infolge
eines Berichtes, welchen S. dem Kaiser uber seine vatikanischen Forschungen
erstattete; dieser gewahrte auch die Mittel zunachst aus seiner Privatschatulle.
S. plante es als eine Tochter der Wiener Anstalt, in enger Arbeitsgemeinsam-
keit mit dieser und mit seiner Schule zur Ausbeutung der Schatze des vati-
kanischen Archives. Er gedachte die Oberleitung so zu fiihren, dafi nur ab
und zu seine personliche Anwesenheit in Rom notig sein wurde, die laufenden
Geschafte sollte ein Stellvertreter versehen. Als sich aber herausstellte, dafi
auf diese Weise die notwendige Stetigkeit weder fiir die wissenschaftlichen
Arbeiten, noch in anderer Hinsicht zu erreichen sei, entschlofi er sich zu d e r
Sickel. * x
Losung der Frage, dafi er seine hochangesehene Stellung am Institut in Wien
nach 35jahriger Tatigkeit verlieC, 1 891 als Professor in Ruhestand trat und
dauernd zur Leitung des Istituto nach Rom ubersiedelte. Dieser Entschlufi
erregte vielfach Verwunderung. Meines Erachtens entsprang er aus kraftigem,
noch jugendlichem Drang, neues zu schaffen und zu organisieren, nicht wenig
wohl auch aus seiner starken Vorliebe fur archivalisches Forschen.
Von Jugend an eifriger Archivarbeiter besafi er lebhaftes, fachkundiges
Interesse fur das Archivwesen. Als Minister Giskra 1869 eine Enquete zur
Besserung dieses in Osterreich damals ganz verwahrlosten Verwaltungszweiges
einberief, legte S. einen groflziigigen Entwurf zu einer einheitlichen Organi-
sation der staatlichen Archive vor, welcher freilich in seiner Ganze nie zur
Ausfuhrung kam, nur einzelne wichtige Bestimmungen, wie iiber die Vorbildung
der Archivare, fanden allmahlich Eingang.
Seit Errichtung des romischen Institutes ging nun sein Augenmerk
darauf, in den papstlichen Archiven fur die Benutzer alle jene Erleichterungen
zu erzielen, welche mit den allgemeinen Normen guter Archivverwaltung ver-
traglich waren. Und er hatte schon bei seiner Anwesenheit 1885/6 schone Er-
folge erzielt. Das reizte ihn zum Ausbau. Seine geistvolle Personlichkeit im-
ponierte auch in Rom in alien Kreisen, welche mit ihm in Beruhrung kamen.
Selbst der Papst bewies ihm, dem Protestanten, wiederholt seine Gunst. Man
nannte Sickel wohl den wissenschaftlichen Botschafter Osterreichs in Rom.
Das Forschungsgebiet S.s kniipfte seitdem enge an die papstlichen
Archive an. Das Istituto setzte zunachst beim Mittelalter ein. In gemeinsamer
Arbeit wurden die Register fiir die Habsburger Geschichte ausgebeutet. S.
selbst lieferte 1889 auf Grundlage des wieder zuganglichen vatikanischen Kodex
eine abschliefiende Ausgabe des Liber diurnus. Teils in der etwas gequalten
lateinischen Vorrede, ausfuhrlich in den beiden in den Akademieschriften
veroffentlichten Prolegomena erweist er in gewohnter Umsicht das Alter der
Handschrift und bringt die iiberaus schwierigen Fragen nach der Entstehung
und Bedeutung dieser ebenso wichtigen als umstrittenen Quelle in neue und
in Hauptpunkten sicher richtigere Beleuchtung.
Bessere Ubersicht iiber die Bestande des vatikanischen Archivs ergab
als das dankbarste Arbeistfeld die Geschichte der neueren Zeit. S. entschloB
sich, die Nuntiaturberichte des XVI. Jahrhunderts aus dem deutschen
Habsburgerreich sammeln zu lassen. Da aber auch das preufiische und das
Institut der Gorresgesellschaft einen solchen Plan gefafit und mit dessen
Verwirklichung schon begonnen hatten, so verstandigten sich die drei Anstalten
im Jahre 1891 zu gemeinsamer Herausgabe. S. wahlte die Zeit Pius IV. und V.
wegen desTrientner Konzils, mit dem er sich schon vor Jahrzehnten beschaftigt
hatte. In den erregten Jahren 1870 — 72 hatte er die von ihm gefundenen
Reformentwiirfe Ferdinands I. nebst der Korrespondenz der kaiserlichen
Legaten und reichem Kommentar herausgegeben.
Mit dieser Epoche wollte er also wieder einsetzen. Und wahrend das Ma-
terial fur die Nuntiaturberichte in und aufier Rom gesamnielt und durch seinen
Schiiler Steinherz bearbeitet wurde, verwirklichte S. mit Hilfe der Wiener
Akademie einen weitern sehr fruchtbaren Gedanken: die Veroffentlichung der
Korrespondenz, welche die Legaten in den entscheidenden letzten Jahren des
Trientner Konzils fuhrten. Sie erst gibt die richtige historische Erklarung
72
Sickel.
fur die offiziellen Aktenstucke, welche die Gorresgesellschaft ediert, den Schlussel
fur die Umstande, unter welchen diese bis heute folgenreichen Beschlusse
zustande kamen. Die Verarbeitung des nach seinem Plan und unter seiner
tatigen Mitwirkung gesammelten Stoffes ubertrug er seinem Schiiler Susta.
Weit iiber das spezielle Thema hinaus reicht die Bedeutung der in S.s
»R6mischen Berichten I. — V.« niedergelegten Erorterungen iiber Existenz, Be-
schaflfenheit und Zusammenhang der fur diese Publikationen zu durchforschenden
Quellen, sie bauen sich auf eindringlicher Darlegung des ganzen kurialen Ge-
schaftsganges auf. Er hat seine Untersuchungen iiber Urkundenwesen und
Kanzlei auf das neugeschichtliche Aktenmaterial, also auf verwandte archiva-
lische Quellen iibertragen. Auf solche Weise gelang es ihm, den ganzen in
Frage kommenden Quellenstoff aufzuspliren, den kritischen Wert der einzelnen
Bestande klar zu legen. Es ist mit Recht hervorgehoben worden, dafl er hier
ein Muster bot, wie neuzeitliche Geschichtsforschung betrieben werden muB,
wenn man zu abschlieflenden Quellensammlungen und zu erschopfenden
Darstellungen gelangen will, und die Vergeudung von Kraft und Zeit aufhoren
soil, die dadurch entsteht, dafi oftmals der spatere Forscher nicht genau weifl,
wie vollstandig ein Vorganger das Material gekannt und auch ausgebeutet hat.
Nochmals zeigt sich Sickel in diesen letzten Arbeiten als den groBen Meister
der K r i t i k.
Hochbejahrt zog er sich im Jahre 1901 nach dem sonnigen Meran zuruck.
Andauernde geistige Arbeit mufite er sich nun allerdings versagen. Aber das
rege Interesse an der Wissenschaft, an seinen Schopfungen, an der Politik,
an allem Lebenswerten behielt er ebenso ungemindert wie den Eifer und die
Kunst frischer, anregender Erzahlung. Die Feier seines achtzigsten Geburts-
tages warf einen verklarenden Schimmer auf sein groBes, fruchtbares Lebenswerk.
Namentlich freute er sich der Anhanglichkeit seiner zahlreichen Schiiler in und
aufierhalb Osterreichs. Sie, sagte er, ersetzten ihm die leiblichen Kinder, welche
seiner gliicklichen Ehe mit der Tochter Gotfrid Sempers nicht beschieden
waren. Seine hohen Verdienste hatten allseitige Anerkennung gefunden. Die
hervorragendsten Akademien hatten ihn in ihre Mitte aufgenommen, er besaB
die vornehmsten Orden fur wissenschaftliche Verdienste, wurde Hofrat und
schliefilich Sektionschef.
Das frische Leben, welches Sickel bei seinem Eintritt in osterreichische Dienste
fand, gewann ihn sofort fur seine neue Heimat. Durch seine energische wissen-
schaftliche Betatigung eine Annaherung Osterreichs und Deutschlands anbahnen
zu helfen, war das Ideal, dem er stets zum Wohle beider Staaten nachstrebte.
Literatur: Sickel. Das k. k. Institut f. 6sterr. Geschichtsforschung (Mitteil.
des Instituts f. ost. G.-F. 1,1). v. Ottenthal. Das k. k. Inst. f. dst. Geschichtsforsch.
1854 — 1904, Festschrift, Wien 1904. Vgi. meinen Nachruf in Mitteil. des Instit, f. 6st G.
S. 29, 545 ff., welcher hier etwas gekOrzt, in einigen Punkten auch erganzt, mit Zustimmung
der Redaktion wieder veroffentlicht wird. — Die aus Anlafl seines achtzigsten Geburtstages
und seines Todes erschienenen biographischen Artikel sind zusammengestellt von H. H e I d -
m a n n im Jahresbericht des Thuringisch-Sachsischen Vereins zur Erf orschung des vaterland.
Altertums fur 1907/8 (Halle 1909) S. 15, und in der hist. Zeitschrift 104, S. 114 ff., wo auch
Briefe von ihm abgedruckt sind. Sickels gelehrte Arbeiten sind verzeichnet von H. Stein-
acker. Theodor v. Sickel. Bericht des akad. Vereins deutscher Historiker, 17. und
18. Vcreinsjahr, Wien 1907. E. V. O 1 1 e n t h a 1.
Beck. 7 ^
Beck, Otto, Oberbiirgermeister von Mannheim, * 15. Mai 1846 in Kraut-
heim, f in Mannheim 30. Marz 1908. — Sohn eines Volksschullehrers im badischen
I'nterland, besuchte B. die Gymnasien in Tauberbischofsheim und Constanz,
absolvierte Jura an der Heidelberger Hochschule. 1873 wurde B. Sekretar im
Ministerium des Innern, 1875 Amtmann in Baden-Baden. 1878 — 91 wirkte
B. als Oberamtmann in Borndorf, Waldkirch, Rastatt. Seine bedeutenden
Leistungen lieflen B. der Staatsregierung als Oberbiirgermeister fiir Mannheim,
von maflgebenden Stellen empfehlen. Nach Ablauf der 9jahrigen gesetzlichen
Amts-Periode wurde B. einstimmig wiedergewahlt; scin 60. Geburtstag und
die Feier des Stadt- Jubilaums waren Anlafi besonderer Ehrungen (Verleihung
der sonst nur an Fiirstlichkeiten verliehenen groBen goldenen Jubilaums-
Medaille; Benennung des Haupt-Strafienzuges im vornehmsten neuen Stadt-
viertel als Otto Beck-StraBe). — B. »modernisierte (nach dem Zeugnis von
Felix Hecht) alle Zweige der Gemeindeverwaltung. In welchem umfassenden
MaBe dies geschah, ergibt sich aus den 7 Banden der stadtischen Verwaltungs-
berichte (1876 ff.) und den 3 Banden des Jubilaums-Werkes der Stadt Mann-
heim. Nur die Verwaltungs-Berichte der Stadt Essen sind an Bedeutsamkeit
den Mannheimer Verwaltungeberichten an die Seite zu stellen«. B. war (nach
demselben Gewahrsmann) ein produktiver Kopf, gelehrig, anschlagig, voll
kernhaften, volksmaBigen Humors, von geistiger Oberlegenheit, schlagfertig,
zur Ausgleichung von Gegensatzen geschaffen, arbeitsam und ausdauernd in
seltenem MaBe, ein guter Menschenkenner und Rechenmeister. Ihm vornehm-
lich ist die Schopfung des Mannheimer Industriehafens zu danken, dessen
Einweihung 1907 stattfand, dessen Vorbereitungen aber bis 1892 zuruckreichen.
Gleicherweise war B. auf die Verbesserung von WasserstraBen und Verkehrs-
wegen, die ErschlieBung weiteren Baugelandes, die VergroBerung des stadtischen
Grundbesitzes, auf die Vorarbeiten fiir ein GroB-Mannheim, die Regelung der
Wohnungs-Frage (1897 entstand seine einschlagige, an den Mannheimer Stadt-
rat gerichtete Denkschrift; 1901 behandelte B. in Band 96 der Schriften des
Vereins fur Sozialpolitik »Die Forderung der gemeinniitzigen Bautatigkeit
durch die Gemeinden«). Ernstlich bemiiht war B. auch um die Reform des
kaufmannischen Bildungswesens, um die Hebung der Hygiene, um die Ver-
schonerung der Stadt, die Erbauung der stadtischen Festhalle, des »Rosen-
gartens* durch Professor Bruno Schmitz, um das Theater und die sonstigen
stadtischen kunst- und wissenschaftlichen Sammlungen, stets darauf bedacht,
»alle diese Kulturgiiter auch den Armeren zuganglich zu machen«. »Was B.
fiir Mannheim getan, das hatte« — nach dem Wort von Professor Sigmund
Schott — »die Presse, das hatte die Biirgerschaft sofort auf die richtige Formel
gebracht: der Kleinstadt hat er den Weg zur GroBstadt geebnet«. Professor
Walthers Nachruf stellt fest, daB die Summe der Mannheimer Stammkapitalien
wahrend B.s Amtsfuhrung von 414 auf IOI 1 Millionen Mark und die Einwohnerzahl
von 80000 auf 177000 gestiegen ist und die Zahl der stadtischen Beamten
sich in demselben Zeitraum versechsfacht hat. Es brachte den festlichen Hohe-
punkt in B.s Leben, als ihm beim feierlichen Jubilaums-Festakt im Rosen-
garten die Abordnung des Senats der Universitat Heidelberg das Ehrendoktor-
Diplom iiberreichte und der ehrwiirdige GroBherzog von Baden als Rector
Magnificentissimus der Ruperto-Carola ein Hoch auf den neuen Doktor
ausbrachte.
j a Beck. Busch.
Freundliche Mitteilung des Hcrrn Oberburgermeister von Mannheim, Herrn Dr. Martin. —
Kommunale Rundschau. Deutscher Stadte-Verlag, 30. April 1908. Nachruf (mit Abbildung)
von Prof. Dr. Friedrich Walther. — Technisches Gemeindeblatt. Berlin, Jahrgang XI. Nr. 2
vom 20. April 1908 Oberburgermeister Beck-Mannheim, von Prof. Dr. Sigmund Schott. —
Siiddeutsche Monatshefte, Juni 1908. Felix Hecht: Otto Beck, Oberburgermeister von Mann-
heim.
Busch, Wilhelm, * 15. April 1832 in Wiedensahl, f 9. Januar 1908 in
Mechtshausen am Harz.
»Ein Freier und ein Froher ist gegangen,
Der mehr als Ihr geahnt, ein Grofler war. —
Der Jugend Rot auf unverbluhten Wangen,
Des Alters heilig-reinen Schnee im Haar;
Wie kaum ein Z we iter mehr in deutschen Landen
Den Kindern und den Alten gleich vertraut,
So viel geliebt, so selten ganz vers tan den,
Im tiefsten Grund von Wenigen durchschaut!«
F. v. s t i n i , , Jugend' 1908, 3.
In landlicher Abgeschiedenheit sagte Wilhelm Busch der Welt Valet,
der Mensch mit dem goldnen Herzen und Humor, der hervorragende
Dichter, Maler und Karikaturist. Er hat leider zu seinen Lebzeiten nicht
die voile Anerkennung gefunden, wie er sie verdient hatte, trotzdem er selbst
den Kindern nicht unbekannt geblieben ist. Ein rechter Junge kann Ciber-
haupt seinen »Max und Moritz4< auswendig. Aber die breite Masse schatzte
ihn wie die Kinder eben auch nur als Spafimacher: »weil er so ulkig
ist«. DaC Wilhelm Busch ein Ktinstler war, ein vielseitiger, gottbegnadeter
Kiinstler, diese Erkenntnis ist manchen erst jetzt, vielen noch gar nicht auf-
gegangen. Solche Verstandnislosigkeit hat auf Busch's Psyche ganz zweifellos
stark gewirkt, hat m i t dazu beigetragen, dafl er schlieClich der einsame, wenig
zugangliche Dorfbewohner ward und zeitlebens blieb. Die Literatur- und
Kunstgeschichte kommender Tage wird an ihm gut zu machen haben, was in-
folge mangelnden kritischen und kunstlerischen Verstandnisses an dankbarer
Ehrung ihm gegeniiber bis jetzt nicht zum Ausdruck gekommen ist.
B.s Wiege stand im Hannoverschen, nahe der Grenze von Westfalen und
Schaumburg-Lippe, in still-friedlichem Winkel, dem fast weltabgeschiedenen
Wiedensahl. Der Vater, Friedrich Busch, war daselbst Kramer. Aus seiner
Ehe mit Henriette geb. Kleine, der Tochter des dort angesessenen Arztes, gingen
6 Kinder hervor, 4 Knaben und 2 Madchen. Wilhelm, der alteste, und 2 seiner
Bruder studierten spater, wahrend ein Bruder das vaterliche Geschaft iiber-
nahm. Eine Schwester starb frlih — ihr gilt das Gedicht in der »Kritik des
Herzens« S. 80 — , die andere heiratete den Pfarrer des Dorfes, Noldeke. Mit
dieser Schwester, Fanny, hat B. nach dem Ableben ihres Mannes etwa die
3 letzten Dezennien in Wiedensahl und dann in Mechtshausen zusammengelebt
und hat mit ihr die Sorge um die Erziehung ihrer Kinder geteilt.
Die Eltern des Ktinstlers lebten in auskommlichen, aber nicht glanzenden
Verhaltnissen. Der Vater sorgte schlecht und recht fur sein Geschaft und seine
Familie. Der praktische Sinn uberwog bei ihm. Er war ein Mann von ernster
Lebensauffassung, gonnte sich wenig Erholungsstunden und laute Vergnu-
gungen erst recht nicht. Zerstreuungen auCerhalb seiner vier Pfahle pflegte
Busch. n c
er nicht zu suchen. Der Besuch der Braunschweiger Messe und seines Schwagers
Kleine, der die Pfarre von Ebergotzen und spater von Luethorst inne hatte,
waren fur ihn die liebsten Untcrbrechungen im taglichen Einerlei. An der
Mutter wird jene stille Frommigkeit und Gottergebenheit geruhmt, die auf
Auflerlichkeiten keinen Wert legt. Besonders markante Charakterziige hatte
sie kaum aufzuweisen. Kiinstlerische Dinge interessierten sie und ihren Gatten
schwerlich; dagegen war sie von seltener Giite und Liebe gegen ihre Kinder,
und es ist sehr wahrscheinlich, daB Jung-Wilhelm, dessen Bosebubenstreiche
kaum alle erfunden sind, ihre milde Fursprache vielfach hat in Anspruch nehmen
mussen. Denn der Vater war ein strenger Mann, der cine jugendliche Missetat
ungern durchgehen liefi. Hochst ergotzlich ist, wenn B. in seiner Selbstbio-
graphie »Von mir uber mich« von einem solchen Fall berichtet. »Um diese
Zeit«, lesen wir da, »passierte eine kleine Geschichte, die recht schmerzhaft
und schimpflich fur mich ablief. Beim Kuster diente ein Kuhjunge, fiinf, sechs
Jahre alter als ich. Er hatte in einen rostigen Kirchenschlussel, so grofl wie
dem Petrus seiner, ein Zundloch gefeilt, gehacktes Fensterblei hatte er auch
schon genug, bloB das Pulver fehlte noch zu Blitz und Donner. Infolge seiner
Beredsamkeit machte ich einen stillen Besuch bei einer gewissen steinernen
Kruke, die auf dem Speicher stand. Nachmittags zogen wir mit den Kuhen
auf die einsame Waldwiese. GroBartig war der Wiederhall des Geschutzes.
Und so beilaufig ging auch ein altes Bauerlein vorbei, in der Richtung des
Dorfes. Abends kehrte ich frohlich heim und freute mich so recht auf das Nacht-
essen. Mein Vater empfing mich an der Ttir und lud mich ein, ihm auf den
Speicher zu folgen. Hier ergriff er mich beim linken Arm und trieb mich ver-
mittels eines Rohrstockes im Kreise umher, immer um die Kruke herum, wo
das Pulver drin war. Wie peinlich mir das war, liefi ich weithin verlautbaren.
Und sonderbar! Ich bin weder Jager noch Soldat geworden*.
Ich gehe geflissentlich nicht genauer ein auf die fur diese Betrachtung
mehr oder weniger nebensachlichen Ereignisse aus fruhester Jugendzeit. B.
hat dariiber selbst so behaglich und mit herzerfreuender Einfachheit berichtet:
wie Knecht Heinrich Floten macht und auf der Maultrommel spielt, wie das
Schwesterchen einmal fast ertrunken ware, wie GroBmutterchen als Fruhauf-
steherin mit Stahl und Stein Feuer im Ofen entziindet, und es dem Knaben
dann in dem einsamen Hause so »wonnig geheimnisvoll vorkam besonders
im Winter, wenn noch alles still und tot und dunkel war«.
Der Knabe war noch nicht zehn Jahre alt, als ihn der Vater zum Zweck
besserer Vorbildung in das Haus von Schwager Kleine schickte, der in Eber-
gotzen bei Gottingen seine erste Pfarrstellc inne hatte. So verlieB denn Jung-
Wilhelm das Elternhaus, in dem man so behaglich, harmlos und frohlich dahin-
lebte. Wahrend des nachsten Vierteljahrhunderts hat B. sich zu wirklich
dauerndem Aufenthalt* in seinem Heimatdorf nicht wieder eingefunden, ausge-
nommen nach der Antwerpener Zeit, um sich von einer Krankheit zu erholen.
Von Pastor Kleine sind auBer Wilhelm auch dessen jungere Briider mit
den eigenen Kindern des Pfarrers zusammen unterrichtet und erzogen worden.
Wahrend der Jahre bei dem braven Landpfarrer erwacht unter Anleitung des
Oheims in Wilhelm der Sinn fiir die Natur seiner Heimat und deren Betrach-
tung. Er lernt auch des Kleinen und Kleinsten sich liebevoll annehmen. Kein
Baum, kein Strauch, kein Vogel bleibt ihm unbekannt. Die Liebe zur Natur
76
Busch.
und ihrer Ergrundung hat Busch durch das ganze Leben begleitet, sei es, daO
er sich mit der Lehre von den Atomen beschaftigt, sich aus Brehms Tierleben
orientiert, Darwin oder Haeckel studiert, sei es, dafi er von hier hinuber philo-
sophies in das Reich der Seelenwanderung, die er alien Ernstes fur moglich
halt. Ganz besonderes Interesse bringt der heranwachsende Jungling der Imkerei
entgegen. Nicht nur »Schnurrdiburr«, sondern auch viele Gedichte aus spaterer
Zeit geben davon Zeugnis. Auch in diesem Betracht war Onkel Kleine der
sich lebhaft an dem Kampf um die sog. Parthenogenesis beteiligte, der spiri-
tus rector. Noch im Alter bemerkt B. im Scherz, die Bienenzucht sei das einzige,
was er griindlich gelernt habe. Indessen ist alles das nur Theorie geblieben.
Praktischer Bienenwirt ist er nie geworden. Dafi er einmal den Gedanken
gehabt haben soil, nach Brasilien, dem Dorado aller Bienenzuchter, auszu-
wandern, bezeichnet der Kiinstler selbst als einen freundlichen Irrtum.
In Ebergotzen schlofi der Jungling einen Freundschaftsbund, der fur das
ganze Leben von Dauer war, mit dem Sohne des dortigen Mullers. Mit Erich
Bachmann teilte er den Unterricht, fing Forellen und stellte Dohnen und Spren-
keln. Ein Hauptvergnvigen fiir beide Knaben war das Baden vor dem Dorfe.
Man wnachte sich eine Mudde aus Erde und Wasser«; die hiefi »Peter und
Paul«. Das gab Gelegenheit, sich »von oben bis unten zu uberkleistern«. Man
legte sich in die Sonne, liefi sich wnkrustieren wie Pasteten* und spiilte sich
im Bache wieder ab. Nicht ohne Grund hat in »Plisch und Plumm« der spatere
Dichter und Karikator nadi dem Vorangegangenen die beiden unniitzen Jungen
Peter und Paul genannt. Wenn sich diese beiden Mosjos aus Mangel an
geeigneten AngriffswafTen im Zofn mit Mutters gutem Kartoffelsalat gegen-
seitig iibers Gesicht fahren, so haben wir hier einen leisen Nachhall des Eber-
gotzer Erlebnisses:
» Jetzt wird's aber desperat. —
Ach, der kostliche Salat
Dient den aufgeregten Geistern,
Sich damit zu uberkleistern*.
Auch sonst gab es in Ebergotzen allerlei Unfug zu treiben. Dem Dorf-
troddel werden Kuhhaare in die Pfeife gesteckt, die dieser »mit dem Aus-
druck der seligsten Zufriedenheit ausraucht«. Dasselbe macht der Knabe
Hieronymus Jobs mit dem guten Rektor, der ihm Unterricht erteilt. Wir ver-
nehmen mit Genugtuung, dafi weder in Wahrheit noch in der Dichtung die
gebiihrende Senge ausgeblieben.
Noch ein weiteres Motiv aus der Folgezeit hat sich in B.s Produktion
erhalten. Ich erwahne dies deshalb, weil fiir mich hier zuerst die vorziigliche
Beobachtungsgabe des Knaben zu Tage tritt. In seiner Selbstbiographie erzahlt
namlich B. folgendes: »Auch der Wirt des Dorfes, weil er ein Piano besafi,
wurde bald mein guter Bekannter. ... Er trug lederne Klappantoffeln und
eine gelbgrune Joppe, die das hintere Mienenspiel der blafi-
blauen Hose nur selten zu bemanteln suchte. In den »ehelichen Ergotz-
lichkeiten« bei »Herr und Frau Knopp« finden wir die Parallelstelle:
•Gern wendet Frau Doris anitzo den Blick
Auf Knopp sein Beinbekleidungsstuck,
Welches ihr immer besonders gefiel
Durch Ausdruck und wechselndes Mienenspiel.*
Busch.
77
Wir haben es auch hier wahrscheinlich mit einer Reminiszenz zu tun, die
B. jahrelang mit sich herumtrug. Er hatte ein Gedachtnis und eine Phan-
tasie, in der selbst zunachst nebensachlich erscheinende Dinge nicht verloren
gingen.
In Ebergotzen und seit 1846 in Liiethorst, wohin der Oheim versetzt worden
war, erstreckt sich B.s Unterricht auf das Lesen einheimischer und fremder
Dichter; auch die Metrik wird behandelt. Der Trieb zur philosophischen Be-
trachtungsweise fiihrt den Knaben fniher als gewohnlich zum Studium philo-
sophischer Abhandlungen. Fast komisch wirkt es, wenn B. erzahlt, er habe
sich damals schon uber KantsKritik der reinen Vernunft gemacht, die er doch
noch nicht verstehen konnte. Dennoch datiert er daher die Neigung, »in der
Gehirnkammer Mause zu fangen, wo es nur gar zu viel Schlupflocher gibt«. —
Um diese Zeit entstehen auch die ersten Zeichnungen und Gedichte.
Eine der beliebtesten Unterrichtsdisziplinen war fiir den Knaben die
Mathematik, nicht jedoch ohne Einschrankung. Nachdem B. i6jahrig, wie
er selbst erzahlt, ausgeriistet mit seinem Sonett und der Kenntnis der vier
Species die polytechnische Hochschule zu Hannover bezogen hatte, ergab sichs,
dafi er zwar fur die reine Mathematik Interesse hatte und auf diesem Gebiet
etwas zu leisten vermochte, in der angewandten aber »mit immer matterem
Flugelschlage« sich bewegte. Dreieinhalb Jahr hat B. in Hannover zugebracht,
um nach dem Wunsche des Vaters spater Maschinenbauer werden zu konnen.
Aber die praktische Seite dieses Brotstudiums erweckte in dem jungen Hoch-
schiiler nach und nach einen starken Grad von Unlust. Und so zog er denn
die Konsequenz aus dem ersten Irrtum seines Lebens und sattelte um. Ein
Maler, Klemme, und Freund Bornemann bestarkten ihn in seinem Entschlufl.
So verliefl B. 185 1 Hannover, »um in Dlisseldorf Maler zu werden«.
Der Vater brachte diesem Plan schwere Bedenken entgegen. Er hatte zu
dem brotlosen Metier kein Zutrauen. Dennoch finden wir B. als Kunst-
akademiker in der schonen Stadt am Rhein. Aber im dortigen Antikensaal
findet sein Geist nicht das, was er sucht; innige Beruhrungspunkte zur Antike
hat er uberhaupt niemals finden konnen. B. wendet sich deshalb alsbald nach
Antwerpen, wird in die Malklasse aufgenommen und imponiert bald durch seine
Zeichnungen nach der Natur. Blatter mit Skizzen aus dieser Zeit sind noch
erhalten, auch Karikaturen, eine Gattung, mit der B. schon in Dlisseldorf
begonnen hatte. Die altesten bekannten Olbilder fallen indes erst nach Ab-
schlufi der Antwerpener Periode, in die Zeit der Erholung nach schwerer Krank-
heit in Wiedensahl. In Antwerpen studiert B. mit Eifer die alten Nieder-
lander, fur die er sich stets eine grofie Vorliebe bewahrt hat: Rubens, Brouwer,
Teniers, Franz Hals. »Ihre gottliche Leichtigkeit der Darstellung malerischer
Einfalle, verbunden mit stofflich juwelenhaftem Reiz; diese Unbefangenheit
eines guten Gewissens, welches nichts zu vertuschen braucht, diese Farbenmusik,
w r orin man alle Stimmen klar durchhort, vom Grundbafi herauf, haben fur
immer meine Liebe und Bewunderung gewonnen«, sagt er selbst. Besonders
verehrte B. Adriaen Brouwer, an dessen Bildern er Licht und Farben-
gebung speziell studierte. Diesem schliefit er sich in der Folge besonders an
und gedenkt seiner in spateren Jahren. Er setzt dem alten Meister ein Denk-
mal in der »Kritik des Herzens« S. 57, indem er sich der »Operation am Rucken«
erinnert.
yg Busch.
»Sahst du das wunderbarc Bild von Brouwer?
Es zieht dich an wic ein Magnet.
Du lachelst wohl, derweil ein Wonneschauer
Durch deine Wirbelsaule geht.
Ein kuhler Dokter (!) offnet einem Manne
Die Schware hinten im Genick;
Daneben steht ein Weib mit einer Kanne
Vertieft in dieses Mifigeschick.
Ja, alter Freund, wir haben unsre Schware
Meist hinten. Und voll Seelenruh'
Driickt sie ein andrer auf. Es rinnt die Zahre,
Und fremde Leute sehen zu«.
Die Stucke, die B. im Geiste Brouwers gemalt hat, Weiden, Vieh, Ziegel-
dacher im Sonnenschein unter blauem Himmel, haben einen bleibenden kunst-
lerischen Wert, wenn sie auch nicht viel mehr als Studien sind. Die Unlust an
der Ausfiihrung dieser Sujets, auch wohl ein bestimmter technischer Mangel,
bewogen den Meister, die Bilder, unvollendet fur sich so zu bewahren, wie sie
sind. B. fuhlte heraus, dafi er nicht imstande sei, es den alten Niederlandern
gleichzutun und deshalb bemerkt er spater selbst:
»Gern verzeih' ich's ihnen, dafi sie mich zu sehr geduckt haben, als dafl
ich's je recht gewagt hatte, mein Brot mit Malen zu verdienen, wie manch
andrer auch. Die Versuche freilich sind nicht ausgeblieben ; denn geschafft
mufi werden, und selbst der Taschendieb geht taglich auf Arbeit aus; ja, ein
wohlmeinender Mitmensch darf getrost voraussetzen, dafi diese Versuche,
deren Resultate zumeist fur mich abhanden gekommen, sich immerfort durch
die Verhaltnisse hindurchziehen, welche mir schliefilich meinen bescheidenen
Platz anwiesen«. Nach dem Gesagten scheint es richtig, die Produktivitat
des Meisters folgendermafien zu beurteilen: B. malte, malte bis an sein
Lebensende, aber schliefilich ohne die Praetension nach aufien durch seine
Leistungen aufzufallen. Er kannte die ihm gesetzte Grenze und infolgedessen
wurden auch seine Versuche in den letzten 25 Jahren sparlicher. Buschs
malerische Produktion wurde nicht geringer, weil er sich hatte bescheiden
mussen, sondern weil er es so w o 1 1 1 e. Dazu kam, dafi er mit seinen Kari-
katuren in den 6oer und 70er Jahren viel Erfolg hatte. Es ist also nur
naturlich, dafi er un& hinfort das gab, was sein Ureigenstes war. Zu sagen, dafi
B.s Intensitat im Malen nur deshalb nachgelassen habe, weil andere Dinge sich
dazwischen drangten, halte ich danach nicht fiir ganz richtig. Vielmehr hat
der Kunstler mit Bewufitsein der Schwarzweifi-Manier und der Karikatur
die Betatigung auf der Leinwand hintangesetzt.
Ich greife zuriick. 1853 — 54 finden wir B. wieder in der Heimat. In Ant-
werpen war er gefahrlich krank geworden. Nach seiner Wiederherstellung unter
der Pflege seiner Wirtsleute »Jan und Mie« lebt er, sich erholend und sich mit
Skizzieren und Malen die Zeit vertreibend, wieder anderthalb Jahre in Wieden-
sahl. Hier beginnt er auch die heimischen Geschichten »ut oler welt* (aus alter
Zeit) im Manuskript zusammenzustellen: Sagen, Marchen, Volkslieder, Spruch-
reime. Er hat das alles einmal herausgeben wollen, es ist aber mit Rucksicht
auf die mannigfachen Analogien bei den Gcbruder Grimm unterblieben. Von
Busch. yn
Mechtshausen aus soil indes einiges davon im Korrespondenzblatte des Vereins
fur riiederdeutsche Sprachforschung veroffentlicht worden sein.
Der Herbst 1854 sieht den angehenden Meister in Munchen, das ihn etwa
20 Jahre lang festgehalten hat. Auch da gehort er nicht zu den »FleiOigen«.
Mit der akademischen Kunstrichtung kann er sich nicht befreunden. Er ist
im wesentlichen Autodidakt. Auf Wanderungen in der Umgegend skizziert
und malt er, was ihm gerade auffallt, aber ohne bestimmten Plan; dazwischen
notiert er Verse in ein Buchelchen. Manch einer der Kollegen ist auf solchen
Fahrten ahnungslos in der Karikatur festgehalten worden. Vieles bewahrt das
Karikaturenbuch »Jung-Miinchen«. In dieser geselligen Vereinigung, zu der
B. gehorte, verkehrten Maler, Musiker und sonst kiinstlerisch interessierte
Leute, unter denen Pixis, Lossow, Dietz, Rogge, Kremplsetzer, der Komponist,
von Angeli und Stoger (aus den Bilderbogen als der »Kleine Maler mit der
groBen Mappe« bekannt) zu nennen sind. Hier wurde B. auch mit seinem
spateren Verleger Bassermann befreundet. Die Kneipzeitung des Vereins hieO
der »Beiwagen«. In ihr sind keine Beitrage B.s enthalten, dagegen ist im
Organ der Secessionisten (die sich statt des Lokals beim Kappler ein anderes
beim Lettenbauer gesucht hatten), dem »Knotenstock« einiges enthalten.
Auch sonst betatigt sich unser junger Akademiker im Interesse des Vereins,
wenn er fur Festlichkeiten, etwa im Karneval, Griffel und Feder in den Dienst
der Sache stellt, Theaterzettel zu Stogerschen Ritterstucken zeichnet und
Operettenlibretti liefert.
Von solchen Arbeiten hat Kremplsetzer »Liebestreue und Grausamkeit«,
»Schuster und Schneiders und die im Residenztheater nur einmal aufgeftihrte
Operette »Der Vetter« vertont. Der literarische Wert dieser Produktion ist
nicht erheblich. Es kann dariiber hinweggegangen werden. Es handelt sich
um die Zeit zu Anfang der sechziger Jahre. Das Arrangement zum Marchen-
maskenball des Karnevals 1862 war ebenfalls B.s Werk. AuBerdem hatte er
einen Text uber das Marchen »Hansel und Gretek gedichtet, den wiederum
Freund Kremplsetzer in Musik umsetzte.
So wechselten in angenehmer Folge Festlichkeiten, gemutliche Abende
beim Kappler oder im Bund der »Nachtlichter« (Nachtschwarmer); dabei
wurden die Exkursionen zum Zweck des Malens nicht vergessen. Vor allem
waren das Isar- und Wurmtal, ferner Brannenburg am Inn und Ammerland
am Starnberger See, wo die Eltern Freund Hanfstaengls ein Landgut besafien,
fur B. liebe Aufenthaltsorte. Auch das Braustubl von Kloster Andechs
besuchte er gern. In Brannenburg hat er die wahrend des Wiedensahler Er-
holungsaufenthalts auf der Leinwand gemachten Versuche fleiflig fortgesetzt.
Nach der Secession zum Lettenbauer ging »Jung-Munchen« der Auflosung
entgegen. Bei spateren Munchener Aufenthalten verkehrte B. in der in-
zwischen entstandenen »Allotria«. Neben Hanfstaengl gehorten damals zu
den intimeren Bekannten des Kiinstlers: Lenbach, F. A. Kaulbach und der
Bildhauer Lorenz Gedon, dessen 1883 erfolgter Tod B. sehr nahe gegangen
ist, wie ein Gedicht bezeugt.
Einen Vorteil hat die Mitgliedschaft des Vereins »Jung-Munchen«
fur B. gehabt: er lernte Personlichkeiten kennen, denen seine Begabung zur
Karikatur auffallen mufite. Bassermann wurde sein Freund und spaterer
Verleger, der alte Holzschneider Kaspar Braun, dessen rote Nase B. spater
80 Busch.
einmal sehr ergotzlich »angesungen« hat, bat um Beitrage fur die »Fliegenden
Blatter«. Das war unserem Humoristen angenehm, denn er war nachgerade
darauf hingewiesen, Geld zu verdienen. So wurden zunachst einige Zeichnungen
aus dem Karikaturenbuch des Vereins, z. T. sogar unverandert direkt in die
»Fliegenden« hinubergenommen. Das Jahr 1859 bringt den »vergeBlichen
Stadtschreiber«, die >>enthusiastische Huldigung« u. a., und von nun an folgen
alljahrlich etwa zwei Dutzend derartiger Beitrage bis 1871; die letzte Arbeit
ist die Bildergeschichte »Der hastige Rausch«. Das meiste davon ist des Kunst-
lers eigene Erfindung, einiges ist aber nur Illustration zu gelieferten Witzen.
Die erste »Bildergeschichte« nennt sich »die Maus oder die gestorte Nachtruhe;
eine europaische Zeitgeschichte«. Diese, wie manche andere, hat keinen zu-
gehorigen Text und wandert erst spater, mit erklarender Prosa versehen, in
die »Mlinchener Bilderbogen*. »Der hohle Zahn« hat dagegen schon Knittel-
verse als Beigabe. Eine Sammlung solcher Bildergeschichten in Buchform
sind die »Schnaken und Schnurren« und »Kunterbunt«. Auf Einzelheiten ver-
zichte ich, indem ich zugleich auf Noldeke S. 39 f. verweise. Rein literarische
Beitrage von B. weisen die »Fliegenden Blatter* wenige nur auf. So die
»Lumpenlieder« und das bereits erwahnte »Lied von der roten Nase« Onkel
Kaspars, das in der »Kritik des Herzens« wiederkehrt.
B. drangte es zu grofleren Arbeiten. Eine Versuchung des heiligen
Antonius, die fur das Karikaturenbuch »Jung-Munchen« 1863 fertig gestellt
wurde, konnte vorlaufig nicht veroffentlicht werden. Der Kiinstler tat sich nach
einem anderen Stoff um. Wenn B. auch niemals ein Bucherwurm gewesen ist,
so hat er doch mancherlei gelesen. So wufite er in der alten Schwank- und
Anekdotenliteratur gut Bescheid, wie ich in einer besonderen Arbeit nach-
gewiesen habe. (Untersuch. z. neueren deutschen Sprach- und Literaturgesch.,
hrsg. von Prof. Dr. Walzel. Lpg. 19 10 bei H. Haessel.) Es fielen ihm die Schwanke
des Till Eulenspiegel in irgend einer Fassung in die Hande. Sehr wahrschein-
lich hat B. den »Eulenspiegel reimensweis« des alten Fischart gelesen.
Der Streich Eulenspiegels im 7. Kapitel (cf. Nat. Lit.) mit den Hiihnern des
Meiers reizte den Humoristen, etwas Neues aus dem alten Stoff zu formen.
So entsteht der erste grofie »Schlager« B.s, die Geschichte von den bosen
Buben »Max und Moritz«, ein Buch, von dem bis jetzt nahezu eine halbe Million
Exemplare abgesetzt worden sind. Ein schones Geschaft fur die Verleger,
das zu dem minimalen Nutzen, den Busch von seiner Arbeit hatte, in keinem
Verhaltnis steht.
B. bot »Max und Moritz« zunachst dem Sohne Ludwig Richters an, bei
dem schon die Bilderpossen (»Der Eispeter«, »Katze und Maus«, »Krischan
mit der Piepe« und »Hansel und Gretel«) 1864 erschienen waren. Braun &
Schneider wurde das Werkchen zunachst nicht angeboten, weil sich zwischen
Kiinstler und Verleger die Beziehungen etwas getrubt hatten. Da aber um die
Bilderpossen bei Richter nur geringe Nachfrage gewesen, lehnte dieser Ver-
leger dankend ab. Nun wendet sich der Kiinstler doch wieder an die alten
Bekannten, und 1865 liegt das erste Exemplar im Druck fertig vor. Der Erfolg
war ein so groOartiger, daG in der Folge »Max und Moritz« ins Englische, Portu-
giesische, Schwedische, sogar ins Japanische ubertragen ward.
1869 folgt im selben Verlage »Schnurrdiburr«, ein Stucklein aus dem
Leben eines Bienenzuchters, wovon ich gelegentlich schon gesprochen habe.
Busch. 8 1
Auch bei anderen Verlegern erschienen nun in rascher Folge Arbeiten
aus der Feder B.s. Hallberger in Stuttgart erwirbt fur »Uber Land und Meer«
1868 »Hans Huckebein«, »Das Pusterohr« und »Die kiihne Miillerstochter«.
Dazu gesellt sich 1869 »Das Bad am Samstag Abends 1870 »Der Schreihals«.
Fur die »Illustrierte Welt* schafft B. 1869 »Die Prise*, fur das »Daheim«
1864 den »Wurstdieb«. Die bei Hallberger herausgegebenen Sachen erschienen
auch in Buchform.
Immer drangte sich bei B. nebenher der Antonius in den Vordergrund.
Er mochte die »Versuchung« (s. o.) ausarbeiten fur »t)ber Land und Meer«,
Es handelt sich um die Zeit des Kulturkampfes. Aus dem jungen Polytechniker,
der im Jahre 48 *sein gewichtiges Kuhbein trug, welches nie scharf geladen wer-
den durfte*, der sich »in der Wachtstube die bislang noch nicht geschatzten
Rechte des Rauchens und Biertrinkens erkampft hatte«, war eine politisch reife
Personfichkeit geworden. Ohne jemals einer Partei angehort zu haben, tritt
er auf fur den Fortschritt im besten Sinne des Wortes in dem Kampf gegen
die Dunkelmanner. Er hafit den Ultramontanismus, den er noch spaterhin
fiir gefahrlicher als die Sozialdemokratie halt und bekampft ihn mit den schnei-
digen Waffen des Geistes. Wie es ihm urn's Herz war, davon gibt der »Antonius«
und in der Folge »Die fromme Helene« 1872 und der »Pater Filucius« 1875
beredtes Zeugnis.
Hallberger war vorerst zu furchtsam, den ihm angebotenen »Antonius«
zu veroffentlichen. Doch verschafft er B. 1867 einen Verleger, Moritz Schauen-
burg in Lahr, an den er das fiir 500 Taler gekaufte Manuskript cediert. Endlich
wahrend des Krieges 1870 erscheint nun der »Antonius« wirklich, wird mit
Zorn auf der einen, mit Begeisterung auf der anderen Seite begrufit und findet
rasenden Absatz. Es ist nicht wunderlich, daB Schauenburg wegen Religions-
verletzung vor das Kreisgericht nach Offenburg citiert wurde — das ihn iibrigens
freisprach — unverstandlich bleiben dagegen die gehassigen Angriffe des Asthe-
tikers Theodor Vischer. Dieser nahm voll sittlicher Entrustung Anstofi an
dem Werk, bezeichnete es als pornographisch, obgleich selten ein Kunstler
so wenig auf sinnliche Effekte ausgegangen ist als gerade Wilhelm Busch.
Die alte gute Holzschnittmanier ist der Liisternheit uberhaupt zuwider. B.
hat sich in einem erhaltenen Konzept zu einem Brief an Schauenburg gegen
derartige Insinuationen verwahrt. Ej: weist auf die Leute mit der schmutzigen
Brille hin, die natiirlich alles schmutzig sehen miissen, bemerkt die Un-
vereinbarkeit des Lacherlichen und des Wolllistigen und betont, daB in katho-
lischen Wunder- und Legendenblichern Obertreibungen vorkommen, die geradezu
zur Karikatur herausf ordern.
Welche Quelle dem Dichter fiir den Antonius vorgelegen hat, wissen wir
nicht. Er las viel in alten Legendenbuchern. So kam es, dafl er mit Bewufitsein
Zuge aus dem Leben von Antonius dem Agypter, auf den von Padua ubertrug.
Das zweite Werk dieses Gedankenkreises, die »fromme Helene«, baut im
Gegensatz zum ersten die Lebensgeschichte der Frau auf, die trotz ihrer »From-
migkeit« auf Grund mahgelnder Qualifikation zur Heiligen in die Holle
fahren muB. Das Werkchen erschien bei Bassermann.
Nicht weniger scharf werden MiBbrauche und Lacherlichkeiten der romi-
schen Kirche im Pater Filucius hergenommen. B. hat hierzu selbst einen
Kommentar am Schlusse gegeben. Er sagt:
BiogT. Jahrbuch u. Dcutscher Nekrolog-. 13, Bd. 6
g 2 Busch.
,,Man versteht diese allegorische Darstellung der kirchlichen Bewegung,
welche sich im Anfang der siebziger Jahre abspielte, wenn man fur Gottlieb
Michael den deutschen Michel, fur Tante Petrine die romische, Pauline die
evangelische Kirche setzt; die Base Angelika ist dann die freie Staatskirche
der Zukunft. Der Jesuit Filucius fuhrt den Hund Schrupp, die demokratische
Presse ein und sucht mit seinen Helfershelfern, der Internationalen und den
Franzosen, den Haushalt zu storen; dagegen ruft Michel Hiebel den Wehr-,
Fibel den Lehr- und Bullerstiebel den Nahrstand zu Hilfe, mit deren Unter-
stutzung er auch die ganze unsaubere Wirtschaft zum Fenster hinauswirfU.
Weder die romischen, noch die lauen »staatserhaltenden« Friedens-
posaunisten werden an dieser Satire viel Freude erlebt haben. Und es ist
recht so.
Wenn oben gesagt worden ist, dafi Mlinchen den Kunstler etwa 20 Jahre
lang gefesselt hat, so soil das nicht heiBen, dafl der Aufenthalt dort nicht auf
langere Zeit unterbrochen worden ware. Die fiinfziger und sechziger Jahre
sehen B. oft langer in seiner Heimat Wiedensahl und Liiethorst, wo er sich in
lustiger Gesellschaft auf landliche Weise vergnugt, auch wohl ftir das Lieb-
habertheater des Nachbarstadtchens Dassel, passende Stiicke zusammenschreibt.
Auch in Frankfurt ist B. langere Zeit gewesen; sein Bruder Otto war dort
Erzieher bei den Sohnen des Bankiers Kessler. 1869 lebt unser Humorist
das ganze Jahr in der ehrwiirdigen Stadt am Main und bewohnt in der
Kesslerschen Villa nach hinten heraus eine eigene Wohnung mit Atelier.
In Frankfurt hat Busch viel gemalt, auch nach einigen fruheren Versuchen
auf dem Gebiete der Bildhauerei eine Buste der Gemahlin des genannten Ban-
kiers geschaffen. Der Frau Kessler schenkte er ein schon »verinitialtes« und
aquarelliertes Exemplar des heiligen Antonius auf Pergament.
Mit dem Bruder zusammen vertieft sich B. in Schopenhauer, seinen Lieb-
lingsphilosophen, unterhalt Verkehr mit Bassermann nach Heidelberg hinliber
und zeichnet ftir die »Deutsche Laterne« den spater im »Dideldum« 1875 auf-
genommenen Einfall »Wie man Napoliums macht«, der noch weitere derartige
Scherze hervorrief. In Frankfurt tritt er auch mit dem Verleger Grote in Ver-
bindung. Vor zwei Jahren war hier die »fromme Helene« entstanden. Jetzt
verlangte Grote fur seine illustrierte Klassikerbibliothek Illustrationen zur Kor-
tumschen Jobsiade. Vielleicht war auch B. selbst der Anreger zu dem
Gedanken. Die Verse seines Landsmannes kannte er jedenfalls schon lange,
denn es scheint so, als habe B. der Technik des braven Alten, den er mit
Staunen und Verwundern auf seinem Dichterrofilein durch das Jahrhundert
dahertraben sah, mancherlei abgelauscht.
Indessen der Plan mit Grote zerschlug sich. Das Werk wurde 1874 zusam-
men mit der »frommen Helene« von Freund Bassermann herausgegeben. Die
»Bilder zur Jobsiade« sind mehr als nur das Werk Kortums. Der humoristische
Stoff der Vorlage geht zu sehr ins Breite, wodurch die Wirkung erheblich be-
eintrachtigt wird. B. beschnitt den Text glticklicherweise gewaltig, glattete
allzu holprige Passagen, machte notigenfalls auch Zusatze, erhob den etwas
unbeholfenen Bierzeitungsstil in die Sphare einer cigenen Kunsttechnik.
Der Beginn der siebziger Jahre bedeutet fiir B. einen Umschwung in
seinem Leben. Schon 1868 war der Vater gestorben; ihm folgte im Jahre des
groCen Krieges die Mutter, die der Sohn so unendlich geliebt und verehrt hat.
Busch.
83
Ihr setzte er in einer spateren Auflage der 1 87 1 bei Bassermann erschienenen
»Kritik des Herzens« ein Denkmal in Worten, wie sie ihm kaum einmal wieder
zu Gebote standen :
»0 du, die mir die Liebste war,
Du schlafst nun schon so manches Jahr.
So manches Jahr, da ich allein,
Du gutes Herz, gedenk ich dein.
Gedenk ich dein, von Nacht umhullt,
So tritt zu mir dein treues Bild.
Dein treues Bild, was ich auch tu,
Es winkt mir ab, es winkt mir zu.
Und scheint mein Wort dir gar zu kiihn,
Nicht gut mein Tun,
Du hast mir einst so oft verziehn,
Verzeih auch nun*.
Seit dieser Zeit fangt B. an, der Einsame, der Sonderling zu werden, von
dem spaterhin so manches gefabelt worden ist. Aber je starker in ihm dies
Gefuhl der Vereinsamung sich geltend macht, desto mehr treibt es ihn nach der
Heimat, in jene einfachen, landlichen Verhaltnisse, die ihm von Jugend an
lieb sind, in Gegenden, wo ihm jeder Baum und Strauch vertraut scheint.
Busch zieht sich allmahlich in sich selbst zuruck. Den homo sapiens hat er,
wie er selbst einmal sagt, genugend kennen gelernt, er tragt kein Verlangen
mehr seiner ferneren werten Bekanntschaft. Atelier und Wirtschaftsmobiliar
wandert nach Wiedensahl. Er bezieht ein paar Raume im Pfarrwitwenhaus bei
seiner Schwester Fanny Noldeke, mit der zusammen er nach ihres Mannes Tode
weiter wirtschaftet. Wiedensahl, »das klimperkleine Platzchen, vom Weltall
abgesondert, gemlitlich erwarmt und heimlich erleuchtet«, hiitet er angstlich
wie ein Heiligtum. Fremde empfangt er grundsatzlich dort nicht, nur ganz
wenige gute Freunde diirfen ihn besuchen; sonst gibt er sich ein Stelldichein
mit ihnen in einer in der Nahe liegenden Stadt an der Bahnlinie, etwa in
Cassel, Hildesheim, Wolfenbuttel.
Zu Anfang des Jahrzehnts halt sich der Kiinstler noch alljahrlich einige
Zeit in Frankfurt bei den Kesslers auf, reist auf langere Zeit nach Miinchen,
wo er gem den Winter verbringt. 1877 richtet ihm Gedon dort ein Atelier ein;
gemalt wird B. darin nicht viel haben. Es paBt ihm nicht recht mehr in der
Stadt. 1876 schon beklagt er sich iiber den »Larm, den Rauch und das Bier-
trinken<f. Nach Gedons Tode (1883) zieht ihn nichts mehr nach der bayrischen
Metropole. Allmahlich wird er ganzlich zum Einsiedler. Nur wenige Reisen
unternimmt er noch. Er besucht einmal Bruder Gustav in Wolffenbuttel oder
Bruder Hermann in Celle, reist 1878 nach Bozen und Venedig, spater nach
Borkum, auch nach Helgoland, Holstein, Sylt; dennoch bleibt er seit Ende
der siebziger Jahre bis 1898 in seinem Geburtsort ansassig und auch nach dem
Umzug nach Mechtshausen der »standige Dorfbewohner«. Abwechselnd im
Garten, an der Staffelei oder am Schreibtisch sich beschaftigend, lebt er ganz
der Kunst und seinem Menschentum, ein echter Lebenskiinstler. »Selig, wer
sich vor der Welt ohne HaG verschliefiu.
Das Leben des Dichters seit dem Kriege ist ausgefullt mit intensivster
Arbeit auf der ganzen Linie seines Konnens. Das beweisen die Verdffentlichungen
6*
84 Busch.
aus dem kunstlerischen Nachlafi durch Hanfstaengl und die grofle Anzahl der
grofieren Bildergeschichten. Von diesen allbekannten Sachen ist zum Teil ge-
handelt worden. 1876 kommen die »Abenteuer eines Junggesellen« heraus
und im selben Jahr »Der Geburtstag, wozu bereits 6 Jahre friiher fiir die
»Erinnerungsblatter an das Jahr i870« (Braun & Schneider) eine Vorarbeit
auf 2 Blattern vorhanden ist: »Der Partikularist«, eine Satire auf die Welfen
in der Heimat. Im Jahre 77 folgen »Herr und Frau Knopp« und >>Julchen«,
1878 »DieHaarbeutel«, 1879 »Fipps, der Affe«. 1881 »DerFuchs. Die Drachen«,
»Plisch und Plumm« und »Balduin Bahlamm«, 1882 »Stippstorchen«, 1883
»Maler Klecksel«.
Der grofite Teil dieser Produktion der siebziger und achtziger Jahre ist
in Wiedensahl entstanden. Daneben findet der Meister immer noch Zeit zur
Malerei, zu sprachwissenschaftlichen Betrachtungen, Dialektforschungen, Be-
schaftigung mit naturwissenschaftlichen und religiosen Fragen und philo-
sophischen Problemen. Alles erweckt sein Interesse. Ein brauner Krug mit
einem Glanzlicht drauf ist ihm bereits Idee. »Geht so ein Ding« — heifit es
in einem Briefe — »durch ein originelles Menschenhirn und eine geschickte
Hand, so wird, der Teufel weifl, ein Bild daraus«. Alle moglichen Skizzen
kommen auf die Leinwand, mit Liebe werden allerhand Blumen, Baume,
Straucher zeichnerisch wiedergegeben.
Schafft B. eine Bildergeschichte, so Iiegt gewohnlich zuerst ein Prosa-
entwurf vor, untermengt mit einzelnen Bildchen, auch Versen und Pointen.
Erst, wenn das ganze Material zusammen ist, geht er an die Ausarbeitung.
Wie oben ein Krug mit Glanzlicht, so ist auch ein Barenfuhrer mit Affen unter
Umstanden schon ausreichend, einen kunstlerischen Einfall wachzurufen. So
entsteht »Fipps, der Affe«, wozu B.s Neffen Noldeke die erste Niederschrift ver-
offentlicht haben. B. macht sich folgende Notizen: »Dr. Fink, ein Naturfreund,
Landhaus. Mit Familie im Garten. Herrlicher Herbst, Baume voller Apfel.
Ein Barenfuhrer und Kameltreiber mit zwei Affen kommen an Dr. Finks
Garten vorbei. Der Affe uber die Mauer oben in den Apfelbaum. Will nicht
runter. Dr. Fink kauft ihn. Frau Dr. Fink, Kindermadchen und Kinder sehen
zu. Fangmethode mit Stiefel und Waschwasser* u. s. w. In der Ausfiihrung
schlieflt sich der Kunstler hinsichtlich des letztgenannten Motivs ganz an Hey-
Speckter an; das Beiblatt weist eine Anzahl sehr reizvoller Skizzen auf, die
z. T. ganz ahnlich ubernommen wurden. Besonders hat B. umfangreiche
Studien zu Affen gemacht.
Solche Vorarbeiten sind noch vorhanden zum »Huckebein«, »Plisch und
Plumm«, »Klecksel«, den »Haarbeuteln«. Aufier dem bereits genannten Bilder-
Zyklus fiir das Karikaturenbuch »Jung-Munchens« existieren noch 15 Bilder
ohne Verse zum »heiligen Antonius«, ein »Ballet«, die sich im Besitz der
Erbprinzessin von Meiningen befinden. Diese Vorarbeit aus dem Jahre 63
ging verandert auf im 9. Kapitel der Fassung von 1870. Einen Einblick in
des Kunstlers Technik gibt ferner die erhaltene Vorarbeit zum »Privatier« f die
im Entwurf stecken blieb.
Eines wird uns alledem klar: aus dem »Armel geschtittelU sind alle diese
Dinge nicht. Wenn sich auch der Kunstler von vornherein iiber das Ungefahr
sogleich klar war, so besserte er doch fort und fort an der Form, bis sie ihm
geniigte.
Busch. 85
Dies gilt von den Bildern sowohl als den Versen. Sie sind nicht so leicht-
hin entstanden, als man vielleicht anzunehmen geneigt ist. Man mag in diesem
Betracht besonders an Heine denken, dessen rhythmische und sprachliche
Fliissigkeit nur scheinbar mlihelos produziert ist. Heines Manuskripte weisen
immer und immer wieder neue Korrekturen auf, bis die endgiltige Fassung
gefunden ist. Diese Beobachtung ist bei vielen Lyrikern zu machen. Ich
habe Heine deswegen herangezogen, weil er B., wo dieser sich als selbst-
standiger Lyriker gibt, vielfach mindestens technisch-formal stark wesens-
verwandt ist. Das gilt besonders von der Art, wie B. die Pointen am
Schlusse bringt, die, mit leiser Ironie gefarbt, wie mit gottlicher Selbst-
verstandlichkeit sich ergeben.
Schon 1 87 1 war die erste Gedichtsammlung aus B.s Feder erschienen,
die »Kritik des Herzens«. Lange Zeit blieb dieses Werkchen das einzige der
Art; vielleicht, weil es im Ganzen nicht giinstig aufgenommen worden war.
Woran das liegt, ist klar. Die groBe Masse wollte, wenn sie Biicher von B.
kaufte, etwas zu lachen haben. Aus dem Grunde vermiflte sie auch die Bilder
schmerzlich. Und doch stehen mir personlich diese Verse naher als vieles
andere, was von dem Dichter geschaffen worden ist. Auch die Sammlung
»Zu guter Letzt« vom Jahre 1904 mochte gewifi keiner missen, der den
Kunstler in B. sieht, nicht den Lustigmacher. Schwacher ist fraglos die
posthume Nachlese, die zum letzten Geburtstag des Dichters am 15. April 1909
unter dem Titel »Schein und Sein« herauskam. Die Erben des Nachlasses
haben sich dagegen verwahrt, als ob diese Gedichte schon fur die Sammlung
von 1904 vom Dichter selbst ausgeschieden worden waren. Dem schlieBe
ich mich nicht ganz an; ich glaube es nicht, daG B. selbst das Gedicht von
den zwei Knaben, von denen einer in den Dreck springt, veroffentlicht haben
wiirde. Viele Nummern dieser Sammlung waren gewifi schon im Manuskript
vor vielen Jahren fertig, der Dichter war jedoch z. T. im Zweifel, ob und
wie sie Verwendung finden sollten. Dafur scheint mir auch folgendes zu
sprechen: in den siebzig Brief en B.s an Maria Anderson (Rostock 1908,
2. Aufl. S. 44) findet sich unter dem 27. Mai 1875, also 34 Jahre vor
»Schein und Sein«, folgende Mitteilung:
»Neulich pusselt Nachbar Mumme mit dem Spaten in seinem Garten
herum, dicht bei den Stachelbeerbuschen. Auf einmal springt ein fremder
Hund heraus und knurrt und will nicht weg und zeigt die Zahne. »Der Hund
ist toll!« so heifit es gleich. Man holt die Flinte — bum! — Die Kugel geht
dem Hunde durch den Kopf, er streckt sich aus und stirbt. — Wie man ge-
nauer zusieht, liegen drei ganz kleine, neugeborene Hundchen im Gebusch«.
Dies Erlebnis finden wir wieder in dem Gedicht »Der fremde Hund«, das
jedenfalls sofort oder doch bald entstand, aus irgend einem Grunde aber in
die nach 29 Jahren erschienene Sammlung nicht aufgenommen wurde. Ich
citiere das Gedicht, weil es uns den Kunstler menschfich naher bringt und
zugleich in seine Arbeitsweise einen Einblick gewahrt.
»Was fallt da im Boskettgestrauch
Dem fremden Hunde ein?
Geht man vorbei, so bellt er gleich
Und scheint wie toll zu sein.
86 Busch.
Der Gartner holt die Flinte her,
Es knallt den Augenblick.
Der arme Hund, getroffen schwer,
Wankt ins Gebusch zuriick.
Vier kleine Hiindchen liegen hier
Nackt, blind und unbewuflt.
Sie saugen emsig alle vier
An einer toten BrusU.
Wir wissen, daB B. es nicht fur recht gehalten hat, irgend ein Tier zu toten.
Wie man an der Jagd Vergniigen finden kann, ist dem mitfiihlenden Herzen
dieses Mannes immer ein Ratsel geblieben. Sogar Fleisch zu essen halt er fiir
eine durch verkehrte Kulturrichtung veranlafite Gewohnheit und bezeichnet
als ein erstrebenswertes Ideal den Vegetarianismus. Dennoch weifl B. sehr
wohl, wie er den Menschen, die eigene Person inbegriffen, einzuschatzen hat.
»Bei den besten Menschen, die mir begegnet«, lesen wir in seinem Briefe an
die Anderson, »habe ich noch immer die Reifizahne von den Schneidezahnen
ganz deutlich unterscheiden konnen. Aber ich hoffe! Ich bin Pessimist fiir
die Gegenwart, aber Optimist fiir die Zukunft. Die Zucht und Ziichtung im
Verlauf einiger Milliarden von Jahren wird hoffentlich die Organe der Erkenntnis
auf Kosten der Organe des Begehrens zu immer hoherer Entwicklung bringen,
bis endlich und zuletzt das Gegenteil von Etwas herauskommt*. Und dann
folgt eine fiir B. sehr charakterische Bemerkung: »Doch weg mit dem Ge-
klimper! Das scharfste Wort dringt solchen Dingen hochstens bis auf s Hemd«.
Dieser Gedanke, »dafi wir nicht wissen konnen«, ist natiirlich alt. Das lehrt
uns die Bibel, das lehrt uns Goethe. Beide waren B. besonders lieb. Davon
gibt seine Prosa Zeugnis. »Meiers Hinnerk« ist eine kurze Skizze, die den
Nachmittag eines niedersachsischen Hiitejungen erzahlt. Sie erschien im
Heidjer-Kalender auf das Jahr 1907. Allgemein zuganglich sind »Eduards
Traum« (1891) und »Der Schmetterling« (1895).
Uber »Eduards Traum« sagt der Dichter selbst in einem Briefe, es sei
»ein kleiner Scherz, nicht ohne FleiB durchdacht, zur Unterhaltung fiir Wenige,
die an so was Vergniigen finden. Die Probleme sind eingewickelt und wollen
nicht losgemacht sein. Sonst miifite man dem Vogel die Federn ausrupfen,
und dann fliegt er nicht mehr. Personliche Anspielungen mochten schwerlich
zu finden sein«. Ein Marchen fiir Erwachsene mit philosophischem Einschlag!
Die Dinge lassen sich nach ihrer Wesenheit von uns nicht erkennen. Unser
Erkenntnisvermogen ist von dem der Tiere, denen wir organisch so nahe stehen,
nur relativ nach unseren Bedurfnissen unterschieden. Irrtum, Schuld und
Siinde ist unser Teil. Das Ende ist das Ideal der Askese: — Schopenhauer.
Zu welchem Zweck, bleibt ein Ratsel. Aber die Mehrzahl der Menschen ringt
gar nicht einmal um die Wahrheit, sondern begnugt sich mit einer Welt con-
ventionellen Scheins, nach der sie sich in bequemer Weise einschatzt. »Wir
sind allzumal Siinder«, »unser Wille ist bose von Jugend auf«, »nur wenige
gehen ein durch die enge Pforte«.
»Der Schmetterling« umfafit dasselbe Gedankenmilieu. Da ist einer, der
auszieht, das Gliick zu fangen, das in Gestalt eines bunten Schmetterlings
vor ihm herflattert. Oft genug glaubt er, es erhascht zu haben, aber immer
Busch. 87
wieder entschliipft es ihm. Jahre vergehen. Ein alter Invalide, kehrt
der Gliicksjager unerkannt in die Heimat zuriick und dient seinen Mit-
menschen als — Flickschneider. Aber er ist innerlich frohlich bei seiner
Beschaftigung, und so nennt er sich denn auch der Welt gegeniiber: Fritz
Frohlich. Frohlich ist er geworden in der Erkenntnis, daG »jedes Warum
nur der Zipfel eines Fadens ist, der in den dicken Knauel der Unendlichkeit
auslauft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so
viel er nur wilk.
Wenn irgend ein Werk, so ist dieses ein Selbstbekenntnis des Dichters.
Fritz Frohlich ist er selbst. Aber er ist es nicht von Anfang an, er mufi sich
erst hinauflautern, urn des Namens wert zu sein. E r ist der »Flickschneider«,
der heimkehrt und nun nicht mehr in eitlem Bemiih'n, sondern mit der Tat
sein Teil zum Wohle der Mitwelt beitragt, durch die hohe Kunst seines Humors.
Nur so ist es fur ihn moglich, die Entsagung auf sich zu nehmen, in dem Gluck
der Liebe, in der Kunst, in dem Ringen nach den hochsten Zielen der Mensch-
heit. Nur so ist es fur ihn moglich, trotz seiner pessimistischen Lebensauf-
fassung das Leben dennoch zu bejahen. Zu bejahen, wenn man so will. Ent-
sagung .... Wir wissen aus der Einleitung zu den Haarbeuteln, wie sich B.s
Pessimismus iiber diesen Begriff ausgesprochen hat:
»Enthaltsamkeit ist das Vergniigen
An Sachen, welche wir nicht kriegen,
Drum lebe mafiig, dcnke klug,
Wer nichts gebraucht, der hat genug.U
Es ist der Pessimismus Schopenhauers, der da zu uns redet. Und Pessimist
im Sinne seines grofien Vorbildes ist B. sein ganzes Leben lang geblieben, auch
wenn er im spateren Alter sich z. T. wieder enger an Kant anschlieflt, der die
Religion auCerhalb der philosophischen Betrachtung lassen will. Wie flir
Schopenhauer ist fur B. die Welt nicht nur »seine Vorstellung, sondern
auch sein Wille«. An ihr hat jeder »gebaut, eh' er geboren wurde«, sich teil-
haftig gemacht der Schuld an der Allgemeinheit, der Masse des Bosen auf
Erden.
»Der Weise, welcher sitzt und denkt
Und tief sich in sich selbst versenkt,«
ist im Grunde genommen natiirlich ebenfalls kein andrer als Schopenhauer;
nur dafi er vor diesem eine aufierst praktische Art der Lebensbejahung
fur sein System in Anspruch nimmt: ein paar Dutzend Austern und einige
Flaschen Wein.
Die Einleitung zu den »Haarbeuteln« gehort zu dem Besten, was der Dichter
uberhaupt geschaffen hat. Beinah nirgends sind Gedanken und Form so charak-
teristisch flir B. wie hier. Alles ist in einer so liebenswiirdigen Weise vor-
getragen, dafl wir das Grau in Grau seines Pessimismus lachelnd hinnehmen
wie selbstverstandlich. Nichtsdestoweniger haben wir es mit einer scharfen
Satire auf die landlaufigen Begriffe von Menschentum, Ethik, Padagogik,
Weltordnung zu tun. Uberall deckt der nachdenkliche Geist B.s die Un-
stimmigkeiten und Ratsel dieses Lebens auf.
gg Busch.
»Eh* man.auf diese Welt gekommen
Und noch so still vorlieb genommen,
Da hat man noch bei nichts was bei;
Man schwebt herum, ist schuldenfrei,
Hat keine Uhr und keine Eile
Und auBerst selten Langeweile.
Allein, man nimmt sich nicht in acht
Und schluppl ist man zur Welt gebracht.
Zuerst hast du es gut f mein Sohn,
Doch paO mal auf, man kommt dir schon!*
Leid ist von Anbeginn das Los der Menschheit, Leid, klas zwar zum Heile
tragt«, (Schopenhauer: »Das schnellste Tier, das tragt zur Vollkommenheit,
heifit Leid«.) aber immerhin Leid, an dem wir alle teilnehmen m ii s s e n ,
infolge des bosen Willens und unserer Mitschuld an der Gesamtheit. Leid er-
fahrt das Kind von der Hand der Eltern, die ihm doch die Liebsten sind, Leid
zermiirbt den Mann, ohne ihn dafur in dieser Zeitlichkeit zu entschadigen.
Wer ergriindet den Sinn dieses Lebens? Was nutzt das ewige Fragen
nach Wozu, Woher und Wohin?
Die Welt ist arg. Man tut besser, sie zu meiden. Im Verkehr mit der All-
gemeinheit wird das Individuum nicht besser, sondern schlechter. Einsamkeit
ist die beste Helferin, die beste Trosterin; sie zwingt den Menschen, sich mit
sich selbst zu beschaftigen; sie lautert den Menschen hinauf, indem sie ihn
gleichzeitig den Invektiven der Welt entzieht.
»Wer einsam ist, der hat es gut,
Weil keiner da, der ihm was tut.
Ihn stort in seinem Lustrevier
Kein Tier, kein Mensch und kein Klavier,
Und niemand gibt ihm weise Lehren,
Die gut gemeint und bos zu h6ren.
Der Welt entronnen, geht er still
In Filzpantoffeln, wann er will.
Sogar im Schlafrock wandelt er
Bequem den ganzen Tag umher.
Er kennt kein weibliches Verbot,
Drum raucht und dampft er wie ein Schlot.
Geschutzt vor fremden Spaherblicken,
Kann er sich selbst die Hose flicken.
Liebt er Musik, so darf er fldten,
Um angenehm die Zeit zu t6ten,
Und laut und kraftig darf er prusten,
Und ohne Riicksicht darf er husten,
Und allgemach vergiflt man seiner.
Nur allerhochstens fragt mal einer:
Was, lebt er noch? Ei schwerenot,
Ich dachte langst, er ware tot.
Kurz, abgesehn vom Steuerzahlen,
LaOt sich das Gltick nicht schCner malen.
Worauf denn auch der Satz beruht:
Wer einsam ist, der hat es gut«.
Busch.
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Ich habe das Gedicht vollstandig angefuhrt, weil es uns so ganz die Per-
sonlichkeit des Dichters selbst zeigt. Der alte Junggeselle, der sich vor den
weisen Lehren der Welt zuriickgezogen hat, um mit sich selbst und ohne Riick-
sicht auf das, was andere tun, den Tag verbringt, ist kein andrer als Wilhelm
B., der Einsiedler von VViedensahl und Mechtshausen. Auch e r ist un-
vcrmahlt geblieben, aber nicht aus HaO gegen das Weib, sondern weil er in
jungen Jahren wirtschaftlich nicht in der Lage war, zu heiraten. Sein Madchen
hat einem andern die Hand zur Ehe gereicht. B. aber hat von da ab endgiltig
verzichtet. Auch e r ist verschiedene Male totgesagt worden, aber der Sensen-
mann hat immer wieder an ihm voriibergehen miissen.
So hat der Kunstler noch zehn voile Jahre nach der Ubersiedlung nach
Mechtshausen gelebt, wohin man ihn gebracht hatte, weil man auf Grund
seiner fortgesetzten Grtibelei bei den taglich sich wiederholenden aufiern
Eindriicken fur seinen Gemutszustand flirchtete. Auch hier lebte er
im Verkehr mit seiner Schwester und ganz wenigen Bekannten nur seiner
Kunst und seinen Biichern, die ihm die liebsten Freunde waren. Der
Menschen- und Weiberfeind, den man aus ihm nach und nach gemacht hat,
ist er jedoch keineswegs gewesen. Er f 1 h die Welt, aber er hat sie nicht
g e h a B t. Der Frommler, als den man ihn zuletzt noch hat hinstellen wollen,
war er niemals. Die Kirche hat ihn selten gesehen. Trotzdem war er ein Mensch
mit starken religiosen Bedurfnissen. Sein Neues Testament und besonders die
Psalmen liebte er. Eifrig war er bemtiht, tiber unverstandene Stellen aus der
Bibel irgendwie Aufklarung zu erhalten. Und so las er Schriften neuerer und
alterer Theologen; ferner mit Vorliebe die Bekenntnisse Augustins, pThe
pilgrims progress* von Bunyan und allerlei Wunderlegenden, die auf ihn von
jeher einen starken poetischen Reiz ausgetibt haben. Endlich ist die deutsche
Mystik nicht ohne Einwirkung auf Busch geblieben.
In den kleinen engen Kreis seiner Heimat und deren nachster Umgebung
hat der Kunstler seine Tage begonnen und beschlossen. Ein alter Niedersachse
von Schrot und Korn liebte er sein Land und die anspruchslose, derbe Bauern-
bevolkerung, deren Wesen er verstand, wie selten einer. Das bezeugen air
die biederen, harmlosen Philister, wie sie der Dichter in der »Knopptrilogie«,
in dem »Geburtstag« u. s. w. gegeben hat. Einfachheit, Bedurfnislosigkeit und
edles Menschentum, das gern von seinem Zuviel anderen mitteilt, waren seine
hervorragendsten Charaktereigenschaften. Luxus, Komfort, ubermaBigen Wohl-
stand empfand er personlich als etwas Unangenehmes. Reichtum hielt er
fur schadlich, und er schatzte sich glucklich, durch seine Werke nicht zum
reichen Mann geworden zu sein. Er war kein Kaufmann und wollte es nicht
sein; sonst hatte er bei den hohen Auflagen seiner Schriften Millionen ver-
dienen konnen. Den Hauptgewinn haben die Verleger Braun und Schneider
und Bassermann davongetragen, dagegen hat B. den verhaltnismafiig geringen
Vorteil in erheblichem MaBe zu anderer Nutz und Frommen verwandt. Wie
Horaz, glaubte er groBen UberfluB nicht haben zu diirfen, .weil ein solcher im
Grunde ein Unrecht an der Gesamtheit bedeutet.
Mit dem Ableben B.s hat ein warmpulsendes, feinfiihlendes Menschenherz
aufgehort zu schlagen, ist ein » Kunstler dahingegangen, wie ihn Deutschland
in seiner Art vorher nicht gehabt hat und auch in Zukunft kaum wiedersehen
wird. Viele haben sich um seine Nachfolge d i r e k t bemtiht, ohne etwas da-
go
Busch.
mit zu erreichen. Diese Leute unterschatzten eben die in B.s Kunst ent-
haltenen Schwierigkeiten der Technik und des Gedankens. Andererseits haben
ein Heer von Schriftstellern und Journalisten sich an B.s Stil unbewufit gc-
bildet, ebensowohl als an dem Heines, der in manchem Betracht unserem
niedersachsischen Humoristen so wesensverwandt erscheint. Wie sich Heine
und Busch beriihren, dafur mochte ich einige Verse anfiihren.
»Man wiinschte sich herzlich gute Nacht,
Die Tante war schrecklich mude;
Bald sind die Lichter ausgemacht,
Und alles ist Ruh' und Friede.
Im ganzen Haus sind nur noch zween,
Die keine Ruhe finden.
Das ist der gute Vetter Eugen
Mit seiner Base Lucinden.
Sie wachten zusammen bis in der Fruh,
Sie herzten sich und kufiten.
Des Morgens beim Fruhstuck taten sie,
Als ob sie von Nichts was wiiBteno.
(Kr. d. H. 1908. S. 9.)
Bei einem anderen Gedicht beachte man besonders die Wendung der
SchluO-Strophe:
»Die Liebe war nicht geringe.
Sie wurden ordentlich blafi;
Sie sagten sich tausend Dinge
Und wufiten noch immer was.
Sie mufiten sich lange qualen,
Doch schlieOlich kam's dazu,
Dafi sie sich konnten vermahlen,
Jetzt haben die Seelen Ruh.
Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit;
Er liest in der Kolnischen Zeitung
Und teilt ihr das Notige mit«.
(Kr. d. H. S. 47 )
Naturlich hat B. Heine nicht kopiert, sonst ware er nicht der originelle
Geist, fiir den ihn selbst der fluchtige Kenner seiner Schriften halt, ohne eigent-
lich zu wissen warum.
Aus welcher Sphare ist nun diese Besonderheij:, die B. als Kunstler auf-
weist, hervorgegangen und worin besteht eigentlich seine Originalitat?
B. hat zur Beantwortung dieser Fragen selbst Andeutungen in einem
Brief e gegeben: »Volkslied, Marchen, Sage sind an einem fast bestandigen
Dorfbewohner, wie ich, naturlich auch nicht lautlos voriibergegangen. Etwas
davon hab* ich wiedergesagt, das Beste behielt ich. Im ubrigen regte wohl
unmittelbar die Bemerkung an, dafl diese grofle Welt auch den harmlosesten
Busch. o I
Bestrebungen intellektbegabter Wesen gegenuber oft recht hartnackig ist.
Nur zu gern betrachtet man den neckischen Zwist betriebsamer Wiinsche mit
dem, was nicht so will. Denn da man das Spiel durchschaut, da Verdrufl und
Ungeschick bei anderen sind, so fuhlt man sich derweil an Leib' und Seel' so
angenehm gedocken, dafi man lachen muG. Zuweilen, doch nicht so herzlich,
lacht man uber sich selber, sofern man sich mal bei einer maGigen Dummheit
erwischt, indem man sich nun sogar noch gescheiter vorkommt als man selbst.
Die Neigung, sich das vorerwahnte Vergnugen auch unabhangig von der nicht
immer gefalligen Wirklichkeit zu verschaffen, liegt nah. Man ruft ein bissel
Kunst herbei. Da steht z. B. eine Windmuhle, oder ein braver Onkel, oder eine
freuridliche Tante, oder ein heifler Ofen, oder eine Tabakspfeife, oder ein
Knabe, der vieles vorhat; und ein wahrhaft tugendsamer Mensch war's, der
nicht jeden dieser an sich harmlosen Stoffe als eine Quelle der allerpeinlichsten
Konflikte zu benutzen wiiGte«.
Neben der Beobachtung des taglichen Lebens und der umgebenden Natur
sind es also vor allem Elemente, die von jeher dem Kunstbediirfnis des Volkes
nahe gelegen haben. Volkslied, Marchen, Sage, sagt B.; wir konnen hinzu-
fiigen: Fabel, Legende, Liigenmarchen, Anekdoten und Schwanke alter und
neuer Zeit. B.s fruheste Jugend reicht ja noch hinein in die Kunstepoche der
Romantik, die den Wert dieser Stoffe und Formen iiberhaupt entdeckte. Des-
halb ist es auch nur z. T. richtig, wenn der Kiinstler dieses Interesse in sich
lediglich auf die standige Fiihlung mit Land und Leuten zuriickfuhrt.
Auf dem Gebiete der Volkskunde und angrenzender Gattungen ist B.
ganz konsequent und zielbewuGt vorgegangen. Er hat sich nicht nur g e -
1 e g e n 1 1 i c h einmal aus dieser Sphare heraus beeinflussen lassen, sondern
ist den Stoffen mit bestimmter Absicht nachgegangen, um sie auf irgend eine
Weise fur sich kunstlerisch umzuwerten.
Es ist schon darauf hingewiesen worden, wie der Jungling die Geschichte
wt oler welt« sammelt. Er sagt daniber selbst in »Von mir uber mich«: »Was
damals die Leute ut oler welt erzahlten, sucht ich mir fleiGig zu
m e r k e n , doch wufit' ich leider zu wenig, um zu wissen, was wissenschaftlich
bemerkenswert war. Das Vorspuken eines demnachstigen Feuers hieG: wabern.
Den Wirbelwind, der auf der LandstraGe den Staub auftrichtert, nannte man:
warwind; es sitzt eine Hexe drin. Obrigens horte ich, seit der »alte Fritz« das
Hexen verboten hatte, miiGten sich die Hexen sehr in achtnehmen mit ihrer Kunst.
Von Marchen wuflte das meiste ein alter, stiller, fiir gewohnlich wort-
karger Mann. Fiir Spukgeschichten dagegen von bosen Toten, die wieder-
kommen zum Verdrusse der Lebendigen, war der Schlafer Autoritat. Wenn
er abends erzahlte, lag er quer uber dem Bett, und wenn es ihm trocken und
6d wurde im Mund, sprang er auf und ging vor den Tischkasten und bifl ein
neues Endchen Kautabak ab zur Erfrischung. Sein Frauchen saG daneben und
spann. — In den Spinnstuben sangen die Madchen, was ihre Mutter und GroG-
miittcr gesungen. Wahrend der Pause, abends um neun, wurde getanzt; auf
der weiten Haustenne, unter der Stallaterne, nach dem Liede:
Maren will wi hawern meihn,
wer schall den wol binnen?
dat schall (meiers Dortchen) don,
de will cck wol finnen*.
q 2 Busch.
Die Herausgabe der Sammlung >>ut oler welU unterblieb, weil B. bei
den Brudern Grimm mannigfache Analogien fand und sich fur eine solche
Aufgabe nicht fur genligend wissenschaftlich vorgebildet hielt. Trotzdem hat
sich der Kiinstler sein Leben lang gern mit diesen Dingen beschaftigt und be-
sonders auch Sprachstudien getrieben. Er selbst hat einmal geauBert, er sei
im Grunde zum Griibler, zum Philosophen, zum ernsten Forscher
angelegt; zu den Karikaturen hatte ihn dagegen die Notwendigkeit des Geld-
erwerbs getrieben, mehr zufallig sei er dazu gekommen.
Der ernste Forscher beschaftigt sich naturlich eingehend mit den Marchen
der Gebriider Grimm, studiert insbesondere auch den Kommentar dazu. Dafur
zeugen die »Stippstorchen« (sechs Geschichten fur Neffen und Nichten). Die
Marchen vom Daumling, vom Bruder Lustig, Jorinde und Joringel, vom Geist
im Glas hat B. genau gekannt und benutzt. Auch Andersen hat auf unseren
Marchendichter abgefarbt. Solche Einflusse lassen sich bis in die Bilderge-
schichten verfolgen; so ist es kein Zufall, wenn es im »Maler Klecksek heiOt:
»Quast's Deckbctt ist nach altem Brauch
Ein stramm gestopfter Federschlauch.
Mit einem langen leisen Schnitte
S c h 1 i t z t es der Kuno in der Mitte.
Rasch leert er jetzt den Firnistopf
Auf Quastens ahnungslosen Kopf.
Quast fahrt empor voll Schreck und Staunen,
Greift, schlagt und tobt und wird voll Daunen.
Er springt hinaus in grofier Hast,
Von Aussehn wie ein Vogel fast*.
B. gedachte naturlich jener Stelle im »Fitgers Vogel «, die lautet:
»Als alles bereit war, steckte sie sich in ein Fafi mit Honig, schnitt das
Bett auf und walzte sich darin, daB sie aussah wie ein wunder-
licher Vogel und kein Mensch sie erkennen konnte«.
Ich mufl es mir versagen, an dieser Stelle ausfiihrlich liber diese Themen
zu handeln, da ich mich an anderem Orte eingehend damit beschaftigt habe.
Nur so viel sei noch bemerkt, dafl der Form des Marchens im Grunde die Mehr-
zahl der Werke B.s entspricht. Denn hatte B. Prosa geschrieben, so hatte
er beginnen mussen: »Es war einmal ein Junggesell, der hieB Knopp«, »es
war einmal ein Madchen, die nannten die Leute die fromme Helene«, »es waren
einmal zwei bose Buben«. Wie im eigentlichen Marchen handeln die Personen
bei Busch gut oder bose. Sie werden belohnt oder bestraft, je nach ihren Taten.
Dies geschieht in noch konsequenterer Weise, als es im eigentlichen Marchen
der Fall ist, und deshalb kann man Kindern »Max und Moritz«, oder »Fipps,
den Affen« uberhaupt nur in die Hand geben. Denn B. hat zum weitaus
groBten Teile keine Kinderlekture geschrieben; seine Marchen sind fur
solche, die gelegentlich einmal groBe Kinder werden mochten, fur Er-
wachsene.
Was den Stil des Marchens anbetrifft, so ist bekannt, daB er gern auf
schwankhafte Elemente zuruckgreift. Die Hornisse des Marchens setzt sich dem
Fuchs unter den Schwanz; infolgedessen mussen die Saugetiere den Krieg
gegen die Vogel verlieren. Ahnliche Situationen schafft B. gern und stattet
Busch. Q3
sie aus mit jenen kleinen Grausamkeiten, die mit dem Wesen des Humors eng
verbunden sind. Treffend sagtThimme in seinem Buch liber das Marchen (Lpg.
1909, S. 58): »Wahrend das Gluck eine stetige Eigenschaft des Marchenhelden,
des Lieblings des Schicksals ist, bildet das Ungliick eine Art Schwankmotiv
in der Geschichte eines Pechvogels, dem alles schief geht, dessen Hauptungluck
aber darin besteht, dafl ein Ungliick nicht aus einzelnen groBen Schlagen, sondern
aus einer endlosen Kette von kleinen Nadelstichen besteht. Er hat eben kein
rechtes Ungliick, sondern nur lauter Malheur und hat deshalb zum Schaden
noch den Spott zu tragen, wie der Wirt im »Lumpengesindel« (Grimm). Wie
der sich aus dem Bett erhoben und gewaschen hat, reifit ihn beim Abtrocknen
am Handtuch eine Stecknadel und macht ihm einen roten Strich von einem
Ohr zum andern; wie er sich in der Kuche eine Pfeife anstecken will, springt
ihm eine gluhende Eierschale ins Auge; als er sich dann verdriefilich in seinen
Groflvaterstuhl niederlaflt, fahrt er mit einem Auweh! jah wieder in die Hohe,
denn eine Nahnadel hatte ihn diesmal noch schlimmer und »nicht in den Kopf«
gestochen. Ahnliches passiert dem guten Balduin Bahlamm, wie auch dem
braven Tobias Knopp. In dem Moment, wo es Bahlamm dichterisch plagt,
stort jedesmal irgend jemand seine Zirkel. Ein Freund haut ihm von hinten
den Cylinder ins Gesicht, die Kinder turnen an ihm in die Hohe, oder es sticht
ihn eine lose Knabenhand mit einer Nadel durch das Loch des Zaunes wie
im Marchen »nicht in den Kopf«. Und ebenso hat Knopp von seinem ersten
Ausgang nach seiner Verheiratung nur lauter Mifivergnugen. Er ist bekneipt,
die Tiir verschlossen. Die Stammtischbruder schieben ihn mit dem Kopfe
voran durch's offene Kuchenfenster. Die Angelegenheit verlauft nicht tragisch.
Aber einen Denkzettel bekommt Knopp weg. Er stoOt zwei gefullte Eimer um
und wird nafi wie ein Pudel, eckt mit der Nase an die Schranktur an, schuttet
die Milch um, greift mit den Handen in die Butter, fangt sich mit dem Finger
in der Mausefalle, schuttet sich das Pflaumenmus liber die Glatze, stiirzt einen
Korb mit Eiern um, verbrennt sich die Nase am Licht.
Das sind Effekte, wie sie auch die alte Schwankliteratur liebte. Auch in
ihr war B. zu Haus. Fischart und Hans Sachs kannte der Dichter sehr wohl.
Und er ist ihren Spuren wohl nicht nur aus dem Bediirfnis nach stofflicher
Anregung nachgegangen, sondern auch um im einzelnen sein Lieblingsmetrum
zu studieren: den deutschen Knittelvers, den er fur seine Zwecke in so kost-
licher Weise nutzbar gemacht hat. — Motivisch nehme ich vor allem die tur-
bulenten Szenen, in denen alles »drunter und driiber« geht, aus der alten
Schwankliteratur fur B. in Anspruch.
Uber Fabeln war der Dichter nicht weniger gut unterrichtet. Besonders
hat er Aesop fur seine Zwecke verwandt, aber auch Lessing, Hagedorn, Ramler,
Hey-Speckter usw.
Auf dem Gebiet der Volkssage hat sich B. seit friiher Jugend besonders
fur das Kapitel des Aberglaubens interessiert. Die naive Landbevolkerung
ist fur solche Dinge besonders empfanglich. Und so hort und liest B. als Knabe
und spater allerlei Spuk-, Grusel-, Teufels- und Hexengeschichten, von Wieder-
gangern, von Geistern ohne Kopf usw. Alles das wird bei ihm zum poetischen
Erlebnis. Zeugnis davon geben die »Kritik des Herzens« und »Zu guter Letzt«.
VVenn endlich B. von der Einwirkung des Volksliedes auf seine Dich-
tung gesprochen hat, so ist das nicht so zu verstehcn, als habe er in direkter
94 Busch.
Anlehnung an den alten Volksgesang Volkslieder oder volkstiimliche Kunst -
lieder geschaffen. Motivische Besonderheiten sind ebensowenig in diesem Be-
tracht bei Busch nachweislich. Doch ist er sprachlich, stilistisch und rhythmisch
von dieser Kunstgattung stark beeinfluflt, vor allem scheinen ihm die volks-
tiimlichen Formen in Heines Lyrik nicht wenig gegeben zu haben. Wie es sich
im einzelnen damit verhalt, gehort nicht hierher, sondern in die spezielle
Untersuchung.
B.s Originalitat liegt nicht auf dem Gebiet des stofflich neuen Gedankens,
eines eigenartigen Problems. Stark und wurzelfest steht sie drinn im Leben des
deutschen, speziell des niedersachsischen Bauernvolkes. Was er da bei einer
scharfen Beobachtungsgabe sieht, hort und von seinen toten Freunden, den
Buchern, erfahrt, — alles das wird ihm zum Gedicht, wird zum Kunstwerk.
Nicht, waser uns gesagt hat, sondern w i e er es tat, erweckt unser Interesse.
B.s Fahigkeit geht nicht nach alien Seiten hin in die Breite, sondern
von einem bestimmten Punkte aus in die Tiefe. Es ist wahr: der Dichter weist
in seinen Werken eine starke stoffliche und formale Beschrankung auf, aber
gerade in dieser Beschrankung offenbart sich ein Meister, wie ihn die Welt
so bald nicht wieder erleben wird. Und ist es denn wirklich erlaubt, von »Be-
schrankung« zu reden, wenn wir den Kiinstler zugleich als Maler, Karikaturist,
Bildhauer und Dichter arbeiten und auf jedem Gebiete etwas Ganzes leisten
sehen, etwas, was die Augen der kritischen Mitwelt nicht zu scheuen braucht,
den Vergleich mit wirklicher Kunst aushalt ? Eine Kunst erfordert den ganzen
Mann. Wie war es da moglich, da6 B. auf jedem Einzelgebiet etwas so
Vortreffliches zu bieten vermochte? Das riihrt eben daher, dafl er aus jedem
Einzelgebiet auf Grund seiner eigenartigen Beanlagung wiederum das Spezielle
sich zur Aufgabe setzte, es aber nicht sowohl fiir s i e-h wirken liefi, sondern
es dem eigentlichen ktinstlerischen Gedanken unterordnete, der letzten Endes
in dem Begriff des Humors restlos aufgeht. B.s Grofie liegt da, wo er sich
nach dieser Richtung ganz ausgibt: in den Bildergeschichten. Seine Lyrik,
seine Prosa und auf der anderen Seite seine Malerei ist etwas, was ihm viel-
leicht noch jemand nachzumachen im stande ware, trotzdem er auch darin
sehr Respektables hervorgebracht hat. Aber in den Bildergeschichten, wie
sie uns in dem bei Bassermann erschienenen Album zusammen vorliegen, ist
B. unerreichbar, ein homo sui generis. Hier ist der Humor der Wortes
und des Klanges in so treffender Gleichwertigkeit zeichnerisch wiedergegeben,
daO es nur moglich ist, Text und Bild ungetrennt auf sich wirken zu
lassen. Eines ist ohne das andere nicht wohl denkbar. B. ist kein Illustrator.
Ergibt nicht erklarendeTextezu seinen Bildern, sondern dieBilder seiner Texte.
Gut schien ihm »oft der Trochaus fiir biederes Reden; stets praktisch der
Holzschnittstrich fiir stilvoll heitere Gestalten. So ein Konturwesen macht
sich leicht frei von dem Gesetz der Schwere, und kann, besonders wenn es
nicht schon ist, viel aushalten, eh' es uns weh tut. Man sieht die Sache an
und schwebt derweil in behaglichem Selbstgefiihl iiber den Leiden der Welt, ja
iiber den Kiinstler, der gar so naiv ist«.
B. hat sich selbst stets nur als bildenden Kiinstler aufgefafit. Deshalb waren
ihm auch personlich die Zeichnungen zu den Bildergeschichten die Hauptsache,
der Text dagegen Beiwerk und nur aus dem Grunde hinzugef iigt, weil die meisten
Leute Bilder zu lesen nicht imstande waren. Hier offenbart sich etwas von
Busch. g t
dem echt niedersachsischen Starrsinn. Oder soil man von einer gewissen Be*
scheidenheit reden, die den Namen des D i c h t e r s nicht fur sich in Anspruch
nehmen wollte? Naturlich konnen die Bildergeschichten Buschs auch schliefl-
lich ohne Text existieren. Aber sie haben dann doch nur halbe Wirkung. B.
konnte naturgemafl seine Bilder selbst am besten lesen, und da er die Gabe
hatte, genau der bildnerischen Form entsprechend zu sagen, w i e er gelesen
wissen wollte, so sind eben dieTexte fiir das innerlichste Verstandnis nicht zu
entbehren. Obrigens kann man sehr im Zweifel sein, was etwa das wichtigere,
wirkungsvollere an »Max und Moritz« ist: Karikatur oder Text. Fur mein
Gefuhl sind an diesem Werk die Verse die Hauptsache ; ihnen verdankt das
Buch den ungeheuren Erfolg. Sie gingen der heranwachsenden Generation
in Fleisch und Blut uber. Partieen aus »Max undMoritz* wurden vonStudenten
wahrend des deutsch-franzosischen Krieges auf dem Marsche nach alien
moglichen Melodien gesungen, viele Stellen wurden zum geflugelten Wort, man
liefi sich sogar zu dem MiBgriff verleiten, die ganze Bosebubengeschichte zu
komponieren. B.s kiinstierische Sonderstellung beruht darauf, dafi er zugleich
Karikator in Wort und Bild ist, die beide bei ihm ein Ganzes ausmachen.
Dieselbe sprunghafte, derbe Holzschnittmanier seiner Bilder, dieselben absicht-
lichen Unvollkommenheiten und stilistischen Feinheiten finden sich in adaqua-
tester Weise auch in den Versen ausgedriickt. B. besitzt die Fahigkeit, mit
einem Minimum an Material, an Strichen wie an Worten, das Wesentliche fiir
die von ihm angestrebte Wirkung herauszuholen. Deshalb bedeutet uns der
Meister in seiner Art eine »Klasse fur sich«.
Die Knappheit der von ihm angewandten Kunstformen, eingespannt in
den einfachen Rahmen des guten deutschen Holzschnitts und des Knittel-
verses hat er seinem kiinstlerischen Lebenselement unterstellt: dem Humor
und der humoristischen Satire, die wohl trifft, aber nie personlich wird oder
gar verletzt. Im Leben wird B. nicht allzuviel gelacht haben, dazu war er
eine zu grublerische, pessimistische angelegte Natur, aber er iiberwindet das
Leben durch seine Kunst, durch seinen Humor, mit dem er das Dichtung ge-
wordene Erlebnis durchdringt. Da ist ihm denn Lachen »ein Ausdruck relativer
Behaglichkeit. Der Franzl hinterm Ofen freut sich der Warme um so mehr,
wenn er sieht, wie sich draufien der Hansel in die rotlichen Hande pustet.
Zum Gebrauch in der Offentlichkeit — fugt der Dichter hinzu — habe ich
jedoch nur Phantasiehanseln genommen. Man kann sie auch besser her-
richten nach Bedarf und sie eher sagen und tun lassen, was man will«. Uber
das Wesen des Komischen hat sich B. wenig Gedanken gemacht. Es ist
dies naturlich, da der Kiinstler die fiir seinen Zweck wichtigen Elemente in
sich fertig vorfindet und sich nicht erst uber ihr gegenseitiges Verhaltnis Rechen-
schaft zu geben braucht. Nichtsdestoweniger wiirde es eine reizvolle Aufgabe
sein, die Eigenart des Humors von Wilhelm B. zu analysieren.
Es gibt keinen Kiinstler, der das Komische »das umgekehrt Erhabene«,
wie Jean Paul es genannt hat, so zu meistern verstand als gerade B. Nie-
mand hat die Kontraste in der Weise mit so logisch zwingender Wirkung ein-
ander gegeniiberzustellen gewuflt, wie er. Wie mannigfach sind die Dissonanzen
zwischen Hohem und Niedrigem, zwischen Idealitat und Realitat, Gewolltem
und Seiendem, Idee und Wirklichkeit in ihrer jeweiligen Beziehung auf Stoff
und Form! Wie iiberwaltigend wirkt bei B. derReim, als lautliche Abrundung
g 6 Busch.
eines Verses, der gedanklich von einem schwerwiegenden, philosophischen
Axiom erfullt ist ! Genug, es ist hier nicht der Ort, sich liber solche Gedanken
im Einzelnen klar zu werden.
Wilhelm B. ist hinubergegangen in das Schattenreich. Den letzten
»Dank und Grufi« an die Welt sandte er hinaus anlafilich seines 75. Geburts-
tages, an dem er fiihlte, daO sein Ende nahe sei. Es handelt sich um ein fein-
empfundenes und formvollendetes Gedicht, und ich will damit die vorliegende
Arbeit beschliefien (cf. Noeldeke S. 197).
Dank und Grufi!
Ich weif3 nicht mehr genau, wie es gekommen.
Kurzum! Nach langerem Verborgensein
Hab* ich dereinst auf Erden Platz genommen,
Um auch einmal am Licht mich zu erfreuen.
Und alsogleich fafit micht die Zeit beim Kragen
Und hat mich neidisch, ohne viel zu fragen,
Bald gradeaus, bald wiederum im Bogen,
Durch diese bunte Welt hindurchgezogen.
Inzwischen pfluckt ich an des Weges Rand
Mir dies und das, was ich ergotzlich fand.
Auch leert' ich manchmal manchen vollen Krug
Mit guten Freunden, bis es hieB: Genug!
Nur eins erschien mir oftmals recht verdriefilich:
Besah ich was genau, so fand ich schliefllich,
Dafl hinter jedem Dinge hochst verschmitzt
Im Dunkel erst das wahre Leben sitzt.
Allein, wozu das peinliche Gegrubel?
Was sichtbar bleibt, ist immerhin nicht ubel.
Nun kommt die Nacht. Ich bin bereits am Ziele.
Ganz nahe hor' ich schon die Lethe fliefien.
Und sieh! Am Ufer stehen ihrer Viele,
Mich, der ich scheide, freundlich zu begruBen.
Nicht alien kann ich sagen: Das tut gut!
Der Fahrmann ruft. Ich schwenke nur den Hut.
Quellen: I. Wilhelm Buschs Werke: Bilderpossen (I) 1864, (II) 1880; Max und Moritz
1865; Schnaken und Schnurren 1867; Schnurrdiburr 1869; Der heilige Antonius 1870;
Kritik des Herzens 1871; Die fromme Helene 1872; Hans Huckebein (Buch) 1872; Die kuhne
Mullerstochter 1872; Kunterbunt 1872; Bilder zur Jobsiade 1874; 50 Bilderbogen 1875;
Dideldum 1875; Pater Filucius 1875; Abenteuer eines Junggesellen 1876; Der Geburtstag
1876; Herr und Frau Knopp 1877; Julchen 1877; Die Haarbeutel 1878; Fipps der Affe 1879;
Der Fuchs. Die Drachen 1881; Balduin Bahlamm 18S1; StippstSrchen 1882; Maler Kleck-
sel 1883; Buschalbum 1884; Eduards Traum 1891; Der Schmetterling 1895; ^u guter Letzt
1904; Hernach 1908; Schein und Sein 1909.
II. Wilhelm Busch an Maria Anderson (70 Briefe), Rostock 1908. — Brief e an Frau
H., veroffentl. im *Miirz« Nr. 6 — 10, 1908. — AVas mich betrifft*. Frankfurter Zeitung vom 10.
Okt. 1886, Morgenblatt. — »Von mir iiber mich#. Busch- Album, Miinchen. 1908. u. fr. cf. Noel-
deke p. 108. — Wilhelm Busch, Handzeichnungen aus dem Nachlafi, Verlag der Neuen Photogr.
Gesellschaft, Steglitz. — Kiinstlerischer Nachlafi. Mit Einl. von Fr. von Ostini. 60 Taf.
mit 250 Abbild. Fr. Hanfstaengl, Miinchen,
Busch. Krastel. g 7
III. Daelen, »(jber Wilhelm Busch*, Dusseldorf 1886. — Johannes Prolfl, »Aus Wilh.
Buschs Leben«. Septembernummer der Frkfrt. Zeitg. — Paul Lindau iiber Wilh. Busch in
>Nord u. Siid« 54. — Kohut, Das Ewig Weibliche bei Wilh. Busch. Lpg. Elischer o. J.
— Hermann, Adolf und Otto Noldeke: Wilhelm Busch, Miinchen 1909. — Otto F. Volkmann,
Wilhelm Busch, der Poet. Seine Motive und seine Quellen, Lpg. 1910. — Josef Hofmiller,
Zeitgenossen. 19 10. — Biographie von R. Schaukal, »Dichtung« Bd. 21.
IV. Portrat Buschs vonLenbach. Danach derUmschlag zuNr. 14 der » Jugend« von 1902
cf. auch Busch-Album 190S. Selbstkarikaturen und Bildnisse in grofler Anzahl bei Noeldeke
und bei Daelen.
Krastel, Fritz, *6. April 1839, f 12. Februar 1908, Schauspieler und Dichter,
Sohn eines Choristen am Mannheimer Hoftheater, der ihn zum katholischen
Geistlichen bestimmt hatte. Vom Heldenspielcr des Hoftheaters nur ganz
oberflachlich vorbereitet, schlug er Engagements an kleinen Buhnen wie
GieBen und Ulm aus und wandte sich auf den Rat seines Tanzlehrers, eines
alten Franzosen, lieber gleich an das Hoftheater nach Karlsruhe, wo ihm dessen
Sohn freilich nur eine Anstellung unter den Tanzern verschaffen konnte, aber
die Beschaftigung auch im gesprochenen Schauspiel in Aussicht stellte. Es
dauerte jedoch geraume Zeit, bis sich diese Hoffnung erfullte, und die mehr-
jahrigeTatigkeit imBallett hat noch lange hinaus im guten und im schlimmen
Sinne in der korperlichen Plastik und in den Bewegungen Krastels ihre Spuren
zuruckgelassen, die erst allmahlich, niemals aber ganz verschwunden sind.
Nach einem miflgluckten Versuch als Handwerksbursche im »Faust« gelang
es ihm endlich, als Raoul in der »Jungfrau von Orleans «, wo er fur einen ab-
gegangenen Kollegen einsprang, die Aufmerksamkeit Eduard Devrients zu
erregen, der sich seine weitere Ausbildung angelegen sein lieO (Krastel mufite
dabei, um sich des falschen Pathos zu entwohnen, Wertherbriefe auswendig
lernen und moglichst natiirlich vortragen) und ihn bald als jugendlichenHelden
und als Liebhaber sowohl im klassischen Drama als im Lustspiel verwenden
konnte. Sein Ruf drang bis nach Wien zu Laube, der einen Nachfolger fur
den alternden Josef Wagner suchte und der, wenn wir der humoristischen
Erzahlung Krastels glauben diirfen, seinetwegen im Juni (1863?) nach Karls-
ruhe gekommen ware, wo er, nachdem ihm Krastel die Erzahlung des Don
Cesar aus der »Braut von Messina « auf dem Zimmer vorgesprochen hatte,
mit ihm ein Gastspiel vereinbarte, das im April 1864 stattfand und aufler dem
Ferdinand in »Kabale und Liebe« und dem Don Carlos auch noch die von
Laube stets geforderte Lustspielrolle (den jungen Bloom in Topfers »Rosen-
miiller und Finke«) umfaOte. Schon ein Jahr spater (am 30. April 1865) konnte
Krastel als Don Carlos und als Falkentoni (im »Goldbauer« von der Birch-
pfeiffer) am Burgtheater debutieren, wo er im giinstigsten Zeitpunkt eintraf
und bald- den weitesten Spielraum fand. Von Baumeister, der anting stark
und gesetzt zu werden, ubernahm er die jungen Naturburschen, und von
Wagner, der in das Fach der reiferen Helden und Liebhaber iibergegangen
war, nahm er die jugendlichen Helden und Liebhaber, in denen ihm auch
Sonnenthal, der sich seit Fichtners Abgang immer mehr dem Konversations-
stuck zuwandte, Platz machte. Bald darauf wurde durch die lange Krankheit
und den Tod Josef Wagners das ganze klassische Repertoire fur Krastel frei,
der nun langer als ein Jahrzehnt hindurch der erste Heldenliebhaber des Burg-
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog. 13. Bd. 7
9»
KrasteL
theaters war und nicht bloB in den Schiller-Rollen, sondern auch als Tempel-
herr, als Wetter Graf von Strahl, als Albrecht in Hebbels »Agnes Bernauer«,
als Orestj und als Percy unbestrittene Erfolge hatte. Auch im Schauspiel ge-
langen ihm Kostiimrollen (Offiziere, Jager, Bauernburschen) besser als die
eigentlichen Salonrollen, in denen er auf die griine, naseweise Jugend beschrankt,
von den Bonvivants aber ganz ausgeschlossen blieb. 1870 zum Hofschauspieler
und 1888 zum Regisseur ernannt, hat Krastel sich noch in den letzten zehn
Jahren, als seine schauspielerische Tatigkeit fast ganz erlahmt und seine eiserne
Gesundheit mit einem Schlag fur immer gebrochen war, als phantasievoller
Regisseur verdient gemacht und auch als dramatischer Lehrer am Konser-
vatorium sehr anregend gewirkt. Auch dichterisch hat er sich zwar nicht ohne
Talent, aber ohne nachhaltigen Erfolg beschaftigt: daB er sein Trauerspiel
»Der Winter konig« nicht auf die Wiener Buhne bringen konnte, hat ihm
Schmerz bereitet; aber auch das einaktige Lustspiel »Im Regen« hat sich
nicht behauptet, nur sein Text zum »Betrogenen Kadi« erhielt sich dank
der Musik von Gluck langer auf dem Repertoire der Hofoper. In der Wiener
Gesellschaft hat sich Krastel, der mit einer Schwester des Historienmalers
Gaul verheiratet war, durch sein heiteres, liebenswurdiges Wesen einen Kreis
von zahlreichen Freunden erworben. Mit Baumeister und Gabillon gehorte er
zu den eifrigsten Zechkumpanen des alten Burgtheaters; schon ein Cham-
pagnerfruhstuck beim »Kameel« in der Bognergasse lag nicht auBerhalb
seiner Lebensgewohnheiten, und an den tollen Abenden der »Grunen Insel«,
eines geselligen Kunstlervereins, in dem er den Namen Romeo fiihrte, liefi er
nicht blofi sein schauspielerisches und dichterisches, sondern auch sein grofies
geselliges Talent in den hellsten und freudigsten Farben leuchten. Denn
Fritz Krastel (in der Jugend nannte er sich nicht ungern Fratz Christel) stammte
nicht bloB aus derselben Mannheimer StraBe wie Helene Hartmann-Schnee-
berger, er war auch von ihrer Art. Sie waren beide Frohnaturen, an denen
die Frau Rat ihre helle Freude gehabt hatte. Krastel war ein rechtes Sonntags-
kind, dem angstliche Sorge, wie jede bange Schonung fur seine Person fremd
war. Als er zum ersten Male mit dem Tode wochenlang in verzweifeltem Ring-
kampf lag, gaben ihn alle Arzte verloren, die Redaktionen hielten ihre Nekrologe
im Satz bereit — Fritz Krastel aber erhob sich eines Tages zu aller Erstaunen
und schiittelte zwar nicht den letzten Rest der Krankheit, aber wenigstens den
ihm keineswegs erwiinschten Tod ab. Ein halbes Jahr spater, als ich im Herbste
aus der Sommerfrische heimkehrte und an einem recht ktihlen und windigen
Tage mein Stammlokal beim Lowenbrau aufsuchte, safl ein einsamer Gast
im Freien vor der Ttir — Fritz Krastel, der es sich nicht nehmen liefi, daB die
frische Luft auch fiir einen eben Genesenen das gesundeste sei. Nach ein paar
Monaten hatte er denn auch einen neuen, etwas schwacheren Anfall; aber
die taglichen Bulletins aus dem Krankenzimmer waren kaum eingestellt, als
ich hoch oben auf der luftigen Hohe des Kahlenberges einem frohlichen Mann
in leichten und offenen Sommerkleidern, den Paletot nachlassig iiber den Arm
geworfen, begegnete — wiederum Fritz Krastel, der nach einem schwiilen
Sommertage hier oben die frische Abendluft einsaugen wollte. Und so unbe-
kummert wie um den Leib war er auch um das Leben. Als der neue Direktor
des Burgtheaters in die Vertrage der Mitglieder Einblick nahm, zeigte es sich,
daB der von Fritz Krastel schon seit langerer Zeit abgelaufen war, dafl er also
Krastel.
99
rechtlich dera Institut eigentlich gar nicht mehr angehorte. So war er in allem
und jedem ! Man mufite ihn nur sehen, wie er auch noch als alterer Herr mit
vorgestrecktem Kinn und blitzenden Augen im Zickzack durch die belebtesten
StraOen eilte, immer im allerraschesten Tempo, und man hatte den Eindruck
der ewigen Jugend.
Sein eigentliches Fach waren daher auch die Heldenliebhaber, die einen
Stich ins Naive oder, wie es in der Theatersprache heiflt, ins Naturburschentum
haben. Frohe und heitere Seelen, die ohne ihre Schuld und ohne es zu wissen
ins Verderben rennen, lagen ihm besser, als was von Haus aus eine ernste und
dustere Farbung trug; offene und harmlose Naturen besser als tief innerliche
und verschlossene Charaktere; humoristisch angehauchte besser als ganz
pathetische. Darum waren Jung- Siegfried in Hebbels Nibelungen, der Tempel-
herr und Max Piccolomini seine eigentlichen Rollen, mit denen er noch in reifen
Jahren sogar auf ein fremdes Publikum hinreiflend wirken konnte, wie es sich
bei den Munchener Gesamtgastspielen (1880) gezeigt hat, wo der im Burg-
theater langst in die zweite Reihe getretene Kiinstler als Max Piccolomini alle
anderen aus dem Felde schlug, und bei der letzten Vorstellung im alten
Burgtheater (1888), wo sein Orest mit zu dem tief en Eindruck des Abends
beitrug. Fur die liebenswiirdige grune Jugend war er der pradestinierte
Darsteller. Seine feste, muskelstarke und von Gesundheit strotzende Erschei-
nung, der runde Kopf mit den feurigen Augen, der spitzigen Nase, dem keck
herausspringenden Kinn und dem hubschen, beim Reden etwas schief nach
rechts gezogenen Munde, und das helle, zwischen Bariton und Tenor schwebende
Organ, das in den unteren Registern geprefit klang, in der Hohe aber eine
siegreiche Kraft und Fulle entfaltete — alles das war ein Verein und eine Bil-
dung, auf die der Gott der Jugend selber sein Siegel gedriickt zu haben schien.
Frische und frohe, dreiste und verwegene Jugend, die alles wagt und alles
gewinnt, wird auf den deutschen Buhnen, auf denen die Liebhaber immer
eine kostbare Sache waren, selten eine so uberzeugende Verkorperung gefunden
haben als in Fritz Krastel. Es war mehr die Hitze und das Feuer, der Unge-
stum und das Draufgangertum der Jugend als gewaltige Leidenschaft in ihm.
Ich erinnere mich noch recht gut, dafi damals, als er zum ersten Male bei Wohl-
tatigkeitsvorstellungen im Theater an der Wien und in Baden den Karl Moor
und den Jaromir in Vertretung des alternden und kranken Josef Wagner iiber-
nahm, das Urteil der alteren Generation lautete: »Blofies StrohfeuerU Ein
Vierteljahrhundert spater aber hat der nicht mehr junge Mann als Otto von Meran
in Grillparzers »Treuem Diener seines Herrn« durch die Siedehitze seines Stroh-
feuers die jungen Liebhaber des Burgtheaters tief in den Schatten gestellt
und gezeigt, wie die starken Naturelle und Temperamente trotz der Theorie
vom Ubermenschen auf der Buhne wie im Leben immer seltener warden.
Schwierig freilich mufite ihm bei diesen Anlagen der Ubergang ins Fach
der gesetzten Helden werden. Hier versagte schon das ganz auf den Ausdruck
d es Jugendlichen gestimmte hellfarbige Organ; seine Bewegungen, obgleich
noch immer hastig und schieflend, konnte er mit dem Willen besser im Zaume
halten, sie erschienen immer noch massiver und mannlicher als der Ton, der
trotz allem kiinstlichen Breitquetschen niemals eine mannliche Farbung an-
nahm, wie auch aus den Bartmasken immer die jugendlichen Gesichtsziige
hervortraten. Bei seinen Mannern und gar bei seinen Greisen wurde man auch
7*
,100 Krastel.
dann das storende Gefuhl nicht los, dafl hinter der ganzen Maskerade ein Jiing-
ling stecke, als Krastel heimlich schon langst ein alter Mann geworden war.
Dazu kam aber ungefahr gleichzeitig noch ein anderer Umstand, der nicht
blofl fiir diesen einen Kunstler, sondern fur die Schauspielkunst iiberhaupt
lehrreich ist.
Gerade zu der Zeit namlich, als Krastels klinstlerische Jugend ihre natur-
liche Grenze erreicht hatte, gab der Italiener Salvini im Ringtheater seine
Gastrollen. Er war so ziemlich in allem und in jedem der Gegenpol von unserem
Fritz: ein ebenso ausgesprochen mannlicher, wie dieser ein ausgesprochen
jugendlicher Darsteller. Aber die Gegensatze ziehen sich an; und Krastel
war gleich von der ersten Vorstellung so begeistert und hingerissen, daB er in
Salvini den Stern gefunden zu haben glaubte, der ihn in das altere Fach und
in die Charakterrollen hiniiber leiten konnte. An dem Sohn der Wildnis, der
beiden gemeinsamen und doch so grundverschiedenen Rolle, liefi sich der EinfluC
des neuen Vorbildes sofort erkennen, aber er war leider kein wohltatiger: Krastel
hatte nur sich selbst verloren, die Kunst Salvinis aber nicht gefunden. Als
ich nach dreijahriger Abwesenheit aus Prag nach Wien zuriickkam, sah ich
ihn als Karl Moor, in einer Rolle, mit der ich sozusagen aufgewachsen und die
mir bis auf die Einzelheiten im Ohr gegenwartig war: zu meinem groBten
Erstaunen war nicht mehr ein Stein auf dem andern geblieben, alles, was friiher
gewirkt hatte, war verschwunden, das Neue aber vollig leer und nichtssagend.
Und so ist es auch in Zukunft geblieben: in dem Streben nach charakteristischem
Ausdruck, der ihm versagt war, hatte er den schonen und freudigen Schwung
seiner Jugend ganz eingebiiBt. Dabei konnte man immer merken, daB seine
kunstlerischen Intentionen die besten waren; er konnte das, was er in seiner
Phantasie ganz deutlich vor sich stehen sah, sogar andere lehren, er konnte es
nur selber nicht machen. Von dem Geist und der Bildung, die er in hohem
Grade besafl, verrieten seine neuen Rollen nichts, sie forderten mitunter ge-
radezu die Parodie heraus. In seiner Jugend hatte man ihm, mit Recht und
mit Unrecht, zum Vorwurf gemacht, daB er gern >>singe«; und das wurde seit
der Bekanntschaft mit Salvini das Gespenst seines Alters. Er gab das jetzt
selbst zu, er blickte auf seine griine Jugendzeit wie auf eine Periode der Unreife
zuruck und erwartete Grofles von sich, nachdem er sich des »Singens« ent-
wohnt habe. Und das war ein grofler Rechenfehler ! Der kluge Krastel hatte
dabei ubersehen, was so viele andere moderne Kunstler aller Art ubersehen:
daB sich auch in der Kunst nicht eines fiir alle schickt; daB gerade ein echtes
Naturell sich nicht einfach nach der Mode zum Realismus oder zum Naturalis-
mus umstimmen kann, daB man auch das von der Frau Mutter haben muB.
Der gute Wille und die beste Absicht tun es nicht, es mufl auch in der Anlage
gegeben sein, sonst nutzt aller FleiB und alle Mlihe nichts. So kann ja wohl
das »Singen« auf dem Theater eine blofle Manier und Unart, es kann aber
auch Natur sein. Sehr groBe Schauspieler, die nicht bloB fur den Rhythmus,
sondern auch fiir die Melodie der menschlichen Rede ein feines Ohr hatten
und von dem Umfang ihrer Tonskala, besonders von den hoheren Tonen einen
reicheren Gebrauch machten, haben wirklich »gesungen«, ohne dafl es jemand
storend aufgefallen ware, ja ohne daB so mancher es bemerkt hatte. Wie die
Sprache des Dichters, so kann sich auch die Sprache des Schauspielers bis
zum Lied erheben; es darf nur nicht schlechte Gewohnheit sein, es muB aus
Krastel. Hennings. 101
dem Inneren herauskommen. In diesem Sinne hat auch die Wolter die Schlufi-
rede der Sappho: »Erhabne, heilige GotterU gesungen; in diesem Sinne singt
Kainz, in dem uberhaupt ein gutes Stuck von Fritz Krastel fortlebt, heute
noch in Don Carlos: »Ich sah auf Dich und weinte nicht !« Es liegt eine wahre
Ironie darin, da8 gerade die vergotterten Vorbilder Krastels, die grofien Italiener,
mit ihrem kraftigen Realismus so starke musikalische Wirkungen zu verbinden
wufiten, wie sie einem deutschen Schauspieler in seiner weniger musikalischeri
Sprache auszulosen gar nicht moglich waren. Wie hat Rossi, mit grofien Schritten
auf und ab gehend, in grofiartiger Steigerung das Addio des Othello ergreifend
gesungen ! Noch weiter aber ist Salvini gegangen, der als Macbeth die Verse:
Non tetnere, fin eke verso Dunsinana di Birnam la foresta non si muova in so
hohem Falsett vor sich hingirrte, dafi man ein betorendes Hexenlied zu horen
glaubte. Und so hat auch das allgemeine Urteil dem jungen Krastel, der frei-
lich oft gesungen hat, gegenuber dem alten Recht gegeben, der leider in dop-
peltem Sinne ganz ausgesungen hatte, dafur aber oft genug in den behabigen
Naturton des Pfalzers verfiel, der sich mit dem Al-Hafi so schlecht vertrug.
So stellen uns die siebziger und der Anfang der achtziger Jahre Krastels Blute-
zeit vor, deren kurze Dauer allerdings auch darin begriindet war, dafi die Hel-
denliebhaber auch in der dramatischen Literatur nicht mehr recht gedeihen
wollten und auszusterben begannen. Das gehort ja mit zur Tragik dieses in
manchem Sinne zu spat gekommenen: dafi er, der selber dichterisch nicht
unbegabt war, mit der zeitgenossischen Literatur zuletzt so gut wie gar keine
Fiihlung mehr hatte, seitdem die Heldenjunglinge seines langjahrigen Haus-
genossen Mosenthal und seines spateren Direktors Wilbrandt aufier Kurs
gesetzt waren. Damit war auch seinem Talent der nahrende Mutterboden ent-
zogen, und er selber hat es gewifi am tiefsten empfunden, dafi seine morgen-
schone Kunst lange vor ihm selber zu Grabe gegangen war.
(Eisenbergs Biihnenlexikon. — Dekamerone des Burgtheaters — H. Bettelheim-Gabillon
in der Osterr. Rundschau. Februar 1008.) ., .
Minor.
Hennlngs, Paul, Kustos am Kgl. Botan. Garten zu Berlin, * in Heide im
Dithmarschen am 27. Nov. 1841, f in Berlin am 14. Oktober 1908. Sein Vater
war Lohgerber. Nach dem Besuch der Schule in seinem Vaterort absolvierte
er das Meldorfer Gymnasium bis zur Reife fur Untersekunda. i860 wurde er
Volontar am botan. Garten zu Kiel, wohl gezwungen, sich bald sein eigen Brot
zu verdienen. Der dortige Direktor Nolte erkannte bald, welche Fahigkeiten
in dem jungen Mann schlummerten, und seiner Forderung wie der des bekannten
plattdeutschen Dichters Klaus Groth verdankte H., dafi er 1863/64 als Horer
in der philosophischen Fakultat der Universitat Kiel verbrachte. Dabei war sein
Studium keineswegs darauf angelegt, nurbotanischeFachkenntnisse zu sammeln;
ihn interessierte namentlich die Dichtkunst, in w T elcher er selbst nicht Unbe-
deutendes leistete, wenn auch das Wenigste der Nachwelt erhalten blieb, da
die meisten Gedichte bald ein unruhmliches Ende im Papierkorb fanden. 1864
gab er mit dem Ausbruch des danischen Krieges seine Stellung am botan. Garten
auf, warum, ist eigentlich nicht klar. So finden wir ihn denn im Sommer 1864
als Postexpeditor in Augustenburg, um von da nach Schleswig und schliefilich
nach Flensburg versetzt zu werden. Hohenwestedt bildete eine weitere Etappe
102 Hennings.
auf diesem Wege, wo er auf Noltes Empfehlung zugleich als Lehrer an der
landwirtschaftlichen Schule unter Jenssen tatig war. Hatte sich H. bisher
hauptsachlich mit der floristischen Seite der Botanik abgegeben, so wandte
er an letzterem Orte sein Interesse hauptsachlich den Samen zu und begann,
kryptogamische Studien zu treiben, die bald durch Herausgabe von Herbarien
dieser unteren Pflanzenklasse weiteren Kreisen zugute kamen. So war er
wohl der erste, der eine vollstandige Sammlung der groCeren Algen der Kieler
Bucht zusammenstellte.
1874 trat dann eine Wendung in seinem Schicksal ein, insofern ihn da-
mals A. Eichler als Assistent an den botan. Garten in Kiel berief, eine Stellung,
die bis I. Okt. 1880 dauerte, in welchem Jahre ihn sein bisheriger Chef, der
mittlerweile Brauns Nachfolger in Berlin geworden war, als wissenschaftlichen
Hilfsarbeiter am Bot. Museum und als Assistenten am Bot. Garten in die Reichs-
hauptstadt nach sich zog. Hier hat er dann bis an sein Lebensende gewirkt,
stets tatig, nie sich an Dienststunden klammernd, jedermann gefallig, jedem
gern ratend und stets gleichbleibend ruhig und freundlich.
Aus seiner amtlichen Tatigkeit mufi zunachst hervorgehoben werden, dafi
das botanische Schaumuseum in dem alten botan. Garten zu Berlin haupt-
sachlich sein Werk war. Er wahlte aus den vorhandenen Bestanden Passendes
aus, er richtete die einzelnen Objekte her und versuchte auf allemoglichen Weisen
Fehlendes herbeizuschaffen, minderwertige Stucke durch passende zu ersetzen
und durch das Ausfullen aller Lucken Mustergiltiges zu schaffen.
In die vorhandenen Faszikel des Kryptogamenherbars brachte er Ordnung
und schuf im Laufe der Jahre aus ganz untergeordneten Anfangen eine prach-
tige Sammlung. Fiir den Garten selbst hatte er die Bestimmungen der Ge-
wachse vorzunehmen, doch gait sein Sinnen und Trachten bald nur den Pilzen.
Die Hutpilze namentlich studierte er so eingehend, dafi man in strittigen
Fallen bereits in der Mitte der 8oer Jahre ihn als Autoritat konsultierte. Von
dieser Zeit an richtete er sein Augenmerk auf die Pilzflora der Tropen, welche
er infolge der dem Bot. Museum zugehenden exotischen Sammlungen um viele
und wertvolle Funde und Arten bereicherte. Wahrend er von 1893 bis 1905
Mitherausgeber der Hedwigia war, gab man ihm auch 1902 den Professortitel,
der den stets einfach gebliebenen Mann wenigstens aufierlich mit in die Reihe
der Gelehrten riickte, der er innerlich und durch seine Leistungen langst an-
gehorte, wenn er auch keinen eigentlich akademischen Bildungsgang durchge-
macht hatte.
Aber stets kehrte H. auch der heimischen Flora sein Augenmerk zu, und
als Pilzkenner der Mark Brandenburg war er unbestritten Erster, dem fast
auf jeder Exkursion etwas Bemerkenswertes auffiel; neben den Hutpilzen be-
arbeitete er namentlich die Abteilungen Ustilagineen, Urcdineen und Ascomy-
zeten, deren kleinere Formen ihn namentlich in den letzten Jahren beschaftigten.
Uniibertrefflich war H. als Praparator der schwerer zu behandelnden
Pflanzen. Die Preparation seiner Hutpilze fiir die Sammlung ist nach Aus-
sage des Sachverstandigen G. Lindau geradezu mustergiltig.
Als Mensch war H. bei alien beliebt, da er allem Klatsch abhold und nur
die Sache sah. Nicht gerade von der Natur in seiner aufleren Gestalt bevor-
zugt, sah man doch dem Auge an, welch' prachtiger Mensch in der unschein-
baren Hiille steckte. Und wie konnte er aus sich herausgehen! Wie war er
Hennings. Raab. 1 03
witzig, wie spriihte zuweilen sein Humor, und gedankenvolle Verse entquollen
seinem Munde. Wie bereits hervorgehoben, pflegte er sie in der Regel bald zu
vernichten. Wie er innerlich fiihlte, wie es dem sich geraume Zeit klimmerlich
durchschlagenden, aber doch stets froh-vergnugten H. urns Herz war, zeigen
beispielsweise folgende Strophen, die Lindau der Vergessenheit entrissen hat:
Oft klingt es und singt es in mir,
Doch bring' ich es zu Papier,
Dann find' ich, dafi ich kopier,
Was sangen schon langst vor mir
Goethe und Heine,
Oder auch Gleim
Nur was i c h meine,
Mit anderem Reim.
Verheiratet war H. seit 29. Dezember 1876 mit Mathilde Wendel. Der
Ehe waren zwei Sohne entsprossen, denen er eine sorgfaltige Erziehung ange-
deihen liefl. Als das jlingere der beiden Kinder im August 1907 nach langem
schweren Krankenlager starb, nagte der Gram derart an unserem H., dafi
dieses Scheiden auch fur ihn den Anfang vom Ende bedeutete. Ein Herz-
leiden im August 1908 warf ihn nieder, und, obwohl er sich scheinbar wieder
erholte, trat der Tod bereits am 14. Oktober als Folge der Arterienverkalkung
an ihn heran.
Die erste wissenschaftliche Verdffentlichung unseres H. stammt aus dem Jahre 1873.
Eine vollstandige Liste dieser Arbeiten mit Ausnahme der mykologischen Arbeiten, die bereits
in G. Lindau und P. Sydow: Thesaurus litter aturae mycologicae von Nr. 11835 bis 12055 auf-
gezahlt sind, gibt Ersterer in den Verhandlungen des Bot. Ver. der Prov. Brandenburg, 50.
Jahrgang 1908, S. CX — CXI II am Schlusse eines ausfiihrlichen Nachrufes.
E. Roth.
v. Raab, Curt, Dr. phiL h. c, Kgl. Sachsischer General der Infanterie
z. D., Exzellenz, * 15. Juli 1834 zu Bautzen, f 1. Januar 1908 zu Dresden,
v. R. stammte aus einem der altesten Geschlechter des vogtlandischen Uradels,
das sich bis in das 13. Jahrhundert zuruckverfolgen lafit. Er wurde als
siebentes Kind geboren, als Sohn des Sachs. Oberstleutnants Heinrich
Friedrich v. Raab auf Tirpersdorf und dessen Gattin Christiane Friederike geb.
Htittner. Nachdem er bis zum 16. Lebensjahre im elterlichen Hause er-
zogen worden war, trat er 1850 als Kadett in die 4. Division des Kgl. sachsi-
schen Kadettenkorps in Dresden ein und wurde 1854 als Portepeejunker bei
der 4. Kompagnie des Sachs. 2. Jagerbataillons in Leipzig eingestellt. Schon
am 19. Oktober (Patent vom 26. Oktober) desselben Jahres erfolgte die Er-
nennung v. Raabs zum Leutnant, i860 die zum Oberleutnant. Im Jahre i860
vermahlte er sich zu Kleinzschocher mit Wilhelmine, Auguste, Elisabeth Freiin
v. Tauchnitz; 1866 zog er mit dem 2. Jagerbataillon in den Krieg, in welchem
er u. a. auch an der Schlacht von Koniggratz (3. Juli) teilnahm; das Vor-
gehen der 2. Brigade brachte das Bataillon ins Gefecht. Bei dem Ruckzug der
Brigade auf Nieder-Prschim deckte er diesen in einem halbstundigen Gefecht,
wobei v. Raab bei der heifiumstrittenen Fasanerie mit Planklern vorging. Der
104
Raab.
Kommandeur der Leibbrigade, Oberst Frhr. v. Hausen, hatte das Bataillon
unter den Klangen »Gluckauf, mein Sachsenland« mitten durch die fliehenden
Osterreicher gegen den Feind gefuhrt. Auf dem Riickmarsch nach Olmutz traf
v. R. mit seinem Bataillon dort am 11. Juli ein und kam am 14. Juli nach
Floridsdorf bei Wien, wo die Truppen dieses Bataillons die Schanzen Nr. 22
und 24 des dortigen Festungswerkes besetzt hielten. Am 20. Juli erfolgte die
Ernennung v. R.s zum Hauptmann und Kompagniechef der 1. Kompagnie
des 1. Jagerbataillons (dem heutigen Kgl. Sachs. Jager- Bataillon Nr. 12). Fur
sein tapferes Verhalten in dem Feldzuge von 1866 wurde v. R. durch Verleihung
des Ritterkreuzes I. Klasse des Kgl. Sachs. Albrechtsordens mit der Kriegs-
dekoration ausgezeichnet. Infolge der Neuformation erhielt v. R. am I. April
1867 die 1. Kompagnie des neu errichteten Schutzenregiments Nr. 108 zu
Dresden. Anfang des Jahres 1870 siedelte er nach Freiberg i. S. uber, da v. R.
zum Chef der 3. Kompagnie des dort liegenden 1. Jagerbataillons »Kronprinz«
Nr. 12 ernannt worden war. Mit diesem zog er in den Einheitskampf von
1870/71, in welchem er sich wiederholt durch sein tapferes Verhalten Lor-
beeren erkampfte und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Ritter-
kreuz des Kgl. Sachs. Militar-St. Heinrich-Ordens, sowie dem Kgl. Sachs.
Verdienstorden mit der Kriegsdekoration ausgezeichnet wurde. Vom Februar
bis April 1872 war v. R. zum Kgl. PreuB. Garde -Jagerbataillon nach Potsdam
abkommandiert, um den dortigen Dienstbetrieb kennen zu lernen. Noch 2
Jahre stand er bei seinen 12. Jagern und kam dann am 1. Marz 1874 als Major
und etatsmafliger Stabsoffizier wieder in das Schutzenregiment Nr. 108. Doch
schon am 10. April 1875 verliefl er erneut die Garnison Dresden, da ihm die
Fiihrung des 2. Jagerbataillons Nr. 13 in Meifien iibertragen worden war, zu
dessen Kommandeur er am 1. Mai definitiv ernannt wurde. In den Jahren 1876
und 1878 nahm v. R. an zwei Obungsreisen des Generalstabes teil, wurde am
12. September 1879 Oberstleutnant, am 28. April 1883 Oberst und im folgenden
Jahre (25. Juni 1884) Kommandeur des 8. Sachs. Infanterie- Regiments »Prinz
Johann Georg* Nr. 107 in Leipzig. Dies Kommando aber vertauschte er bereits
am 20. Marz 1885 mit dem des 1. Sachs. (Leib-) Grenadier-Regiments Nr. 100
in Dresden. Am 13. Marz 1888 nahm v. R. an den Feierlichkeiten fiir den ver-
ewigten Kaiser Wilhelm I. in Berlin teil und erhielt mittels Patents vom 22. Marz
1888 am 10. Februar 1889 die Ernennung zum Generalmajor und Kommandeur
der 5. Sachs. Infanterie- Brigade Nr. 63. Seit dem 20. Mai 1890 befehligte
v. R. die sogenannte »Schwarze Brigade « (6. Sachs. Infanterie -Brigade Nr. 64)
und wurde als ihr Kommandeur im Jahre 1890 als Mitglied einer Immediat-
kommission fiir die Bearbeitung einer neuen Militar-StrafprozeB-Ordnung
fur das Deutsche Reich nach Berlin entsandt. 1894 zum Generalleutnant und
Kommandeur der 1. Sachs. Division Nr. 23 ernannt, wurde Exzellenz v. R.
als militarischer Begleiter des Prinzen Friedrich August (als Vertreter Seiner
Majestat des Konigs Albert von Sachsen) im November 1894 zu den Trauer-
feierlichkeiten fiir Kaiser Alexander III. von Rufiland nach St. Petersburg
entsandt; am 22. Mai 1898, bald nach den Jubilaumsfeierlichkeiten fiir Konig
Albert — er kommandierte die Parade am 23. April 1908 — schied er aus dem
aktiven Dienst, wobei ihm der Charakter als General der Infanterie verliehen
wurde. Am 23. Mai 1905 stellte Konig Friedrich August III. von Sachsen,
der einst als Kompagniechef unter v. R.s Fiihrung im Leibregiment gestanden
Raab.
105
hatte, seinen »langjahrigen militarischen Lehrer« zum aufleren Zeichen seiner
Dankbarkeit h la suite seines Leibgrenadier- Regiments Nr. 100. Seine mannig-
fachen Verdienste wurden anerkannt durch zahlreiche hohe Orden und Ehren-
zeichen von Sachsen, Preuflen, ReuC, Osterreich, Rufiland und Schweden-
Norwegen.
Am 4. Januar 1908 mittags wurde Exzellenz v. Raab unter groflen mili-
tarischen Ehren und unter personlicher Teilnahme des Konigs von Sachsen
auf dem Dresdner inneren Neustadter Friedhof neben seinen Eltern und neben
seiner Tochter Elisabeth v. Schlieben zur letzten Ruhe bestattet.
v. R. war eine schone, uberaus fesselnde militarische Erscheinung; er
hatte, wie Superintendent Dr. Benz in seiner Traueransprache hervorhob,
den Ruf eines zwar strengen, aber gerechten Vorgesetzten, eines in Krieg und
Frieden auflergewohnlich befahigten Truppenfiihrers und Organisators, sowie
eines sehr tiichtigen, kenntnisreichen Offiziers. »Er war ein idealer Soldat,
der nicht nur Offizier, sondern auch Erzieher der ihm anvertrauten Soldaten
war.« ImVerkehr war er eine aufierst liebenswiirdige Personlichkeit, die zwar
leicht den Eindruck eines verschlossenen, die Einsamkeit suchenden Menschen
machte, aber liber eine durch und durch vornehme Gesinnung, unbestechliche
Wahrheitsliebe, goldene Treue und seltene Herzensgiite verfugte. Mit ihm ist
ein hochbedeutender Mann des Kriegerhandwerks und der Wissenschaft von
dieser Erdenwelt abgerufen worden, tief betrauert von den Seinen und alien
denen, die gleich dem Verfasser dieses Nachrufes den groflen Vorzug gehabt
haben, mit ihm des ofteren in nahere personliche Beruhrung gekommen zu
sein oder bei ihm in Dresden oder in seinem vornehm-behaglichen, mit kiinst-
lerischem Geschmack ausgestatteten vogtlandischen Tuskulum »Elsenlinde«
in Leubnitz manche anregende und genufireiche Stunde verlebt zu haben.
Aber nicht allein als Soldat hat er dem Vaterlande und Volke gelebt. Als
tatiger Freund und emsiger Forscher auf dem Gebiet der vogtlandischen Ge-
schichte erwarb sich der Verstorbene namhafte Verdienste. Obwohl Soldat
vom Scheitel bis zur Sohle, suchte er von jeher Erholung in der Geschichts-
forschung, die er in einer fur einen Laien selten vollendeten Weise getrieben
hat. Seine Studien galten ausschliefllich dem Vogtlande, dem sein Geschlecht
seit alters her angehorte; nach dem Vogtlande zog er sich auch immer gern
zuriick, nachdem er seine 44jahrige ruhmreiche soldatische Laufbahn vollendet
hatte. Die Geschichte seiner Familie und ihren Zusammenhang mit anderen
vogtlandischen Geschlechtern hat der Verstorbene eingehend studiert und
umfassende Materialsammlungen daruber hinterlassen ; aber wenn diese Ar-
beiten auch vielleicht der Ausgangspunkt seiner geschichtlichen Forschungen ge-
wesen sind, so hat er doch niemals etwas Zusammenhangendes daruber ver-
offentlicht, und dies ist bezeichnend furihn. Denn ihm war, wie der Direktor
der Dresdner Kgl. Bibliothek, Geh. Regierungsrat Dr. Hubert Ermisch in dem
im XXIX. Bande (1908) des »Neuen Archivs fur sachsische Geschichte und
Altertumskunde« (Seite 2) erschienenen Nekrolog uber ihn richtig bemerkt,
im Gegensatz zu manchem anderen Genealogen die Familiengeschichte stets
nur ein Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Als der 64jahrige beim Scheiden
aus dem Militardienst (1898) beschlofl, sich fortan ganz den Wissenschaften
zu widmen, war er auf seinem Lieblingsgebiete, der Geschichtswissenschaft,
kein Neuling mehr. Schon 1882, noch in der Bliite seiner militarischen Zeit,
106 Raab.
hat er in seinen Mufiestunden mit Lust und Liebe historischen Studien uber
die Geschichte seines geliebten Vogtlandes obgelegen, die er dann in den Jahren
seines Ruhestandes mit uberaus regem Eifer und unermudlichem FleiB fort-
gesetzt hat. Wahrend seines Winteraufenthaltes in der sachsischen Residenz war
der Verstorbene ein regelmafiiger Besucher des Kgl. Sachs. Hauptstaatsarchivs.
Mit Beginn des Wonnemonds aber suchte er zur Fortsetzung seiner histor.
Studien andere Archive, in denen er irgendwie Material zur Geschichte des
Vogtlandes vermutete (z. B. Weimar, Schleiz, Bamberg, Eger etc.), auf, urn
dann das gewonnene Material in seinem in Leubnitz bei Mehltheuer im Vogt-
lande so herrlich gelegenen, reizvollen Landhause »Elsenlinde«, wo er alljahrlich
mit seiner Tochter Kathe — seine Gattin hatte er bereits am 14. Marz 1866
durch den Tod verloren — die Sommer- und Herbstmonate zubrachte, zu
sichten und zu verarbeiten. Seine Tatigkeit konzentrierte er von vornherein
auf die Geschichte des Vogtlandes von den altesten geschichtlich erkennbaren
Zeiten bis zur Erwerbung durch Kurfiirst August von Sachsen im Jahre 1569,
so dafi er in dieser weisen Beschrankung den Meister zeigen konnte. Infolge
seiner eingehenden archivalischen Studien ist der handschriftliche NachlaO
v. Raabs, welcher einem Wunsche des Verstorbenen gemaB dem Kgl. Sachs.
Hauptstaatsarchiv in Dresden uberwiesen wurde, sehr umfangreich; er zeugt
von dem grofien FleiB und der Umsicht, mit der er jahrzehntelang gesammelt
und gesichtet hat.
Grofi ist die Zahl seiner wissenschaftlichen Veroffentlichungen, die zu-
meist in den »Mitteilungen des Altertumsvereins zu Plauen i. V.« erschienen
sind (vergl. hierzu A. Neupert, Obersicht uber erschienene Schriften und Auf-
satze zur Geschichte, Landes- und Volkskunde des Vogtlandes. Beilageheft
zur 19. Jahresschrift der Mitteilungen des Altertumsvereins zu Plauen i. V.,
Plauen i. V. 1908. R. Neupert jr. Seite 59 — 61). Zu den bedeutendsten,
von der Fachpresse durchweg als w r ertvolle Bereicherung der landesgeschicht-
lichen Literatur willkommen geheiBene Arbeiten v. R.s zahlen unstreitig
folgende 6 mit Sorgfalt und Scharfe bearbeitete Abhandlungen und Quellen-
publikationen: 1. Die von Kauffungen. Eine historisch-genealogische Studie.
{7°l7 l > Jahresbericht des vqgtlandischen altertumsforschenden Vereins zu
Hohenleuben in ReuB j. L. 1901, Seite 1 — 75), — 2. Regesten zur Orts- und
Familiengeschichte des Vogtlandes. Band I: 1350 — 1485, Band II: 1485 — 1563
(10. Jahresschrift [1893] des Altertumsvereins zu Plauen i. V. und Beilage zu
der erst 1 900 erschienenen 13. Jahresschrift [1898] genannten Vereins; Nach-
trage hierzu in der 14. Jahresschrift, 1901), — 3. Ein Beitrag zur Geschichte
der Staatsforsten im Vogtlande bis Ende des 16. Jahrhunderts (12. Jahres-
schrift, 1896), — 4. Das Amt Plauen im Anfang des 16. Jahrhunderts und das
Erbbuch vom Jahre 1506 (Beilage zur 15. Jahresschrift, 1902), — 5. Das
Amt Pausa bis zur Erwerbung durch Kurfiirst August von Sachsen im Jahre
1569 und das Erbbuch vom Jahre 1506 (Beilage zur 16. Jahresschrift, 1904),
— 6. SchloB und Amt Vogtsberg bis Mitte des 16. Jahrhunderts und das
Erbbuch vom Jahre 1542 (18. Jahresschrift, 1907). Was die vogtlandische
Geschichtsforschung heute an zuverlassigem Quellenmaterial uber vogtlandische
Adelsfamilien und Orte besitzt, das verdankt sie dem ForscherfleiB des der
historischen Wissenschaf t allzufriih Entrissenen. Nur wenige Gebiete des groBen
Deutschen Reiches besitzen fur die erste Halfte des 16. Jahrhunderts so um-
Raab. Christensen. I O 7
fassende verfassungs- unci verwaltungsgeschichtliche Quellennachweisungen
wie die durch v. R.g unermiidiiche Forschungen fur das sachsischeVogtland er-
schlossenen Quellen der 3 Amtserbbiicher von Plauen, Pausa und Vogtsberg
und des zweibandigen Regestenwerkes. An die Veroffentlichung der 3 Amtserb-
biicher sollte sich die Herausgabe einer auf 2 Bande berechneten Geschichte
des Vogtlandes unter Kurfurst August anschliefien; leider uberraschte den
Rastlosen der Tod uber dieser Arbeit, fur die er den Stoff bereits vollstandig
gesammelt hatte.
Die grofien wissenschaf tlichen Verdienste v. R.s wurden allseitig mit lebhaf tern
Dank anerkannt und gewurdigt. Dies kam besonders bei der Feier seines 70.
Geburtstages am 15. Juli 1904, den er im engsten Familienkreise zu Leubnitz
verlebte, zum Ausdruck. Die philosophische Fakultat der sachsischen Landes-
universitat Leipzig verlieh ihm zu seiner groCten Freude ihre hochste aka-
demische Auszeichnung, die Wurde eines Ehrendoktors, der Rat der Stadt
Plauen i. V. taufte eine der neuen Strafien jener Stadt >>v. Raab-Stra6e«
und die 4 landesgeschichtlichen Vereine zu Dresden (Kgl. Sachs. Altertums-
verein), Plauen i. V., Hohenleuben und Schleiz widmeten dem »hochverdienten
Forscher auf dem Gebiet der vogtlandischen Geschichte « eine 124 Seiten starke
Festschrift (Dresden 1904, Wilh. Baensch).
Der Vorstand des »Altertumsvereins von Plauen i. V.« veroffentlichte am
3. Januar 1908 gelegentlich des Heimganges v. R.s folgende Traueranzeige:
»Am 1. Januar entschlief zu Dresden das hochverdiente Ehrenmitglied unseres
Vereins, Seine Exzellenz der General der Infanterie, Ehrendoktor der Philo-
sophic Herr Curt v. Raab, Ritter hochster Orden. In ihm verliert der Verein
seinen hervorragendsten, treuesten Mitarbeiter, das Vogtland den bewahrtesten
Forscher auf dem Gebiet der heimatlichen Geschichte. Der unterzeichnete
Vorstand zollt dem Verblichenen unausloschlichen Dank, sein Name glanzt
in den Annalen des Vereins in goldenen Lettern, sein Gedachtnis wird immerdar
in hohen Ehren stehen.«
Vergl. aufler den bereits zitierten zwei Arbeiten auch 19. Jahresheft der »Mitteilungen
des Altertumsvereins zu Plauen i. V.«, 1908, Seite VI — XV; ferner Beilage zu Nr. 20 der
♦Neuen PreuGischen [Kreuz-JZeitung, Montag, d. 13. Januar 1908; »Illustrierte Zeitung*,
130. Band, Nr. 3367 Seite 54, Januar 9, 1908; »t)ber Land und Meer«, 1908, Nr. 19
Spalte 486.
Metz. Dr. K. v. B r u n n gen. v. Kauffungen.
Christensen, Jeremias, Bildhauer, * 26. Marz 1859 als Sohn eines Hand-
werkers zu Tingleff in Nord-Schleswig, | 15. Mai 1908 in Charlottenburg. —
Chr. hatte das Gliick, in dem Tingleffer Ortsgeistlichen, Pastor Johannsen,
einen vaterlichen Freund zu finden, der kein Opfer scheute, um seinem Zogling
die Wege zur Kunstlerschaft zu ebnen. Ende der 70er Jahre verschaffte er ihm
Aufnahme in die von dem Maler Magnussen, dem Vater Harro Magnussens,
in Schleswig begriindete Holzschnitzschule. Hier wurde aus dem Schuler in
kurzer Frist ein Meister der Schnitzkunst, wovon die schone »Grablegung«
in der Kapelle der Flensburger Diakonissenanstalt lebendiges Zeugnis ablegt.
Zu seiner weiteren Ausbildung ging Chr. nach Kopenhagen. Auch hier iiber-
wand sein starkes Konnen und sein energisches Wollen bald alle Schwierigkeiten
und Widerstande und fiihrte ihn von Erfolg zu Erfolg. Die Akademie sprach
!08 Christensen. Echteler.
ihm verschiedene hohe Preise zu, und der danische Konig verlieh ihm ein Reise-
stipendium von 3000 Kronen, das ihm den langersehnten Aufenthalt in Italien
ermoglichte. Als gereifter Kiinstler kehrte er nach Deutschland zuriick und
liefl sich in Berlin nieder, wo er in einem gegen die grofie Welt streng abge-
schlossenen Leben rastlosen kunstlerischen Schaffens den reichsten und edelsten
Lohn fur das Mlihen und Ringen seiner Lehr- und Wanderjahre fand.
Von den Werken Chr.s sei in erster Linie erwahnt das durch seine vor-
nehme Schlichtheit ansprechende Denkmal Herzog Friedrichs VIII., des Vaters
der Deutschen Kaiserin, das am Eingang des Dusternbrooker Waldes eine
der schonsten Zierden der Stadt Kiel bildet. Mit Recht viel geriihmt wird auch
jene lebensgrofie Marmorgruppe, die das Innere des Berliner Rathauses
schmuckt, Spreea dem zottigen StadtbSren eine Muschel mit Wasser dar-
bietend, eine Arbeit, mit der Chr. seinerzeit unter 109 Bewerbern den ersten
Preis davontrug. Voll feiner Empfindung ist ebenfalls »die Vertreibung des
ersten Menschenpaares aus dem Paradiese«, eines der Lieblingswerke des
Kiinstlers, das er aber leider nicht mehr vollenden konnte.
Als Mensch uberaus einfach und bescheiden, ist Chr. als Kiinstler um so
mehr zu bewundern, als korperliche Gebrechen, unter anderem ein verkummerter
rechter Arm, von Jugeftd auf der freien Entfaltung seiner Krafte erhebliche
Hemmungen bereiteten. j £ -1 *] \i Jgj \i^i \ \
Vgl. Singer, Allgemeines Kunstler-Lexikon. 3. Aufl. Nachtrage, 1906, S. 55. — Kunst-
chronik, N. F. f Jg. 19, 1908, Sp. 453. — Voss. Zeitung, Ab.-Ausg. v. 19. Mai 1908. — Tagliche
Rundschau, Morg.-Ausg. v. 20. Mai 1908. — Itzehoer Nachrichten v. 2. Juli 1908 (Erinnerungen
an Chr. von l[ngeborg] M[agnussen]). — Schleswiger Nachrichten v. 5. Juni 1908 (Eine per-
sonliche Erinnerung an J. Chr. von Boy Jensen). — Die Heimat. Monatsschrift d. Vereins
z. Pflege d. Natur- u. Landeskunde in Schleswig-Holstein, Jg. 19, 1909, Nr. 9 u. 10 (Doris
Schnittger, J. Chr., mit Bildnis). T Ki Q
j u n a n n o a s s.
Echteler, Josef, Bildhauer, * 5. Januar 1853 zu Legau bei Kempten, f 23.
Dezember 1908 in Mainz. — Tat, wie beinahe jeder Allgauer, in fruhester Jugend
als Gaishirte und Sennbub Alpendienste, versuchte mancherlei Handwerke,
immer im Kampfe gegen viele Widerwartigkeit, bis er durch beharrliche Aus-
dauer vom Steinklopfer und Steinmetz zum Besuch der Stuttgarter Kunst-
schule sich durcharbeitete; genofi nur kurze Zeit eine akademische Unterweisung
bei Knabl u. Widnmann in Miinchen, um dann auf eigene Faust den Sturm
um die Kunst zu wagen. E. begann unter Verwendung einer eigenen Modellier-
erde mit nach Photographien angelegten Medaillons und Biisten, die er dann
nach dem Leben zu vollenden trachtete, wozu es ihm gelang, meist beriihmte
oder furstliche PersSnlichkeiten zu Versuchsobjekten zu erhalten; auch Sta-
tuetten, religiose Motive, Tierbilder und Gruppen gliickten mehr oder minder
im mannigfaltigen Wechsel. Trotz bitterer Erfahrungen verlor er niemals den
Mut, das mangelnde Konnen durch stetes Studium hartnackig und unverdrossen
zu bessern trachtend. Aufmunternde Erfolge lohnten und reizten zu welterem
Streben und Wagen. Schon 1874 veranstaltete E. mit einer stattlichen Corona
von Namen beruhmter Schauspieler und Biihnenkunstler, Gelehrter und
Fachgenossen, darunter selbst Kaulbach, Dr. v. NuBbaum, Gutsbesitzern,
Reichsr^tsmitgliedern, Diplomaten, Wiirdentragern und hohen Flirstlichkeiten
Echteler. Heilmayer. log
eine Exposition im Kunstverein, unter Beigabe von Tierkampfen (Lowe mit
einer sich ringelnden Schlange, Angorakatze und Taubchen) und antiken
Stoffen (Kampf des Peirithous urn Helena). Mit einer im Glaspalast ab-
gewiesenen Gruppe veranstaltete E. eine von den giinstigsten Folgen begleitete
Atelier - Ausstellung. Da es trotz bereitwilliger Reklame an kritischer Ein-
sprache und weiteren Dissidien und MiChelligkeiten nicht fehlte, strafte er
seine altbajuwarischen Zeitgenossen durch periodische tJbersiedelung nach —
Amerika, von wo er nach dreijahriger Abwesenheit zu neuen blitzschnellen
Schopfungen an die Isarstadt zu unverandert prosperierender Tatigkeit zuruck-
kehrte. Er verfiigte tiber eine grofie Dosis von der Rauhbeinigkeit eines
Andrea del Castagno, und ganz abgesehen von der faszinierenden Genialitat
des Salvator Rosa oder Benvenuto Cellinis Effronterie doch , dessen Ruhm-
redigkeit und Handelsucht. Die hochsten Kronentrager Europas kamen un-
bewuflt unter seine modellierenden Hande; ihre iiberraschenden Busten und
Plaketten fanden ehrende Erwiderung, haufig erfolgten Auftrage zur Aus-
fiihrung in Bronzegufi oder Marmor und Titel und Auszeichnungen in Fulle.
Freilich machte die Heimat bci dem ersten Falle von dem bewilligenden oder
ablehnenden Rechte des Placet Gebrauch, ohne dafi daraus ein »casus belli «
erwuchs; die Folge ergab stetige Wohlgeneigtheit. E. hatte ein schones
Haus erworben, konnte aber mit den »nachbarlichen Storenfrieden* sich wenig
vertragen. . Es gab Prozesse und Injurienklagen. An Mut und Wagnis fehlte
es nicht: dreimal rettete er beherzt mit eigener Lebensgefahr junges Leben
aus dem Wasser. Des lieben Friedens wegen verzog er nach Mainz, der Heimat
seiner kurz vorher angetrauten Gattin, wo E. unerwartet die ewige Ruhe fand.
Seinen ersten harten Lebensweg hatten die spateren Erfolge nicht in Ausgleich
gebracht.
Vgl. H. A. Mullers Kiinstler-Lexikon. 1882, S. 153. Deutschlands Gelehrte, Ktinstler
und Schriftsteller. Leipzig 1908. S. 103 mit Portr. TT TT , , ,
rsy * ° Hyac. Holland.
Heilmayer, Karl, Landschaftsmaler, * 5. Marz 1836 in Munchen (Sohn des
in demselben Jahre verstorbenen Hofschauspielers Emil H., welcher nebenbei
mit anerkanntem Erfolg den Pinsel fiihrte), f 18. Mai 1908 daselbst, besuchte
kurze Zeit die Akademie, bildete sich unter dem Einflufi von Morgenstern,
Knud Baade, B. Stange und W. Lichtenheld selbstandig auf weiten Studien-
ztigen durch Altbayern, Siidtirol und Italien, in der Folge auch durch Frank-
reich, Belgien und die norddeutschen Ktisten, trotz seines verkrummten, durch
eiserne Bandagen geschutzten FuCes ein ausdauernder Wanderer. In sinniger
Weise Landschaft, Marine und Architektur vereinend, ubergoO er alle seine
kleinen Bildchen mit feinduftigen Nebelstimmungen & la Iwan Aivasowsky.
Er liebte den Zauber von schwiilduftigen Mondscheinnachten mit Zypressen-
garten, Gotterbildern und rauschenden Brunnen, ragenden Leuchtturmen —
eine wahre Romantik von Eichendorfscher Pracht, staff iert mit Schleich-
handlern und Schwarzern, lautenspielenden Gondolieren, frohlichen Fischern,
fahrendem Volk und Maultiertreibern. Mit immer anziehenden Bildchen er-
warb sich H. einen guten, geachteten Namen. Die Mondnacht in Florenz (1850),
Morgen am Obersee bei Berchtesgaden, Partie aus Meran, glanzende Meerstille
bei Genua, papstliche Palastzimmer aus Avignon, Kiistenszenen aus der Nor-
1 1 o Heilmayer. Kotschenreitcr.
mandie, Sonnenuntergang in Venedig, abendliche Stimmungen am Lido, an
der Riva dei Schiavoni, vom Markusplatz, Isola bella im Lago Maggiore —
aber auch die Gosauschlucht mit dem Dachstein; wechselnd mit Tageszeiten
in der Campagna, an der Via Appia, vom Monte Pincio, dazwischen das hei-
matliche Starnberg, Harlaching und Kaisergebirge. Sein Alter trubten bose
Tage: ein gleichnamiger, vielversprechender Sohn starb 1905 vor dem Vater,
welchen ein Schlaganfall mit dem Verlust des Augenlichtes bedrohte.
Vj>1. Deutschcs Kunstblatt. Berlin, 1851. II, 79 245, 372. 1853, IV, 160. 1854, V,
434. i857, VIII, 403. Fr. von Botticher, 1895, I, 482. H Holland.
Kotschenreiter, Hugo, Genremaler, * 6. Januar 1854 zu Hof, f 22. April
1908. — Der alteste Sohn einer zahlreichen Beamtenfamilie, nach dem Ermessen
des Vaters zum Architekten bestimmt, kam auf die Nurnberger Kunstgewerbe-
schule, wo sein Zeichentalent sich bekundete und ihm ein kleines Stipendium
erwarb, so dafi K. sich nach Munchen begab, um bei W. von Diez Schuler
zu werden. Da jedoch die Schule schon iiberbesetzt war, trat der Lernbegierige
bei A. von Wagner ein, um bei Direktor Piloty abzuschliefien. Auch hier errang
K. verschiedene Auszeichnungen und die freundliche Aufmerksamkeit seiner
Lehrer; friihzeitig durch Illustrationen und kleinere Genrebilder auf Erwerb
bedacht. Sein erstes, noch in der Akademiezeit vollendetes Bild »Zehent-
ablieferung« gluckte und bereitete neue Erfolge. In vielen Streifziigen durch
das naheliegende Hochland, zu Polling, Seefeld, Miesbach und Bayerischzell
sammelte K. unermudlich neues Material, in Bauernschenken, Holzknecht-
und Almenhutten die Originaltypen und unbezahlbaren Charakterkopfe auf-
suchend und die schonsten Studien von Innenraumen alter Bauernhauser
und Austrag-Herbergen nebst einer erklecklichen Anzahl stimmungsvollster
Landschaften, die er in seinen Bildern doch so wenig zur Geltung brachte,
obwohl ihm solche Wanderungen und die Ausbeute der feinsten Naturreize
den hochsten Genufi bereiteten. Eigentliche Landschaften bot K. iiberhaupt
selten zum Verkauf, er schuf sie, wie ehedem Salvator Rosa, nur fur sich selbst
und gelegentliche Geschenke fur liebe Freunde. Erst sein Nachlafi bewies,
dafi K. nicht nur scharfblickend den Volkscharakter erfafite, sondern auch
die unmittelbar dazu gehorige Gegend. Grofiere figurenreiche Bilder liebte er
nicht besonders, wie etwa der durch unwillkommene Ankunft eines Neulings
»entweihte Stammtisch«, »Die Kegelschieber«, der ubrigens doch im Aus-
druck des unglaubigen Erstaunens zu sehr outrierte »Taschenspieler«, das oft-
behandelte »Jagerlatein« und die spottische »Gemeinderatssitzung« bezeugen;
naher lagen ihm Halbfiguren und Einzelkopfe, welche er aber geradezu »mit
der Farbe zeichnete«. Die so subtil durchgebildeten Meisterwerke gingen viel-
begehrt zu hohen Preisen in die weiteste Welt. Manches mahnt an die in pragnant
dramatischer Kraft hinreiBenden Mundart-Dichtungen Kobells und Stielers, wie
der »Herr Forster«, der kaum linkskundige »Burgermeister*, die vergnuglichen
Raucher, stillen Trinker, Dorfmusikanten und Klarinettisten, streunenden
Handwerksburschen, politisierenden »Fiakerkutscher«, Polizeidiener — eine
Perle: der dem Biittel den Vortritt in die Prison mit i>Aprks vous!« anbietende
eingelieferte Strolch (als Holzschnitt in Nr. 16 von Schorers Familienblatt,
1890, S. 248), »Braumeister-Friihstuck«, der »Fischer-Lenz«, »Jager-Franz«
Kotschenreiter. Kramer. til
und »Der wahre Bismarck « (Holzschnitt im Daheim-Kalender, 1882), ein
Schreiber, der in des Kanzlers Taten seine eigenen Ideen erkennt; es gab
ubrigens zu alien Zeiten solche Genies und zwar in mehrfachen Kreisen der
»Gesellschaft«. Wer zahlt die Volker und die Namen ! die immer wortspitzig
nur das Notigste sagen, aber kugelsicher einschlagend und festsitzend. Seine
Kunst ging liber das urspriingliche Terrain nicht hinaus, wenn auch der Maler
spater nach Wien, Berlin, Diisseldorf und Freiburg ging, die Ausstellungen
besuchend, wo seine kleinen Bilder einen Ehrenplatz behaupteten. K. hat
viel Verwandtes mit dem in Farbe und Empfindung feineren, humoristischen
Spitzweg, wahrend K. lieber einen derberen Dorfgeschichtenton anschlagt.
Spitzweg kann sehr liebenswurdig sein, K. bleibt immer hart und knuffig.
Spitzweg verschenkte groBmiitig seine Bilder, K. betrieb die Kunst wie ein
umsichtig praktischer Okonom, hatte aber rechtzeitig eine offene Hand.
Vgl. Fr. v. Botticher. 1895. *• 749- Singer VI. 171. Kunstvereinsbericht f. 1908 S. 18.
K.s reicher Nachlafi flillte ein Kabinett in der Miinchener Kunstausstellung 1908.
Hyac. Holland.
Kramer, Josef von, Bildhauer, * 26. Mai 1841 zu Augsburg, f 28. Mai 1908
in Munchen; erhielt den ersten Unterricht durch den mit umsichtiger Sorgfalt
als Lehrer an der Augsburger Industrieschule waltenden, die Anlagen seiner
Kinder moglichst fordernden Vater, welcher seinem hoffnungsvollen Sohn nun
die Wege an die unter August von Kreling florierende Niirnberger Kunstschule
ebnete, der ihm den Gebrauch der Miinchener Akademie empfahl. Hier muhte
sich K. zwei Jahre bei Max Widnmaftn mit antiken Idealen, welche Blaser zu
Berlin in neue Bahnen lenkte, wahrend das frische Anregung bietende Studium
von Schluters Werken den komplizierten Entwicklungsgang abschlofi. Er-
wiinschte Gelegenheit zur praktischen Verwendung alier dieser Erfahrungen
bot die Schnitzer-Schule zu Partenkirchen, deren rationelle Leitung K. fur
einige Jahre iibernahm. Besonderes Aufsehen erregten vier als Turfiillungen
gedachte Flachreliefs mit den prachtig humoristischen Darstellungen einer
Miinchener Biirgerfamilie in Rokoko-Stil: bei Tisch, ein kostlich charak-
terisiertes Sextett, einem Tanzchen und einer Gesangstunde mit vortrefflicher
Individualisierung der Figuren und scharfer Wiedergabe des Zeitcharakters.
Gleiche Vorziige erwies ein fiir Gedon ausgefiihrter »Hubertushirsch«. So
zeitigte die neue Ara von Konig Ludwig II. Bauten die langst aufgekeimte
Neigung K.s zu der schwungvollen Oppigkeit des Barokstils, wofiir der
Kiinstler mit seinem Schwager Lorenz Gedon ein entschiedener Faktor wurde,
zugleich neben der deutschen Renaissance den verponten Zopfstil in Schwung
bringend und sich dadurch belangreiche Auftrage zuziehend. Zur Erfiillung
der kuhnsten Wunsche bot der Macen Major und Kommerzienrat Heyl in
Worms die Hand durch die Bestellung, ein Musik- und Gesellschaftszimmer
zu dekorieren, sowie zur Komposition eines 24 Meter langen Jagdfrieses.
Hier fand K.s mit pulsierender Kraft dichtende Phantasie einen gehorigen
Tummelplatz. Welch ein Leben rollt in diesen Flachreliefen voriiber ! Auf
der internationalen Kunstausstellung zu Munchen 1883 erregten die mit der
goldenen Medaille pramiierten geistsprtihenden Skizzen, Entwiirfe und Modelle
die freudigste Teilnahme. Infolge davon erhielt K. den figuralen Plafondschmuck
X 1 2 Kramer. Meermann.
und den Oberlichtfries im Treppenhaus des Gewerbemuseums zu Kaiserslautern.
Die nachste R.s Namen weit hinaustragende Leistung bildete die Dekoration
der kunsthistorischen Abteilung der Kreisausstellung zu Augsburg, darunter
der Fries des Mittelpavillons mit seinen Girlanden, Kartuschen, Masken und
den Medaillonportraits beruhmter Augsburger und die Giebelfiguren desselben
Traktes; dazu modellierte K. die Kolossalbiiste des kuhnen Stadtbaumeisters
Elias Holl, ein meisterliches Werk lebensvoll individueller Charakteristik
und virtuoser Technik. Dazwischen entstanden eine Menge kunstgewerbliche
Konkurrenzzeichnungen und Modelle. So ein grofier, von Harrach in Silber
ausgefiihrter Tafelaufsatz fur den Gasanst^ltsdirektor Schilling, ein herr-
liches, gemeinsam mit Brochier durch allegorische Figuren (Fiat Lux) aus-
gestattetes Schiflf (1884), eines der gediegensten Erzeugnisse dieses neuerdings
so reich gepflegten Gebietes. Sein Werk war auch die ornamentale und figiir-
liche Ausschmuckung des glanzenden Rokokosaales im »Caf6 Luitpold«,
wobei die Najadenbrunnengruppe sowie die den Plafondsims tragenden Karya-
tiden als wahre Muster der sicheren Formvollendung gelten und ihren stich-
haltigen Wert in alien Wandelungen des Geschmackes zu bewahren vermogen
In gleich exzellierender Technik entstanden zwei Salons fur die Dampfschiff-
,fahrts-Gesellschaft des Norddeutschen Lloyd (ausgefiihrt von der Firma A.
Bembe in Mainz). Weitere Erfolge brachten die Arbeiten in einem Bankgebaude
zu St. Gallen und Niirnberg, in Hauberrissers neuem Rathausbau, im Deutschen
Theater zu Miinchen und dem Nurnberger Gewerbemuseum. Den Hohepunkt
seines SchaflFens erreichte K. 1893, als ihm die Hansastadt Hamburg in heifi-
umstrittener Konkurrenz den Sieg zuerkannte und die Ausfuhrung eines Mo-
numentalbrunnens mit sieben im rhythmischen Linienflufl spielenden lebens-
grofien Figuren, sowie die Herstellung eines Prachtportals im Festsaal des
neuen Rathauses zuerkannte. Es war, als ob seine Kraft mit den zunehmenden
Jahren wachse. So entstand neben einer Menge zierlicher Kleinplastik die
Statuette eines von der Meute umringten dahinsprengenden Reiter-Chasseur.
Da setzte ein anfanglich zu wenig beachteter Sturz aus einem Trambahnwagen
dem faszinierenden Schaffen ein jahes, tragisches Ende.
Vgl. Richard Paul im Universum, IV, 429. Liitzow 1884, XIX, 24. Pecht, Munchener
Kunst 1888, S. 313. A. Rosenberg, Moderne Kunst, 1894, III, 473. Kunstvereinsbericht f.
I908 ' S ' 19 ' Hyac. Holland.
Meermann, Arno, Landschaftsmaler, * 17. Mai 1829 zu Rehden (West-
preufien), f 2. Oktober 1908 in Nieder-Thalheim bei Landeck (Schlesien). —
Machte sich 1853 im Munchener Kunstverein durch seine kleinen, Architektur
und Landschaft in gleich anziehender Weise behandelnden Bilder bemerklich;
keiner Schule zugestandig und glucklicher Autodidakt, folgte er Goethes
goldener Regel, in die schone Welt und das voile Menschenleben hineinzugreifen
und in Wahrheit mit sicherem Strich und anmutender Farbenfrische wieder-
zugeben. So rundeten sich seine Stoffe zu kleinen Novellen, gleichviel, ob er
das Thema einer »Bildhauerwerkstatte«, einem Regensburger Klosterhof
(1855), einem Kreuzgang in Danzig (1856), der Landshuter Trausnitz (1857),
einer Kirche in Meran (1857), Maulbronn (1858) oder einer schwabischen »Dorf-
partie« (1859) entnahm. Auf fortwahrenden Streifzugen holte er sich neue
Meermann. Schlumprecht. ji*
Stoffe, von Landsberg, Aschersleben, der Niirnberger Burg, Salzburg, von den
Gelanden der Salzach und des Starnberger Sees (Ammerland), Meran und dem
siidlichen Tirol mit dem reichen Schatz von Burgen und Schlossern. Kostliche
Blatter radierte er auf Stein fur verschiedene Verleger, auch in Farbendruck,
mit seinem Freund und Schiiler Ludwig Tackl aus Braunschweig (1823 — 99)
und H. Bruch, namentlich die nach Ulrich Halbreiters Aufnahmen reproduzierten
Illustrationen zu J. A. MeCmers Prachtwerk uber »Das heilige Land« (Munchen
i860). Auch edierte M. sein vom Petersturm aufgenommenes, dritthalb Meter
langes »Alpenpanorama«, einen allegorischen Stich mit den Genien der »Poesie
und Musik« in reicher architektonischer Umrahmung nach F. Wanderer, die
perspektivischen Ansichten von Landshut nebst der Veste Trausnitz und das
durch J. Victor von Scheffels und Anselm Feuerbachs »Einlagerung« be-
sungene Castell Toblino usw. Dann ubertrug M., anfanglich nur fiir den
engeren Familienkreis, viele Zeichnungen und Holzschnitte Ludwig Richters
auf Glas, die, durch Dr. P. Jonas sinnreich konstruierte Lampenbeleuchtung
im vergrofierten Format, brillant in Farbe gesetzt, gleichsam als ein lebendiges
Richter-Album einer zahlreichen Gesellschaft gleichzeitig unter exegetischer
Begleitung von Prosa, Dichtung oder musikalischer Interpretation zum Genufl
unanimierter vorgefuhrt wurden. Alsbald dehnte der Kunstler diese instruk-
tiven Bestrebungen auf das geographische Gebiet aus, indem er einen historischen
Uberblick uber die Genesis der deutschen Kolonien in Afrika mit den lebens-
groflen Bildnissen der beruhmtesten Entdecker und Reisenden, Max Buchner,
Nachtigal, Emin Pascha, Peters und Wissmann, beispielsweise Gegenden aus
dem Togo-Land, das Konterfei der Dualla-Neger, die Moschee Fachr-ed-Din
in Maktischu, die Ansicht des Kilimandscharo, die Wami-Katarakte und der
Kari-Wasserfall, welche alle mit pragnant wissenschaftlichcn Erlauterungen vor
Augen gefiihrt w T urden. Daran reihten sich kulturhistorische Schilderungen
von Land und Leuten aus Australien: der sog. Tempel in der Humboldt- Bai,
ein Wohnhaus auf Bisibili, der Wasserfall des Unamula auf Mioko, die Krater-
insel Apolima, Szenen aus Via Appia und der Lavasee auf Hawaii. Damit wech-
selten europaische Landschaften und Architekturstiicke, brillante Ansichten
aus Helgoland und den Faroern, eine romische Villa mit kristallklarem Spring-
brunnen, das Parthenon auf der Akropolis, ein Klosterhof nach Caspar Scheuren
oder eine Kirchenruine mit Mondaufgang. — Unermudlich make und prapa-
rierte M. zahllose Platten mit haarscharfen Umrissen und cffektvollem Kolorit.
Plotzlich iibersiedelte M. nach Landeck und kehrte zur friiheren Kunstubung
zuriick, sandte auch ein paarmal kleine Bilderzyklen nach Munchen. Ganz
seinem kiinstlerischen SchafTen hingegeben, ereilte ihn, ohne Krankheit, vor
der Staffelei ein schmerzloser Tod. Er war nach dem Zeugnisse des Ludwig
Richter-Biographen Joh. Fr. Hoff ein »achter Kunstler und prachtiger Mensch«.
Vgl. Maillinger Bilder-Chronik von Munchen 1867, HI, 116. Fr, v. Botticher 1908, II, 5.
Joh. Fr. HofT t Lehrjahre bei L. Richter 1903, S. 203. „ „ . , ,
Schlumprecht, Heinrich, Xylograph, * 4. Januar 1859 zu Munchen, Sohn
des stadtischen Marktinspektors Anton Sch., f 17. Dezember 1908 ebendas. —
Absolvierte die damalige Kreisgewerbeschule, wo er sich besonders im Zeichnen
hervortat; trat, angeregt durch das Vorbild seines alteren Bruders Rupert
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 13. Bd. 8
1 1 a Schlumprecht Spring.
Sch. (* 24. Marz 1854, f 7. August 1904 in Munchen. Vgl. Biogr. Jahrbuch
fur 1904, IX, 204), in das Atelier des Holzschneiders Professor Hans Wolf,
ubersiedelte 1877 nach Stuttgart zu Adolf Clofi, um in dessen Atelier an
den groflen Prachtwerken »Unser Vaterland*, »Hellas und Rom« und Schef-
fels »Gaudeamus« mitzuwirken. Nachdem Sch. sich bei Kaeseberg & Oertel
in Leipzig fur die Technik des Tonholzschnitts und zu Berlin und Hamburg
weitergebildet hatte, lieB er sich bleibend in Munchen nieder, teilweise immer
noch fur die genannten Firmen tatig. Seit 1888 arbeitete Sch. fur die welt-
bekannte xylographische Anstalt und den Kunstverlag von Braun & Schneider,
insbesondere fur die »Fliegenden Blatter «, wo er seine virtuose Technik im
Tonschnitt nach Handzeichnungen von Hermann Vogel, Fr. Simm, Fritz
Stahl, F. Wahle in der sozusagen handschriftlichen genialen Wiedergabe der
oft nur fliichtig angedeuteten malerischen Stimmung, mit nachempfundener
feinster Wirkung, gleichsam in Radier-Manier nachdichtend, bekundete. Solche
Musterleistungen in subtilen, von Handlern und Sammlern stets vielbegehrten,
immer nur in wenigen Exemplaren veranstalteten Handdrucken erschienen
seit 1897 zeitweise im Munchener Kunstverein, in den Aussteilungen des Glas-
palastes und auf auswartigen Expositionen (Goldene Medaille in St. Louis 1904)*
nach Originalzeichnungen und Skizzen von L. M. Marold, Hermann Vogel
von Plauen, A. Conadam, Ren£ Reinicke, u. a. Arbeiten, welche von dem
hohen Stande dieser graphischen Kunst ein nihmliches Zeugnis geben.
Vgl. 601 Neueste Nachrichten. 23. Dezember 1908.
Hyac. Holland.
Spring, Alfons, Genremaler, * 30. Mai 1842 in Libau (Kurland), f 14. Juli
1908 zu Munchen. — Die Vorliebe und Sicherheit, womit der Knabe schon
an Lateinschule und Gymnasium Stift und Farbe handhabte, veranlaflte den
Vater (er war Stadtaltester und Aldermann der Botticherzunft in Libau),
den Achtzehnjahrigen zu Verwandten nach Petersburg auf Besuch eines Kunst-
instituts zu senden, wo er bald als hoffnungsvollster Eleve der Akademie gait
und durch Verleihung der grofien goldenen Medaille frischen Mut fafite. Zwar
verwirklichte sich nicht die Aussicht auf ein Reisestipendium (1862), doch gab
ein wohlhabender Freund die Mittel fiir eine zweijahrige Wanderung, welche
•ihn 1870 zu Wilhelm Diez nach Munchen fiihrte. Bald gluckten seine leicht
humoristisch angewehten Bilder, darunter eine Szene aus dem »Zoologischen
Museum «, »Kartenspieler« und ein behutsamer »Pfannenflicker«. Bei der
Katastrophe des Kunstlerkarnevals am 18. Februar 1881, wo mehrere Eskimo-
Masken verbrannten, verletzte Sp. sich als rechtzeitiger Heifer zwar die H&nde,
gliicklicherweise ohne weitere Folgen. — Nun kamen heitere Kuchenbilder,
harmlose Genrestiicke aus dem Monch- und Klosterleben, rauchende, ruhende,
netzstrickende Fischer und Teerjacken, ein komplizierter >Fund in der Bi-
bliothek«, »Tischgebet«, auch »Hammerschmiede«, »Auf der Kegelbahn* und
»In der Rumpelkammer«, alles mit minutios ausgefiihrten Details; eine >Dorf*
schenke«, Wildbrethandler, Gemeinderatssitzungen, der seine Enkelin muh-
sam die Anfangsgriinde des Lesens lehrende »Grofivater«, Interieurs aus dem
SchleiBheimer Schlosse; Forscherfreuden : Funde beim »Antiquar« und andere
durch miniaturartige, delikate Durchbildung und koloristische Feinheit das
Spring. Zumbuscb. 1 1 e
Interesse der Beschauer erwerbende Genre- Sachelchen. Im Juni 1906 verletzte
sich der Kiinstler durch einen Fall aus der Tramway, wobei er einen Bruch
der Kniescheibe erlitt, von dessen Folgen er sich nimmer erholte. Die Freude
wurde ihm noch, dafi die Berliner Nationalgalerie ein prachtvolles »Interieur«
erwarb; die Nachricht vom Ankauf eines ahnlichen Werkes fur die Neue
Pinakothek in Munchen erreichte ihn nimmer. Die Exposition der W. v. Diez-
Schuler in Heinemanns Salon vereinte auch eine Auswahl von Sp.s in festen
Handen befindlichen Werken. Ein stattlicher Teil nachgelassener Bilder, im
Kunstverein ausgestellt, war an ein und demselben Tage vergriffen. Ebenso
schnell verschwanden in einer Helbing-Auktion ein Halbhundert von Innen-
raumstudien: »In der Wiedergabe der feinsten Reize von Ton und Beleuchtung,
in dem tiefen transparenten Email der Farbe, mit dem S. altersbraunes Holz-
werk und anderes Detail malte, in der auBerordentlichen stofflichen Schonheit
dieser Tafeln war der Kiinstler, von welchem die Welt so wenig wufite, ein
ganz hervorragender Meister.« Zum groCten Teil entstammten die Motive
dieser vielen Studien dem unerschopf lichen Malerlande Tirol: verraucherte
alte Bauernstuben, Kuchen und Stalle, holzgetafelte, gotische Stuben aus
alten Tirolerburgen, eine Klosterbibliothek, eine lichte spitzbogige Sakristei
usw. — Alles mit ebensoviel Wahrheit als kostlichem Bildreiz wiedergegeben,
mit dem Stempel seltener Gediegenheit. S. hatte daran fur viele Jahrzehnte
immer neuen Vorrat gehabt, solche Raume mit figlirlichen Vorgangen zu
stafFieren und zu beseelen.
Vgl. Singer, 1901, IV, 322. Fr. v. Botticher, 1901, II, 791. Nr. 456 Neueste Nachrichten
30. November 1908. Nr. 228 MUnchener Ztg., 1. Oktober 1908. Kunstvereinsbericht f. 1908,
Hyac. Holland.
Zumbusch, Julius, Bildhauer, * 16. Juli 1832 zu Herzebrook in Westfalen,
t 6. April 1908 in Pasing-Munchen, folgte 1850 seinem alteren Bruder Kaspar
Z. nach Munchen, welcher aus der Schule Halbigs schon den Weg gefunden
hatte, auf welchem derselbe durch den Denkmal-Entwurf flir Konig Max II.
zu phanomenaler Oberraschung als Sieger hervorging. Julius Z. assistierte
seinem so schnell beriihmten Lehrer und Meister in steter Treue, erwarb aber
erst bei dessen Obersiedelung nach Wien, wo grandiose Erfolge seiner warteten,
auf eigener Bahn mit kleinen, teilweise der religiosen Richtung angehorenden
Reliefs und Statuetten, insbesondere aber mit gelungenen Portraitbusten
einen geachteten, selbstandigen Namen, darunter das Grabmal flir Hanno von
Ramberg (1875), das Brustbild Senefelders auf dem von Peter Herwegen zu
Ehren des Lithographie-Erfinders komponierten Denkstein (1877), die Charakter-
kopfe von Dollinger, Franz Loher, des Miinchener-Geschichten-Dichters Franz
Trautmann, des Philosophen Johannes Huber, Bibliothekar und Fallmerayer-
Biographen G. M. Thomas, ferner W. von Giesebrecht (1884), des illustren Ge-
schichtschreibers der deutschen Kaiserzeit, des Historikers Felix Stieve usw.
Inzwischen gingen die anmutenden Statuetten eines »Aschenbrodel« und zu
J. V. von Scheffels beriihmten Oberrheinsanges das Figiirchen der trompete-
blasenden »Margarethe«, auch ein grofles Grabdenkmal mit der Figur des
auferstandenen Weltheiland fur Freiburg im Breisgau und mehrere allegorische
Gestalten auf dem neuen Justizpalast zu Munchen. Z. hatte sich 1894 in
1 1 6 Zumbusch. Inama-Sternegg.
der neuen Villenkolonie des benachbarten Pasing ein reizendes Tuskulum
erbaut, wo er neben der idyllischen Mufle immer noch seiner edlen Kunst
oblag. Ein Medaillon von Alois Borsch und ein Olbild von Paul Theodor Rohr
schildern den pragnanten Charakterkopf.
Munchencr Kunstvereinsbericht f. 1908. S. 23. TT TT , , ,
>f J Hyac. Holland.
Inama-Sternegg, Karl Theodor von, * zu Augsburg am 20. Januar 1843,
f 28. November 1908 in Innsbruck. — I. entstammt einer sudtirolischen alten
Adelsfamilie, deren Mitglieder noch heute in Nonsberg in verschiedenen sozialen
Stellungen leben. Er hielt viel auf diesen Familienzusammenhang, weniger
aus personlichen, mehr aus gesellschafts-geschichtlichen Griinden. Sein Vater
war der damalige Assessor am Kreis- und Stadtgerichte in Augsburg, Johann
Nep. v. Inama-Sternegg, die Mutter Emilie, Tochter des bayr. geh. Rates
und Regierungsfinanzdirektors Michael v. Aschenbrier, starb wenige Monate
nach der Geburt Karl Theodors (Oktober 1843), so dafl in dessen Entwicklungs-
gang der mutterliche EinfluB keine Rolle zu spielen vermochte. Im Mai 1848
kam die Familie wegen Versetzung des Vaters als Assessor (spater als 2. Staats-
anwalt) an das Appellationsgericht nach Neuburg a. Donau. Daselbst absol-
vierte der junge Karl Theodor die Werktagsschule und das Untergymnasium.
Das Obergymnasium wurde in Amberg in der Oberpfalz abgelegt, wohin der
Vater im Fruhjahr 1856 versetzt worden war und wo er am 12. Mai 1868 als
Oberstaatsanwalt starb. Im November i860 bezog K. Th. I. sodann die Uni-
versitat Miinchen, um sich philosophischen, historischen, juristischen und staats-
wissenschaftlichen Studien zu widmen. Die 1863 verfaGte Preisaufgabe »Dar-
stellung der volkswirtschaftlichen Folgen des 30jahrigen Krieges in Deutsch-
land« ,welche (wegen zu weiter Auffassung des Themas) zwar nicht preisgekront,
wohl aber offentlich belobt worden war, zeigt, wie schon damals die Wirt-
schaftsgeschichte den starksten Einflufl auf den jungen emporstrebenden Geist
austibte. Am 20. Oktober 1864 wurde die theoretische Staatsprufung erfolg-
reich abgelegt, und am 24. Marz 1865 erfolgte die Promotion zum Doktor der
Staatswissenschaften. Vom November 1864 bis Mai 1867 praktizierte I. -St.
am Landgerichte Miinchen r. d. Isar, am Stadtgerichte ebendort und am
Bezirksamte in Miinchen 1. d. Isar und bestand im Mai 1867 die Staatskonkurs-
priifung als Erster seines Jahrganges.
Nun erfolgt die Wendung Inamas zu wissenschaftlicher Betatigung, welche
er schon fruhzeitig vorbereitet hatte. Vom 3. Januar 1868 datiert die Kon.
Genehmigung zur Habilitation als Privatdozent in der staatswirtschaftlichen
Fakultat der Univerdtat Miinchen. Die Probevorlesung behandelte: »Die volks-
wirtschaftliche Bedeutung der reinen Geistesarbeit«, und gar mancher seiner
Horer mag jiinger gewesen sein als der 25jahrige Dozent. Noch im Jahre der
Habilitierung erfolgte I. -St. sBerufung als a. o. Professor der politischen Wissen-
schaften nach Innsbruck, woselbst er 1872 Ordinarius wurde. Im Besitze des
Vertrauens seiner Kollegen trug er 1872/73 und 1874/75 die Dekanatskette
und wurde von ihnen 1875/76 zum Rector magnificus gewahlt. Wahrend der
Innsbrucker Zeit, an welcher Stadt er, ebenso wie am Lande Tirol zeitlebens
mit Innigkeit hing, mehr als an seinem Vaterlande Bayern, vermahlte sich
I. -St., und zwar am 5. April 1869, mit Henriette Aigner von Aigenhofen, Tochter
Inama-Sternegg. 1 1 y
des nachmaligen Oberfinanzrates Karl R. A. von A., mit welcher er in der denk-
bar glucklichsten Ehe lebte und in der Liebe zu den Kindern, 2 Sohnen und
3 Tochtern (Karl, Joh. Paul, Franziska, Klara und Angelika), wetteiferte. —
Am 2. Februar 1880 fand die gliickliche Tiroler Zeit ein Ende durch die Berufung
L-St.s zum Professor der politischen Okonomie an die Universitat Prag, wo
er eine sehr kurze Zeit verblieb. Im Friihjahr 1881 erhielt I. -St. eine Berufung
an die Universitat Breslau, welcher er jedoch nicht Folge leistete. Es war
unterdessen, insbesondere auf Veranlassung des Grafcn Taaffe, der Inama von
Innsbruck her kannte und schatzte, der Plan entstanden, I. an die Spitze der
osterr. amtlichen Statistik zu stellen, womit die Professorenlaufbahn, wenn
auch allerdings nicht die Gelehrtentatigkeit I.s ihr Ende fand, um einer aus-
gedehnten sowie intensiven statistisch-administrativen, daneben einer aka-
demischen und staatsmannischen Wirkungssphare zu weichen. — Am 28. Mai
1881 erfolgte I.s Ernennung zum Direktor der administrativen Statistik und
tit. Hofrat, 22. Februar 1884 zum wirklichen Hofrat und Prasidenten der
statistischen Zentral-Kommission, als welcher er am 18. Juni 1890 zum tit.
und spater zum wirklichen Sektionschef, endlich am 27. September 1901 zum
wirklichen gehpimen Rate ernannt wwde. — Das Presidium fuhrte I. bis
zum 10. November 1905, dem Momente seiner Versetzung in den dauernden
Ruhestand. Er hatte die AbsiCht, denselben, erfiillt von Planen geistigen
Schaffens und der Freude des Familienlebens, in Innsbruck zu verbringen,
doch waren ihm nur 3 kurze Jahre geschenkt; am 28. November 1908 ereilte ihn,
nach nur 4tagiger Krankheit, der Tod, der allerdings schon in den letzten Jahren
den rastlosen Mann, der seine Krafte schonungslos ausgeschopft hatte, zu
mehreren Malen mit seinen dunklen Fittichen leicht beriihrt hatte. I. starb,
von den Seinen umgeben, und liegt auf dem stadtischen Friedhofe zu Inns-
bruck begraben.
Wenngleich I. seit 188 1 der amtlichen Statistik angehorte, so fand
doch auch seine akademische Tatigkeit wahrend der Wiener Zeit ihre Fest-
setzung, indem er als Honorar-Professor an der Wiener Universitat und 1884 bis
1896 als a. o. Professor an der orientalischen Akademie, ferner als Mitglied
und spater als Vize-Prases der staatswissenschaftlichen und rechtshist. Staats-
Prufungs-Kom. und ferner an der Hochschule fur Bodenkultur wirkte. Mehrere
L'niversitaten und Fakultate wiirdigten ihn des Ehrendoktorates, so jene zu
Cambridge, die Rechtsfakultaten zu Wien, Krakau und Czernowitz und die
Akademien der Wissenschaften zu Wien (korr. Mitglied 1877, ordentl. 1899),
Berlin, Rom sowie die K. Deutsche Akademie der Naturforscher wahlten ihn
zum Mitgliede.
Die ublicherweise mit dem Prasidium der statistischen Zentral-Kommission
in Beriihrung stehenden Verwaltungstatigkeiten schufen fur I. weitere Anlasse
zur Arbeit, so die Mitgliedschaft des Obersten Sanitatsrates, der Zentral-
Kommission fur die Revision des Grundsteuerkatasters, der Erwerbsteuer-
Kontingent-Kommission und im Arbeitsbeirate.
So wie es in der amtlichen Statistik ublich und bei der hervorragenden
Personlichkeit Inamas erklarlich, wahlten die statistischen Stellen des Aus-
landes I. gern zu ihrem Ehren-, korrespondierenden und auswartigen Mitglied,
so die belgische Zentral-Kommission (1888), die statistischen Gesellschaften
zu Paris, London, fur die Schweiz, Griechenland, Nordamerika; das inter-
1 1 8 Inama-Sternegg.
nationale statistische Institut, in dem I. mit grofier Vorliebe weilte, wahlte
ihn 1899 zu seinem Prasidenten. Desgleichen gehorte I. einer Reihe von
Vereinigungen, welche seiner Arbeitsrichtung verwandt waren, als Ehrenmitglied
und in ahnlicher Eigenschaft an, so vornehmlich der Gesellschaft der osterr.
Volkswirte (Pras. 1891/1897), dem n. o. Gewerbe-Verein, der osterr.-ung.
Kolonialgesellschaft, dem ung. Verein fur offentl. Gesundheitspflege, der geogr.
Gesellschaft in Rio de Janeiro etc. Von ganz besonderem Belange fur I.s
Individuality war die Berufung in das Herrenhaus des osterr. Reichsrates
(1891), wo er zwar nicht parteipolitisch prononciert hervortrat, aber aufier-
ordentlich intensiv auf verschiedenen Gebieten arbeitete, so in Angelegenheiten
der Wahlreform, Valutaregulierung, der Handelsvertrage, in Banksachen, am
Gewerbegesetze u. a. m.
Die Krone erkannte I.s bedeutendes Wirken in ebenso auszeichnender
Weise an, wie eine Reihe auswartiger Souverane. I. war Inhaber der Eisernen
Krone II. Kl., sowie des Grofikreuzes des Franz- Josef -Ordens und besafl
liberdies hohe Ordensdekorationen von Italien, PreuBen, Rufiland, Frankreich
und Japan.
Der aufieren Erscheinung nach in den Jahren seines Wiener Aufenthaltes,
also in jener Zeit, in welcher er in der Erinnerung der meisten lebt, war I.
eher klein, stammig, freundlichen, wohlwollenden Gesichtes, mit lebhaften
Augen, die mitunter recht klug iiber die Brillenglaser zu blicken verstanden.
Er gab sich gern einfach, studentisch und akademisch frei, liebte Heiterkeit,
Scherz und frohliche Zusammenkunfte. Wenn notig, verstand er es sehr wohl
— unbekummert, ob es ihm selbst zum Schaden gereiche — , seine Bedeutung
und Stellung nachdriicklich und unbekummert ins rechte Licht zu setzen.
Trat er leitend oder redend auf, riickte seine Personlichkeit sofort in den Vorder-
grund und man erkannte den bedeutenden Geist. Er war ein Meister der Rede,
sprach laut, klangvoll, mit Schwung und Poesie. Im innersten Wesen war er
eine Gelehrtennatur, er fiihlte sich wohl in seinem Studierzimmer, das in Wien,
wo er mit seiner Familie im Schottenhofe 4 Treppen hoch wohnte, allerdings
nicht grofi w r ar, bei statistischen Quellenwerken, Handschriften und Buchern.
Dabei war er von seltener Intuition und Augenblicklichkeit der Erfassung,
die ihn einerseits zu einem gewandten, nie verlegenen, zumeist glucklichen
Debatter und Redner machte, ihn aber in wissenschaftlichen Dingen nicht
selten verleitete, einem ersten Eindruck ohne viel Erwagen Raum zu geben,
wobei I. hie und da auch daneben griff. Ein weiterer Zug seines Wesens war
Universalitat und Hohe des Gedankenfluges, mit Vorliebe fur grofie Probleme.
So verkniipfte er Statistik, Rechts-, politische und Wirtschaftsgeschichte,
politische Okonomie, Verw T altung, Geographie, Anthropologic uberall zu einem
geistigen Knoten und betrachtete jedes Problem aus der Universalitat des
Weltgefiiges in Raum und Zeit. Allerdings behaupten Spezialkenner mancher
seiner Betatigungsgebiete, dafi dabei die Griindlichkeit nicht immer zum vollen
Rechte kam, so insbesondere auch in seinem wichtigsten Forschungsgebiete,
der deutschen Wirtschaftsgeschichte desMittelalters. So wie ihm kein mensch-
liches Interesse fern lag, hegte er besondere Vorliebe fur Literatur und Kunst,
insbesondere fur Musik, die er gern selbst ausubte und deren Entwicklungsgang,
auch die neuesten Schritte, er genau verfolgte. Wohl fehlte oft die Zeit zu
alledem und er mufite sprate Nachtstunden zu Hilfe nehmen, um auf diesem
Inama-Sternegg. 1 1 g
weiten Gebiete, insbesondere dem wissenschaftlichen, im Laufenden zu bleiben.
Dafi dabei flir die Familie, an welcher Inama mit schwarmerischer Liebe hing,
nicht viel Zeit blieb, lafit sich aus dem Vorgesagten leicht ermessen. Und den-
noch fand er immer noch Zeit, sich der humanitaren Tatigkeit, insbesondere
der Armenpflege selbsttatig zu widmen, insbes. als langjahriger President des
grofien Wiener Vereins flir Armenpflege und wer ihn in die Hauser entfernter
Vorstadte wandern sah, um manchen wichtigeren Elendsfall selbst in Augen-
schein zu nehmen, hafte nicht gedacht, welchen Wert jede Viertelstunde der
Zeit dieses Mannes hatte, der nicht zogerte, dem Mitgeftihl fiir die darbende
Menschheit Abendstunden zu opfern, fiir welche er spat in der Nacht Ersatz
schaffen mufite, da er keinen Augenblick seines Lebens ungenutzt voriibergehen
lassen durfte. I.s Lebensbild ware unvollstandig, wollte man nicht des
Tiroler Familienschloflchens und Gutes Lichtenwert bei Brixlegg Erwahnung
tun, in welchem I. mit seiner Familie alljahrlich einige Monate als erholungs-
bediirftiger, freier Mann, Landwirt und Jager, aber auch als Freund und Heifer
der Umgebung in Ausubung seiner Liebe zu Land, Wald und Natur verbrachte. —
Alles in allem genommen und in jedem einzelnen war I. eine bedeutende
Personlichkeit, ein Mann, welcher durch mehr als zwei Dezennien im offent-
lichen Leben Osterreichs, speziell Wiens, eine bedeutungsvolle Stellung ein-
nahm, und dessen Wertung im Hinblick auf die Statistik geradezu international
war, ein vom Gluck begunstigtes, hochemporgetragenes Schicksal, aber auch
ein Mann, der bei aller Anpassungseignung nie seine Individuality aufgab,
weil er eine friihzeitig und dauernd gefestigte, von seinem Werte und seiner
Zukunft uberzeugte Natur war, welche, sich aufzugeben und zu beugen, zu
viel Stolz besafl. Er erstrebte das Hochste im Staatsleben, erreichte viel, aber
gerade manches, was ihm besonders wertvoll schien, nicht, und schied, nuf
dem Andrangen der Arzte folgend, viel fruher als er wohl gedacht hatte, aus
alien seinen vielen Tatigkeitsbereichen.
DieGrundlage alles Denkens I.s tiberVolkswirtschaft, Staatsleben iiberhaupt
und Verwaltungslehre und Statistik im besonderen war die Einheitlichkeit
der Wissenschaft vom sozialen Leben, ferner die besondere Wertung der histo-
rischen und statistischen Forschungsmethode mit einem merklichen soziolo-
gischen Einschlage. Die sozialen Phanomone haben eine innere Einheit und
sind alle nur im Zusammenhange zu erfassen: sie sind gesellschaftlich bedingt,
und darin liegt fiir L die Einheit der Wissenschaft. Diesen Ausgangspunkt
sozialen Denkens zeigen schon die ersten Schriften I.s und ebenso noch
die letzten. Als Nationalokonom und Statistiker gehorte I. der historischen
Forschungsrichtung an. Im Mittelpunkt seiner okonomisch-gesellschaftlichen
Arbeit steht die »DeutscheWirtschaftsgeschichte des Mittelalters«, in 3, resp. 4
Banden 1879, 1891, 1899 und 1901 erschienen, von denen der i.Band von I.s
Sohn und E. Schwind im Jahre 1909 aus dem Nachlasse neu ausgegeben worden
ist. Diese Deutsche Wirtschaftsgeschichte — gleichzeitig Rechtsgeschichte,
in der Arbeitsweise jener Meitzens ahnlich und W. H. Riehls Einflufi unter-
worfen, war I.s Element, sein Stolz und seine Freude, aber auch sein Schmerzens-
kind. In der stillen Gelehrtenzeit 1870 — 1880 schuf er den I. Band und
die Grundlagen sowie zahlreiche Vor- und Nebenarbeiten iiber Geschichts-
quellen, Grundherrschaft, Biirgertum, Preise, Salinen, Geldverhaltnisse etc.
Fiir die ubrigen Bande mufite er sich jedoch in Wien die Mufie miihsam ab-
120 Inama-Sternegg.
ringen. Das Urteil iiber dieses wirtschaftliche Hauptwerk seines Lebens ist
noch nicht geklart. Auf der einen Seite zwei gewaltige Vorzuge: I. schuf eine
nach alien Seiten abgeschlossene Wirtschaftsgeschichte, nicht nur Bruchstiicke,
und er schopfte direkt aus den Quellen. Dem gegeniiber stehen Bedenken
mancher Kritiker — mit denen I. die Fehde durchaus nicht scheute — ob der
zweifelsohne griindlich geschulte, im Auffinden von Quellen gliickliche, im
Erkennen der Bedeutung historischer Fakta genial veranlagte Mann auch
immer die letzte historische Grundlichkeit besafl. — Auch auf statistischem
Gebiete gab I. seinen historischen Neigungen Raum und schrieb ganz ausge-
zeichnete Studien iiber histor. -statist. Quellen, Bevolkerung und Preise, Gang
der Bevolkerung, Volkszahlen der Stadte im Mittelalter etc. und stellte die
Pflege der historischen Statistik geradezu als eine Aufgabe der statistischen
Amter hin. — Als theoretischer Nationalokonom bewegte sich I. mehr in kon-
ventionellen Bahnen; mit Vorliebe beteiligte er sich an Lilienkrons Deutscher
Biographie, soweit Nationalokonomen in Betracht kommen, und tratbei mancher
Gelegenheit mit markanten Ausfiihrungen hervor, so z. B. mit dem »Renten«-
gedanken und mit Ideen iiber »Weltwirtschaft«. Viel mehr fiihlte er sich von
der Verwaltungslehre und einzelnen ihrer Probleme angezogen. In der Wissen-
schaft selbst fiihlte er sich L. Stein kongenial und wagte er sich, 27 Jahre alt,
an eine Verwaltungslehre in Umrissen, dieses seltsame Buch, welches heute
auch in den Kreisen der Studentenschaft, fur welche es geschrieben war, nicht
mehr bekannt ist. Ungleich reicher und weit ausholend sind die Studien iiber
die Entwicklung der Verwaltungslehre und ihres Rechtes, sowie iiber einzelne
Probleme desselben. Mit besonderer Vorliebe behandelte I. Probleme der Boden-
politik und der Handelspolitik, dann aber allgemeine gesellschaftskonstruktive
Fragen; in letzter Hinsicht kehrt stets der Gedanke wieder, dafl das 19. Jahrh.
im wesentlichen nur einen »Abbruch« bedeute, dem die »soziale Rekonstruktion«
zu folgen habe und dafi diese in der Vergesellschaftung zu suchen sei.
I.s Ansichten uber die statistische Theorie sind nirgends systematisch
vereinigt, wohl aber kehren sie in zahlreichen Monographien immer in derselben
Form wieder. I. hatte — seinem entschiedenen, Zweifeln durchaus abholden
Naturell gemafi — eine festgefiigte Meinung iiber die Statistik, diese vielum-
strittene Sphinx; sie ist ihm eine soziologische Lehre, und zwar eine selbst -
standige wissenschaftliche Disziplin, die Wissenschaft von den sozialen Massen.
Sie hat die Aufgabe, diejenigen Zustande und Vorgange des menschlichen
Gemeinlebens klarzustellen, welche sich als Massenerscheinungen von be-
stimmter zahl- und meflbarer GroOe darstellen. Sie ist ihm etwas schlechthin
Einheitliches, Unteilbares und um diesen Gesichtspunkt durchzusetzen, fiihrte
I. Fehden mit dem Dorpater theologischen Moralstatistiker Alex, von Oettingen
und sogar mit seinem Freunde, dem Miinchener Georg von Mayr, welche beide,
allerdings jeder in sehr verschiedener Weise, der Moralstatistik eine Selbst-
standigkeit vindizieren. Welche Bedeutung das »Massen«moment in der Statistik
spiele, ist aus I.s Schriften nicht klar zu entnehmen, es ist ihm eher von metho-
discher, als von objektiver Bedeutung. Statistische Theorie war fur I.
der mit der mathematischen Richtung nicht in Beruhrung trat, im Wesen
die Methodenlehre, und diese lag auch seinem statistischen Seminare im Wesen
zu Grunde. — Als Honorar-Professor der Universitat hielt I. allwinterlich an
den Donnerstag-Abenden in den Raumen der Statistischen Zentral-Kommission
I nam a-Stem egg. I 2 1
statistische Seminariibungen ab, bei denen zumeist seine Junger und die
Beamten des Statistischen Zentralamtes assistierten und iiber welche die
statistische Monatsschrift alljahrlich berichtete. Es versammelten sich da
zumeist 20 — 30 absolvierte Studierende und reifere Junger der Wissenschaft,
welche statistischen, okonomischen und soziologischen Problemen Interesse
entgegenbrachten. Die Arbeitsmethode blieb sich durch die ganzen Jahre
gleich. Es wurde stets (schon fur das nachste Wintersemester im vorherein)
ein einheitliches Thema bezeichnet, welchem die Ubungen gelten sollten;
hieruber erfolgten einleitende Vortrage des Seminarlciters, sodann wurden
die Teilprobleme konstituiert und den Anwesenden zugewiesen, die iiber
diese mundlich zu referieren hatten. Auf Grund des Referates entwickelte
sich die Diskussion, und auf Grund der von den einzelnen Referenten bei-
gebrachten schriftlichen Ausfiihrungen erfolgte die Veroffentlichung des
Seminarberichtes durch die Assistenten. I. war von der Richtigkeit dieser
Art des Seminarunterrichtes iiberzeugt und hielt daran fest, obgleich sich
nicht verkennen laflt, dafi manche Interessenten ihren Neigungen nicht
folgen konnten, weil ihr Arbeitsgebiet gar nicht oder zurzeit nicht an die
Reihe kam: der Lehrzweck wurde wohl voll erreicht, weniger der Lern-
zweck. Die grofite Bedeutung erlangte das Seminar dadurch, dafi in einer
Zeit, in der solche empirische Ubungen in Wien selten waren, eine Statte
geschaffen wurde, an der sich ein grofler Kreis von Jungern versammelte,
welche die Statistik fur ihr Leben wertzuschatzen lernten, welche Wertschatzung
dann in alien jenen Berufen zur Geltung kam, denen sich diese Junger spater
zuwcndeten. Und es lafit sich nicht leugnen, dafi die Statistik im offentlichen
Leben Osterreichs in den letzten 2 Dezennien tatsachlich eine grofie Bedeutung
erlangt hat.
Im Zusammenhang mit diesem Seminare, mit I.s Stellung als eindring-
licher Lehrer und als Chef der Verwaltungs- Statistik und als liebenswurdiger
und bedeutender Mensch, aber auch mit dem Umstande, dafi von vielen
jungeren Gelehrten und Beamten der 8oer und 90er Jahre der Drang nach
statistischer oder nach empirischer Betatigung empfunden wurde, steht die
Entstehung und Ausbreitung einer Statistischen Schule Inama,
welche sich aus jenen Statistikern und Nationalokonomen zusammensetzt,
welche unter dem langjahrigen personlichen Einflusse I.s stehend, eine der
seinigen verwandte Tatigkeit entfalten, gleichgiiltig, ob sie im eigentlichen
formellen Sinne des Wortes seine Schtiler waren; zu dieser Schule gehoren:
E. Mischler (Graz), I. von Roschmann-Herburg (Czernowitz), H. Rauchberg
(Prag), H. Schullern v. Schrattenhofen (Wien, Hochschule fiir Bodenkultur),
F. Schmid (Leipzig, friiher Innsbruck), W. Schiff (Privatdoz., Wien). Diese
Personen waren alle eine Zeit hindurch im Statistischen Amte beschaftigt,
zumeist ehemalige Schtiler aus der Innsbrucker und Prager Zeit I.s; einige
haben selbst statistische Amter organisiert, geleitet oder leiten sie noch
(Mischler Steiermark, friiher Bukowina, Roschmann Czernowitz, Schmid
Bosnien-Herzegowina). Sie waren, in stetem Kontakte mit I. stehend, die
Mitschopfer des Neubaues der amtlichen und wissenschaftlichen Statistik
Osterreichs, I.s Assistenten und waren resp. sind mit I. selbst spater die
Lehrer der Statistik an alien osterr.-deutschen Universitaten Osterreichs
geworden.
12 2 Inama-Stemegg.
Mit I.s Ausscheiden aus Amt und Lehre sind allerdings auch fiir seine
»Schule« minder gunstige Zeiten angebrochen.
Das grofite Lebenswerk I.s, welches er mit starker Hand zu so grofler
Bedeutung emporhob, dafi es sich nach seinem Tode und selbst schon in seinen
letzten Lebensjahren nicht auf derselben Hohe erhalten konnte, war das Ge-
baude der amtlichen Zentralstatistik, seine Leistung als President der k. k.
statistischen Zentral-Kommission. Der Zustand der amtlichen Statistik zur
Zeit seines Amtsantrittes (1881) war geradezu trostlos, und die ganz wenigen
wirklich bedeutenden Lehrer der Statistik jener Zeit fanden in ihr gar keine
Stiitze. Da griff I. gewaltig ein. Seine Devise und seine Erfolge waren:
die Zentralisation der amtlichen Statistik in einer Hand, wenigstens ideell
(allerdings durch die Loslosung der Arbeits- und Finanzstatistik durchbrochen),
die Herbeifuhrung methodischer Verbesserungen auf alien Gebieten, die Be-
lebung der Statistik der Stadte und Landschaften, die Verbreitung eines voll
ausgefuhrten statistischen Baues als Grundlage der Gesetzgebung und offent-
lichen Verwaltung, die Erfullung mit wissenschaf tlichem Geiste und die Schaffung
geeigneter Publikationen (insbesondere die »Osterr. Statistik « als grofies Quellen-
werk und das »Statistische Handbuch« als kurzerer Jahresbericht, das »Osterr.
Stadtebuch« und das »Jahrbuch der autonomenLandesverwaltung«). Fiirwahr,
ein gewaltiges Programm, welches im groflen und ganzen wenigstens in den
Umrissen und in einzelnen wichtigen Gebieten ausgefiihrt worden ist, dank
der unermudlichen Arbeit eines so bedeutenden Geistes, dank der hingebungs-
vollen Mitwirkung begeisterter Jiinger, aber auch durch die Forderung
und Anerkennung, w r elche der Zentralstatistik einige Zeit hindurch seitens
der Regierung und in der Offentlichkeit zuteil wurde. I. erscheint damit
als einer der bedeutungsvollsten, schopferischsten und organisatorisch belang-
reichsten Statistiker des 19. Jahrh., gleich Czoernig, Engel, Bockh, Bodio,
Lavasseur u. a. Gewifi bleiben in dem gewaltigen Programme noch vieleGebiete
unausgeftihrt, und es ist abzuwarten, welche Zukunft der amtlichen Zentral-
statistik in Osterreich beschieden ist.
Die souverane Beherrschung der allgemein gefaflten Probleme, die Grofl-
ziigigkeit seiner Auffassung und seine Vorliebe fiir Weltprobleme liefien I.
an den Staatsgrenzen nicht haltmachen. Er betrat vielmehr alsbald das
Gebiet der internationalen Statistik mit ebenso unbestrittenem Erfolge wie
auf alien anderen. Er erlangte schnell einen dominierenden Einflufi in den
hygienisch-demographischenKongressenund in dem internationalen statistischen
Institute. Das hohe Niveau, welches die internationale Statistik in den letzten
20 Jahren einhielt, so dafi sie in aufierlicher Hinsicht an die glanzvollen Tage
des alten, allerdings nicht immer inhaltlich vollwertigen Internationalen Kon-
gresses erinnerte, ist zum grofien Teil I.s, des langjahrigen Prasidenten,
Verdienst. Er gab der internationalen Statistik — an Stelle der fruheren effekt-
losen »Programme« — die Richtung der ernsten unausgesetzten Mitwirkung
aller wissenschaf tlichen und amtlichen Statistiker der Welt an den methodischen
Problemen der Statistik, und das Bulletin de VInstitut International de Sta-
tistique gibt hiervon beredtes Zeugnis ab. Allen Kongressen w r ohnte I.
mit unermudlicher Spannkraft bei, prasidierend, die Kommissionsverhandlung
belebend und inspirierend; liberall suchte und fand er groflzugige Anknupfung
an die fuhrenden Geister und ersten Manner aller Staaten, sich ihnen eben-
Inama-Sternegg. 1 23
blirtig fuhlend. Dieses Weltprasidium der Statistik war neben der Herrenhaus-
wiirde und der hochsten menschlichen Wiirde jener des liebevollen Hausvaters
I.s letzte Blirde und Freude.
Biographien: E. Mischler, K. Th. von Inama-Sternegg, Rede gehalten in
der Gesellschaft der osterr. Volkswirte in Wien am 19. Januar 1909; in Schmollers Jahrbuch
fur Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reiche, XXXIII, 3. —
Derselbe: K. Th. v. Inama-Sternegg, in der Osterr. Rundschau, 18. Jahrgang, I. Hft.
(1909). — H. Rauchberg: K. Th. von Inama-Sternegg, Ztschr. f. Volksw., Sozialpol. und
Verwaltung, XVIII, 1. — Handworterbuch der Staatswissenschaften.
Bibliographie: Selbstandige Schriften. Probevorlesung in Miin-
chen : Die volkswirtschaftliche Bedeutung der reinen Geistesarbeit, 1868. — Deutsche Wirt-
schaftsgeschichte, 3 Bande, Leipzig 1879 — 1901, I. Bd. 2. Aufl. 1909. — t)ber die Emanzi-
pation der Fraucn, Innsbr. 1869. — Die Tendenz der GroBstaatenbildung in der Gegenwart,
ebenda 1869. — Verwaltungslehrc in Umrissen, ebenda 1870. — Untersuchungen uber das
Hofsystem im Mittelalter, ebenda 1872. — Idealismus und Realismus in der Nationalokonomie,
ebenda 1873. — Die tirolischen WeiBtiimer, 3 Bde. (mit J. V. Zingerle), Wien 1875 — 1880. —
Adam Smith etc., Innsbr. 1876. — Die Ausbildung des grofien Grundbesitzes in Deutsch-
land wahrend der Karolingerzeit (Staats- u. soziale Forschungen), Leipzig 1878. — Die per-
sbnl. Verhaltnisse der Wiener Armen, 2. Aufl. 1899. — Staatswissenschaftliche Abhandlungen,
Leipzig 1903, 2. Reihe (unter dem Titel : Neue Probleme des modernen Kulturlebens), ebenda
1908, zumeist eine Sammlung der verstreut veroffentlichten Studien. — Obersicht
uber die in Zeitschr. u. Sammelwerken enthaltenen Arbeiten:
Raumers h. Taschenb. Folgen des Krieges 1864; Entwickelung der deutschen
Alpendbrfer 1874. — Hist. V. fur Oberbayern, Jahresber. 1865, Joh. G. Mayr.
— Zeitschr. f. Staatswissensch., 1865: Der Akzisestreit deutscher Finanz-
theoretiker im 17. — 18. Jahrh.; die Lehre vom Staatsgebiet 1869, 1870, 1872. —
Cottas deutsche Vierteljahrsschrift, 1 867 : Inhalt und Grenzen des Staats-
lebens; Zur Landwirtschaftspolitik. - — Wiener Welt-Ausstellung 1873, Beitrage
zur Geschichte der Preise. — Zeitschr. f. deutsche Kulturgeschichte,
1875: Haus und Hof zur Zeit Walters v. d. Vogelw. — Akad. der Wissensch. Wien,
phil-hist. Kl. 1877: Quellen deutscher Wirtschafts-St.; 1886: Verfass. der deutschen Salinen
im Mittelalter. — Jahrb. f. Nat. undStatistik, 1878: Wert und Preis in der altesten
d. Volksw.; 1880: Herrenschwand ; Hornick. — Archivalische Zeitschr., 1878:
Urbanien. — Deutsche Revue, 1883: Alte und neue Kolonisation; 1881: Die Anfange
des d. Burgertums. — Statist. Monatsschrift, 1886: Die Quellen der histor. Be-
volkerungsstatistik; die Quellen der hist. Preisstatistik; 1887: Die Wiener Getreidepreise im 18.
Jahrh.; 1906: Stadt. Volkszahlen im Mittelalter; 1888: F. X. v. Neumann-Spallart; 1889,
Czoernig; ferner zahlreiche Abhandlungen aus den einzelnen Gebieten der Statistik, insbes.
Osterreichs in den Jahrgangen 1882 — 1899. — Mitt, der Wiener Anthrop. Ge-
sellschaft, 1885: nat.-dk. Vorstellungen bei Naturvolkern ; 1889, 1896, 1899: Flurverfass.
und Ansiedelung. — Demogr. Kongr. IV. Die Entwicklung der Bevolkerung Europas
seit 1000 Jahren; Generationsdauer u. G.-wechsel. — Pauls Grundrifi der germ.
P h i I 1. 1889, 1898: «Wirtschaft«. — Mitt. derGesellschaft osterr. Volks-
wirte , 1890: Sinken der Preise. — Wiener Zeitschr. f. Volks w., S o z i a 1 p. u.
Verw., 1892: Anfange deutschen Stadtewesens; 1893: Referat tiber die Wahrungs-Reform;
190$: Sonntagsruhegesetz; Arbeitszeit im Bergbau; 1907: Neuere Schriften zur deutschen
Wrrtschaftsgeschichte. — Zeitschr. f. Sozial- und Wirtschaf tsgeschichte,
1893: Goldwahrung in Deutschland im Mittelalter. — Berl. Bankarchiv, 1906:
Osterr. Bankstatistik. — H a n d w. d. S t a a t s w., Art. Bevolkgeschichte im Mittelalt. und
bis zum Ende des 18. Jahrh.; Stande. — Intern. Stat. Institut, Bulletin, 1887:
Histor. Statistik. — Festgabef. G. Hanssen, 1889: Sallandstudien. — Festgabe
f. Schmoller, 1908: Theorien d. Grundeigen turns u. der Grundrente. — Ferner zahl-
124 Inama-Stemegg. Schwabe.
reiche Biographien in der Allgem. deutschen Biographic — Seit 1892 war I. Mitherausgeber der
Wiener Zeitschr. f. Volksw. Sozialpol. und Verwaltung. — Von den Referaten und Berichten
im osterr. Herrenhaus sind namentlich jene uber die mitteleurop. Handelsvertrage, 1891,
Valuta-Reguiierung, 1892, und das allgem. Wahlrecht, 1906, zu erwahnen.
Ein weniger guter Stich I.s in der Manier der offiziellen Portraits, und zwar ira
Brustbild, befindet sich in den Amtszimmern der K. K. Statistischen Zentral-Kommission. —
Eine hochst gelungene Medaille wurde ihm von seinen Freunden im Jahre 1906 iiberreicht.
Dieselbe enthalt auf der Vorderseite das Kopfbildnis I.s und die Umschrift Viro illustrissimo
Carolo Tkeodoro Inama d* Sternegg — Strenuo rerum publicarum observaiori exploraiari
descriptors anno MCMVI socii et amici D. D, D. Die Rvickseite zeigt eine weibliche Figur
im antiken Gewande und Helm, in der linken Hand die Fackel, mit der rechten den Schleier
von einer Sphinxgestalt luftend. — Eine Ausfuhrung in Lebensgrofie, in rotem Marmor, ist
im Sitzungssaal der K. K. Statistischen Zentral-Kommission angebracht
Graz. E. Mischler.
Schwabe, Ludwig, ordentlicher Universitatsprofessor der klassischen
Philologie und Archaologie, * 24. Juni 1835 in Giefien, f 20. Februar 1908
in Tubingen. — Sch.s fernere vaterliche Vorfahren waren Pfarrer in Thu-
ringen, sein Grofivater kam als Professor der Medizin 1788 nach Giefien, wo
dann sein Vater als Kantor und Musiklehrer eine angesehene Stellung einnahm.
Seine Schulbildung bis zur Reifeprufung empfing Sch. im Giefiener Gymnasium
(Ostern 1844 bis Ostern 1853), und den grofiten Teil seiner Studienjahre (Ostern
1853 — 54 und wieder 1855 — 57) brachte er in Giefien zu. Die nachhaltigsten
wissenschaftlichen Einflusse nahm er aber wahrend seines zweiten akademischen
Jahres (Ostern 1854 — 55) an der Universitat Gottingen auf. Er hat hier klas-
sische Philologie, Archaologie und auch die damals noch junge Wissenschaft
der Sprachvergleichung unter K. Fr. Hermann, W. Schneidewin, L. Lange
und Fr. Wieseler getrieben. Nachdem er im Fruhjahr 1857 in Giefien
die Staatsprufung bestanden und zugleich mit seiner Prufungsarbeit De nomo
Pythio promoviert, darauf als Probekandidat am Giefiener Gymnasium gedient
hatte, ubernahm er Anfang 1858 die Leitung einer Privatknabenschule. Am
20. August 1859 habilitierte er sich als Privatdozent an der heimischen Uni-
versitat mit einer Schrift De deminutivis Graecis et Latinis, die, auf sprach-
vergleichender Grundlage beruhend, bis jetzt (1910) die einzige diesen Gegen-
stand als Ganzes behandelnde Arbeit ist. i860 verheiratete er sich mit Minna
Langermann, die ihm in einer aufierordentlich gliicklichen Ehe 2 Sohne und
2 Tochter geboren hat. Die Vorlesungen des Privatdozenten erstreckten sich
von Anfang an auf beide alten Sprachen, ihre Grammatik und die Interpretation
ihrer Literaturdenkmaler, mit starkerer Betonung der Poesie. Bald fand er
den ihm kongenialen Gegenstand, dessen Bearbeitung.nun fur langere Zeit den
Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Studien gebildet und seinen Gelehrtenruhm
begrtindet hat, in den Gedichten des Catullus. Feiner dichterischer Geschmack,
solide Forschung, gluckliche Divination und Gewandtheit des lateinischen Stils
wirkten zusammen, um seine Quaestiones Catullianae (Giefien 1862), eine literar-
historische Vorarbeit zu seiner Catull-Ausgabe, zu einer der zugleich gediegensten
und genufireichsten Leistungen der damaligen Philologie zu machen. Catull
steht nun durchaus im Vordergrunde seiner wissenschaftlichen Tatigkeit bis
1866, in welchem Jahre er mit seiner ersten Catull-Ausgabe einen gewissen Ab-
schlufi erreicht hat. Mittlerweile war Sch. 1863 auflerordentlicher Professor in
Schwabe. 1 25
GieCen und 1864 ordentlicher Professor der Beredsamkeit, altklassischen
Philologie, Asthetik und Geschichte der Kunst in Dorpat geworden. Ein wohl-
gelungener Vortrag, den er liber die Wiederauffindung und erste Verbreitung
des Catull im Mittelalter auf der Meifiener Philologenversammlung Herbst 1863
gehalten hatte, war der Berufung nach Dorpat forderlich gewesen. Seine lehrende
und administrative Tatigkeit auf der deutsch-russischen Universitat, wo er
unter dem erleuchteten Kuratorium des Graf en Keyserling und in freundschaft-
lichem Verkehr mit deutschen Gelehrten wie Bergmann, Adolf Wagner, Leo
Meyer u. a. gluckliche Jahre verlebt hat, war eine aufierordentlich vielseitige.
Die Art, wie er sich alien diesen Aufgaben sowie den Anforderungen des ge-
selligen Lebens an seinen Humor, seine Gewandtheit und Schlagfertigkeit ge-
wachsen zeigte, hat ihm von seiten aller beteiligten Kreise freudige Anerkennung
eingetragen. Zu den sprachwissenschaftlichen und erklarenden Vorlesungen
auf griechischem und lateinischem Gebiete kamen noch solche iiber Enzyklo-
padie und Methodologie der Altertumswissenschaft, uber romische Altertumer
und Topographie und besonders iiber antike Kunst. Mehr und mehr verschiebt
sich in Dorpat Sch.s wissenschaftliche Arbeit nach der Archaologie hin, fur
die er sich freilich einen wichtigsten Teil der Vorbildung, die Autopsie, erst
nachtraglich erwerben mufite. Von November 1868 bis September 1869 hat
er seine grofie archaologische Reise gemacht, die ihn von Berlin liber Italien
nach London fiihrte. Erganzungen dazu bilden ein schon vorausgegangener
kurzer Besuch in Paris (1867), ein spaterer in Petersburg (Weihnachten 1 871)
und eine kurze Reise nach Griechenland (Marz bis April 1883). Diese Betonung
der Archaologie neben der langst bewiesenen philologischen Tlichtigkeit liefien
Sch. als den geeigneten Mann erscheinen fur die philologisch -archaologische
Professur in Tubingen, die durch die Berufung von Ad. Michaelis nach Strafl-
burg 1873 erledigt war. Sch. nahm den Ruf um so lieber an, als die Dorpater
Verhaltnisse seit dem Riicktritt des Graf en Keyserling 1869 und dem Einsetzen
der Russifizierungsversuche unliebsam zu werden begannen.
Der ganze Rest seines Wirkens gehort der Tubinger Universitat. Langsam,
wie es die bescheidenen Verhaltnisse mit sich brachten, aber stetig arbeitete
er hier an der Erweiterung und Verbesserung der Mittel fur den archaologischen
Unterricht; mit den Gipsen ist er zweimal umgezogen, bis er, wenige Tage vor
seinem Tod, noch die Befriedigung erlebte, sie in wiirdigen Raumen geschmack-
voll aufgestellt zu haben; die Mlinzsammlung verdankt ihm einen Katalog,
und er hat sie auch fur Vorlesungen uber antike Numismatik ausgenutzt. Immer
mehr treten hier archaologische Vorlesungen in den Vordergrund, doch las er
auch sein enzyklopadisches Kolleg weiter und interpretierte einzelne griechische
und romische Autoren, meist Dichter, in Vorlesungen und Seminarubungen.
Die Geschaftsleitung des philologischen Seminars, in die er nach Teuffels Tod
1878 eingetreten war, hat er erst 1902, die Mitwirkung am Unterricht in diesem
Institut erst 1906 aufgegeben. Seine wissenschaftliche Produktion lag wahrend
des groCten Teils seiner Tubinger Jahre meist in einer anderen Richtung als
die lehrende Tatigkeit. 1876 widmete er der Tubinger Philologenversammlung,
deren zweiter President er war, die musterhaft plinktliche Schrift de Musaeo
Nonni imitatore, die in vorzuglicher Weise die sprachliche und metrische Techni
der spatesten griechischen Epikerschule illustriert, und nach Wilhelm Teuffels
Tod ubernahm er die Bearbeitung neuer Auflagen von dessen romischer Lite-
126 Schwabe. Woltcr.
raturgeschichte. Er hat diesem unubertroffenen Nachschlagebuch in einer
vierten (1882) und einer fiinften (1890) Auflage seine Brauchbarkeit durch
sorgfaltigste Nacharbeit und Erganzung nicht nur erhalten, sondern gesteigert.
Zwischenhinein vollendete er (1886) eine zweite Auflage seiner Catull-Ausgabe.
Als Mitarbeiter der neuen, von Wissowa redigierten Realenzyklopadie lieferte
er einige groBere Artikel zur romischen Literaturgeschichte (Apuleius, Tacitus und
Quintilianus). In die spatere Zeit fallen aber auch noch zwei Arbeiten archao-
logischer Art in Tiibinger Programmen, iiber die Geschichte der archaologischen
Sammlung der Universitat Tubingen (1891) und liber die kaiserlichen Decennalien
und die alexandrinischen Mtinzen (1896).
Sch. gehorte nicht zu den Bahnbrechern seiner Wissenschaft, aber er hat
ihre Aufgabe von Anfang an in einem grofien und universalen Sinn aufgefaQt
und er ist ein echter Humanist gewesen, ein orator und poeta von bedeutendem
Formgeschick im lateinischen wie im deutschen Stil, klar, elegant, heiter in
allem, was er tat, sprach und schrieb, daher auch uberall ein sehr geschatztes
Mitglied der Gesellschaft, der er sich gern widmete und die er ohne Vordring-
lichkeit anmutig zu beleben wuflte. Er besaC aber auch eine voile Gelehrten-
befahigung und machte an sich selbst, was Formulierung und Durcharbeitung
der Probleme betrifft, hohe Anforderungen, denen das, was er hat drucken
lassen, tatsachlich auch geniigt; es sind verhaltnismafiig wenige, aber ausgereifte
Fruchte. Im Lehrvortrag bemuhte er sich, vielleicht ctwas mehr als manchem
seiner Horer, zumal unter den etwas schwerblutigen und anspruchsvollen
schwabischen Studenten, erwiinscht sein mochte, um gefallige Form. In den
Interpretationen und Ubungen zeigte und schulte er die echt philologische
Kunst, im kleinsten Punkt die grofite Kraft zu sammeln, und eben damit hat
er, besonders in seiner Catull-Vorlesung, auf seine Schiiler am meisten anregend
gewirkt: zu wissenschaftlicher Weiterarbeit verstand er noch in seinen letzten
Jahren auf dem Gebiet der Numismatik erfolgreich anzuleiten. Die mafivolle
Feinheit seines Urteils, sein freier und weiter Blick, sein gediegenes Wissen,
sein herzliches Wohlwollen und die schlichte Vornehmheit seines Charakters —
alles das vermochte voll erst der gereifte Mann zu wiirdigen, dem naherer
Verkehr mit ihm vergonnt war. Wem er sich ganz erschloC, der lernte in
ihm eine Ehrfurcht und Liebe fordernde Verkorperung der edlen Eigenschaften
kennen, die bei gliicklicher Anlage aus der selbstlosen Vertiefung in die Kultur-
welt des klassischen Altertums und der lebhaften Teilnahme an dem Geistes-
leben der Gegenwart erwachsen konnen und sollen.
Vgl. Theodor Klett im Jahresbericht iiber die Fortschritte der klassischen Altertums -
wissenschaft, begnindet von C. Bursian, herausgegeben von W. Kroll, 37. Jahrgang 1909,
B± 145 B, S. 51 — 64.
Tubingen. W. S c h m i d.
Writer, Plazidus, mit dem Taufnamen Ernst, 2. Erzabt der Beuroner
Benediktiner-Kongregation, * 24. April 1828 in Bonn, t 13- September 1908
in Beuron, Hohenzollern. — Entstammte einer angesehenen Burgcrfamilie der
rhein. Universitatsstadt. Der Vater, Lorenz W., verstand es, mit angeborenem
padagogischen Takt seine zahlreichen Sohne zu tuchtigen Mannern zu erziehen.
E. W. machte seine philosophischen, juristischen und theologischen Studien
Wolter. 127
in Bonn. 185 1 in Koln zum Priester geweiht, war er zunachst in der Seelsorge
und an den Lehranstalten in Viersen und Aachen (Domschule) tatig; trat
1855 in die Benediktinerabtei St. Paul in Rom ein. i860 begleitete er und
sein altester Bruder Rudolf (Maurus) die Fiirstin Katharina von Hohenzollern
auf einer Reise in das hi. Land. Noch im selben Jahre verliefien beide Bruder
mit dem Auftrag und Segen Pius IX. Rom, um, einer Aufforderung der Fiirstin
folgend, in der Heimat ein Kloster ihres Ordens zu grunden. Nach einigen ver-
fehlten Versuchen wurde 1863 in dem ehem. Augustinerkloster St. Martin
in Beuron im Donautal (Hohenzollern) eine Niederlassung errichtet, welche
das Mutterkloster fiir die Kongregation dieses Namens werden sollte. Der
durch seine literar. Arbeiten (funfbandiges Psalmenwerk, Psallite sapienter,
Praecipua ordinis monastici elementa, Bruges 1880, Herder u. a.) bekannte
Dr. Maurus W. war 1. Prior, spater Abt und Erzabt von Beuron. Er war
»der Mann der groBen Ideen und weiten Entwurfe, ein Meister voll Lehr-
weisheit«. P. Plazidus »mehr auf das Kleine bedacht, sorgsam, wachsam, voll
unermudlichem Eifer, die rechte Hand seines Bruders, stark durch seinen
Glauben, mit dem er alle Schwierigkeiten zu uberwinden wufite«. Unter diesen
beiden, sich in gliicklicher Weise erganzenden Mannern mufite bald eine mach-
tige und weitverzweigte monastische Familie erwachsen. Die schwierigen und
opfervollen Aufgaben, wie sie Neugrundungen stellen, fielen PI. W. zu. 1871
finden wir ihn in Arnstein bei Limburg. Nachdem diese Griindung aufgegeben,
war er 1874 als 1. Prior in Maredsous in Belgien; 1876 in gleicher Stellung in
Erdington in England; 1878 kehrte er als I. Abt v. Maredsous nach Belgien
zuriick, leitete unter groOen Schwierigkeiten deninneren undauOerenAusbau der
stattlichen, von den edelmiitigen Brudern Desclee gestifteten Abtei und griindete
das angesehene Kolleg {ecole abbatiale) derselben. Dazwischen fielen geschaft-
liche Reisen nach Rom (Approbation der Beuroner Konstitutionen), England,
Schottland usf., zahlreiche seelsorgliche Arbeiten in Seminarien und Klostern
und lebhafter Verkehr mit dem Mutterkloster. Dieses muOte, der kirchen-
politischen Maigesetze wegen, 1875 verlassen werden. Die Monche fanden in
Osterreich Aufnahme, woselbst die Abteien von Emaus in Prag und Seckau
in Steiermark gegrundet wurden. 1887 kehrte Erzabt Maurus nach Beuron
zuriick. Nach dessen am 8. Juli 1890 erfolgten Tode wurde Abt Plazidus zu
seinem Nachfolger in der Regierung von Kloster und Kongregation erwahlt.
Neue Unternehmungen drangten sich ihm ungesucht auf, da er, seiner Natur
nach, die Stille des klosterlichen Regel-Lebens vorgezogen hatte. So 1892
die Neugriindung der ehemaligen Abtei Maria-Laach. In dieser Angelegenheit
hatte Erzabt PL Audienz bei Kaiser Wilhelm II., der ihm seither huldvolle
Zuneigung schenkte, 1897 selbst Laach besuchte und den Erzabt mehrfach
auszeichnete (1897 r. Adl.-O. II. Kl. m. Stern; gelegentlich der Jubilaen 190 1
Kron.-O. I. Kl. m. d. Zahl 50, 1906 Bronzebuste Sr. Maj.); 1894 wurde er
vom HI. Stuhl veranlaBt, Monche nach Brasilien zu schicken, um die dortigen
Kloster des Ordens neuzubeleben, in dcmselben Jahre schlossen sich auch
2 portugies. Kloster der Kongregation an; 1899 griindete er das Kloster, spater
Abtei St. Joseph b. Coesfeld i. W. ; 1899 ernannte er Abte v. St. Thomas in
Erdington und auf dem Mont Cesar in Lowen (letzteres Griindung nach
Maredsous); 1906 wurde eine Niederlassung b. Kempen (Rhein) gemacht und
im selben Jahre das Heiligtum »Maria Heimgang« auf dem Sion in Jerusalem
I2 8 Wolter. Fell.
(auf dem v. S. M. dem Kaiser dem Verein fiir das hi. Land uberlassenen
Grundstiick) iibernommen. Obgleich seit 1893 leidend, doch stets tatig und
urn die klosterliche Ordnung und Observanz treu besorgt, prasidierte der Erzabt
den jedes 3. Jahr stattfindenden Generalkapiteln der Kongregation und visitierte
samtliche Kloster (7 Manner- und 3 Frauenabteien) bis wenige Wochen vor
seinem im 81. Lebensjahr erfolgenden Tod. Unter ihm entwickelte sich die
Kongregation, deren Kloster sich hauptsachlich mit Pflege des liturg. Gottes-
dienstes (Choral), seelsorglichen und wissenschaftlichen Arbeiten und Ausiibung
der bildenden Kiinste (Beuroner Kunstschule) beschaftigen, zu hoher Blute.
Von Natur rasch, lebhaften Geistes, impulsiv und von starkem Willen,
verklarte sich seine edle Personlichkeit durch ubernaturliche Glaubensauf-
fassung und Selbstzucht zu harmonisch ausgeglichener Wtirde, liebenswurdiger
Herzlichkeit und Giite, Milde und Weisheit.
Die Bedeutung und GroBe W.s lag nicht auf den Gebieten des offentlichen
Lebens. Sein unermiidliches Wirken war ganz seinem Orden und dessen segens-
reicher Tatigkeit gewidmet.
P. Sebast. v. Oer, Erzabt Placidus Wolter, Freiburg, Herder 1909. — A. Schott, Leben
und Wirken d. Erzabts Maurus Wolter, Stuttgart, Sudd. Verl. 1891. — D. Ursmer Berliere,
Oraison funibre p. D. Placide Wolter, Tournay, Desctee 1 908. Nachruf der Koln. Volksztg.
Nr. 749v. 14. Sept. 1908. s v. O e r.
Fell, Winand, Dr. theol. et phil., Professor der alttestamentlichen Exegese
an der westfalischen Wilhelmsuniversitat, * zu Aachen am 13. Dezember 1837,
f am 5. Juli 1908 zu Munster i. W. Er machte seine humanistischen Studien
am Kaiser-Karl-Gymnasium zu Aachen, um sich dann von 1857 — 1860 in Munster
und Bonn dem Studium der katholischen Theologie und der orientalischen
Sprachen zu widmen. Am 7. September 1861 in Koln zum Priester geweiht,
wurde er Kaplan an der Pfarrkirche St. Ursula zu Koln. Im Jahre 1869 erhielt
er Urlaub zur Fortsetzung der orientalischen Studien und horte bis 187 1 zu
Leipzig und Berlin die Vorlesungen von H. 0. Fleischer, Krehl, Rodiger u. a.
Im Sommer 1871 promovierte er in Leipzig zum Dr. phiL mit der Dissertation
Canones apostolorunt Aethiopice. Nach dem AbschluG seiner Studien ubernahm
er 1873 die Stelle eines Religions- und Oberlehrers am Marcellen-Gymnasium
zu Koln und blieb in dieser Stellung bis zum Jahre 1886. Ostern 1886 trat er
als Ordinarius fiir alttestamentliche Exegese in die theologische Fakultat der
Akademie zu Munster ein, die ihn gleichzeitig mit dem Titel eines Dr. theol.
ehrte. Seitdem wirkte er ununterbrochen an dieser im Jahre 1902 zu einer
Universitat erhobenen Lehranstalt. Im Jahre 1893/94 bekleidete er das Amt
eines Rektors und ofters war er Dekan der theologischen Fakultat. Mit der
Diozese Munster verband ihn das Amt eines Examinator prosynodalis, mit
der philosophischen Fakultat sein Amt als Examinator des Hebraischen und
der Religionslehre fiir die Studierenden der Philologie. Der Staat ehrte seine
Verdienste durch mehrere Ordensauszeichnungen. Als Gelehrter wegen seiner
theologischen und orientalistischen Kenntnisse hochangesehen, war er in seincn
Vorlesungen und seinen theologischen Werken stets der Vertreter eines streng
kirchlichen Standpunktes. Das katholische Volk ehrte an ihm seine tiefe
Frommigkeit. Seine zahlreichen Schiiler riihmten seine stets gleichbleibende
Fell. Loe.
129
Freundlichkeit, die alien mit Rat und Tat zur Seite stand. Ein Herzschlag
machte am Sonntag, dem 5. Juli 1908, seinem Leben ein Ende. Im Jahre 1878
gab er heraus: Indices ad Beidkawii commentarium in Coranum (Leipzig, Verlag
von F. C. Vogel), als Erganzung zu dem von H. O. Fleischer schon 1846 — 1852
herausgegebenen Korankommentar des Beidhawi. In der Zeitschrift der deut-
schen morgenlandischen Gesellschaft (ZDMG) erschien 1881 im 35. Bde. S. 1 — 7
der Artikel: die Christenverfolgung in Sudarabien und die himjarisch-athio-
pischen Kriege nach abessinischer (Jberlieferung und 1900 im 54. Bde. S.
231 — 259 Sudarabische Studien 1. Zur Erklarung der sabaischen Gottesnamen.
1906 gab er sein Lehrbuch der allgemeinen Einleitung in das Alte Testament
heraus (Paderborn, Schoningh, Xu. 244 S. in 8°). Nach seinem Tode erschien
der Artikel: ^Der Bibelkanon des Flavius Josephus (Bibl. Zeitschrift, 1909).
% D.'Bernhard Vandenhoff.
Lo8, Walter Degenhard, Freiherr v., K. preufi. Generalfeldmarschall, * 9.
September 1823 auf Schlofi Allner im Siegkreis, f 6. Juli 1908 zu Bonn. Einer
dem westfalischen Uradel angehorigen Familie entstammend, besuchte L. die
katholische Ritterakademie in Bedburg (Kreis Bergheim im Reg.-Bez. Koln),
die er als vorzuglichster Abiturient verliefl, studierte alsdann in Bonn, wo er dem
Corps Borussia angehorte, und dienteals Einjahrig-Freiwilliger bei dem 5. Ulanen-
Regiment in Dusseldorf. Beim Ausbruch der Erhebung in den Elbherzog-
tumern trat er als Sekondleutnant in das 2. Dragoner- Regiment der schleswig-
holsteinischen Armee und nahm als solcher an dem Feldzug teil. Am 16. Januar
1849 trat er sodann als Leutnant im 3. Husaren-Regiment in die preuflische
Armee ein und machte den badischen Feldzug mit; seine Laufbahn als hochbe-
gabter Reiteroffizier nahm ihre entscheidende Wendung, als er im Jahre 1857
zuerst zum Adjutanten des Generalgouvernements der Rheinprovinz und
Westfalens, das Jahr darauf sodann zum personlichen Adjutanten des General -
gouverneurs, namlich des Prinzen von Preufien, ernannt wurde. Er blieb in
der personlichen Umgebung des Prinzen, seit dessen Thronbesteigung als Fliigel-
adjutant. Nachdem er 1862 den Prinzen Albrecht von Preufien auf einer Reise
in den Kaukasus begleitet hatte, wurde er 1863 zur Botschaft in Paris komman-
diert und nahm in dieser Stellung 1864 unter General Rose an dem Feldzug
in Algerien teil. Seine eingehenden Berichte erwiesen sich spaterhin als eine
durchaus zutreffende Beurteilung des franzosischen Heerwesens. Wahrend des
Krieges von 1866 in das Konigliche Hauptquartier berufen, bewahrte er sich
in derSchlacht bei Koniggratz als sicherer Taktiker. Im deutsch -franzosischen
Kriege kommandierte er das 7. Husarenregiment, das namentlich auf den Kampf -
platzen des Nordens sich zu bewahren hatte, und erwarb sich das Eiserne Kreuz
erster Klasse. Nach dem Krieg kommandierte er die 21. und die 3. Kavallerie-
Brigade, sodann die 5. Division, inzwischen zum Generalleutnant, General h la
suite und Generaladjutanten aufsteigend, von 1884 — 1895 sodann als General
(seit 1893 a l s Generaloberst) der Kavallerie das VIII. (rheinische) Armeekorps.
Am 16. Januar 1895 wurde er zum Gouverneur von Berlin und Oberbefehls-
haber in den Marken ernannt. Am 28. April 1897 trat er in den Ruhestand
und siedelte nach Bonn iiber, aber weder sein Avancement noch seine Be-
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog-. 13. Bd. o
1 30 Loe. Monckeberg,
tatigung im offentlichen Leben fanden damit ihr Ende. Die Verleihung des
Schwarzen Adlerordens und die Berufung zum lebenslanglichen Mitglied des
preufl. Herrenhauses und die am 1. Januar 1905 erfolgte Beforderung zum
Generalfeldmarschall waren deutliche Zeichen der hohen Gunst und des aufler-
ordentlichen Vertrauens, das Kaiser Wilhelm II. dem Mitarbeiter und be-
geisterten Verehrer seines Grofivaters zollte. Einen besonderen Ausdruck fand
dieses Vertrauen in der Yerwendung L.s zu verschiedenen diplomatischen
Missionen im Ausland, insbesondere zu solchen, zu denen seine treu katholische,
aber nicht ultramontane Gesinnung verbunden mit seiner unbedingten An-
hanglichkeit an Kaiser und Reich ihn geeignet erscheinen liefl. Ein Memoiren-
werk: Erinnerungen aus meinem Berufsleben (Stuttgart 1906, Deutsche Ver-
lags-Anstalt) umfafit leider nur den Zeitraum bis 1867, enthalt aber auch so
eine Fulle interessanten Stoffes und erlaubt manchen Einblick in die lebendige
Personlichkeit des Verfassers. Aus der am 24. Mai 1859 geschlossenen Ehe
Loes mit Franziska geb. Grafin von Hatzfeldt-Trachenberg verwitweten v.
Nimptsch ist eine Tochter hervorgegangen. Dr Hermann D i e z.
Monckeberg, Johantl Georg, J. U. Dr., hamburgischer Senator und
Burgermeister, * zu Hamburg 22. August 1839, f ebendaselbst 27. Marz 1908.
M. entstammt einer im 17. und 18. Jahrhundert in Munder am Deister (Kreis
Springe, Rbz. Hannover) ansassigen Familie, von der nach der Mitte des 18.
Jahrhunderts zwei Bruder, Johann Jiirgen (Georg) und Ernst Friedrich, an
der Elbe einwanderten, ersterer in Altona, letzterer in Hamburg. Schon der
den Namen des Oheims tragende zweite Sohn Ernst Friedrichs stieg in der neuen
Heimat zu hoher Wurde und ansehnlichem Wohlstand auf. Hervorragender
Advokat und Protokollist der Kommerz-Deputation, wurde der »Lizentiat«
beider Rechte Johann Georg Monckeberg 1826 zum Senator gewahlt, und als
er am 30. April 1842, einige Tage vor dem Ausbruch des grofien Brandes, starb,
trauerte Hamburg um ihn als einen im Senat schwer zu ersetzenden, durch
Verfassungskunde, Klugheit, Humanitat, Rechtschaffenheit und Charakter-
festigkeit ausgezeichneten Mann. Es scheint, als ob die Personlichkeit des
Grofivaters in den wichtigsten und wertvollsten Seiten ihres Wesens in dem
gleichnamigen Enkel wieder aufgelebt ware.
Von den sechs Sohnen des Lizentiaten und Senators hat nur ein einziger,
der funfte, die Familie f ortgepflanzt. : Carl Monckeberg, geb. am 3. Marz 1807,
seit 1837 Pastor zu St. Nicolai, einer der ersten Hamburger Geistlichen, die
sich von dem bis dahin herrschenden Rationalismus abwandten, im Jahre
1877 namentlich wegen seiner Verdienste um die Revision der Lutherbibel
von der Leipziger Fakultat zum Doktor der Theologie promoviert, vermahlt
mit Johanna Louise Schroder, Tochter des Oberalten Anthon Diederich Sch.
Dieser Ehe entsproflte der nachmalige Burgermeister als altester Sohn.
J. G. M. besuchte das Hamburger Johanneum und im Anschlufl daran das
sog. Akademische Gymnasium, studierte in Heidelberg und Gottingen Rechts-
wissenschaft, promovierte 1862 als Doktor utriusque juris und liefi sich dann
als Advokat in seiner Vaterstadt nieder, um bald darauf als Syndikus und
Aufsichtsratsmitglied in die Verwaltung der Berlin-Hamburger Eisenbahn-
gesellschaft einzutreten. Seine ehrenamtlicheTatigkeit imDienste der Vaterstadt
Mttnckeberg. 1 3 I
beginnt er als Armenpfleger und Lcutnant des Biirgermilitars ; 1872 wurde er in
die Burgerschaft und als Schriftfiihrer alsbald auch in deren Vorstand gewahlt,
in das Armenkollegium und als dessen Vertreter in das Medizinalkollegium,
1873 in das Waisenhauskollegium berufen. Wenige Jahre spater, am 3. Juli
1876, wurde er an Stelle des in den Ruhestand tretenden Burgermeisters
Dr. Haller in den Senat gewahlt. Entsprechend der Organisation der ham-
burgischen Staatsverwaltung hat M. sich im Laufe der Jahrzehnte auf den
verschiedensten Gebieten betatigt und bewahrt, so insbesondere auch als Mit-
glied der Oberschulbehorde und des Kirchenrats, als Landherr und als Mitglied
der Kommission f ur den hoheren Verwaltungsdienst. Das Feld seiner eigentlichen
Tatigkeit fand er in der Finanzdeputation, der er von 1877 — 1880 als Mit-
glied, von 1885 bis zu seinem Tode als Prases angehorte.
M. ist somit 23 Jahre lang Finanzminister der freien und Hansestadt
gewesen, und zwar zu einer Zeit, in der das alte Hamburg zur modernen Welt-
stadt und zum Riesenemporium des Deutschen Reiches sich entwickeln sollte.
In seinem Nachrufe fur den verewigten Amtsgenossen hat Biirgermeister Dr.
Burchard am 13. April 1908 hervorgehoben, dafi M. in Sachen der allgemeinen
Staatsverwaltung niemals Enthusiast, vielmehr ein Mann kuhler, sachlicher
Oberlegung gewesen sei, der seinen erheblichen Einflufi auf die Gestaltung des
Jahresbudgets der Behorden und damit des Staatshaushalts im Sinne einer
gewissen Vorsicht mit Bezug auf die Inangriffnahme kostspieliger Kultur-
aufgaben geubt habe, sobald diese nicht die nachstliegenden Interessen des
Stadtstaates beruhrten. Dieselbe Vorsicht beobachtete er regelmafiig bei der
Etatsaufstellung als solcher, so dafi die Voranschlage meist mit erheblichen
Fehlbetragen abschlossen, wahrend das Finanzjahr selbst ganz stattliche t)ber-
schiisse ergab. Dieses System gab wohl auch zur Kritik Anlafi; die gunstigen
Jahresabschliisse, die auf solche Weise zustande kamen, hatten aber jeden-
falls die wertvolle psychologische Wirkung, dafi das hamburgische Biirgertum
von freudigem Vertrauen auf die finanzielle Soliditat und Leistungsfahigkeit
des Gemeinwesens erfiillt wurde, das die grofiziigige Losung der gestellten
Aufgaben wesentlich erleichterte. Diese Aufgaben waren, nachdem das grofi-
artige Werk des Zollanschlusses mit seinen gewaltigen Bauten und Delogierungen
vollendet war, insbesondere die durchgreifende Sanierung der Stadt, deren
Notwendigkeit durch die Cholera- Epidemie des Jahres 1892 zum Schlufi noch
einmal so furchtbar beleuchtet worden war, sodann die Festlegung und Durch-
fuhrung der Bebauungsplane und die Losung des schwierigen Verkehrspro-
blems durch die Wahl und Ausfuhrung eines umfassenden Stadt- und
Vorortsbahnprojekts. Dazu kam die niemals ruhende Erweiterung der Hafen-
anlagen und die schwierige Arbeit der Erhaltung und Vertiefung des Elbfahr-
wassers. Auf alien diesen Gebieten hat M. Grofies geleistet und sich bleibende
Verdienste um Hamburgs Grofie und Wohlfahrt erworben. Eine Tatigkeit, die
ihm schon nach den Traditionen seines Elternhauses sehr am Herzen lag, war
auch die der kirchlichen Verwaltung, die in Hamburg bei begrifflich und recht-
lich reiner Scheidung von Kirche und Staat durch Personalunion mit der
Staatsverwaltung verbunden ist, und der er als Prases des Kirchenrats und
der Synode seine Kraft gewidmet hat.
Fur das Burgermeisteramt, das in Hamburg von drei Senatsmitgliedern und
in der Regel, aber durchaus nicht immer und nicht notwendigerweise,
9«
j ^2 Mtfnckeberg.
von den drei amtsaltesten Juristen des Senats in der Weise verwaltet zu werden
pflegt, dafi der Gewahlte im ersten Jahre als zweiter, im zweiten Jahre als
erster Burgermeister funktioniert, wahrend er im dritten Jahre pausiert, um
dann von neuem in den Turnus einzutreten, wurde M. zum ersten Male fur
das Jahr 1889 gewahlt; er bekleidete somit in seinem Todesjahre zum achten
Male das hochste Amt, das seine Vaterstadt zu vergeben hat, das eines Prasi-
denten des Senats und ersten Burgermeisters. Diese Stellung verlangt abgesehen
von den Anforderungen des Vorsitzes als solchen insbesondere auch represen-
tative Eigenschaften, und auch sie hat M. in ungewohnlichem Mafle besessen.
Kaiser Wilhelm soil von ihm gesagt haben, er sei der beste Redner, den es in
Deutschland gebe, und tatsachlich sprach er trotz sorgfaltigster Vorbereitung
anscheinend vollstandig frei, aus der Gedanken- und Stimmungswelt des Augen-
blicks schopfend, in vollster Harmonie von Inhalt und sprachlicher Form, geist-
voll und schlicht. So namentlich auch bei dem jahrlichen Festmahl des Nord-
deutschen Regattavereins auf der Unterelbe, zu dem ihn nicht einmal eine
besondere Neigung zog, weil er z. B. schon die Klub -Uniform nicht liebte.
Aber er wufite, was die Sympathie des Kaisers fur die See, das Hanseaten-
tum und den Wassersport bedeutete, die namentlich auch bei diesen Anlassen
zum Ausdruck kam. Und er war wie seiner Vaterstadt so auch dem in heiflen,
schweren Kampfen glorreich geschaffenen Deutschen Reich und seinem Ober-
haupt in aufrichtiger Begeisterung zugetan und verbunden. Burgermeister
Burchard hat auch diese bestimmenden Zuge seiner Gesamtpersonlichkeit,
die in einer ungewohnlich hohen, stattlichen Erscheinung und namentlich
auch in einem ungemein anziehenden, seelenvollen Augenpaar einen charak-
teristischen Ausdruck fand, in dem schon erwahnten Nachruf klassisch
nachgezeichnet :
»Biirgermeister Monckeberg war eine charaktervolle, vorurteilslose, inner -
lich freie Personlichkeit, von seltener und uberaus vielseitiger Begabung, und
von einer Leichtigkeit und anscheinenden Muhelosigkeit der Produktion, wie
sie auch Hochbegabten nur ausnahmsweise beschieden ist Zugleich ein Redner,
der die Horer zu bezwingen und zu fesseln wufite durch die Anmut und iiber-
zeugende Kraft seines Vortrags: mochte er in begeisterten Worten von Kaiser
und Reich den nationalen Gedanken feiern oder bei der Einfuhrung eines neu-
gewahlten Senatsmitgliedes in geistvollen Ausfiihrungen den ihm eigenen
Gedankenreichtum kundgeben, mochte er eine Ausstellung eroffnen oder war
es eine wissenschaftliche Vereinigung, der seine Begriifiung gait, oder die Ver-
tretung des Budgets oder einer sonstigen Vorlage in der Biirgerschaft: wo
immer er offentlich auftrat, war was er bot ein Kunstwerk, geschaffen von einer
die Kunst der Rede in souveraner Weise beherrschenden, in sich geschlossenen
und ihrer selbst sicheren Personlichkeit. «
M. war im Grunde seines Wesens ein konservativer Mann; die bestehende
Ordnung in Staat, Gesellschaft, Kirche u. s. w. war ihm ein unendlich wert-
voller Kulturbesitz und ein Fortschritt nur auf dem Wege organischen Weiter-
baues in harmonischem Zusammenhang mit dem geistigen Leben der Ver-
gangenheit moglich. Der Gedanke, dafi an Stelle dieser Ordnung ein Chaos
treten konnte und sollte, in dem alles verloren ginge, was die Menschheit seit
Jahrhunderten geschaffen, war ihm unertraglich, und Bestrebungen, die einen
Neubau auf dieser Grundlage bezweckten, erschienen ihm als Torheit und
Monckeberg. 1 3 3
Frevel. Er beklagte, dafi eine aufrichtige und wirksame soziale Reform -
politik so auOerordentlich erschwert werde durch die Sozialdemokratie, die
sich zu Unrecht Arbeiterpartei nenne, weil sie lediglich mit Hilfe der
Arbeiter die politische Macht erringen wolle, um so ihre religions-, gesell-
schafts- und ordnungsfeindlichen Absichten zu verwirklichen. Der Kampf
gegen diese Partei des Umsturzes erschien ihm als heilige Pflicht und wenn
er Mittel wie das sog. Umsturzgesetz als wenig glucklich und wirksam erkannte,
so hielt er es doch fur ungerechtfertigt, derartige Versuche als Bedrohung
der Gedankenfreiheit zu brandmarken. Die Forderung einer Ruckwarts-
revidierung des Reichstagswahlrechts, die ein ihm personlich nahestehender
Politiker einmal in offentlicher Rede vertrat, lehnte er aus praktischen Er-
wagungen ab, weil der Versuch doch aussichtslos sei und lediglich ein wert-
volles Agitationsmittel fur den Gegner bilde, und so wurde auch von glaub-
hafter Seite versichert, dafl er die im Jahre 1906 beschlossene Anderung
des Hamburger Burgerschaftswahlrechts nicht gebilligt habe, wenn er sich
auch der Mehrheit fiigte.
Es war ein Beweis fur die ganz ungewohnliche Arbeitskraft Monckebergs,
dafl er neben der gewaltigen Last seiner amtlichen Arbeit noch eine Fiille frei-
willig ubernommener Verpflichtungen trug. So war er namentlich der Geo-
graphischen Gesellschaf t in Hamburg jahrzehntelang ein glanzender Vorsitzender
und ein unermiidlicher Forderer. Der kiinstlerischen Seite seiner Personlich -
keit aber hat er indirekt selbst ein hochragendes Denkmal gesetzt in dem
unvergleichlichen Hamburger Bismarck-Monument von Lederer und Schaudt,
dessen einzigartiger Grofle und Schonheit er als Leiter des Denkmalkomitees
gegeniiber allem Widerstand und aller Kritik des Philistertums zum Siege
verhalf.
M. hatte sich am 6. Juni 1867 mit Elise Mathilde geb. Boxberg, der Adop-
tivtochter des Senators Ad. Tesdorpf, vermahlt. Der uberaus harmonischen
und glucklichen Ehe sind neun Kinder entsprossen. Die alteste Tochter ist
mit dem Rechtsanwalt und Reichstagsabgeordneten Dr. Johannes Semler
vermahlt; eine andere ist dem Gatten nach Obersee gefolgt, so dafi auch in
der engeren Familie des Burgermeisters der kosmopolitische Zug des Hanse-
atentums zum Ausdruck kam; der alteste Sohn Carl Monckeberg, auch schrift-
stellerisch hochbegabt und als Dichter mehrfach hervorgetreten, ist in diesem
Jahre in die Hamburger Biirgerschaft gewahlt, und zwar als Kandidat des
entschiedenen Liberalismus. Er ist, wie es heiflt, damit beschaftigt, eine Bio-
graphie seines Vaters zu schreiben. Das reiche und ungetrubte Gluck seines
Hauses ist offenbar eine der starksten Quellen gewesen, aus denen M.s uner-
mudliche Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit floC.
Seine aufiere Erscheinung ist vielfach und von hervorragenden Meistern im
Bilde festgehalten worden. Auf dem Gruppenbilde des Hamburger Senats,
das Hugo Vogel fur das neue Rathaus gemalt hat, tritt er, mit seinen Kollegen
O'Swald und Lehmann unmittelbar hinter dem Burgermeister Dr. Versmann
stehend und in dieser zweiten Reihe dem Beschauer am nachsten, besonders
charakteristisch und wirkungsvoll hervor. Sein in der Hamburger Kunsthalle
hangendes Bildnis von Wilhelm Trubner wird dagegen seiner Erscheinung
nicht vollig gerecht.
Dr. Hermann Diez.
1 34 Speck v. Stemburg.
Speck von Sternburg, Hermann, Freiherr, kais. deutscher Botschafter,
* 21. August 1852 zu Leeds in Yorkshire (England), f 23. August 1908 zu
Heidelberg. — Als Sprofl eines alten, angesehenen, in Sachsen (Ltitzschena bei
Leipzig) ansassigen, urspriinglich aber aus Bayern stammenden Geschlechts
auf englischem Boden von einer englischen Mutter geboren und so mit der
englischen Sprache von Kindheit an vertraut, besuchte Sp. v. St. die Fursten-
schule von St. Afra in Meiflen, trat 1870 in das 2. sachsische Reiter- Regiment,
in welchem er wahrend des Krieges zum Offizier aufriickte, und war Rittmeister
im Generalstab, als er 1888 als Militarattach6 an die Botschaft in Washington
kommandiert wurde. Im Jahre 1891 wurde er als Major zur Disposition gestellt
und trat nun formlich in die diplomatische Laufbahn iiber, gehorte von 1891
bis 1896 als Legationssekretar zur Gesandtschaft in Peking, war langere Zeit
bei den Gesandtschaften in Buenos Aires und Belgrad tatig und kehrte 1898 als
erster Sekretar der Botschaft nach Washington zuriick. Nun naherte sich sein
Leben rasch seinem Hohepunkte. Als Mitglied der internationalen Kommission,
die am 13. Mai 1899 auf Samoa eintraf, um den nachgerade unertraglich
gewordenen Wirren und Zwistigkeiten ein Ende zu bereiten, errang er seinen
ersten groflen diplomatischen Erfolg; er hatte, wie man sich erzahlt, seinen
amerikanischen Kollegen Bartlett Tripp schon wahrend der Uberfahrt fur
den deutschen Standpunkt zu gewinnen gewufit, so dafi der englische Kommissar
sich von Anfang an in der Minderheit befand. So konnte die Kommission
in zweimonatiger Tatigkeit ihre aufierordentlich schwierige Aufgabe durch
die Vereinbarungen losen, auf denen nachher der bis heute giiltige Samoa-
Vertrag von 1900 aufgebaut wurde. Dieser Vertrag war eine erste Frucht des
sich anbahnenden besseren Verstandnisses und Einverstandnisses zwischen dem
Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten, deren Verhaltnis wahrend des
amerikanisch-spanischen Krieges unter dem Argwohn weiter amerikanischer
Kreise gegen die Absichten der deutschen Politik gelitten hatte, was speziell
auch wahrend der Samoa-Wirren in der deutsch-feindlichen Stimmung und
Stellung der amerikanischen Marine-Offiziere zum Ausdruck gekommen war.
Sp. v. St. dagegen war schon wahrend dieses Krieges in ein immer naheres
Freundschaftsverhaltnis zu Theodore Roosevelt getreten, den er bei der Bil-
dung, Ausriistung und Fuhrung seines Rough -Rider- Regiments mit fach-
mannischem Rate unterstlitzte und den er in abenteuerlichem und gefahr-
lichem Parforceritt auch einmal auf seinem exponierten Posten wahrend des
kubanischen Feldzugs aufsuchte. Im Jahre 1 900 trat er, schon damals ein
trefflicher Kenner Amerikas und ein aufrichtiger Freund amerikanischer Sitte
und Art, in noch innigere Beziehungen zur vornehmen amerikanischen Gesell-
schaft durch seine Vermahlung mit Mifl Lillian M. Langham aus Louisville.
Im Jahre 1901 fuhrte ihn seine berufliche Laufbahn nochmals nach Asien,
und zwar nach Kalkutta, wo er etwa zwei Jahre als Generalkonsul wirkte.
In demselben Jahre aber wurde Theodore Roosevelt, der 1899 zum Vizepra-
sidenten gewahlt war, durch die Ermordung des Prasidenten Mac Kinley in
das Weifie Haus berufen, und als nun 1903 der deutsche Botschafter v. Hol-
leben abberufcn wurde, da erschien Sp. v. St. trotz der Kiirze seiner diplo-
matischen Dienstzeit als der gegebene Mann fur diesen wichtigen Posten, den
er fiinf Jahre lang bekleiden sollte. Seine Tatigkeit als Botschafter blieb,
wie es sich bei solch ungewohnlicher Karriere eigentlich von selbst verstand,
Speck v. Sternburg. Schlumberger. 13c
nicht ohne Anfechtung und Widerspruch; er war insbesondere den »alldeutsch«
gerichteten Kreisen der Heimat, aber auch einem Teil des Deutsch-Amerikaner-
tums zu sehr Amerikaner geworden, und so wurde behauptet, der vertraute
Freund des Prasidenten sei nicht geeignet, die Wurde des Deutschen Reichs
entsprechend zu wahren: zum mindesten musse er alle personlichen Gegner
des Prasidenten von vornherein gegen sich haben. Mit der siegreichen Popu-
larity Roosevelts wuchs indessen naturgemafi auch die Stellung des Bot-
schafters und im ubrigen war gerade er mit dem amerikanischen Wesen genug
vertraut, um zu wissen, da6 ein Botschafter, wollte er anders erfolgreich tatig
sein, sich beim amerikanischen Volke beglaubigt fuhlen und seine Popularitat
namentlich auch bei grofien Versammlungen, patriotischen Festen u.s. w. pflegen
mufite. So gelang es ihm, seine Stellung mehr und mehr zu befestigen. Schon
auf dem Deutschen Tag der Weltausstellung in St. Louis am 6. Oktober 1904
hatte er begeisternde Worte zur Wiirdigung des Augenblickes gefunden, wo so
viele Tausende und Zehntausende von Mannern und Frauen deutschen Blutes
sich zusammengefunden hatten wie noch nie zuvor in der Geschichte der groBen
amerikanischen Republik, und als er darauf den kaiserlichen Grufi und Wunsch
verlas, dafi dieser Tag in ungetriibter Freude begangen werden moge »als wiir-
diges Zeugnis dessen, was in der erstaunlichen Entwickelung des groBen trans-
atlantischen Freistaates die deutsche Einwanderung bedeutet«, da erhoben
sich alle Anwesenden, die Manner entbloBten das Haupt und die Stimmung
der Stunde entlud sich in einem dreifachen Hoch auf den Kaiser und in dem
tausendstimmigen Gesang der »Wacht am Rhein«. Aus den folgenden Jahren
ist insbesondere das Zustandekommen einer wenn auch nur provisorischen
Regelung der deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen sowie die Einrichtung
der Austauschprofessuren zu erwahnen, insbesondere aber das stetige sichtbare
Wachstum des guten Willens der beiden Volker, in Freundschaft und frucht-
baren Wechselbeziehungen miteinander zu leben. Und diesen hocherfreulichen
Erfolg der in Wort und Schrift gleich unermiidlichen Aufklarungs- und Ver-
sohnungsarbeit des Botschaf ters, der gleichzeitig mit dem Prasidenten Roosevelt
zum Ehrendoktor der beruhmten Harvard- Universitat in Cambrigde (Boston)
ernannt wurde, konnte es nicht beeintrachtigen, wenn man hin und wieder
in der Heimat fand, dafi er in dem einen oder anderen Ausdruck einer offent-
lichen Rede danebengegriffen habe. Das unbegrenzte Vertrauen des Kaisers
hielt ihn unbedingt. — Leider liefl der Gesundheitszustand Sp. v. St.s bald
nach dem Antritt seiner Stellung als Botschafter sehr zu wiinschen ubrig. Ein
krebsartiges Leiden machte wiederholte Eingriffe notig. In Heidelberg, wo er
Heilung suchte, nachdem er noch im Friihjahr eine Reise durch Kuba unter-
nommen hatte, ereilte ihn sein friiher Tod, der von beiden Volkern, ins-
besondere aber auch von dem Prasidenten Roosevelt in einem iiberaus herz-
lichen Beileidstelegramm an den Deutschen Kaiser beklagt wurde. — Der Vater
des Botschafters, Alexander Maximilian Frhr. Speck v. Sternburg, lebt noch
heute auf Liitzschena. Dr. H e r m a n n D i e z.
Schlumberger, Johann von, elsassischer GroBindustrieller und Politiker,
Kais. Wirklicher Geheimer Rat, Dr. pkiL hon. c. y * 24. Februar 18 19 zu Geb-
weiler, f daselbst 13. September 1908. — Geboren als Sohn eines Fabrikbesitzers
ig6 Schlumberger.
und durch die Tradition der Familie gleich seinem Vater zum Industriellen
bestimmt, zeigte Johann (Jean) Schl. seit seinen Jugendjahren ein uber diese
Tradition weit hinausgehendes Bildungsinteresse. Ein langerer Aufenthalt in
der Schweiz trug viel zur Weckung des freien, schlichten Biirgersinnes bei,
der ihn sein Leben lang erfiillte und auszeichnete; in Paris forderte er seine
fachwissenschaftlichen Kenntnisse an der *Ecole centrale des arts et des manu-
facture s« } wahrend sein vielseitiger Geist und Wissenstrieb zugleich im Rechts-
studium und in der Pflege der schonen Wissenschaften Befriedigung suchte und
fand. Im Alter von 25 Jahren nach Gebweiler heimgekehrt, ubernahm er die
vaterliche Fabrik, ein Jahr spater vermahlte er sich mit Clarisse Dollfus, der
Tochter einer alten Miilhauser Patrizierfamilie, zu mehr als 6ojahriger, uberaus
glucklicher Ehe, der sechs Kinder entsprofiten. Neben seiner Berufstatigkeit
fand er andauernd Interesse und Zeit fur die Betatigung auf den verschieden-
sten wissenschaftlichen Gebieten, insbesondere auf denen der Geschichtswissen-
schaft und der Altertumskunde, aber auch die Naturwissenschaften, namentlich
Botanik und Entomologie waren ihm eine Quelle reichen Genusses und der
im Jahre 1873 gegrundete Vogesen-Verein fand in ihm eines seiner ersten, tat-
kraftigsten und begeistertsten Mitglieder. Von hoher entscheidender Bedeutung
war fur Schl. die grofie Umwalzung des Jahres 1870/71 und es ist wesentlich
mit seinem mafligenden EinfluB zuzuschreiben, wenn die Entwickelung der
Dinge in den wiedergewonnenen Provinzen bei alien Schwierigkeiten einen
leidlich befriedigenden Gang nahm. Dem durch Erlafl vom 29. Oktober 1874 ge-
schaffenen LandesausschuB gehorte er von Anbeginn an und wenn seine Wahl
zum Prasidenten das erste Mai bei gleicher Stimmenzahl zweier Bewerber
nur durch das Los erfolgte, so war er doch bald der selbstverstandliche, der
geborene President und konnte, ein geradezu einzigartiger Fall, zugleich mit
dem Jubilaum des Landesausschusses im Jahre 1900 sein 25jahriges Jubilaum
als President feiern. Was ihn in dieser Stellung auszeichnete, war neben seiner
erstaunlichen Arbeitskraft und unermudlichen Arbeitsfreudigkeit sein immer
zur Versohnung neigender Charakter und sein auf Milderung der Gegensatze
bedachter Sinn, der keine Feindschaft, ja nicht einmal eine Gegnerschaft gegen
den allverehrten Prasidenten aufkommen lieB. Der kaiserliche Dank fur diese
politische Wirkung wurde ihm in der Verleihung des erblichen Adels und in
der Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat zuteil. Die Gattin des Staats-
sekretars Max v. Puttkammer, die hochbegabte Schriftstellerin Alberta v. P.,
hat ihr auf jahrelange Beobachtung gestiitztes Urteil tiber die besonders durch
schone Ziige von Humanitat anmutende Personlichkeit Schl.s folgendermaflen
formuliert: »Er wirkte wie eine Verkorperung der Ehrenhaftigkeit, des Altruis-
mus und der burgerlichen Tugend in Staat und Familie. Er hat von Anbe-
ginn der deutschen Regierung im wiedergewonnenen Reichsland zu den wenigen
Bekennern der Politik gehort, die den neuen Boden der geschichtlichen Tat-
sachen anerkannten und den Mut besaBen, dieses Anerkennen auch zu einem
Bekennen zu machen. Er stellte sich, obgleich damals schon bejahrt, fest und
jugendlich in die Reihen derer, die ihre Kraft mit der neuen Regierung gemein-
sam der Verwaltung ihres engeren Vaterlandes widmeten. Seine GroBherzigkeit
gegentiber »Enterbten« der Menschheit, sein streng rechtlicher Sinn, seine
arbeitsfreudige Rustigkeit und sein vermittelnd herzliches Wesen haben ihm
die Freundschaft aller Kreise erobert.* Im Oktober 1903 wurde er durch Krank-
Schlumberger. FUrst Innhausen und Knyphausen. 137
heit genotigt, das Amt, das er fast ein Menschenalter hindurch seinem Heimat-
lande und defli Reich zum Segen gefuhrt, niederzulegen. Sein Tod wurde im
ganzen Lande aufrichtig und tief betrauert. Dr Hermann D i e z.
Innhausen und Knyphausen, Edzard Friedrich Ludwig Karl Adolf
Theodor, 1, Ftirst zu, Edler Herr zu Lutetsburg und Bergum, Durchlaucht,
* 14. Dezember 1827 zu Hannover, f 16. Januar 1908 zu Lutetsburg bei Hage
in Ostfriesland. — Das Geschlecht der Graf en zu Inn- und Knyphausen, dessen
jeweiligem Oberhaupt vom Kaiser Wilhelm II. zum 1. Januar 1900 der Fiirsten-
titel verliehen wurde, geht in der weiblichen Linie auf die Hauptlinge zuriick,
die im 13. Jahrhundert in Ostfriesland emporkamen, und der Kern des alten
Familienbesitzes Lutetsburg im Kreise Norden hat sich ebenso erhalten wie
die eigenartigen Vornamen. Im Jahre 1737 erlosch die altere Linie des Hauses,
die im Laufe der Jahrhunderte in den Reichsfreiherrn- und Reichsgrafenstand
erhoben worden war: die jungere Linie erlangte im Jahre 1816 die Erhebung
in den hannoverschen Grafenstand. Ihr gehorte der Vater des Fursten Edzard,
Graf Karl, vermahlt mit Luise geb. Grafin von Kielsmannsegg, an, der langere
Jahre als hannoverscher Gesandter am Berliner Hofe tatig war. Graf Edzard
besuchte von 1842 bis 1847 die Ritterakademie in Liineburg, studierte bis
1850 Rechtswissenschaft in Bonn, wo er dem Korps Borussia beitrat, und
Berlin, arbeitete von 1 850 bis 1854 als Auskultator beim Kreisgericht Berlin
lind wurde 1856 in die hannoversche Erste Kammer berufen und zum han-
noverschen Kammerherrn ernannt. Nach dem Ubergang Hannovers an PreufJen
wurde er, durch den im Jahre i860 erfolgten Tod seines Vaters zum Haupt
der Familie geworden, Mitglied des Provinziallandtages, in dem er lange Jahre
den Vorsitz fiihrte, spater auch des Provinzialausschusses und der reformierten
Gesamtsynode. Da dem der Familie I. u. Kn. gehorigen Fideikommifl das
Recht der erblichen Mitgliedschaft im Herrenhause verliehen wurde, trat er
im Jahre 1867 auch in das Herrenhaus ein. In den Reichstag, wo er sich als
Hospitant der konservativen Fraktion anschloB, wurde er von seinem heimat-
lichen Wahlkreis (dem I. hannoverschen, Emden-Norden-Weener-Leer) zum
ersten Male im Jahre 1893 entsandt, dann wieder von 1899 ab. Am 16. Januar
1904 wurde er zum Prasidenten des preufiischen Herrenhauses gewahlt, am
4. Jahrestag dieser Wahl ist er gestorben. Am 27. Januar 1898 war er zum Kgl.
preufl. Wirklichen Geheimen Rat ernannt worden: am 1. Januar 1900 erfolgte,
wie schon erwahnt, die Verleihung des Flirstentitels an das jeweilige Haupt
der Familie.
Die politische Stellung des Fursten beruhte hauptsachlich auf dem
personlichen Ansehen, das er in dem alten Stammland seines Geschlechtes im
auBersten Nordwesten deutschen Landes genofi. Er war ostfriesischer Land-
schaftsrat und 35 Jahre lang Vorsitzender des landwirtschaftlichen Haupt-
vereins Ostfriesland. In diesem jahrzehntelangen innigen Zusammenwirken
war die autoritative Stellung des alten ostfriesischen Dynasten und Stammes-
hauptlings gleichsam in moderner Form wieder aufgelebt und als das Muster-
bild eines ritterlich vornehmen, einfluSreichen ostfriesischen Groflen genoG
Furst E. hohe Verehrung und unerschutterliches Vertrauen. Seine ganz auCer-
gewohnliche personliche Beliebtheit im ganzen Lande verschaffte ihm auch das
!^8 Ftlrst Innhausen und Knyphausen. Ehrhart. Douglas. Holleben.
Reichstagsmandat trotz der starken Verbreitung liberaler Anschauungen in
dem Wahlkreise.
Aus seiner am 7. Juni 1 86 1 geschlossenen Ehe mit Luise Freiin v. Krassow,
aus dem Hause der Grafen v. Krassow, Herrin des Fideikommisses Pansewitz
auf Riigen sind 8 Tochter und ein Sohn, der nunmehrige Fiirst Dodo, her-
vorgegangen. Dr. H e r m a n n D i e z.
Ehrhart, Franz Josef, Reichstags- und bayerischer Landtagsabgeordneter,
* 6. Februar 1853 zu Eschbach (Rheinpfalz), f 20. Juli 1908 zu Ludwigshafen. —
E. besuchte bis 1861 die Volksschule seines Geburtsortes, sodann bis 1864 die
katholische Volksschule zu Furth in Bayern, lernte sodann ebendort das Tape-
ziergewerbe, arbeitete als Handwerksgehilfe in England, Frankreich und Bel-
gien und liefi sich 1882 in Ludwigshafen nieder, wo er 1885 Meister wurde. In
demselben Jahre wurde er in den Stadtrat gewahlt, seit 1902 gehorte er auch
dem Distriktsrat an. Der sozialdemokratischen Partei hatte sich E. schon im
Jahre 1872 angeschlossen, seit 1884 kandidierte er regelmaflig flir den Reichs-
tag, eroberte aber im Jahre 1898 zum ersten Male den 1. pfalzischen Wahlkreis
(Speyer-Ludwigshafen), den er bis zu seinem Tode im Reichstage vertrat. Dem
bayerischen Landtage gehorte er seit 1893 an, und wahrend er im Reichstage
wenig hervortrat, hat er hier eine bedeutsame Rolle gespielt und auch aufierhalb
seiner Partei voile Achtung genossen. Dr Hermann D i e z.
Douglas, W i 1 h e 1 m Ludwig Karl Graf von, badischer Groflgrundbesitzer
und zeitw. Reichstagsabgeordneter, * 8. Februar 1849 auf Villa Douglas bei
Konstanz, f 22. April 1908 auf Schlofl Gondelsheim bei Bret ten. — Einer
der grofiten Grundbesitzer Badens, insbesondere als Universalerbe des am
II. Juni 1872 gestorbenen Grafen Ludwig von Langenstein und Gondelsheim,
eines Bruders seiner Mutter, hat Graf W. D. lange Jahre in den landwirt-
schaftlichen Kreisen des Groflherzogtums eine ftihrende Rolle gespielt: er war
Vorsitzender des Bundes der Landwirte und Mitglied des Vorstandes der
konservativen Partei. Von 1888 bis 1898 vertrat er den 13. badischen Wahl-
kreis (Bretten-Sinsheim) im Reichstage. ^ Hermann Die z.
Holleben, Dr. Ernst Albert Ludwig von, Exzellenz, K. preufl. Oberlandes-
gerichtsprasident a. D. und Kanzler im Konigreich Preuflen, * 15. April 181 5
in Koblenz, | am 25. April 1908 zu Kassel. — H. trat im Jahre 1836 in den
preuflischen Justizdienst, wurde 1868 Obertribunalrat, 1879 Senatsprasident
beim Kammergericht und 1885 Oberlandesgerichtsprasident in Konigsberg,
ein Amt, mit dem traditionsgemafi eines der vier groflen Hofamter im (alten)
Konigreich (Ost-) Preuflen verbunden ist, das des Kanzlers: als solcher trat
H. 1886 in das preuflische Herrenhaus ein. Im Jahre 1888 wurde er zugleich
zum Kronsyndikus ernannt, d. h. zu einem der Rechtsgelehrten, die auf Ver-
langen der Krone iiber zweifelhafte staatsrechtliche Fragen Berichte zu erstatten
haben. Seit 1899 hatte er sein Richteramt niedergelegt. Im Herrenhause
fungicrte er lange Zeit als Altersprasident. Dr Hermann Diez.
Meyer. Beckh. 130
Meyer, Df, Alexander, freisinniger Politiker und Schriftsteller, * 22. Februar
1832 zu Berlin, f 27. Juni 1908 zu Friedenau bei Berlin. — Studierte nach
Absolvierung des Werderschen Gymnasiums an der Universitat seiner Heimat-
stadt die Rechte und holte sich nach einigen Jahren praktischen Justiz-
dienstes an der Universitat Wiirzburg die Doktorwiirde, wandte sich dann
aber — von 1 862 ab — der Journalistik zu. Von 1864 bis 1866 gehorte er
der Redaktion der Weserzeitung in Bremen an, schon damals ein begeisterter
Vertreter der Freihandelslehre, der er sein Leben lang treu geblieben ist, weil
sie ihm immer nicht nur ein verstandesmafliges Ideal, sondern zugleich eine
Sache des Herzens und des Charakters war. Daneben aber verfocht er in
jenen Jahren die deutsche Politik Bismarcks mit voller Hingabe. Von 1866
bis 1871 Sekretar der Breslauer Handelskammer, 1871 bis 1876 General-
sekretar des Deutschen Handelstages, trat er im letztgenannten Jahre als
Abgeordneter fur Breslau (1876 — 88) in das preuflische Abgeordnetenhaus ein,
dem er sodann wieder von 1892 bis 1893 a ' s Vertreter von Berlin II ange-
horte. Von 1 88 1 bis 1890 und von 1893 bis 96 vertrat er den Wahlkreis
Halle, von 1890 bis 1893 den I. Berliner Wahlkreis im Deutschen Reichstage.
Durch die Sezession von 1880 schied er aus der nationalliberalen Partei aus
und trat der neu gegnindeten Liberalen Vereinigung bei, die sich 1884 mit
der Fortschrittspartei zur Deutschen Freisinnigen Partei verschmolz. Er ge-
horte aber folgerichtig auch zu den Abgeordneten, die in der Krisis von 1893
sich wieder von Eugen Richter trennten und in der Freisinnigen Vereinigung
eine Partei schufen, die unbeschadet ihres wirtschaftlichen und politischen
Liberalismus die Wege der bedingungslosen Opposition in Heeres- und Flotten-
fragen verliefl. Im Laufe des Jahres 1896 wurde die Wahl M.s fur ungiiltig
erklartund damit endete seine parlamentarische Tatigkeit. Von 1884 bis 1895
gehorte er der Berliner Stadtverordnetenversammlung an, in der er zwei
Jahre lang auch das Amt eines stellvertretenden Vorstehers bekleidete. Als
Hauptmitarbeiter der Breslauer Ztg., der » Nation « und der Voss. Ztg. zahlte
A. M. zu den bedeutendsten publizistischen Wortfuhrern seiner Partei. In den
Parlamenten warM. insbesondere alsRedner von erfrischendem Humor beliebt;
auflerdem wuflte man, dafl er nur sprach, wenn er etwas Besonderes, Eigenes
zu sagen hatte. Das sicherte ihm in ungewohnlichem Mafie das Ohr des
Hauses. Aus Anlafl seines 70. Geburtstages hat Dr. Theodor Barth in der
^Nation* ein ebenso diskretes wie fesselndes Charakterbild des hervorragenden
Mannes gezeichnet, der ein vortrefflicher Goethekenner und eine Zierde
der Weimarer Goethetage war. In seinem Todesjahre erschien noch aus
seiner Feder: »Aus guter alter Zeit. Berliner Bilder und Erinnerungen«
(Stuttgart 1908) *), Vorwort von Richard M. Meyer.
Dr. Hermann Diez.
Beckh, Hermann, Kgl. bayerischer Justizrat, Reichtstags- und Landtags*
abgeordneter, * am 15. Oktober 1832 zu Niirnberg, f am 2. April 1908 eben-
daselbst. — B. war ein hervorragender Vertreter der deutschen Einheits- und
*) Das Biogr. Jahrb. und der Deutsche Nekrolog haben Alexander Meyer eine Rcihe
bedeutender Beitrage (Bismarck, Caprivi, Bamberger usw.) zu danken. — Anmerk. d.
Herausg.
140
Beckh. Helldorff-Bedra.
Freiheitsbewegung, wie sie einerseits in den Burschenschaften, andererseits
in den Organisationen des deutschen Mannergesanges ihre Trager und Stiitzen
fand. Im Jahre 1849 beteiligte er sich an der Stiftung der Burschenschaft
»Germania« in Erlangen, 1862 an der Griindung des Frankischen und des
Deutschen Sangerbundes, und von 1887 ab war er Vorsitzender des letzteren,
auf dessen Festen er seine Horer durch seine glanzende, schwungvolle Bered-
samkeit zu begeistern verstand. Seine Berufslaufbahn fiihrte ihn nach Be-
endigung seiner juristischen Studien an verschiedene bayerische Gerichtshofe,
bis er sich in seiner Heimatstadt Niirnberg als Rechtsanwalt niederliefi.
Politisch war er Mitbegrunder der bayerischen Fortschrittspartei, deren Grund-
satze er lange Jahre (1875 bis 1881 und 1889 — 1893) wirksam und erfolgreich
in der bayerischen Abgeordnetenkammer vertrat. Dem Reichstage gehorte er
als Erwahlter des Herzogtums Coburg von 1893 bis 1903 an. Im Dezem-
ber 1907 erkrankte er schwer, um einige Monate spater einem Herzschlage
zu erlie S en ' Dr. Hermann Diez.
Helldorfl-Bedra, Otto Heinrich von, preufl. Grofigrundbesitzer und
konservativer Politiker, * 16. August 1833 auf Schlofi Bedra (bei Neumark,
Provinz Sachsen), f am 11. Marz 1908 ebendaselbst. — Nach Vollendung seiner
juristischen und kameralistischen Studien in Bonn, Leipzig, Heidelberg und
Berlin trat v. H. in den preufiischen Staatsdienst, arbeitete am Kreisgericht
und bei der Regierung in Merseburg, wurde 1867 Landrat in Wetzlar, schied
jedoch 1874 aus dem Staatsdienst aus, um die vaterlichen Giiter zu ubernehmen.
Schon im Jahre 1871 war er aber als Reichstagsabgeordneter fur Wetzlar in
die politische Laufbahn eingetreten, und mit Ausnahme der Wahlperiode 1 88 1 — 84
war er von 1877 bis 1890 ununterbrochen Mitglied des Reichstags, und zwar
als Vertreter des Wahlkreises Wittenberg. Zu Ende 1890 wurde er dann von
dem Wahlkreis Schlochau-Flatow nochmals in den Reichstag entsandt. 1884
wurde er zum Mitglied des neu organisierten Staatsrats ernannt und 1 890
aus allerhochstem Vertrauen in das preuOische Herrenhaus berufen. — Eine
ganz hervorragende, freilich zunachst auch viel angefochtene Rolle hat v. H.
in der Geschichte der deutsch-konservativen Partei gespielt. An ihrer Neu-
organisation im Jahre 1876 nahm er wesentlichen Anteil und er wurde fuhrendes
Vorstandsmitglied der Reichstagsfraktion wie des parteileitenden Wahlvereins-
Ausschusses. Ihren Hohepunkt erreichte seine politische Laufbahn in der
Mitte der achtziger Jahre, insbesondere durch die Wahlen zum sogenannten
Kartellreichstag im Jahre 1884, dessen politische Konstellation seiner gemafiigten,
regierungsfreundlichen Richtung am meisten entsprach. Die Konservativen
errangen damals die hochste Zahi ihrer Reichstagsmandate. Bald aber erwuchs
der von ihm und v. Levetzow vertretenen gemafiigten Gruppe eine immer
heftigere Gegnerschaft von seiten des extremen Fliigels unter dem Kreuzzeitungs-
redakteur v. Hammerstein und dem Hofprediger Stocker. Sein Eintreten fur
die Landgemeindeordnung und die Handelsvertrage sowie sein ubrigens nicht
ganz geklarter Anteil an der Zuruckziehung des reaktionaren Zedlitzschen
Schulgesetzentwurfs beeintrachtigten seine Stellung innerhalb der Partei, ganz
besonders aber das Emporkommen des Bundes der Landwirte und die auf
der sogenannten Tivoli-Versammlung im Dezember 1892 vollzogene radikale
HelldorfF-Bedra. Lucanus.
141
Schwenkung der Agrarier. Das politische Organ v. H.s war das Conservative
Wochenblatt«, das damals in scharfem Kampf gegen die Kreuzzeitung lebte.
Der radikale Flugel gewann jedoch die Oberhand. Die konservative Fraktion
des Herrenhauses erklarte schliefllich, dafl sie v. H. als nicht mehr zu ihr ge-
horig betrachte, und auch die Fraktion des Abgeordnetenhauses fafite Be-
schliisse gegen ihn: bei der Neuwahl des geschaftsfuhrenden Parteiausschusses
im Jahre 1892 wurde v. H. beiseite gedrangt, ebenso bei der Neuwahl des
Vorstandes der Reichstagsfraktion in demselben Jahre. Auch das Conser-
vative Wochenblatt«, in dem H. den Kampf gegen die radikalen Elemente
weiterfiihrte, konnte sich unter der Ungunst der Verhaltnisse nicht halten
und horte zu Ostern 1893 zu erscheinen auf. In diesem Jahre zog sich H.
von den Parteikampfen zuriick und widmete sich fortan, von Kaiser Wilhelm II.
vielfach durch Beweise seiner besonderen Gunst ausgezeichnet, vornehmlich
der Bewirtschaftung seiner Giiter. — Einen verdienstvollen Anteil hat v. H.
als Mitglied der Kommission fur die Ausarbeitung des neuen Biirgerlichen
Gesetzbuches auch an der Vereinheitlichung des deutschen biirgerlichen Rechts
genommen. Dr. Hermann Diez.
Lucanus, Friedrich Karl Hermann von, Wirkl. Geheimer Rat und
Chef des Kaiserlichen Geheimen Zivilkabinetts, * 24. Mai 1 83 1 zu Halberstadt,
t 3. August 1908 zu Potsdam. — L. entstammt einer angesehenen biirgerlichen
Familie Halberstadts. Sein Vater war Apotheker, zugleich als Gonner und
Forderer der Kunst geschatzt und verehrt. Nach Absolvierung des Gymnasiums
in H. und Beendigung seiner juristischen St&dien (Heidelberg und Berlin)
trat L. im April 1854 als Auskultator in den preufiischen Justizdienst und
wurde, nachdem er in Halberstadt und Frankfurt a. 0. tatig gewesen, 1859
als Hilfsarbeiter in das Kultusministerium berufen, in dem er bis zum
Unterstaatssekretar aufstieg (1866 Regierungsrat, 1871 Vortragender Rat, 1878
Ministerial-Direktor, 1881 Unterstaatssekretar). Im Jahre 1884 wurde er ehren-
halber von der Universitat Gottingen zum Dr. juris, von der Universitat Halle
zum Dr. med. promoviert; 1886 wurde er zum Wirklichen Geheimen Rat mit
dem Pradikat Exzellenz ernannt, 1888 wahrend der kurzen Regierungszeit Kaiser
Friedrichs III. in den erblichen Adelstand erhoben. Noch in diesem selben
Jahre begann mit der Ernennung zum Geheimen Kabinettsrat und Chef des
Geheimen Zivilkabinetts Kaiser Wilhelms II. diejenige Periode seines Lebens,
die mit der Zeit seinen Namen zu einem der popularsten in Deutschland machte.
Allerdings barg sich in dieser Popularitat ein gutes Teil Legende. Seit der
grofieren Offentlichkeit bekannt geworden war, dafi der Kaiser sich naturgemafl
seines Kabinettschefs bedient hatte, um den zogernden Flirsten Bismarck zur
Einreichung des angeklindigten Abschiedsgesuches zu veranlassen und zumal,
seit man in einigen minder bedeutsamen spateren Fallen in Erfahrung gebracht,
dafi der Chef des Zivilkabinetts in diesem oder jenem Ministerpalais erschienen
war, um der mehr oder minder uberraschten Exzellenz das Ende der Minister -
herrlichkeit zu verkunden, gewohnte man sich in der politischen Welt, nament-
lich aber auch in der Presse und in den Witzblattern, allmahlich daran, Lucanus
als den Uberbringer der seidenen Schnur anzusehen, der berufen sei, das un-
berechenbare Moment des Herrscherwillens in die Politik einzufiihren. Natur-
142
Lucanus. Eckardt.
gemafi gehorte allerdings auch die Ausfuhrung solcher Auftrage durchaus
zum amtlichen Pflichtenkreis des Kabinettschefs, der die Durchgangsstelle bildet
fiir alle vom Monarchen unmittelbar ausgehenden oder unmittelbar an ihn
herantretenden Angelegenheiten, aber es versteht sich von selbst, dafi weder
das Amt als solches, noch sein Trager irgendwie charakterisiert wird durch
diese immerhin exzeptionellen und seltenen dramatischen Eingriffe in das poli-
tische Leben. Dagegen ist sicherlich auch die stille, gerauschlose, regelmafiige
Tatigkeit des Kabinettschefs von allergrofiter politischer Bedeutung. Indem er
das Material herbeischafft fur die Orientierung des Monarchen, Erkundigungen
einzieht uber die ihn interessierenden Personlichkeiten und Dinge und dem
Trager der Krone durch all das menschlich viel naher tritt als normalerweise
selbst ein leitender Minister, wird er mit Naturnotwendigkeit, falls er sich in
seinem Amte iiberhaupt zu halten weiG, zu einem der nachsten Vertrauens-
manner und damit zum Trager eines ganz bedeutenden Einflusses. Und so
ist es auch ein iiberaus ehrenvolles Zeugnis und ein sprechender Beweis fiir die
Lauterkeit seines Charakters, dafi in den zwanzig Jahren, in denen Herr von
Lucanus sein verantwortungsvolles Amt bekleidet hat, niemals und von keiner
Seite auch nur der leiseste Vorwurf des Amtsmifibrauchs gegen ihn erhoben
worden ist. Ein hochstesMafi personlichen Taktes hat sich in ihm mit der ge-
diegensten und glanzendsten Schulung des hohen preuflischen Beamtentums
verschmolzen und das Ergebnis war eine geradezu vorbildliche Losung der
ihm gestellten unendlich schwierigen Aufgabe, dem Kaiser die Erledigung
seiner Geschafte durch unparteiischen Vortrag zu erleichtern und in weit-
gehender Resignation zum Gehilfen der kaiserlichen Intelligenz und zum Organ
des kaiserlichen Willens zu werden. Im Jahre 1897 zeichnete der Kaiser seinen
getreuen Kabinettschef durch die Verleihung des Schwarzen Adlerordens aus.
Dr. Hermann Diez.
Eckardt, Julius von, K. preufi. Geh. Regierungsrat, Kais. Generalkonsul
und Publizist, * 1. August 1836 in Wolmar (Livland), f 20 - Januar 1908 in
Weimar. — In der baltischen Heimat, in der sein Vater spater als Assessor des
Mitauschen Rates wirkte, war E. nach Vollendung seiner rechtswissenschaft-
lichen und geschichtlichen Studien eine Zeitlang als Sckretar des livlandischen
Landeskonsistoriums in Riga tatig, fiihlte sich aber schon fruh zu publizisti-
scher Tatigkeit getrieben und zwar unter dem Druck der immer schroffer auf-
tretenden Russifikationsbestrebungen. Die Organe seiner Heimat — die Bal-
tische Monatschrift, der Rigasche Almanach und die Rigaer Zeitung, deren
Mitherausgeber er schliefilich wurde — waren jedoch fiir eine erfolgreiche
Durchfiihrung dieses Kampfes viel zu schwach und so gait es, die westeuropa-
ische Presse als Bundesgenossin zu gewinnen. Zu diesem Zweck mufite vor
allem das n^mentlich in liberalen Kreisen Deutschlands weit verbreitete Vor-
urteil zerstort werden, als ob es sich in den Ostseeprovinzen urn den reak-
tionaren Widerstand des feudalen, grundbesitzenden Adels gegen die Befreiung
der unteren Volksschichten handelte. Dieser Aufklarung sollte eine Reise
dienen, die E. im Jahre 1865 nach Deutschland, Frankreich und Belgien unter-
nahm und die ihn u. a. nach Berlin, Leipzig, Augsburg, Frankfurt, Koln und
Hamburg fuhrte. Sie war keineswegs erfolglos, mit Siegesgewifiheit konnte
Eckardt.
143
sie ihn aber nicht erfiillen. Dagegen wurde die in Leipzig angekniipfte Ver-
bindung mit den »Grenzboten« entscheidend fCir sein ganzes Leben. Im Jahre
1867 folgte er, nicht leichten Herzens, aber mehr und mehr iiberzeugt von
der Aussichtslosigkeit des Kampfes um das Deutschtum seiner Heimat einem
dringenden Rufe Gustav Freytags an die »Grenzboten«, denen er eine Reihe
wertvoller Beitrage geliefert hatte. Auf Grund einer Besprechung mit Bismarcks
Gehilfen v. Keudell ubernahm er bald auch die Aufgabe, dem Auswartigen
Amt wochentlich eine gedrangte Zusammenfassung samtlicher fur die aus-
wartige Politik bedeutsamer russischer Preflstimmen zu liefern, Diese Tatig-
keit horte in den siebziger Jahren auf, wurde aber wahrend des russisch-
tiirkischen Krieges wieder aufgenommen. Von 1 870 bis 1874 redigierte er
den Hamburgischen Correspondenten. In diese Zeit fallt sein Bekanntwerden
mit Lujo Brentano und seine hervorragende Beteiligung an den Vorarbeiten
fiir die ersten sozialpolitischen Kongresse in Halle und Eisenach. Im Jahre
1874 trat er als Senatssekretar in den Dienst des hamburgischen Staats,
eine ungewohnliche Wahl, die er selbst als eine Art Konzession an den
Liberalismus bezeichnet. Bei der Wahl zum Syndikus wurde er aber wenige
Jahre spater doch ubergangen und eine wenig riihmliche Schwache, die im
Friihjahr 1882 Burgermeister Dr. Petersen angesichts einer diplomatischen
Beschwerde Rufllands (iber die literarische Tatigkeit E.s an den Tag legte,
trug vollends dazu bei, ihm den hamburgischen Staatsdienst zu entleiden.
So beharrte er, empfindlich verletzt, auf seinem Abschiedsgesuch, auch als
auf das Eingreifen Bismarcks der Senat ihm die Zurucknahme nahelegte.
Nach einem kurzen Schwanken zwischen der Riickkehr zur Journalistik und
dem Eintritt in den preufiischen oder Reichsdienst entschlofl er sich fiir den
letzteren Weg. Schon vor dem russischen Zwischenfall hatte er mit dem
Staatssekretar v. Boetticher wegen eventueller Ubernahme des PreOdezernats
verhandelt, die Sache hatte sich aber zerschlagen, anscheinend an der von
ihm gestellten Bedingung einer volligen Zentralisation. Das sympathische
Interesse Bismarcks fur seine Person und seine Tatigkeit offneten ihm aber
trotzdem die Bahn; er sollte, so hatte der Kanzler angeordnet, angestellt
werden, sobald der russische Rauch sich verzogen habe. Zunachst allerdings
war nur eine Stelle im inneren preufiischen Dienst frei, die, nicht eben zu
seiner Freude, vom Polizeiprasidium ressortierte (1. Juli 1882). Er erhielt
den Titel eines Geheimen Regierungsrats, wurde aber bald als Hilfsarbeiter
in das Auswartige Amt berufen; 1885 ging E. als Konsul nach Tunis, 1889
nach Marseille, 1892 als Generalkonsul nach Stockholm, 1897 als Konsul mit
dem Titel dines Generalkonsuls nach Basel, 1900 als Generalkonsul nach Zurich.
Hier fing seine Gesundheit ernstlich zu leiden an, bald nachdem ihm der Tod
seiner Gattin, einer Tochter des beriihmten Violinvirtuosen Ferdinand David,
die traute Hauslichkeit zerstort hatte. So trat er 1 907 in den Ruhestand und
zog sich nach Weimar zuruck. Am 23. Januar 1908 wurde er in Travemlinde in
der Stille, aber unter vielfachen ehrenvollen Zeichen der Teilnahme beigesetzt.
Julius v. E. war in erster Linie Balte, ein getreuer Sohn, ein intimer Kenner
und ein hervorragender publizistischer Anwalt seiner vielgepriiften Heimat.
Er hat sie nicht retten konnen, aber er hat ihr nicht nur manches schone
und bleibende literarische Denkmal gesetzt, sondern auch als Mann der Tat
gekampft solange es moglich war. Und sie hat ihm diese Liebe auch gelohnt.
144
Eckardt.
Denn der Liebe zu seiner ersten Heimat verdankte er jene genaue Kenntnis
der russischen Verhaltnisse, die ihn in seiner zweiten Heimat um so mehr
auszeichnete, je seltener sie selbst in den Kreisen war, wo man ihrer dringend
bedurft hatte. So fand er die russische Politik Bismarcks an dem kapitalen
Fehler leidend, dafi sie davon ausging, auch in dem Rufiland der siebziger
Jahre bedeute die Person des Selbstherrschers Ein und Alles, was zu einer
verhangnisvollen Unterschatzung der deutsch-feindlichen Stimmung im russi-
schen Volke fuhren muflte. Um diese Erkenntnis zu fordern, hatte er im
Jahre 1873 eine anonyme Sammlung von Aufsatzen »Aus der Petersburger
Gesellschaft« herausgegeben, deren buchhandlerischer Erfolg seine kiihnsten
Erwartungen iibertraf. Natiirlich beklagte er auch die »ehrliche Makler«-
politik des Berliner Kongresses und er machte damals einen energischen publi-
zistischen Versuch, ein Zusammengehen zwischen Deutschland und England
herbeizufuhren, den kein geringerer als Bismarck selbst einer warm anerkennen-
den Besprechung in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung gewiirdigt hat.
Aber der Sturz Lord Beaconsfields machte diese Bemiihungen gegenstandslos.
Was ihm das amtliche Leben brachte, mochte ihm, gemessen an diesen Ge-
danken und Planen, wie ein bescheidenes Glimmen und schliefiliches Verloschen
im stillen Winkel erscheinen und ist ihm tatsachlich so erschienen. An und
fur sich aber hat er ein reiches und schones Leben gelebt. Ein Bild davon
gibt schon eine Aufzahlung seiner Bucher. Er hat unter seinem Namen ver-
offcntlicht: York und Paulucci, Aktenstucke und Beitrage zur Geschichte der
Konvention von Tauroggen 1865; Die baltischen Provinzen Rufilands 1869
(2. Aufl. 1877); Baltische und russische Kulturstudien 1869; Burgertum und
Bureaukratie. Vier Kapitel aus der neuesten livlandischen Geschichte 1869;
Juri Samarins Anklage gegen die Ostseeprovinzen 1869; Rufilands landliche
Zustande seit Aufhebung der Leibeigenschaft 1870; Jungrussisch und alt-
livlandisch 1871; Livland im 18. Jahrhundert 1876; Russische und baltische
Kulturbilder 1876; Garlieb Merkel uber Deutschland zur Schiller- und Goethe-
zeiti797 — 1806 1887; Ferdinand David und die Familie Mendelssohn -Bartholdy
1888; Figuren und Ansichten der Pariser Schreckenszeit (1791-— 94) 1893, —
Anonym sind aus seiner Feder erschienen: Aus der Petersburger Gesellschaft
1873 (5. Aufl. 1880); Neue Folge 1874 (3. Aufl. 1881); Rufiland vor und nach
dem Kriege 1879; Von Nikolaus bis Alexander III. 1881; Russische Wand-
lungen 1882; Aussichten des deutschen Parlamentarismus 1882; Memoiren
eines Livlanders (Eckardts Grofivater Lenz) 1883; Rufiland unter Alexander III.
1891; Berlin-Wien-Rom, Betrachtungen uber den neuen Kurs und die neue
europaische Lage 1892.
In einem seiner ersten Essays schildert v. E. Bismarcks Personlichkeit
und Wirken wahrend seiner Petersburger Botschafterzeit und zeigt schon darin
seine herzliche Bewunderung fur den grofien Staatsmann, den ersten, der sich
und die Ehre des preufiischen Namens auch ohne den Glanz aufieren Auftretens
in der hochmiitigen St. Petersburger Gesellschaft zu behaupten und durch-
zusetzen wuflte. Seine spateren Erlebnisse, zu denen auch eine personliche
Begegnung mit Bismarck gehort, und die politische Entwicklung als solche
konnten trotz des schon erwahnten Gegensatzes speziell in den Fragen der russi-
schen Politik diese verehrungsvolle Anhanglichkeit nur vertiefen, und so hat
er schliefllich auch den Wechsel des Kurses im Jahre 1890 sehr schmerzlich
Eckardt. Gersdorff. Schnabel. 14 c
empfunden. Er veroffentlichte denn auch im Jahre 1892 die an letzter Stelle
genannte Broschlire, die trotz ihrer Anonymitat nicht ohne EinfluB auf seine
amtliche Laufbahn geblieben zu sein scheint. Im ubrigen war er auch nie eine
Beamtennatur, sondern viel eher Gelehrter und Schriftsteller. In der Geschichte
des Baltentums hat er seinem Namen eine dauernde ehrenvolle Stellung ge-
schaffen, aber auch seine sonstigen Veroffentlichungen tragen durchweg den
Stempel jener hoheren, von historischem Geist durchwehten Publizistik, die
in der deutschen Presse nur selten auftritt. Die Erinnerungen, die Sohnes-
hand in der Deutschen Rundschau zu veroffentlichen begonnen hat (Jahr-
gang 1910, Marz und folgende Hefte), zeigen uns eine feingebildete, scharf-
sinnige, vornehme und sympathische Personlichkeit, die viel erlebt und
an allem Erlebten das Bedeutsame, das Wesentliche erkannt und es zur
Bereicherung des eigenen Innenlebens kraftvoll angeeignet hat.
Gebiete, die ihm lieb und vertraut geworden, waren insbesondere auch Sud-
frankreich und Nordafrika. Seine historischen Untersuchungen galten u. a. der
Geschichte der Demokratie und des Parlamentarismus, die beide seiner geistes-
aristokratischen Personlichkeit wenig sympathisch waren. — Von der zahlreichen
Familie, die v. E. zuruckliefl, steht der eine Sohn im diplomatischen Dienst des
Reichs, ein anderer redigiert den Hamburgischen Correspondenten, wie vor mehr
als einem Menschenalter sein Vater getan ; eine Tochter war mit dem im Jahre 19 10
getorbenen Generalkonsul Knappe vermahlt. £> r# Hermann Diez.
Gersdorff, Hans Otto Gust von, Rittergutsbesitzer, K. preufl. Rittmeister
der Reserve und konservativer Politiker, * 10. Januar 1864 zu Bauchwitz,
Reg.-Bez. Posen, f 17. Oktober 1908 auf Schlofl Bauchwitz. — G. besuchte
von 1874 bis 1884 das Gymnasium in Meseritz und die Klosterschule in Rofi-
leben, studierte 1884 — 85 zu Berlin Jura, diente von 1885 bis 1892 beim 2.
Garde-Ulanen- und 5. Kiirassier-Regiment, widmete sich sodann theoretisch
und praktisch der Land- und Forstwirtschaft, machte langere Reisen in Italien,
besuchte Algier und den Orient, ubernahm 1892 den vaterlichen GroOgrund-
besitz und wurde im Jahre 1900 als Vertreter des Wahlkreises Meseritz- Bomst
(3. Posen) in den Reichstag gewahlt; zugleich trat er als Mitglied des engeren
Ausschusses der Posener Landschaf t und stellvertretenderVorsitzender desKreis-
ausschusses in die erste Reihe seiner Standes- und Berufsgenossen. G. war ein
uberzeugter Konservativer und Agrarier und namentlich auch ein entschlossener
Gegner der Sozialdemokratie. Sein fruher Tod hat einer allem Anschein nach
bedeutenden Laufbahn ein Ende gemacht. £) r> Hermann Diez.
Schnabel, Isidor, Ophthalmologe, * 14. November 1842 in Neubidschov in
Bohmen, 1 4- Dezember 1908 in Wien. — Friih reif, maturierte er mit 17 Jahren
am Prager Grabengymnasium, absolvierte das medizinische Universitats-
studium in Wien und Prag und wurde an der Wiener Universitat am 14. Marz
1865 promoviert. Nach kurzem Studium an der chirurgischen und medizinischen
Klinik in Wien wurde er Schuler Eduard von Jaegers, bald dessen Mitarbeiter.
1 87 1 habilitierte sich Sch. an der Wiener Universitat fur Augenheilkunde, und
bald zog der junge Gelehrte die Aufmerksamkeit der Fachgcnossen auf sich.
Auf Grund scharfsichtiger Beobachtungen, kritischer Sichtung des gesammelten
Materiales und logischer Induktion wagte er es, an den feststehendsten Saulen
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog*. 13. Bd. IO
I46 Schnabel.
der Ophthalmologic zu riitteln. Fur Sch. gab es kein Paktieren mit der herr-
schenden Lehre, keine Kompromisse, wenn er Neues gefunden. Er hat nie ver-
sucht, zwischen den eingewurzelten Dogmen der herrschenden Lehre und seinen
neuen Lehren dem Verstande eine Briicke zu bauen. So war und ist Sch. auch
heute noch vielen, die seine Bedeutung nicht zu erfassen vermogen oder ver-
stehen wollen, »ein Hain am Wegessaum« (Lenau).
1877 wurde Sch. als Professor der Augenheilkunde, Nachfolger Mauthners,
des alteren Jaeger- Schulers, deji er an Leistung und Erfolg bald gewaltig liber -
traf, nach Innsbruck, Mai 1887 nach Graz berufen. Mai 1 891 ubernahm er die
durch das Scheiden Sattlers verwaiste Lehrkanzel an der Prager deutschen
Universitat, um endlich im Mai 1895 an die Statte seines ersten Wirkens, nach
Wien, zuruckzukehren. 1898 wurde er zum Hofrat ernannt. Mitten in voller
Schaffenskraft, auf dem Hohepunkte seiner Leistungen und seines Erfolges,
wurde er, ohne Vorboten, auf dem Wege zur Klinik von jahem Tode ereilt.
Sch.s Wirken als Lehrer der Augenheilkunde bedeutet einen Markstein
der Geschichte des ophthalmologischen Unterrichtes. Er hat zuerst das Ge-
samtgebiet der Augenheilkunde unterrichtet, er hat an alien deutschen Hoch-
schulen Osterreichs den Unterricht in der Ophthalmoskopie und in den optischen
Fehlern des Auges, welche Spezialzweige kurzsichtige Fachgenossen den Spe-
zialisten vorbehalten wissen wollten, eingefuhrt: widerwillig ist man ihm
gefolgt, aber heute ist die ganze ophthalmologische Welt von der Unentbehr-
lichkeit der genannten Teildisziplinen fiir den Arzt uberzeugt.
Dem Unterrichte hat sich Sch. mit gluhender Begeisterung hingegeben.
Der tiefe Gedankenreichtum, die plastische, vollendete Form seiner Vortrage
haben sie oft weit liber den Rahmen klinischen Unterrichtes hinausgelioben,
haben dem Schiiler nicht nur Belehrung, sondern auch Anregung zu weiterem
Forschen gegeben. Sch. war der grofite Meister der Rede, den ich gekannt.
Sch.s wissenschaftliches Wirken gehort nicht der Vergangenheit an, es ist
die Gegenwart der Ophthalmologic Ein abschlieOendes Urteil dariiber wird
die Zukunft bringen, aber schon heute beginnt in dem Lieblingsarbeitsfelde
Sch.s, in der Glaukomlehre, die Saat, die er gelegt, zu keimen, und ich glaube
kein falscher Prophet zu sein, wenn ich es ausspreche, daB in Jahren die voile
Bedeutung seiner Forschungen uber das glaukomatose Sehnervenleiden erst
anerkannt werden wird. Seine Schatten wirft dies Ereignis schon voraus.
Neben dem Glaukom waren die Kurzsichtigkeit und die Lehre vom Schielen
Lieblingsstudien Sch.s. Besonders die letztgenannten Arbeiten, die zweifellos
zu dem besten gehoren, was uns die Neuzeit der Ophthalmologic gebracht,
werden erst, wenn der personliche Kampf erloschen sein wird, als Grundpfeiler
unseres Wissens anerkannt werden.
Wahrhaftigkeit und das ernste Streben nach Vollkommenheit gaben dem
Leben Sch.s das Leitmotiv, Pflichterfullung und Arbeit die Harmonic. Un-
beeinflufit und unbeirrt durch die Meinung der Welt ging er seinen Weg. Er
war der treueste Freund, der verlaGlichste Charakter. Wenige haben ihn ganz
gekannt, wer ihm naher trat, wer ihn kennen lernte, konnte ihm Hochachtung
und Bewunderung nicht versagen, auch wenn er sein Freund nicht wurde.
Nicht schwanken wird sein Charakterbild in der Geschichte.
WichtigstePublikationen: Uber die Lage und Grofle des aufrechten Bildes
des Augenhintergrundes. Kiinische Monatsbl. fQr Augenheilk. 1872. X. — Zur Lehre von den
Schnabel. Schafer. 147
Ursachen dcr Kurzsichtigkeit. Arch. f. Ophthalm. 1874. XX. 2. — Notiz uber die Jagerschen
Schriftskalen. Arch, fur Augen- u. Ohrenheilkunde. 1876. V. 1. — Ober die angeborene Dis-
position zum erworbenen Staphyloma posticum Scarpae. Wiener med. Wochenschr. 1876.
Nr. 33 — 37. — Die Begleite- und Folgekrankheiten der Iritis. Arch. f. Augen- u. Ohrenheilk.
1876. V. 1. — Uber Glaukom und Iridektomie. Arch. f. Augen- und Ohrenheilk. 1876. VI. 1.
— Beitrage zur Lehre vom Glaukom. Arch. f. Augen- und Ohrenheilk. 1877. VI. 1. — Bei-
trage zur Lehre vom Glaukom. Zweiter Artikel. Ebend. 1878. VII. — Zur Lehre von der
ophthalm oskopischen Vergroflerung. Arch. f. Augenheilk. 1880. IX. 3. — Ophthalmologische
Mitteilungcn. I. Ober Sekundarglaukom. II. Uber arteficielle und pathologische Hypotonic
Wiener med. Blatter. 1880. — Mitteilungen aus der Innsbrucker Augenklinik aus den Jahren
1880 u. 1 88 1. Wiener med. Blatter. 1882. Nr. 22 — 26, 33 — 34. — Ober syphiiitische Augen -
erkrankungen. Ebend. 1882, p. 1015, 1048. — Ober Geistesstorungen nach Augenoperationen.
Ber. d. naturw. med. Vereins in Innsbruck. 1883. — Zur Symptomatologie der Retinitis al-
buminuria*. Ebend. — Ober Macular-Colobom, physiologische Exkavation und angeborenen
Conus. Wiener med. Blatter. 1884. N. 6 — 9. — Beitrage zur Lehre vom Glaukom. Dritter
Artikel. Arch. f. Augenheilk. 1885. XV. — (Mit T h. S a c h s.) Uber unvollstandige Embolie
der Netzhaut-Schlagader und ihrer Zweige. Ebend. 1884. XIV. — Das glaukomatose Seh-
nervenleiden. Arch. f. Augenheilk. 1892. XXIV. — Ober die Beleuchtung des Gesichtsfeldes
bei der Untersuchung mit dem Augenspiegel. Prager med. Wochenschr. 1892. Nr. 30. —
Ober eine Sehs toning durch Suggestion bei Kindera. Prager med. Wochenschr. 1893. Nr. 10. —
Ober Einwartsdrehung der W r impern bei follikularer Bindehautentziindung. Ebend. Nr. 20,
21. — (Mit Herrnheiser.) Ober Staphyloma posticum, Conus und Myopie. Zeitschr. f.
Heilk. 1895. XVI - — Ober 2 Falle von Strabismus. Wiener klin. Wochenschr. 1897. Nr. 47.
— Kleine Beitrage zur Lehre von der Augenmuskellahmung und zur Lehre vom Schielen.
Wiener klin. Wochenschr. 1899. Nr. 20, 22 und 31. — Ober das Sekundarschielen. Wiener
klin. Wochenschr. 1901. Nr. 49. — Die glaukomatose Sehnervenatrophie. Wiener med.
Wochenschr. 1900. Nr. 24 u. 25. — Die sympathisers Iridocyklitis. Wiener med. Wochenschr.
1902. Nr. 29 u. 30. — Die Entwicklungsgeschichte der glaukomatosen Exkavation. Zeitschr.
f. Augenheilk. 1905. XIV. — Klinische Daten zur Entwicklungsgeschichte der glaukomatosen
Exkavation. Zeitschr. f. Augenheilk. 1908. XIX. S. 335. — Uber die Methode des klinischen
Forschens und Lernens. Antrittsvorlesung. Prager med. Wochenschr. 1895. Nr. 28. — Fest-
rede aus Anla6 der Enthiillungsfeier des Denkmals Prof. L. Mauthners. Ebend. Nr. 12.
— Karl Stellwag von C a r i n. (Eine Gedachtnisrede, gehalten in der Ophthalm.
Gesellsch. in Wien am 1. Dezember 1904). Wiener klinische Rundschau. 1904. Nr. 50. g
Schafer, Carl, Architekt, Professor an den Technischen Hochschulen in
Charlottenburg und Karlsruhe, Oberbaurat, Dr. ing., * 18. Januar 1844,
t 5. Mai 1908. — Sch. wurde in Cassel geboren und besuchte nach Absolvierung
der Realschule die dortige »Hohere Gewerbeschule«, zunachst als Ingenieur,
seit i860 unter Ungewitters Leitung als Architekt. Nach Vollendung des Stu-
diums arbeitete er bis 1862 in Ungewitters Atelier und besuchte gleichzeitig
die Casseler Kunstakademie. Nach kurzer Tatigkeit als Lehrer der Bauge-
werkschule zu Holzminden trat er 1864 in das Dombauamt zu Paderborn ein,
wo in der Hauptsache nach seinen Entwiirfen die Wiederherstellung des Domes,
das bischofliche Konvikt, das Generalvikariat und zahlreiche andere, meist
kirchliche Bauten in Stadt und Diozese Paderborn ausgefuhrt wurden. In
selbstandiger Stellung fuhrte er alsdann die Wiederherstellung der Busdorf-
kirche in Paderborn und zweier Kirchen in Lippspringe aus und baute auch
Schlofl Hinnenburg bei Brakel. — 1867 ging er nach Miinchen und war dort
bei der Wiederherstellung der Frauenkirche, fiir die konigliche Glasmalerei-
anstalt und mit Privatbauten beschaftigt. 1868 wurde er an der »Hoheren
io«
I48 Schafer.
Gewerbeschule* in Cassel als Ungewitters Nachfolger Lehrer der Architektur,
bis diese Anstalt 1870 in eine einfache »Gewerbeschule« verwandelt wurde,
worauf er sein Amt niederlegte. In diesen 2 Jahren entwickelte er in Cassel,
Marburg, Lippoldsberg, Frankenberg, Wetter, Amoneburg, Gelnhausen und
an anderen Orten in Wiederherstellungen und Neubauten eine rege Bau-
tatigkeit. Besonders zu erwahnen aus diesem Lebensabschnitt ist sein Wett-
bewerbsentwurf fiir die Johanniskirche in Altona, der als erster und einziger
seiner Art die Formengebung des historischen Backsteinbaus zeigt, wie sie
seitdem in ganz Norddeutschland ublich geworden ist. Von 1 87 1 bis Jj war
Sch. Universitatsbaumeister in Marburg und zeitweise zugleich Stadtbaumeister
daselbst. Neben einer groBen Anzahl von Wiederherstellungen und Neubauten
in und um Marburg errichtete er in diesen Jahren das Kollegiengebaude der
dortigen Universitat. Durch dieses Bauwerk trat Sch. als Siebenundzwanzig-
jahriger in die erste Reihe der deutschen Architekten des 19. Jahrhunderts.
Dem bis dahin bei Monumentalbauten allein herrschenden und spater noch
lange bevorzugten italienisch-griechischen Formalismus mit seiner starren
Achsenteilung, seinen flachen Dachern, seinen schematischen Palastarchitek-
turen stellte Sch. einen Bau entgegen, der in Aufbau und Durchbildung der
Einzelheiten die seit 100 Jahren verloren gegangene Tradition der deutschen
Baukunst wieder aufnimmt, indem er Anlage und Architektur nach der Eigen-
art der Baustelle, des Zweckes des Gebaudes und des Materials individuell
gestaltete. Seine Kiinstlerhand schuf aus diesen gegebefien Bedingungen
ein Werk, das Monumentalitat mit malerischer Anlage zu seltener Schonheit
gereinigte und berechtigtes Aufsehen machte. Leider legte Sch. sein Amt
nieder, noch ehe das Kollegiengebaude vollendet war, als im Jahre 1877 der
Universitatsbaumeister der Marburger Kreisbauinspektion unterstellt wurde.
Doch wurde glucklicherweise wenigstens Entwurf und kiinstlerische Leitung
des einige Jahre darauf errichteten, sich an das Kollegienhaus anschlieOenden
Aulabaus wieder in Sch.s Hande gelegt.
Von Marburg war Sch. nach Berlin ubergesiedelt und als Hilfsarbeiter
in das Ministerium der offentlichen Arbeiten eingetreten, wo er bis 1884 eine
grofle Anzahl von Entwurf en fiir staatliche Neu- und Umbauten in Marburg,
Schulpforta, Soest, Merseburg, Heiligenstadt, Magdeburg, Coin, Miinchenlohra
und anderen Orten auf stellte. Von 1884 — 87 war Sch. auOerdem der Redakteur
der Zeitschrift fiir Bauwesen und des Zentralblattes der Bauverwaltung, das
er begrtinden half und das hauptsachlich durch seine Mitarbeit auf die Hohe
gebracht wurde, die es damals innehatte. Schon seit Ostern 1878 dozierte
Sch. als Privatdozent zunachst an der Bauakademie und nach der Neuorga-
nisation an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg und zwar mit einem
derartig ungewohnlichen Lehrerfolg, dafl fiir die vor ihm an dieser Schule
unbekannte und erst von ihm begriindete Disziplin der mittelalterlichen Bau-
kunst trotz mancher personlicher Widerstande eine neue etatsmaflige Professur
geschaffen und er mit ihr betraut wurde.
Seinem baukunstlerischen Schaffen, das neben der akademischen und
der Tatigkeit auf dem Ministerium herging, wurden leider nur selten ange-
messene Aufgaben gestellt. Von den stadtischen und staatlichen Behorden er-
hielt dieser hervorragende Architekt wahrend der 16 Jahre seines Berliner
Aufenthalts keinen einzigen Auftrag von Bedeutung, zu einer Zeit der schnell-
Schftfer. I49
sten baulichen Entwicklung Berlins. Von den 12 in diesen Jahren entstandenen
grofien Kirchen Berlins wurde die Mehrzahl zwar von Schulern Sch.s oder
mit deren ungenannter Hilfe gebaut, keine einzige aber von ihm selber. Zwar
errichtete er 1887 fur die Equitablegesellschaft jenes grofie Geschaftshaus an
der Ecke Friedrich- und Leipziger Strafie, das mit seiner von unten bis oben
durchgehenden Vertikalgliederung den Typus des modernen Geschaftshauses
schaffen half; zwar hatte er allerhand kleinere Privatbauten auflerhalb Berlins,
zwar konnte er durch seine klassischen Konkurrenzprojekte fiir die West-
fassade des Bremer Domes und fiir den Umbau des Romers zu Frankfurt seinen
kunstlerischen Ruf behaupten; doch konnte das seinem Schaffensdrange nicht
geniigen, und so entschlofi er sich 1894, Berlin den Riicken zu kehren und
einen Ruf an die Technische Hochschule in Karlsruhe anzunehmen, wo ihm
grofiere Bauaufgaben in Aussicht gestellt wurden. Mit dem Titel Oberbaur&t
nahm er seine Lehrtatigkeit in erweitertem Umfange in Karlsruhe wieder auf,
wo durch seinen Ruf die Zahl der Studierenden der Architektur bald auf mehr
als das Doppelte stieg. Auch die ersehnte bauliche Tatigkeit blieb nicht aus.
In Freiburg erbaute er die neue Universitatsbibliothek, in Karlsruhe die alt-
katholische Kirche und auf und ab im badischen Lande eine grofie Anzahl
von Privatgebauden. Auch war ihm die Leitung der Wiederherstellungsarbeiten
am Munster in Bern und die Oberaufsicht iiber die Arbeiten am Miinster in
Strafiburg iibertragen. Wichtiger waren die 3 grofien Wiederherstellungsbauten,
die er im letzten Jahrzehnte seines Lebens von Karlsruhe aus leitete: die Wieder-
herstellung der alten Jung- St. Peterkirche zu Strafiburg, die Wiederherstellung
des Friedrichbaus auf dem Schlofi zu Heidelberg und die Aufrichtung der
Westturme am Dom zu Meifien. Dies waren Aufgaben, die seiner Kiinstlerschaf t
wurdig waren, und trotz starker Anfeindungen von seiten der ziinftigen Kunst -
historiker und der archaologisch gesinnten sowohl wie der ultramodernen
Architekten und Kunstschreiber entstanden hier Kunstwerke ersten Ranges
von unverganglichem Wert. Jung- St. Peter in Strafiburg wurde epochemachend
auf dem Gebiete der Wiederherstellung, und iiber ganz Deutschland erstreckt
sich die Wirkung dieses Vorbildes kunstlerischen Gestaltens bei treuster Pietat
gegen das historisch gewordene. In Heidelberg schuf Sch. aufier der klassischen
Wiederherstellung des leidlich erhaltenen Aufienbaues im Innern, nur wenig
beengt durch geringe Reste des alten Zustandes, Raume von marchenhafter
Schonheit im Geiste der Kunst des ausgehenden 16. Jahrhunderts, deren gesunde
Kraft in Form und Farbe den (iberzartelten Geschmack seiner Zeitgenossen
zunachst verletzte, ihn zu uberwinden aber viel beigetragen hat. Als die badische
Regierung nach so glucklichem Erfolg auch den Otto-Heinrichsbau des Heidel-
berger Schlosses durch Sch.s bewahrte Hand vor dem sicheren Untergange
erretten und in alter Pracht erstehen lassen wollte, begann eine jahrelange,
aus echter und anempfundener Sentimentalitat, aus Neid, Diinkel und Phrasen-
tum gemischte Opposition, die die Ausfiihrung des Planes bis nach Sch.s Tode
verzogerte. Dieselbe meist personlich bestimmte Opposition regte sich, gottlob
mit weniger Erfolg, bei seinen Arbeiten fur den Aufbau der Tiirme des Meifiener
Doms. Hier konnte er seine Entwurfe unverkiirzt zur Ausfiihrung bringen,
und so.entstand, wieder durch das Zusammenwirken feinsten kunstlerischen
Empfindens und genauester historischer Kenntnis ein Werk, das den besten
Bauten alter deutscher Kunst ebenburtig zur Seite steht und in unserer Zeit
150
Schafer.
einseitiger Freude am Malerischen und Biirgerlich-behaglichen ein Beispiel
monumentalen architektonischen Gestaltens aufstellte. Kurz vor Vollendung
der Tiirme in seinem 64. Lebensjahre folgte Sch. seiner geliebten Gattin allzu-
friih in den Tod.
Ober die prominente Stellung des Kiinstlers Sch. in der ersten
Reihe der deutschen Architekten des 19. Jahrhunderts bestehen Zweifel wohl
nicht mehr. Dagegen wird seine Bedeutung fur die Entwicklungsgeschichte
der deutschen Baukunst im 19. Jahrhundert heute kaum schon richtig ein-
geschatzt. Seit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts lag die deutsche Bau-
kunst im Banne des Hellenismus. Jener elegante Formalismus eines von Grund
aus anders gearteten und unter anderen Bedingungen lebenden Volkes hatte
sich unter dem Einflufl schongeistiger Literaten wie ein Mehltau auf die zwar
schon durch die italienischen Einfliisse des 16. und 17. Jahrhunderts stark
verwusteten, aber noch immer in grofier Mannigfaltigkeit und bodenstandiger
Kraft bliihenden Felder deutscher Kunst niedergelassen. Von ihm suchte sich
Deutschland durch die Romantik zu befreien, und Sch. wurde, auf den Vor-
arbeiten seines Lehrers Ungewitter und des Franzosen Viollet-le-Duc fuflend,
der Fiihrer in diesem Kampfe gegen Griechentum und italienische Renaissance.
Dafi die deutsche Kunst siegte, dafi man heute in ganz Deutschland jene fremd-
landischen Ideale aufgegeben und mit Bewufitsein die einst zerrissenen
Faden Jahrhunderte alter deutscher Kunsttradition in der Baukunst wieder-
aufgenommen hat, ist in erster Linie sein Verdienst. In diesem Kampfe
wurde die vorbildliche Wirkung der zahlreichen im vorstehenden nur zum Teil
genannten Bauten Sch.s unterstutzt durch eine 30jahrige, ungewohnlich erfolg-
reiche Lehrtatigkeit. Tausende von Schiilern wurden ebenso durch die groBe
von ihrer Sache ganz erfiillte Personlichkeit wie von der Oberzeugungskraft
der vorgetragenen Griinde hingerissen und der deutschen Sache gewonnen.
Aber nicht nur durch Vorbild und Lehre wirkte er auf seine Zeit; er gab
ihr auch das Rustzeug, nun das Ziel zu erreichen, indem er durch unausgesetzte
baugeschichtliche und technische Studien der Werke unserer Vorfahren die
Wiederaufnahme der verloren gegangenen Tradition ermoglichte. So bot er
in seinem Kolleg uber Konstruktions- und Formenlehre der mittelalterlichen
Baukunst eine neue klassische Entwicklungsgeschichte jener hochsten Bliite
deutscher Architektur und ihrer kunstlerischen wie technischen Eigenart;
als erster erforschte er das Wesen der deutschen Holzbaukunst, stellte 4 stamm-
lich gesonderte Holzbauarten fest und erweckte so diese fast vergessene Bau-
weise zu neuem Leben; als erster schuf er eine Entwicklungsgeschichte und
systematische Darstellung der Technik des mittelalterlichen Backsteinbaus
in Norddeutschland und auf der bayerischen Hochebene und begrundete damit
eine neue Epoche des Ziegelrohbaus ; als erster erforschte er die Geschichte
und die technischen Voraussetzungen der historischen Glasmalerei und rief
dadurch eine neue Bliite dicser ganzlich verloren gegangenen Kunst hervor;
als erster wies er die Systeme der mittelalterlichen Kirchenbemalungen nach;
als erster trat er schon in den 70er Jahren fur die farbige Behandlung der
AuBenarchitektur ein, indem er feststellte, daB in Deutschland vom 8. bis zum
18. Jahrhundert alle Architektur farbig gewesen sei usf.
Mitgeteilt hat er alle diese Dinge hauptsachlich in seinen akademischen
Vortragen und auBerdem in einer sich uber 40 Jahre erstreckenden Reihe von
Schafer. S choenaich- Carol ath. I c j
Publikationen. Unter den letzteren nehmen eine besondere Stellung diejenigen
baugeschichtlichen Inhalts ein, denn sie sind vorbildlich geworden fur die
weiteren Arbeiten auf diesem Gebiete.
Bauten, Eine Zusammenstellung der von Sch. ausgefiihrten Bauten verbietet sich
an dieser Stelle wegen Raummangels. Eine ziemlich liickenlose Aufzahlung findet sich im
Zentralblatt der Bauverwaltung vom 16. Mai 1908 in dem Nachrufe von Baurat Ludwig Dihm.
— Seine akademischen Vorlesungen nannte er: 1. Konstruktions- und Formenlehre
der mittelalterlichen Baukunst; 2. Innerer Ausbau mittelalterlicher Gebaude; 3. Geschichte
der Holzbaukunst; 4. Geschichte des mittelalterlichen Backsteinbaues; 5. Anlage und
Ausbau des Kirchengebaudes; 6. Zwanglose Vortrage, in denen er uber Treppenbau,
Dachstuhle, farbige Architektur, Kleinkunst, Mobel, Heraldik, mittelalterliche Kleidung,
Perspektive und anderes mehr vortrug. — ImDruck erschienen istfolgendes: Die Glasmalerei
des Mittelalters und der Renaissance. Berlin 1881. Ernst und Korn. Ornamentale Glasmalerei
des Mittelalters und der Renaissance. Berlin 1881. Ernst Wasmuth (Tafelwerk, herausge-
geben zusammen mit A. Roflteuscher). Die Bauhiitte des Mittelalters. Berlin 1883 — 1895.
Ernst Wasmuth (Schtilerentwurfe). Die Holzarchitektur Deutschlands vom 14. — 18. Jahr-
hundert. Berlin 1884. Ernst Wasmuth (Tafelwerk). Bauornamente der romanischen und
gothischen Zeit. Berlin 1889. Ernst Wasmuth (Tafelwerk). Die mustergultigen Kirchenbauten
des Mittelalters in Deutschland. Berlin 1892. Ernst Wasmuth (fortgesetzt von O. Stiehl).
Die Abtei Eberbach im Mittelalter. Berlin 1901. Ernst Wasmuth. Auflerdem eine grofle
Zahl von Aufsatzen und Abhandlungen aus den Jahren 1864 — J 9°3 m verschiedenen Zeit-
schriften zerstreut. Ein vollstandiges Verzeichnis, von Baurat L. Dihm zusammengestellt,
in Nr. 37 der Wochenschrift des Architekten-Vereins zu Berlin vom 11. 9. 1909. Eine Aus-
wahl dieser Abhandlungen ist kilrzlich von dem Sohne H. A. Schafer herausgegeben worden
unter dem Titel: Von deutscher Kunst. Gesammelte Aufsatze und nachgelassene Schriften.
Berlin 1910. Ernst u. Sohn. — BiographischeNachrichten und Wiirdigungen sind in
folgenden ausfuhrlichen Nachrufen enthalten: Berliner Tageblatt. Nr. 242 vom 13. Mai 1908
(Hermann Dernburg). — Zentralblatt der Bauverwaltung. Nr. 39 vom 16. Mai 1908 (Ludwig
Dihm). — Zeitschrift fur Geschichte der Architektur. Heft 9 vom Juni 1908 (Friedrich Osten-
dorf). — Verbffentlichungen des Mei fierier Dombauvereins, Heft III (Hugo Hartung). —
Danziger Zeitung, Nr. 82 vom 18. Februar 1909 (Gedachtnisrede von Carl Weber). —
Wochenschrift des Architekten-Vereins zu Berlin, Nr. 37 vom 11. September 1909 (Ge-
dachtnisrede von Ludwig Dihm). — Ein Bildnis, im Jahre 1902 von Leo Samberger in
Munchen gemalt, ist im Besitz der Familie. Carl Weber
Schoenaich-Carolath, Prinz Emil von, * Breslau 8. April 1852, f 30. April
1908 Haseldorf bei Hamburg. — Sch.-C. war der einzige Sohn altvornehmer,
geistig hochstehender, kunstlerisch angeregter Eltern; die eigentlichen Dichter-
gaben diirfte er von der Mutter, einer geborenen von Oppen-Schilden, geerbt
haben. Fur die Bildung des Knaben geschah vieles, ohne da6 er im Anfang
einen geregelten Schulweg nahm. Er begleitete die leidende Mutter auf ihren
haufigen Reisen nach dem Suden. Als Funfzehnjahriger kam er auf eine Real-
schule in Breslau; kurz danach zogen seine Eltern nach Wiesbaden, und hier
wurde er Realgymnasiast. Diese Schulwahl war keine gluckliche, da der kiinftige
Dichter allein fur Literarisches Verstandnis und Interesse zeigte, im ma-
thematischen Fache und auf angrenzenden Gebieten aber ganz versagte. Als
blutjunger Mensch hatte er ein trauriges Liebeserlebnis, das ihn jahrelang
peinigte und in eine pessimistische Richtung drangte. So vorbereitet geriet
er an Schopenhauers Werke. Jenes Erlebnis, der Einflufi dieses Philosophen,
dazu das Zeitgeprage der sechziger und siebziger Jahre — man hat es zu-
152
Schoenaich-Carolath.
sammen, wenn man neben dem Modephilosophen Schopenhauer den Modemaler
und den Modedichter, Makart und Grisebach, nennt, also die Wildheit desGenufi-
verlangens zum Dusteren der Weltanschauung fiigt — diese Dreiheit wurde
fur den Anfang des jungen Dichters bestimmend. Von Wiesbaden kam Sch.-C.
zu Beginn des siebziger Krieges zur Universitat Zurich, wo Johannes Scherr
und Gottfried Kinkel auf ihn einwirkten. Nach dem Friedensschlusse wurde
er Offizier im Kolmarer Dragonerregiment, bald aber gab er den militarischen
Beruf auf und lebte in volliger Ungebundenheit. Er hatte die Eltern friih ver-
loren und war der Besitzer eines grofien Vermogens. Lange Reisen ftihrten ihn
nach Spanien und Tunis, nach Griechenland und Kleinasien. Auf Haseldorf.
dem Gute seines Onkels, das er spater erbte, und auf Palsgaard, einer durch
Kauf erworbenen Besitzung am danischen Belt, konnte er von seinen Fahrten
ausruhen. 1887 vermahlte er sich mit Katharina von Knorring, und die Ehe
wurde die gliicklichste. Dem Dichter waren zwei friedliche Jahrzehnte ver-
gonnt, um so friedlichere, als aus dem verzweifelnden Pessimisten langst ein
uberzeugter Glaubiger, ein kirchlich frommer Christ geworden war. Die dich-
terische Ausbeute dieses reichen und gliicklichen Lebens ist quantitativ eine
fast sparliche: sieben kleine Bande des Goschenschen Verlages umfassen jetzt
das Gesamtwerk des Mannes, Lyrik, kleine Epen und meist lyrisch gestimrate
Novellen. Der kiinstlerische Wert aber steht auch hier, wie so oft, in umge-
kehrtem Verhaltnis zur Zahl der Schopfungen. Es hat ihnen nie an Aner-
kennung gefehlt. Zu manchem ruhmenden Zeitungs- und Zeitschriften-Hinweis
kam 1903 Hermann Friedrichs Buch: »Prinz Emil von Schoenaich-Carolath*;
in der literarhistorischen Einleitung zu seiner weitverbreiteten »Neueren deut-
schen Lyrik « ist Carl Busse enthusiastisch fiir den Dichter eingetreten, in
Richard M. Meyers »Deutscher Literatur des neunzehnten Jahrhunderts*
gelten ihm mafivollere, aber ehrende Worte; unmittelbar nach seinem Tode
haben Lorenz Krapp und Victor Klemperer kleine Monographien iiber Sch.-C.
veroffentlicht, 1909 folgte noch Gustav Schlilers Buch: »Prinz Sch.-C. als
Mensch und Dichter «. Wenn trotz solcher Bemuhungen um diese Werke,
und trotzdem ihnen wohl nie ein entschiedener Gegner entstand, die Gemeinde
der Sch.-C. -Verehrer eine kleine geblieben ist, so mull dafiir der Grund in den
Dichtungen selber zu finden sein. Und ich meine, diese schon geformten und
tief empfundenen Dinge miissen deshalb auf grofiere Wirkung verzichten, weil
sie aus allzu demiitig gliicklichem Herzen kommen, weil sie zum heiflesten
Gedankenringen der Zeit in keiner Beziehung stehen. Es mag sehr paradox
klingen, den Dichter, der nur vom Schmerz zu singen vermochte, der von
seinem Gliick niemals dichterisches Zeugnis ablegen konnte, den Schuler Byrons
und Schopenhauers einen allzu friedlich Gliicklichen zu nennen. Und doch
ist es so; denn jenes festumgrenzte Christentum des Mannes tritt iiberall in
seinen Dichtungen zutage, den Pessimismus und seine Komplementarer-
scheinung, das starke Verlangen nach unmittelbar greifbarem Genufl, nicht
allmahlich liberwindend, so daB die Entwicklung asthetische Freude gewahren
konnte, viclmehr das friihere Empfinden und Denken mit befremdlichem
Ruck beiseite stoBend. Sch.-C. hat Stucke geschrieben, die durch ihren volligen
Pessimismus, andere, die durch ihr stilles Christentum reine Wirkungen her-
vorbringen. Aber gerade in seinen hochststrebenden Dichtungen scheint er
fiir den unbefangenen Leser allzuoft und in allzu plotzlichem Niederbruch das
Schoenaich-Carolath.
153
peinliche Opfer der eigenen Vernunft zu bringen. Es ist das Wesen der Gegen -
wart, daB sie jede Personlichkeit achtet, die fromme wie die unfromme, die
gliickliche wie die glucklose, denen jedoch, die eine allzu bedriickende Unab-
hangigkeit gegen eine mildere Sklaverei verkaufen, mit Gleichgultigkeit gegen-
ubersteht.
Sch.-C.s erste Verdffentlichung, die »Lieder an eine Verlorene« vom Jahre
1878, ist ganz auf den einen Ton des jugendlichen Pessimisten, auf die Klage
um verratene Liebe gestimmt. Ein echter Lyriker, weifi der Dichter das eine
Thema immer neu zu variieren, indem er es bald in unmittelbarer Subjektivitat
darstelit, bald leicht balladisch verkleidet. Auf solche schlichten Verse wird
sich, m. E., der Ruhm des Dichters langer grunden als auf seine kunstvolleren,
gedankentiefen Epen, eine Benennung ubrigens, die diesen Dichtungen doch
wohl nur halb zukommt, da Gedankliches und Lyrisches die eigentliche
Handlung uberwuchern. Was den an einzelnen Schonheiten reichen Schopfungen
Abbruch tut, ist, aufler und iiber einigen Dunkelheiten des Ausdruckes, eben
der peinliche Zusammenprall zwischen Pessimismus und Christentum. Das
heiflt, das eigentlich Vorhandene ist der wild pessimistische Schmerz; dann
aber wird ihm unvermittelt ein christlicher Schlufi angehangt, der nun not-
wendig unharmonisch wirken mufi. Das wird besonders deutlich, wo Sch.-C.s
Pessimismus den umfassendsten Ausdruck findet; im » Judas in Gethsemane«.
Christus hat sein Leben den Menschen, der Welt geweiht, nun sieht er sich
von seinem Junger verraten. Aber dieser Jiinger ist unglucklicher als der Heiland.
»Geschopf bin ich, und Du bist Gottes Sohn«. Und das Ungluck der Menschen,
der Rachedurst gegen den harten Lenker menschlicher Geschicke, trieb ihn
zum Verrat an Gottes Sohn. Er schreit es dem Heiland ins Gesicht, was alles
er zu rachen hat:
Wir schleppen hier auf einem Berg voll Scherben
Ein sterbend Leben, ein lebend'ges Sterben,
Wir spuren ihn, wir schmecken ihn, den Tod
In jedem Trunke, jedem Bissen Brot.
In jeden Laut, in jedes Liebeslallen
Laflt er sein Rocheln als Begleitung fallen
So hetzen uns durch dieser Erde Griinde
Die Herzensangst, der Zeugungstrieb, die Siinde.
Soweit ist die Dichtung in ihrer fanatischen Einseitigkeit unerhort wuchtig.
Der fluchende, rachende Judas, der still duldende Christus — beide erscheinen
sie, gleichsam geschwisterlich zusammengehorend, als Opfer derselben Gott-
heit, als Anklager wider denselben Gott. Und nun eine ganz unvermittelte
Abbiegung ins Christlich-Dogmatische. Judas: der Sunder — Christus: der
Erloser. Und der Liebesblick des sterbenden Erlosers wird alle befreien und
selig machen, die sich kunftig in Siinde verstricken. . . . Dieser versohnliche
Schlufi ist erzwungen, er stellt ein krampfhaftes Anklammern an dogmatische
Trostung dar. Einmal hat Sch.-C. scheinbar die auch in dem Epos »Angelina«
wiederkehrende Abbiegung ins Kirchliche vermieden, in seiner »Sphinx«. Hier
hadert er mit der Gottheit um des Weibes willen, in dem er vor der Hand nur
das Schlechte und Verderbliche sieht. Er schildert das sinnliche Begehren,
die Sattigung und den lahmenden Ekel seines Helden mit so gewaltiger Kraft
und herzensadliger Reinheit zugleich, daB er sich weit liber Grisebachs
154
Schoenaich-Carolath.
»Neuen Tanhauser« emporhebt. Sein Held wirft schliefllich ein Leben fort,
in dem er nichts Gottliches mehr sieht. 1st hier derart am SchluB der Pessimis*
mus beibehalten, so wird doch vorher recht unvermittelt durch die Sunderin
selber eine fromme christliche Erklarung fur die weibliche Unzulanglichkeit
gegeben.
Es ist aber ein nicht genug zu riihmender Charakterzug des Dichters, dafi er
seine eigene Weltanschauung keinem andern aufzudrangen sucht, dafi er jede
ideal gerichtete Gesinnung und Kunst, auch die ganz unkirchliche, hochschatzt.
So preist er in Bocklins Werken »den Lichtbrand des Hellenentums«. Was er
von anderen Menschen, anderen Schaffenden verlangt, ist einzig das ideale
Hochstreben; ob diese anderen den christlichen oder einen anderen Weg zur
Hohe einschlagen, gilt ihm in seinen Wertschatzungen gleich. Einzig auch
darauf gestutzt, dafi solches Emporwollen dem deutschen Volke vielfach eigen
sei, ohne Frommelei und ohne Hurrastimmung, hat er seiner Liebe zu Deutsch-
land ergreifenden Ausdruck gegeben. Bei aller Weitherzigkeit fiir andere aber
ist er doch, wie gesagt, fiir sich selber vom schrankenlosen Pessimismus aus-
gehend bei enggebundenem Christentum angelangt. Nur ein Gefiihl des Dichters
hat sich bei dieser Wandlung vollig unverandert bewahrt: der Schopenhauer -
Schuler und der Christ Sch.-C. sind beide vom tiefsten Mitleid fiir jeden Men-
schen und fiir jede leidende Kreatur erfiillt. Die Strophen, in die Sch.-C. sein
Mitgefiihl fiir die Armen und Unterdriickten gelegt hat (so vor allem auch
seine schlichten und farbenechten Landsknechtslieder), sind das Herzge-
winnendste und wohl auch das uneingeschranktestem Verstandnis Begegnende,
was ihm gelungen ist. Der Liebe zu den Beladenen eint sich als notwendige
Erganzung der Hafi gegen die Unterdriicker, wie gegen die gleichgultig Mit-
leidlosen. Dafi diese mannliche Kraft des Hasses gegen das Schlechte und
Laue dem Dichter bei seiner Sanftigung zur Christlichkeit nicht abhanden
gekommen ist, dafi sein Vorbild nicht nur der dornengekronte Heiland am
Kreuz war, sondern auch der zornmiitige Jesus, der die Wechsler aus dem
Tempel peitschte, dies ergibt sich noch deutlicher als aus seinen Versen aus
den Novellen Sch.-C.s. Es bedurfte fiir den zum Lyriker Geborenen einer
strengen Selbstzucht, ehe ihm wirklich novellistisches Gestalten gliickte. Im
Anfang waren seine Erzahlungen nur aufierlich von seinen Versen getrennt.
Etliche der »Geschichten aus MolU, auch die breitere Erzahlung »Tauwasser«
sind in der Hauptsache Gedichte in Prosa, die von verratener Liebe erzahlen.
Schon unter diesen kiinstlerisch noch unfertigen Novellen steht eine, die den
Parteiganger des Schonen und Guten auch als Hasser des Schlechten zeigt.
Als fast zu fiirchterlichen Hasser, denn in der Erzahlung: »Die Rache ist mein«
halt es der jugendlich Leidenschaftliche noch ganz und ohne innerliches Zu-
riickschaudern mit dem naturbekraftigten Jahwewort, wonach sich die Schuld
der Vater an den schuldlosen Kindern racht. Ober den etwas engen Fanatis-
mus dieser zeitigeren Novelle hat er sich spater, als auch sein novellistisches
Gestalten ein kraftigeres, objektiveres geworden war, hoch empor geschwungen.
Da gelang ihm ein Meisterstiick: »Die Kiesgrube«. Zwischen Loire und Jura
steht wahrend des siebziger Krieges ein stark demoralisiertes franzosisches
Bataillon auf Vorposten. Die Leute beschaftigen sich damit, ein sterbendes
Pferd zu mifihandeln. Der herbeieilende General erschiefit das Tier, dessen
Kadaver in der Kiesgrube liegen bleibt. Am nachsten Morgen kommt es zum
Schoenaich-Craolath. Leitner.
155
verzweifelten Kampf mit den Preufien. Fiir die Franzosen hangt alles an der
Wiedererlangung der zu frtih geraumten Kiesgrube. Sie liegt aber unterm
heftigsten Feindesfeuer und mufl ein »Massengrab« der ersten Sturmer werden.
Da schickt der General jenes Bataillon vor und befiehlt den nachfolgenden
Truppen, auf etwaige Fluchtlinge zu feuern. Er will nicht eigentlich das zu
Tode gefolterte Pferd rachen; doch die bestialische Tat schien ihm bedeutsam
fiir die vollige sittliche Verkommenheit der Leute und so nutzt er die Ge-
legenheit, die Menschheit von etlichen Schlechten zu befreien. Da ist wieder
der Gedanke des Hasses gegen das Schlechte, diesmal in hochster Steigerung,
zugleich aber auch diesmal in vollkommenem Einklang mit dem Sittengesetz.
Erst nach solcher allgemein menschlichen Durchflihrung lafit der Dichter
dann die Erzahlung in rein christliche Gedanken ausklingen. Die grofle Liebe
zur gequalten Kreatur, die sich in der »Kiesgrube« so schon bekundet, hat
Sch.-C. noch einmal und noch ausdrucklicher im »Heiland der Tiere«, einer
stark phantastischen Schopfung, an den Tag gelegt. Vom asthetischen Stand -
punkt war er als Novellist ungleich gliicklicher, wo er das Mitleiden mit dem
Tier, als wo er sein Mitgefuhl mit dem Menschen zum Thema nahm. Seine
Xovelle »Burgerlicher Tod«, eigentlich ein kleiner Roman, da sie am Einzel-
fall die Zustande eines ganzen Volkes und einer ganzen Epoche schildert, ist
kiinstlerisch kein Meisterwerk; das Buch ist eher eine Predigt, eine soziale
Abhandlung zu nennen als eine Dichtung. Aber eine edle Mannestat ist die
Schrift. Stammt sie doch aus dem gleichen Jahre 1891 (veroffentlicht wurde
sie erst 1894), in dem Paul Heyse sein verbittertes Kampfdrama »Wahrheit?«
gegen die siegreich aufstrebende moderne Richtung ins Feld schickte. Und
Prinz Sch.-C, den doch sein Adel, seine politische Gesinnung, sein Christen -
tum ganz anders der Moderne hatten entfremden konnen, als Heyse sein nur
asthetisches Abweichen — er ging bei Zola und Hauptmann in die Lehre,
vergaB des eigenen vornehm behaglichen Lebens und befafite sich mit der
Not der armen Leute. . . .
Auf diese Formel konnte man vielleicht das Leben des Prinzen bringen:
er war immer ein edler Mensch, oft ein grofier Dichter, nie ein Fuhrer zu ent-
schiedener geistiger Freiheit. v :,.♦.,* .. uin^^^ror
b b VictorKIemperer.
Leitner, Dr. Franz Xaver, Domkapitular in Regensburg, papstl.
Hauspralat, Summus Kustos xx., * 5. Januar 1842 zu Bodenwohr, Bez. A.
Neunburg v. W. (Oberpfalz), f 2. Juni 1908 zu Regensburg. — Sohn eines
Paliers besuchte der aufierst talentierte Knabe das Benediktinergymnasium
Metten (Niederbayern), wo er sogleich im ersten Jahre der zweite, spater aber
muhelos nicht nur der erste seines Kurses im allgemeinen, sondern auch in alien
Gegenstanden wurde. Da er auch durch musterhaftes Betragen sich auszeich-
nete, war es nicht zu verwundern, dafi der hervorragende Knabenseminarist
auch als Klerikalseminarist in Regensburg, wo er am Kgl. Lyzeum seine voile
akademische Ausbildung sich holte, der besondere Liebling seines Diozesan-
bischofs Dr. Ignatius v. Senestr^y (f 1906) verblieb. Als ordinierter Priester
(1869) war er nur ein Jahr in der Seelsorge zu Burglengenfeld verwendet und er-
hielt alsdann schon die Erlaubnis, an der Universitat Wtirzburg der Vorbe-
reitung auf den theologischen Doktorgrad zu obliegen. Aus dieser Tatigkeit
1 cj 6 Leitner. Schrader.
erwuchs die als Inaugural -Dissertation bei Herder in Freiburg 1872 erschienene
Schrift: »Die Lehre des hi. Thomas iiber das unfehlbare Lehramt des Papstes«,
ein Seitenstiick zu der wahrend des Vatikanischen Konzils von seinem Ober-
hirten verfaflten Abhandlung: »Die Lehre des seligen Albertus Magnus iiber
die papstliche Unfehlbarkeit*. 1874 veroffentlichte L. noch eine von besonders
praktischem Erfolge begleitete Arbeit: »Ein Wort iiber den Gegenstand der
Andacht zum heiligsten Herzen Jesu«. In siegreicher Polemik vertritt er hier
entgegen der bloC symbolischen Fassung die These, dafl das leibliche Herz
Jesu als Gegenstand des latreutischen Kultus festzuhalten sei. Nach riihm-
licher Promotion in Wiirzburg wurde er als Hauskaplan und Sekretar in den
unmittelbaren Dienst seines bischoflichen Gonners gezogen. Spater wurde er
Domvikar und frequentierender Geistl. Rat, hierauf Kanonikus des Stifts zur
Alten Kapelle, ebenfalls durch den Ordinarius, an welchen das Ernennungs-
recht devolviert war; schliefllich, 1893, durch den Prinzregenten Domkapitular
und durch den Bischof Generalvikar, eine Vertrauensstellung, welche er bis
2 Jahre vor seinem Tode innehatte. Es ist bekannt, dafl er mit Kraft seines
Amtes waltete. Doch wenn, zumal in der gegnerischen Presse, vielfach iiber
»ein System Leitner « geklagt wurde, so wird man bei gerechtem Urteile
doch sagen miissen, das war ein Schlagwort, wie deren viele schon gepragt
worden. Richtig ist, dafl L. mit dem fortiter in re nicht ebenso das suaviter
in modo zu vereinigen wuflte. Im Verkehr mit den staatlichen Behorden liefi
er haufig den richtigen Ton vermissen, wozu trat, dafl manches, was andere
z. B. betreffs der Kirchengemeindeordnung in oppositionellem Sinne schrieben
und taten, auch ihm aufs Konto gesetzt wurde. Ein vielleicht zu sehr ent-
wickeltes Machtbewufitsein hinderte ihn, Vereinbarungen, welche ohne sein
Zutun durch hohere Autori taten getroffen worden waren, entsprechend Rech-
nung zu tragen. So hatte die nach einem neuen, von Rom genehmigten Modus
ohne einen bischofl. Kommissar erfolgte Abtwahl in Metten (1905) ihn sogar
mit dem papstl. Nuntius Caputo in einen Zwiespalt versetzt. Endlich hatte er,
nicht beach tend, dafl der erste Verdrufl besser ist als der letzte, die Gewohn-
heit, anstatt sogleich entschieden zu verneinen, wo er nicht bejahen konnte
oder wollte, durch Zusagen Hoffnungen zu erwecken, deren Nichterfullung
in den Getauschten einen Stachel der Bitterkeit zuruckliefl. Dadurch hatte
er sich eine zahlreiche Gegnerschaft zugezogen, so dafl man von Klerikern
in unverhohlener Freude Isaias XIV, 12 zitiert horen konnte, als L. nach dem
Tode des Bischofs Ignatius von der Fuhrung des Generalvikariats enthoben ward.
Indes sein plotzliches, apoplektisches Ende rief selbst bei liberal gesinnten
Laien ungeheucheltes Mitleid hervor, und an seiner Bahre muflte doch Freund
und Feind gestehen, dafl hier ein selten begabter, sittenstrenger Priester
durch schwere Prufung sicher gelautert in die ewige Ruhe hiniibergegangen sei.
Dr. S c h e n z.
Schrader, Eberhard, Assyriolog, * 5. Januar 1836 in Braunschweig, t 8.
Juli 1908. — E. Sch.s Leben ist in einfachen Bahnen verlaufen. Geboren in
Braunschweig am 5. Januar 1836 als vierter und jiingster Sohn eines Kauf-
manns, hat er in seiner Vaterstadt das Gymnasium und nach dessen Absol-
vierung 1854 das damals noch bestehende Collegium Carolinum besucht, eine
Schrader.
157
der ehemals zahlreichen Anstalten in norddeutschen Stadten, welche den t)ber-
gang von der Gelehrtenschule zur Universitat vermitteln sollten. Hier hat er
unter anderem die Anfangsgriinde des Arabischen bei Petri gelernt. 1856
ging er nach Gottingen, um sich neben der Theologie dem Studium der semi-
tischen Sprachen zu widmen, unter Leitung E w a 1 d s , dem er zeitlebens
dankbare Verehrung bewahrt hat.
Sch. war zunachst wesentlich Hebraist, wenn er auch das Studium des
Alten Testaments durch die Aufschliisse, welche die ubrigen semitischen Sprachen
boten, zu erganzen suchte. Mit welchem Erfolg er sich mit diesen beschaftigt
hatte, bewies er durch Losung der von der philosophischen Fakultat 1858 ge-
stellten Preisaufgabe De linguae Aethiopicae cum cognatis Unguis comparatae
indole universa. Auf Grund dieser Arbeit wurde er i860 zum Doctor philosophiae
promoviert.
Die nachsten Jahre hat er in der Heimat verlebt. Hier traf ihn, der kein
theologisches Examen gemacht hatte, 1862 ein Ruf nach Zurich, um dort als
Nachfolger des nach Heidelberg berufenen Hitzig in der theologischen Fakultat
die alttestamentliche Exegese zu ubernehmen, zunachst als besoldeter Privat-
dozent; schon im nachsten Jahre wurde er ordentlicher Professor. Neben
exegetischen Vorlesungen las er hier liber Arabisch, Athiopisch und Koptisch
und veroffentlichte mehrere Arbeiten auf alttestamentlichem Gebiete. Daran
reiht sich die tiefgreifende Neubearbeitung von de Wettes Lehrbuch der Ein-
leitung in das Alte Testament (8. Auflage, 1869), die als eine gute Zusammen-
fassung des Standes der alttestamentlichen Forschung in diesem Zeitpunkt
gelten kann, kurz bevor sie durch die von Vatke, Reufi, Graf ausgehende, von
Wellhausen siegreich durchgefuhrte Umwalzung auf eine ganz neue Grundlage
gestellt wurde. Aber in diese Zeit ruhiger Lehrtatigkeit, die durch angeregten
Verkehr und 1865 durch die Vermahlung mit seiner Braunschweiger Jugend-
geliebten, Ida Giltner, verschont wurde, fallt ein Ereignis, das fiir Sch.s weiteren
Lebensgang entscheidend werden sollte. Dem Ziiricher Museum waren eine
Anzahl keilschriftlicher Denkmaler geschenkt worden, und Sch. wurde auf-
gefordert, sie zu katalogisieren. Das gab ihm Anlafl, sich mit den Arbeiten
der englischen und franzosischen Entzifferer zu besch&ftigen und sich in die
bis dahin erschienenen Textpublikationen hineinzuarbeiten, und bald fesselte
ihn das neuerschlossene, fortwahrend aufs neue die uberraschendsten Aufschliisse
gewahrende Gebiet immer ausschliefilicher. Als erste Frucht seiner Studien
erschien im Jahre 1869 im 23. Band der Zeitschrift der Deutschen Morgen-
landischen Gesellschaft der Aufsatz: »Die Basis der Entzifferung der assyrisch-
babylonischen Keilinschriften, gepriift von Eb. Schrader*. Klar und gemein-
verstandlich sind hier die Grundlagen der Entzifferung und die Mittel dar-
gelegt und an gut gewahlten Beispielen erlautert, durch die es gelungen war,
die zahlreichen im Charakter der Schrift liegenden Schwierigkeiten zu iiber-
winden; noch jetzt kann dieser Aufsatz jedem empfohlen werden, der sich iiber
diese Fragen und zugleich iiber den damaligen Stand der Ergebnisse der For-
schung orientieren will. Er gab Anlafi, dafl der Vorstand der Deutschen Morgen-
landischen Gesellschaft den Verfasser zu »einer erneuten und erweiterten Unter -
suchung der Grundlagen der Entzifferung der dritten Keilschriftgattung« auf-
forderte. Sch., der inzwischen 1870 einem Ruf nach Giefien gefolgt war, hat
den Auftrag angenommen: das Ergebnis war ein umfassendes, im 26. Bande
158 Schrader.
der Zeitschrift der Deutschen Morgenlandischen Gesellschaft im Herbst 1872
veroffentlichtes Werk (auch separat erschienen): »Die assyrisch-babylonischen
Keilinschriften*, in dem, nach nochmaliger Besprechung der Hilfsmittel, der
Charakter der Schrift und die Grammatik der entzifferten Sprache mit ein-
gehender kritischer Begriindung systematisch dargelegt wurde, zunachst auf
Grund der in den trilinguen Inschriften der Achamenidenzeit vorliegenden
Texte, deren Sinn ja durch die persische Version feststand, doch mit Beriick-
sichtigung alles sonst erschlossenen Materials. Wenn Sch.s Werk auch nur
eine Zusammenfassung der von den englischen und franzosischen Entzifferern
gewonnenen Ergebnisse sein will und in Einzelheiten nur gelegentlich neue
Resultate geben konnte, so ist er doch gerade durch diese systematische Zu-
sammenfassung vor allem in der Behandlung der Grammatik betrachtlich uber
sie hinausgekommen und hat dadurch die junge Wissenschaft der Assyriologie
ganz wesentlich gefordert. Die Erganzung bildet das gleichzeitig ausgegebene
Werk »Die Keilinschriften und das Alte Testament*, in dem die Ergebnisse
der assyrischen Inschriften, soweit sie sich mit dem Inhalt der biblischen Biicher
beriihren und fur deren Verstandnis neue Aufschliisse geben, in sehr libersicht-
licher Weise im Anschlufi an die einzelnen Stellen des Alten Testaments zu-
sammengestellt sind. Oberhaupt zeigt Sch., trotz mancher Schwerfalligkeiten
im Ausdruck, in diesen beiden Werken ein groCes praktisches Geschick; die in
ihnen in Transkription und Obersetzung, mit eingehendem Kommentar, ge-
gebenen assyrischen Texte und die beiden Werken beigegebenen Glossare sind
lange Jahre hindurch fur jeden, der sich mit der Assyriologie beschaftigen
wollte, unentbehrliche Hilfsmittel geblieben.
Die Wirkung der Sch.schen Werke ist sehr weitgreifend gewesen*). Wenn
man bis dahin in Deutschland, von wenigen ruhmlichen Ausnahmen, wie Justus
Olshausen, Max Duncker und Johannes Brandis, abgesehen, der Entzifferung
der babylonisch -assyrischen Keilinschriften ganz ablehnend, ja nicht selten
mit unverhohlenem Spott gegenuberstand, so drang jetzt die Anerkennung
der genialen Entdeckungen eines Rawlinson, Hincks, Oppert durch, und man
begann ihre Ergebnisse zu verwerten. Sch. war inzwischen, 1872, an die Jenenser
theologische Fakultat berufen worden, und hier hat er zum ersten Male Vor -
lesungen uber das Assyrische gehalten und in Friedrich Delitzsch seinen ersten
Schiiler gewonnen, der das Werk des Lehrers alsbald namentlich nach der
grammatischen und lexikalischen Seite in willkommenster Weise erganzte.
In diese Jahre fallen zahlreiche kleinere Arbeiten, darunter eine Bearbeitung
des vor kurzem entdeckten mythologischen Gedichts von der Hollenfahrt der
Istar, eine eingehende Polemik gegen die von Hal6vy seit 1874 verfochtene
Ansicht, das Sumerische (oder wie Sehr. damals mit den englischen Assyriologen
irrttimlich sagte, das Akkadische) sei keine Sprache, sondern ein von den semi-
tischen Babyloniern erfundenes »hieratisches « Schriftsystem, und vorher schon
ein Aufsatz uber die Ursitze der Semiten, in dem er energisch fur Arabien als
Heimat der semitischen Stamme eintrat, eine Anschauung, die jetzt fast allge-
2 ) Als einen Beleg fiir den Eindruck, den sie machten, darf ich wohl erwahnen, dafi ich
als junger Student Schraders ^Assyrisch-babylonische Keilinschriften* sofort nach dem Er-
scheinen in einer Nacht durchgelesen und alsbald angefangen habe, mich an der Hand derselben
in die kejlinschriftlichen Texte hineinzuarbeiten.
Schrader. 1 59
mein als zutreffend anerkannt ist, die freilich vor ihm schon A. Sprenger auf
Grund einer viel umfassenderen historischen Auffassung vertreten hatte.
Inzwischen war in Berlin durch Roedigers Tod die Professur fur semitische
Sprachen freigeworden, und die philosophische Fakultat beantragte in einer
Eingabe vom 31. Juli 1874, dieselbe fur die Zukunft in eine Professur fur mo-
hammedanische Literatur und eine fur semitische Sprachen zu teilen; fur die
letztere wurde an erster Stelle Noldeke, an zweiter Sch. vorgeschlagen. Gleich-
zeitig hatte die Akademie an das Ministerium den Antrag gerichtet, Sch. fur
Berlin zu gewinnen, und sich bereit erklart, einen Teil der dafur erforderlichen
Mittel bereitzustellen. In dem von Olshausen verfaflten Antrag — unterzeichnet
ist er, auBer von diesem, von Lepsius, Mommsen, Droysen, Duncker — wird Sch.
bezeichnet als »ein Mann von eisernem FleiB, von grundlicher und vielseitiger
Gelehrsamkeit, von durchaus gesunder Kritik, frei von Illusionen wie von
Vorurteilen« und als »Schiiler Ewalds, aber nicht dessen Nachbeter«. Da die
wohl niemals ernsthaft gefuhrten Verhandlungen mit Noldeke scheiterten,
wurde Sch. am 14. Juni 1875 zum Ordinarius in der philosophischen Fakultat
und ordentlichen Mitglied der Akademie ernannt. Damit war zugleich die neue
Wissenschaft der Assyriologie als ihren alteren Schwestern ebenbiirtig anerkannt
und unter die an deutschen Hochschulen vertretenen Facher aufgenommen.
Indessen diese Anerkennung blieb nicht ohne lebhaften Widerspruch.
Es fallt uns jetzt schwer, die schroff ablehnende Stellung zu verstehen, welche
so viele hervorragende Semitisten und Altertumsforscher lange Jahre hindurch
gegen die Assyriologie eingenommen haben, obwohl der Nachweis der Soliditat
der Entzifferung fur jeden, der die Augen auf tun wollte, schlagend gefiihrt war.
Man hatte erwarten konnen, die Erschlieflung eines neuen Gebiets, die Aussicht
auf eine urkundliche Erweiterung des bisherigen ganz unzulanglichen Materials
wurde von den Historikern und alttestamentlichen Theologen wie von den
Sprachforschern mit Freude begriiflt worden sein; aber das Gegenteil war der
Fall. Die Schwierigkeiten der Erlernung der Schrift, die Unsicherheit mancher
Ergebnisse, die zweifellosen Fehler, die dabei vorkamen, konnen nicht das
Entscheidende gewesen sein; denn gegen die Agyptologie hat man sich niemals
so ablehnend verhaltcn, obwohl auch hier die Schwierigkeiten nicht geringer
und das Verstandnis der Texte um 1875 kaum weiter fortgeschritten war und
sie seitdem ebensoviel hat berichtigen und vertiefen mtissen wie die Assyriologie.
Vielmehr sind zwei andere Momente von ausschlaggebender Bedeutung gewesen.
Gegenwartig fallt es auch dem, der die folgende Entwicklung mit durchlebt hat,
schwer genug, sich ins BewuBtsein zuruckzurufen, wie unendlich vieles von dem,
was wir jetzt von der Geschichte des alten Orients wissen, ja was fast elementares
Gemeingut geworden ist, vor einem Menschenalter noch vollig unbekannt war.
Von dem grofien politischen Hintergrund, auf dem sich die im Alten Testament
bewahrten Episoden abgespielt haben, von den Einzelvorgangen, aus denen die
AuBerungen der Propheten erwachsen sind, wuflten wir bitterwenig; und immer
von neuem miihte man sich an der Danaidenarbeit ab, aus den Nachrichten
des Herodot, des Ktesias, des Berossos und den im Alten Testament erhaltenen
Geschichtstrummern einen Oberblick der Geschichte des alten Orients zu ge-
winnen. Da traten die assyrischen Nachrichten ein. Uberall brachten sie,
falls sie zuverlassig waren, ungeahnte Kunde, uberall aber traten sie mit den
herkommlichen Darstellungen der israelitischen Geschichte sowohl (dagegen
l6o Schrader.
keineswegs mit den wirklich geschichtlichen Nachrichten, welche das Alte
Testament bewahrt) wie mit den bei den Griechen bewahrten Nachrichten
und vollends mit den darauf aufgebauten Systemen in flagranten Widerspruch.
Begreiflich genug, dafl man sich straubte, sie anzunehmen: wie sehr man
bisher in die Irre gegangen war, wie wenig vor allem alle diese griechischen
Nachrichten, abgesehen von den Fragmenten der Berossos, von historisch ver-
wertbarer Kunde enthielten, konnte bis dahin kein Mensch ahnen. So erklart
es sich, dafl vielen Gelehrten die geistige Elastizitat fehlte, das Neue vorurteils-
los zu prufen und in sich aufzunehmen: statt sich in die Elemente der assy-
rischen Schrift hineinzuarbeiten, wodurch jeder sprachlich Geschulte sofort die
Moglichkeit gewonnen hatte, mit ziemlicher Sicherheit zu beurteilen, was als
gesichert gelten konnte, wo Reserve geboten war, klammerte man sich an die
scheinbaren und wirklichen Seltsamkeiten der Schrift und vor allem an die be-
kannte Tatsache, dafl die Lesung der grofltenteils ideographisch geschriebenen
Gotter- und Personennamen sehr unsicher und schwankend war — vielfach
sind diese Schwierigkeiten auch jetzt noch nicht gehoben — ; und dieselben
Manner, die die zahlreichen fortwahrend auf alttestamentlichem Gebiet vor-
gebrachten Phantasien und die Ungeheuerlichkeiten, zu denen hervorragende
Gelehrte nur zu oft bei der Interpretation phonikischer und aramaischer In-
schriften und Sigel gelangt waren, mit gebiihrender Milde beurteilten, hielten
den Assyriologen unnachsichtlich jeden Miflgriff, jeden sprachlichen oder
sachlichen Fehler, jede falsche Kombination vor, und glaubten mit diesen
Irrtiimern auch die gesamten Ergebnisse ihrer Entdeckungen verwerfen oder
zum mindesten anzweifeln zu diirfen.
Dazu kam ein weiterer Umstand. Die Entzifferung der babylonisch-
assyrischen Keilschrift ist in England und Frankreich ausgefuhrt worden
und in diesen Landern ist bekanntlich jede Wissenschaft, die sich durchsetzen
und Erfolge erreichen will, darauf angewiesen, das Interesse der breiten Massen
der Gebildeten zu gewinnen. Bei der Assyriologie war das um so mehr der Fall,
da sie nun einmal mit dem Alten Testament in enger Beziehung steht und dies
ohnehin schon in England in ganz anderer Weise ein allgemeines Interesse
erweckt als etwa bei uns. Schon an sich locken Entzifferungsaufgaben unberu-
fene Dilettanten an, denen doch einmal, neben vielem Verkehrten, ein guter
Fund gelingen mag; und auch bei den wirklich Berufenen kann die divinatorische
Kombination, mit der ein Entzifferer vorgehen mufl, den Sinn fur strenge
Kritik und methodische Selbstzucht nicht gerade fordern: nur zu oft erweist
sich hier, was zunachst ganz unwahrscheinlich erschien, dennoch als ein gang-
barer Weg, ja als das einzig richtige. So ist es begreiflich, dafl die Assyriologie
den Kinderkrankheiten der Popularitatshascherei und der wilden, ziellosen
Kombination besonders stark ausgesetzt war; selbst gegenwartig hat sie die-
selben noch nicht immer vollig iiberwunden. Diese Gebrechen machten sich
jetzt auch in Deutschland geltend; gerade durch das ablehnende Verhalten
eines grofien Teils der ihr sachlich am nachsten stehenden Gelehrten wurde
sie um so mehr in diese Bahnen gedrangt. Aber wer unbefangen urteilt, wird
den Vorwurf, dafl er diese Ausschreitungen gefordert habe, gegen Sch. nicht
erheben konnen: gewifi war er schon seiner Natur nach enthusiastisch gestimmt
— aber wer will ihm verdenken, dafl ihn das gewaltige Gebiet neuer Belehrung,
welches sich ihm erschlossen hatte, mit Begeisterung erfiillte und er danach
Schrader. jgj
strebte, ihm die so lange vorenthaltene Anerkennung zu erringen? Gewifl
fehlte ihm die strenge sprachliche Schulung, die ihn vor manchen Mifigriffen
hatte bewahren konnen, und liefi er sich mitunter von verwegenen Kombinatio-
nen anderer (nicht von eigenen) blenden, wo scharfe Kritik angebrachter gewesen
ware; aber nur um so mehr ist anzuerkennen, dafi er sich ernstlich und sehr
erfolgreich bemuht hat, diese Kritik zu tiben, das Sichere von dem Problemati-
schen zu scheiden, und dafi seine Arbeiten, indem sie die Ergebnisse der bahn-
brechenden Entzifferer zusammenfafiten und sichteten, zugleich eine weit
solidere Basis fur die fortschreitende wissenschaftliche Arbeit schufen, als
diese zu geben vermocht hatten. Dennoch ist es natlirlich, dafi die Angriffe
gegen die Assyriologie sich in erster Linie gegen ihn richteten, als den Mann,
der diese Wissenschaft in Deutschland heimisch gemacht hatte.
Als Wortfiihrer dieser Stimmungen erhob sich Alfred von Gutschmid. Das
Erscheinen der vierten Auflage von Dunckers Geschichte des Altertums (1874),
bei der Sch. dem Verfasser manche Aufschlusse gegeben hatte und die er gegen
eine Rezension Gutschmids energisch verteidigte, gab diesem den Anlafi zu
einem scharfen Angriff gegen Sch. und die Assyriologie uberhaupt, der zu Anfang
des Jahres 1876 unter dem Titel »Neue Beitrage zur Geschichte des alten Orients.
Die Assyriologie in Deutschland « erschien und die wissenschaftliche Welt aufs
lebendigste erregte. An Umfang des geschichtlichen Wissens, an historischer
Schulung und kritischer Begabung war Gutschmid seinem Gegner weitaus iiber-
legen; daneben verwendet er alle Mittel des Witzes und der Satire, die er als
Meister beherrschte, zu einem Sturm auf die gesamten Grundfesten der Assyrio-
logie, die Hilfsmittel, die Methode, die Ergebnisse, von denen er nur ganz wenige
mit aller Reserve als verwertbar anerkennen will: mit dem Worte des alten
Cato »Chaldaeos ne consulitol« schliefit die Schrift. Es ist nicht zweifelhaft, dafi
dieser leidenschaftliche Angriff wie ein reinigendes Gewitter gewirkt hat; auf
gar manche w r unde Punkte, auf Fluchtigkeiten und voreilige Schlusse, auf die
aus der Popularisierungssucht erwachsenden Gebrechen hat Gutschmid den
Finger gelegt und indem er die neuentstehende Wissenschaft zur Selbstbesinnung
und erneuten Nachprufung zwang, ihre weitere Entwicklung gefordert. Aber
als Ganzes schiefit der Pfeilhagel, mit dem sie uberschuttet wurde, weit uber
das Ziel hinaus: wenn er dem Gegner Befangenheit vorwirft, so war er selbst in
noch weit hoherem Grade befangen. Es hat sich an ihm geracht, dafi er gar
nicht den Versuch gemacht hat, sich die Elemente der Schrift anzueignen —
das war auch damals schon weit leichter, als es dem Fernerstehenden scheinen
konnte — und etwa einen einfachen historischen Text zu lesen: seine Angriffe
hatten an positiven Ergebnissen fruchtbarer sein konnen, wenn er hier etwas
mehr Sachkenntnis besessen hatte. So aber verschliefit er sein Auge geradezu
gegen doch vollig gesicherte Tatsachen; es fallt auf ihn selbst zuruck, wenn er
den trotz einzelner Fluchtigkeiten in allem wesentlichen durchaus soliden
Transkriptionen und Ubersetzungen Sch.s die Werke M^nants als Muster gegen -
iiberstellt, Bucher, die, ganz abgesehen von den zahllosen Druckfehlern, die sie
entstellen, Satz fur Satz mit beispielloser Oberflachlichkeit und Fliichtigkeit
gearbeitet sind und in der Tat eine vernichtende Kritik der Art, wie sie Gut-
schmid an Sch. zu liben suchte, verdient hatten. Sch. hat den Fehdehandschuh
aufgenommen; nach zweijahriger angestrengter Arbeit veroffentlichte er 1878
ein umfangreiches Werk »Keilinschriften und Geschichtsforschung«, vielleicht
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog*. 13. Bd. 1 1
1 62 Schrader.
die reifste und ertragreichste seiner Arbeiten. Er hatte dem Gegner gegeniiber
einen schweren Stand: die Schlagfertigkeit, die Gabe pointierter und wirkungs-
voller Formulierung seiner Ansichten, die Gutschmid in hervorragendem Mafie
besafi, war ihm versagt, eine gewisse Schwerfalligkeit haftet alien seinen Schriften
an. Aber was ihm nach der formellen Seite fehlte, ersetzte er durch solide
Gelehrsamkeit und streng sachliche Diskussion; und die Ehrlichkeit einer
gewissenhaften Uberzeugung, die in seiner Personlichkeit wie in seinen Schriften
(iberall hervorleuchtet, konnte die Wirkung nicht verfehlen. In den Einzel-
fragen hat sich naturlich in den 30 Jahren, die seitdem vergangen sind, gar man-
ches anders gestaltet, wenn auch recht viele von den Sch.schen Ergebnissen
bestehen geblieben sind; in der Hauptsache hat er seine Sache siegreich und
erfolgreich durchgefochten. Seit dem Erscheinen seines Werks sind die Zweifel
an der Zuverlassigkeit der Entzifferung verstummt; und auch diejenigen Ge-
lehrten, welche bis dahin der Assyriologie ganz skeptisch gegeniiberstanden,
haben seitdem ihre Resultate angenommen; wenn dabei Vorsicht und die bei
der Verwendung fremder Ergebnisse immer gebotene Zuruckhaltung geubt
wird, so kann das jedem, der es mit der Wissenschaft ernst meint, nur will-
kommen sein.
Inhaltlich liegt der Schwerpunkt des Sch.schen Werkes in zahlreichen
historischen und geographischen Einzeluntersuchungen; und diesen Gebieten
gehort auch die Mehrzahl der Arbeiten an, die er seitdem, vor allem in den
Schriften der Berliner Akademie, veroffentlicht hat. Auch der zweiten, ganzlich
umgearbeiteten Auflage des Werkes »Die Keilinschriften und das Alte Testa-
ment^ die 1883 erschien, ist diese Richtung seiner Studien zugute gekommen.
Grammatische Arbeiten hat er nicht mehr veroffentlicht; sein Interesse lag
eben durchaus auf der Seite der Realien, und der fortschreitenden Ausbildung
der assyrischen Philologie, dem Ausbau der Grammatik und des Lexikons, der
an Friedrich Delitzsch ankniipft, hat er wohl kaum mehr uberall ganz folgen
konnen. So erklart es sich, dafi er in dem eben genannten Werke die Bearbei-
tung des keilinschriftlichen Sintflutberichts an Paul Haupt (ibertrug, und dafl,
als er 1889 ein neues grofles Unternehmen begann, die »Keilinschriftliche Bib-
liothek«, eine auflerst dankenswerte Sammlung alier wichtigeren babylonischen
und assyrischen Texte, zuerst der historischen Inschriften, in Transkription
und Obersetzung, er wohl noch einige assyrische Konigsinschriften selbst be-
arbeitet, weitaus das meiste aber jungeren Gelehrten (C. Bezold, H. Winckler,
P. Jensen, F. E. Peiser, L. Abel) uberlassen hat, die er in die Anfangsgriinde
des Assyrischen eingefuhrt hatte.
Denn eine reiche Lehrwirksamkeit hatte sich ihm in Berlin eroffnet, und
die neue Wissenschaft warb jetzt zahlreiche Jtinger. Wenn Sch. die fuhrende
Stellung, die ihm in derselben zunachst zugefallen war, auf die Dauer nicht
eingenommen und auch niemals beansprucht hat, so war er durch seine Person-
lichkeit um so mehr berufen zu einer vermittelnden Tatigkeit, zum Ausgleichen
und Einschranken der Gegensatze, die in der weiteren Entwicklung nicht aus-
bleiben konnten: es ist gerade auch nach dieser Seite ein schwerer Verlust fur
die Wissenschaft gewesen, dafi er ihr so bald entrissen worden ist. Denn was
Sch. auszeichnete, war die innere Lauterkeit und Wahrhaftigkeit seines Cha-
rakters und die Herzenswarme, mit der er Leben und Wissenschaft erfaOte, und
die er jedem entgegentrug, der mit ihm in Beruhrung trat. Auf ihr beruhte es,
Schrader. 163
dafi er sich zu einem kraftigen, gesunden Optimismus systematisch erzogen hat,
dafi er Widerspruch und Belehrung durch andere gern ertrug, dafi er durch -
aus Selbstkritik iibte und nicht selten daruber scherzte, dafi er nun einmal
ein »Brausekopf« sei, der sich leicht zu Voreiligkeiten verleiten lasse; und
wenn er mir einmal den sehr beherzigenswerten Rat gegeben hat, sich durch
Einwendungen gegen eine wohlerwogene Ansicht nicht einschuchtern zu lassen,
da man uber diesen Einwendungen nur zu leicht die Grunde vergesse oder
geringschatze, welche zur Bildung dieser Ansicht gefiihrt hatten, so sprach sich
darin das Bewufitsein aus, dafi er selbst immer geneigt war, gegen diese Lehre
zu verstoflen.
Sch. stand in der Vollkraft seiner Wirksamkeit, in einem reichen, wenn
auch durch langes Leiden und friihen Tod einer eben herangewachsenen Tochter
getriibten Familienleben: da traf im Februar 1895 den 59 jahrigen ein schwerer
Schlaganfall, der die linke Seite dauernd lahmte. Die geistigen Fahigkeiten
hatten zunachst nicht gelitten; und in dem ersten Wort, welches Sch. sprach,
als er wieder zu vollem Bewufitsein kam, gelangte sein unverwustlicher Opti-
mismus zu ergreifendem Ausdruck: »Es ist doch ein Gluck, dafi nicht die rechte
Seite gelahmt ist. « Aber die aufierste Schonung war geboten, und die Mog-
lichkeit zu selbstandigem Weiterarbeiten ist nicht wiedergekehrt. Vorlesungen
hat er in seiner Wohnung noch wieder mehrere Semester hindurch halten konnen,
und fur diese Stunden trat auch die alte Frische noch wieder hervor; aber das
Leiden schritt fort, und im Jahre 1899 mufite er sich dauernd von seinen Amts-
pflichten entbinden lassen. Auch die langst vergriffene zweite Auflage des
Werkes »Die Keilinschriften und das Alte Testament « neu zu bearbeiten war
ihm nicht mehr moglich; er hat das Werk an Hugo Winckler und Heinrich
Zimmern ubertragen, die an Stelle des Sch.schen Buchs ein ganz anderes gesetzt
haben, das mit jenem nur den Titel gemein hat.
So endete das mit so reichen Erfolgen begonnene Leben in langem schwe-
rem Leid. Aber bewaltigen lassen hat Sch. sich nicht: statt zu klagen, hat er
sich gefreut, dafi es ihm vergonnt war, die aufsteigende Weiterentwicklung
der von ihm nach Deutschland verpflanzten Wissenschaft noch weiter ver-
folgen zu konnen, wo er selbst die Hand vom Pfluge hatte abziehen mussen;
und alle neuen Erscheinungen hat er mit Freuden begruGt, auch als allmahlich
auch die geistigen Krafte immer mehr abnahmen. Seine Gattin und seine
beiden Kinder haben ihn treu gepflegt. Da wurde ihm im Friihjahr 1908 die
Lebensgefahrtin nach kurzer Krankheit entrissen. Dieser neue harte Schlag
hat zunachst ein nochmaliges Aufflackern des geistigen Lebens herbeigefiihrt.
Nur um .so rascher verzehrten sich die Krafte, die ihm noch geblieben waren:
am 8. Juli 1908 ist er sanft entschlafen.
AuBer Mitteilungen des Sohns, Pastor Eb. Schrader in Reinickendorf, habe ich einen
Nekrolog aus der Feder des Schwiegersohns Fr. Conze im »Braunschweigischen Magazine
Oktober 1908 sowie die Nekrologe von H. Zimmern (Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss. 14. November
1908) und C. Bezold (Ztschr. f. Assyriologie Bd. 22, mit sorgfaltigem Verzeichnis aller Schriften
Schraders) benutzen konnen.
Mit Gcnehmigung des Verfassers aus seiner »Gedachtnisrede auf Eberhard Schrader*.
Abhandlungen der kgl. preufi. Akademie der Wissenschaften vom Jahre 1909 (wieder ab-
^edruckt in seinen >Kleinen Schriften* 19 10) wiederholt. —
Eduard Meyer.
11*
164 Beck. Thiel.
Beck, Konrad August, Bischof der evang. Bruderkirche. * 19. Oktober
1835 in Herrnhut (Sachsen), f 24. Februar 1908 in Herrnhut. — Er besuchte
zuerst die Knabenschule in Herrnhut, trat 1848 in das Padagogium der Bruder-
gemeine in Niesky (Oberlausitz) ein und studierte dann von 1853 — 5^ Theologie
im theologischen Seminarium der Bruderkirche zu Gnadenfeld (Oberschlesien).
Nachdem er 6 Jahre als Lehrer tatig gewesen war, zuerst in der Knabenpensions-
anstalt der Brudergemeine in Gnadenberg (bei Bunzlau) und danach am Pad-
agogium zu Niesky, wurde er 1863 zum Pfarrvikar der zerstreuten evangelischen
Gemeinde in Rosendorf (Bezirk Tetschen in Nordbohmen) berufen, deren
Mitglieder schon lange nahe Beziehungen zur Brudergemeine Herrnhut unter-
halten hatten. Daselbst verheiratete sich Beck mit Frl. Pauline Rosenow, bis
dahin Lehrerin in Gnadenberg. Im Jahre 1876 folgte er einer Berufung als
Prediger der Brudergemeine Gnadenfeld, von wo aus er 1886 zum Mitglied der
Deutschen Unitats-Direktion gewahlt wurde; damit verlegte er seinen Wohn-
sitz nach Berthelsdorf bei Herrnhut. Hier empfing er 1888 die Weihe zu einem
Bischof der Evangelischen Bruderkirche. Innerhalb der Direktion gehorte er
der Abteilung fur Kirchen- und Schulangelegenheiten an. Nach seinem Eintritt
in den Ruhestand 1901 verbrachte er seine letzten Lebensjahre in Herrnhut,
wo er am 24. Februar 1908 im Alter von 72 Jahren und 4 Monaten entschlief. —
Becks ernste und strenge, dabei jedoch zugleich liebevolle und herzlich teil-
nehmende Art als treuer Berater, Seelsorger und Vorgesetzter, sein kraftvolles
evangelisches Zeugnis als Kanzelredner und sein entgegenkommendes Ver-
standnis fur christliche Gemeinschaftspflege auf gesunder, nuchterner evange-
lischer Grundlage sicherten ihm einen weitreichenden und tiefgehenden Einflufl
auf grofle Kreise innerhalb und aufierhalb der Bruderkirche, wie denn auch
seine besondere Gabe auf dem Gebiet der geistlichen Rede und der personlichen
Seelsorge lag. Als Mitglied der lcitenden kirchlichen Behorde des deutschen
Zweiges der Bruderkirche erfreute er sich aber auch infolge seiner grofien Ge-
wissenhaftigkeit als Verwaltungsbeamter und wegen seines klaren, weiten Blickes
und seines sicheren Urteils hoher Achtung und Wertschatzung.
Sein Bildnis ist veroffentlicht worden im *Bruderkalender 1909* nebst kurzer Charakte-
ristik. Ein Abrifi seines Lebensganges erschien im »Herrnhut«s Wochenblatt aus der Bruder-
gemeine, 1908, Nr. ii u. 12. (Schriftl. u. Verlag fur bcides: Prediger Ad. Schulze, Herrnhut
in Sachsen.) A P , ,
' A. Schulze.
Thiel, Andreas, Bischof von Ermland, * 28. September 1826 in Lokau bei
Seeburg, Ostpr., f 17. Juli 1908 in Frauenburg. Bezog nach Beendigung der
Gymnasialstudien in Roessel und Braunsberg 1845 das Konigliche Lyceum
Hosianum in Braunsberg, wo er sich drci Jahre den philosophischen und theolo-
gischen Studicn widmete, besonders dem Studium der Geschichte. Hierfur
hatte er schon auf dem Gymnasium in Braunsberg durch dessen Direktor Jakob
Lilienthal, einen ausgezeichneten Kenner besonders der Vergangenheit Brauns-
bergs, die erste Anregung empfangen, welche durch den Dozenten der Kirchen-
geschichte am Lyzeum, Professor Anton Eichhorn, gefordert wurde. Nach
Beendigung seiner Studien (1849) war Th. kurze Zeit in der Seelsorge tatig
(Drangowski bei Tilsit), 185 1 setzte er seine Studien in Breslau fort, wo er 1853
zum Lizentiaten der Theologie (Inauguraldissertation De Nicolao Papa I legis-
Thiel. Robbert. ^5
lalore ecclesiastico) und 1859, 20. Juli zum Doktor der Theologie promovierte
(Nicolai Papae I idea de primatu Romani pontificis explicata). Schon 1853
habilitierte sich Th. als Nachfolger Eichhorns am Lyceum Hosianum fur die
Facher der Kirchengeschichte und des Kirchenrechts (Habilitationsrede: Alt-
rdmische Rechtsanschauung in bezug auf die politische Stellung der christlichen
Kirche, 1855 in der Tubinger Quartalschrift veroffentlicht) ; er wurde 1855 Extra -
ordinarius, 1858 Ordinarius. Das Werk achtjahriger emsiger Arbeit waren die
Epistolae Romanorum Pontificum genuinae et quae ad eos scriptae a S. Hilaro
tisque Pelagium II. Tom. I. Brunsbergae 1868, eine Fortsetzung der Coustantschen
Publikation (Paris 1721), wofur er das Material hauptsachlich in einem ein-
jahrigen Aufenthalte in Rom seit Herbst i860 sammelte. Der zweite Band,
dessen Material ebenfalls vorliegt, blieb unediert. Schon 1866 hatte ihn die
theologische Fakultat zu Wien wegen seiner hervorragenden Leistungen auf
theologischem Gebiete zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt. Kleinere Arbeiten
erschienen in den Indices des Lyzeums: De decretali Gelasii papae de recipiendis
et non recipiendis libris et Damasi consilio Romano (1864/65, 1865/66, 1866).
Th. war auch 1856 Mitbegrlinder des Vereins fur die Geschichte und Altertums-
kunde Ermlands, zuerst Sekretar, nach Eichhorns Tode 1869 — 1885 Vor-
sitzender des Vereins. Die Zeitschrift des Vereins enthalt von ihm folgende
Aufsatze: Das Verhaltnis des Bischofs Lucas Watzelrode zum Deutschen
Orden (Bd. 1), Beitrage zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte Ermlands
(Bd. 3), Der Flachsbau und Flachshandel in Ermland (Bd. 5), Wehrverfassung
und Wehrverhaltnisse im alten Ermland (Bd. 6).
Durch seine Ernennung zum Domkapitular (1870) und Generalvikar der
Diozese Ermland (1871) wurde Th. diesen literarischen Beschaftigungen zu
seinem groflen Leidwesen entrissen und genotigt, seine Tatigkeit mehr auf das
Gebiet der Verwaltung zu verlegen, zumal da der kirchenpolitische Konflikt
jener Jahre die Diozese ganz besonders traf. Noch weniger Zeit zu literarischen
Arbeiten fand er seit seiner Erhebung auf den bischoflichen Stuhl von Ermland
(1885). Die verschiedenen geistlichen Bediirfnisse seines Sprengels nahmen
ihn ganz in Anspruch, doch betatigte er bei seinem hochidealen Sinne stets sein
Interesse fur die Wissenschaft und speziell fur die Geschichte Ermlands.
Braunsberg. Universitatsprofessor Dr. Jos. Kolberg.
Robbert, Wilhelm, * 31. Mai 1838 zu Donsbriiggen, einem Dorfe in der
Rheinniederung bei Cleve, f 27. Oktober 1908 zu Cleve. R. widmete sich,
bevor er das vaterliche Hotel ubernahm, dem Studium der Landwirtschaft
auf der Poppelsdorfer Akademie bei Bonn (1858 und 1859). Schon 1866 er-
schien ein Bandchen Gedichte, bekannter aber wurde er erst durch das von
frischem Weidmannshumor durchwehte Biichlein »Memoiren des Hasen Loffel-
mann« mit eingedruckten Illustrationen von G. Marx (Dusseldorf, Bagel 1882).
In den Bahnen Wilhelm Buschs wandelt R., der sich ubrigens auch als ge-
wandter und geschatzter Gelegenheitsdichter erwies, in seinem zweiten und
letzten Werkchen: Friedrichs und Ferdinands Buben- und Studentenstreiche,
eine rheinische Dorf- und Hochschulhumoreske, in lustige Reime gebracht
(Dusseldorf, Bagel 1887). In diesem derbhumoristischen Versbuch hat R.
in gliicklicher Weise Erinnerungen aus seiner Bonner Studentenzeit verarbeitet.
1 66 Robbert. Oeri.
Neben den beiden Titelhelden, von denen der Friedrich genannte Studiosus
juris der spatere Ministerialdirektor im preufiischen Unterrichtsministerium
Althoff sein soil, ist die Hauptperson der biedere Schmitze-Iupp, ein als
Original weit und breit bekannter ehemaliger Wirt in der rheinischen Musen-
stadt. E. L.
Oeri, Johann Jakob, Dr. phii, Gymnasialprofessor, * 24. Juni 1844
zu Lausen (Kt. Baselland), | 2. April 1908 in Basel. — Sohn eines Baslerischen
Geistlichen, erwarb sich Oe. seine Bildung in der Heimat der Eltern, lag an
der Universitat dem Studium der Philologie ob und erwarb sich mit einer Ab-
handlung uber die Frage der Responsion in den griechischen Dramen (Bonn
1865) den Doktortitel. Das Diplom eines preufiischen Oberlehrers offnete ihm
eine Gymnasialpraxis in Schlesien. Nachdem Oe. seit Anfang der 70er Jahre
in gleicher Stellung in Schaffhausen gewirkt und sich daselbst um die sorg-
faltige, reizvolle Publikation des Onyx (ersch. als Jubilaumsschrift des hist.-
antiquar. Vereins Schaffhausen, Zurich, Hofer 1882) verdient gemacht hatte,
folgte er 1882 einem Ruf als Lehrer an das obere Gymnasium Basel. Hier
anfanglich in Wort und Schrift politisch — besonders in Schulfragen — tatig
und als Mitglied des Grofien Rates (1889 — 99) eifriger Verfechter des Proportio-
nalwahlsystems, widmete er sich spater nach Baslerischer Uberlieferung mehr
und mehr der Gemeinnutzigkeit. — Oe.s fachwissenschaftliche Tatigkeit gait
ausschliefilich dem mit grofler Kombinationsgabe und gewandter Darstellungs-
kunst wiederholt behandelten Problem seiner Dissertation (Novae in responsio-
nem Aristophaneam animadversiones, Schaffh. Progr. 1876 — Die grofle Respon-
sion in der spatern Sophokleischen Tragodie, Berlin 1880 — Interpolation und
Responsion in den jamb. Partien der Andromache des Euripides, Schaffh. Progr.
1882 — Die euripid. Verszahlensysteme, Basel Progr. 1897/98 — Die Sophokl.
Responsion -Verteidigung, Berichtigungen, Folgerungen, Basel, Progr. 1903).
Daneben galten seine Arbeiten dem Studium der griechischen Dramatiker
iiberhaupt, speziell Sophokles, von dessen »Madchen von Trachis« Oe. eine
gute tJbersetzung (Basel, Sallmann 1892) und einen Kommentar (Beitrage
zum Verstandnis der Trachin. des Sophokles, Berlin 1882) veroffentlichte.
Auch uber Euripides aufierte sich Oe. ofter in den Versammlungen des Vereins
Schweiz. Gymnasiallehrer und Programmen des Basler Gymnasiums (Uber
Gotter und Menschen bei Euripides, usw.) — alles »hypothetisch, aber hiibsch
zu Iesen«, wie ein Kritiker urteilt.
Damit in engstem Zusammenhang stehen Oe.s Verdienste als Herausgeber
der nachgelassenen Werke Jakob Burckhardts, der Griechischen Kultur-
geschichte, 4 Bande, Berlin u. Stuttgart, Speemann 1898 — 1902 — sowie der
»Weltgeschichtlichen Betrachtungen«, Berlin 1905. Nach oft nur durftigen
Aufzeichnungen des Verfassers, wie sie der Schwestersohn im Nachlafl seines
Oheims vorgefunden, und nach fliichtigen Nachschriften der Schuler fast selb-
standig gearbeitet, sollten diese Ausgaben das Interesse am griechischen Alter-
tum aufs neue wecken und steigern. In der Tat spricht denn^auch aus ihnen,
die sich von ziinftiger Seite Anfechtungen gefallen lassen mufiten, die unver-
gefiliche Personlichkeit Jakob Burckhardts recht lebhaft zum Leser. — Mit
Oe.s Hinschied verlor das Basler Gymnasium auch einen bedeutenden Lehrer,
der besonders in der Horazinterpretation, an der sich seine epikuraisch und
Oeri. RoseDmund. 1 67
satirisch veranlagte Natur Genuge tun konnte, sowie im Unterricht der deut-
schen Literatur den Schlilern naher trat. (Man vergleiche seinen Vortrag
»Ober die Erziehung der Jugend zum Verstandnis der Poesie«, Schaffh. 1882.)
Hermann Schollenberger.
Rosemnund, Max, Dr. phil., Ingenieur, Professor am eidgenossischen Poly-
technikum in Zurich; * 12. Febr. 1857 in Liestal (Kt. Baselland), f 18. Aug.
1908 in Kusnacht bei Zurich. — Als jiingster Sohn beguterter Eltern unter
gliicklichen Verhaltnissen geboren, genofi R. eine vorziigliche Erziehung in
Haus und Schule, zunachst in Zirich, wohin die Familie ubergesiedelt war.
Nach dem fruhen Tode des Vaters, der ihn zur Obernahme seines uberseeischen
Geschafts in Rio de Janeiro bestimmt hatte, liefi die Mutter den Knaben zur
Vorbereitung auf den seinen innersten Neigungen entsprechenden Ingenieur -
beruf die Industrieschule in Lausanne besuchen. Hier fand seine fruh reifende,
durch verstandnisvolle Lehrer geweckte Freude an der Natur eine erste Be-
tatigung in kiihnen Kletterpartien des spatern geiibten Hochtouristen, der
noch drei Jahre vor seinem Tode muhelos den Jungfraugipfel bestieg. Ebenso
wurde die Mufiezeit der Studienjahre am Polytechnikum, das R. im Herbst
1875 bezog, zu eifrigen Touren in die Alpen, die Pyrenaen und die Dauphin6e
benutzt. Die hier bewiesene Ausdauer sowie ein die Gefahr zwar nie unter-
schatzender, jedoch vor keiner Strapaze und Entbehrung zuruckschreckender
Unternehmungsgeist befahigten R. auch zu den Erfolgen auf seinem Berufsfeld,
auf das ihn sein im Herbst 1879 erworbenes Diplom als Bauingenieur hinwies.
Nach Absolvierung eines langern Militardienstes — R. brachte es in regelm&Bigem
Avancement bis zum Rang eines Obersten der schweizerischen Artillerie im
2. Armeekorpsstab (1906) — begann er seine praktische Tatigkeit als Bau-
praktikant bei Flufibauten zum Zweck der Verbesserung der Schiffahrt auf
der Seine in Suresne bei Paris. Seit 1 88 1 als Aufnahmeingenieur im eidgen.
topographischen Bureau in Bern niedergelassen — er bearbeitete als solcher
das Blatt Partnun des Siegfriedatlasses — wurde der fleifiige und zuverlassige
Arbeiter schon 1882 zum Triangulations- Ingenieur befordert und von seinen
Vorgesetzten bald mit der Losung der hochsten wissenschaftlichen Aufgaben
auf dem Gebiet des Vermessungswesens betraut, denen zufolge er seine ganze
Kraft auf die trigonometrisch-geodatischen Arbeiten der schweizerischen Landes-
messung sowie der internationalen europaischen Gradmessung verlegte. So
entstanden seine »Untersuchungen uber die Anwendung des photogramme-
trischen Verfahrens fiir topographische Aufnahmen«, veroffentlicht als Bericht
Bern 1896. Nachdem sich R. so praktisch und theoretisch in das Gebiet der
Geodasie in ihren Beziehungen zur Land- und Erdmessung eingearbeitet und
die Fiihrung in diesem Zweig des schweizerischen Landvermessungswesens
ubernommen hatte, ubertrug ihm die Baugesellschaft fiir den Simplontunnel,
Brandt, Brandau & Co., 1898 die Richtungsbestimmung der Achse fiir den
Tunnel sowie die jeweiligen Kontrollmessungen bezuglich der Lange und
Hohenverhaltnisse bis zum Durchschlag des Tunnels. Die in dieser Ver-
messungsarbeit am Simplontunnel gemachten Erfahrungen, die R. den Welt-
ruhm eintrugen, legte er in drei Publikationen nieder; zuerst in einem Spezial-
bericht (Bern 1901), dann in einem als Separatabdruck der »Schweizerischen
1 68 Rosenmund. Walfflin.
Bauzeitung« (Bd. XXXVII), Zurich 1 901, erschienenen Aufsatz »Uber die
Absteckung des Simplontunnels«, sowie endlich in der gemeinsam mit Charles
Ed. Guillaume und Raoul Gautier veroffentlichten wissenschaftlichen Ab-
handlung »La mesure de la base geodesique du tunnel du Simplon« } Bd. XI der
»Travaux astronom. et geodes. exec, en Suisse*. Mit der Bestimmung der
Lange und Richtung der Achse des Simplontunnels mit der Genauigkeit eines
Millionstels der Gesamtlange hatte R. sein Meisterstuck abgelegt, indem er
hier die zu erwartenden Fehler in den Bestimmungen voraussagte. Der im
Februar 1905 erfolgte Durchschlag des Vortriebstollens I ergab die Richtigkeit
von R.s muhevollen, ausdauernden Arbeiten. Seine bei der Eroffnung der
Bahn bewiesene Bescheidenheit und Entsagimg, welche ihn von dem rauschenden
Zug der Festteilnehmer durch die Simplonstadte ferngehalten, konnte es nicht
verhindern, dafi ihm im April 1905 von den drei schweizerischen Universitaten
Genf, Lausanne und Basel zugleich das Diplom des Ehrendoktors uberreicht
wurde. —
Zuletzt war R. — bis 1904 — in Bern tatig als Adjunkt des Direktors der
Abteilung fur Landestopographie des eidgenossischen Militardepartements
und hatte in dieser Stellung die wissenschaftliche Bearbeitung des Materials
sowie die Einfiihrung der Ingenieure in die neu auftretenden Probleme der
Landesvermessung zur Aufgabe. Dieser entsprang seine »Anleitung fur die
Ausfiihrung der geodatischen Arbeiten der schweizerischen Landesvermessung*
(Bern 1898), jener die im Auftrag seiner Behorden verfafite »Anderung des
Projektionssystems der schweizerischen Landesvermessung* (Bern 1903). —
Einem Ruf an die durch den Tod von Prof. Dr. Decher verwaiste Professur
fiir Vermessungskunde und Geodasie am eidgenossischen Polytechnikum in
Zurich mit dem Anerbieten lebenslanglicher Anstellung leistete R. inmitten
dieser Plane und Arbeiten nur zogernd Folge. Durch grofiere noch in den letzten
Jahren unternommene Reisen ins Ausland, durch seine vielfachen Beziehungen
zu auslandischen Fachkollegen und fleifiiges Studium der einschlagigen Literatur
behielt R. stets ein offenes Auge fur die Fortschritte auf seinem Gebiete. Auch
in andern Missionen stellte er seine Fahigkeiten und Kenntnisse dem Vaterland
zur Verfiigung; so als Mitglied der eidgenossischen geodatischen Kommission
durch die Oberleitung der Schwere-undLangebestimmungen und die Einfiihrung
der Ingenieure in ihre Arbeiten, als Mitglied der eidgenossischen Artilleriekom-
mission in der schwierigen Frage der Neubewaffnung usw. Anfang Mai 1908
zwangen ihn Gesundheitsrucksichten, um einen langern Urlaub nachzusuchen, und
bereits am 18. August desselben Jahres raffte ihn eine tuckische und hartnackige
Krankheit dahin. Die kurze Dauer seiner Lehrtatigkeit (1904 — 08) hatte doch
geniigt, um das grofie Verdienst seiner akademischen Wirksamkeit erkennen
zu lassen: die Herausgestaltung einer nationalen Richtung im Vermessungswesen.
(F. B.[ecker]. Neue Zurcher Zeitung, 25. VIII. 08. — K. E. H.[ilgard], Ziircher Wochen-
chronik. 29. VIII. 08.) Hermann S c h 1 1 e n b er g er.
WSlfflin, Eduard Ritter von, Dr. phil et jur. t k. Geheimrat, Professor der
lateinischen Philologie an der Universitat Miinchen, * 1. Januar 183 1 in Basel,
t 8. November 1908 ebenda. — In der alten Humanistenstadt als Sprosse eines
cingesesscnen Geschlechtes, jedoch aus ungelehrten Kreisen hervorgegangen,
Walfflin. i(> 9
genofi W. den ersten Unterricht in der Altertumskunde am Gymnasium und
an der Universitat seines Heimatortes und promovierte in Gottingen unter
R. F. Hermann, F. W. Schneidewin und E. v. Leutsch mit der Arbeit t>De Lucii
Ampelii libro memoriali quaestiones critic, et historic* 1854, welcher er kurz
darauf eine heute noch maflgebende kritische Textausgabe folgen liefi. In Basel
als Gymnasiallehrer und Beamter an der Universitatsbibliothek beschaftigt und
seit 1856 fur klassische Philologie habilitiert, wirkte W. spater in Winterthur
und Zurich — hier seit 1870 als ordentlicher Professor — und von 1875 — 80 in
Krlangen. Als Nachfolger Karl Halms (vgl. W.s »Gedachtnisrede auf K. H. ge-
halten in der offentlichen Sitzungder Konigl. Bayerischen Akademie der Wissen-
schaften inMiinchenl883) an die Miinchener Universitat beruf en, gehorteer dieser
wahrend der fruchtbarsten Zeit seines Wirkens — voile 25 Jahre — an. Erst als
ihn 1906 ein schweres Augenleiden und verstarkt auftretende Altersgebrechen
zur Einschrankung seiner Tatigkeit zwangen, zog er sich in seine Vaterstadt
zuruck, wo er zuletzt ganz zuriickgezogen fast nur noch seinen musikalischen
Neigungen lebte, bis ihn ein sanf ter Tod dem Kreise seiner Angehorigen entzog.
W.s erste, bereits durch die eigenartige Form wie Behandlung literar-
und sprachhistorischer Probleme ausgezeichneten, mit der seinem Wesen ent-
sprechenden Akribie, gnindlicher Sprachkenntnis und hervorragender palao-
graphischer Bildung verfaflten Arbeiten bestanden in kritischen Ausgaben
einiger spatgriechischen und romischen Autoren (Ampelius, Leipzig 1854 —
Cacilius Balbus, Basel 1854 — Polyanos, Leipzig i860 (2. Aufl. bes. v. Melber
1887) — Publilius Syrus, Leipzig 1869 — sowie eine Ausgabe von Buch 21 — 23
des Livius, 3 Bande, Leipzig 1873 — 83 und seither wiederholt aufgelegt, zuletzt
durch seinen Schiiler Fr. Luterbacher). Seine Aufsatze liber Livius (Liviani-
sche Kritik und Livianischer Sprachgebrauch, Winterthur 1864/65) und Tacitus
(ersch. im »Philologus« XXIV 1866), worin W. mit bisher in den Fachkreisen
nicht geiibter Sorgfalt die Stilentwicklung der gen. Geschichtsschreiber erschlofi,
fiihrten ihn seinem spatern Hauptgebiet, der lateinischen Sprachgeschichte,
immer naher. Wegweisend fur dies Spezialgebiet W.s sind seine »Untersuchun-
gen uber latein. und roman. Comparation«, Erlangen 1879, deren Tendenz
bereits auf einen Zusammenschlufl der »Latinisten« und »Romanisten« gerichtet
ist, sowie sein Vortrag iiber »Die Latinitat des Afrikaners Cassius Felix «, Mun-
chen, Sitzungsber. 1880. Hatte er es in der einen oder andern dieser Arbeiten —
von der Fachwissenschaft als irrig zuruckgewiesen wird z. B. seine Hypothese
uber Asinius Pollio, sowie die Textgestaltung der Benediktinerregel — an
kritischer Sicherung des Materials fehlen lassen und in seiner Forscherfreude
aus demselben oft zu weitgehende Schlusse gezogen, so konzentrierte sich doch
hier schon seine Tatigkeit auf das Beobachten des nach Zeit und Gegend ver-
schiedenen Absterbens von Wortern und Ausdrucksformen und ihren Ersatz
und die Ausdehnung dieser Methode von der Untersuchung einzelner Worte
auf stilistische Formeln und ahnliche Wortkomplexe. So hat W. in diesen
altesten Zweig der Philologie, die Lexikographie, als neues Element die »histo-
rische und geographische Synonymik« (Vollmer) getragen, wobei sich ihm
freilich uberall die Unzulanglichkeit der bisherigen lexikalischen Hilfsmittel
fuhlbar machte. Die bereits in seiner Schrift uber »Antiochus von Syrakus und
Coelius Antipater«, Winterthur 1872, enthaltenen mafigebenden Gesichtspunkte
mufiten W. nach seiner vielseitigen Tatigkeit als Einzelgelehrter auch die groCten
170
WBlfflin.
Erfolge bringen in seiner Eigenschaft als Vorkampfer fur das bedeutendste
neuere Unternehmen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Lexikographie,
den Thesaurus linguae Latinae.
Allerdings ist der von F. A. Wolf zuerst beabsichtigte Plan eines groflen
Lexikons, welches die ganze lateinische Literatur bis zum Obergang in das
Mittellatein umfassen und auf textkritischer und sprachgeschichtlicher Grund-
lage aufgebaut sein sollte, vor W. schon von Halm auf der Wiener Philologen-
versammlung des Jahres 1858 von neuem angeregt worden. Allein das durch
die Forderung von Konig Max II. der Ausftihrung nahe Werk zerschlug sich
an der Ungunst der politischen Verhaltnisse und schien endgiiltig begraben.
Die Wiederbelebung dieses Gedankens in einem durch die vielen Fehlschlage
bedingten vollig aussichtslosen Zeitpunkt mit Mut erkampft zu haben, ist als un-
bestrittenes Verdienst W. allein zuzuweisen. Sein im »Rheinischen Museum*
(XXXVII, 1882) erschienener Aufsatz »(Jber die Aufgaben der lateinischen
Lexikographie « belebte von neuem das Interesse fiir die gewaltige Aufgabe,
indem es W. aus Fachkreisen eine Menge opferwilliger Gelehrter zufuhrte, und
der seither von ihm mit beispielloser Zahigkeit und Ausdauer festgehaltene
Gedanke (vgl. seinen weitern Aufsatz »Die neuen Aufgaben des Thesaurus
linguae Latinae*, Miinchen, Sitzungsber. 1894) — fiihrte zur schliefilichen
Obernahme des Werkes durch die fiinf groflen deutschen Akademien Berlin,
Wien, Miinchen, Leipzig, Gottingen, so dafi 1893 die Vorarbeiten beginnen
konnten. W.s spezielle Vorarbeit war sein »Archiv fiir lateinische Lexikographie
und Grammatik mit Einschlufl des altern Mittellateins*, Leipzig 1884 ff., das
er zuerst mit Unterstutzung der Konigl. Bayerischen Akademie der Wissen-
schaften, deren ordentliches Mitglied W. seit 1880 war, herausgab. Diese
Zeitschrift ward allmahlich zum Hauptorgan fiir geschichtliche 'Betrachtung
und Erforschung vor allem des Volks- und des Kirchenlateins der spatern Jahr-
hunderte. Mit ihr hatte W. aber auch einen Sammelpunkt fiir alle lexikologischen
Untersuchungen geschaffen, der bis und mit dem Schluflband XV das »wissen-
schaftliche Feldherrntalent« seines Urhebers glanzend an den Tag legte. Das
durch geschickte Fragestellung ausgezeichnete Zettelmaterial, das W. den
einzelnen Gelehrten nach Maflgabe ihrer Befahigung zur Bearbeitung uberwies,
wurde gleich vom ersten Jahrgang an zu »Probeartikeln« fiir den Thesaurus
verarbeitet. Dieser selbst hatte 1899 mit der Redaktion der einzelnen Artikel
seinen Anfang genommen, wobei W. personlich die Verzettelung der lateinischen
Prosaiker besorgte und dem ganzen Unternehmen selbst als Mitglied und Seele
des Direktionskomitees vorstand.
Neben diesem seinem eigentlichen Lebenswerk — W.s letztwillige Ver-
fugungen ubermachten mit einer bedeutenden Geldsumme fast den ganzen
Bestand seiner Bibliothek dem Thesaurus — stehen seine Verdienste als akade-
mischer Lehrer auf gleicher Stufe. Sein klarer, lebendiger Vortrag, welcher die
Originalitat in Auffassung und Behandlung des Gegenstandes anregend zum
Ausdruck brachte, verschaffte W. schon in seinem ersten deutschen Wirkungs-
kreis eine groflere Zahl begeisterter Schiiler, aus deren Mitte die *Acta seminarti
philoL Erlangensis* erwuchsen. Und auch die reichbesuchte ideenreiche Miin-
chener Vorlesung uber Grammatik des Vulgarlateins und Erklarung ausgewahlter
Briefe Ciceros oder die Interpretation des helium Hispaniense im philologischen
Seminar werden dem einstigen Zuhorer unvergefilich bleiben.
Wblfflin. Stiefel. 171
Vollmer, Sitzb. d. philos.-philol. u.d. hist. Kl. d. K. B. Akad. d. Wissensch. in Miinchen.
10. Marz 1909. — Edmund Hauler, Almanach der Kaiserl. Akad. der Wissensch. in Wien 1909. —
Oskar Hey, Beilage der Munchener Neusten Nachrichten, 1. Jan. 1909. — Neue Zurcher Zeitung,
26727. Nov. 1908. — Basler Nachrichten, Sonntagsblatt, 15. Nov. 1908. — W.s wohlgetroffenes
Bildnis ziert die *Commentationes Woelfllinianae* und das Erganzungsheft zum XV. Bd. des
»Archivs«, hsg. von 0. Hey — ein Abgufi der trefflichen Biiste des Munchener Bildhauers
Hahn befindet sich im klass.-philol. Seminar der Univ. Miinchen.
Hermann Schollenberger.
Stiefel, Karl Julius, Dr. phii, Professor der deutschen Literatur und Asthe-
tik am eidgenossischen Polytechnikum und an der Universitat Zurich, * 31. Mai
1847 in Zurich, f 24. Juni 1908 ebenda. — Die in abhangiger Stellung in Zurich
dienende Mutter St.s, »deren aus Humor und Ernst so wundersam gewobenes
Wesen mir allezeit wie Verkorperung der Poesie erscheint«, ubergab den korper-
lich schwachlichen Knaben nach dem Tode des Vaters der einfachen landlichen
Umgebung von Wermatswil bei Uster (Kt. Zurich), wo friih seine Freude an
der Natur und — durch wenig erzieherische Einsicht genahrt — sein sinnendes,
griiblerisches Wesen sich entwickelte. Er selber fuhrte die Freude an der Poesie
auf den Unterricht des spatern Seminardirektors Bachofen, unter dem St. die
Sekundarschule Fehraltorf besuchte, und dem er stets, trotz spaterer religioser
Unstimmigkeiten, ein dankbares Andenken bewahrte, zuruck. Bachofen ver-
mittelte St. im Einverstandnis mit dessen Vormund und Gonner Theodor Baur,
dem Besitzer des renommierten Hotels am See in Zurich, einen Platz in dem
von der evangclischen Gesellschaft fiir Theologiestudierende gegriindeten Konvikt
in Unterstrafi, wo sich dem von seinem ktinftigen Beruf wiederum durch unver-
standige Besorger abgestofienen Jiingling (»ich bin mit der Theologie zu friih
fertig geworden«) zum ersten Male die Gedankenwelt der groflen deutschen
Schriftsteller erschlofl. Ein hartnackiger, von beiden Seiten leidenschaftlich
gefiihrter Kampf mit dem Vormund, als dessen vorzeitige Friichte sich St.s
Hang zur Nervositat, Bitterkeit, Melancholie in einem Tagebuch aus jener Zeit
wiederfinden, fuhrte zunachst zu keinem Ergebnis; trotz starker literarischer
Neigungen studierte St. Theologie, bis es ihm wohlwollende Eltern von Gym-
nasialfreunden, die Familien von Muralt und Stadlcr, ermoglichten, die Studien
in seinem Lieblingsfach, der deutschen Literatur, fortzusetzen. Durch den Besuch
von Vorlesungen von Joh. Scherr und Fr. Th. Vischer, durch Konzentrierung
seiner Privattatigkeit auf das spezielle Gebiet der Lyrik gelang es St., unter-
stiitzt durch eine umfassende allgemeine Bildung wie durch seine naturliche
Begabung, schon 1870 an der Universitat Zurich, unter dem Rektorat von
Adolf Gusserow mit einer Arbeit uber »die deutsche Lyrik des 18. Jahrhunderts
(als »asthet. Studien «, Leipzig 1871, erweitert erschienen) zu doktorieren.
Die in uberwiegend philosophisch-asthetischer Methode ausgefiihrte Spezial-
arbeit uber die Anfange der selbstandigen modernen deutschen Lyrik unter
Haller und Hagedorn, und deren Entwicklung bis auf Hebel, enthalt trotz
mancher Sprachharten und schwer verstandlicher Partien musterhafte Gedicht-
analysen (z. B. Klopstocks, Goethes und Holderlins) sowie ein sicheres Urteil
in der schwierigen Einteilung der lyrischen Formen, die St. einlafilicher und
vielfaltiger gliedert, als Vischers Asthetik bei der Grofie ihrer ganzen Anlage
1/2
Stiefel.
in diesem Teil sie leisten konnte. So fand auch Moriz Carrifcre in St.s Buch
»viel Sinniges und tiberall den Beweis, dafl Sie glticklich verstehen, die dich-
terische Empfindung auf eine begriffliche Formel zu bringen.* — »Ihr Buch
macht mir den Eindruck, dafi Sie eine Zukunft haben. Also frisch vorwartsU
hatte ihm von Stuttgart aus Vischer zugerufen (30. Januar 187 1 ). An mafl-
gebender Stelle konnte der den meisten Literarhistorikern jener Tage fehlende
Vorzug St.s nicht ubersehen werden: jene feine, sinnige Vertiefung in das
spezifisch Poetische, ohne welche die Kritik immer nur schablonenmafiig, nie-
mals aus dem Innersten heraus lebendig empfindend und urteilend ist. Mit
diesem verstandnisvollen Nachempfinden verband St. einen kundigen, geschicht-
lichen Blick, der das Einzelne sofort in grofie Gruppen und in allgemeine ge-
schichtliche Zusammenhange einzufiigen weifi — Qualitaten, deren Wurdigung
St. bald darauf auch die Bewilligung zur Habilitation eintrug. Anderseits
jedoch strebte St. mit Energie darnach, sich nachtraglich noch einer metho-
dischen Schulung zu unterziehen, welche ihm materielle Erweiterung seiner
Kenntnisse auf seinem Hauptgebiet und ein mehr historisches Verstandnis
der literarischen Erscheinungen gewahren sollte. Mit einem glanzenden Zeugnis
des klassischen Philologen Prof. Arnold Hug versehen, bezog St. im Jahre 1873
die Universitat Berlin, um sich besonders dem Studium der modernen Philologie,
sowie der Germanistik zu widmen. Nach Zurich zuriickgekehrt, war er hier in
gewissenhafter Erfullung seiner Sohnespflichten bestrebt, sich alsobald nach
einer praktischen Tatigkeit umzusehen. Eine Empfehlung Scherrs, der seinem
ehemaligen, sehr fleifligen Zuhorer das Zeugnis ausstellt, ein »talentvoller,
strebsamer, wissenschaftlich tiichtig durchgebildeter junger Mann und uberdies
von Gesinnung und Charakter durchaus ehrenhaft und wacker* zu sein, ver-
schaffte ihm die Lehrstelle fur deutsche Literatur an der Industrieschule Zurich,
die St. vom 1. Mai 1876 an ein Dezennium innehatte. Nach dem Tode Kinkels
und dem durch Krankheit bedingten Rticktritt Scherrs sah St. mit seiner Wahl
als beider Nachfolger einen langgehegten Wunsch in Erfullung gehen. 1887
wurde ihm aufierdem eine a. 0. Professur fur Asthetik und Geschichte der
Asthetik nebst Betatigung im deutschen Seminar mit besonderer Beriick-
sichtigung der rhetorischen Obungen an der Universitat Zurich zugewiesen.
Die Zuhorer seiner Vorlesungen uber »Welt und Menschen in Shakespeares
Dramen« — »Die klassische Dichtung der Deutschen von Klopstock und Goethe
bis zu Schillers Tod« — »Das neue deutsche Drama: Kleist, Hebbel, Grill-
parzer« sowie liber die tiefgreifendsten Kapitel der Asthetik, das Tragische
und Komische usw. — besonders aber das Auditorium, dem er die Schonheit
dcs groflen zeitgenossischen Schweizer Schrifttums enthiillte, bewahren noch
hcute in lebendiger Erinnerung St.s in Auffassung und Vortrag hinreiflende
Beredsamkeit, seine von tiefem Lebensgehalt geistspriihende Darstellungsgabe,
die mit bewufiter Betonung der padagogischen Aufgabe der Literaturgeschichte
die Schwache der rein philologischen Kritik vermied. St.s unerschutterliche
Uberzeugung: »die Weltliteratur ist die Erzieherin des Menschengeschlechtes*
licfi ihn die Sache der Poesie stets als eine heilige auffassen und drangte ihn so
zu einer ebenso starken Verteidigung der klassischen Richtung, als entschie-
denen Ablehnung der Moderne. (Man lese etwa den vom warmsten patriotischen
Gefiihl durchhauchten, an der aufierordentlichen Schulsynode vom 9. Juni
1902 gehaltcnen Vortrag »Pocsie und Schule«).
Stiefel.
1/3
In diescr Weltanschauung sah sich St. mit seinen grofien Zeitgenossen
Gottfried Keller und C. F. Meyer einig; beide durfte er neben dem andern
Dioskurenpaar, Arnold Bocklin und Rudolf Roller, seine Freunde nennen. C. F.
Meyer, erfreut iiber die »geist und verstandnisvolle« Kritik, mit der St. in der
Neuen Ziircher Zeitung »Huttens letzte Tage« begrufit hatte, liefl sich nach
seiner Riickkehr aus Venedig im Fruhjahr 1872 durch den bekannten Literatur-
freund Wille in dessen Besitzung Mariafeld bei Meilen St. personlich vorstellen,
und bald war ein lebhafter miindlicher und schriftlicher Verkehr im Gange.
Der erst mit dem Tode Meyers abschliefiende Briefwechsel beschlagt dessen
schriftstellerische Plane, die meist erst nach fruchtbarer gemeinsamer Be-
sprechung zur Reife gediehen. Dabei befiirwortete St. seinem Freunde stets
die Erstlingsfassung, so im Juni 1876 bei »Jtirg Jenatsch« und im Nov. 89 bei
Meyers »Liebling« der »Richterin«; »je weniger Sie daran andern, desto besser
bleibt sie«. An Keller brachte St. im Oktober 1872 von Hermann Hettner
aus Dresden Griifle mit, ebenso aus seiner Berliner Studienzeit von Theodor
Fontane, verstimmte den Dichter jedoch mit einer Bemerkung liber das Un-
asthetische an der Zeichnung seines Ritters »Maus der Zahllose« in den »Le-
genden« (Ges. Werke VII, 380) so sehr, dafi sich beide erst spater, als Keller
im Zeltweg in der Nahe St.s Wohnung genommen, wieder naher kamen. Das
Unaufdringliche, ja verschlossen Einsiedlerische in der Natur namentlich des
altern St. mufi das verwandte Wesen Kellers angezogen haben, und in gemein-
sam auf dem Seelisberg verbrachten Ferientagen wurde herzliche Freundschaft
geschlossen, die leider — der ortlichen Nahe wegen — in keinem Briefwechsel
ihren Abglanz gefunden hat. Die wenigen Briefe Kellers an St. beziehen sich
auf die Vorbereitungen des an Rheumatismus leidenden Dichters, auf dem
Seelisberg »ein Asyl gegen die Geburtstagsverfolgungen am 19. Juli zu ge-
winnen*.
Auf diese Weise wie nur wenige begiinstigt, hatte sich jeder andere die
Publikation von Erinnerungen in irgendwelcher Form zur Ehrenpflicht gemacht,
und St., mit Keller und Meyer seit langen Jahren in Freundschaft verbunden
und deren geistigem Wesen nahestehend, ware wie kein zweiter in der Lage
gewesen, mit kundiger Hand beider Wesen zu zeichnen. An Anregungen hiezu
hat es denn auch zu keiner Zeit gefehlt: Hier wollte ihm seine Frau den Pinsel
zu einem wahrheitsgetreuen Gemalde der durch Jakob Baechtold ungerecht
verdunkelten Gestalt von Kellers »treuem Geschwister« (Storm) Regula in die
Hand drucken; dort drangte C. F. Meyer selber: »Was Sie mir das letztemal
von Keller erzahlten, sollte doch einmal grundlich niedergeschrieben werden«
(3. XII. 91). Allein von St.s Schreibscheu hoffte Meyer und mit ihm andere
umsonst, dafi es sich damit zur rechten Stunde von selbst geben werde. Seine
langsame, unproduktive Arbeitsart war der sensiblen Natur mit ihren Aufler-
lichkeiten und Stimmungen viel zu sehr unterworfen, als dafi sie ihn zu an-
dauernder Tatigkeit am Schreibtisch festzuhalten vermocht hatte. Auch die
fruheren Publikationen des Studenten und akademischen Lehrers sind ebenso
sehr Brotarbeit wie aus der ihn gerade beherrschenden Stimmung heraus-
geschrieben. Sie betreffen in ihrer Mehrheit das Theater und seine Vertreter.
Der jugendliche Verfasser eines wirklich aufgefiihrten Rauberdramas wurde
durch einen geflissentlich gesuchten Umgang mit den gefeiertsten Biihnen-
klinstlern im Ausland auf dieses Gebiet hingewiescn, das St. dann auch mit
174
Stiefel.
Vorliebe seinen Doktoranden zur Bearbeitung empfahl. Die zum Teil wahrend
des Spiels zu Papier gebrachte Theaterkritik wuchs sich schliefllich zu einer
mit feinen Apergus (man vgl. z. B. zu der Notiz liber Klara Ziegler in einer
Berliner Aufflihrung der »Jungfrau«: »prophetisch groB, und dochnaiv madchen-
haft« den bekannten Dresdner Brief Schillers an Iffland vom 2. Sept. 1801!)
durchsetzten kleinen Dramaturgic aus, die Stiefel selbst zu Korrespondenzen
und Skizzen — er nannte sie bescheiden »summarische Notizen, in der Stim-
mung einer Art idealischen Dankgefuhls entstanden* — in der Kieutschen
Warte«, der »Gartenlaube« und der »N. Z. Z.« verarbeitete. Hier finden sich viele
geistreiche Bemerkungen, so z. B. liber Dilettantismus, liber die Berechtigung
und Verwendung des Dialekts usw.
Am besten orientiert ist St. liber die Miinchener Biihne der 70er Jahre,
mit deren hervorragendsten Mitgliedern — Christen, Possart, Rlithling, Dahn-
Hausmann, Marie Meyer, Seebach — er freundschaftlich und kritisch zugleich
verkehrte. So verdankt ihm z. B. Bernhard Riithling seine eigenartige Auf-
fassung des Cheruskerflirsten in Kleists »Hermannsschlacht«, wahrend urn-
gekehrt St. in den Proben, zu denen er ungehindert Zutritt hatte, von den
Schauspielern die Technik des Vortrages sich zueigen machte. Dieses feine
Nachempfinden befahigte St. auch zu den heute noch unlibertroffenen Cha-
rakteristiken, in denen er * — in Bewunderung zweifelnd, im Zweifel bewun-
dernd — « die Personlichkeit grofier Blihnenklinstler zeichnete. Seine in der
»Deutschen Warte« i. J. 1873 veroffentlichte Reiseskizze liber Adolf Sonnen-
thal liefi diesen die zwischen beiden bestehende »Seelenverwandtschaft« er-
kennen und St. gegeniiber die Bitte aussprechen, »im Interesse des deutschen
Theaters auf diesem Wege fortzufahren«. — »Wenn die Schauspieler erst sehen,
dafl sie von solchen Mannern beachtet werden, dafl sie nicht blofl zur Unter-
haltung des groBen Haufens da sind, — dann werden sie sich wieder ihrer
grofien Aufgabe bewuflt werden, dann wird sich das deutsche Theater wieder.
heben, und das goldene Zeitalter Schroders und Ifflands wird wiederkehren,
und das walte Gott! «(u. Sept. 1873). Eine ahnliche Licht und Schatten
gerecht verteilende Kritik liber Ernst von Possart als tragischen Darsteller
offnete ihm das Herz dieses hervorragenden Menschen, mit dem St. bis zum
letzten Lebenstag die ungetrlibteste Freundesliebe verband. Possart war es
auch, der St. fur seine noch in letzter Zeit geplanten Vortrage in Miinchen
liber die Schweizer Dichterschule den Weg ebnen wollte.
Solche Plane — auch eine Schrift liber das Volkstheater der Schweiz war
beabsichtigt — traten naher an ihn heran, als die Gebrechlichkeit des Korpers
ihn zur Einstellung des Lehramtes zwang. Allein die Auflosung von Korper und
Geist schritt unaufhaltsam vorwarts, und so hinterliefl St. bei seinem Tode
aufier unleserlichen »Kollegienheften« und einem zwar abgeschlossenen, aber
aus demselben Grunde fur den Druck aussichtslosen Manuskript uber G. Kellers
Lyrik nur eine groBere Publikation, die anlafilich der Zurcher Tell-Ausstellung
1904 erschienene Schrift »Reden und Vortrage «. Sie enthalt Stoffe, die lange
in ihm gegluht haben, und vornehmlich die Aufsatze liber Schillers Wilhelm
Tell, uber Jeremias Gotthelfs »Erzahlungen und Bilder aus der Schweiz* und
liber die erzieherischen Ideen in Gottfried Kellers Dichtungen zeigen deutlich,
daB der Bildner seine Geschopfe erst in der vollendetsten, durchgedachtesten
Form aus den Handen gab, dann aber auch mit wunderbarer Redegewalt in
Stiefel. MUller. 1 75
die Herzen der Horer hineinzubannen verstand. Diese Kunst zeichnet auch sein
als Familienmanuskript gedrucktes Lebensbild einer edlen, vornehmen Ziir-
cherin — »Henriette von Muralt-Hirzel« (Zurich, Ulrich, 1883) aus. — Allein
St.s Starke ist und bleibt das freie, ungebundene, momentan aus der Tiefe
quellende Wort. So lauschen wir ehrfurchtsvoll den Gedachtnisreden auf
Scherr, Keller und Meyer, und schatzen uns gliicklich, in unserm Landsmann
einen Ausleger dieser auch im Ausland Gefeierten zu haben, der uns deren
Personlichkeiten in so ergreifender Weise nahe zu bringen wuflte. Hierin ruht
St.s bleibendes Verdienst; er war — um mit seinen Worten zu sprechen —
ein nachempfindender Interpret des Genies.
Mit teilweiser Benutzung des Nachlasses.
Hermann Schollenberger.
Muller, Hermann von, Preufiischer Generalleutnant, hervorragend als
Forderer der gezogenen Artillerie, als Fachschriftsteller und als Historiker
seiner Waffe, * 2. Juli 1832, f 9. Januar 1908. — M. trat nach Besuch der Real-
schule zu Aschersleben am 2. Februar 1852 wahrend der Mobilmachung bei der
Ersatzabteilung der 3. Artillerie- Brigade in Magdeburg ein. Oktober 1853 bis
Juli 1855 war er zur Artillerieschule in Berlin kommandiert, wurde Oktober 1854
zum Leutnant befordert und auf Grund seiner vorziiglichen Leistungen dem
Patent nach der alteste Offizier seines Jahrganges. Die bildende Kunst zog
ihn machtig an; in den Berliner Museen formte er sein Urteil, Musik genoB
er soviel seine bescheidenen Mittel es irgend gestatteten. Wissenschaftlich
arbeitete er fiir sich; er trieb Sprachen, horte Kollegien an der Universitat.
Dieser Zug zur Fortbildung, diese Begeisterung fiir alles Schone hat ihn sein
langes Leben begleitet, ihn uber die Kleinheit des taglichen Einerlei hinweg-
geholfen, seinem Geiste stets den hoheren Flug gewahrt. — Nach der Mobil-
machung 1859 kam er zur Kriegsakademie in Berlin. Dienstlich und aufier-
dienstlich schritt er zu immer reiferer Entwickelung fort. Er hatte das Gliick,
in den Kreisen von Kunst und Wissenschaft Verkehr zu finden. Vorzuglich
abschliefiend mit der Akademie, wurde er fiir ein Jahr Militargouverneur des
spateren Fursten zu Carolath. Aus dem Auslande heimgekehrt, kam er im
Dezember 1863 gerade zurecht fiir die Mobilmachung gegen Danemark. Vom
Tage der Grenziiberschreitung an, dem 1. Februar 1864, fuhrte er als Premier-
leutnant die 3. zwolfpfiindige Batterie der 3. Artillerie- Brigade, nahm mit
dieser Teil an verschiedenen Gefechten, an der Belagerung, am Sturm von
Duppel! — Unmittelbar an den Feldzug schlofi sich seine Kommandierung
zum Groflen Generalstabe. Moltke erkannte seinen Wert, er bewahrte ihm
bis an sein Lebensende sein vollstes Vertrauen, er schatzte ihn als den vor-
urteilsfreien, sachlich klaren Berater in alien artilleristischen Fragen. Den
Feldzug 1866 sah M. als Fiihrer einer Munitionskolonne, im Herbste zum Haupt-
mann befordert, tat er ein Jahr lang wieder praktischen Dienst, dann wurde
er in die Artillerie-Priifungskommission versetzt. Die wichtigen Pulverversuche
lagen in seiner Hand. Dort konstruierte er in drei Jahren schwerster Arbeit,
grofiter Anstrengungen die erste gezogene Haubitze, das kurze 15 cm-Geschutz,
fiir den indirekten Brescheschufi. — Gewappnct war cr fiir diese Aufgaben
durch seine mit unendlichem Fleifie erworbenen reichen Kenntnisse und be-
176 Miiller.
sonders durch das Studium der Scharnhorstschen Schriften mit ihren klassischen
Regeln fur die Ausfiihrung von Schieflversuchen. Am 26. April 1870 hatte
er die Ehre, das von ihm in alien Teilen neu konstruierte Geschutz dem Konig
Wilhelm personlich vorzufiihren und schon vier Monate spater legte er mit
diesen Geschiitzen Bresche in die Vaubansche Befestigung von Straflburg,
kurz darauf in die von Soissons und flihrte dadurch den schnellen Fall dieser
Festung herbei. Als »Instruktor« dem artilleristischen Angriff gegen die
Siidfront von Paris beigegeben, wirkte er in so hervorragender Weise, daO
er als Erster von der gesamten Belagerungsartillerie mit dem Eisernen Kreuze
I. Klasse dekoriert wurde. Der Kronprinz uberreichte ihm personlich diese
Auszeichnung.
Der General v. Hindersin hatte ihn als Adjutant zur Generalinspektion
der Artillerie gezogen, sein Nachfolger, der General v. Podbielski, stellte die
eigene geniale Arbeitskraft ganz in den Dienst der groflen Aufgabe einer Re-
organisation der ihm bis dahin fremden Waffe. — Neue Geschtitze waren not-
wendig. Podbielski uberliefi M. in vollem Vertrauen auf dessen bewahrte Tiich-
tigkeit, seine klare Umsicht und Stetigkeit die schwere Verantwortung, in alien
diesen fur die Feld- wie fiir die Festungsartillerie entscheidenden Lebensfragen
das Interesse der Truppe bei der Artillerie-Priifungskommission und gegeniiber
dem Kriegsministerium zu vertreten. Im Fruhjahr 1872 wurde M. um voile
zwei Jahre als Hauptmann vorpatentiert, im Oktober dieses Jahres zum Major
befordert. — Dann wurde er in den Generalstab versetzt, um dort die Podbielski-
schen Ideen lebendig zu vertreten. — In dieser Zeit wirkte er als Lehrer an
der Kriegsakademie, wo er den Festungskrieg, nicht nach handwerksmafligen
Schablonen und Regeln vortrug, sondern aus der historischen Gestaltung von
Angriffs- und Verteidigungsmitteln das Werden und Wesen desselben geistreich
fesselnd entwickelte.
Miiller verheiratete sich im Juni 1876 mit Marie Schmuckert, Tochter
eines ausgezeichneten Juristen, Enkelin des 1862 verstorbenen Preufiischen
Generalpostmeisters Schmuckert. Er fand eine Lebensgefahrtin, die ihm, mit
gleichem Sinne fiir Kunst und Musik begabt, ein hausliches Leben voller An-
regung schuf. Kiinstler, Gelehrte, hohe Staatsbeamte trafen sich in dem ein-
fach gehaltenen gastlichen Hause.
Nach kurzer Zeit als Regimentskommandeur wurde M. am I. April 1879
in das Kriegsministerium berufen. Als Chef der Artillerie-Abteilung hat er
unter den Ministern v. Kamecke und v. Bronsart I, sowie unter dem Depar-
tements-Direktor v. Haenisch eine Vertrauensstellung inne gehabt, wie das nur
bei seiner Beanlagung und Charakterbildung moglich war. Es war die Zeit
der machtigen Entwickelung der neu werdenden Artillerie. Wenige nur
konnten den vollen Oberblick behalten. Eigentlich war es wohl nur M.,
der alle Fragen der Feld-, der Fufiartillerie, der das gesammte Waffenwesen
ganz beherrschte. — Schwere Kampfe mit Wohlmeinenden, aber auf falschem
Wege sich Befindlichen, waren durchzufiihren. Nur durch das felsenfeste
Vertrauen seiner Vorgesetzten zu ihm konnte er sich in diesen Zeiten der
sich widersprechenden Interessen halten. — g l / 2 Jahre harrte er hier aus. Re-
formierend wirkte er nach alien Seiten in seinem Bereich. — Die altpreufiische
Sparsamkeit herrschte unbedingt in seiner Verwaltung. Durch sie ermog-
lichte er es, Tausende von glatten Geschiitzen aus der Festungsbewaffnung
Mtiller.
177
ausscheiden zu lassen, die neue Munition einzufiihren, ohne dafi in dieser Zeit
des Cberganges wesentliche besondere Gelder liber die laufenden Mittel hinaus
dafiir notwendig wurden. Sein weises Zuriickhalten machte ihm viel Feinde;
es kiimmerte ihn nicht. — 1883 war er Oberst, 1888 General geworden. Kaiser
Friedrich ernannte ihn dazu am 14. Juni, am Tage vor seinem Tode.
Von September 1888 bis Dezember 1889 war er wieder im Truppendienst;
dann fur die kurze Zeit von drei Monaten Prases der Artillerie-Prlifungs-
kommission, um zum April 1890 in das Kriegsministerium zuriickzukehren als
Direktor des Waffendepartements. Am 24. Marz 1890 war er zum General -
leutnant befordert worden. — Drei Jahre lang wirkte er wieder in der Ver-
waltung. Mit grofien extraordinaren Mitteln gelang es, die inzwischen ab-
geschlossenen Neukonstruktionen der Handwaffen, der Festungs- und Be-
lagerungsartillerie praktisch zu verwirklichen. Die Feldgeschutzfrage ging
ihren planmafiig festgelegten Gang. Ein baldiger Abschlufi der Versuche war
noch nicht abzusehen. — Aus falscher Organisation des Kriegsministeriums sich
ergebende Reibungen erschwerten den Geschaftsgang, schufen manche Er-
bitterung. M. zog sich, 61 Jahre alt mit 42 Dienstjahren, ins Privatleben zuriick.
Am 7. Marz 1893 wurde ihm der Abschied unter Verleihung des Kronen-Ordens
I. Klasse bewilligt.
Nun begann fiir M. die Zeit, in der er, ungehindert durch des Dienstes
zeitverzehrende Miihen, in uberlegter Sicherheit die Ergebnisse seiner Lebens-
arbeit und die Friichte seines Wissens in der stattlichen Reihe seiner Werke
schriftstellerisch festlegte. — Historisch war er, historisch fafite er alles an. —
Er gab klar die tJbersicht liber die Entwickelung der Artillerie in alien ihren
Zweigen und zuletzt fafite er die Lehren und Ergebnisse der Belagerungen des
Feldzuges 1870/71 in einem grofi angelegten Werke zusammen, von dem ein
so berufener Beurteiler, wie der Bayrische General v. Sauer sagen konnte:
»Fur das prachtige Werk kann die deutsche Artillerie, die Artillerie der ganzen
Welt, nicht dankbar genug sein!« Am 25. Jahrtage der Obergabe von Strafi-
burg, am 28. September 1895, wurde M. in Anerkennung seiner damaligen
und spateren hohen Verdienste durch Verleihung des erblichen Adels geehrt.
Durch einen Schlaganfall schied v. M. mitten aus dem Schaffen heraus;
trotz seiner 75 Jahre war er jugendfrischen Geistes geblieben bis zuletzt! —
Ein reich gesegnetes Lebenswerk liefi er hinter sich.
Ein Untergebener, der Jahre lang das Gluck hatte unter v. M. zu arbeiten,
zeichnete kurz nach dem Tode sein Bild (Kolnische Zeitung, 20. Januar 1908)
mit nachstehenden Worten:
Mit dem General Hermann v. Miiller ist wieder einer der Offiziere aus
der grofien historischen Schule Moltkes dahingeschieden. Auf einer tiefgehenden
Allgemeinbildung bauten sich bei ihm die Kenntnisse der verschiedenen mili-
tarischen Fachwissenschaften zu einem so harmonischen Ganzen auf, dafi
schwer zu entscheiden ist, auf welchem dieser so weit auseinanderliegenden
Gebiete seine Leistungen am eigenartigsten, am bedeutendsten waren. Soldat
von Kopf zur Zeh, war er gleichzeitig der geniale Konstrukteur, welcher der
werdenden neuartigen Artillerie die grundlegenden Gesetze vorgeschrieben hat,
war er Geschichtsforscher und Schreiber von peinlichster Gewissenhaftigkeit,
beseelt von vornehmstem Gerechtigkeitsgefiihl, dem Drang nach reinster Wahr-
heit und ausgeriistet mit der Gabe lichtvollster Darstellung. Als Lehrer wufitc
Bio#r. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 13. Bd. 1 2
i 7 8
Mttllcr.
er bei schlichtem Vortrage seine Horer zu packen und zu begeistern. Mit der
Verwaltung des gesamten Waffenwesens der Armee betraut, schuf er mit weiser
Sparsamkeit Grofies, vereinfachte und erleichterte den schweren und unge-
fugen Verwaltungsapparat. v. M.s besondere Eigenart bestand wohl darin,
dafi er bei jeder Tatigkeit, bei jeder neuen Aufgabe auf deren Uranfange zuriick-
ging, dafl er, alle Einzelheiten des Werdens mit einem staunenswerten Ge-
dachtnis festhaltend, in klarer Weise die naturnotwendige Weiterentwicklung
vor Augen, sich nie von Einzelerscheinungen fesseln oder blenden lieB, sondern
stets aus dem Gange des Gewordenen heraus das mit den jeweils vorhandenen
Mitteln iiberhaupt Erreichbare in fester gesetzmafliger Entwicklung klar und fer-
tig vor sich sah. So schien er denn oft den Himmelssturmern an der Erden-
scholle poesielos zu kleben, und den weniger Wissenden kam er fast wie
ein unheimlicher Geist vor, wenn seine Berechnungen, seine Voraussagungen
sich voll erfullten. Seine historische Richtung konnte nur ihre reichen Friichte
tragen, weil sie sich auf einen solchen Schatz von Wissen stutzte, wie ihn sein
unermudlicher, arbeitsfreudiger Fleifi zusammengetragen hatte, und weil ein
gutiges Geschick in Krieg und Frieden ihm in alien Zweigen des Dienstes unter
den verschiedensten und schwersten Lagen eine vollendete praktische Schulung
hatte angedeihen lassen.
Nach den Lehrjahren der Kriegsakademie und des Generalstabes war es
v. M. vergonnt, langere Zeit in ebenso ehrender wie verantwortlicher Stellung
in Italien zu verweilen. Der Aufenthalt in Rom fiihrte ihn mit den bedeutendsten
dort damals lebenden Kiinstlern zusammen. Bis zum Lebensende dauernde
Freundschaften wurden dort geschlossen. Durch seine Dienststellung spater
berufen, entscheidend mitzuwirken bei der Umwandlung des Zeughauses in
eine Ruhmeshalle fiir PreuCens Herrscher und Heer, konnte er bei der kiinst-
lerischen Ausschmiickung des Baues die auf geweihtem Boden gewonnenen
Kenntnisse der Kunst reich verwerten. In der Artillerieprufungskommission
hat v. Muller sich sein erstes Denkmal gesetzt durch die Konstruktion der
kurzen l5cm-Kanone. Er hatte das Gluck, unmittelbar nach Abschlufi seines
Werkes bei den Belagerungen des Krieges 1870/71 den Beweis fiir die richtige
Losung der ihm gestellten Aufgabe zu liefern. Wo er die Geschiitze im Feuer
leitete, da war auch bald in den verdeckt gelegenen Wallen und Mauern die
geforderte Bresche indirekt gelegt. Eine damals viel angestaunte Leistung.
Prachtig war er aber selbst im Feuer. Brav waren ja alle, als wahre Helden
zeichneten sich viele in den Gefahren aus — aber eine solche Kaltbliitigkeit,
eine solche klassische Ruhe, ein so ideales Verhalten, wie v. M. es im Feuer
bewahrte, erweckte die Bewunderung aller, die ihn tagaus tagein vom Morgen-
grauen bis in die Nacht hinein gleichmafiig treu seine Pflicht im Feuer erflillen
sahen. Die stahlgrauen harten Augen schauten fest nach dem Feinde, scharfer
blickend als manche andere mit Hilfe kunstvoller Glaser; keine Wimper zuckte
unter den buschigen Braunen, die edle Romernase, sein energisch geschlossener,
schmallippiger, durch vollen Bart umrahmter Mund, nichts regte sich. Und
so hat Geiger, als Kunstler von diesem herrlichen Kopfe angezogen, mit Meister-
hand v. M.s Bild fur die Zukunft erhalten. — Nach dem Feldzug 1870/71 wech-
selten oft die ehrenvollen Dienststellen, auf die das Vertrauen seiner Vorge-
setzten ihn berief. Oberall, als Adjutant bei der Generalinspektion der Artillerie,
beim Generalstabe, bei der Artillerieprufungskommission entfaltete er die gleiche
Mttller.
179
stille fordernde Tatigkeit. In alien Satteln gerecht, jeder Aufgabe sich freudig
unterziehend, hat er wohl die lebhafteste innere Befriedigung durch seine Lehr-
tatigkeit an der Kriegsakademie empfunden. Dort konnte er begeisterten
Zuhorern an der Hand der Geschichte zeigen, wie zwar Zeiten und Mittel sich
andern, wie aber die Grundregeln zur Erreichung des Endzweckes stets unver-
anderlich bleiben, und wie es nur die Aufgabe der jeweiligen Gegenwart ist,
rechtzeitig die Neuanpassung zu vollziehen und den Aufgaben der Zukunft
vorausahnend gerecht zu werden. Das sind Eigenschaften, die eben nur eine
kunstlerische Beanlagung zu losen vermag, ein freier prophetischer Geist,
gestutzt auf den sicheren Besitz reicher Erfahrung, umfassenden Wissens.
Der damals zunachst nur fur die Zuhorer bestimmte Grundrifl des Festungs-
krieges mufl trotz der durch den Lehrzweck bedingten lapidaren Kiirze jeden
Leser fesseln und fur das sprode Gebiet des Festungskrieges interessieren.
Der erfolgreichste Abschnitt in v. Mullers Dienstleben begann mit seinem
Eintritt in das Kriegsministerium. Mit der nach 1871 fast bei alien Machten
eingefiihrten allgemeinen Wehrpflicht, dem Aufbliihen der Technik und In-
dustrie, dem gesteigerten Erwerbssinne, drangte sich Erfindung auf Erfindung,
um zunachst der eigenen Nation, dann aber der Allgemeinheit zur Erhaltung
der Wehrhaftigkeit der Staaten, zur Verstarkung ihrer Angriffskraft neue
Waffen und Kampfmittel zu geben. v. Miiller trat an die Spitze der Abteilung
fur Artillerie-Angelegenheiten, der das gesamte Waffenwesen der Armee unter-
stellt war. Die abgekurzte Bezeichnung »Artillerie-Abteilung« hat verwirrend
gewirkt, viel falsche Begriffe uber die Aufgaben und Leistungen der Abteilung
verursacht. Die Infanterie glaubte sich dem Gangelbande der Artillerie ent-
ziehen zu sollen, um in Fragen ihrer Bewaffnung allein zu entscheiden. Es
geniigte diesen Anschauungen nicht, dafi in der Waffen(Artillerie)abteilung
die Fragen der Infanteriebewaffnung durch einen Infanterieoffizier bearbeitet
wurden, es sollte auch jede Mitwirkung des Chefs der Abteilung, weil er aus
der Artillerie hervorgegangen war, ausgeschaltet werden. Dafi es nur eine
Schiefilehre gibt, dafi der groflte lebende Ballistiker eben gerade an der Spitze
der Abteilung stand, fiel fur die Dranger dabei nicht ins Gewicht. Unter der
Abteilung bearbeitete die Gewehr-Prufungskommission, in ihren etatsmafligen
Stellen nur ausschliefilich aus Infanterie-Offizieren zusammengesetzt, alle
Fortschritte des Handwaffenwesens. Sie loste im Verein mit der Gewehrfabrik
Spandau — dem Major Kiihn — die Aufgabe, ein dem Einzellader uberlegenes
schnellfeuerndes Gewehr zu schaffen, in dem Muster eines Magazingewehrs,
das unter dem Namen M 71/84, trotz mancher Schwierigkeiten, die v. M. zu
uberwinden half, zur Einfiihrung gelangte. Auch neues Pulver, neue Zund-
hutchen und Geschosse waren fiir dieses Gewehr notwendig geworden. Alle
Machte, besonders das vollig iiberraschte Frankreich, folgten mit der Einfiihrung
von Magazingewehren oder Mehrladern nach. Es gait also, weiter zu arbeiten.
Die Versuche mit einem kieinkalibrigen Gewehre, die wahrend der ganzen
Zeit gleichlaufend gefuhrt worden waren, wurden aufs eifrigste betrieben.
Immer von neuem betonte v. M., dafi die ganze Kaliberfrage sich in der Pulver-
frage zusammendrange, dafi ein Gewehr mit einer engen Bohrung anzufertigen
kein besonderes Kunststuck sei, dafi aber ohne wesentliche Erhohung der
Treibkraft des Pulvers die Kaliberverengung wirkungslos sei. Die Franzosen
erlangten nun ihrerseits dank dem neuen Pulver ihres grofien Chemikers Vieille
12*
180 MUller.
einen wesentlichen Vorsprung. Unermudlichem Eifer der Pulverfabriken,
der Privatindustrie sowohl wie der koniglichen Fabriken, gelang es dann auch
bei uns, ein hochsten Ansprtichen entsprechendes Pulver herzustellen. Der
geniale Major Habrecht, im Ministerium v. M.s langjahriger Mitarbeiter, baute
in kurzer Zeit fiir das neue Treibmittel ein passendes kleinkalibriges Mehrlade-
gewehr, das nicht nur den franzosischen Vorsprung einholte, sondern einen
neuen weiteren Fortschritt darstellte. In dem rastlosen Ringen rechtzeitig fertig
zu werden, hat Habrecht seine Lebenskraft erschopft, er starb als eines der
Opfer, die auch im Frieden das Schlachtfeld der Armee fordert.
Nur aus den Akten kann dargestellt werden, obgleich auch diese die wirk-
samste meist unmittelbar geubte mundliche Einwirkung nicht erkennen lassen,
in welcher Weise, zielbewuflt und entscheidend, v. M. die Losung der Pulver-
und der Kleinkaliberfrage zu einem guten Ende hat fiihren helfen, auch nach
der Zeit, als einer besonderen Infanterie-Abteilung im Ministerium die Bear-
beitung der Handwaffenangelegenheiten uberwiesen worden war. Dieser Lei-
stungen in der Gewehrfrage ist hier eingehender gedacht, um stilles Verdienst
klarer zu stellen. v. M. kannte keine Pflichten verschiedenen Grades, er kannte
nur e i n e Pflicht. Und dieser ist er bei alien ihm gestellten Aufgaben in gleicher
Weise gerecht geworden, ob sie Infanterie, Kavallerie, Feld- oder Fufiartillerie,
ob sie Pioniere oder Verkehrstruppen betrafen. Auch das Luftschifferwesen
fand, wie sich niemand dieses in den bisherigen Reigen schwer einzufugenden
Kindes annehmen wollte, in der von v. M. geleiteten »Artillerie«-Abteilung
eine liebevolle Aufnahme. Die Tatigkeit v. M.s im Ministerium nur annahernd
klar zu schildern, bedtirfte es einer vollen Geschichte des Waffenwesens in dem
dem Jahre 1893 vorangegangenen Vierteljahrhundert — einer Geschichte der
neuzeitlichen Artillerie. Alle Neuschopfungen dieser Zeit, die einer volligen
Umwalzung gleichkommen, sind von ihm angeregt, geleitet, gefordert, belebt
worden. Der titanenhafte Fuchs v. Bimbach wurde mit seinen Vernichtung
bringenden Gewaltgeschossen das darauf gegrundete System vielleicht nicht
zu einer solchen reifen Durcharbeitung und einem guten Ende gebracht haben,
ohne die oft ziigelnde und mahnende, stets^ber geistig fordernde Leitung v.
M.s. Es waren wirklich grofie Zeiten, die damals die Artillerie- En twicklung
durchmachte: bei der schweren Artillerie die Schaffung einer Einbruchswaffe
fiir den Kampf mit Frankreichs eisengepanzerten Sperrbefestigungen, die Ent-
wicklung eines weittragenden Schrapnellschusses fiir Feld- und Fuflartillerie,
fiir die Feldartillerie die Fragen des Einheitsgeschosses, der Kalibervermin-
dcrung, des leichten Schnellfeuergeschutzes. Wenn die Feldartillerie auch ihre
Wege allcin ging, die wissenschaftlich unanfechtbaren Grundlagen hat v. M.
auch hier gelegt, und nach manchem Tasten in verschiedenen Richtungen hat
sein Ausblick in die Zukunft, seine Voraussage des Erreichbaren doch im wesent-
lichen recht behalten. Es war aber nur einer — v. M. — vorhanden, der histo-
risches Werden, der mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse
mit den auf den Schlachtfeldern gewonnenen eigenen Erfahrungen zu einem
geschlossenen Gesamtwisscn vereinte, der sein grofies Wissen in einfachen,
jeder Phrase abholden nuchternen Worten, allgemein verstandlich, wie etwas
Altbekanntes zum Ausdruck bringen konnte. — Die lange Zeit im Kriegs-
ministerium erlitt eine Untcrbrechung durch zeitweisen Rucktritt in die Front.
Mit der Ubernahme einer FuCartillerie-Tnspektion hatte er die Freude, einmal
MUller. 1 8 1
wieder im praktischen Dienst wirken zu kJbnnen. Ordentlich jugendlich enthu-
siastisch lebte er auf, eine abgeklarte Heiterkeit zeigte sich auch auflerlich
bei dem sonst so ernst dreinblickenden Manne. Damals wurden auch Ferner-
stehende gewahr, was fur ein warmes, liebeempfangliches, Warme verbreitendes
Herz in seiner Brust schlug. Seine Freunde wufiten das langst, und wie den
Geistern der Kunstwelt er sich ebenbiirtig durch sein feines Empfinden gab
und nahte, so hat er stets in kameradschaftlichem Sinne mit seinen fruheren
Untergebenen, seinen Kriegsgefahrten, den Mannschaften seiner Feldzugs-
batterien harmlos heiter verkehrt. Als wirklich vornehme Natur war er bei
diesem Umgang immer nur der Gleiche unter Gleichen, er stieg zu den an Jahren
Jiingeren, zu den im Dienstrange Nachgeordneten als Freund und Kamerad
herab, hob und veredelte, was sich ihm nahte.
Doch nach kurzer Zeit der Erquickung und Erfrischung wurde er wieder
zur strengen Geistesarbeit zuruckgerufen. Er wurde zum Prases der Artillerie-
Prufungskommission ernannt. Im Ministerium hatte der Schwerpunkt seiner
Tatigkeit in der verantwortlichen kritischen Entscheidung gelegen. Jetzt war
es ihm vergonnt, einmal zusammenfassend sein artilleristisches Credo nieder-
zulegen. Es ware wohl eine schone Anerkennung fur ihn, dem die Armee so
unendlich viel verdankt, wenn seine damals fur seine Mitarbeiter in der Kom-
mission verfafiten Denkschriften unverkiirzt veroffentlicht wurden. Dann wurde
ein jeder sich ein eigenes Urteil liber v. M. als Artillerist im engern Sinne des
Wortes bilden konnen, wie er v. M. als Historiker nach seinen Werken kennt.
Jetzt, nach so langen Jahren, wo inzwischen wieder eine ganz neue Etappe
im Entwicklungsgange der Waffe erreicht ist, kann die Bekanntgabe der da-
mals anzustrebenden Ziele keinerlei Schaden verursachen, wohl aber wlirde die
deutsche artilleristische Literatur um ein kostbares Dokument bereichert. —
Nur zu kurz dauerte die Tatigkeit bei der Artillerie-Prufungskommission.
Er wurde an die Spitze des vor einiger Zeit im Kriegsministerium neugebildeten
Waffendepartements gestellt. Diese Schopfung war aus einer Reihe von Kom-
promissen hervorgegangen. Zusammengehoriges war dabei getrennt worden.
Das ging auf die Dauer nicht. So fand denn nach schweren, durch die Lage
der Dinge vielfach zur Unfruchtbarkeit verdammten Arbeiten v. M.s dienstliche
Tatigkeit mit dem notwendig gewordenen Eingehen des Waffendepartements
ein leider viel zu fruhes Ende. An der Ungunst der Verhaltnisse gescheitert,
zu einer Zeit, in der er noch in vollster Schaffenskraft viel hatte leisten konnen,
warf ihn eine schwerc Krankheit nieder, die im Verein mit seinem still ge-
tragenen Seelenkummer ihn dicht an den Rand des Grabes brachte. Sein ge-
sunder, durch ein enthaltsames, einfaches Leben gestahlter Korper uberwand
den Angriff.
So begann fiir v. M. eine Zeit, in der er sich grofien literarischen Arbeiten
widmen konnte. Zu einer stattlichen Reihe wuchsen seine Werke heran. Aus
ihnen spricht seine Eigenart. Nicht autoritar legt er sich dem Leser auf —
nein — klar, schlicht, einfach stellt er die Dinge hin, wie sie geworden sind,
wie sie aufeinander gewirkt haben. Er erzahlt, was die einzelnen Schriftsteller
behauptet haben. Der Leser soil selber sich sein Urteil bilden, soil selber Kritik
uben. Dann erst gibt er ein Schlufiurteil, das, wo er tadeln mufi, oft so milde
ausgedruckt ist, dafi der Leser nicht immer das Gefuhl der volligen Ablehnung
empfindet. Das steht nun nicht mit seiner absoluten Wahrheitsliebe, seinem
1 82 MUller.
strengen Gerechtigkeitssinn im Widerspruch. Wo es aber sein mufl, da wird er
derart deutlich, dafi tiber seine Meinung keinerlei Zweifel aufkommen konnen.
Diese rucksichtslose Wahrhaftigkeit, die im Dienstleben oft von Leuten, die
das Sachliche nicht von ihrer Person zu trennen verstanden, als personlich
verletzend schwer empfunden wurde, ist auch der Grundzug aller seiner kri-
tischen gelehrten Untersuchungen. Aber, fiir die Offentlichkeit bestimmt,
vermeidet er streng jedes Wort, das irgend verletzen konnte. Die Gegenkritik
ist nicht immer so glimpflich mit ihm umgegangen. Aber er liefi nie sich ver-
leiten, aus seiner Hohe und seiner iiberlegenen Ruhe zu den Neidern und Ver-
kleinerern herabzusteigen.
Ein grofles Verdienst ist es von ihm unter vielen, vielen andern Verdiensten,
dafi er unwiderleglich nachgewiesen hat, an welcher Stelle die Ursache fiir die
Verzogerung des Artillerie-Angriffes auf Paris zu suchen ist. Auch nachher
erfolgte Veroffentlichungen vermogen an der Richtigkeit dieser Feststellung
nicht zu riitteln. Die jiingst erschienene Geschichte des Festungskrieges seit
1885 bis einschliefilich der Belagerung von Port Arthur bildet den harmonischen
Schlufiakkord seiner literarischen Tatigkeit. Bei dem Ringen der beiden Gegner
sucht er sowohl dem Verteidiger wie dem Angreifer gerecht zu werden. Er
hat dabei manche Legende tiber den Artillerieangriff zerstort, die sich schon
— hauptsachlich aus Unkenntnis des Tatsachlichen — gebildet hatte. Aber
wohl keine aufrichtigere und gerechtere Beurteilung und Anerkennung konnte
dem Werke zuteil werden als durch den Lorbeerkranz, den der kaiserlich ja-
panische Militarattach6 an v. Mullers Sarge niederlegte.
v. M. war ein so edler, reiner Mensch, dafi er die Welt im idealen Sinne
iiberschatzte, sachlich auch bei andern nur Sachlichkeit voraussetzte, selbst
da, wo der Neid geistig tief unter ihm Stehender aus selbstischen Griinden
Hindernisse schuf, Schwierigkeiten in den Weg legte. Seine zu grofle Bescheiden-
heit, sein Sichzuriickziehen, wo er berechtigt, auch verpflichtet gewesen ware,
seine Person zu groflerer Geltung zu bringen, war wohl sein einziger Fehler.
Seinen Konigen war er ein treuer Diener im echten altpreufiischen Sinne. Er
war ein vornehmer Mensch, ein herrlicher Gatte und Vater, ein leuchtendes
Beispiel fiir alle, die ihm naher treten durften, Freund auch dem Jungsten in
seinem Kreise. Voile Wurdigung seiner hohen wissenschaftlichen Bedeutung
kann erst dann eintreten, wenn ein gerechter Geschichtschreiber in v. M.s
Werken iiberall da dessen Namen einsetzt, wo er selber ihn aus Bescheidenheit
verschwiegen hat. Die Arbeit seines langen reichen Lebens wird nicht nur in
der Waffe, in der er selber gedient hat, sondern in der ganzen Armee — viel-
fach unbewufit — noch auf lange, lange hinaus befruchtend weiter wirken.
Verzeichnis der von Miiller verfafiten Schriften: 1. Les idfos NapoUonniennes. Cber-
setzung. — 2. Grundsatze der neuen Befestigung. — 3. Du passi et de favetrir de
Vartillerie. — Von Napoleon III. Obersetzung. 2 Bande. Berlin, v. Decker. — 4. Urn-
drehung der runden Artilleriegeschosse. 1862. — 5. Historische Skizze
tiber die Entwickelung der kurzen 15 cm Kanone. 1870. Berlin, Vossische Buchhandlung
(Strieker). — 6. Entwickelung der Feldartillerie in bezug auf Material, Organi-
sation undTaktik von 181 5 — 1870. — 1873. Berlin, Oppenheim. — 7. Die Belagerung
von Soissons imjahre 1870. Im dienstlichen Auftrage. 1875. — Berlin, Vossische Buch-
handlung (Strieker). — 8. Entwickelung der preuflischen Festungs- und Be-
lagerungsartillerie in bezug auf Material, Organisation und Ausbildung von 181 5 — 1875.
— 1876. Berlin, Oppenheim. — 9. Loebellsche Jahrbiicher 1873 — 1888. Bericht
Mttller. L5w. 1 83
uber die Taktik der Feldartillerie. Obersicht der Gesamtliteratur. — 10. Entwickelung
der Preufiischen Kusten- und Schiffsartillerie von i860 — 1878. 1879.
Berlin, Oppenheim. — n. Geschichte des Festungskrieges seit allgemeiner
Kinfuhrung der Feuerwaffen bis zum Jahre 1880. — 1880. Berlin, Oppenheim. — 12. Ge-
schichte des Festungskrieges seit Einfiihrung der Feuerwaffen bis zum Jahre
1892. Zweite umgearbeitete Auflage. 1892. — Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — 13. Ent-
wickelung der Feldartillerie in bezug auf Material, Organisation und Taktik
von 1815 — 1892. Bd. 1: Entwickelung der Feldartillerie von 1815 — 1870. Zweite vervoll-
standigte Ausgabe. Bd. 2: Entwickelung der Feldaatillerie von 1870 — 1892. Bd. 3: Die
Wirkung der Feldgeschutze von 181 5 — 1892. Mit Anhang. Bd. 1 u. 2 1893, Bd. 3 1894.
Berlin, E. S. Mittler & Sohn. Die Kritik hob hervor, die Arbeit stehe in der Militar-
1 iteratur aller Lander einzig da. Keine Nation konne Ahnliches
aufweisen. — 14. Entwickelung der deutschen Festungs- und
Belagerungsartillerie in bezug auf Material, Organisation, Ausbildung und
Taktik von 1875— 1895. ~ l8 9 6 - Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — 15. DieTatigkeit
der deutschen Festungsartillerie bei den Belagerungen, Beschiefiungen und
Einschliefiungen im deutsch-franzosischen Kriege 1870 — 1871. Bd. 1: Die Belagerung
von Strafiburg. Bd. 2: Die Belagerungen und BeschieOun gen der
kleinen franzosischen Festungen und Einschliefiung von Metz. Bd. 3: D i e
Belagerung von Belfort. Bd. 4 : Die Artillerieangriffe auf Paris
und Schlufibetrachtungen uber den Festungskrieg im Kriege 1870 — 1871. 1898 — 1901. Berlin,
E. S. Mittler & Sohn. — 16. Hierzu: Erganzungsheft zur Beschiefiung von Paris
1870 bis 1871. 1904. Berlin, E. S. Mittler & Sohn. — 17. Geschichte des Festungs-
krieges von 1885 — 1905 einschliefllich der Belagerung von Port Arthur. 1907. Berlin,
E. S. Mittler & Sohn. — 18. Kriegerisches und friedliches aus den Feld-
ziigen von 1864, 1866 und 1870 — 1871. Hinterlassenes Werk: 1909. Berlin, E. S. Mittler
& Sohn. — 19. Lebensgeschichte des Generalpostdirektors Schmtickert.
1904. Berlin, E. S. Mittler & Sohn.
Bernhard Rathgen, Strafiburg- Elsafi.
L3w, Ernst, Gymnasial -Professor, * 23. Juli 1843 m Berlin als Sohn des
spateren Geh. Regierungsrates und vortragenden Rates Eduard Low, f 12.
August 1908 ebenda. — L. verlieB im Herbst 1861 das Kgl. Friedrich-Wilhelm-
Gymnasium in Berlin mit dem Zeugnis der Reife, um sich, wohl beeinflufit durch
seinen Onkel, den Entomologen Hermann Low, dem Studium der Naturwissen-
schaften zu widmen. Mit Ausnahme von 1863 — 64, das ihn in Tubingen sah,
studierte er in Berlin; 1865 promovierte er daselbst mit einer Arbeit De casu-
annearum caulis foliique evolutione et structura. Ein Jahr war er dann Haus-
lehrer beim Prinzen Byron von Kurland in Schlesien. Dann wurde er Probandus
(1. IV. 1867) an der damaligen Kgl. Realschule in Berlin, die jetzt die Be-
zeichnung Kaiser- Wilhelm-Realgymnasium flihrt. Bis zu seiner 1906 erfolgten
Pensionierung blieb er dieser Schule treu, in welcher er in alien Naturwissen-
schaften, hauptsachlich zuletzt in Physik und Chemie unterrichtete. Seine
Mufiezeit gehorte aber stets botanischen Studien. Seine Lehrer in diesem
Zweig der Naturwissenschaften waren hauptsachlich Alexander Braun, Jo-
hannes von Hanstein in Berlin und Hugo von Mohl in Tubingen gewesen. Zu-
nachst beschaftigte er sich hauptsachlich mit Pflanzenanatomie und Pflanzen-
geographie, dann eine Zeitlang mit den Pilzen. Seine Hauptarbeit gehorte aber
spater den bliitenbiologischen Forschungen, die ihn auch zu entomologischen
Studien brachten. Seiner Anregung entstammen die vielfachen Arbeiten uber
die Oberpflanzen.
184 Lttw -
Otto Appel hat seinem dahingeschiedenen Freunde ein ehrendes Denkmal
gesetzt. Seinen Ausfiihrungen entnehmen wir, dafi die Hauptergebnisse dieser
durch Jahre fortgesetzten, an einem sehr grofien Material ausgef uhrten Studien
eine voile Bestatigung der damals von verschiedenen Seiten angezweifelten
Hermann Mullerschen Ansicht brachten, dafi nicht bestimmte Insekten
bestimmten Pflanzensorten angepafit sind, sondern daO jede Insektengruppe
diejenige Blumenkategorie am meisten bevorzugt, fur deren Ausnutzung sie
auch in korperlicher Beziehung am besten ausgeriistet erscheint. L. lieferte
dann den ersten umfangreichen Beweis, dafi die blumentuchtigeren Insekten
die dunklen Farben an Bliiten bevorzugen, die ungeschickteren lieber an helle
Bliiten anfliegen.
Was aber L. auch arbeitete, stets waren seine Studien grundlich, exakt und
weitausschauend. Stets kam etwas dabei heraus. So verdichteten sich seine
Forschungen nach der glucklichen Auffindung von Thymelaea passerina an den
Abhangen des Odertales bei Nieder-Finow zu der gedankenreichen Abhandlung
uber Perioden und Wege ehemaliger Pflanzenwanderungen im norddeutschen
Tieflande (1879). Seine Unterrichtsstunden liefien ihn schreiben: Methodisches
Cbungsbuch fiir den Unterricht in der Botanik an hoheren Lehranstalten und
Seminarien Heft 1 — 3, das zum Teil in zweiter Auflage erschien. Ahnliche
Zwecke verfolgte er mit dem: Elementarkursus der Botanik nach methodischen
Grundsatzen 1878, Pflanzenkunde fiir den Unterricht an hoheren Lehranstalten,
1887 u. 88 (4 Auflagen). 1894 kam heraus: Blutenbiologische Floristik des
mittleren und nordlichen Europas sowie Gronlands. Systematische Zusammen-
stellung des in den letzten 10 Jahren veroffentlichten Beobachtungsmateriales.
Anschliefiend erschien 1895 Einfuhrung in die Bliitenbiologie auf historischer
Grundlage.
Als Paul Knuth sein Handbuch der Bliitenbiologie beim Tode unvollendet
hinterliefl, gab L. den dritten Band 1904 heraus unter dem Titel: Die bisher
in aufiereuropaischen Gebieten gemachten blutenbiologischen Beobachtungen.
In demselben Jahre veroffentlichte er zusammen mit O. v. Kirchner und C.
Schroter den ersten Band von: Lebensgeschichte der Blutenpflanzen Mittel-
europas (speziell die Typhaceen und Juncagineen). Das Jahr darauf erschien
der zweite Band dieses weit ausschauenden Werkes.
Neben einer starken Reihe von Aufsatzen in Zeitschriften verfafite dann L
die botanischen Artikel fiir die 4, und 5. Auflage des Meyerschen Kon versa tions-
lexikons in den Jahren 1884 bis 1896. Fiir seine Spezialkollegen von der Schule
gab er 1886 bis 1 89 1 im Jahresbericht fiir das hohere Schulwesen Bench te uber
Naturwissenschaft, die Allgemeines umfafiten, die beschreibenden Naturwissen-
schaften beriihrten und Chemie wie Mineralogie erschopfend behandelten.
Spater beschrankte sich L. auf diese beiden Facher und schrieb inhaltsreiche
Besprechungen fiir obige Zeitschrift von 1895 bis 1904.
Wie genau L. in seinen Arbeiten war, welche immense Arbeitslast er neben
seiner Schule — er war nur einmal ein haibes Jahr zu wissenschaftlicher Be-
arbeitung beurlaubt — bewaltigte, erhellt beispielsweise aus dem Literatur-
verzeichnis des III. Bandes des Handbuches der Bliitenbiologie, das 379 2
Nummern umfafit; Appel hebt besonders hervor, dafi das aber nicht nur eine
Zusammenstellung von Titeln war, sondern der weitaus grofite Teil der Ar-
beiten wurde gelesen und ihr Inhalt nach jeder Richtung hin verarbeitet.
L8w. Noll. 185
Dafi einem solchen Arbeiter auch die aufiere Anerkennung nicht fehlte,
ist klar. 1888 erhielt L. den Professortitel, 1897 den roten Adlerorden IV. Klasse
und 1906 beim Abschied von der Schule den Kronenorden III. Klasse. Im
Botanischen Verein der Provinz Brandenburg war er zweimal Vorsitzender
und gehorte lange Jahre dem Vorstand an.
Verheiratet war L. seit 1870 mit Auguste geb. Schiitz; Kinder entsprossen
der sonst gliicklichen Ehe nicht; seine Gattin war ihm eine verstandnisvolle
Gefahrtin seiner Reisen und eine treue aufopfernde Pflegerin in seiner letzten
Krankheit; er ging an Krebs zugrunde.
Beliebt war L. bei alien, die ihn kannten. Ein feiner Humor stand ihm zu
Gebote und Schwanke wie ernste Gedichte wufite er meisterhaft zu verfassen.
Nachrufe von 0. Appel in Berichte der deutschen Bot. Gesellschaft, Bd. 26 a, 1908;
P. Ascherson in Verhandlungen des Bot. Vereins der Provinz Brandenburg, 50. Jahrg., 1908;
P. Magnus in Naturwiss. Rundschau, 23. Bd. t 1908. — Erstgenannter gibt eine genaue Biblio-
graphic samtlicher Veroffentlichungen von E. Low, die P. Ascherson seinem Verzeichnis der
botanischen Veroflentlichungen zugrunde legt.
Halle a. S. E. R t h.
Noll, Fritz, * 27. August 1858 zu Frankfurt a. M., f 20. Juni 1908 zu Halle
a. S. — Von grofitem Einflufl war auf den heranwachsenden Jungen sein Vater,
der als Oberlehrer fur Naturkunde in Frankfurt a. M. grofies Ansehen genofi.
Seine Mutter stammte aus St. Goar am Rhein, wo er die weitaus meisten Schul-
f erien zubrachte und Liebe zu den Naturwissenschaften einsog. Das Abiturienten-
examen machte N. 1878 Ostern an der Musterschule zu Frankfurt a. M. f um
sich von den Naturwissenschaften zunachst der Zoologie zu widmen. Bald aber
zogen den Jiirtgling die Vorlesungen des unvergefllichen Sachs derart an, dafi
er sich ganzlich der Botanik zu widmen beschlofl. Vom vierten Semester an
besuchte N. die heimische Universitat Marburg, an welcher er im Juli 1882
das Oberlehrerexamen mit einem Zeugnis ersten Grades bestand. Er hatte
nunmehr die Lehrbefahigung in Chemie, Botanik, Zoologie und Mineralogie
fur alle Klassen, die fur Physik, Mathematik und Geographie fur mittlere er-
rungen. Schon fruh zeigte sich sein Lehrtalent darin, dafi er einen naturwissen-
schaftlichen Verein in Marburg zu griinden vermochte, der bald aufbliihte. —
Die nachste Etappe war eine Assistentenstelle bei Pfitzer in Heidelberg, von wo
er auch mit der ihm von Wigand gegebenen botanischen Examenarbeit: Ent-
wicklungsgeschichte der Veronicabliite im Dezember 1882 in Marburg promo-
vierte. — Der Winter 1886/7 sah ihn dann in Neapel in der von Dohrn gegriin-
deten zoologischen Station physiologische Untersuchungen an Meeresalgen vor-
nehmen, um nach einem weiteren Assistentensemester bei Pfister in gleicher
Eigenschaft zu Jul. Sachs nach Wiirzburg uberzusiedeln. Dort habilitierte er
sich dann auf Grund seiner: Experimen telle Untersuchungen iiber das Wachs-
tum der Zellmembran, eine Frucht seines Neapolitaner Aufenthalts. 1889
im Herbst mufite er infolge der unheilbaren Erkrankung seines Chefs und Lehrers
Wiirzburg verlassen, um als Assistent zu Strasburger nach Bonn uberzutreten,
wohin er sich auch umhabilitierte. Im Wintersemester 1894/95 hielt er neben
seinen Vorlesungen an der rheinischen Universitat auch Kurse iiber Anatomie
und Physiologie der Pflanzen an der landwirtschaftlichen Akadcmie zu Poppels-
dorf, um nach zwei weiteren Jahren auch die physiologischen und mikroskopi-
1 86 Noll. Berg.
schen Obungen daselbst zu ubernehmen, freilich unter Aufgabe seiner Assisten-
tenstelle. Am I. April 1898 ernannte ihn dann der Staat zum etatsmafligen
Professor und Vorsteher des botanischen Instituts an der Poppelsdorfer Aka-
demie, worauf er auch auflerordentlicher Professor an der Bonner Universitat
wurde. Im Herbst 1907 folgte unser Gelehrter dann einem Rufe nach Halle a. S.,
als Nachfolger von G. Klebs.
Die Hauptarbeit N.s kam der Pflanzenphysiologie zugute — von 71 Publi-
kationen gehoren ihr allein 30 an — , wenn er auch auf fast alien Gebieten der
Botanik zuhause war und daraus Schriften veroffentlicht hat. »Charakte-
ristisch fiirN. war es«, sagt M. Koernicke in seinem ausf iihrlichen Nachruf, »dafl
er bei der Wahl seiner Themata sich mit Vorliebe Fragen zuwendete und auch
mundlich gern solche diskutierte, deren Losung auf besonders grofie Schwierig-
keiten stiefi, wie einer Anzahl reizphysiologischer Aufgaben, ferner dem Problem
des Saftsteigens, dem Geheimnis des Cytisus Adami, der Geschlechtsbestim-
mung usw.« Dabei hat der Aufenthalt in Neapel noch jahrelang nachgewirkt,
viele Anregungen der damaligen Zeit kamen erst spater zur Bearbeitung. Dann
beschaftigten ihn wahrend nahezu 20 Jahren in Bonn namentlich reizphysio-
logische Fragen. Daneben wandte er sich stets mit Vorliebe Arbeiten mit
praktischen Tendenzen zu, es trieb ihn dazu ein aufs Praktische gerichteter Sinn,
der sich in seinem physiologischen Zwecken dienenden Versuchshaus in Poppels-
dorf so recht zu zeigen vermochte. Neben diesen fur einen Dozenten so wert-
vollen Eigenschaften besafl N. in hohem Grade die Gabe des freien Vortrags,
der wieder durch sein immenses Zeichentalent wirkungsvoll unterstiitzt wurde.
Eine gewinnende auBere Erscheinung und eine geradezu packende Liebens-
wtirdigkeit machten ihn zum idealen Universitatslehrer und gefeierten Kollegen.
Von seinen Werken seien noch erwahnt Blutendiagramme fiir Studierende
zusammengestellt, Leipzig 1886, und seine Physiologie in dem bekannten Lehr-
buch der Botanik von Strasburger, Noll, Schenck, das neun Auflagen erlebte.
Nach: M. Koernicke, Fritz Noll in: Berichte der deutschen bot. Ges. t 26. Jahrg.. Bd. 26 a ,
1908; daselbst auch eine Aufzahlung der 71 VerSflentlichungen. Reden bei der Beerdigung
von Fritz Noll, von C. Mez; Nachruf am Grabe von F.Wohltmann, beide in Leopoldina, Heft 44,
1908.
Halle a. S. E. R o t h.
Berg, Leo, * 29. April 1862 in Zempelburg, f 12. Juli 1908 in Berlin. —
B., jlidischer Abstammung, kam schon in fruhen Knabenjahren aus seinem
westpreufiischen Heimatsstadtchen nach Berlin, wo er das Konigsstadtische
Gymnasium besuchte, und er hat dort auch studiert, sofern man das von einem
Mann sagen kann, der hochst ungern einer offiziellen Autoritat zu FiiCen und
gar mit anderen zusammen auf den Banken safi, der als Autodidakt von Be-
stimmung gegen jede Zunft, besonders die der Philologen, eine lebhafte Ab-
neigung ziichtete. Die Not des Lebens mochte ihm wohl auch keinen ruhigen
Studiengang, keine unbesorgte Jugendzeit reinen Aufnehmens gestatten, und
da die Natur ihn nicht freundlich behandelt hatte — er trug seinen grofien,
nicht unbedeutenden Wollkopf auf einem breiten verwachsenen Korper — ,
so trat er in die literarische Laufbahn mit einem proletarischen Trotz ein, der
ihn auch spater nach den schweren Anfangen nicht verlassen hat. B. blieb
ein Einganger, aber er hatte auch die Vorzuge der Einsamkeit und Unabhangig-
Berg. 187
keit; Bedenken und Riicksichten hat seine Feder nicht gelernt. Bemerkens-
wert war B.s vielseitige Belesenheit, die alle Resultate der Forschung, auch der
naturwissenschaftlichen und philosophischen, gegenwartig haben wollte. Ebenso
achtungswert war der Trieb, sich von keiner Spezialitat beengt mit alien be-
deutenden Problemen der Geistesgeschichte auseinanderzusetzen. Als Zwanzig-
jahriger wurde B. vonder jiingstdeutschen Bewegungmitgerissen, diedieLiteratur
im Anschlufi an die moderne Wissenschaft, an Biologie und Soziologie, revo-
lutionieren wollte. Die Briider Hart, Holz und Schlaf, die spateren Friedrichs-
hagener Bolsche und Wille folgten derselben Sturmfahne, auf die man vor-
laufig die Parole des Naturalismus geschrieben hatte, mit dem ubrigens der
bewegliche und entwicklungssiichtige Geist eines Generalkritikers und Vor-
fiihlers aller Zeiterscheinungen bald fertig wurde. B.s radikaler Energie ent-
sprach der Name des von ihm gegriindeten Vereins »Durch«, der sich spater
mit bewuflter Selbstironie in den »Genieklub« verwandelte. Da wurde Schiller
umgebracht, Goethe unter gewissen Bedingungen anerkannt, da wurde die
epigonenhafte oder gefallige Literatur der siebziger und achtziger Jahre ge-
richtet und der Entwicklung der nachsten zwanzig Jahre ihr genaues Pensum
aufgegeben. Von diesem Kreise wurde auch Gerhart Hauptmann angezogen,
und aus seinem Kern ist die Freie Buhne hervorgegangen. Spater ist B. von
solchen Konstruktionen der Zukunft mit einem wachsenden Skeptizismus
abgefallen, der ihn uberhaupt an der Zukunft der Kunst im Zeitalter des
Kapitalismus und des offenen Marktes zweifeln liefi. Rein soziologische Ge-
sichtspunkte bestimmten immer mehr das Urteil des ehemaligen Marxisten,
und wenn Gerhart Hauptmann die Genossen Holz und Schlaf hinter sich liefl,
so schrieb B. seine Vorherrschaft nicht der Oberlegenheit des Talentes, sondern
den okonomischen Verhaltnissen zu. Seine Aufmerksamkeit auf alle europaischen
Erscheinungen, solange er noch eine Propaganda fur die Zukunft betrieb,
machte ihn zunachst zum Propheten Zolas, dessen theoretische Schriften er
zum grofien Teil ubersetzt hat. Er gehorte auch zu den ersten Jungern, die
von dem neuen Magus im Norden gehort hatten und ihm verehrend entgegen
gingen. Eine Broschiire uber Henrik Ibsen und das Germanentum in der mo-
dernen Literatur blieb als Frucht dieser Hingabe. Die Kameradschaft der
Radikalen, der Sozialisten und Naturalisten zerfiel, und B. ging nun seinen
eigenen Weg, um mit den anderen an demselben Ziele anzukommen, das er
als Erster erblickt haben wollte. Aus den Demokraten wurden Aristokraten,
aus den Sozialisten wurden Individualisten; aus den Trummern der materia-
listischen Geschichtsauffassung erhob sich das neue Ideal des Ubermenschen.
Einer der schnellsten in diesem Wettrennen und Wettmausern ist B. jedenfalls
gewesen, und man mufi seiner echten Aufrichtigkeit im Wandlungsverlangen
von vornherein zugestehen, dafi sie das Kleid nicht nach der Mode trug. Mit
geztickter Feder ging er vor Nietzsche her, und wie sein Meister fuhlte er sich
als Kampfer gegen seine Zeit, nur dafi es ihm an der Opposition fehlte, die
bedeutenden Figuren als Sockel zu dienen hat. B. focht auf ebener Erde unter
vielen anderen, die ihm an Scharfsinn und geistiger Strenge nicht gleich kamen,
und er hatte das Ungluck, dafi die Streiche, die er austeilte, nicht immer er-
widert wurden. Dazu war er nicht bcdeutend genug, weil dem Polemiker vor
allem der Nimbus eines bestimmten epochalen Werkes fehlte, und er hatte
auch als Gegner oder Herausforderer nicht viel Anziehendes. Mit grofier Vehe-
1 88 Berg.
menz schlug er den Gotzen seiner literarischen Jugend auf die Kopfe, um ihre
Hohlheit zu beweisen, und mit allem, was vom Naturalismus ubrig war, hat er
besonders Gerhart Hauptmann in einer monotonen Gehassigkeit zu zerstuckeln
gesucht.
B. war klug und scharf genug, um oft Recht zu haben; aber man gab es
ihm ungern, weil seine Kritik, zuletzt im literarischen Echo konzentriert, sich
auf eine Skalpiermethode versteifte, die es nur noch auf den Kopf des Kunstlers
oder des Kunstwerkes abgesehen hatte. Wenn er das Gehirn blofilegte, um
Ideen und Tendenzen herauszuschalen, so vergaB er den Organismus mit alien
Natiirlichkeiten der Gestaltung, mit alien Unwillkurlichkeiten der Farbe und
des warmen Scheines. Auch sein Stil litt an einem Mangel der Blutwarme
und trotz aller polemischen Energie blieb er fleischlos abstrakt. Sein Geistiges
war stark genug, um ihn hoch uber handwerksmaOige Kritik herauszuheben,
aber zu dem groflen Essayisten, fur den er sich halten mochte, fehlte ihm die
Geschlossenheit der Form, die Fahigkeit der Kristallisation. Man findet bei
ihm ausgezeichnete Bemerkungen, fruchtbare Paradoxe uber die Kunst, die
Gesellschaft, sogar uber die Frauen, die dieser Paria des Lebensgenusses mit
seinem bosen Blick beurteilt hat, aber wie seine vielen Bucher oder Broschuren
die einzelnen Teile zu keiner einheitlichen Wirkung zusammenschliefien, so
fallen auch aus den einzelnen Essays die wertvollen Brocken mehr heraus,
als dafi sie zusammenhalten. Ein nicht eben bequemes Leben wird ihm auch
die Ruhe des bedachtigen Schleifens und Feilens nicht bewilligt haben. Viel-
leicht ware die lange geplante Biographie des von ihm andachtig verehrten
und fein charakterisierten Heine ein geschlossenes und dauerhaftes Werk ge-
worden, das sein plotzlicher Tod, er starb am Hitzschlag, vereitelte. B. erhielt
sich ausschlieBlich als freier Schriftsteller, dem das Talent des Plauderns, des
leichten und sparsamen Ausgebens versagt war, was in Deutschland immer
noch ein schwer losbares Problem bleibt. Er war wohl auch zu stachlig und
unbequem, um irgendwo einem Ganzen eingeordnet zu werden, und wie der
wenig Begiinstigte alles Ziinftige verfolgte, alles was ehrbar nach Fach und
Handwerk aussah, so hielt er gern denjenigen fur unfrei und gefesselt, der irgend-
einen Unterstand im literarischen Leben oder im Journalismus gefunden hatte.
Gegen Dummheit, Feigheit, Unverstand lag er immer auf der Lauer, auch
w t o sich eine feindselige Beobachtung durchaus nicht lohnte. Der grofie Erfolg
liefl ihn nicht ruhen, bis er hinter die Schliche der Mache oder der Mode ge-
kommen war; dafiir proklamierte er zuweilen irgendeine harmlose Erscheinung
mit einer Verve, als ob sich seine spitze Logik in einer Laune ausruhen wollte.
Liebenswurdig und umganglich war diese schriftstellerische Personlichkeit
nicht, aber sie forderte Achtung in der sproden Selbstandigkeit eines Zuruck-
gesetzten, in der scharfen Wahrhaftigkeit, mit der L. B. im literarischen Leben
Berlins als eine Figur von Charakter bestanden hat.
Leo Berg vcrfaflte: Henrik Ibsen und das Germanentum in der modernen Literatur.
1887. — Wildenbruch und das PreuBentum in der deutschen Literatur, 1888. — Gottfried Keller
oder Humor und Realismus. 1889. — Haben wir iiberhaupt noch eine Literatur? 1890. — Das
sexuelle Problem in der modernen Literatur, 1891. — Der Naturalismus zur Psychologie der
modernen Kunst, 1892. — Zwischen zwei Jahrhunderten, 1895. — Der t)bermensch in der
modernen Literatur, 1897. — Gefesselte Kunst, 1901. — Henrik Ibsen, Studien 1901. — Neue
Essays, 1901. — Literaturmacher, 1903. — Deutsche Marchen des 19. Jahrhunderts, 1905. —
Berg. Dix. 1 89
Aus der Zeit — Gegen die Zeit, ges. Essays, 1905. — Geschlechter, 1906. — Heine, Nietzsche,
Ibsen, Essays, 1908. — Obersetzte von Zola: Kritische theoretische Schriften, 1893. — D' e
naturalistischen Romanschriftsteller Frankreichs, 1893. — Der Experimentalroman, 1894.
Arthur Eloesser.
Dix, Ludwig Hermann, Studienrat Konrektor Professor, Mathe-
matiker, * 18. Februar 1838 in Zwickau (Sachsen), f 22. Oktober 1908 in
Zittau. — D. war der Sohn eines Tischlermeisters. Nachdem er die Zwickauer
Burgerschule besucht hatte, kam er 1852 auf die Gewerbeschule in Chemnitz, um
durch Ubung im geometrischen Zeichnen und Erlernung der Elementarmathe-
matik fur das Tischlerhandwerk geschickter zu werden. Aber nach Vollendung
des Kursus Ostern 1856 entschlofi er sich, durch seine Lehrer ermuntert, noch
die Polytechnische Schule in Dresden zu besuchen, um die theoretischen Stu-
dien ftir Maschinenbau und mechanische Technik fortzusetzen. Er gewann
damals eine besondere Vorliebe ftir den Lehrerberuf. Daher blieb er, nachdem
er das Maturitatsexamen in der oberen Abteilung der Polytechnischen Schule
1858 bestanden hatte, noch ein Jahr in Dresden, um sich fur das Lehramt
vorzubereiten, indem er sich einem spezielleren Studium der Mathematik,
Mechanik und Maschinenlehre widmete und teils Privatunterricht gab, teils
fur die Polytechnische Schule arbeitete. Auf Empfehlung Hiilfles, des Direktors
derselben, wurde er 1859 provisorischer Lehrer fur Mathematik und technisches
Zeichnen an der Realschule zu Reichenbach. Da aber zu einer standigen An-
stellung das Examen ftir das hohere Schulamt erforderlich war, bezog er i860
die Universitat Leipzig, um in der Mathematik und Physik die notige wissen-
schaftliche Ausbildung zu erlangen. Vom August bis zum November 1862 und
von Ostern 1863 an war er, vom Ministerium dazu aufgefordert, an dem mit
Realschule verbundenen Gymnasium zu Zittau als Vikar tatig. Dadurch er-
fuhren seine Examenarbeiten eine zweimalige Unterbrechung. Erst 1863 wurde
es ihm moglich, die Priifung ftir das hohere Schulamt zu absolvieren, worauf
sofort seine definitive Anstellung an der genannten Zittauer Lehranstalt erfolgte.
Hier wirkte nun D. ununterbrochen, vom 1. Juli 1890 an als Konrektor, bis zu
seiner Versetzung in den Ruhestand 1904. Nach seiner Emeritierung lebte er
still im Kreise der Seinen, wiederholt heimgesucht durch korperliche Leiden
und schwere Familienschicksale, bis ihm ein sanfter Tod Erlosung brachte.
D. war, wie sein Rektor bei seiner Entlassung zu ihm sagte, ein Lehrer
von Gottes Gnaden, mit reichen Kenntnissen und von grofier Herzensgute,
der sich, wenn auch gefiirchtet von den wenig Strebsamen, die dauernde Liebe
der Jugend erwarb. Sein gesunder Humor half ihm uber die Unannehmlichkeiten
seines Berufs rasch hinweg. Er veroffentlichte eine Abhandlung »t)ber das
PendeU (Beilage zu den »Nachrichten liber das Johanneum in Zittau. Zittau
i87i«).
mo. Jahresbericht iiber die Realschule . . . zu Reichenbach. Reichenbach i86o«,
S. 17 f. — m. Jahresbericht . . . Reichenbach 18614, S. 21. — »Programm des Gymnasiums
und der Realschule zu Zittau. Zittau 1863*, S. 41. — Desgl. Zittau 1864, S. 41 f. — »Nachrichten
uber das Johanneum ... in Zittau. Zittau i88o«, S. 6. — » Jahresbericht des Kgl. Realgym-
nasiums mit hoherer Handelsschule zu Zittau fur 1890/91. Zittau 1891*, S. 34. — Desgl. fur
1899/1900, S. 1, fur 1904/05, S. 49 f., fur 1908/09, S. 7 f. — »Dresdner Anzeigeu. Jahrg. 179,
Nr. 295, 24. Okt. ,908, S. 7. A. R e i c h a r d t.
190
Abendroth.
Abendroth, Gustav William, Studienrat Konrektor Prof. Dr., Mathematiker
und Physiker, * 10. Juli 1838 in Pima, f 2.Marz 1908 in Dresden. — A., dessen
Vater Stadtgerichtsassessor, spater Bezirksgerichtsrat in Pirna war, erhielt
seinen ersten Unterricht in der dortigen, damals in vorzuglichem Rufe stehenden
Stadtschule. Dann besuchte er die mit dieser verbundene lateinische und
griechische Selekta, erhielt noch ein Jahr lang Privatunterricht in der franzosi-
schen Sprache und kam Ostern 1852 als Alumnus auf die Flirstenschule zu Meifien.
1855 erlaubte ihm sein Vater zum Studium der Bergwissenschaft nach Freiberg
zu gehen. Aber aus verschiedenen Grunden mufite dieser Plan wieder auf-
gegeben werden, und bald danach fafite A. den EntschluG, Mathematik zu
studieren. Im letzten Vierteljahre seiner Schulzeit bekam er einen Preis fur
eine Arbeit iiber die Methoden der Naturforschung in alter und neuer Zeit und
eine Darstellung der Lehre vom Magnetismus. Als er jedoch Ostern 1858 die
Universitat Leipzig bezog, beabsichtigte er, dem Wunsche seines Vaters folgend,
sich der Jurisprudenz zu widmen. Aber bald liefi er sich durch seine Neigung
zum Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften bestimmen. Er
wurde Famulus bei dem Mathematiker Mobius und 1861 bei dem Physiker
Hankel. Dieser bot ihm die damals seltene Gelegenheit des Experimentierens
und der Vorbereitung von Vorlesungsversuchen. 1862 bestand A. das Examen
fur die Kandidatur des hoheren Schulamts und kurz darauf das philosophische
Doktorexamen. Neujahr 1863 trat er als Probelehrer in das Vitzthumsche
Gymnasium zu Dresden ein. Anfang Dezember erhielt er interimistisch und
1864 definitiv das Amt eines Lehrers der Mathematik und der Naturwissen-
schaften an der Dresdner Kreuzschule, an der er uber 43 Jahre erfolgreich
wirkte. In den nachsten Jahren trieb er besonders zoologische und botanische
Studien, folgte aber auch den Fortschritten der Physik mit reger Aufmerksam-
keit. 1876 erhielt er den Professortitel. Damals verheiratete er sich und fiihrte
lange Jahre ein gllickliches Familienleben. Das Konrektorat erhielt er Neujahr
1883, und 1. Mai 1905 folgte der Titel Studienrat. Ostern 1907 trat er in den
Ruhestand. Im nachsten Jahre fuhrte ihn ein schweres inneres Leiden in
wenigen Tagen zum Tode. Seine Beisetzung erfolgte am 5. Marz 1908 auf dem
Dresdner Johannisfriedhofe in Tolkewitz.
A.s nahere Bekannte fanden unter einer rauhen Schale einen trefflichen
Kern. Durch seinen geraden, unbeugsamen Charakter schuf er sich wohl man-
chen Feind, jedoch auch treue Freunde. Viele seiner Schuler verdankten ihm
auch uber die Schulzeit hinaus Anregung und Forderung. Er war von 1867 an
Mitglied und zeitweilig Sektionsvorstand der naturwissenschaftlichen Gesell-
schaft »Isis« in Dresden. Im Dresdner Verein fiir Erdkunde, zu dessen Grun-
dern er zahlte, hielt er zahlreiche Vortrage und schrieb fiir dessen »Jahres-
berichte« und »Mitteilungen«.
AuOer kleineren Aufsatzen und Rezensionen in den Jahresberichten des Vereins fiir
Erdkunde zu Dresden und im Dresdner Anzeiger veroffentlichte er folgende Schriften: »Dar-
stellung und Kritik der altestcn Gradmessungen. (Programm des Gymnasiums zum heiligen
Kreuz in Dresden.) Dresden 1866. «; »Ober elektrisierte Flussigkcitsstrahlen. Neue Versuche
und Erklarungen. (Programm des Gymnasiums zum heil. Kreuz.) Dresden 1874.4; »Anfangs-
griinde der analytischen Geometrie der Ebene, fiir die oberste Stufe der hoheren Schulen und
zum Selbstunterricht. Leipzig 1882.*; »Leitfaden der Physik, mit EinschluB der einfachsten
Lehreo der Chemie und mathematischen Geographic Bd. 1. 2. Leipzig 1 883/84. 4 (3. Aufl.
Abendroth. Droysen. igi
Leipzig 1902, 1907); »Sir Isaac Newtons Optik oder Abhandlung uber Spiegelungen, Brechungen,
Beugungen und Farben des Lichts. Cbersetzt und hgg. von William A. (Ostwalds Klassiker
der exakten Wissenschaften Nr. 96/97.) Leipzig 1898.4; »Entwicklung und gegenwartiger
Stand der Gezeitenforschung* (in den >Mitteilungen des Vereins fur Erdkunde zu Dresden,
Heft 3. Dresden 1906*).
»Afranisches Ecce* 1908. Heft 13. Dresden 1908, S. 53 ff. — »Programm des Vitzthum-
scben Gymnasiums*. Dresden 1863. S. 90; »Programm (Jahresbericht) des Gymnasiums
zum heiligen Kreuz in Dresden*. Dresden 1864. S. 36 f.; 1870. S. 26 f.; 1876. S. 18; 1883.
S. 2; 1906. S. 5; 1907. S. 5; 1908. S. 3 f. — »Dresdner Anzeiger«, Jahrg. 178. 1908 Nr. 63.
4. Marz S. 27; Nr. 65. 6. Marz S. 5; Nr. 66. 7. Marz S. 2f. — »Dresdner Nachrichten*, Jahrg. 52
Nr. 65. 6. Marz 1908. Abendausgabe S. 2. — »Dresdner Journal*, 9. Marz 1908 S. 2.
A. Reichardt.
Droysen, Gustav, Dr. phil., Geheimer Regierungsrat, o. 6. Professor der
Geschichte an der Universitat Halle -Wittenberg, * 10. April 1838 zu Berlin,
f 11. November 1908 zu Halle a. d. Saale. Er war der alteste Sohn von Johann
Gustav Droysen, aus seiner ersten Ehe mit Maria Mendheim; der Geschicht-
schreiber des Hellenismus und geistvolle Ubersetzer von Aschylus und Aristo-
phanes, der Biograph Yorks von Wartenburg, der kundige und begeisterte
Fuhrer durch die Jahrhunderte preufiischer Politik hat seinem Leben den
Stempel aufgepragt. Zu den Freunden des Vaters gehorten Felix Mendels-
sohn- Bartholdy, der Musiker, und die Maler Eduard Bendemann und Julius
Hiibner — diese Namen kennzeichnen die Geisteshaltung, in die er hineinwuchs.
Nachdem er das Gymnasium in Altenburg besucht hatte, bezog er die Universitat
Jena, um Jurisprudenz zu studieren. Bei Leist horte er Institutionen, bei
Danz romische Rechtsgeschichte, dann in Berlin vor alien bei dem Pandektisten
Keller und bei Beseler deutsche Rechtsgeschichte, auch bei Stahl u. a. Daneben
trieb er von Anfang an Geschichte, in Berlin auch Nationalokonomie bei Hanssen.
Zuletzt ging er nach Gottingen, um Waitz und bei Helferich Staatswissenschaften
zu horen. Sein Vater und Waitz sind seine beiden hauptsachlichsten Lehrer
in der Geschichte gewesen, daneben Ranke und Jaff6. Geschichte und National-
okonomie waren die beiden Facher, in denen er 1862 zu Gottingen promovierte.
Die Jurisprudenz war verlassen, ihr Studium ist ftir ihn aber nicht ohne Gewinn
gewesen. Ein anderes Gebiet war es, das ihn stark lockte, das der bildenden
Kunst, besonders die Malerei; Bendemann beurteilte seine Zeichnungen und
Kompositionsentwurfe gunstig. Aber er wahlte die Historie zu seinem Lebens-
beruf. Die anerkennenswerte kiinstlerische Fertigkeit diente zur Erhohung
des Lebens, sie gab ihm auCerdem noch die Fahigkeit reiferer Beurteilung auf
kunstgeschichtlichem Gebiete. Der Geschichte blieb er fortan zugetan, und
zw^r der Geschichte im weitesten Umfange. Zunachst aber gait cs, sich auf
ein bestimmtes Gebiet zu beschranken, um dort etwas zu leisten. Schon dcm
Jiingling hatte der Gedanke vorgeschw T ebt, ein Bild Gustav Adolfs zu zeichnen.
Was er in der nachsten Zeit arbeitete, steht zumeist mit dieser Aufgabe in Zu-
sammenhang. Ein Jahr nach seiner Promotion erschien eine quellenkritische
Untersuchung liber die Zerstorung Magdeburgs im Jahre 1631, eine Abhandlung,
die zunachst von Usinger in Sybels Historischer Zeitschrift lobend bcsprochen,
dann aber von Wittich heftig bekampft wurdc und einen durch Jahrzehnte
geflihrten Streit entfacht hat. Droysen hatte seine Meinung geauBert und wissen-
ip2 Droysen.
schaftlich begrundet, mochte sie unparteiisch gcpriift werden; auf verletzende
Angriffe antwortete er nicht. Er hat in dieser Streitfrage nicht wieder zur
Feder gegriffen, wohl aber haben mehrere seiner Schtiler sich selbstandig geauflert.
Schliefllich nach 40 Jahren hat einer den Kampf uberblickend das Endergebnis
festgestellt, das im wesentlichen nicht anders lautet, als das, was Droysen
einstmals nachgewiesen hatte, dafi wohl auf Pappenheims Befehl einige Hauser
angesteckt worden seien, dafi aber der Urheber des volligen Abbrennens der
Stadt nicht zu ermitteln sei. Droysen sagte, da ist ein Punkt, vor dem die
Forschung den Mut haben mufi ehrlich zu bekennen: wir wissen nicht; wo sie
sich mit der Tatsache begniigen, darauf verzichten mufi zu sagen, wie sie ent-
stand; ein Ausspruch, der fur seine Gewissenhaftigkeit charakteristisch ist,
gegeniiber dem Anspruch, dafi immer ein »positives« Ergebnis zutage gefordert
werden musse. Der kiinstlerisch schaffende und nachschaffende, der Poet,
Musiker und Maler von reizvoll bew r egter Phantasie war in historischen Unter-
suchungen von vorsicHtigster Nuchternheit und scharfer, unerbittlicher Kritik.
Im Jahre 1864 habilitierte er sich an der Universitat Halle auf Grund einer
Abhandlung uber Quellenschriftsteller zur Geschichte des Dreifiigjahrigen
Krieges. Von den Thesen lauten zwei: ^Historicus politicus esse debet*, und
bHistoria universalis est historia idearum non return gestarutn.« Seine Habili-
tationsvorlesung uber die baltische Frage gehort auch zu den Studien, die sein
groBes Werk vorbereiten. Wie ein Auftakt fiir Kiinftiges beginnt sie mit den
Worten: »Es gilt vielen dafur, dafi Gustav Adolf um des Glaubens willen zur
Teilnahme an dem Dreifligjahrigen Kriege sei veranlafit worden. « Es folgten
noch mehrere vorbereitende Aufsatze, darunter zwei Quellenstudien in der Art
wie die Magdeburger iiber die Schlachten bei Liitzen und bei Breitenfeld, bis
er dann im Herbst 1868 die Vorrede zum ersten Bande seines »Gustav Adolf*
unterzeichnen konnte, den er dem Freunde Gustav Schmoller widmete. Der
zweite Band folgte ein Jahr spater.
Ostern 1869 ging D. als aufierordentlicher Professor nach Gottingen, im
Herbst desselben Jahres ftihrte er dahin seine junge Gattin, Anna Mayer, die
Tochter des Hallischen Arztes Dr. Eduard Mayer und seiner Gattin Klementine
geb. Schneidewind. 1872 wurde er ordentlicher Professor in Halle, dem er
treu geblieben ist. Dieser Universitat gehort das Wesentliche seiner Lehr-
tatigkeit. Seit seiner Habilitation erwuchsen ihm hier Zeiten scharfer Arbeit
und frohen Lebensgenusses. Das Studium der alten Archivalien machte ihn
nicht zu einem »blofien langstieligen Gelehrten«, nicht zu einem Virtuosen der
Einseitigkeit. Neben den Forschungen zur Geschichte des Dreifligjahrigen
Krieges gingen andere her, so schrieb er iiber Friedrichs des Groflen Politik zur
Zeit seines letzten Krieges, so machte es ihm Vergnugen, kulturhistorische
Merkwurdigkeiten pseudonym zu bearbeiten, sich als »kurfurstlich winkelkram-
scher Bibliotheksaccessist« aufzuspielen und Proben aus der Geschichte der
Liebe darzubieten — »wer auch will immer den bis an die Erde reichenden Zopf
der VollstandigkeitU Er ist auch dem Reizc nicht ausgewichen, dichterische
Gestalten mit ihren geschichtlichen Urbildern zu vergleichen. Und er versuchte
sich mit Gluck auf dem damals noch wenig angebauten Felde der Kunstschrift-
stellerei, das heute so bedenklich ins Kraut geschossen ist. Die Wahl der Kiinstler,
iiber die er handelte, ist bezeichnend. Der eine ist Asmus Jakob Carstens, der
von der Kunst verlangte, dafl sie die Krone eines nach alien Seiten hin gestei-
Droysen. \g?
gerten geistigcn Lebens sei, dessen Gestalten von dem innigen Grofigefiihl
erf ullt sind, das Homer seinen Gottern und Helden gibt, der andere ist Leonardo
da Vinci. Aus einem Vortrage im Leipziger Kunstverein ist dieser Aufsatz
erwachsen, der zum ersten Male, wenn er auch in eine Betrachtung des » Abend -
mahls« auslauft, dem ganzen Menschen und Kunstler Leonardo nahezukommen
versucht. Er fand Anton Springers besonderen Beifall. Aber das sind nur
hochst wesentliche Nebenarbeiten. Das Hauptwerk ist der »Gustaf Adolf «,
ein Buch, das von bestimmendem Einflufi auf die allgemeine Auffassung dieses
Glaubenshelden werden sollte. Keine Biographic Die Einwirkung des Schwe-
denkonigs auf die europaischen Verhaltnisse war das Thema, die Aufhellung
des Zusammenhanges zwischen ihm und den europaischen Verhaltnissen. Die
Erforschung der Griinde, die ihn zu den weltgeschichtlichen Taten trieben,
wegen deren er heute noch unvergessen ist, fiihrte zu dem Ergebnis, dafi die
Verteidigung seines Thrones gegen das machtvolle Vordringen Habsburgs, die
Frage des dominium maris baltici, die Sicherheit seines eigenen Landes ihn zwan-
gen, fur die Sicherheit der glaubensverwandten Nachbarn einzutreten. »Nicht
dafi fur die Entwicklung der reinen Lehre Gustaf Adolfs Eingreifen in die
deutschen Angelegenheiten entscheidend gewesen ist, bestreite ich; aber ich
bestreite, dafi er zu Nutz und Frommen des kirchlichen Lebens und der Glaubens-
freiheit in sie hat eingreifen wollen. Ich behaupte, dafi ihn Griinde durchaus
politischer Natur zur Verwendung auch dieses Mittels bewogen, gezwungen
haben.« Der Erfolg seines Eingreifens war Deutschlands Freiheit, aber dieser
Erfolg war nicht der erste Zweck. Religiose Angelegenheiten hatten damals
vielfach eine rein politische Bedeutung, ftir Gustav Adolf war der Schutz der
Protestanten ein Mittel zum Zweck, im Bunde mit dem katholischen Frankreich
kampfte er nicht gegen die katholische Kirche, sondern gegen das politische
Ubergewicht des Hauses Habsburg. Rezensionen von K. G. Helbig gaben
Droysen Gelegenheit zu erneuter prinzipieller Ausftihrung. Es folgten eine
langeReihe von Aufsatzen aus demGebiete des Dreifiigjahrigen Krieges, in denen
weniger die Absicht herrscht zu erzahlen als mitzuteilen, und lose zusammen-
hangende Beitrage zur Geschichte des Militarwesens in Deutschland, Abfalle,
die ftir andere Zwecke bereitgestellt werden sollten.
Die Hauptarbeit dieser Jahre war die Ausgestaltung der Lehrtatigkeit.
In seinen Vorlesungen behandelte Droysen hauptsachlich die allgemeine Ge-
schichte der neueren und neuesten Zeit, in glanzendem Vortrage, dem man nicht
anmerkte, dafi er las. Er liebte es, seine Gedanken in die gefeilteste Form zu
gieflen, klar und durchsichtig, rcich an packenden Wendungen und brillanten
Pointen, in denen sich ein scharfer politischer Geist offenbarte. In dem Heraus-
praparieren verschlungener diplomatischer Faden, in der kunstvollen Gliederung,
der bewufiten Steigerung des Vortrags, dem plastischen Hervortreten der Per-
sonlichkeiten liegt der grofie Erfolg seiner Vorlesungen zum Teil begriindet.
Sie fesselten, belehrten und regten zu erneuter Forschung an. Stets wurde
der Finger an eine Lucke gelegt, der offenen Fragen wurden viele hervorgehoben
und der Eifer zu selbstandiger Forschung erweckt. Anders als bei seinem Vater
diente daher bei ihm das historische Seminar in der Hauptsache der Ubung im
quellenmafligen Arbeiten. Interpretation und Kritik von Quellen zur Ge-
schichte des Mittelalters und besonders der Neuzeit wurden dort getrieben.
Damit jeder der Studenten den Text in der Hand haben konnte, wurden seit
BiogT. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 13. lid. 1 3
194 Droysen.
1880 einige Hefte »Materialien zur neueren Geschichte« im Buchhandel heraus-
gegeben, anderes wurde nur fur die Seminarmitglieder vervielfaltigt. Im An-
schlufl an seinen Vater zog er bei alien Untersuchungen die zeitgenossische
Publizistik heran. Sein Katalog von Flugschriften aus dem 17. Jahrhundert
ist einzigartig. Von seinen Schulern verlangte er, dafi sie hartes Holz bohrten,
er hat es ihnen beim Arbeiten nie leicht gemacht, und mancher von ihnen hat
nachtraglich dankbar angesehen, was er einst als Harte empfunden hatte.
Glaubte Droysen wissenschaftliche Unfahigkeit oder Mangel an Eifer zu
finden, so konnte er wenig hof lich sein, anderseits ist er, wenn er sich studentikos
geben wollte, manchmal mifiverstanden worden. Es lag ihm fern, eine Doktoren-
fabrik zu betreiben, aber manche Arbeit ist im Laufe der Jahre aus seiner Schule
hervorgegangen. Die besseren der Arbeiten, die auf seine Anregung entstanden
waren oder auch von einstigen Mitgliedern seines Seminars herruhrten, gab er
in den »Halleschen Abhandlungen zur neueren Geschichte* heraus, einer Samm-
lung, die 1874 mit Reinhold Kosers »Kanzleienstreit« ins Leben trat und bis auf
46 Nummern gekommen ist. Es ist die erste derartige Sammlung, seitdem hat
der Gedanke Schule gemacht. Aufler Kolleg und Seminar gab es noch zwang-
losere Zusammenkiinfte mit den Studenten, die oft sehr angeregt und bunt
waren, und wo auch der Witz zu seinem Rechte kam. Das Beste gab Droysen
im Gesprach, denn er verstand zu plaudern.
Am ersten Jahrestage von seines Vaters Tode unterzeichnete er die Vorrede
zu seinem nachsten Werke, das 1885 in zwei Banden erschien, der Arbeit uber
den zweiten der grofien protestantischen Heerfiihrer des Dreifiigjahrigen Krieges,
Bernhard von Weimar, den hoch denkenden Ernestiner, keine weltgeschichtliche
Personlichkeit, wohl aber einen deutschen Fiirsten, der erfullt war von starkem
Gefuhl fiir Ehre und Wohlfahrt des deutschen Volkes. Einen Stoff, der einst
Goethe gelockt hatte, gestaltete D., nicht ohne Schwierigkeit, zu einem lebens-
vollen Bilde des ungliicklichen Fiirsten und seiner Zeit. Ein nicht veroffent-
lichtes Urteil Heinrichs von Treitschke moge hier Platz finden: »Das neueste
Werk Gustav Droysens bezeichnet nicht nur einen grofien Fortschritt in der
Entwicklung des Verfassers, der friiherhin begreiflicherweise in Form und Inhalt
seiner Schriften dem Vater nachahmte, jetzt aber frei und selbstandig geworden
ist; das Buch bringt auch der nationalen Geschichtsschreibung eine dankens-
werte Bereicherung. Das einst von Barthold und andern so arg verkannte,
auch in Roses subalterner Darstellung nur undeutlich geschilderte Charakter-
bild Bernhards von Weimar tritt uns hier endlich klar und verstandlich entgegen.
Bernhard erscheint als der evangelische Reichsfurst, der, nicht frei von tragischer
Schuld, doch nur um Deutschlands wilien den fremden Kronen seinen Reiterdienst
tut« und, bei starkem personlichen und dynastischen Ehrgeiz, doch immer das
Ziel des allgemeinen deutschen Religionsfriedens fest im Auge beh<. Das
Ergebnis ist, obgleich der Verfasser keineswegs eine der beliebten »Rettungen«
zu schreiben beabsichtigt, doch die historische Rechtfertigung eines oft mifi-
verstandenen grofien Charakters und erscheint im wesentlichen unanfechtbar.
Die neuesten Forschungen von Gonzenbach und Vischer uber Hans Ludwig
von Erlach gelangen von anderer Seite her zu demselben Schlufl. Nur an weni-
gen Stellen unterliegt Droysen der jeden Biographen bedrohenden Versuchung,
seinen Helden zu iiberschatzen. So etwa II 495, wo die Eroberung Breisachs
geradezu »die glanzendste Waffentat wShrend des ganzen dreifiigjahrigen
Droysen. igj
Krieges « genannt wird — ein Urteil, das sich sicherlich nicht halten laBt, wenn
man sich an den ersten, von Napoleon so hoch bewunderten deutschen Feldzug
Gustav Adolfs erinnert. D. hat seiner gut evangelischen Gesinnung kein Hehl,
doch erkennt er die historische Notwendigkeit der groBen, die Zeit beherrschenden
kirchlichen und politischen Gegensatze unbefangen an und urteilt mit Recht
weit strenger uber Kursachsen und die ungetreuen Protestanten als uber die
folgerichtige Politik des Wiener Hofes. Leider besitzt der Verfasser nicht in
gentigendem Mafie »die Kunst der Massen«, wie Schiller es nennt. Seine durch-
weg in wurdigem, angemessenem Tone gehaltene Darstellung ist nicht uberall
recht durchsichtig — ein Mangel, der sich freilich aus der sproden Natur des
Stoffes erklart. Droysen gesteht selbst, daB er »den xenophontischen Para-
sangenstil« nicht immer habe vermeiden konnen. Da der Krieg jener Zeiten
wesentlich Festungskrieg war, so wird die Einnahme einer Menge unbedeutender
Platze sehr umstandlich geschildert; und da das verschlungene diplomatische
Spiel mit Schweden, Frankreich, Wallenstein, Kursachsen usw. den Gang des
Krieges mit bedingt, so werden auch manche Verhandlungen, die ohne jeden
Erfolg blieben, so grundlich erortert, dafi die Perspektive verloren geht und die
grofie Katastrophe der Nordlinger Schlacht neben dem vielen kleinen Detail
nicht ganz zu ihrem Rechte kommt. Wo die Dinge einfacher liegen, wie bei der
Belagerung von Breisach, da ist die Erzahlung bei ailer Einfachheit lebendig,
ergreifend, dramatisch spannend. Das Material ist mit umsichtigem FleiB
gesammelt, nur die Darstellung der franzosischen Politik bleibt im Halbdunkel.
Man erfahrt wohl, wie unwahr, hinterhaltig, geizig die Staatskunst Richelieus
sich zeigte; doch man kann ihre letzten Beweggriinde nur erraten, nicht deutlich
erkennen. Das Werk ist nicht bloB fur Gelehrte geschrieben. Indes werden nur
die Kenner, denen die diplomatischen Verwickelungen der Zeit schon vertraut
sind, den rechten Genufi davon haben.«
Im Jahre darauf wurde der Allgemeine historische Handatlas fertig, der
nach D.s Plan und unter seiner Leitung von Fachgelehrten bcarbeitet sich an
ein groBeres historisch interessiertes Publikum wendet. Auch Schiiler von ihm
haben daran mitgearbeitet. Der Schwerpunkt seiner schriftstellerischen Tatig-
keit liegt — von einigen Aufsatzen abgesehen — auf dem Gebiete des DreiBig-
jahrigen Krieges. Und so trat ihm der Gedanke nahe, die Geschichte der Kriege,
die wir unter diesem Namen zusammenfassen, im Zusammenhang zu geben. Ehe
er jedoch dazu schritt, hielt er es fur notig, zu schildern, wie sich die europaischen
Verhaltnisse entwickelten, bis der Funke in den langst angesammelten Zlindstoff
fiel. Nur dieses einleitende Werk ist vollendet worden. Seine »Geschichte der
Gegenreformation« in der Onckenschen Allgemeinen Geschichte in Einzeldar-
stellungen hebt beim Augsburger Reichstagsabschied von 1555 an, schildert
die Zersetzung der protestantischen Partei in Deutschland, das Werden, Wesen
und Vordringen des Ultramontanismus und den Kampf um den Religions -
frieden bis zum Reichstage von 1608. Kranklichkeit war die Ursache, daB
die Arbeit an der Fortsetzung stockte, Georg Winter hat rasch die Geschichte
des Dreifligjahrigen Krieges fiir diese Sammlung geschrieben, auf eine Weise,
die Droysens vollen Beifall fand. Allen seinen Arbeiten uber diese Zeit ist eine
groBe Beherrschung der zeitgenossischen Literatur gemeinsam, mit warmem
Herzen sind sie geschrieben, es bleibt nicht verhullt, daB des Verfassers Neigung
auf der Seite steht, die den Fortschritt in der Geschichte bringt. Schriftstelle-
13*
I96 Droysen.
risch hatte er nun mit dieserZeit abgeschlossen, nur dieFrage nachGustaf Adolf s
Landungsgebet hat ihn spater noch einmal auf verlassene Wege zuriickgefiihrt.
D.s Lehrauftrag war nicht auf Geschichte im engeren Sinne beschrankt.
Von fruher Jugend an in intimem Verhaltnis zur Kunst, ein feinsinniger Inter-
pret dichterischer und musischer Werke, ein Liebhaber und Kenner bildender
Kunst vereinte er asthetische Auffassung mit dem uberschauenden und ord-
nenden Blick des Historikers. Als kunstgeschichtliche Vorlesungen noch nicht
Mode waren, versammelte er wenige Zuhorer vor den Staffeleien des Kupfer-
stichkabinetts und gab in diesen peripatetischen Vortragen, die manchmal
auch Colloquia wurden, vielerlei Anregung, lehrte er sehen. Mit geringen
Mitteln hat erimLaufe der Jahre dielange vernachlassigteKupferstichsammlung
der Universitat zu einem ganz ansehnlichen kunstwissenschaftlichen Apparat
erweitert und umgestaltet — die Schradersche Geschichte der Universitat Halle
hebt dies besonders hervor. Als das Skioptikon die Moglichkeit gewahrte,
dasselbe Bild einem groBeren Kreise gleichzeitig vorzufuhren, hat er mehrfach
Vortragsreihen gehalten, die betrachtlichen Zulauf fanden. Aufier gelegent-
lichen Anzeigen hat er aber auf kunstgeschichtlichem Gebiete nichts mehr
veroffentlicht, aus einer gewissen Scheu und Zuriickhaltung heraus. Ein Gehor-
leiden machte ihn in spateren Jahren unzuganglicher, dafl er nichts veroffent-
lichte, liefi die letzten Jahre unfruchtbar erscheinen und mochte manchen
verstimmen, der wiinschte, dafl gerade diese Feder nicht rastete. Eine sehr
reizvolle Mitteilung uber die Freundschaft zwischen seinem Vater und Mendels-
sohn in drei Heften der » Deutschen Rundschau* zeigte auch einem grofleren
Kreise, was die Naherstehenden langst wuflten, da6 er an einer Biographie
Johann Gustav Droysens arbeitete. Eifriges Forschen uber mancherlei Einzel-
heiten liefi die Befiirchtung wach werden, er mochte in der Kleinarbeit auf-
gehen, es gab wohl auch Zeiten, wo das Tatigkeitsbediirfnis sich mit geistigem
Geniefien begniigte, wo die Freude am Stoff, die liebevolle Vertiefung der Ge-
staltung hinderlich war. Er hat das Werk nicht vollendet, aber wenigstens der
erste Band konnte aus dem Nachlafi von seinem Neffen Rudolf Hubner heraus-
gegeben werden. Er zeigt die Freude, mit der Droysen sich dem Reize hingab,
nun auch einmal biographisch zu arbeiten, alien Lebensaufierungen eines lebens-
vollen Mannes nachzugehen. Nach seinem 70. Geburtstage trat er in den Ruhe-
stand, ein halbcs Jahr spater ist er verschieden.
Schriften: Albrechts I. Bemuhungen um die Nachfolge im Reich. Inaug. -Dissertation,
1862. — Studien uber die Belagerung und Zerstorung Magdeburgs 1631 (Forschungen zur
Deutschen Geschichte Bd. 3, 1863). — Arlanibaeus, Godofredus, Abelinus. Berlin 1864 (Hal-
lesche Habil.-Schrift). — Aus den danischen Biichern (Archiv fur die Sachsische Geschichte
Bd. 2, 1864 und Bd. 5, 1867). — Die Schlacht bei Lutzen 1632 (Forschungen zur Deutschen
Geschichte Bd. 5, 1865). — Asmus Jacob Carstens (Bremer Sonntagsblatt. Organ des Kunstler-
vereins, 14. Jahrg., Nr. 5 — 6, 1866, Febr. 4 u. 11). — Studien zur baltischen Frage (Historische
Zeitschrift Bd. 15, 1866) [Habilitations-Vorlesung]. — Erinnerungen an Friedrich den GroGcn
(PreuBische Jahrbiicher Bd. 18, H. 4 — 6, 1866). — Leonardo da Vinci (ebenda Bd. 19* H. 5,
1867). — Die ersten Berichte uber die Schlacht bei Breitenfeld (Archiv fur die Sachsische Ge-
schichte Bd. 7, 1869). — Gustaf Adolf. 2 Bde. f Leipzig 1869 und 1870. — Die niedersachsischen
Kreisstande wahrend des schwedisch-deutschen Krieges 1631 und 1632 (Zeitschrift fur Preufii-
sche Geschichte Jg. 8, 1871, Juniheft). — Das Auftreten Pappenheims in Norddeutschland
nach der Schlacht bei Breitenfeld (ebenda, Juli- u. Oktoberheft). — Gustaf Adolf. Eine
Erwiderung an Herrn Helbig (ebenda, Augustheft). — Aus alten Tr6stern. Kollektanecn von
Droysen. Thumann. I gj
Gotthelf Lederer (Westermanns Deutsche Monatshefte, November 1871). — Der Krieg in Nord-
deutschland von 1632. Generallieu tenant von Baudissin (Zeitschrift fiir Preuflische Geschichte
Jg- 9i l %7 2 * April- u. Maiheft). — Pappenheims letztes Auftreten in Niedersachsen (ebenda,
Juliheft). — Zur Schlacht bei Frankenhausen (1525) (ebenda. Jg. io, 1873, September-Oktober-
heft). — t)ber die Feldziige der Sachscm im Bunde mit Schweden (Archiv fiir die Sachsische
Geschichte Bd. 12, 1874). — Die erste Kriegsschule in Deutschland (Zeitschrift fiir deutsche
Kulturgeschichte, N. F. 4, 1875) [Behandelt die von Johann d. A., Graf en zu Nassau, Katzen-
ellenbogen usw. in Siegen begrlindete »Kriegs- und Ritterschule« unter Johann Jacobi von
Wallhausen], — Beitrage zur Geschichte des Militarwesens in Deutschland wahrend der Epoche
des Dreifligjahrigen Krieges (ebenda, durch drei Hefte). — Schriftstucke von Gustaf Adolf
zumeist an evangelische Fursten Deutschlands. Stockholm 1877. — Brandenburgische Au-
dienzen bei Gustaf Adolf (Zeitschrift fur Preufiische Geschichte Jg. 15, 1878, Januar-Februar-
heft). — Die evangelischen Kurfursten und der Reichskanzler Oxenstiern nach Gustaf Adolfs
Tod (ebenda, Jg. 16, 1879, November-Dezemberheft). — Die Verhandlungen iiber den Uni-
versalfrieden im Winter 1631/32 (Archiv fur die Sachs. Gesch. N. F. Bd. 6, 1880, durch zwei
Hefte). — Hoicks Einfall in Sachsen im Jahre 1633 (Neues Archiv fur Sachs. Gesch. Bd. I,
1880, durch zwei Hefte). — Egmont (Auf der Hohe. Internationale Revue hrsg. v. Leopold
v. Sacher-Masoch, Bd. 2, 1882, Januarheft). — Raffael und Michelangelo (Deutsche Revue
Jg. 10, Bd. I, 1885, Januarheft). — Bemhard von Weimar, 2 Bde., Leipzig 1885. — In Sachen
Herzog Bemhard s von Weimar. Eine Erwiderung an Herrn A. v. Gonzenbach (Forschungen
zurDeutschen Geschichte Bd. 26, 1886). — Allgemeiner historischer Handatlas. Bielefeld und
Leipzig 1886. — Geschichte der Gegenreformation (Oncken, Allgemeine Geschichte in Einzel-
darstellungen), Berlin 1893. — Gustaf Adolfs Landungsgebet (Mitteilungen des Instituts fiir
osterreich. Geschichtsforschung Bd. 22, 1901). — Johann Gustav Droysen und Felix Mendels-
sohn- Bartholdy (Deutsche Rundschau Bd. in, April-Juni 1902). — Johann Gustav Droysen.
1. Teil: Bis zum Beginn der Frankfurter Tatigkeit (hrsg. v. Rudolf Hiibner), Leipzig u. Berlin
1910. —
Paul Fredericq, de U enseignement supirieur de Vhistoire. Notes et impressions de voyage
{Revue de V instruction publique en Belgique, T. 2$, Gand, 1882 , p. 35, J7). — Wiihelm Schrader,
Geschichte der Friedrichs-Universitat Halle-Wittenberg. Hans Schulz.
Thumann, Paul, Maler, Professor, * 5. Oktober 1834 zu Grofi Tschacksdorf
in der Niederlausitz, f 19. Februar 1908 in Berlin. — Durch seine Illustrationen
zu deutschen Dichtern, seine Zeichnungszyklen und seine Gemalde hat Th.
sich einen weit verbreiteten Ruf und viele Beliebtheit bei einem grofien Teil
des Publikums erworben. Mit gliicklichem Talent begabt, hatte er sich fruh
schon fiir die Wahl des kiinstlerischen Lebensberufs entschieden. Den ersten
Unterricht, der ihn dazu vorbereiten sollte, empfing er auf der Berliner
Kunstakademie. An der Dresdener setzte er seine Studien unter Prof. Julius
Hiibner von 1855 bis i860 mit bestem Erfolge fort. Damals fand die Griindung
der neuen Kunstschule zu Weimar durch den Grofiherzog Karl Alexander
statt, der bemiiht war, die vorzuglichsten unter den jiingeren Meistern, und
zwar nicht nur unter den deutschen, als Lehrer fiir diese seine Schopfung
zu gewinnen; besonders solche, die durch ihre Werke bewiesen hatten, dafi
sie auch das Handwerk der Malerei, die Technik, aus dem Grunde verstanden
und die rechten Manner zu sein schienen, um tiichtige Schuler heranzubilden.
Zu den fremdlandischen namhaften Malern, welche den Ruf an die Weimarsche
Kunstschule annahmen, zahlt auch der Belgier Pauwels, der mit seinen ersten
Geschichtsbildern 1861 in Antwerpen so allgemein bewundernde Anerkennung
geerntet hatte. In seine Schule zu Weimar trat Th. 1862 ein, um dort dann
vier Jahre unter Pauwels' Leitung zu malen. Zunachst entwickelte er eine aufier-
198
Thumann. Biermann.
ordentliche Tatigkeit als Zeichner von Illustrationen fur den Holzschnitt auf
dem Block, mit denen besonders zahlreiche Werke im Verlage der Buchhandlung
von Muller-Grote geschmiickt wurden. Er gebot uber eine reiche erfin-
derische Phantasie und verstand, leicht und sicher und immer so einfach, nur
durch Schattenlagen und lichte Stellen seine Gestalten modellierend, auf den
Block zu zeichnen, dafi es den Xylographen keine grofien Schwierigkeiten
bereitete, die so behandelten, malerische Tonwirkungen nicht anstrebenden
Zeichnungen faksimile zu schneiden. Th. durfte sich ruhmen, wohl 3000
illustrierende Holzzeichnungen geschaffen zu haben. Aber er hatte das Malen
darum nicht vernachlassigt. Im Auftrage des Grofiherzogs fiihrte er in der
Wartburg einen Zyklus von Wandgemalden zur Lebensgeschichte Luthers aus.
Eine Szene aus diesem Leben: Die Trauung des Reformators mit Katharina
von Bora, stellte Th. auch in einem grofien Staffeleigemalde dar. Fur die
photographische Reproduktion entwarf er ganze Kompositionszyklen zu volks-
beliebten Dichtungen wie Chamissos »Frauenliebe und -lebe n«;
spater auch zum »Vater Unser«. Als im Jahre 1875 die griindliche Neuge-
staltung der Berliner Hochschule der bildenden Kunst durch Anton v.Werner
durchgefiihrt wurde, berief dieser auch Th., ebensowie dessen ehemaligen Wei-
marischen Mitschiiler Karl Gussow als Lehrer an dies neubelebte Kunstinstitut.
Hier rechtfertigten beide das in ihr Lehrtalent gesetzte Vertrauen in vollem
Mafle. Th. errang hier in der kunstlerischen Gesellschaft Berlins bald eine
hervorragende Stellung. Er erfreute sich der besonderen Gunst des Kronprinz-
lichen Paares. Aus seiner Werkstatt gingen wahrend der folgenden Jahre
mehrere Gemalde hervor, die idyllisch-poetische Szenen, antiker Dichtung
entlehnte, und frei erfundene des gleichen anmutigen, gcfalligen Genres, zum
Gegenstand hatten. Grazios bewegte, keusch reizende Madchengestalten und
Junglinge verwandten Schlages in idealen Gewandern ftihrt er in einfachen
ansprechenden ruhigen Situationen und Gruppierungen vor. Diese Gemalde
sind untadelig gezeichnet und kiihl koloriert und erheben auf starke Farben-
wirkungen keinen Anspruch. Wir nennen hier nur Bilder »Die drei £rrazien«,
»Psyche sich im Wasser spiegelnd«, »Kunst bringt Gunst«, »Amor und Psyche«,
»Die unaufmerksame Schulerin«. Seine Stellung an der Hochschule der bilden-
den Kunst gab Th. in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf.
Er brach seine Zelte in Berlin ab und libersiedelte nach Italien. Nach mehr-
jahrigem Aufenthalt in Florenz und Rom kehrte er schwer leidend nach Berlin
zuriick. Seiner am Mark des Lebens zehrenden Krankheit ist er am 19. Fe-
bruar 1908 erlegen. Seine liebenswiirdige menschliche Personlichkeit und sein
kiinstlerisches Schaffen werden ihm immer ein freundliches und ehrendes
Andenken sichern. T i> • «. _ u
L. rietscn.
Biermann, Gottlieb, Maler, * 1827, f iS.Oktobcr 1908 im 81. Lebensjahr zu
Berlin, seinem Geburtsort. — Das Geschick hatte ihn in seiner Jugend nicht
sanft gewiegt. Sein Vater verlangte, dafl der herangewachsene Knabe das
vaterliche Handwerk, das des Schneiders, erlernen solltc. Es hat den Sohn
schwere Kampfe gekostet, bis er es erreichtc, dafi ihm erlaubt wurde, sich der
Malerei zu widmen und deren Studium in der Berliner Kunstakademie zu be-
ginnen. Er arbeitete sich durch ihre Zeichen-, Gips-, Akt- und Malklassen
Biermann. Ltiders.
199
wahrend der vierziger Jahre fleiflig und eifrig vorwarts, nahm 1 850 an dem
Wettbewerb um den grofien Staatspreis des dreijahrigen Stipendiums zur
Studienreise nach Italien teil und trug den Sieg davon. In Venedig, Florenz,
Rom und Neapel studierte er das Volksleben ebenso wie die Meisterwerke der
grofien alten Kunst. Sein schones koloristisches Talent entwickelte sich dort
zur vollen Reife, und in seinen nach Berlin gebrachten Gemalden, die meist
Szenen aus dem romisch-neapolitanischen Volksleben darstellten, gab er glan-
zende Proben seines gereiften Konnens. In Berlin sah er sich bald mit
Bildnisauftragen uberhauft. Die von ihm in den sechziger und siebziger Jahren
gemalten Portraits von Damen und Herren der reicheren Berliner Gesellschaft
entsprachen den Anforderungen dieser Kreise in hohem Grade, auch durch die
starken koloristischen Wirkungen, die der Klinstler diesen Bildnissen durch
gewahlte Toiletten und reiche Hintergriinde — angedeutete elegant und
prachtig ausgestattete Innenraume mit luxuriosen Mobeln, Vorhangen, Kaminen,
mit Lampen und Standuhren auf dem Sims — zu geben wufite. Ebenso
gliickliche Erfolge hatte er mit seinen Bildern grofier idealer und charak-
teristischer Einzelfiguren schoner weiblicher Wesen von seltsamem, geheimnis-
vollem Reiz und in originellen, freierfundenen, reichfarbigen, phantastischen
Trachten, wie seine »Spanierin«, seine vielbewunderte »Zigeunerprinzessin«,,
sein »Lebensfriihling« u. a. m. Sein Dasein flofi ruhig dahin. Wenn in seinen
letzten beiden Jahrzehnten seine schopferische Kraft nach dem natlirlichen
Gesetz alles Lebens allmahlich geringer werden mochte und er gegen jungere
Talente zuriicktreten mufite, so sorgte er bis noch in seine letzte Lebenszeit
hinein, dafi er nicht vergessen werde. Auf jeder grofien Kunstausstellung er-
schienen (meist kleinere) Gemalde von ihm, in denen sich sein alter Farbensinn
immer wieder glanzend betatigte; wie — um nur zwei Schopfungen aus jtingster
Zeit zu nennen — seine Bilder »Muttergluck« und »R(idiger befreit die (nackte)
dem Ungeheuer zum Opfer bestimmte Angelika (im »RasendenRoland«). Letzt-
genanntes Gemalde, eine liberraschend glanzende Leistung des Achtundsiebzig-
jahrigen, schmuckte noch die grofie Berliner Kunstausstellung im Jahr 1906.
L. P i e t s c h.
Ltiders, Hermann, Maler und Zeichner, * 25. November 1836 zu Osterwieck,
f 27. November 1908 in seiner Villa zu Grofi-Lichterfelde bei Berlin. — Talent
und Lust zum Zeichnen zeigten sich und erwachten fruh bei ihm. Um sich zum
Kiinstler auszubilden, kam er nach Berlin, wo er in Karl Steffecks, des genialen
Genre- und Tier- (besonders Pferd-)malers, Atelier eintrat, der damals in den
funfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hier als einer der geschatztesten und
gesuchtesten Lehrer in der Kunst des Zeichnens und Malens gait. Das Meiste
und Beste aber hat L. im aufmerksamen, bestandigen Beobachten und Stu-
dieren der lebendigen Natur gelernt. Seine kunstlerische Laufbahn mit dem
Malen von auszustellenden Olgemalden zu beginnen, gestatteten ihm seine Ver-
haltnisse nicht. Er mufite fruh schon fur sich selbst sorgen und seinen Lebens-
unterhalt erwerben. Das gelang am schnellsten und sichersten durch das Zeich-
nen von Aktualitaten fur illustrierte Zeitungen. Er entfaltete bald eine grofie
Geschicklichkeit darin, das in der Wirklichkeit Gesehene lebensvoll leicht und
sicher auf dem Papier oder auf dem Holzstock in wirksamen Zeichnungen
darzustcllen. Damals war die Photographic nach der Natur, zumal nach be-
200 Ltiders.
wegten Lebewesen, noch nicht entfernt zu der Leistungsfahigkeit entwickelt,
welche sie heute erreicht hat, wo kein Zeichner mehr im Wettkampf mit ihr
in bezug auf die »Fixigkeit« wie auf die »Richtigkeit« bestehen kann. L. hatte
seiner Militarpflicht bei den Gardeschtitzen in einer Zeit genugt, welcher bald die
Eroffnung des Krieges gegen Danemark folgte. Der Kiinstler, der mit Lust
zur Sache gedient hatte, wurde eingezogen und muflte mit den Truppen ins
Feld rucken. Das hat sich dann noch im Jahr 1866 beim Ausbruch des Krieges
gegen Osterreich und die mit diesem verbiindeten deutschen Staaten, und ebenso
auch bei dem des Krieges gegen Frankreich wiederholt. Er war bereits gluck-
lich verheiratet und Familienvater, als er zum dritten Male das Atelier und
Heim verlassen und den Pinsel mit der Buchse vertauschen muflte. Aus alien
drei Feldziigen ist er glucklich unverwundet und unerkrankt zunickgekehrt;
und wenn sie ihn empfindlich seiner schopferischen kiinstlerischen Tatigkeit
entzogen, so bereicherten sie seine Phantasie und seine Naturanschauung ande-
rerseits doch um eine Fulle von unschatzbaren Motiven und Lebensbildern,
die er vorzuglich verwerten konnte. Im Felde ruhte sein Zeichenstift kaum
einen Tag. Reich mit Entwurfen und rasch hingeworfenen Zeichnungen nach
Szenen und Gestalten aus dem Kriegsleben gefiillte Skizzenbucher brachte er
aus diesen Feldziigen mit heim. Wahrend der folgenden glanzenden Friedens-
jahre war L. wieder unausgesetzt mit Auftragen zu Holzschnittzeichnungen
von offentlichen Vorgangen, die sich in Berlin wie auflerhalb der Grenzen des
Vaterlandes abspielten, iiberhauft. Zu den groflen Manovern, zu der russischen
Kaiserkronung in Moskau und den folgenden Festlichkeiten und ebenso ge-
legentlich des Besuchs Kaiser Wilhelms II. am russischen Hof (1888), wurde L.
nach Rufiland gesandt. Die spanische Reise des Kronprinzen Friedrich machte
er mit, um von den dortigen Vorgangen Zeichnungen zu liefern. Als der neue
Kaiser im Herbst 1888 nach Rom und Neapel, 1889 nach Athen und Konstanti-
nopel ging, zog L. zu denselben Zielen, um die wichtigsten und interessantesten
Szenen dieser Kaiserreise fiir illustrierte Zeitungen zu zeichnen. Er hat auch
zur Feder des Schriftstellers gegriffen und verschiedene mit eignen Zeichnungen
geschmuckte Biicher verfaflt und erscheinen lassen, die meist Selbsterlebtes
auf seinen Kriegs- und Friedensreisen wahrhaftig, lebendig und fesselnd schildern.
Fiir das anziehende Werk, in welchem Friedrich Dernburg die Kronprinzenreise
nach Spanien erzahlt, hat L. nur die vorziiglichen Illustrationen gezeichnet. Die
Biicher iiber »Unter drei Kaisern« und »Soldatenleben im Krieg und Frieden*
sind von ihm geschrieben und illustriert.
In GroC-Lichterfelde, wo er sich in gartenumgebener Villa niedergelassen
hatte, verlebte er sein letztes Jahrzehnt mit seiner Familie in ruhigem Behagen.
»Weit und breiten Landes Durchstreifen freut nicht rnehr* mochte der sich dem
siebzigsten Lebensjahr Nahernde mit dem a 1 1 e n Goethe gesagt haben. Aber
rastlos blieb er kiinstlerisch tatig. Er schmiickte einen Saal im dortigen Rat*
hause mit Wandgemalden und malte eingrofles Bild »Das Gardeschiitzenbataillon
bei St. PrivaU fiir das Offizierkasino dieses Bataillons. In der Ausfiihrung
dieser Werke bewies er eine nicht geringere Tuchtigkeit als Maler, wie er sie
stets als Zeichner und Illustrator bewiesen hatte. Hochgeschatzt und geehrt
von seinen Mitbiirgern und bis zum Ende im Vollbesitz seiner Geisteskraftc
konnte er wahrend seiner letzten Jahre ein ruhig befriedigtes Dasein fiihren.
L. P i e t s c h.
Werner. 201
Werner, Fritz, Professor, * 3. Dezember 1829, f 16. April 1908 zu Berlin. —
Einer unserer hervorragendsten, talent- und geistreichsten Kiinstler war der
Maler und Stecher W. Keiner von alien seinen Kunstgenossen ist so stark in
seiner ganzen Entwicklung durch das grofleste, strahlendste deutsche Kunst-
gestirn des 19. Jahrhunderts, Adolf Menzel, beeinflufit gewesen wie dieser.
Er hatte urspriinglich die Kupferstecherkunst als Lebensberuf gewahlt. Im
Zeichnen mit Kreide, Stift und Feder wie im Kupferradieren und -atzen erwarb
er bald ein ungewohnliches Konnen. Die Gabe scharfer Beobachtung der Wirk-
lichkeit verband sich in ihm mit grofler kunsttechnischer Geschicklichkeit, und
ein tief eindringendes Naturstudium half seinen Darstellungen das voile Ge-
prage der Wahrheit zu geben. Seine Bleistiftportrats, seine mit der Feder ge-
zeichneten, mit charakteristischen Einzelfiguren bzw. geistreich erfundenen,
streng realistisch geschilderten Genreszenen belebten Landschaften, Ausschnitte
aus der schlichtesten markischen Natur, — Arbeiten aus seinen zwanziger
Jahren, — fanden die bewundernde Anerkennung aller Kunstfreunde von
feinerem Empfinden und Verstandnis. Seine unverkennbare Verwandtschaft
des kiinstlerischen Naturells der Naturanschauung und die Ahnlichkeit seiner
erstrebten Ziele mit denen des 14 Jahre alteren, von ihm leidenschaftlich ver-
ehrten Adolf Menzel, liefi ihn bald zu diesem in nahe personliche Beziehungen
treten. Mit aufierster Sorgfalt und Kunstgeschicklichkeit fuhrte er nach Aqua-
rellen und Olgemalden dieses Meisters Kreidezeichnungen fur danach zu
stechende Platten aus. So nach dem Aquarellbilde: Friedrich II. als Kronprinz
in der Gondel auf dem See vor dem Schlofi Rheinsberg; so die grofle Kreide-
zeichnung von unerhorter Vollendung in der treusten gewissenhaftesten Durch -
fuhrung bis ins letzte Detail und in die zartesten Nuancen des Tons nach dem
beruhmten Bilde des Meisters »Concert bei Hofe. Sanssouci I750«. Nach diesen
beiden Zeichnungen Stiche auszufuhren, dazu ist W. nie gekommen. Wohl
aber hat er in einem vorziiglichen Stich das Bild Menzels »Die Tafelrunde
Konig Friedrichs« reproduziert. Als Menzel im Oktober 1 86 1 nach Konigsberg
berufen wurde, um dort in der Schlofikapelle der Kronung Konig Wilhelms I.
beizuwohnen, die er in einem grofien Gemalde darzustellen beauftragt worden
war, begleitete ihn W., damit dieser gleichzeitig mit ihm die notigen zeich-
nerischen Notizen nach Einzelheiten der Architektur der innern Ausstattung
und die auf die Verteilung der Gruppen im Raum beziiglichen nach der Wirk-
lichkeit entwerfe. In der ersten Halfte der sechziger Jahre trat W. auch als
Maler hervor. Und zwar gleich mit einem Bilde, das durch seine Zeichnung,
seine treffende Charakteristik der Menschen und ihrer Umgebung, seine Farbe
und malerische Durchfuhrung einen solchen Eindruck machte, dafi W.s Name
fortan als der eincs der besten lebenden Maler Berlins genannt wurde. Jenes
Bild stellte eine reichc vornehme alte Dame in ihrem behaglich prachtigen
Rokoko-Interieur dar, welche dem vor ihr stehenden Neffen, einem flotten
jungen Offizier der Seydlitz-Dragoner (Zeit Friedrichs d. Gr.), eine ernste Straf-
predigt liber sein Leben halt, das ihn schon wieder in die Lage brachte, die ge-
strenge Dame um Hilfe anzugehen. W. hatte mit Menzel die Vorliebe fur dies
Zeitalter gemein. Dessen Menschentypen, Trachten, Sitten, Lokalitaten hatte
er nach dieses Meisters Vorbild aufs genaueste studiert. Neben Menzel gab es
fur W. nur noch einen Meister, M e i s s o n i e r , der damals auf der Hohe
seines Ruhmes stand, zu dem er sich hingezogen fuhlte und dem er nachstrebte.
202 Werner.
Keinen von den andern franzosischen MalergroBen, in deren Ateliers die jungen
deutschen Kunstler damals ihr Heil zu finden, das wirkliche Malenkonnen zu
erlernen hofften, in Paris, sondern diesen »Gro8esten der Kleinmeister«, der in
Poissy hauste und malte, suchte W. auf. Es gelang ihm, dessen Sympathien
in solchem Mafie zu erringen, dafi dieser Deutsche ihn auch nach Antibes be-
gleiten durfte, wohin Meissonier im Sommer seine Werkstatt zu verlegen
pflegte.
Vor und nach dieser Studienzeit und seinen Reisen durch Holland und
Belgien hat W. eine enormc Zahl von Gemalden, deren jedes in alien Teilen
mit der gleichen strengen Gewissenhaftigkeit durchgefuhrt war, vollendet.
GroBe populare Erfolge erntete er besonders durch die Bilder, welche
soldatische Szenen aus dem Leben der Grenadiere Friedrichs des Grofien dar-
stellten, wie das der Gruppe der Spreewalder Ammen, die mit den ihnen anver-
trauten Herrschaftskindern vor dem Gittertor eines koniglichen Parks umher-
stehen und sich an den derben Spafien der hinter dem Gitter gruppierten mit
ihnen plaudernden Grenadiere der Wachtmannschaft ergotzen. Oder wie jenes
andre grofiere Werk: Der Marsch eines Regiments solcher »langen Kerle« durch
eine kahle markische Gegend, neben denen ihre vierschrotige Marketenderin
auf ihrem bepackten Eselchen auf der staubigen Strafie dahintrottet. — Eine
Menge kostlicher kleiner Kabinettstiicke schildern Genreszenen, nicht nur
soldatische, aus der deutschen Rokokoperiode in unubertreflflicher Echtheit;
Bilder, deren Detailausftihrung bis zur auCersten Grenze getrieben ist, ohne
daB dadurch doch je die ruhige fein harmonische Tonstimmung des Ganzen
zerrissen wurde oder die Ausfuhrung kleinlich und muhsam erschiene. Aber
nicht minder zahlreich und vollendet sind seine Darstellungen von Menschen
und Vorgangen aus unserer Zeit. Ich nenne nur einige ganz eminente Meister-
werke von bewundernswerter kunst- und liebevollster Durchfiihrung; das Bild
des, mit mannlichen und weiblichen Besuchern jeden Alters, Standes, Tem-
peraments, Bildungsgrades erfiillten grofien Gemaldesaales in der Dresdener
Museumsgalerie, dessen Wande hoch hinauf mit Gemalden alter Meister behangt
sind; den »Ausstopfer« inmitten seiner Vogelbalge undTierfelle; den»Konchylien-
sammler« mit der Masse der in den feinsten Farben und dem zartesten Perl-
mutterglanz schimmernden und glanzenden exotischen Muscheln; den Kunst -
antiquitatensammler in seinem Kabinett, den Bibliothekar in setnem Blicher-
zimmer. Auch offentliche Szenen mit Bildnisgestalten bekannter hervor-
ragender Personlichkeiten und einer Menge von Poftratfiguren aus allem Volk —
den beruhmten Parade- und Huldigungsbildern Franz Kriigers verwandt —
gingen aus seiner Werkstatt hervor: so die »Enthullung des Luisendenkmals
im Tiergarten durch Kaiser Wilhelm I.«, des Prinzen Wilhelm — spatern Kaiser
Wilhelms II. — Einreiten auf den Belleallianceplatz an der Spitze derTruppen
von der groBen Parade auf dem Tempelhofer Felde, und Bismarcks Heraus-
treten aus dem provisorischen Reichstaggebaude in die mit Menschen, Omni-
bus- und Tramwagen bunt belebte Leipziger StraBe nach der Sitzung jenes
6. Februar, in welcher der groBe Kanzler die beruhmte, epochemachende Rede
uber die politischen Zustande Europas gehalten hatte. —
In seinen letzten Lebensjahren war W. wieder zu seinen frliheren Lieb-
lingsstoffen zuruckgekehrt; malte Einzelgestalten, besonders soldatische, aus
verschiedencn Regimentern der Armee Friedrichs d. Gr., in Erscheinung, Haltung,
Werner. Leistikow. 203
Ausdruck von iiberzeugender Lebenswahrheit, Bilder, in denen sich keine Spur
des etwaigen Nachlassens der kiinstlerischen Kraft und Frische bei dem hohen
Siebziger zeigte. Sein zuletzt ausgestelltes Gemalde zeigte einen rotrockigen,
vom Riicken sichtbaren Hofkavalier aus derselbcn Zeit, der, »vom Konigsmahl
kommend«, in eine Allee des Parks von Sanssouci etvvas schwankenden Ganges
hineinschreitet; und einige vor dem Parktorgitter an Straflenausbesserungen
tatigc Erdarbeiter, die jenem Edeln spottlachend nachschaucn.
Der achtzigste Geburtstag des Meisters wurde von seinen Kunstgenossen
festlich bcgangen. Nichts in ihm verriet, daB das Ende dieses reicherfullten
ruhmvollen Malerlebens bereits so nahe gekommen sei, und schon nach
3 1 /* Monaten, neun Tage nach der Eroffnung der Ausstellung eines groCen
Teiles seines Lebenswerks in den Salen der Kunstakademie, seine Alles beobach-
tenden, alle Erscheinungen dieser Erde so scharf erfassenden Augen sich fur
immer schlieCen sollten. T t> • a *. „ „ u
L. r 1 e t s c n.
Leistikow, Walter, Landschaftsmaler, * 25. Oktober 1865 zu Bromberg,
f 24. Juli 1908. — In L. verlor die Berliner Kiinstlerschaft eines ihrer von alien
Parteien, in die sie zerkluftet ist, gleich hoch geschatzten, allgemein beliebten
und in seiner kiinstlerischen Bedeutung anerkanntesten Mitglieder durch einen
viel zu-f rtihen Tod ; hatte er doch nur ein Alter von 43 Jahren erreicht. Immerhin
hat diese verhaltnismaflig nur geringe Dauer seines Kunstlerlebens geniigt,
um ihn eine auflerordentliche Fulle von hervorragenden Gemalden schaffen
zu lassen, in denen er ebensoviele Ausschnitte aus Gottes schoner Welt, in der
Heimat wie in der Fremde, liebevoll, treu und mit kunstlerischem Feingefiihl
fur jeden eigentumlichen und charakteristischen Reiz, den ihnen die Art ihrer
Erdbildungen und ihrer Vegetation, wie die wechselnden Beleuchtungen und
Luftstimmungen in den verschiedenen Jahres- und Tageszeiten verlciht, geschil-
dert hat. L. bildete sich in Berlin unter der Leitung des besten Lehrers dieser
Kunst, Prof. Hans Gude, zum Landschaftsmaler aus und vollendete diese Aus-
bildung in ausgedehnten Studienreisen durch die europaischen Kulturlander.
Seinen popularen Ruhm erwarb er mehr als durch seine Darstellungen aus der
Natur der fremden Lander durch die Schilderungen aus der markischen engeren
Heimat, zumal ihrer, von ernsten dustern Kieferwaldungen und schlanken,
lichtgriinen, weifistammigen Birken umrahmten stillen dunklen Waldseen,
deren eigenartigen landschaftlichen Charakter und Stimmungcn sowie die Tone
der Liifte uber ihnen, er mit ganz besonderer Feinheit zu trcffen und treulich
wiederzugeben erreichte. Man versteht eigentlich die Beweggrunde nicht
vollig, die ihn bestimmten, im Bunde mit Max Liebermann die Berliner Se-
zession, die tiefe Spaltung in der Berliner Kiinstlerschaft, ins Leben zu rufen
und sich so leidenschaftlich um deren Entwicklung undihre Jahres-Ausstcllungen
zu bemuhen. Seine Naturbilder sind so echt und wahr, so frei von Manieriert-
heit, so gewissenhaft durchgefuhrt und so gediegen gemalt, daB sie eher einen
Gegensatz zu der Darstellungsweise landschaftlicher Natur durch die eigent-
lichen ersten sezessionistischen Maler bilden, als daB er sie wie diese geschaffen
und in ihremSinne gemalt hatte. Aber die neueKiinstlerpartei hatte alien Grund,
auf seine von ihm erklarte Zugehorigkeit zu ihr stolz zu sein, ihn zu ehren und zu
preisen und L. als einen derVater, tapferen Vorkampf er und begeisterten Apostel
204
Leistikow. Gschiel.
des neuen Maler-Evangeliums zu feiern. Er brauchte nicht auf die Nachwelt zu
warten, um gerecht gewurdigt zu werden. Von an ihm zehrender Krankheit
(Diabetes) ergriffen, liefi er sich nicht durch seine Leiden am rustigen Schaffen
hindern, bis sie ubermachtig geworden, auch seine Widerstandskraft bezwang
und ihn auf das Schmerzenslager niederwarf, das sein Sterbebett werden sollte.
Durch wiederholte Spezialausstellungen von Gemalden und vorziiglichen
landschaftlichen Naturstudien L.s nach Gegenden und Details der Hochgebirgs-,
der Wald- und der Flachlandschaft in Cassierers Kunstsalen und in dem Hause
der Sezession konnte das Berliner Publikum erkennen lernen, dafi er nicht der
einseitige Maler der markischen monotonen Kieferwalder und Waldseen war,
als der er gewohnlich angesehen wurde, sondern dafi seine Augen der Grofle,
Herrlichkeit und Anmut der Natur in alien ihren Erscheinungsformen gleich-
mafiig erschlossen waren, und sein gliickliches Talent ihn befahigte, jedes ge-
gebene Motiv zu meisterhaften fesselnden Gemalden zu gestalten. Der so fruh
zu den Toten Gegangene ist viel beklagt und sein Andenken durch wurdige,
von den Genossen, den Freunden und Verehrern des Meisters veranstaltete, schone
Gedachtnisfeiern geehrt worden.
L. P i e t s c h.
Gschiel, Jakob, akademischer Bildhauer, * 26. Juli 182 1 in Obersalberg
(Pfarre Pollauberg) in Steiermark, f 15. Januar 1908 in Graz. Obwohl sich
seine Neigung und Fahigkeit zu bildnerischem Schaffen frtihzeitig zeigte, kam
G. erst als Zwanzigjahriger zu einem landlichen Bildhauer in Pichelsdorf in die
Lehre. 1847 ubersiedelte er nach Graz zu Michael Rosenberger, einem tiichtigen
Selfmademan, um endlich zur Vervollstandigung seiner Ausbildung von 1852
bis 1855 in Wien die alte Kunstakademie von St. Anna zu besuchen. Seit 1855
arbeitete er jahrzehntelang unermudlich in Graz, und als die Auftrage sich
hauften, stets mit mehreren Gehilfen und Lehrlingen. (Aus seinem Atelier
ging z. B. der bekannte Grazer Bildhauer Hans Brantstetter hervor). G. und
seine Werkstatte versorgten zahllose Kirchen und Kloster mit Andachtsbildern,
und zwar nicht nur in Steiermark. Es wanderten zahlreiche Werke auch nach
auswarts, nach Karnten, Krain, Kroatien, Ungarn, Ober-Osterreich. Unter
den eigenhandigen Arbeiten G.s zeichnen sich besonders die Kruzifixe, die wir
auf Altaren und Friedhofen finden, durch Zartheit der Empfindung und durch
edle Schonheit aus. Eine dieser Arbeiten fand auf einer Pariser Ausstellung
lebhafte Anerkennung, und der Kruzifixus auf dem Hochaltar der Grazer Stadt-
pfarre zeigt den Kiinstler von seiner besten Seite. Im ganzen reicht sein Schaffen
nicht uber den kiinstlerischen Durchschnitt hinaus, aber es ist ein guter Durch -
schnitt. Wenn armere Kirchen und Kapellen und auch Privathauser zu tadel-
losen und wurdigen Andachtsbildern kommen, so bedeutet dies fiir das Gesamt-
niveau der Kunst in einem grofieren Landergebiet sicherlich einen Gewinn
gegeniiber der wertlosen Fabriksware, die sonst gewohnlich an die Stelle jener
Werke tritt.
Steirisches Kiinstlerlcxikon. Von J. Wastlcr. Graz 1883. — "Ludwig von Kurz, Das
Werk des steirischen Bildhauers Jakob Gschiel. Graz 1910.
Johann Ranftl.
Seitz. 205
Seitz, Ludwig, religioser Maler und Direktor der vatikanischen Galericn,
* 11. Juli 1844 in Rom, f 11. September 1908 in Albano. Sein Vater Maximilian
Seitz hatte als Kirchen- und Genremaler einen guten Namen. Die Mutter war
eine Tochter jenes Ernst von Platner, der zusammen mit Bunsen die noch heute
wertvolle »Beschreibung« Roms herausgab. So fiihrtcn die aufieren Lebens-
verhaltnisse S., der schon als Kind eine vielversprechende kiinstlerische Ver-
anlagung zeigte, mitten in kunstlerisches Leben und Schaffen hinein, und zwar
in die Kunstwclt der Nazarencr, welche damals unsere deutsche Kunst durch
Jahrzehnte beherrschten und in Rom ein wichtiges Zentrum hatten. Sie er-
weckten im AnschluB an die grofien Meister alter Zeiten die vergessene Frcsko-
technik und zugleich den tieferen religiosen Sinn fur Deutschlands Malcrei zu
neuem Leben. So konnte S. selbst spater uber die Anregungen seiner Jugendzeit
sagen: »AUe Familienbeziehungen fuhrten mich in den Kreis der deutschen
Kunstler, und meine Laufbahn wurde in besonderer Weise begunstigt durch alle
jene edlen Seelen, welche unter dem Namen der Nazarener bekannt sind. So
erklart sich auch meine grofie Vorliebe fur die altdeutsche Kunst und besonders
fur den tiefen Ernst derselben bei religiosen Darstellungen, im weiteren fur die
Vollkommenheit in der Vollendung und die glanzende Farbengebung . . . « Als
seine kiinstlerische Ausbildung vollendet war, begann ein Leben voll unermud-
licher Arbeit, das schlicht und einfach, ohne ungewohnliche auflere Ereignisse
verlief.
Die erste selbstandige kiinstlerische Tatigkeit S.s brachte eine Anzahl
Tafelbilder fur deutsche und italienische Kunstfreunde hervor, und daneben
graphische Arbeiten fur Herders (Freiburg i. B.) und Diirrs (Leipzig) Verlag.
Die Reihe seiner bedeutenden Wandmalereien begann Seitz mit den Fresken
im Dome von Djakov&r. Wahrend sein Vater einige Historien des Langschiffes
und die Hauptapsis malte, fielen dem Sohne auBer mehreren Szenen im Lang-
schiffe die Kreuzarme und Seitenapsiden zu. Die Ausfiihrung dieser Arbeit
fallt in die letzten siebziger Jahre. Der Ruhm, den der junge Kunstler damit
erntete, veranlaBte die Kanoniker von Treviso, die vier grofien Fresken,
die wir heute im Chor des Domes sehen, durch ihn ausfiihren zu lassen
(1882 — 1888). Es folgen die Wandbilder der Capella di S. Bonaventura in Ara
coeli in Rom, die Fresken sowie die Restaurierungsarbeitcn in der Kirche
des deutschen Hospizes S. Maria dell* Anima und die Apsismalereien der
franzosischen Kirche S. Ivo. Die acht Rundbilder der griechischen und
lateinischen Kirchenlehrer in der Kathedrale von Sarajevo sind gleichfalls hier
zu nennen.
Auf deutschem Boden begegnen uns verhaltnismaCig wenig groflere Werke
unseres Meisters. Das Fresko »Maria Kronung« im Freiburger Miinster und
die Gemalde der Fiirstenbergschen SchloCkapelle in Heiligenberg am Bodensee
sind die bekannteren.
Bald erwarteten den rastlos SchafFenden wieder Auftrage in der Fremde.
So hatte S. die Kartons fur die Mosaiken in der Gruft Pius IX. in 5. Lorenzo
fuori le mura herzustellen und den Kuppelsaal der Torre Leonina im vatikani-
schen Garten auszumalen. Ein Hauptwerk in seiner Lebensarbeit bilden die
grofl und originell gedachten Wand- und Deckenbilder in der vatikanischen
t>Galleria dei Candelabrum die in den achtziger Jahren vollendet wurden. Der
Kunstler erhielt fur seine glanzende Leistung das Kommandeurkreuz des Pius-
206 Seitz -
ordens und wurde zum Direktor der vatikanischen Galerien ernannt. Daran
schlieflt sich mit kurzem Intervall eine neue grofie Aufgabe, die Ausmalung der
papstlichen oder Marienkapelle in der Wallfahrtskirche von Loreto, die S.
in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beschaftigte. Es kam dar-
nach noch ein verwandter Auftrag, als der paduanische Senator Breda eine
grofle Summe fiir die Restaurierung der St. Antoniuskirche seiner Vaterstadt
stiftete. Es gait, drei Kapellen mit Fresken zu schmucken. Leider nahm der
Tod dem Meister den Pinsel aus der Hand, da er noch nicht die Halfte dieser
grofien Arbeit beendet hatte.
Neben diesen malerischen Schopfungen gingen noch bestandig andere Ar-
beiten einher, Restaurierungs- oder besser gesagt Erhaltungsarbeiten an grofien
alten Werken (Raffaels Loggien, Fiesoles Fresken in der Kapelle Eugens IV.),
die Wiederherstellung der Appartamenti Borgia, die Sicherung der Decken-
gemalde Michelangelos in der Sixtina. Es entstanden Kartons fur Glasgemalde,
Entwiirfe fur Kirchengerate, Paramente, Grabmaler u. a. Schon vor langeren
Jahren, als bei uns die Bewegung fiir das moderne Kunstgewerbe noch lange
nicht so lebhaft im Gange war wie heute, bemuhte sich Direktor S. in Rom
personlich um die Hebung des kunstgewerblichen Zeichenunterrichtes. Er
griindete ferner die »Romische Kiinstlerzunft«, eine Vereinigung, welche den
in der ewigen Stadt weilenden christlichen Kiinstlern einen Sammelpunkt bieten
und durch wissenschaftliche Vortrage, gemeinsame Besuche der Kunstsammlun-
gen, durch kiinstlerische Ausfluge und praktische Cbungen den Aufenthalt
nach alien Seiten fruchtbar und anregend machen sollte. Aus Vortragen, die S.
in dieser Genossenschaft hielt, entstanden einige Broschiiren, die unter dem
Titel »Erdrterungen uber wichtige Kunstfragen* erschienen. Als er im Herbste
1908 daran ging, eine Broschiire »Ober das Typische in der Kunst« fertigzu-
stellen und wahrend er die Neuaufstellung der vatikanischen GemSldegalerie
leitete, erlag der schon lange krankelnde in Albano auf seiner Villa einem
asthmatischen Anfalle.
Einen klaren Einblick in die Entwicklung des Kiinstlers wird man erst
gewinnen, wenn sein Lebenswerk in einer guten Publikation vorliegt und von
seinen ersten Arbeiten noch mehr als bisher im Originate zuganglich sind. Jetzt
sieht man wenigstens einigermafien an den Holzschnitten und Zeichnungen
der ersten Zeit, wie sich das kraftige und anmutige Talent aus der Umarmung
alter und neuer Vorbilder allmahlich losmacht und seine eigenen Wege findet.
Den ersten bedeutenden Schritt zur religiosen Monumentalkunst, zu seinem
eigentlichen kiinstlerischen Lebensberufe, durfte S., wie erwahnt wurde, in der
slavonischen Bischofsstadt tun. Den Gegenstand des Gemaldezyklus bildet
die christliche Heilsgeschichte, Altes und Neues Testament in ihrer Wechsel-
beziehung und die durch die Jahrhunderte sich fortsetzende Anbetung des
Erlosers. Die Petrusszenen im Seitenschiffe sind nach Overbecks Kartons
ausgefuhrt. Abgesehen von dieser engen Anlehnung an die Schule, weifi der
Maler bereits in seinem Jugendwerke den uberlieferten ikonographischen Typen
neues Leben zu verleihen sowohl in der kompositionellen Anordnung und in
der scharfen Charakteristik als auch durch einen ungewohnlichen personlichen
Schonheitssinn und durch eine zarte Innerlichkeit des seelischen Lebens. In
den Apsisgemalden vereinigen sich ungezwungen historische und ideale Ele-
mente; die Landesheiligen und selbst die slavonischen Volkstypen finden z. B.
Seitz.
207
unter den anbetenden Hirten ihre Stelle. In der dekorativen Umrahmung
uberrascht uns eine originelle Art der Pflanzenornamentik.
Ein Seitenstiick zu diesen Djakov&rer Gemalden bilden die vier grofien
Fresken in Treviso, welche bedeutsame kirchengeschichtliche Ereignisse aus
der Vergangenheit der Stadt darstellen. Die Szenen gerieten hier allerdings
etwas zu figurenreich und wirken teilweise unruhig durch gewisse eigensinnige
Linienfiihrungen. Urn so mehr fesselt uns an ihnen die feste Charakteristik
der auftretenden Personen. Von einem drastischen, frisch und keck zugreifenden
Wirklichkeitssinne zeugt besonders die Bettlergesellschaft, welche den sel.
Heinrich von Bozen umringt. An anderen Gestalten wiederum (St. Liberalis,
St. Prosdocimus) begegnen uns schon die markigen, edeldurchgeistigten Kopfe,
die fiir die reife Kunst S.s so charakteristisch sind. — Wenn wir von den Arbeiten
in Freiburg, Heiligenberg und in den romischen Kirchen absehen, konnen wir
als nachste groflere Etappe dieser Kunst die Fresken der Galleria dei Candelabri
anfuhren. Zusammen mit Domenico Torti hatte unser deutscher Maler die
Sale, durch die man zu Raffaels beruhmten »Tapeten« geht, zu schmiicken.
(jberall zeigt sich S.s Uberlegenheit iiber seinen Mitarbeiter. Nach des ersteren
Entwurfen wurden mehrere kleinere Bilder allegorischen und symbolischen
Inhalts ausgefuhrt. Eine Glanzleistung seiner Kunst ist der Zyklus, den man
gewohnlich als die »Glorie des hi. Thomas von Aquin« bezeichnet. Statt einer
weiteren Erorterung der Vorziige dieses Werkes, das mit den Bestrebungen
Leos XIII. ideell auf das engste verbunden ist und in welchem sein Schopfer
seinen vollen Gedankenreichtum und seine klinstlerischen Qualitaten bltihend
entfaltet, sei nur auf die Publikation Prof. J. J. Berthiers 0. P., »Die Glorie
des hi. Thomas« (Benziger, Einsiedeln) verwiesen, welche vor allem durch gute
Reproduktionen einen Begriff von dem Werke vermittelt.
Den Hohepunkt der S.schen Kunst bildet zweifellos das iiberaus liebliche
und ideenreiche Marienleben in der papstlichen Kapelle der Kirche von Loreto,
welche die deutschen Katholiken auf ihre Kosten ausmalen lieGen. Hier schuf
der Kunstler in der konsequenten Durchfiihrung eines erhabenen Ideenkreises
ein vollendetes Meisterstiick. Ungemein geschickt und anschmiegsam weifl er
den zugemessenen Raum fiir seine Zwecke auszuniitzen. Den leitenden Ge-
danken fiir das gemalte Marienepos, fiir welches fiinf grofie Felder zur Ver-
fiigung standen, bilden die fiinf Vorziige Mariens. Nach dem Vorbilde alter
Marienleben {Speculum humanae Salvationist Armenbibeln, Marienaltare), wo
man gem alttestamentliche Vorbilder und Profetien mit den Erlebnissen und
Tugenden der Gottesmutter in Parallele setzte, ging auch unser Kunstler, der
ja stets der Tradition ehrerbietig das Wort redete, in Loreto vor. Allein er traf
die Auswahl aus dem reichen Stoffe uberlegsam fiir den gegebenen AnlaB und
erweiterte den alten Gedankenkreis dadurch, dafi er zu den uberlieferten Mo-
tiven die Evangelisten, Kirchenvater und Papste, die fiir den Marienkult beson-
ders eintraten oder zu Loreto in besonderer Beziehung standen, aufnahm, und
er erganzte die figuralen Szenen obendrein auf das gliicklichste durch eine
dekorative Symbolik. Altes und Neues, Geschichte, Dogma und Tradition
einigen sich so zu herrlichen, erhebenden Akkorden. In den dekorativen Teilen
entfaltet S. durch alleMittel von Farbe, Stucco und Gold eine mildschimmernde,
unaufdringliche Pracht, welche die schonen Marienszenen von alien Seiten
melodios umspielt. Klare Zeichnung, lebendige Farbenpracht, harmonische
208 Seiti.
Komposition und die bei S. selbstverstandliche, aus der Tiefe einer glaubigen
Seele quellende fromme Auffassung des Ganzen, die dem Geiste eines Fiesole
und Fiihrich nacheifert, machen die loretanische Kapelle zu einer religios und
kunstlerisch hochgeweihten Statte fur unsere Nation. In einem ahnlichen Sinne
erfafit, wenn auch einfacher im Gedankengange, bewegten sich die nur teilweise
vollendeten Paulus- und Stephanus-Szenen im »Santo* zu Padua.
Um die ganze Personlichkeit unseres Kunstlers zu charakterisieren, mufiten
wir noch seine verschiedenen Bemiihungen auf den Gebieten aufierhalb der
Malerei heranziehen und wiirdigen. Wir begniigen uns jedoch mit ein paar An-
deutungen uber seine kunsttheoretischen Ansichten, die in naher Beziehung
zu seiner eigenen schopferischen Praxis stehen und in mehreren Broschuren
niedergelegt sind. Er wendet sich unter anderera gegen den chaotischen Wirr-
warr von Anschauungen in der modernen Kunstwelt, tadelt den gewohnlichen
Bildungsgang des heutigen Kunstlers, das Kliquenwesen und die unzulangliche
Kunstkritik. S.s Bemiihungen gingen vornehmlich darauf hinaus, eine Ver-
standigung uber die wesentlichen und wichtigsten Prinzipien des Kunstschaffens
zu erzielen. Eine solche Verstandigung wiirde dann, so hoffte er, von selbst
fur den einzelnen sowie fur die ganze Kunst der Gegenwart zu einem wohl-
fundierten Stil fiihren. S. betont auch mit Nachdruck den Wert des Studiums
der alten Kunst und der kiinstlerischen Oberlieferung. Ohne Tradition
erscheint ihm keine grofie Kunst moglich. An der Kunst der Vergangenheit
und an der Natur hat sich der Kiinstler gleichermafien zu schulen, um dabei
sein eigenes Wesen wie seine nationale Eigenart gesund und stark zu ent-
wickeln.
So haben in S. selbst die Anregungen der Nazarenerkunst und jene der alten
groCen deutschen und italienischen Meister einen neuen, kraftvollen Trieb an-
gesetzt. Zur hochentwickelten Ideenkunst und Linienschonheit der Overbeck-
schule fiigte ihr Jiinger einen frischen Glanz und eine Harmonie der Farbe, wie
wir sie vereinzelt in Steinles besten Schopfungen bewundern. Dazu gesellt sich
ein vollgehaltiges, tiefes, eigenes Empfinden, das aus liebevollem Naturstudium
seine Kraft holte und von einem kindlichen religidsen Glauben seine hochste
Weihe empfing. Obschon sich das Leben und Schaffen des Verewigten fast
ganz im fremden Auslande entfalteten, so hat S. sein deutsches Wesen doch
stets treu bewahrt und nirgends verleugnet. Seine Werke in Italien werden
von deutschen Siidlandfahrfrn, die in Padua und Loreto anhalten oder
Roms Kirchen und Kunstsale durchwandern, stets gern betrachtet werden.
Vor allem in Rom und Loreto findet man Gelegenheit, sich in die Schdpfungen
des Meisters zu vertiefen, die den Deutschen inmitten einer glanzenden,
fremden Kultur und Kunst wie ein liebes Freundeswort aus der Heimat
ansprechen.
Eine Wurdigung der S.schen Kunst schrieb P. Stephan Beissel S. J. in »Zeitschrift fiir
christliche Kunst* 1892. Daselbst die ubrige Literatur iiber S. bis 1892. — *Stolna crkva u
Djakovu*) eine Festschrift zu Ehren Bischof Strofimayers (kroatisch und franzdsisch). Prag
1900. — Ludwig von Kurz, Prof. Ludwig Seitz und sein religi6ses Kunstschaffen in >Kirchen-
schmuck*. Graz 1904. — Dr. Job. Ranftl, Ein Patenkind Ludwigs I. von Baiern. »Histor.-
polit. Blatter* 1908, 9. — 10. Heft. — La Capella del Coro nella Basilica di Loreto dipinta dot
Comm. Lodovico Seitz, descritta da Mons. Giov. Milanese. Einsiedcln 190S.
Johann Ranftl.
Pfleiderer.
209
Pfleiderer, Otto, ord. Professor der Theologie, * 1. September 1839 in Stetten
(Wurttemberg), f 18. Juli 1908 in GroO-Lichterfelde. — Pfl. wurde geboren in
Stetten, verlebte seine Kindheit im Maulbronner Kloster, wo sein Vater Mathe-
matikprofessor geworden war. 1857 — 61 studierte er in Tubingen, unternahm
nach Vollendung der Studien eine Stipendiatsreise durch Deutschland und
England, wurde Vikar in Eningen u. Knittlingen, 1864 Repetent und Privat-
dozent in Tubingen, 1868 Stadtpfarrer in Heilbronn. Er verheiratete sich mit
Marie Kornbeck, der Tochter des Pfarrers und Dekans von Knittlingen. 1870
wurde er als Superintendent nach Jena gewahlt, 187 1 von der theologischen
Fakultat daselbst zum Ordinarius der praktischen Theologie berufen, 1875
durch den Kultusminister Falk als Nachfolger Twestens Professor der syste-
matischen Theologie in Berlin. Seitdem ununterbrochen dort wirksam, 1894
Rektor der Universitat, als solcher Sprecher der deutschen Hochschullehrer bei
der Bismarckhuldigung. Mehrfach in England, zweimal auch in Amerika
(zuletzt 1907) hielt er Vortrage und Vorlesungen. Er starb an Herzarterien-
verkalkung unerwartet am 18. Juli 1908, mitten in der Arbeit.
In Pfl. verlor die deutsche theologische Wissenschaft unserer Zeit einen ihrer
bedeutendsten Vertreter, der obwohl nicht Haupt einer besondern Schule oder
Richtung doch weithin gewirkt hat und noch wirkt. Im Ausland gait er als
der eigentliche Reprasentant der freien deutschen Theologie, wahrend er in
Deutschland eine Sonderstellung einnahm und vielfach als der letzte bedeutende
»Tubinger« zur »modernen« Theologie in Gegensatz gestellt wurde, doch so daB
seine Position eher um einen Schritt weiter nach links als nach rechts vorge-
schoben erschien. Er selbst war kein Mann der Partei, weder der kirchlichen
noch der wissenschaftlichen, sondern Gelehrter, der seinen Weg ging, wie er
ihn nach seiner Erkenntnis und Uberzeugung gehen muCte. »Er diente der
Wahrheit, wie er sie verstand« (R. Seeberg in seiner Rede bei der Leichenfeier),
allem Paktieren und unsachlicher Rucksichtnahme innerlichst abhold, in der
Vertretung eigner Auffassung wie in der Abwehr entgegengesetzter Denkweise
freilich nicht ohne Scharfe und temperamentvolle Einseitigkeit, doch ohne
Einmischung kirchlicher oder kirchenpolitischer Gesichtspunkte in den wissen-
schaftlichen Kampf. Er war uberzeugt, dafi seine theologische Grundauffassung,
der er bei aller bis ins Alter bewahrten erstaunlichen Fahigkeit des Weiter-
lernens und Umlernens treu blieb, noch einmal sich durchsetzen werde, und so
hat er die zeitweilige Isolierung ohne Bitterkeit und ohne sich nach irgendeiner
Seite hin abzuschlieflen, ertragen.
Sein Leben verlief ohne viel besondere Ereignisse in ruhigem Flufi, ein
rechtes deutsches Gelehrtenleben. In den kirchenpolitischen Kampfen der
letzten Jahrzehnte ist sein Name selten genannt worden, auch sein schwerer
Kampf mit dem damaligen Hofprediger Stoecker (1877 — 1880) ist in derOffent-
lichkeit kaum bekannt geworden. Nur wo er jemand zu Unrecht angegriffen
sah, gleichviel auf welcher Seite, trat er in der Offentlichkeit fur ihn ein (so fur
Sydow 1872, Weingart 1900, Fischer 1905, aber auch fur Seeberg 1908); darin
kam ein Grundzug seines personlichen Wcsens zum Ausdruck, seine Ritterlich-
keit, die ihn ebenso auszeichnete, wie seine mit vollstcr Aufrichtigkeit gepaarte
Liebenswtirdigkeit, die alien unvergeBlich ist, die ihn personlich gekannt haben.
War es ein stilles Leben ohne grofie Ereignisse, so doch nicht Mufie, sondern
ununterbrochenes Schaffen. Seine Produktivitat ist erstaunlich, zumal wenn
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 13. Bd. It i
210 Pfleidercr.
man beriicksichtigt, daC jcde neue Auflage eines Werkes bei Pfl. ein neues Werk
bedeutet (die 4. Auflage der Religionsphilosophie war zur Halfte geschrieben,
als der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm). Charakteristisch fiir sein ganzes
Schaffen ist einerseits die Vielseitigkeit der Interessen, die Weite des Blicks,
dem nichts Menschliches fremd war, der das gesamte Gebiet menschlichen
Geisteslebens zu umspannen suchte, — anderseits seine Neigung und Fahigkeit
der Zusammenschau, das Interesse an den groGen Zusammenhangen, die Richtung
auf das Gemeinsame in der bunten Vielheit der Erscheinungen. In seiner wissen-
schaftlichen Arbeit ist er nichts weniger als Spezialist. Seine akademische
Lehrtatigkeit umfaCte die systematischen Disziplinen (Religionsphilosophie,
Dogmatik, Ethik) neben historischen (namentlich Exegese, Geschichte Jesu
und des Urchristentums, allgemeine Religionsgeschichte) und praktischen
(besonders Katechetik). Er war Philosoph nicht weniger als Theologe, ein
grundlicher Kenner unserer klassischen Literatur, in der Kenntnis der aus-
landischen besonders der englischen und amerikanischen Theologie von wenigen
oder keinem seiner deutschen Fachgenossen ubertroffen. Dabei nahm er in
vollstem Mafle teil am Leben der Gegenwart, nicht nur an den geistigen Stro-
mungen und Bestrebungen, sondern auch an der politischen Bewegung, und sein
energisches Eintreten fur die Einigung des politischen Liberalismus mit Ein-
schlufl der auflersten Linken liefi erkennen, dafi in der Stille seiner Studierstube
auch der Larm des Tages Gehor fand. Auch an dem Gemeindeleben seines
Wohnortes Grofl-Lichterfelde nahm er tatigen Anteil, war in mancherlei Ver-
einen ein willkommener Redner und wurde selbst in sozialistischen Volksver-
sammlungen mit Achtung angehort. Pfl. war einer der ersten theologischen
Gelehrten, die eine Popularisierung der Wissenschaft als eine des Gelehrten
wurdige Aufgabe ansehen, und er war ganz besonders zu solcher Arbeit befahigt
durch seine Meisterschaft in der Behandlung des gesprochenen wie des geschrie-
benen Wortes. Seine Kunst war freilich nicht das Raffinement des modernen
impressionistischen Stils, sondern die kraftvolle Klarheit, der natiirliche FluB
der Rede und die Warme, die aus der eignen Begeisterung fiir den Gegenstand
erzeugt, seinem Wort den Glanz gab. So war er ein idealer Dozent, kein glan-
zender Rhetor, sondern schlicht und nie um den Effekt bekiimmert, aber oft,
wenn der Gegenstand auf eine Hohe fuhrte, von hinreifiender Gewalt, und in
seinem Kolleg war manchmal eineWeihestimmung, die um so starker empfunden
wurde, je weniger sein Vortrag mit »erbaulichem« Ton im ublichen Sinne etwas
gemein hatte. Pfl.s Auditorium war in der 2. Halfte seiner Tatigkeit nicht be-
sonders gefullt, denn in weiten Kreisen konservativer und vermittelnder Rich-
tung war Pfl. »unmoglich«, ihn zu horen gait vielen als seelengefahrdend, andern
wegen seiner ablehnenden Stellung zur Ritschlschen Schule als uberflussig.
Schwaben, Schweizer und Auslander stellten oft fast die Halfte seiner Horer.
Von denen aber, die ihn gehort haben, vcrdankt mancher ihm das Beste von
dem, was die akademischen Semester ihm an wissenschaftlicher und nicht
zum wenigsten auch an religioser Klarheit gebracht haben.
Die lange Reihe seiner gelehrten Publikationen eroffnete Pfl. mit seinem
Buch: »Die Religion, ihr Wesen und ihre Geschichte« (1869). Gleich in diesem
Buch, ja schon in diesem Titel kommt die Eigenart seiner wissenschaftlichen
Arbeit zum Ausdruck. Nicht eine Monographic, die gelehrte Untersuchung
einer Spezialfrage steht am Anfang, sondern ein weit ausgreifendes und zu-
Pfleiderer. 211
sammenfassendes Werk. Das ist fur ihn allezeit charakteristisch geblieben;
sowenig er die Kleinarbeit unterschatzte, so griindlich er selbst die Einzelfragen
immer aufs neue durcharbeitete (die grofie Zahl seiner Rezensionen geben davon
ebenso Zeugnis, wie der Vergleich zweier Auflagen seiner Werke), so gait doch
sein Interesse den grofien Stoffen, der Zusammenfassung einer bunten Vielheit
zur Einheit, letztlich dem Phanomen der Religion uberhaupt. Zugleich zeigt
sich aber auch in jener Titelformulierung des ersten Buches die uberall bei ihm
hervortretende Doppelrichtung seines Interesses: Wesen und Geschichte,
Idee und Erscheinung. Er ist Historiker und Systematiker und beides in gegen-
seitiger Durchdringung. Darin liegt seine Starke, freilich auch die eigentiim-
liche Beschrankung seines Vermogens. Der Blick auf die geschichtliche Wirk-
lichkeit und die Mannigfaltigkeit konkreten Lebens bewahrte seine von Hegel
ausgehende philosophische Spekulation vor dem Operieren mit abstrakten
Begriffen und der Hegelschen Uberspannung des blofi deduktiven Verfahrens.
Der Einflufi Hegelscher Schulung des Denkens tritt bei Pfl. deutlich genug
hervor, und er hat im Gegensatz zu der allgemeinen volligen Abwendung von
Hegel den groBen Wert dieses letzten genialen Versuchs, die Erkenntnis der
Wirklichkeit aus dem Denken selbst abzuleiten, nachdrticklich behauptet.
Aber neben Hegel schatzte er Herders historischen Sinn, und seine eigne Speku-
lation verlor nicht den Boden konkreter Wirklichkeit. So hat er als einer der
ersten die Religionsphilosophie auf »geschichtlicher Grundlage* aufgebaut,
nicht auf einige allgemeine Reflexionen uber die verschiedenen Erscheinungs-
moglichkeiten der Religion, sondern auf ein grundliches und umfassendes
Studium der vergleichenden Religionsgeschichte. Er hat damit die Religions-
vergleichung, langst ehe sie vom Studium der Bibel aus und in Anlehnung an
philologische Arbeit modern wurde, in die Theologie eingefuhrt, und obwohl er
auf dem Gebiet der auflerchristlichen Religionen nur Arbeiter zweiter Hand
war, hat er durch seine in Deutschland kaum iibertroffene Beherrschung der
einschlagigen Literatur der Religionswissenschaft unschatzbare Dienste ge-
leistet.
Wie dem Systematiker die Kenntnis der Geschichte, so kam dem Historiker
Pfl. seine systematische Schulung zustatten und befahigte ihn, nicht nur Ge-
schichte zu beschreiben, sondern auch im Werden das Wesen zu erfassen. Die
historische Wirklichkeit ist ihm uberall nur Erscheinung, nicht Wesen, alle
Geschichte immer die Entwicklung einer iiberempirischen Wirklichkeit. Und
diese Entwicklung in der Fulle der Einzeltatsachen zu erkennen, die Idee in
ihren wechselnden Formen zu erfassen, hiefi ihm Geschichte verstehen. Auch in
dieser Auffassung ging er in den Bahnen Hegels, ohne doch dessen Vergewalti-
gungen der Tatsachen nach vorgefafiten logischen Schematen mitzumachen.
Der Entwicklungsgedanke ist fiir die ganze Geschichtsauffassung Pfl.s
von beherrschender Bedeutung, er denkt uberall in ihrem Rahmen, und die
Richtung seiner Arbeit, auch seiner neutestamentlichen Forschung wird durch
ihn bestimmt. So hat er in seinem »Paulinismus« (1873, 1890) versucht, die
verschiedenen Wurzeln der paulinischen Theologie aufzuzeigen und diese erste
christliche Theologie als ein Entwicklungsprodukt aus der Vereinigung des
Evangeliums Jesu mit jiidischem und griechischem Ideengut im Denken des
Christ gewordenen hellenistischen Rabbiners verstandlich zu machen und auch
ihre vielfachen Widerspriiche und Risse von da aus zu begreifen. Dieselbe
i4*
212 Pfleiderer.
Methode hat er dann auf die Gesamterscheinung des »Urchristentums« (1887,
1902) angewandt und es als die hohere Synthese von Griechentum und Juden-
tum dargestellt. Ihm ist das Christentum des neuen Testaments keine isolierte
Insel in der Religionsgeschichte, sondern das »notwendige Entwicklungsprodukt
des religiosen Geistes unserer Gattung, auf dessen Bildung die ganze Geschichte
der alten Welt hinstrebte, in dessen Ausgestaltung alle geistigen Ertragnisse
des Orients und Okzidents ihre Verwertung und zugleich Veredlung und Har-
monisierung gefunden haben«. In steigendem Mafle hat Pfl. sich bemliht,
die Verbindungslinien zwischen den Anfangen des Christentums und der Welt
der antiken Religionen, mit Einschlufi selbst der indischen, aufzuzeigen (vgl.
das Christentum des urchristlichen Glaubens 1903, Vorbereitung des Christen-
tums in der griechischen Philosophic 1904, Entstehung des Christentums 1905).
Ihm hatte dieser Nachweis auch ein direkt rcligioses Interesse, denn ihm schien
die Wirksamkeit des Christentums in der Gegenwart durch nichts so sehr ge-
fahrdet, als durch den »engen und armseligen Offenbarungsbegriff«, der wahre
Offenbarung Gottes nur im Christentum und gar nur in seinen Anfangen, aner-
kennen will. Die Wahrheitsgewiflheit der eignen Religion war ihm unabtrennbar
von der Oberzeugung, dafi Religion Menschheitssache ist, und nur unter der
Voraussetzung, dafi Gott in alien Religionen nicht nur gesucht, sondern auch
gefunden wird, hat ihm die Behauptung gottlicher Offenbarung im Christentum
einen verntinftigen Sinn.
Wie Pfl. die Entstehung des Christentums als Entwicklungsergebnis auf-
faflt, so beantwortet er auch die Frage nach dem Wesen des Christentums unter
Zuhiilfenahme des Entwicklungsgedankens. Nicht an irgendeinem Punkt in
der Geschichte, auch nicht am Anfang, nicht in einer Person, weder in Paulus
noch in Jesus, ist das Christentum in vollkommener Gestalt vorhanden, sein
Wesen identisch mit der Erscheinung; das Wesen des Christentums ist vielmehr
iiberempirisch, ein Prinzip, das sich im ganzen Lauf der christlichen Geschichte
entfaltet und verwirklicht. Mit seinem Tiibinger Lehrer Chr. F. Baur findet
er dies Prinzip in der »Christusidee«, in der Idee der Gottmenschheit als der
Gotteskindschaft des Menschen. Es ist ihm in der Person Jesu zwar erstmalig
keimartig verwirklicht, aber noch vielfach gebunden, und erst allmahlich wirkt
es sich aus als gestaltende Kraft in der Menschheit. Und diese Entwicklung
vollzieht sich schrittweise mit Notwendigkeit. Weder die Religion des aposto-
lischen noch des nachapostolischen Zeitalters, noch die romische Kirche des
Mittelalters ist einfach ein »Abfall« oder Irrweg, vielmehr sind sie nur jeweils
notwendigeDurchgangsstadien, die darum positiv, nicht negativ zu wertensind.
Denn jedes Stadium der Entwicklung ist nach eignem Mafistab zu messen
und hat seinen Wert, sofern es nur die im Rahmen und nach den Verhaltnissen
der bestimmten Zeit verstandliche, wenn auch noch so unvollkommene Aus-
gestaltung des christlichen Prinzips ist. Die eigne gegenwartige Auffassung
zum Standort der Beurteilung zu machen, erscheint Pfl. darum ebenso unmog-
lich, wie der Versuch, cine bestimmte Erscheinungsform des Christentums
zum kritischen Wertmesser fur den gesamten Entwicklungsverlauf zu machen.
Von diesem, in schroffem Gegensatz zu Ritschl und spater zu Harnack
betonten Evolutionismus aus fand Pfl. die eminente Fahigkeit und Willigkeit,
in alien, auch den seinem eignen Christentum fremdesten Bildungen Wahrheits-
momente zu erkennen, und daher stammt nicht nur seine weitgehende Toleranz,
Pflcidcrer. 213
sondern auch sein »konservativer« Zug, der bei einem Theologen von so aus-
gesprochen kritischer, in wisscnschaftlichen Fragen oft radikaler Haltung auf-
fallend erschien. Dieser Zug tritt in seinem »Grundrifl der Glaubens- und
Sittenlehre« deutlich hervor. Soweit er sich in seiner Denkweise von den alten
Formulierungen der Kirchenlehre entfernt, will er doch nirgend ein einfaches
Abbrechen und Neubauen, sondern eine ruhige Weiterbildung der in den alten
Formulierungen enthaltenen Wahrheitsmomente in der Auseinandersetzung mit
moderner Erkenntnis. Ging er dem jungen Geschlecht in der Schonung der
alten Ruinen vielfach zu weit, so hatte er selbst fur das radikale Neubauenwollen
der jungen Sturmer und Dranger ein mild uberlegenes Lacheln. Er war iiber-
zeugt, dafl auch sie unter dem Zwang des Entwicklungsgesetzes standen, dem sie
vergeblich widerstrebten.
Der philosophische Standpunkt Pfl.s gibt seiner Geschichtsdarstellung
etwas Grofiziigiges, doch begrundet er zugleich die eigentiimliche Schwache
seiner historischen Arbeit. Sein Interesse haftet uberall vorwiegend an den
Ideen, Lehren und Systemen, und die Personlichkeiten treten dahinter zuruck,
sie verschwinden zwar nicht wie bei den Soziologen hinter der Masse, sondern
werden als wichtige Faktoren gewiirdigt, aber ihre Personlichkeit verschwindet
hinter ihren Gedanken und Lehren. Es ist nicht zufallig, dafl Pfl.s Untersuchung
der christlichen Geschichte mit Paulus und nicht mit Jesus eingesetzt hat.
Der grofle Theologe des Urchristentums zog ihn starker an als Jesus mit seiner
ganzlich untheologischen, unsystematischen Volkspredigt. Charakteristisch
ist es auch, dafl es ihm um den »Paulinismus« nicht um Paulus in erster Linie
zu tun war, so sehr, dafl er in seinem griindlichen und in mancher Beziehung
bahnbrechenden Buche tiber den Paulinimus eine ausfuhrliche Charakteristik des
Menschen Paulus, seiner eigenartigen Personlichkeit und seines lebendigen
Wirkens gar nicht eimal versucht hat. Dieselbe Eigenart kehrt in dem groflen
Werk »Das Urchristentum, seine Lehren und Schriften« wieder. Der Titel
verrat hier schon die intellektualistische Bestimmtheit seines Interesses:
Schriften und Lehren nicht Leben will er beschreiben. Und eben diese Grund-
richtung laflt seine historischen Arbeiten vielfach unmodern erscheinen. Denn
die starke Betonung des Personlichen gegenliber dem Prinzipiellen, des Kon-
kreten gegehiiber dem Allgemeinen, das Interesse am bunten krausen Leben
gegenuber Gedanken und Systemen ist eine besondere Eigentumlichkeit mo-
derner Denkweise. In der Unterschatzung des personlichen Faktors in der Ge-
schichte ist es auch begrundet, dafl Pfl. das starke »Wahrheitsmoment« der
Ritschlschen Theologie nicht zu wurdigen vermochte, wahrend er sonst uberall
geneigt war, Wahrheitsmomente anzuerkennen. Er sah es nicht. Er sah dort
nur die ihm tief unsympathische Verachtung der Philosophic, die willkiirliche
Absonderung des Christentums von der allgemeinen Religionsgeschichte, die
Verengung des Offenbarungsbegriffes; aber was in dieser Theologie, deren
wissenschaftliche Schwachen ja deutlich genug waren, der eigentliche Nerv
und zugleich das dauernd Wertvolle war, die Erkenntnis der Macht des indivi-
duellen, schlechthin inkommensurablen Lebens in der Religion und ihrer Ge-
schichte, diese Erkenntnis vermochte er nicht zu schatzen. Und eben an diesem
Punkte ist seine eigne Geschichtsauffassung am meisten angreifbar. Die Trag-
fahigkeit des Entwicklungsgedankens hat Pfl. fraglos stark iiberspannt. Gewifl
gibt es im Geschichtsverlauf nichts Unbedingtes, jede Erscheinung ist bedingt
214
Pfleiderer.
und bedingend zugleich. Aber weder stellt sich diese Verkettung als ein auch
nur vorwiegend gradliniger Aufstieg und Fortschritt dar, noch ist der Verlauf
iiberall und im ganzen Entwicklung im eigentlichen Sinne, d. h. Entfaltung des
im Keim Vorhandenen und Angelegten. Vielmehr wachst allenthalben auch
Fremdes zu und Wurzelechtes stirbt ab. Und sofern alle Geschichte Geschichte
von Personen ist, ist ihr Gang ein Gewebe von Notwendigkeit und Freiheit und
als solches immer zu einem Teil irrational.
Pfl.s Evolutionismus wurzelt in seinem philosophischen Rationaiismus,
d. h. in seinem Glauben an die Vernunftigkeit des Wirklichen und die Erreich-
barkeit des Wirklichen durch die menschliche Vernunft. Im direkten Gegen-
satz zu den Neukantianern kniipft er nicht an den Skeptizismus Kants, sondern
an dessen Rationaiismus an. Die Behauptung der volligen Unerkennbarkeit
der Dinge an sich ist ihm die Aufhebung aller Erkenntnis uberhaupt und fiihrt
zum konsequenten Agnostizismus d. h. beziiglich der Religion konsequenterweise
zum Illusionismus (F. M. Lange, Feuerbach), Wenn in der Ritschlschen Schule
die Religion gegriindet wurde auf das nicht weiter kontrollierbare unmittelbar
gegebene Bewufltsein um den Wert der eignen Personiichkeit, die zu ihrer Selbst-
behauptung in dem auf ihre Zwecke nicht angelegten Naturmechanismus,
der Gottesidee bedarf, die darum selbst »Werturteil« ist, so liegt Pfl. in diesem
Subjektivismus keineswegs die erstrebte Wahrung der Selbstandigkeit der
Religion, sondern ihre Gefahrdung, indem so nur durch die Inkonsequenz
des Denkens der Illusionsstandpunkt Feuerbachs vermieden werde. Pfl.s ganzes
Denken ist durch einen starken »monistischen« Trieb charakterisiert. Ein
schlechthin unauflosbarer Dualismus von Natur und Geist, Welt und Ich,
Kausalitat und Freiheit ist ihm ebenso unertraglich wie eine unuberbriickbare
Scheidung von Erkennen und Glauben, Philosophic und Theologie. Hinter
allem scheinbaren Gegensatz sucht er die hohere Einheit. Erkenntnis ist nur
moglich, wenn die Wirklichkeit auf Gedachtvverden angelegt ist, d. h. selbst
gedacht ist, Subjekt und Objekt miissen einen gemeinsamen uberempirischen
Grund haben. Die Gottesidee garantiert so die Moglichkeit der Erkenntnis
uberhaupt, und Naturerkenntnis ist zugleich Gotteserkenntnis. Aber auch
Sittlichkeit setzt die Gottesidee voraus, der Endzweck des uberindividuellen
menschlichen Wcllens — das Gute — mufl als der Endzweck der darauf ange-
legten Natur gelten. Der Grund der sittlichen Verpflichtung des Einzelnen
kann weder im Subjekt selbst noch in der menschlichen Gesellschaft gefunden
werden, sondern nur in der beide verbindenden transzendenten Macht.
Der intellektualistische Charakter der Gottesauffassung Pfl.s ist unverkenn-
bar, wird aber durch die Gesamtauffassung vom Wesen der Religion einiger-
maflen korrigiert. Religion ist ihm zwar nicht bloB Sache des Gefuhls, aber
ebensowenig des Verstandes. Er definiert sie vielmehr als Bestimmtheit des
Willens durch religiose Vorstellungen, die dem Menschen als frommes Gefuhl
zum Bewufltsein kommt. So behalt ihm auch die Mystik, die unmittelbare
fromme Gemutserfahrung, in aller Religion ihr Recht, und seine eigne
Frommigkeit war nicht ohne einen starken mystischen Einschlag. Freilich
war er verbunden mit einer energischen Betonung der in allem religiosen
Gefuhl immer mitgesetzten sittlichen Verpflichtung, deren praktische Erfullung
im sittlichen Handeln in der Welt ihm der Gottesdienst im eigentlichen
Sinne ist.
Pfleiderer. Siebold.
215
Wurzelnd in der geistigen Welt des deutschen Idealismus, wesentlich be-
stimmt durch Kant, Herder und Hegel hat Pfl. die Metaphysik und ihr Recht
in der Theologie vertreten und verteidigt in einer metaphysikmuden Zeit, un-
beirrt durch zeitweilige Isolierung. Und es mehren sich heute die Anzeichen,
dafl man sich innerhalb der protestantischen Theologie der von ihm vertretenen
Position wieder zuwendet. Das auf die Spitze getriebene Mifltrauen gegen die
Vernunft weicht wieder einem Glauben an die notwendige Einheit des logischen
mit dem religiosen Trieb, und sowenig man die Originalitat der religiosen Per-
sonlichkeit und ihre Bedeutung fur die Vermittlung religiosen Lebens unter-
schatzt, sucht man doch wieder Recht und Wahrheit des religiosen Glaubens
in der denkenden Betrachtung der Wirklichkeit und die Besinnung auf die
Grundtatsachen unseres geistigen Wesens zu erfassen und zu rechtfertigen.
Und es kann nicht ausbleiben, dafi auf diesem Wege auch die Bedeutung der
unpersonlichen Idee fur die erlebte Religion neben der Geltung der geschicht-
lichen Personlichkeit wieder starkere Betonung findet.
Wcrke: Die Religion, ihr Wesen u. i. Gesch. (i868) f Moral und Religion (1872), Pauli-
nismus (1873, 2 - Aufl. 1890), Religionsphilosophie auf geschichtl. Grundlage (1878, 2. Aufl.
1884), Grundrifi der Glaubens- und Sittenlehre (1880, 6. Aufl. 1898), The influence of the
apostle Paul on the developement of Christianity (1885), Das Urchristentum (1887, 2. Aufl.
1902), Kritik der Ritschlschen Theologie (1891), Geschichte der Religionsphilosophie (1893),
Philosophy and developement of religion (Giffod lectures 1894), Religionsphilosophie 3. Aufl.
(1896), Die Entwicklung der prot. Theologie seit Kant (1902), Das Christusbild des urchristlichen
Glaubens (1903), Die Vorbereitung des Christentums in der griech. Philosophic (1904), Die
Entstehung des Christentums (1905, 2. Aufl. 1907), Religion und Religionen (1906), Die Ent-
wicklung des Christentums (1907), Reden und Aufsatze (gesammelt und herausgegeben von
Else Zurhellen-Pfleiderer, 1. Bd. 1909, 2. Bd. voraussichtl. 191 1). — Aufierdem zahlreiche
Aufsatze und Studien in den Jahrbuchern f. prot. Theologie, Zt. f. wss. Theol., Protest. Monats-
hefte, Protestantenblatt, Prot. Kirchenzeitung, Zt. f. Missionskunde und Religionswissenschaft,
Preufi. Jahrbucher, Deutsche Rundschau, Deutschland u. a. — Bestes Bildnis von der Photo-
graphischen Gesellschaft in Berlin, Photogravure.
Frankfurt a. M. Lie. Otto Zurhellen.
Siebold, Heinrlch, PhMipp, Freiherr von, k. k. osterr. Legationssekretar,
*2l. Julii852 zu St. Martin bei Boppard a. Rh., f H- August 1908 zu SchloB
Freudenstein (Tirol). — S. wurde als zweiter Sohn des Japanforschers und
Obersten im niederlandisch-indischen Generalstabe JonkheerPhilipp Franz von
Siebold geboren. Er entstammte einer alten Gelehrtenfamilie. Seine Jugend
verbrachte S. in Bonn, dann in Holland auf der Besitzung seines Vaters, Nippon
bei Leyderdorp, und schlieGlich in Wurzburg. Dort begann er das Studium der
japanischen Sprache bei dem Sekretar seines Bruders Alexander, Hongma,
der spater diplomatischer Vertreter Japans in Wien wurde. Die wertvollen
Sammlungen, die Philipp Franz von Siebold von seiner ersten und zweiten Reise
nach Japan mitgebracht hatte, erweckten in Heinrich v. S. fruhzeitig Interesse
und Verstandnis fur ostasiatische Kultur. Nach dem Tode seines Vaters im
Jahre 1866 reifte in S. der EntschluC, gleich seinem alteren Bruder Alexander,
der in Tokio als Dolmetscher der japanischen Sprache bei der englischen Ge-
sandtschaft angestellt war, Tatigkeit im fernen Osten zu suchen. Er reiste auf
Veranlassung seines Bruders im Jahre 1869 in Begleitung von Hongma nach
Japan, wo er sich von 1870 an der osterreichischen Mission ehrenamtlich als
2l6 Siebold.
Dolmetscher zur Verfiigung stellte. 1872 wurde er provisorischer Dolmetsch-
eleve und 1874 Honorar-Dolmetsch-Attachee bei der osterreichischen Mission
in Tokio.
Er reiste viel in Japan und begann Land und Leute zu studieren. Besonders
die alteste Kultur des Inselreiches iibte einen grofien Reiz auf ihn aus. So
widmete er sich eingehenden Untersuchungen iiber die Aino, den altesten Volks-
rest auf der Insel Yesso. Ausgrabungen an alten Graberstatten brachten wert-
volle Funde und interessante Belege fur die fruhe Entwicklung der japanischen
Kultur zutage, woriiber er eine illustrierte Monographic in englischer Sprache
in Japan veroffentlicht hat: »Notes in Japanese Archaeology.* Auflerdem schrieb
er in japanischer Sprache ein »Handbuch iiber die Grundzuge der Anthropologic,
besonders mit Hinweis auf prahistorische Funde«. Er war tatiges Mitglied der
Deutschen Gesellschaft fur Natur- und Volkerkunde Ostasiens in Tokio sowie
eines japanischen Vereins fur Archaologie. In den Mitteilungen der ersteren
Gesellschaft schrieb er »t)ber die Tsuchi Ningio*, das sind aus Ton hergestellte
Figuren aus alten Graberstatten und iiber »Harakiri<L 1880 wurde S. Honorar-
Legationssekretar, verblieb aber auf dem fernen Posten im Osten, wo er sich
als Sohn des beriihmten Siebold der grofiten Beliebtheit bei vornehmen Japanern
erfreute. Prachtvolle Geschenke des Kaisers von Japan bezeugen, dafi er aucli
bei Hofe gern gesehen war. Sein Verstandnis fiir die Eigenarten der Japaner
verschaffte ihm uberall leicht Eingang. S. bewohnte ein idillisch gelegenes
Landhaus in Meguro. Die standige Beriihrung mit dem Volke im Innern Japans
ermoglichte es ihm, wertvolle Stiicke von Kultusgegenstanden, Kunstarbeiten,
Waffen und Gemalden zu sammeln. Seine erste Sammlung schenkte er im
Jahrei889 dem osterreichischen Staate. Sie ist im K. K. Naturhistorischen
Hof museum in Wien — leider nur teilweise — aufgestellt; der Platz mangelt,
um alle Stiicke dem Besucher vor Augen zu halten. Am 11. April 1889 wurde
S. in den osterreichischen Freiherrnstand erhoben. 1893 begleitete er S. k. k.
Hoheit den Erzherzog Franz Ferdinand auf dessen ausdrucklichen Wunsch
bei seiner Reise in das Innere Japans; auch in spateren Jahren durfte .S.
sich des besonderen Wohlwollens S. k. k. Hoheit erfreuen. 1893 wurde S. die
Leitung des Konsulats in Yokohama ubertragen. Es ist stets ein besonderes
Streben S.s gewesen, die Handelsbeziehungen zwischen Japan und der dster-
reichisch-ungarischen Monarchic zu verbessern. Seine Vorliebe fiir die pn-
mitiven Kulturen veranlaOte ihn u. a., der Pferdezucht Japans sich besonders
anzunehmen. Er kaufte in Ungarn kraftige Pferde und versandte sie von
Fiume nach dem Osten, wo ihr Einflufi zur Besserung des einheimischen
Materials beitragen sollte. Noch kurz vor seinem Tode beschaftigte ihn
besonders der Gedanke, Osterreich-Ungarn zu einer Beteiligung an der fiir
19 10 geplanten grofien Weltausstellung in Tokio zu veranlassen.
Bald nach Ubernahme des Konsulats in Yokohama wurde S. zum Ver-
treter des Generalkonsuls in Shanghai berufen. Dort fand er Gelegenheit, sich
ebenso in die Eigenart des chinesischen Volkes zu vertiefen, wie er bisher A\c
Japaner studiert hatte, und mit hochgestellten Chinesen, namentlich mit dem
verstorbenen Liungtschang, dem Bismarck Chinas, sich anzufreunden.
Ein Magenleiden veranlaOte S., aus dem fernen Osten in die europaische
Heimat zuruckzukehren. Bei einer seiner letzten Ruckreisen von Japan, die
iiber Kanada erfolgte, hielt sich S. mehrere Tage in Hawai auf, wo damals noch
Siebold.
217
Konig Kalakaua herrschte. S. wurde von diesem letzten Konige des Insel-
reiches in Audienz empfangen, dann bereiste er einige Tage die Inseln.
Nach seiner Riickkehr nach Europa wurden S. verschiedene Konsular-
posten von der Kaiserlichen Regierung angeboten, er lehnte sie jedoch ab.
Schliefllich wurde er zum osterreichisch-ungarischen Konsul in Singapore
ernannt, dem die diplomatische Vertretung in Siam obliegt. Diese Ernennung
wurde von der britischen Regierung anerkannt. Aus Gesundheitsrucksichten
trat er diesen Posten jedoch nicht an. Er wurde im Jahre 1899 unter Ver-
leihung der eisernen Krone 3. Klasse in den zeitlichen Ruhestand versetzt.
Er vermahlte sich mit Mrs. Wallace Carpenter geborenen Wilson und lebte
mit ihr zumeist auf seinem alten Schlosse Freudenstein in Siidtirol, welches
ihn durch seine landschaftlichen Schonheiten und die merkwurdige Oberein-
stimmungmit Japan in bezug auf seine klimatischen Verhaltnissebesondersanzog.
Hier machte sich S. an die Verarbeitung seiner im Osten gesammelten Be-
obachtungen und Erfahrungen. Er stellte seine zweite grofle ethnographische
Sammlung, die 1897 schon einmal in Wlirzburg ausgestellt war, in den Raumen
des schonen Schlosses auf und arbeitete an der Fertigstellung seiner archao-
logischen Werke.
Oft wurde S. von Industriellen und Mannern der Wissensehaft um seinen
Rat gefragt, wenn es sich um ostasiatische Fragen handelte. Der chinesische
Gesandte in Wien und spater in Italien, Yangtscheng, der S. von seinem Auf-
enthalte in China her schatzen gelernt hatte, verlangte seinen Rat und seine
Ansichten bei vielen Gelegenheiten zu horen; er hatte ihn wahrend seiner Amts-
dauer in Wien als standigen Ratgeber fur politische und diplomatische An-
gelegenheiten herangezogen. wobei S., wenn es auch in die Offentlichkeit nicht
gedrungen ist, unzweifelhaft einen grofien Einflufi auf die damals sich ent-
wickelnden Reformbestrebungen in China ausubte. Seine Berichte, welche
nach Peking gesandt wurden, umfafiten fast alle Gebiete der Politik und der
Volkswirtschaf t. Es war S.s Oberzeugung, dafi China unbedingt sich aus eigener
Kraft auf die gleiche Reformhohe wie Japan schwingen werde und die Japaner
noch zu uberflugeln imstande sei. Nach seiner Ansicht besaCen die Chinesen
dasjenige, was den Japanern meistens abgesprochen wird, namlich die Er-
findungsgabe, welche die westlichen Rassen gewohnlich fiir sich allein bean-
spruchen. Die Japaner solien angeblich nur gelehrige Imitatoren der euro-
paischen Kultur sein.
S. spricht aus langer Erfahrung, wenn er das Urteil der Ostasiaten iiber
Menschen als vielfach, meistens sogar sehr richtig bezeichnet; besonders den
Frauen spricht er diese Eigenschaft in hohem Mafle zu. Jedenfalls lafit sich
ein Chinese durch den auflerlichen Eindruck nicht iiber den Wert eines Menschen
Jiinwegtauschen. Der Chinese pnift viel genauer, und wenn er Mifiachtung
oder Mifitrauen hegt, dann ist es daraus entstanden, daC viele unserer Lands -
leute die Prufung auf ihren inneren Gehalt und Wert vor dem Chinesen nicht
bestanden haben.
In gerechter Wlirdigung der Verdienste S.s um China wurde ihm das Grofi-
kreuz des Ordens vom doppelten Drachen verliehen.
Nachdem im Jahre 1907 eine Verschlimmerung in dem Magenleiden S.s
eingetreten war, konnten die operativen Eingriffe des Professors Dr. von Eisels-
berg nur auf Monate Linderung schaffen.
2l8 Siebold. Siedel.
Am II. August 1908 verschied Heinrich Freiherr v. S. auf Freudenstein
mitten in reger Arbeit, zu fruh, um seinen Studien und Arbeiten einen volligen
Abschlufi zu sichern. Seine Gattin iiberlebte ihn nur um wenige Monate. Beide
ruhen auf dem evangelischen Friedhofe in Meran, von wo der Blick auf die
Tiroler Berge und Burgen liber Etsch streift, dahin, wo S. nachst seinem Ost-
asien am liebsten weilte.
Werke: Notes in Japanese Archaeology, Tokio. — Ethnologische Studien iibcr die Aino
auf der Insel Yesso. Berlin 1881. Mi 1 6 lithograph. Tafeln. — Etwas iiber die Tsutc hi Ningio.
Tokio 1875. — Das Harakiri. Tokio 1876. — In japanischer Sprache: Handbuch der Grund-
ziige der Anthropologic Tokio. — Philipp Franz von Siebold, der Erforscher Japans, sein
Leben und seine Werke nach der japanischen Denkschrift des Dr. S. Kure. Leipzig 1909. —
AuBerdem beteiligte sich S. an der Neuausgabe des in der 1. Auflage unvollendet ge-
bliebenen grofien Werkes seines Vaters: Nippon, Archiv zur Beschreibung von Japan, von
Philipp Franz von Siebold. 2. Aufl. Herausg. von seinen Sohnen Alexander und Heinrich
Freiherrn von Siebold. Wiirzburg 1897.
Quellen: Familienpapiere. Neue Freie Presse, Wien, August 1908. Bozener Nachrichten
Nr. 185 von 1908. Jahrbuch des k. k. auswartigen Dienstes, Wien.
Alexander Graf von Brandenstein-Zeppelin.
Siedel, Ernst Karl Gottlob, Kirchenrat, Dr. phil. y Pfarrer, * 27. Februar
1820 in Mahlitzsch bei Dobeln, f 17. Februar 1908 in Dresden. — S. war der
Sohn eines Forsters, der nachmals herrschaftlicher Forster am Durrenberge
bei Strehla wurde. Hier verbrachte der Knabe mit sechs Geschwistern in sehr
einfachen Verhaltnissen eine gluckliche Kindheit. Er besuchte die Dorfschule
zu Laas. Dann kam er, da ein wohlhabender Verwandter sich seiner annahm,
nach Dresden in das Langutsche Privatinstitut und am 30. Mai 183 1 auf die
Kreuzschule. Bei seinem Abgange Ostern 1839 war S. nur im Hebraischen und
im Lateinischen gut beschlagen. Danach studierte er in Leipzig Theologie.
Denn unter dem Einflusse seiner frommen Mutter, und da vaterlicherseits sein
Groflvater und sein Urgrofivater Geistliche gewesen, hatte er von jeher den
Wunsch gehegt, Pastor zu werden. Indes fand er bei dem damals noch vor-
herrschenden Rationalismus sein Studium wenig erquicklich. Er klagte bitter
dartiber, dafl er durch die Irrlehren der Hochschule in den grofiten Unglauben
versunken sei. Unter diesen Umstanden beschaftigte er sich mit Vorliebe mit
der Erlernung der italienischen Sprache und trieb eifrig kunstgeschichtliche
Studien. Einem Kommilitonen zuliebe ging er im Mai 1841 auf ein Jahr nach
Jena. Hier gefiel ihm das frohliche Studentenleben, und unter den Professoren
fesselten ihn namentlich Baumgarten-Crusius und I. C. E. Schwarz. Nach
Leipzig zuruckgekehrt, bestand er Michaelis 1842 das theologische Examen
»sehr wohl« und blieb zum Zwecke weiterer Studien zunachst noch in Leipzig.
1843 aber trat er mit seiner Tante eine Reise in die Schweiz an. Wahrend seines
Aufenthaltes in Genf ging eine bedeutsame Wandlung in seinem Innern vor,
als er mit den »Momiers« (Muckern) in Beruhrung kam, die sich um das Oratoire
als eine glaubige Theologenschule sammelten. S. wurde aus einem »Unglaubigen«
ein eifriger Besucher des Oratoire. Und er sollte langere Zeit bei seinen neuen
Freunden bleiben. Denn er erhielt die Stelle eines Lehrers der klassischen
Sprachen an der Knabenerziehungsanstalt Bcllerive des Direktors Sillig in Vevey.
Doch predigte er auch ofters in Vevey und Lausanne und ubernahm die geist-
liche Versorgung der kleinen deutschen Gemeinde in Bulle. Den grofiten EinfluO
Siedel.
219
auf ihn iibte der strengglaubige Pfarrer Empaytaz aus, der fruhere Gehilfe der
Frau von Kriidener. Er wurde, wie S. sagt, im vollen Sinne des Wortes sein
geistlicher Vater. Die Lektiire aber von Lohes »Drei Biichern von der Kirche«
lieB S. zuerst die Vorziige der lutherischen Kirche klar erkennen. Seine Tatig-
keit in Bellerive wurde unterbrochen durch eine langere Reise durch das sudliche
Frankreich und Norditalien. Den Winter hindurch blieb er bei Empaytaz in
Genf. Marz 1847 trat S. eine Hauslehrerstelle bei Dr. Severin in Rom an. Hier
interessierten ihn vor allem die kirchlichen Verhaltnisse; doch beachtete er auch
das dortige Volksleben und pflegte den Umgang mit Kiinstlern. Der Sommer
und der Herbst wurde teilweise in Florenz verbracht, wo ein Freundeskreis
evangelisch gesinnter Manner sich bildete, die fur die Evangelisierung Italiens
wirkten. 1 848 notigte die Revolution den Dr. Severin, mit S. Rom zu verlassen,
und dieser begab sich zunachst zu seinen Eltern. Durch den Einflufi des Pastors
Trautmann in Dresden ware er beinahe Missionar geworden; doch riet ihm Prof.
HarleB, sein nachmaliger Freund und Lehrer, davon ab. Im Herbste begab er
sich wieder mit Severin nach Vevey. Hier fand seine Hauslehrertatigkeit ihren
AbschluO. Er bereitete sich nun in Leipzig, wo er in dem Studentenverein
^Philadelphia* namentlich durch Franz Frank, Richard Lober und Max Frommel
wissenschaftliche Anregung fand, auf sein zweites theologisches Examen vor.
Nachdem er dieses absolviert, wurde er Mitglied des Vereins der Armenfreunde
und bewarb sich, da er gern in Leipzig bleiben wollte, um die Katechetenstelle
zu St. Petri. Er erhielt sie und machte das fur dieses Amt geforderte Magister-
Examen. Auch iibernahm er an der sehr angesehenen Dumasschen Tochter-
schule den Religionsunterricht. Eine seiner Schiilcrinnen, die Tochter des
Theologie -Professors Gustav Billroth, wurde spater seine Frau. — 185 1 erhielt
S. durch den damaligen Kultusminister v. Beust ohne jede Bewerbung die
crledigte Pfarrstelle zu Tharandt, um hier den Rationalismus und L^nionismus
zu uberwinden und neues kirchliches Leben zu schaffen. Mit hoher Begeisterung
begann er seine Tatigkeit als Pfarrer und war anfangs der beliebteste Prediger
der ganzen Gegend. Aber bald erregte seine Orthodoxie bei Gebildeten und
Ungebildeten Anstofl, und die Schmahungen gegen ihn nahmen so uberhand,
daB einmal die K. Kreisdirektion Bericht verlangte und spater sogar eine
behordliche Untersuchungskommission nach Tharandt geschickt wurde. Be-
sonders erbitterte die Forderung, an den Teufel zu glauben, die stete Betonung
der BuGe und Empfehlung der Privatbeichte, die strenge Kirchenzucht hin-
sichtlich der kirchlichen Ehren bei Trauungen und die Versagung kirchlicher
Teilnahme bei Selbstmordern jeder Art. Aber trotz aller Anfeindungen blieb
S. fest. L T nd schlieClich fiigte die Gemeinde sich und hielt wenigstens in der
Mehrzahl treu zu ihrem Pfarrer. Zu seinen Predigten stromten selbst von
auswarts Scharen von Zuhorern, und auch die Nebengottesdienste waren recht
gut besucht.
Als Luise v. Mangold 1857 ' n Tharandt eine Tochterschule grundete (das
jetzt in der Lofinitz bei Dresden befindliche »Luisenstift«), iibernahm S. in ihr
den Religionsunterricht. Und sobald die Fortbildungsschule ins Leben trat,
wufite er es durchzusetzen, dafl auch in dieser der Religionsunterricht einge-
fiihrt wurde. Er gab ihn 15 Jahre lang mit besonderem Eifer und veroffent-
lichte dafiir einen Leitfaden, aus dem spater sein Buch »Der Weg zur ewigen
Jugend« wurde. Auf S.s vielen weiteren Reisen war besonders reich an Ein-
220 Siedel.
driicken der Besuch bei dem Begrunder der Hermannsburger Mission Ludvvig
Harms und bei dem durch seine Missionsanstalten bekannten Pfarrer Lohe
in Neuendettelsau sowie die Fahrt nach GroB -Justin in Pommern. Hier kam
er zuerst mit den Altlutheranern in Bertihrung, mit denen er das ganze iibrige
Leben hindurch verbunden blieb. Seine Gattin starb 1865 plotzlich nach einer
sehr gliicklichen Ehe. Zum zweiten Male vcrheiratete er sich 1870 mit der
Tochter des Niirnberger Kaufmanns Andreas Volck, des Kassierers des Zentral-
missionsvereins in Bayern, den er 1869, wo er auf dem Niirnberger Missionsfeste
die Festpredigt hielt, kennen gelernt hatte. Aber schon nach vier Jahren starb
auch die zweite Frau.
1 89 1 legte S., durch Krankheit gebeugt, weil ihm das wortliche Memorieren
seiner Predigten nicht mehr moglich war, mit schwerem Herzen sein Amt nieder
und zog nach Dresden. Hier traten bald weitere Aufgaben an ihn heran. Von
1894 an hielt er in der Backerabteilung des Christlichen Vereins junger Manner
die Bibeistunden, und von. 1896 an leitete er den in diesem Verein von ihm
gegrundeten Zweigbund vom Bunde des WeiCen Kreuzes. Die Arbeit fur den
letzteren fiillte nebst der Niederschrift seiner »Lebenserinnerungen« seine letzten
Jahre reichlich aus. Er veroffentlichte uber den Zweigbund bis 1907 Jahres-
berichte und gab eine Schrift uber ihn heraus, die aufierordentliche Verbreitung
fand. Noch in der Todesstunde beschaftigte ihn die Sache des Weiflen Kreuzes.
1905 erhielt S. im Ruhestande den Titel Kirchenrat. Im Februar 1908 erkrankte
er an Influenza, die ihn schnell dahinraffte. Die Leiche wurde nach Tharandt
ubergefiihrt und dort in der Kirche vor der Beisetzung eine erhebende Ge-
dachtnisfeier veranstaltet.
S. war ein Mann von festem Charakter und mit einem starken Glauben,
der freilich allzusehr im Konfessionalismus befangen war. Er sorgte dafiir, daB
die schroffen Stellen in seinen Schriften auch nach seinem Tode nicht gemildert
wurden. Seine Personlichkeit notigte selbst seinen Gegnern Achtung ab. Er
predigte einfach und doch tief, vor allem volkstumlich. S. gehorte zu den
Begrundern der Chemnitzer Konferenz und des Evangelisch-lutherischen Gottes-
kastens in Sachsen, ftir den er wie fur die auBere Mission in seiner Gemeinde
iiberaus eifrig sammelte. Mitglied der Allgemeinen lutherischen Konferenz
war er von ihrer Grundung an bis 1907.
Im Druck erschien von ihm aufler Beitragen in Zeitschriften und Predigten: »Leitfaden
fur den Religionsuntcrricht in der Fortbildungsschule.* Dresden 1893. (4- Aufl. betitelt:
Christliche Lebensphilosophie fur jQnglinge. Leitfaden ftir den Religionsunterricht in der
Fortbildungsschule, zugleich fur den Konfirmandenunterricht.« Dresden 1898.); »Dcr Weg
zur ewigen Jugend. Lebensweisheit fur Jiinglinge.* Dresden 1894 ( I2 - — M- Aufl. Dresden
1903/04); »Der Weg zur ewigen Schonheit. Lebensweisheit fur Jungfrauen.« Dresden 1895
(14. — 17. Tausend Dresden 1906); »Der Bund des Weifien Kreuzes. Ein Aufruf an die Manner-
welt.* Dresden 1896 (100. Tausend Dresden 1907); »Konfirmationsreden.« Leipzig 1905;
»\Vie einer Jung war und jung blieb. Lebenserinnerungen eines alten Seelsorgers.* Aus seinem
NachlaC herausg. und erganzt von A. Volck. Dresden 1908.
Vgl. auBer S. s. »Lebenserinnerungen«: »Sachsisches Kirchen- und SchulblatU Jahrg. 58,
1908, Nr. 9 Sp. 139 f., Nr. 25 f. Sp. 385 ff. 401 ft. — »Der Pilger aus Sachsen.* Jahrg. 74, 1908,
Nr. 1 1 — 13 S. 83 f., 9of. T 98 ff. — »Allgemeine evangelisch-lutherische Kirchenzeitung* Jahrg. 41,
1908, Nr. 14 f. Sp. 322 ff. 342 ff. — »Bausteine* Jahrg. 40, 1908, Nr. 3 S. 33 ff., Nr. 10 S. 156 fl.
— »Der alte Glaube* Jahrg. 9, 1907/08, Nr. 24 Sp. 561 ff. — »Neues sachsisches Kirchenblatt*
Jahrg. 15, 1908, Sp.141 A- Reichardt.
Richter. 221
Richter, Adolf Maximilian, evangelischer Feldpropst der Armee,
Allerhochst beauftragt als Marinepropst, Wirklicher Geheimer Rat, Dr. theol.,
* 31. August 1842 in Frankfurt a. 0., f 12. Oktober 1908 in Hirschberg (Schles.).
Aus einem schlichten Lehrerhause stammt der verewigte Feldpropst der Armee.
Sein Vater hatte sich aus armlichen Verhaltnissen durch Seminar und Univer-
sitat zum Prorektor der Hoheren Realschule in Frankfurt a. 0. emporgearbeitet,
hatte aber dabei friih seine Gesundheit untergraben. Von ihm hat der Sohn die
zahe Energie und den klaren, logischen, gleich dem Vater stark mathematisch
veranlagten Geist geerbt, so dafi ihm noch bei seinem Abiturientenexamen
wegen der hervorragenden mathematischen Arbeit von der erwahlten Theologie
ab- und zum mathematischen Studium zugeredet wurde. Die etwas tyrannische
Natur des Vaters — das Korrelat zu seiner Willensstarke — wurde durch die
weich und liebevoll veranlagte Mutter, eine geborene Thielenberg, in dem
Sohn Max gemildert, so dafi er zwar eine geborene Herrschernatur blieb, aber
doch eine unendliche Weichheit und Zartheit der Herzensempfindung behielt,
die ihn gerade zu den Schwachen, Hilfsbediirftigen, Verlassenen und Traurigen
sich zu neigen mit heiligem Zwang notigte.
Harten des Lebens iiberwand er wie die Entbehrungen der eigenen Jugend
mit einem siegenden und zugleich versohnenden Humor, der nie verletzte,
so scharf er war, weil er aus innerster Herzensglite stammte. Drastik und
Derbheit war ihm eigen, aber nie auf der Kanzel, wo er, der Heiligkeit des
Ortes entsprechend, seine Gedanken in ruhigem Ernst und wuchtiger Tiefe
der Gemeinde ins Herz und Gewissen schrieb. Scharf, doch nie verletzend im
Urteil, lieber helfend als versagend, so stand er auch als hoher Vorgesetzter
immer in brtiderlicher Gesinnung den Amtsgenossen gegenliber und durfte,
als er am Schlufi seines Amtslebens fast alle der gegenwartigen Militargeist-
lichen berufen hatte, wissen, dafi auch sie in unbegrenzter Liebe und Ver-
ehrung an ihm hingen, weil er sachlich Grofies nie zunachst fur sich, sondern
fur die Sache, der er diente, zu erreichen berufen war. So herrschte er, indem
er doch alien diente.
Nach glanzend bestandenem Abiturientenexamen bezog R. die Universitat
Halle, wo Tholucks gewaltige Personlichkeit, der ihn zu seinem Amanuensis
machte, und besonders auch Julius Mullers Dogmatik ihn fesselten. Spater
wurde in Berlin Dorners Theologie fur ihn ausschlaggebend. Er wurde schon
nach dem ersten theologischen Examen, das er am 13. Dezember 1865 mit
Auszeichnung bestand, mit der Vertretung des Gefangnispredigers Leonhardt
in Frankfurt a. O. betraut, der mit der preufiischen Armee im Jahre 1866 ins
Feld genickt war. Mitten unter dem ausbrechenden Kriegsgetummel hatte
er seinen Seminarkursus in Neuzelle absolviert. Nachdem er das zweite Examen
am 10. April 1867 mit derselben Auszeichnung wie das erste bestanden, wurde
er am 5. Mai 1867 im Dom zu Berlin durch den Generalsuperintendenten
D. Hoffmann ordiniert und zum Gefangnisprediger in Frankfurt a. 0. ernannt.
Diese Stelle wurde insofern fur sein ferneres Leben von Bedeutung, als er,
aus reicher Erfahrung sprechend, als der eigentliche Vater der Natural -
verpflegungsstationen fiir die wandernde Bevolkerung in Schlesien anzu-
sehen ist und in der Arbeit der Arbeiterkolonien mit organisatorischem
Talent und weisem Rat auch als Mann der Inneren Mission einzutreten
berufen war.
222 Richter.
Zwei Verhandlungen wegen Obernahme von Pfarramtern auf dem Lande
(Zettitz b. Crossen und Mansfelde b. Friedeberg i. Neumark) sowie einer Ge-
fangnispredigerstelle in Spandau zerschlugen sich und er folgte, da sein fruherer
Lehrer, damaliger Militaroberprediger Haendler in Posen, auf ihn aufmerksam
machte, im Januar 1868 dem Ruf als Divisionsprediger zur 9. Division nach
Glogau als Nachfolger des Divisionspredigers Stumpf. Von hier aus machte er
den grofien Feldzug 1870/71 im Stabe der 9. Division mit. Seine »Kriegsbriefe
eines Feldgeistlichen«, die anonym 1895 erschienen, geben in frischen Moment -
bildern in Briefform die grofien Eindriicke wieder, die ihn besturmten. Weiflen-
burg und Worth waren die ersten schauerlichen Schlachteindrucke fur den
jungen Feldprediger, bei Massy in den Septembertagen 1870 erhielt er seine
Feuertaufe und hatte dann das Gliick, zum Grofien Hauptquartier des Konigs
nach Versailles kornmandiert zu werden und mitamtierend Zeuge des grofien
Aktes der Kaiserproklamation in der Spiegelgalerie neben seinen Amtsgenossen
Rogge und Abel zu werden. — Nach langen Wochen an der Loire und kurzer
Versetzung zur 10. Division nach Vesoul ging es im Mai nach dem Friedens-
schlufi mit drei (!) Tagen Urlaub in die alte Heimat Frankfurt a. O. zu Eltern,
Weib und Kind; geschmuckt mit dem eisernen Kreuz, sah ihn dann seine
alte Garnison Glogau wieder. Seine zahe Natur hatte alien Strapazen siegreich
widerstanden.
Im Februar 1873 erfolgte die Versetzung als Divisionspfarrer der II. Division
nach Breslau und gegen Ende des Jahres 1874 die Ernennung zum Militar-
oberpfarrer des VI. Armeekorps als Nachfolger des Militaroberpredigers Reitzen-
stein. 1877 wurde er Konsistorialrat im Konsistorium der Provinz Schlesien.
Auf der Kanzel von St. Barbara entfaltete sich seine Predigttatigkeit zu hochster
Blute, in Seminar und Madchenschule, wie im Konfirmandenunterricht war
er der geliebte Lehrer, der bei aller Hohe der Forderungen ein tiefes person -
liches Wohlwollen fiir den einzelnen Zogling im Herzen trug. Hier gab er auch
einen Band Predigten liber das Evangelium Johannis unter dem Titel »Wir
sehen Seine Herrlichkeit" heraus und schrieb einen Leitfaden fiir den Konfir-
manden-Unterricht, der bereits in 14 Auflagen erschienen und in der ganzen
Armee, auch in den Kadettenkorps als Grundlage des Unterrichts eingefiihrt ist.
Unter Bezugnahme auf diese Werke und seine gesegnete Tatigkeit wurde er
im Luthergedachtnisjahre 1883 von der Universitat Breslau zum Dr. theoL
honoris causa promoviert. Als Delegierter zur Provinzial-, spater auch zur
Generalsynode, konnte er seine hervorragende kirchenregimentliche Begabung
beweisen. So nahm es nicht wunder, dafi R., als der Feldpropst D. Thielen
im Jahre 1886 in den Ruhestand trat, zu seinem Nachfolger ernannt wurde.
In dieser hohen Stellung entfaltete der erst 42jahrige Feldpropst seine
ganze bedeutende Kraft besonders nach der organisatorischen und gesetz-
geberischen Seite hin. Die alte Militarkirchenordnung vom Jahre 1832 war
historisch geworden, aber fiir die Neuzeit nur noch als Grundlage fiir neue
Verhandlungen verwendbar. Im Mittelalter hatte jedes »Fahnlein« von 400
Mann seinen Kaplan als Feldgeistlichen, spater jedes mobile Regiment einen
Feldprediger. Erst vom 17. Jahrhundert an gab es schon im Frieden Militar-
geistliche. Der grofie Kurfiirst begrundete 1659 das Amt der Feldprediger.
1760 wurde das Militar-Konsistorial-Reglement unter Friedrich dem Grofien
geordnet, das bis 1811 Geltung hatte: nach diesem gab es etwa 100 Regiments-
Richter.
223
prediger. Das Recht der Berufung derselben stand den Regimentschefs zu.
Diese prasentierten ihren designierten Feldprediger dem Feldpropst, der ihn
priifte, evt. ordinierte und anstellte. Nach 8 — 9 Jahren des Militardienstes
trat dann gewohnlich der Militarpfarrer in ein Zivilpfarramt der Landeskirche
zuriick. Beim Zusammenbruch Preufiens Anfang des vorigen Jahrhunderts
sank mit der Zahl der Armee auch die der preufiischen Militarpfarrer auf 18
herab; sie wurden nun zu »Brigadepredigern«. Gegen die damals vorge-
schlagene vollige Abschaffung des Militarpfarramts erklarte sich Friedrich
Wilhelm III. mit Entschiedenheit im Interesse der Beforderung der Religiositat
der Truppen und wegen des Unterrichts der zahlreichen Soldatenkinder in den
sogenannten — erst durch A. K.-O. vom 16. November 1872 aufgelosten — Garni -
sonschulen. Dagegen wurde das Amt des Feldpropstes und des Feldministeriums
den kirchlichen Landesbehorden unterstellt. Nach den Freiheitskriegen wurden
die Brigadeprediger zu »Divisionspredigern« und der bei einem General-
kommando befindliche Divisionsprediger ubernahm die Funktionen eines
Militaroberpredigers. Auf diesen Grundlagen fuOte die Militar-Kirchen-Ordnung
vom 12. Februar 1832. Es ist nun eins der grofiten Verdienste des Feldpropstes
R., dafi er die vom modernen Rechtsstandpunkt aus starr territorialistischen
und militaristischen Bestimmungen der alten Militar-Kirchen-Ordnung von 1832
in neue Bahnen gelenkt und die »Evangelische militarkirchliche Dienstordnung«
vom 17. Oktober 1902 geschaffen hat. Nach diesen — um nur einiges hervor-
zuheben — veranlassen nicht mehr die Konsistorien, sondern der Feldpropst
die Berufung und Einfuhrung der Militargeistlichen im Einvernehmen mit den
rnilitarischen Behorden. Die Militarpfarrer werden auf Lebenszeit angestellt
und haben nach iojahriger Dienstzeit Anspruch auf entsprechende Zivilver-
sorgung. Unter entsprechender Modifikation oder Beibehaltung der alten
Militarkirchenkonventionen mit einzelnen Bundesstaaten wurden auch neue
geschlossen, durch die unbeschadet der Einzelverwaltung der Bundesstaaten
mit preufiischer Militarverwaltung das Gesamtmilitarkirchenwesen der Monar-
chic einheitlich geregelt und selbstandig organisiert wurde. Die Militarobcr-
pfarrer traten zum Stabe des Generalkommandos uber.
Auch das Marinekirchenwesen wurde neu geregelt und der Feldpropst
Allerhochst mit der Wahrnehmung des Amtes als Marinepropst beauftragt.
Eine neue »Agende fiir das Kriegsheer« w T urde geschaffen, die in parallelem
Aufbau mit der Agende der Landeskirche doch dem besonderen Geprage der
Militargemeinden ihr Recht laCt und die besonderen Feiern der Militargemeinden,
wie Kaisergeburtstagsfeiern, Vereidigungen der Rekruten, Fahnenweihen etc.
liturgisch festlegte.
Eine Neuausgabe des Militargesangbuches wurde nach langwierigen Ver-
handlungen mit den bedeutendsten Hymnologen aus Nord und Slid veranlafit
und dementsprechend ein Militarmelodienbuch, Militarchoralbuch und Zentral-
partiturbuch geschaffen, so dafi nun ein Grundstock gemeinsamer Sangesweise
in den Gotteshausern fiir Norden und Siiden ermoglicht wurde. Auch in die
Seminare ging das »Schulbuchlein« uber, um neben dem »Festbiichlein« die
Jugend bereits an die neue deutsche einheitliche Sangesweise der herrlichen
evangelischen Chorale zu gewohnen.
In den Feldziigen in China und Siidwestafrika bestanden die erneuten
Mobilmachungsbestimmungen ihre erste Feuerprobe, und die vom Feldpropst
224
Richter.
R. hinausgesandten Feldgeistlichen durften kameradschaftlich die Strapazen
und Gefahren dcs Krieges und der Schutztruppe teilen und sich doch des straffen
Zusammenhanges mit der heimatlichen kirchlichen Heeresverfassung freuen.
An auOeren Ehren bei alien diesen Erfolgen eines arbeitsreichen Lebens
hat es Feldpropst R. nicht gefehlt. Er brach die Bahn, dafi nach langer Zeit
wieder ein Geistlicher mit dem Titel des »Wirklichen Geheimen Rates« und dem
Pradikat Exzellenz ausgezeichnet wurde. Zum Abschied verlieh ihm Seine
Majestat der Kaiser den Koniglichen Kronenorden I. Klasse.
So durfte Feldpropst R., nachdem er mehr als 37 Jahre in Kriegs- und
Friedenszeiten der Militargeistlichkeit angehort, davon 12 Jahre als Militar-
oberpfarrer und uber 18 Jahre als Feldpropst und Marinepropst, bei der Ab-
schiedsfeier im Mai 1905 von seinem Nachfolger Feldpropst Wolfing, die Worte
mit Recht horen: »In der Geschichte des preuflischen Militarkirchenwesens
wird die Zeit Ihrer Amtsfuhrung als eine epochemachende auch von spateren
Geschlechtern bezeichnet werden und in den Annalen der Feldpropstei wird
Ihr Name fur alle Zeiten glanzen«. R. konnte selber sagen, dafi er die Ein-
und Durchfuhrung einer straffen und klaren, den Verhaltnissen der Neuzeit
entsprechenden militarkirchlichen Dienstordnung fur Armee und Marine als
einen besonderen Segen seiner Lebensarbeit ansehen durfe — eine Reorgani-
sation der alten Verfassung, die aber das Militarkirchenwesen im grofien Zu-
sammenhang mit der evangelischen Landeskirche in sich frei und selbstandig
macht, aber nicht isoliert.
Noch drei Jahre des Ruhestands waren ihm beschieden, die er grofitenteils
auf einer schonen Besitzung in Schreiberhau i. Riesengebirge verbrachtc.
Der Nimmerrastende schuf noch in diesen Jahren u. a. ein zweibandiges Familien-
andachtsbuch: »Die Bibel in Hausandachten« — dessen Eigenart es ist, die
fur die Familienandacht geeigneten Stellen der heiligen Schrift fur die Haus-
andacht selbst reden zu lassen, ohne weitere Betrachtung und sie nur mit
kurzem Gesang und Gebet zu umgeben.
Nachdem er noch am 22. Juni 1908 in voller Rustigkeit seinen 40. Hochzeits-
tag im Kreise der Seinen gefeiert hatte, erkrankte er im August schwer und
entschlief in den Morgenstunden des 12. Oktober 1908 in Hirschberg in Schlesien
in einer Privatklinik. Er ruht in seiner Heimatstadt Frankfurt a. 0.
Zusammcnstellung der Werke: a. Uber den NationalhaO zwischen dem
franzosischen und dem deutschen Volke (Vortrag Berlin, Ludwig Rauh, 1872). b. AVir sehen
Seine HerrlichkeiU. Ein Jahrgang Predigten uber freie Texte aus dem Evangelium Johannis
(Breslau, Wilh. Gottl. Korn). c. Leitfaden fur den Konfirmanden-Unterricht (Breslau, Carl
Dulfer, 14. Aufl.). d. Kriegsbriefe eines Feldgeistlichen 1870/71 (Berlin, E. S .Mittler & Sohn).
e. Die Stimme des HErrn auf den Wassern. Christ Kyrie, ja dir gehorcht die See. f. Darnach
offenbarte sich Jesus abermals an dem Meer (3 Jahrgange Schiffspredigten fur die Nordlands-
reisen Seiner Majestat des Kaisers und Konigs (Berlin, E. S. Mittler). g. Ein Kranz auf Emil
Frommels Grab (Berlin, E. S. Mittler). h. »Die Bibel in Hausandachtcn*. 2 Bande (Berlin,
Georg Reimer). AuCerdem viele Einzeldrucke von Predigten und Ansprachen bei historischen
Gelegenheiten. Unter seiner Leitung wurde herausgegebcn : i. Predigtbuch fiir S. Majestat
Schiffe (Mittler, Berlin), k. Evangelisch-militarkirchliche Dienstordnung (Mittler, Berlin).
1. Evangelisches Militiirgesang- und Gebctbuch. Neue Ausgabe 1906 (Georg Reimer, Berlin),
m. Melodienbuch zum Evang. Militiirgesang- und Gebctbuch fiir das Deutsche Kricgsheer
(Mittler, Berlin), n. Denkschrift zu m. (Mittler, Berlin), o. Choralbuch zu dem Evang. Militar-
gesang- und Gebetbuch. Neue Ausgabe 1908 (Mittler Berlin), p. Festbuchlein. 30 Choral-
Richter. Schaarschmidt.
225
melodien zum Gebrauch bei deutschen ev. Kirchenfesten (Mittler, Berlin), q. Schulbuchlein.
33 Choralmelodien zum Gebrauch in Seminaren und Schulen (Mittler, Berlin). Als Quellen
sind benutzt: Richters Personalakten und Akten der Evang. Feldpropstei der Armee in Berlin.
Die besten Bildnisse haben hergestellt: Hofphotograph Schaarwaechter, Berlin; Hiilsen, Berlin;
Glauer-Oppeln.
Schaarschmidt, Karl, Professor und Bibliothekar in Bonn, * 3. November
1822, f 26. Dezember 1908. — Geboren zu Berlin, vorgebildet auf der Landes-
schule Pforta, der er stets eine grofle Anhanglichkeit bewahrt hat, studierte
er hauptsachlich in Berlin Philologie und Philosophic bei Bockh, Bopp, Tren-
delenburg, Schelling u. a. und promovierte 1845 mit einer Dissertation: Plato
et Spinoza philosophi inter se comparati. Nach kurzer Tatigkeit irn Schuldienste
und einjahrigem Aufenthalt in England habilitierte er sich 1849 in Bonn fur
das Fach der Philosophic Nachdem er nebenher noch drei Semester Mitglied
des Bockhschen padagogischen Seminars in Berlin gewesen, erhielt er 1854
eine Anstellung an der damals von F. Ritschl geleiteten Bonner Universitats-
bibliothek, mit der er seitdem immer mehr verwuchs und an der er allmahlich
aufriickte, bis er nach J. Bernays* Tode 1882 die Direktion derselben erhielt.
Am 1. April 1901 trat er in den Ruhestand; seit 1859 Professor extraordinarius,
war er 1895 zum o. Honorarprofessor ernannt worden.
Ungemein frischen und beweglichen Geistes, orientiert und interessiert
in alien Fragen des wissenschaftlichen, offentlichen und akademischen Lebens,
hat er sich in seiner langjahrigen Bonner Wirksamkeit sowohl als Lehrer und
Gelehrter wie als Bibliothekar grofie Verdienste, und durch die nattirliche
Lebhaftigkeit und Lauterkeit seines Wesens auch als Mensch viele Freunde
erworben. Seine Vorlesungen erstreckten sich von Anfang an liber weite Gebiete
seiner Wissenschaft; mit Vorliebe behandelten sie die Geschichte der Philo-
sophic sowie die Religionsphilosophie Diese Vortrage, die er mit der Zeit ein-
schrankte ohne sie ganz aufzugeben, fesselten den naturgemafi kleineren Kreis
seiner Zuhorer durch eine eigenartige Frische und Klarheit sowie seine ein-
dringliche, pointierte Diktion. Von seinen Schriften ist das Buch uber Johannes
Sarisberiensis nach Leben und Studien, Schriften und Philosophic (1862)
hervorragend als einer der ersten Versuche monographischer Herausarbeitung
der groflen mittelalterlichen Philosophen und Enzyklopadisten; noch heute
wertvoll, hat es leider nicht die Nachfolge gefunden, die die Forschung auf
diesem vernachlassigten Gebiete schneller gefordert hatte. Seine Werke hin-
gegen liber die angebliche Schriftstellerei des Philolaos und die Bruchstucke
der ihm zugeschriebenen Bucher (1864), sowie uber die Sammlung der Pla-
tonischen Schriften, zur Scheidung der echten von den unechten untersucht
(1866), waren bei allem anregenden Scharfsinn und Eifer der Beweisfiihrung
selbst fur die damalige Zeit zu radikal, um bleibenden Erfolg zu finden. Spater
wandte er sich wieder mehr der neueren Philosophic zu (Cartesius, Spinoza,
Leibniz u. a.). Eine liberaus vielseitige Tatigkeit entfaltete er auBerdem als
Berichterstatter liber die neuen Erscheinungen der philosophischen Literatur,
namentlich in den (von ihm 1877 — 86 auch als Herausgeber geleiteten) Philo-
sophischen Monatsheften bis zu ihrer Umwandlung in das Archiv fur Philosophic
Als sein eigenstes Gebiet betrachtete er zeitlebens die Religionsphilosophie.
Eine seiner ersten Vorlesungen hatte sie zum Gegenstand, mit einer Darstellung
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog". 13. Bd. jc
226 Schaarschmidt. KUnzli.
der Entwicklungsgeschichte der Religion nahm er Abschied vom Katheder.
In ungeminderter Geistesfrische vollendete er als 85jahriger sein letztes Buch:
Die Religion. Einfuhrung in ihre Entwicklungsgeschichte (1907); so hatte er
noch die Freude, sein Lebenswerk fertig abgeschlossen seinen Freunden zu
ubergeben und ein bleibendes Denkmal seiner geistigen Eigenart und seiner
philosophischen Arbeit zu hinterlassen. Frei von aller Gebundenheit und aller
extremen Einseitigkeit versucht er in klarer und edler Darstellung dem innersten
Wesen der menschlichen Natur eben so sehr wie den Ergebnisssen der Natur-
wissenschaft, Geschichtsforschung und vergleichenden Religionswissenschaft
gerecht zu werden.
Dem weiteren Kreise der Universitatsangehorigen stand er naher durch
seine Stellung und Tatigkeit als Universitatsbibliothekar. Vielen Generationen
ist er bei dem unaufhorlichen Wechsel des Lehrkorpers ein treuer Heifer und
Berater gewesen, um so mehr, als er von Anfang an in seiner Doppelstellung
den Anforderungen der wissenschaftlichen Arbeit und des Lehrbetriebs ein
groBeres personliches Verstandnis entgegenbringen konnte, als es infolge der
gestcigerten Frequenz der Bibliotheksbenutzer, der zunehmenden Biicher-
produktion, des Wechsels des Personals und der Fortschritte der Bibliotheks-
technik in Zukunft vielleicht noch moglich sein wird. Eingetreten in einer Zeit
tatkraftigen Aufschwungs, hat er, fast fiinf Dezennien mit der Universitats-
bibliothek verkniipft, die gewaltigen Veranderungen im aufieren und inneren
Leben der Bibliotheken mit durchlebt und dabei stets einen offenen Blick
fur die Entwicklung der Dinge bewiesen und weder dem Fortschritt sich ent-
gegengestellt, noch die fur ein solches Universitatsinstitut so wertvolle Tradition
vernachlassigt. Als Direktor hat er sich in erster Linie angelegen sein lassen,
mit den verfiigbaren nur allzu knappen Mitteln die Bibliothek sachkundig zu
mehren und die vorhandenen Biicher in einfachster und liberalster Weise der
Benutzung zuganglich zu machen. In seine Amtszeit fallt der Umbau des Maga-
zins (1890 — 92), an dessen unglucklicher Beleuchtung nicht er die Schuld
tragt, die Eroffnung des neuen Lesesaales, die Herstellung des grofien fur
Beamte wie Benutzer gleich unentbehrlichen Index alphabeticus (1883 — 96);
auch der Inkunabelkatalog (1894) und das Verzeichnis der Bonner akademischen
Schriften (1897) sind unter seiner Agide erschienen. Der Dank, den die Uni-
versitat der verstandnisvollen Leitung ihres nutrimentum spiritus schuldet,
wird von alien auch personlich empfunden und bewahrt werden, die in all den
Jahren der bibliothekarischen Wirksamkeit Sch.s und seiner treuen Mitarbeiter
Rau, Klette u. a. unsere Bibliothek besucht und benutzt haben (ein Nekrolog
von E. Dorsch im Zentralblatt fur Bibliotheksw. 1909 S. 74).
Wiederholt aus der Chronik der Universitat Bonn mit Genehmigung des Hr. Verfassers.
E 1 1 e r.
Kiinzli, Arnold, schweizerischer Patriot, * 20. Juni 1832 und f 9- No-
vember 1908 in Riken-Murgenthal (Kanton Aargau). — Der gewesene Schweize-
rische Bundesprasident Oberst Emil Frey hat in einem vorzuglichen Nachruf
uber seinen Freund geschrieben: »Kunzli war ein Diener seines Volks. Vonseinem
Leben kann gesagt werden, daB es eine fortgesetzte Tat war im Dienste des
Volks. In einem Alter, in welchem andere sich nach der Ruhe des Privatlebens
sehnen, ubernahm Kiinzli noch mit stolzem Selbstvertrauen das Kommando
Kiinzli. 227
eines Armeekorps. Ich kenne in der ganzen Laufbahn des Verstorbenen nichts,
was ihn treffender charakterisierte.« Der Schreibende mochte steigernd bei-
fiigen: als K. nach Zuriicklegung des 70. Altersjahrs das Kommando dieses
Armeekorps zuriickgegeben hatte, schickte sich die Schweiz gerade an, ihre
Vertretung fur die Erneuerung mehrerer Handelsvertrage zu bestellen, fur eine
verantwortungsvollc Aufgabe also, deren Durchfuhrung mit aller Bestimmtheit
das Erfordernis muhevoller Arbeit und groBcr Ausdauer voraussehen liefi.
Als ihm die Regierung auch diese Last zudachte und ihm damit den Wunsch
nach ruhigeren Tagen unvermutet kreuzte, lud sie K. in klarer Erkenntnis
ihrer Schwere nach kurzem Kampfe mit sich selbst dennoch auf sich und trug
sie in Ehren. So war dieser Mann, und deshalb war er nicht blofl ein Diener
seines Volks, sondern er war ihm und den Behorden aus diesem und aus manchen
andern Grunden auch erklarter Liebling, dessen Wort und Wirken das meiste
gait. K. war ein Demokrat im besten Sinne: ein willensstarker, wohlmeinender,
fiir jedermann zuganglicher, seiner Stellung, seiner Verantwortlichkeit und
seiner Ziele bewuBter Fiihrer im Ratsaal und im Feld, daheim und in der
Fremde, in heitern und in bewegten Zeiten.
Als Sohn eines Baumwollindustriellen geboren, kam K. von der Kantons-
schule in Aarau weg in die kaufmannische Lehre nach Genf, von dort nach
Lugano und dann 1858 ins vaterliche Geschaft A. Kiinzli jgr., das sich durch
die Herstfellung der Buntweberei Roggwil [Bern] bald erfreulich weiter aus-
dehnte. Er war darin an die zehn Jahre tatig, bis er auf Verlangen seiner Mit-
biirger (die schon den 26 jahrigen in den gesetzgebenden Rat abgeordnet hatten)
in die Regierung des Kantons Aargau eintrat. Hier hat er wahrend 5 Jahren
als Direktor der Bauten mit Weitblick manches geplant und vieles ausgefiihrt
oder gefordert. Nach seinem Austritt blieb er dem offentlichen Leben, das
ihn in gleichem Mafie begehrte, wie er ihm seinerseits Neigung entgegenbrachte,
verschrieben und zugetan. Gemeinde, Kanton und Eidgenossenschaft warben
um ihn, und er vergalt alien mit seiner Hingebung. Schon im Jahr 1864 wurde
er in den Schweizerischen Nationalrat entsendet, dem er (mit einer kurzen
Unterbrechung) bis zum Tode als eines der bedeutendsten und eirifluBreichsten
Mitglieder angehorte. Als solches hat er — wie alt Bundesprasident Frey
schreibt — »eine Summe von Arbeit bewaltigt, die alles liberragt, was jemals
seit dem Bestehen des neuen Bundes von einem einzelnen Mitglied dieses Rates
geleistet worden ist«. Mit seinem durchdringenden Blick und Verstand, mit
seiner raschen und sichern Auffassung, mit dem Rustzeug, das ihm ein nie ver-
sagendes Gedachtnis lieh, mit seinem staunenswerten Geschick, sich liber die
Meinungen anderer auf dem einfachen Weg zwangloser Unterhaltung zu unter-
richten und sich so ein eigenes Urteil auf breitester Grundlage zu bilden, mit
seinen vielfaltigen Kenntnissen und Erfahrungen, mit seiner knappen, ge-
fcsteten Rede war K. der begnadete Parlamentarier, der stets zur rechten
Zeit das rechte Wort fand. Immer stand K. in der vordersten Linie, wo ein
Fortschritt zu verwirklichen, wo die Ehre und das Wohl des Landes zu schirmen
war. An den heiflen Kampfen um die Anderung der Verfassung der Schweizeri-
schen Eidgenossenschaft, an der Schaffung arbeiterfreundlicher Gesetze (Fabrik-
gesetz, Haftpflichtgesetze, Gesetze liber Versicherung gegen Krankheit und
Unfall), an der Errichtung der Schweizerischen Nationalbank, an der Ver-
staatlichung der Eisenbahnen, an den Beratungen liber die Gestaltung und
15*
228 Kiinzli.
Hebung der Wehrkraft des Landes, an der Wegleitung fur die zu befolgende
Zollpolitik, am Meinungsaustausch uber eine lange Reihe von Staatsvertragen :
an der Erorterung jeder wichtigeren Frage wahrend vier Jahrzehnten hat K.
lebhaften Anteil genommen.
Mit K., dem Staatsmann und Volksmann, hielt gleichen Schritt der Soldat.
Im Jahre 1853 Offizier geworden, machte er 1857 den sogenannten Neuen-
burger Feldzug mit, 1870/71 als Oberstleutnant und Kommandant einer Scharf-
schiitzenbrigade den Grenzbewachungsdienst bei Basel. Im Jahre 1894 wurde
ihm das Kommando eines Armeekorps ubertragen, das er 8 Jahre lang inne-
hatte. Auch als Soldat verfugte er liber alle Eigenschaften des geborenen
Fiihrers, und landauf, landab war er unter dem Namen Oberst Kiinzli
bekannt.
Ebenso grofi war sein Geschick als eigentlicher Diplomat. Als im Jahre
1890 die konservative Regierung des Kantons Tessin gewaltsam gesturzt worden
war, hat K., vom Bundesrat als Eidgenossischer Kommissar mit Truppen-
macht dorthin entsendet, mit seiner Besonnenheit und Klugheit die iiberaus
scharf entzweite Bevolkerung zu beschwichtigen verstanden. Er hat sich
damit — und schon 10 Jahre zuvor in ahnlicher Mission — als Friedensstifter
unvergangliches Verdienst erworben, und sein Walten war von den wohltatigsten
Folgen begleitet. — Er war einer der schweizerischen Abgeordneten zur ersten
Friedenskonferenz im Haag (1898), wo er mit aller Entschiedenheit, wenn auch
fruchtlos, fur das Recht der kleinen Volker eintrat, sich im Fall einer Landes-
besetzung in Massen erheben zu diirfen. Und in den Jahren 1903/06 leistete
er vortreffliche Dienste bei der Erneuerung der Handelsvertrage der Schweiz
mit dem Ausland.
Bei all dieser Wirksamkeit blieb K. der einfache, bescheidene Mann, der
er von jeher gewesen. Von den Sorgen um das private Geschaft befreit, nahm
er sich der kleinsten Obliegenheiten in Familie, Freundeskreis, Gemeinde und
Heimatkanton mit der namlichen Liebe und Warme an wie der Angelegenheiten
im weitern Vaterlande. In seiner Wohngemeinde, deren Vorsteher er langere
Zeit war, half er unter anderm kraftig mit bei der Einfuhrung der mechanischen
Strickerei, der Korbflechterei und der Herstellung von Holzwaren. Im Kanton
war er einer der Mitbegninder der Aargauischen Kreditanstalt in Aarau, einer
Bank, die bestes Ansehen genieflt, und er betatigte sich auch sonst in der Ver-
waltung verschiedener Werke gemeinniitziger Art. Nichts und niemand war
ihm zu gering, und ein ganz besonders angenehm beruhrender Zug offenbart
sich in seinem Entgegenkommen gegenuber tiichtigen jiingeren Leuten. Auf
wiederholten grofien Reisen aufnete er den Schatz seiner Beobachtungen, die
er iiberall und stets wirksam zu verwerten verstand.
Als K., ein betagter, aber bis zum letzten Krankenlager geistig durchaus
riistiger Mann, dahinschied, anerkannte das Land in einhelliger Dankbarkeit
seine grofien, bleibenden Verdienste auf alien Gebieten. »Das Vaterland liebte
er uber alles«, schliefit sein eingangs genannter Schilderer.
Oberst Arnold Kiinzli; Gcdenkworte gesprochen an seinem Grabe und eingeleitet von
Herrn alt Bundesrat Oberst Emil Frey, Aarau 1909, Druck von Emil Wirz, 8°, 32 S. — Bundes-
blatt der Schweizerischen Eidgcnossenschaft 1908, Bd. VI, S. 320 — 323.
Alfred Frey.
Krasnopolski. 22Q
Krasnopolski, Horaz, osterreichischer Zivilist, * am 5. November 1842 in
Pistin, f am 29. August 1908 in Gmunden. — K. wurde in dem ostgalizischen
Markte Pistin als Sohn armer jtidischer Eltern geboren, absolvierte in Czerno-
witz die Gymnasialstudien und bezog im Jahre 186 1 die Universitat in Prag,
um die Rechte zu studieren. An der juridischen Fakultat der damals noch
ungeteilten Universitat lehrte zu jener Zeit eine Reihe hervorragender Ver-
tretcr der historischen Facher, so die beiden Romanisten Esmarch und Brinz
und der Kirchenrechtslehrer und Germanist Schulte. Weniger gut war seit
Ungers Abgang nach Wien (1857) das osterreichische Zivilrecht vertreten, da
Randa — der in tschechischer Sprache las — als Lehrer fiir die deutsche Horer-
schaft weniger in Betracht kommen konnte und Krainz erst 1 871 nach Prag
berufen wurde. Nur durch ihre Schriften konnten die damals bedeutendsten
osterreichischen Zivilisten ihren EinfluB auf die junge Generation ausuben,
Unger durch sein »System des allgem. osterr. Privatrechtes«, Randa durch seinen
»Besitz«. K. absolvierte die Studien mit ausgezeichnetem Erfolge, wurde im
Jahre 1868 zum Doktor der Rechte promoviert und begab sich bald nachher
nach Gottingen und spater nach Leipzig, um Thol, Roscher und Wachter zu
horen. Nach Prag zuruckgekehrt trat er in die advokatorische Praxis ein und
betrieb daneben seine weitere wissenschaftliche Ausbildung. Er habilitierte
sich im Jahre 1872 fiir Handelsrecht und osterreichisches Zivilrecht, wurde
1876 — als Nachfolger des friih verstorbenen Krainz — zum aufierordentlichen,
1 88 1 zum ordentlichen Professor des Zivilrechtes an der Prager Universitat
ernannt und wirkte daselbst als akademischer Lehrer bis zu seinem Tode.
1897 wurde ihm der Titel und Charakter eines Hofrates, 1906 das Komthur-
kreuz des Franz-Josef-Ordens verliehen.
Die Schriften K.s, soweit sie zu seinen Lebzeiten publiziert wurden, be-
handeln mit wenigen Ausnahmen Spezialgebiete und Spezialfragen des osterr.
Zivilrechtes; diemeistensind in Fachzeitschrif ten zerstreut, einigegeben Vortrage
wieder, die in verschiedenen juristischen Gesellschaften gehalten wurden. Sein
Lebenswerk, ein System des osterr. Privatrechtes, das er nahezu vollendet
hinterliefi, soil aus seinem Nachlasse demnachst herausgegeben werden.
Von K.s bisher bekannt gewordenen wissenschaftlichen Arbeiten seien an-
gefiihrt:
»Einleitung in die Lehre von der Zession der Forderungen nach osterr.
Recht« (Habilitationsschrift aus dem Jahre 1872, abgedruckt in der Prager
Juristischen Vierteljahresschrift 1909); »Erorterungen aus dem Grundbuchs-
rechte« (in den Mitteilungen des deutschen Juristenvereines in Prag 1877/78);
»Zur Geschichte der Inhaberpapiere« (ebendas. 1878/79); »Der Legalisierungs-
zwang bei Tabularurkunden« (Wien 1880); »Uber den Entwurf eines Gesetzes
betr. d. Verfahren z. Zwecke der Todeserklarung etc.« (Mitteilungen 1882).
Das Anfechtungsrecht behandeln drei Schriften: »Das osterr. Anfechtungs-
recht* (Prager Jur. Vierteljahrschr. 1888, 1. 3. 4.); »Studien zum Gesetze
uber die Anfechtung« (Grunhuts Z. Bd. 14, 15). Diese beiden Schriften sind
Vorarbeiten zu dem Hauptw r erke »Das Anfechtungsrecht der Glaubiger nach
osterr. Rechte« (Wien-Prag-Leipzig 1889), nach dem Urteile von Schey »die
kurzeste und doch eine der inhaltsreichsten Darstellungen des gesamten An-
fechtungsrechtes«. Es erschienen ferner: »Der zivilrechtliche Inhalt des
Gesetzes vom 8. Marz i885« (Gewerbenovelle) in Grunhuts Z. Bd. 14; »Zur
23O Krasnopolksi.
Lehre von der Giiltigkeit des Titels als Erfordernis wirksamer Eigentums-
iibertragung« (Vierteljahrschr. 1891); »Der Schutz des redlichen Vefkehres
im osterr. Zivilrechte* (Prag 1892), eine gehaltvolle Schrift iiber den Schutz
des redlichen Erwerbers, worin K. die nicht vollig einheitlichen Bestimmungen
des a. b. G. B. einem hoheren Prinzip unterzuordnen versucht. Ferner der
Aufsatz: »Zur Lehre von den Vertragen zu Gunsten Dritter nach osterr. RechU
(Grunhuts Z. Bd. 22) 1895.
In die Jahre 1895/96 fallt der viel besprochene Streit mit Franz Brentano
um die Auslegung des § 63 a. b. G. B. (Priesterehen). Brentano hatte in
seinen zuerst in der »Neuen Freien Presses erschienenen Artikeln »Meine
letzten Wiinsche fiir Osterreich« (in Buchform bei Cotta 1895) die Frage
der Giiltigkeit der Ehe eines ehemaligen Geistlichen hoherer Weihen beruhrt.
K. veroffentlichte, zunachst ohne ausdriickliche Beziehung auf Brentano, in
Verings Archiv fiir Kirchenrecht einen Artikel ,,Zur Auslegung des § 63 osterr.
a. b. G. B. (impedimentum ordinis)*, worin er fiir die Ungultigkeit einer
solchen Ehe unter alien Umstanden eintrat. Hierauf erwiderte Brentano
in der Schrift »Noch ein Wort iiber das Hindernis der hoheren Weihen und
feierlichen Geliibde« (Wien, Manz 1895). Dagegen polemisierte K. »Ober den
§ 63 6. a. b. G. B., eine Replik«, welche zugleich mit seinem vorgenannten Artikel
(Mainz 1895) erschien. Brentanos Gegenschrift »Zur eherechtlichen Frage in
Osterreich, Krasnopolskis Rettungsversuch einer verlorenen Sache« (Guttentag
1896), rief eine in sehr gereiztem Tone gehaltene »Abwehr« K.s hervor: »Das
Ehehindernis der hoheren Weihen nach osterr. Recht« (Mainz 1896), worauf
nur noch eine kurze Replik Brentanos in der Wiener Wochenschrift »Zeit«
(1896) erfolgte.
Die Praxis der obersten Instanzen hat an der aufier von K. auch von
Rittner, Hussarek und einigen anderen vertretenen Auslegung bisher fest-
gehalten. Dagegen konnte sich Brentano auf Autoritaten, wie MaaBen, Gierke,
Glaser und Unger berufen. (Erst jiingst wieder hat Unger in seiner 19 10 ver-
offentlichten Schrift ^Priesterehen und Monchsehen usw.«, sein Votum fur die
Giiltigkeit der sogenannten Priesterehen abgegeben, und Brentanos Argumen-
tationen gegen die Vorwiirfe K.s in Schutz genommen.)
In den letzten Jahren beschaftigte sich K. mit familienrechtlichen Ar-
beiten »Der Verlobnisbruch im osterr. RechU (Wien 1904); »Beitrage zum
osterr. Familienrechte I, II (Jur. Vierteljahrsschr. 1904/05); ferner mit Fragen
des internationalen Privatrechtes »Staatsangehorigkeit oder Domizil? § 34
a. b G. B.« (Gellers Zentralblatt 1907); »Das Haager Obereinkommen vom
12. VI. 1902 zur Regelung der Gesetzes- und Gerichtsbarkeits - Kollisionen
in Angelegenheit der Ehetrennung und der Scheidung von Tisch und Bett«
(Jur. Vierteljahrsschr. 1908); endlich mit dem Schadenersatzrechte »Die Ver-
jahrung der Entschadigungsklagen; ein Beitrag zur Auslegung des § 1489
a. b. G. B.« (Gellers Zentralblatt 1907) und »Erorterungen aus dem osterr.
Schadenersatzrechte; zugleich eine Replik« (gegen Randa polemisierend)
(Gellers Zentralblatt 1908).
Seine letzte Arbeit war ein viel beachteter Vortrag »Die Anderung und
Erganzung einiger Bestimmungen des a. b. B. G.« (Wien 1908), in welchem
K. zu dem Reformentwurfe Stellung nahm und seine in zahlreichen Punkten
ablehnende Haltung gegeniiber der Regierungsvorlage vielfach uberzeugend
Krasnopolski. BUcheler. 23 1
begriindete. Ferner sei noch erwahnt, daB zwei Artikel in Mischler-Ulbrichs
osterr. Staatsworterbuch von K. herruhren: Der Artikel »Privilegien« und
der gediegene Artikel uber die »Haftpflicht der Eisenbahnen«.
K. hat auch, namentlich in fruheren Jahren, eine rege kritische Tatigkeit
entfaltet. Einzelne seiner Kritiken sind zu kleinen Monographien geworden
und haben eine mehr als vorubergehende Bedeutung erlangt, wie die Kritik
von Ogonowskis Eheguterrecht (Grlinhuts Z. Bd. 9) und die Besprechung
von Pfaffs Gutachten »Zur Lehre vom Schadenersatz und Genugtuung« (Krit.
Vierteljahrsschr. Bd. 22). —
Aus der historischen Schule hervorgegangen, hat K. sich von den Mangeln
dieser Richtung niemals vollig befreien konnen. Zwar blieb Ihering nicht ohne
Einflufl auf ihn, aber der volligen Abkehr neuerer Juristen von einem iiber-
triebenen Positivismus hat K. — ungleich dem bedeutend alteren Unger —
nicht zu folgen vermocht.
Seine Starke lag, wie Unger ubereinstimmend mit Robert v. Mayr hervor-
gehoben hat, »in seiner untibertrefflichen Kunst der Wortinterpretation, der
grammatikalischen Auslegung«. Unterstlitzt von einer griindlichen Kenntnis
der historischen Grundlagen des osterr. Rechtes und zwar nicht blofi des romi-
schen und deutschen, sondern auch des einheimischen Partikularrechtes war
er ein genauer Kenner des osterr. Burgerlichen Gesetzbuches, das er uberaus
hochschatzte. Doch ist nicht zu leugnen, dafi er allzusehr an dem Detail des
Gesetzes haftete, wahrend er andererseits die Bedeutung der Gesetzesmaterialien
fur die Auslegung der Gesetze iiberschatzte, weshalb ihm nicht ohne Grund der
Vorwurf der »Protokolljurisprudenz« gemacht worden ist.
Seine erfolgreichste Wirksamkeit entfaltete K. als akademischer Lehrer.
Durch mehr als 30 Jahre hat er den jungen Nachwuchs der Rechtsbeflissenen
in das Studium des burgerlichen Rechtes eingefuhrt und so den groBten Ein-
flufi auf die deutsch-bohmische Juristenwelt geiibt. Die Beriicksichtigung
der neuesten Literatur, Gesetzgebung und Rechtsprechung, die er mit unermiid-
lichem FleiCe immer wieder in seine Vorlesungen einflocht, das Streben nach
moglichster Pragnanz des Ausdruckes, sowie die stete Beriicksichtigung der
Forderungen des Berufslebens, im Verein mit einem uberaus eindringlichen
Vortrage sicherten seinen Vorlesungen das Interesse der Horer. Ob das Bild
seiner wissenschaftlichen Personlichkeit durch die Herausgabe des nachge-
lassenen Systems oder Kompendiums des osterr. Privatrechtes eine wesentliche
Anderung erfahren wird, mufi dem Urteil einer spateren Zukunft uberlassen
bleiben.
Literatur: Ulbrich (Deutsche Arbeit, Jahrg. 8, H. 4, mit Portr.), Kafka (Jur. Vjschr.
1 W. H. 1). C Klatscher.
Bucheler, Franz, ordentlicher Professor der klassischen Philologie, Geheimer
Regierungsrat, * 3. Juni 1837 zu Rheinberg, f 3. Mai 1908 zu Bonn. Sein uner-
warteter Tod iiberraschte und erschiitterte in nah und fern auf das schmerz-
lichste. Nirgendwo aber wurde der unersetzliche Verlust schwerer empfunden, als
an der Universitat Bonn, trotzdem der in vollem Besitz seiner Gcisteskraft und
auf der Hohe der Wissenschaft stehende, bis zu seinem Tod unermiidlich tatige
Gelehrte seit zwei Jahren von seinen Lehrverpflichtungen entbunden war.
232
Bucheler.
Die Landesuniversitat betrauerte in ihm einen der ausgezeichnetsten Sohne
des rheinischen Landes, einen ihrer ausgezeichnetsten Schuler und Lehrer,
die philosophische Fakultat ihren langjahrigen Senior: 38 Jahre lang hatte
B. in ihrer Mitte seine segensreiche und im wahren Sinne des Wortes unvergang-
liche und unvergeflliche Wirksamkeit ausgeiibt. B. wurde zu Rheinberg am
Niederrhein geboren, wo sein Vater Richter war, er besuchte die Gymnasien
zu Essen und Cleve und seit Ende 1852 die Landesuniversitat, um klassische
Philologie zu studieren. Unter seinen Lehrern, denen er in dem der Doktor-
schrift beigegebenen Lebensbericht ein schones Denkmal gesetzt hat, ist der
bekannteste der Herausgeber des Ptolemaus, Friedrich Wilhelm Wilberg, der
Direktor des Essener Gymnasiums. B. riihmte an ihm unter anderem auch die
milde und starke Hand, die den fruhreifen und hochbegabten Knaben, dem
mit 15 Jahren das Zeugnis der Reife erteilt werden konnte, seiner Zeit zurecht-
wies, als er sich in jenen politisch sehr erregten Zeitlauften auch als Volksredner
etwas verfruhte Lorbeeren zu erringen suchte. Hier in Bonn war es Friedrich
Ritschl, der die aufiergewohnliche Begabung des jungen Gelehrten in rich tiger
Weise einschatzte und auf die richtigen Bahnen leitete, insbesondere in den
tJbungen des philologischen Seminars, ein nach B.s eigenem Urteil »uniiber-
trefflicher Seminardirektor«, hierin Vorbild fiir ihn sowohl wie fiir seinen lang-
jahrigen Amtsgenossen und Freund Hermann Usener.
Richtige Wurdigung und Kritik der handschriftlichen Uberlieferung der
alten Schriftsteller, sachgemaBe Verwertung des zuverlassigeren Materials der
inschriftlichen Uberlieferung, insbesondere die Erkenntnis der jungfraulichen
Schonheit der Sprache der Romer in der groflten Zeit des Freistaats, wie sie
der Nachwelt durch die Verse des Plautus vermittelt wird, dies waren vornehm-
lich die Aufgaben, deren Behandlung der wissenschaftlichen Arbeit in jener
Zeit von Ritschl zugewiesen wurde, und an deren Losung B. wahrend seines
ganzen Lebens in einzigartiger Weise weitergearbeitet hat. Am 13. Marz 1856
erlangte er auf Grund seiner Dissertation De Ti. Claudio Caesare grammatico
die Doktorwurde, eine gekrontc Preisschrift unserer Bonner Universitat. Herbst
1856 — 1857 war B. Lehrer am Bonner Gymnasium; von dem nachhaltigen
Eindruck seiner Lehrtatigkeit in jener Zeit weifi noch jetzt unser Kollege Karl
Pelman, der damals sein Schuler war, in fesselnder Weise zu erzahlen. Sommer
1858 begann B. seine akademische Lehrtatigkeit an der Universitat Bonn,
in demselben Jahre wurde der Einundzwanzigjahrige als auBerordentlicher
Professor nach Freiburg i. Br. berufen und dort 1862 zum ordentlichen Professor
befordert. Eine reiche und vielseitige schriftstellerische Tatigkeit ging mit
seiner Lehrtatigkeit Hand in Hand. Die 1858 erschienene Ausgabe des Granius
Licinianus, deren Herstellung vornehmlich ihm und Usener verdankt wird,
war bedeutungsvoll fur seine Zukunfkund fiir die Zukunft unserer Universitat
und der klassischen Philologie. Sie brachte ihn in nahere Beziehung zu Her-
mann Usener und bewirkte in beiden Gelehrten das BewuBtsein ihrer gegen-
seitigen Hochschatzung und die Erkenntnis ihrer gegenseitigen Erganzung.
In demselben Jahr erschien die Ausgabe der Frontinschen Schrift iiber die
Wasserleitungen der ewigen Stadt, eines Buches, das wie kein zweites der
romischen Literatur als eine Frucht echt romischer Eigenart erachtet werden
muB, 1859 die Ausgabe des Peruigilium Veneris, das eines der anmutigsten
und an poetischem Wert einzigartigsten Erzeugnisse der Poesie der Kaiserzeit
BUcheler.
233
ist, aufierdem in jenen Jahren eine grofie Anzahl von Einzelabhandlungen
grammatischen, kritischen und Iiteraturgeschichtlichen Inhalts, durchweg aus-
gezcichnet durch die echt B.schen Eigenschaften der Klarheit und Treffsicher-
heit, der ausgebreiteten und vertieften Gelehrsamkeit, der unbedingten Wahr-
heitsliebe. Von jener Zeit an bis in die letzte Woche vor seinem jahen Hin-
scheiden bildeten solche kleineren und kleinsten Abhandlungen den kostbarsten
Schmuck des rheinischen Museums, der von ihm herausgegebenen Bonner
philologischen Zeitschrift. Eine seiner letzten schriftlichen AuCcrungen derart
beginnt mit den Worten: »Ich schreibe eine Palinodie«, ein lebendiges Zeugnis
seiner Wahrheitsliebe, die letzte bestatigt die 5. These seiner Promotionsschrift
durch einen neuen Fund, sie enthalt die Wiirdigung einer in Saturniern ab-
gefaCten Inschrift der Gracchenzeit. Drei Aufgaben, die er sich bereits in jungen
Jahren gestellt hatte, haben sein an Ruhm und Erfolgen reiches Leben vor-
nehmlich ausgefullt. Die erste war eine urkundliche Ausgabe des Romanes
des genialen Petronius Arbiter, dessen erste Bearbeitung 1862 erschienen ist.
Nur ein Meister der Kritik und ein Kenncr der lateinischen Sprache wie B.
konnte dieser Aufgabe gerecht werden. Es unterstiitzte ihn dabei sein feines
Verstandnis fur die kraftvolle Derbhcit und den urwiichsigen Humor im Leben
des niederen Volkes. Wer seine Erklarungen einzelner Verse und Szenen der
alten Komodie gehort hat, wer seine Erlauterungen zu einzelnen Stellen des
Petronschen Meisterwerks aufmerksam liest, mag oft daran erinnert werden,
daft die Wiege des feinsinnigen Philologen unweit der Grenze des Landes ge-
standen, das der Welt die Brouwer und Ostade, die Steen und Hals geschenkt
hat. 1866 folgte B. einem Ruf nach Greifswald. Dort nahm er die zweite Auf-
gabe, die er sich schon friiher gestellt hatte, in Angriff, die Sammlung der
lateinischen Inschriften in metrischer Form von den altesten bis in die spatesten
Zeiten. Das Werk erschien in zwei Banden 1895 — 1897, das umfangreichste
Werk, das B. verfafit hat, eine reiche Quelle der grammatischen, prosodischen ,
metrischen Belehrung fiir alle Forscher. Unter den behandelten Gedichten
befinden sich gewifi viele Denkmaler der Sprachgeschichte von einziger Be-
deutung fur die Wissenschaft, daneben aber auch viele unscheinbare Verslein
handwerksmaftiger Friedhofs- und Gallimathiaspoesie; alle sind mit der gleichen
Sorgfalt und Hingebung behandelt. Wer seine Vorlesungen gehort hat, dem
mag bei dem Studium dieses Werkes wohl der Gedanke des Bedauerns auf-
steigen, daft dieser glanzende Scharfsinn und diese weit ausgreifende Gelehr-
samkeit nicht einem Kunstwerk hoherer Gattung, etwa einer griechischen
Tragodie, einer Komodie oder dem Werk eines der groBen Alexandriner zugute
kommen konnte.
Im Jahre 1870 wurde B. »auf Useners Antrag, nicht ohne Kampfe in der
Fakultat, hauptsachlich um des Seminars willen«, als Nachfolger Otto Jahns
nach Bonn berufen, wie B. vor Jahren selbst in seinem Seminar berichtet
hat. AVohl in Erinnerung (an die gemeinsame Arbeit) scheute Usener keine
Muhe und keinen Kampf, um mich als scinen Kollegen nach Bonn zu bringen«,
ein Verdienst Useners um unsere Universitat, das so schwer wiegt, wie seine
grofiten wissenschaftlichen Verdienste, da dieses Zusammenwirken und nur
dieses Zusammenwirken die Lehrerfolge der beiden Bonner Philologen er-
moglichte. Hier entfaltete sich die Begabung des Lchrers und Schriftstellers
zur hochsten Bliite. Gerade die schwierigsten und muhseligstcn Aufgaben
234
Bttcheler.
reizten seinen Scharfsinn: fur die Erklarung des Plautus wahlte er deshalb
gerade den Truculentus, fur die Erklarung des Sophokles den Odipus auf
Kolonos. Die zerstorten Kolumnen der herkulanensischen Rollen, die schein-
bar heillos verderbten Zitate griechischer Dichter bei den lateinischen Metri-
kern wiederherzustellen, konnte nur einem Kritiker von seiner Begabung
gelingen. So unternahm er es auch, die schwer zu ergrtindenden Denkmaler
der italischen Dialekte zu erklaren, die dritte Aufgabe, die er sich in jungen
Jahren gestellt hatte, und deren Bearbeitung fur die Sprachdenkmaler der
Umbrer in dem 1883 erschienenen, Umbrica betitelten Buch vorliegt. Aber
seine wissenschaftliche Tatigkeit war keineswegs auf das Gebiet der italischen
Sprachen beschrankt. Schon 1869 hatte er durch seine Ausgabe des home-
rischen Hymnus auf Demeter auch auf dem Gebiet der griechischen Poesie
seine reiche Begabung darlegen konnen, 1885 legte er eine Ausgabe der neu-
gefundenen Inschrift von Gortyn vor, 1892 eine Bearbeitung des neu ent-
deckten Herondas.
Indessen gerade bei seiner Vorliebe fur die Ergriindung der dunkelsten
und schwierigsten Probleme zeigte er eine unvergieichliche Zuruckhaltung
und Besonnenheit in der sorgsamen Verwertung der Oberlieferung und der
Abweisung jeglichen Spiels phantastischer Kombinationen. Man kann zweifeln,
welche seiner hervorstechendsten Eigenschaften am meisten Bewunderung
verdient, die Gabe der schopferischen Divination oder die niichterne Besonnen-
heit und Mafiigung gegeniiber dem uberquellenden Gedankenreichtum seines
unermlidlich schaffenden Geistes. Kein Zweifel, daB er seinen Meister nicht
nur erreicht, sondern dafi er ihn bei weitem iiberholt hat.
Wer B.s Tatigkeit als Lehrer kennen lernen will, muB die zahlreichen
Nekrologe seiner Schiiler nachlesen, bei deren Niederschrift die Verehrung,
die Liebe und die Dankbarkeit sichtbarlich die Hand gefiihrt hat. Wie er hohe
Anforderungen an sich selbst stellte, so stellte er auch hohe Anforderungen
an andere, er konnte hart und schonungslos im Tadel vorgehen; in einzelnen
seiner Charaktereigenschaften, wie in dem oft jahlings aufbrausenden Tempera-
ment erinnerte er an den zweiten bedeutenden Sohn des niederrheinischen
Landes, der in demselben Jahr, wie er, vom Tode abgerufen wurde, den viel-
bewunderten und vielangefeindeten Leiter der Abteilung fiir die Universitaten
im preuflischen Kultusministerium. Aber der Schiiler erkannte bald, wie viel
sein Tadel wert war, und ftir wie unschatzbar sein Lob gelten konnte. Fiir
viele seiner Mitarbeiter, Schiiler und Freunde war sein Urteil der Kanon, und
diese Auffassung ist mit seinem Tode nicht untergegangen. Mehr wie viele
andere Gelehrte lebt seine eigenartige Personlichkeit in seinen Schriften weiter
fort. Wer die knappen, inhaltsschweren und doch so klaren Satze liest, glaubt
die Stimme des Verfassers zu horen und die warme, geistige Ausstrahlung der
groflen Personlichkeit tatsachlich um sich zu verspiiren. Kein Wort zuviel,
jedes Wort sorgsam erwogen, nichts war ihm verhaCter als Weitschweifigkeit.
Ein Augenzeuge berichtet, daB B. mehr Zeit brauchte zum Streichen, als
mancher andere, um ein Buch zu schreiben. An Ehren und Auszeichnungen,
an Anerkennung und Ruhm hat es ihm nicht gemangelt. Aber das hochste
Gliick in seinem Beruf war fiir ihn die von Jahr zu Jahr sich mehrende Er-
kenntnis, daB der Weg, den er ging, und den er andern zeigte, tatsachlich zur
Wahrheit gefiihrt hatte und zur Wahrheit fiihrte, zu der hehren und oft grau-
BUcheler. Althoff. 235
samen Gottin, die flir viele unnahbar und oft gerade den eifrigsten und f leifiigsten
Suchern ihre Pforten unerbittlich verschlossen halt.
Mit Genehmigung des Hr. Verfassers wiederholt aus der Chronik der Universitat Bonn
fur das Jahr 1908. Dazu Neue Jahrb. 1908, XXI, S. 358 — 64.
Friedrich Marx.
Althoff, Friedrich. * 19. Februar 1839 in Dinslaken, f 20. Oktober 1908 in
Berlin.- — In der Geschichte der preufiischen Unterrichtsverwaltung sind nur
wenige Zeiten zu nennen, die eine solche Kraft und Energie der Betatigung
und eine solche Fulle von Erfolgen aufzuweisen haben wie die Ara, die durch
den Eintritt A.s in die Unterrichtsverwaltung herbeigefiihrt worden ist. Von
einer solchen Ara wird man sprechen, wenn auch neben und mit A. gleichzeitig
andere hervorragende Manner in dem Unterrichtsministerium gewirkt haben,
und wenn auch nicht alles durch ihn geschaffen und gefordert worden oder
auch nur auf seine Initiative zuruckzufuhren ist. Aber seine Personlichkeit ist
so iiberragend und eigenartig, und was er getan, iibertrifft alles andere so an
Bedeutung, Fulle und schopferischer Energie, daS die Geschichtsschreibung
das Vierteljahrhundert, wahrend dessen er dem Unterrichtsministerium ange-
hort hat, mit seinem Namen bezeichnen wird.
Friedrich Theodor A. ist in dem am Niederrhein gelegenen Stadtchen Dins-
laken als der Sohn eines Konigl. Domanenrats geboren. Nachdem er in den
ersten Jahren privatim unterrichtet worden war, kam er mit etwa 12 Jahren
auf das Gymnasium in Wesel, das er schon 1856 mit dem Zeugnis der Reife
verliefl. Er bezog die Universitat Bonn, um Rechtswissenschaft zu studieren,
und gab sich dem frohlichen, ungebundenen Treiben des Studentenlebens hin.
Seinem munteren, sorglosen Sinne mochte es behagen: er hat sich rege daran
beteiligt, ist Korpsstudent gewesen, hat seine Mensuren geschlagen wie einer.
Zeitlebens hat er sich etwas von der Ungezw r ungenheit des Studenten bewahrt.
Wie sehr ihn das Leben fesselte, zeigt die Tatsache, dafi er erst nach zehn Se-
mestern sein erstes juristisches Examen, damals noch das Auskultatorexamen,
ablegte. 1864 wurde er Referendar; und als solcher verheiratete er sich, 25 Jahre
alt, mit Marie Ingenohl, die er wahrend seiner Auskultatorzeit in Neuwied
kennen gelernt hatte. 1869 bestand er mit Auszeichnung die Prufung als
Assessor; und er beabsichtigte nun, sich als Advokat beim Reichsoberhandels-
gericht in Leipzig niederzulassen und zugleich als Privatdozent zu habi-
litieren.
Mit diesen Planen noch beschaftigt, erhielt sein Leben eine entscheidende
Wendung. Nach Beendigung des grofien Krieges, an dem ihm zu seinem
Schmerze teilzunehmen nicht vergonnt war, wurde er im Fruhjahr 187 1 nach
StraOburg berufen. Er wurde in der Zivilverwaltungsbehorde mit dem Referat
fur Kirchen- und Schulsachen betraut und damit auf die Aufgaben hingeleitct,
denen er dann sein ganzes Leben widmen sollte.
Ein Gliick, das er stets dankbar empfunden und anerkannt hat, war es flir
ihn, dafi er hier in dem Oberprasidenten von Moeller einen Vorgesetzten fand,
der seine Begabung richtig einzuschatzen wufite und fur ihn in organisatorischer
Beziehung ein von ihm allzeit hochverehrter Lehrmeister wurde. Bald war es
A. vergonnt, an einer grofieren Aufgabe mitzuwirken.
236
Althoff.
Schon Mitte Juli 1871 war der friihere badische Minister, der Freiherr
von Roggenbach, beauftragt worden, in Strafiburg die Errichtung einer neuen
Universitat vorzubereiten. Am I. Mai 1872 wurde sie eroffnet. Unter den
neu ernannten Dozenten befand sich auch A., der eine aufierordentliche Pro-
fessur in der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultat erhielt. Gleich-
zeitig blieb er aber in der Verwaltung. Strafiburg war die erste Universitat,
in der neben das Vorlesungswesen in grofierem Umfange die Einrichtung von
Seminaren trat, um die Studenten auch zum selbstandigen Arbeiten zu er-
ziehen. Sie wurde in dieser Hinsicht spater fur die gesamten preufiischen Uni-
versitaten vorbildlich.
Auf welchem Gebiete A.s Begabung vorwiegend lag, daruber wurde er
sich wohl zuerst in dieser Zeit vollig klar. Bisher hatte er zwischen wissenschaft-
licher und praktischer Betatigung noch geschwankt. Erst in Strafiburg wurde
er sich dessen bewufit, dafi seine Befahigung auf dem organisatorischen Gebiete
lag. Auch seine einzige grofiere schriftstellerische Arbeit, die in der Strafl-
burger Zeit entstand, diente vorwiegend praktischen Zwecken. Es war ein
grofies Sammelwerk: die allgemeine Gesetzsammlung fur Elsafl-Lothringen, die
das geltende Recht zusammenstellte. 1880 wurde A. zum ordentlichen Pro-
fessor ernannt, aber mehr entsprach es seiner Begabung, dafi er zwei Jahre
darauf von dem Statthalter von Elsafi-Lothringen, dem Freiherrn von Man-
teuffel, in den Staatsrat berufen wurde.
Noch im selben Jahre, im Oktober, wurde er seiner Lebensaufgabe zuge-
fuhrt. Der damalige Kultusminister von Gofiler berief ihn zum vortragenden
Rate in das Ministerium, in dem er die Universitatsangelegenheiten zu bear-
beiten hatte. Durch seine jahrelange Tatigkeit als Professor mit dem inneren
Wesen und Betriebe der Universitaten vertraut und zugleich in der Verwaltung
erfahren, war er wie kaum ein anderer fur die Stelle vorbereitet, die durch
ihn eine bisher nicht dagewesene Bedeutung erhielt.
A. griff seine Aufgaben mit starker Hand an. Die Besetzung der Profes-
suren, die bisher im wesentlichen auf den Vorschlag der Fakultaten erfolgte,
nahm er selbst in die Hand. Gar manche wissenschaftliche Kraft verdankt es
diesem personlichen Eingreifen, dafi ihr der ihrer Bedeutung zukommende
Wirkungskreis geschaffen wurde. Privatdozentenstipendien ermoglichten es
auch nichtbeguterten begabten jungen Mannern die Universitatslaufbahn
einzuschlagen. Die ungeheure, vielfach vom Zufall abhangige Ungleichheit in
den Einnahmen der Universitatslehrer milderte er in gerechtem Sinne durch
eine Neuregelung der Honorarverhaltnisse und Gehaltszulagen. Fur die Kol-
legiengelder wurden Hochstbetrage eingefuhrt, die ohne Genehmigung des
Ministeriums nicht iiberschritten werden diirfen. Eine neue Stundungsordnung
hat manche Harte in der Eintreibung der gestundeten Honorare beseitigt. Fur
die Hinterbliebenen der Universitatslehrer hat A. durch Neuregelung der
Witwen- und Waisenkassen gesorgt.
Wie vieles ist nun aber unter ihm und durch ihn fur den inneren Ausbau
der Universitaten und fur die Forderung von Wissenschaft und Kunst geschehen!
Wie schon angedeutet, wurden nach dem Vorbilde Strafiburgs die Universi-
taten durchweg mit Seminaren, Laboratorien, Ubungsstatten versehen. Ein
dauernder Gegcnstand seiner Aufmerksamkeit ist das Leben und Lernen der
Studenten gewesen. Er hat den geregelten Fleifi derselben zu heben und die
Althoff.
237
besonders in der juristischen Fakultat herrschende Unsitte der Examenpaukerei
zu beseitigen gesucht. Aus diesem Grunde hat er mit Recht aufler der wissen-
schaftlichen Tiichtigkeit, die bisher fiir die Berufung der Hochschullehrer allein
im wesentlichen maflgebend gewesen war, auch auf die Lehrbefahigung groCeren
Nachdruck gelegt. Neben der theoretischen Unterweisung, auf die sich der
Universitatsunterricht friiher fast ausnahmslos beschrankte, hat er der prakti-
schen Selbstbetatigung des Studenten, hierin dem groBen Zuge der allgemein
padagogischen Bewegung folgend, Gelegenheit geschaffen. Ganz bedeutende
Einrichtungen sind aus dieser Einsicht fiir die Ausbildung der Mediziner ent-
standen. Die arztliche Priifungsordnung von 1901 verlangte die Einftihrung
des praktischen Jahres nach Abschlufl der Staatsexamen. Von solchen Motiven
unter andern geleitet, hat er den Kliniken an den Universitaten eine hervor-
ragende Ausgestaltung zuteil werden lassen. Die Dusseldorfer, die Kolner
Akademie fiir praktische Medizin, das Kaiserin Friedrich-Haus in Berlin sind
Institute, die eigens fiir diesen Zweck eingerichtet worden sind. Auch sonst
verdankt ihm die Forderung der medizinischen Wissenschaft sehr viel. Viel-
leicht darf man die Vermutung auBern, dafl es die Wissenschaft war, die seinem
Herzen am nachsten stand. Seine wichtigste Sorge ist es gewesen, die Gesund-
heit des Volkes zu heben und die seine Krafte untergrabenden Seuchen zu be-
kampfen. Mit alien dafiir dienenden Mitteln ist sein Name eng verknupft. Das
Institut fur Infektionskrankheiten, das konigliche Institut fur experimentelle
Therapie, das Kaiserin Auguste Viktoria-Haus zur Bekampfung der Sauglings-
sterblichkeit: es sind alles Grundungen, die A.s hervorragender Mitwirkung zu
verdanken sind. Sein Wirkungskreis erstreckte sich ja weit iiber seine mini-
sterielle Tatigkeit hinaus. Die oben angegebenen Stiftungen waren vorwiegend
schon privater Natur; aber in noch weit ausgedehnterem Mafie hat er private
Kreise zu wohltatiger Fiirsorge anzuregen gewufit. Selbst von der groBten
Unterstiitzungs- und Gebefreudigkeit hat er nach dieser Richtung hin geradezu
vorbildlich und erzieherisch gewirkt. Seinem tatkraftigen Eingreifen verdankt
das Deutsche Zentralkomitee zur Errichtung von Heilstatten fur Lungenkranke
seine Begriindung; und durch ihn wurde es dann weiter zur Internationalen
Assoziation zur Bekampfung der Tuberkulose ausgestaltet.
Fiir die Fortbildung der Verwaltungsbeamten hat er durch die Einrichtung
der Vereinigung fur staatswissenschaftliche Fortbildung gesorgt. Eine groBe
Zahl wissenschaftlicher Institute ist unter seiner Mitwirkung gegriindet worden.
Die Akademie zu Munster hat er zur Universitat ausgebaut, die Kaiser Wilhelm-
Bibliothek und Akademie in Posen verdankte ihm ihr Entstehen. Er hat die
technischen Hochschulen in bedeutender Weise gefordert und die zwischen
ihnen und den Universitaten vorhandene Kluft uberbriickt, indem er sie mit
verschiedenen Rechten ausstattete. In Danzig, in Breslau sind zum Teil unter
den grofiten Schwierigkeiten von ihm technische Hochschulen gegriindet worden.
Der neue Botanische Garten in Dahlem bei Berlin, auf dem er seine letzte
Ruhe gefunden hat, ist seine Griindung. In seiner Nahe erhebt sich eine ganze
Kolonie wissenschaftlicher Institute, die pharmakologische, die agrikultur-
chemische Anstalt, die ihr Entstehen seiner Unterstutzung und tatkraftigen
Forderung verdanken. Er hat es zustande gebracht, daB fiir die Universitats-
bilbliothek und die Konigliche Bibliothek in Berlin ein groBer, monumentaler
Neubau errichtet wird, der bald seiner Vollendung entgegengeht. Wenn die Ber-
238 Althoff.
liner Universitat ihre Hundertjahrfeier demnachst in einer neuen, den moder-
nen Anspriichen geniigenden Aula abhalten konnen wird, so ist dies A.s Werk.
1897 wurde A. Ministerialdirektor und gewann nun auch EinfluB auf das
hohere Schulwesen. Mit fester Hand bemachtigte er sich auch hier sofort der
neuen Aufgaben. Er berief bei passender Gelegenheit geeignete tiichtige Mit-
arbeiter und loste mit ihnen eine Reihe schultechnischer und materieller
Schwierigkeiten gewichtigster Art. Die in Preufien bestehenden drei Arten
hoherer Lehranstalten, die Oberrealschule, das Realgymnasium und das Gy-
mnasium wurden grundsatzlich als gleichwertig anerkannt und erhielten im
allgemeinen die gleichen Berechtigungen. Neue Lehrplane, eine neue Prufung
fur die Reifeordnung, eine neue Versetzungsordnung folgten. Eine grofiere
Bewegungsfreiheit auf der Oberstufe der hoheren Schulen wurde gewahrt und
Erleichterung in dem Ubergang von einer Anstaltsgattung zur andern geschaffen.
Lange gehegte Wiinsche padagogisch einsichtiger Manner gingen mit diesen
Taten in Erfiillung. Der korperlichen Erziehung der Jugend wurde grofiere
Aufmerksamkeit als bisher zuteil. Die Verhaltnisse der nicht bei ihren Eltern,
sondern in Pensionen wohnenden Schuler liefl er untersuchen und die darin
herrschenden Miflstande abstellen. Den Gedanken, Familienalumnate fiir diese
Schuler zu errichten, in denen auch die Frau ihren wohltuenden erzieherischen
EinfluO geltend machen konnte, hat A. mit grofiter Energie zu verwirklichen
gestrebt; und eine ganze Reihe von Grundungen der Art verdanken diesem
unablassigen Bemlihcn ihre Entstehung.
Kaum hatte er die Leitung des hoheren Schulwesens iibernommen, so
nahm er auch die Regelung der materiellen Lage und der Standesfrage der
Oberlehrer in die Hand. Durch die Reform der Prufungsordnung fiir die Kandi-
daten des hoheren Lehramts schuf er die Einheitlichkeit des Oberlehrerstandes,
der im alten System durch die verschiedene Klassifizierung der Priifungs-
zeugnisse in mehrere Kategorien zerfallen war. A.s unermudliche Energie hat
es zustande gebracht, dafi der lange gehegte Wunsch der Oberlehrer, mit den
Richtern gleichgestellt zu werden, endlich in Erfiillung ging. Er hat sie in bezug
auf Titel und Rang hoher gestellt, er hat ferner ihre Stellung dadurch zu heben
gesucht, dafi er einzelne Vertreter des Standes in die Unterrichtsverwaltung
zog. Um die wissenschaftlich tatigen unter ihnen zu fordern und ihnen die
Arbeit zu erleichtern, ist durch ihn eine grofiere Summe in den Etat eingesetzt
worden. Auch fur ihre Hinterbliebenen hat er sich die Forderung der Witwen-
und Waisenkassen angelegen sein lassen, und sie selbst hat er mit den iibrigen
Gelehrtenkategorien in der kurz vor seinem Tode gegrundeten »Wilhelmstiftung
fiir Gelehrte« bedacht, der dann durch den Kaiser der Name »Friedrich Althoff-
Stiftung« verliehen worden ist.
So reiht sich in fast unubersehbarer Folge Tat an Tat; es ist nur das Wich-
tigste, w r as hier genannt werden kann. Auch eine grofie Zahl literarischer
Unternehmungen, die seiner Anregung und Unterstiitzung ihre Entstehung
verdanken, waren hervorzuheben. Wir miissen darauf verzichten, wie wir es
auch unterlassen miissen, auf die bedeutsame Betatigung aufierhalb seines
Ressorts und nicht zuletzt auf die im Stillen geiibte private Wohltatigkeit ein-
zugehen, die er geubt hat.
Die luckenhafte und teilweise Aufzahlung der wichtigsten Taten und
Schopfungen A.s vermag nur einen schwachen Begriff von der Bedeutung
Althoff.
239
seines Werkes zu geben. Niemand sieht es diesen paar Taten an, welche iiber-
menschliche Arbeit und unsagliche Muhe dazu gehort hat, sie zustande zu
bringen. Wir vermogen nur zu ahnen, welche Menge von Widerstanden, Schwie-
rigkeiten starkster Art vielfach zu iiberwinden waren, welche Gefahren er be-
stehen muflte, um zum Ziele zu gelangen. Erst dem kunftigen Historiker, dem
sich das ganze Triebwerk von Motiven, Hemmnissen, Gegenwirkungen ent-
wirrt, wird sich die Bedeutung dieses Mannes in ihrem vollen Lichte zeigen.
Gewifi ist er nicht der Schopfer aller dieser Gedanken gewesen, die hier Wirklich-
keit geworden sind; sicher hat er vielfach die Anregungen und selbst die Ideen
von seinen Mitarbeitern und von Drauflenstehenden erhalten; aber er hat sie
zu nutzen gewuBt, ihnen die flir die Wirklichkeit der Dinge brauchbare Gestalt
gegeben und sie in die Tat umgesetzt. Eine so vielfaltige, ausgedehnte und erfolg-
reiche Tatigkeit war nur durch eine seltene Vereinigung bedeutender Eigen-
schaften des Korpers, Geistes und der Seele moglich.
A. soil zum Militardienst wegen eines Herzfehlers nicht tauglich gewesen
sein. Niemand hatte in dem massiven, grofien, starken Manne einen solchen
organischen Fehler vermutet. Sein Korper war den groflten Anstrengungen
gewachsen. Er war von rastlosem Fleifie. Vergnugungen und Erholung kannte
er nicht. Sein Leben war unausgesetzte Arbeit. Gerade dafi er sich ein paar
Nachtstunden Ruhe gonnte. Auf der Fahrt und dem Gange zum und vom
Bureau sah man ihn meist mit einem Mitarbeiter oder sonst einem Bekannten
im Gesprach. Es waren immer zur Sache gehorige Fragen, die erortert wurden.
Traf er unterwegs diesen oder jenen von den zahllosen Menschen, die er kannte,
so hielt er ihn wohl an und hatte gleich den einen oder andern Gegenstand mit
ihm zu besprechen. Sein erstaunliches Gedachtnis hielt ihm die Unsumme
seiner Ideen und Interessen stets bereit, so dafi er in jedem Augenblick imstande
war, sich Auskunft zu erholen, andere Meinungen zu horen, Auftrage zu erteilen.
Sein Geist war in bestandiger Bewegung. Er besafi eine ungemein schnelle
Auffassungsgabe. Wenn er bei Vortragen ungeduldig wurde oder sich noch
starker ablehnend auflerte, so lag das zum Teil daran, dafi er den Sinn dessen,
was der Redende ihm sagen wollte, langst erfafit hatte, wenn dieser sich noch
Muhe gab, seine Sache darzulegen. Die Schnelligkeit des Denkens vermehrte
seine Leistungsfahigkeit in der Bewaltigung der Unmenge von Arbeit, die ihm
jeder Tag brachte.
Aber das erklart nicht seine Erfolge. Wesentlich war doch vor allem,
dafi er eine seltene Befahigung fur die Wirklichkeit der Dinge besafi. In ihm
war nichts von einem Theoretiker. Er war kein Mann des abstrakten Denkens.
Sein Interesse war ganz auf die Welt der Wirklichkeiten gerichtet. Es war sein
bestandiges Streben, selbst die Dinge, Verhaltnisse und Menschen kennen zu
lernen, mit denen er in seinem Berufe zu tun hatte. Sein durchdringender
Verstand enthiillte ihm die Motive der Menschen und legte ihm die in den
Dingen wirkenden Triebkrafte blofi. Was man Welt- und Menschenkenntnis
zu nennen pflegt, besafi er in seltenem Grade. Aber es war kein theoretisches
Wissen. Es war alles in ihm plastische Anschauung und lebendige Erfahrung.
Mit dieser Erkenntnis des Bestehenden verband sich nun ein starker Reform -
eifer, ein Bedurfnis, wirklich vorhandenen Mifistanden und Schaden oder doch
von ihm als solche beurteilten abzuhelfen. Fiir alle ernstgemeinten Reform -
absichten und Vorschlage hatte er stets ein williges Ohr. Er liebte es dabei, die
24O Allhoff.
verschiedensten Meinungen zu horen. Nie war ein Mann weniger von vornherein
fiir eine Ansicht eingenommen als er. Es war der Beweis einer ungemein seltenen
Objektivitat, dafi er fremde Ansichten der widersprechendsten Art auf sich
einwirken lassen konnte. Es war eine Art geistiger Selbstentauflerung. Dieser
hochst eigenartige und individuelle Mensch konnte seine Personlichkeit ganzlich
hinter die Sache zuriickstellen. Es lag das tief in der sittlichen Anlage seiner
Natur begrundet.
Ein starkes Gerechtigkeitsgefuhl bildete die Grundlage seines Wesens.
Gewalttatige Unterdriickung war ihm zuwider. Er freute sich, von sich sagen
zu konnen, dafi er nie eine Hetze mitgemacht habe, keine Juden- und keine
Katholikenhetze. Das Wort: Pectus facit theologum wandte er gern auf den
Politiker an. Herz verlangte er vom Staatsmanne, Herz und Gerechtigkeits-
sinn. Diese ruhige, rein sachlich abwagende Bewertung der Dinge und Ver-
haltnisse war wohl der tiefste Grundzug seines Wesens, gleichsam seine Welt-
und Lebensanschauung. Die Vielgestaltigkeit der Wirklichkeit und Mannig-
faltigkeit der Uberzeugungen und Bestrebungen nahm er als eine gegebene
Tatsache hin. Er selbst hat sich mit keiner von ihnen identifiziert; er ist kein
politischer, kein religioser und kein wissenschaftlicher Parteimann gewesen.
Soweit es in seiner Kraft stand, hat er in diesem Geiste zu wirken gesucht.
Aber der Starkste mufl mit den Machten der Welt rechnen. Wer in der Wirklich-
keit etwas zustande bringen und schaffen will, kann nicht alles w T ollen, nicht
unerreichbaren Idealen nachstreben. Auch A. hat ein solches vorgeschwebt.
Es kommt in der bezeichnenden Aufierung zum Ausdruck, die er kurz vor seinem
Tode getan hat: er mochte einen Weltbund der Toleranz stiften. Aber das ist
das GroOe an ihm, dafi er seine Ziele nur so weit zu erreichen strebte, als es unter
den wirklichen Verhaltnissen moglich war. Dieser Einsicht und Selbstbescheidung
verdankt er seine groflen und zahllosen Erfolge.
A. war ein Meister im Handeln. Er besaC die grofle Kunst, das Rechnen
mit den Moglichkeiten. In der Natur kennt man die Wirkung, wenn die'Ursachen
bekannt sind. Anders in der Welt der Freiheit, im menschlichen Leben. Hier
bringt jede Tat, jede Einwirkung eine Fulle von Moglichkeiten, um so mehr, je
weiter sich die Wirkung erstreckt. Und in jedem Stadium des Handelns ver-
andern sich die moglichen Falle. Wer Erfolge erzielen will, wird die sich als
moglich ergebenden Wirkungen erwagen und bei jedem Schritte, den er in
seinem Handeln vollzieht, die Vielgestaltigkeit und Mannigfaltigkeit der Ver-
anderungen uberlegen mussen. Diese Gabe, zu ermessen, was sich aus seinen
Handlungen an Moglichkeiten ergeben konnte, besafi A. in erstaunlichem Grade.
Es ist die wichtigste Begabung des praktisch ins Grofle wirkenden Menschen.
Seine Virtuositat in der Beherrschung von Dingen und Menschen, das
Gefiihl iiber den Dingen zu stehen, reizte seine Gestaltungskraft und schopfe-
rische Begabung. Nicht blofl der Dichter, der eine Welt in seinem Geiste schafft,
auch der organisatorische Genius besitzt Phantasie. Sie greift schaffend in
die Wirklichkeit ein. A. besafl sie in reichem Mafle. In der Betatigung seines
schopferischen Vermogens beschrankte er sich nicht immer nur auf die ihm
gcrade vertrautesten Verhaltnisse; manche seiner Handlungen erklart sich
allein aus der Freude an dem uberquellenden Kraf tgeftihl, die Dinge und Menschen
meistern zu konnen. Je schwieriger die zu bewaltigenden Verhaltnisse waren,
je starker ihn die Wogen umtosten, um so mehr wuchs seine Kraft. Es war
Althoff.
241
eine Art asthetischen Genusses, den er wie jeder grofie aktive Mensch im Kampfe
empfand. Dafi er dabei bisweilen eine Schlappe erlitt, will gegen die Fiille von
Erfolgen nichts bedeuten.
In seinem Handeln ermaB er genau den Zeitpunkt, wenn er seine Absicht
ins Werk setzen und zugreifen zu konnen glaubte. Die vorbereitenden Schritte
tat er mit groCter Behutsamkeit und Vorsicht.
Daraus erklart sich das vorsichtige und bedachtige Hin- und Hererwagen,
das Liegenlassen und Wiederaufnehmen von Planen, das ganzliche Aufgeben
von solchen, wenn der Zeitpunkt zu ihrer Durchfuhrung noch nicht gekommen
schien. Von alien Seiten erwog er eine Sache; er horte die Ansichten anderer
daruber, und wer ihm etwas dazu zu sagen hatte, war ihm recht. Wieweit er
freilich davon Gebrauch machen wollte, stand ganz bei ihm. Auf sein Urteil
und seine Entscheidung hatte niemand Einflufi; die behielt er sich vor.
Hatte er seinen Entschlufl gefafit, so ging er mit uberraschender Energie
und Kuhnheit zu Werke. Alle Mittel waren ihm dann recht, um zum Ziele zu
gelangen. Auch krumme Wege ist er gegangen. Wer im praktischen Leben
erfolgreich wirken will, kann nicht immer den Grundsatzen einer idealen Ethik
entsprechend handeln. Er mufi den Mut haben, das Schlechte und Gemeine
zu beriihren; er darf sich nicht scheuen, willige und geftigige Kreaturen zu be-
nutzen, die nicht ganz sauber sind; er kann Schliche, Listen und Ranke nicht
vermeiden, weil die Welt mit ihnen operiert. Der Ethiker und Padagoge
mag erziehen, dafi es besser werde, der Praktiker mufi die Welt und Menschen
nehmen, wie sie sind.
A. hat solche Mittel benutzt, und er hat sie weder beschonigt noch vor sich
zu rechtfertigen versucht; er sah ein, dafi es nicht anders ging. Er hat auch
vor andern kein Geheimnis daraus gemacht, dafi er nicht immer gerade Wege
ging. Aber wenn er es tat, so geschah es doch stets um der Sache willen. Nie
hat der Mann einen aufieren personlichen Vorteil gesucht. Fur den aufieren
Schein der Welt hatte er keine Augen. Damit hing auch ein wesentlicher Zug
seiner Menschenbeurteilung zusammen. Man hat gemeint, er ware ein Menschen-
verachter gewesen. Nichts unrichtiger als das. Gewifi erkannte er mit seinem
scharfen Blick die aus Eitelkeit, Ehrgeiz und den vielen kleinen Leidenschaften
bestehenden Motive der meisten Menschen; sie traten ihm in seiner Stellung
unverhiillter und haufiger entgegen als andern Sterblichen; und er hat sie wohl
nicht immer zart angefafit und glimpflich behandelt. Aber dafi ihn widrige
Erfahrungen der Art zum Menschenverachter gemacht hatten, davon war nichts
zu spiiren. Es hatte auch zu seinem ganzen Wesen nicht gepaflt. Es lebte in
ihm ein viel zu starkes Gefiihl fur die Gebrechlichkeit und Schwache der
menschlichen Natur. Und dann hatte er auch wieder ein tiefes Verstandnis
fur das rein Menschliche, wie es sich bei Mannern in so bedeutender Stellung
nur sehr seiten findet. Aufierer Rang, Wiirde und Ehre vermochten ihm
nicht zu imponieren. Danach hat er nie Menschen beurteilt. Es gab nichts
Gleichgiiltigeres fur ihn. Sein eigenes Leben ist Beweis dafur. Uber die
Stellung des Ministerial-Direktors hat er nie hinausgestrebt, wiewohl ihm
hohere Amter sicher nicht verschlossen gewesen waren.
Den einfachen Mann behandelte er mit derselben inneren Vornehmheit
und Achtung wie den Hochgestellten. In seinem Wesen lag uberhaupt etwas
Reines und Kindliches; und eine Naivitat des Gemtits kam bisweilen zum
Biogr. Jahrbuch u. Deutschcr Nelcrolog-. 13. Bd. 1 6
242
Althoff. Vecchioni.
Vorschein, die niemand dem welt- und menschenkundigen Manne zugetraut
hatte. Er konnte sich harmloser Freude und frohlichem Scherze hingeben und
zum Arger von gar manchem ernste Debatten und Verhandlungen durch solche
Harmlosigkeiten unterbrechen und in die Lange Ziehen. Wie ernst sein Geist
mit dem Bedeutendsten beschaftigt war, hatte er doch Sinn und auch immer
Zeit noch ubrig fur die Kleinigkeiten des Lebens. Darum liebten ihn auch
besonders die, die hierfur das meiste Verstandnis haben, die Kinder und die
Frauen. Es mag seltsam klingen, aber es ist wahr, es ging ein Zauber von
diesem Manne aus und eine belebende Kraft, die sich dem mitteilte, der ihm
nahertreten konnte. Und eine Keuschheit lag iiber seinem Wesen, die man
erst ganz empfand, wenn man gelegentlich von seinen stillen Wohltaten, von
seiner zarten Fiirsorge flir Beladene und Bekummerte, von seinem heimlichen
Streben, Gliick zu stiften und Freude zu bereiten, erfuhr.
A. war ein Mensch mit seinem Widerspruch; es wird fur den Biographen
unendlich schwer sein, sein inneres Wesen zu volliger Klarheit zu bringen. A. ist
eine der kompliziertesten Naturen gewesen; und niemand darf sich wohl riihmen,
dafi er sich ihm ganz offenbart hatte. Er liebte es, sich zu verhullen; und indem
Scherz und Ernst in seinen Worten durcheinanderspielten, war meist schwer
zu erkennen, was er wirklich meinte. Aber offenkundlich war jedem die uner-
mudliche Arbeitskraft und Arbeitsfreude. Als er am I. Oktober 1907 sein Amt
niederlegte, gonnte er sich nicht ein otium cum dignitate, sondern wirkte rastlos
weiter. Noch auf seinem Krankenbette gab er dem neben ihm sitzenden Ge-
hilfen, haufig schon von Schwacheanfallen unterbrochen, letztwillige Verfugun-
gen und traf seine Anordnungen bis ins Kleinste hinein, bis auf die Liste von
Freunden und Bekannten, denen sein letzter GruC uberbracht werden sollte.
Und als die Todesschatten seinen Geist umfingen, schlofi er sein Tagewerk mit
den Worten zu dem neben ihm sitzenden jungen Freunde: »Sie wissen nicht,
wie schon Sterben ist« Seine letzte Ruhestatte hat er auf dem Botanischen
Garten in Dahlem gefunden.
Literatur: Paulsen, Friedrich Althoff. Internat. Wochcnschr. Herausg. von
Paul Hinneberg. 1907, Sp. 967 ff. — Ad. Harnack, Friedrich Althoff. Ebenda 1908,
Sp. 1377 ff. — Lexis. Ebenda. — Sachse, Friedrich Althoff. Ein Charakter- und Lebensbild.
Deutsche Revue 1907. Max Klatt, Althoff und das hdhere Schulwesen. Ein Vortrag.
Berlin 1909. Weidmann. — Wilh. Munch, Friedrich Althoff, der preuBische Ministerial-
Direktor. Grenzboten 1909, S. 97 ff. — Ad. Matthias, Friedrich Althoff. Blatter fur hOheres
Schulwesen 1907, S. 162 ff. Alfred Heubaum.
Vecchioni, August Napoleon, * 10. Januar 1826 zu Zweibrucken, f 14. Febr.
1908 zu Munchen. — Sein Vater, ehemaliger franzosischer Militar, hatte sich
nach den Napoleonischen Kriegen in Zweibrucken als Kaufmann niedergelassen
und mit einer Pfalzerin vermShlt; doch schon 1830 iibersiedelte er mit seiner
Familie nach Munchen. Dem Willen des Vaters gemafi, widmete sich V. dem
Kauf mannsstande ; doch fand er daran wenig Gef alien und setzte zuletzt die
unterbrochenen humanistischen Studien unter Leitung eines tiichtigen
Munchener Professors privatim fort. Im Herbst 1847 trat er i n die Oberklasse
des Gymnasiums in Speyer ein. Die Februarrevolution hinterlieB einen tiefen
Eindruck bei den damaligen Speyerer Gymnasiasten, die sich auch in den Waff en
iibten, da man den Einfall franzosischen Gesindels in die Pfalz befurchtete.
Vecchioni.
243
Im Oktober 1848 bezog V. die Universitat Miinchen und stiirzte -sich sogleich
in die hochgehenden Wogen der politischen Bewegung der bayerischen Haupt-
stadt. Er ward nicht nur ein eifriges Mitglied einiger wegen ihrer antimonar-
chischen Tendenz der Regierung hochst miflliebiger Vereine, sondern auch
riihriger Mitarbeiter an dem radikalen »Vorwarts«, einer der zahlreichen
Zeitungs-Eintagsfliegen, die >>das tolle Jahr« zu kurzlebigem Dasein hervorgelockt
hatte, sowic an dem zahmeren »Eilboten«. Im Dezember des gleichen Jahres
iibernahm er die Redaktion des im extremsten demokratischen Fahrwasser
segelnden »Gradaus«, und der damalige »Erzrevolutionar, der in Fiirstenblut
watete«, machte, wie so viele andere, hier kein Hehl aus seiner ultrademo-
kratischen Gesinnung, die bei der politischen Zerfahrenheit unseres Vaterlandes
das Heil desselben nur in der Grundung einer deutschen Republik erblickten.
Wegen einiger stark geharnischter Artikel im »Gradaus« gegen unleugbare
politische Miflstande wurde V. im April 1849 verhaftet und im Juli desselben
Jahres vor das Schwurgericht gestellt. Den freigesprochenen Angeklagten
begleitete eine groCe Volksmenge im Triumph nach Hause. Trotzdem schlofi
ihn der Senat der Universitat Miinchen wegen seiner journalistischen Tatigkeit
auf 3 Jahre vom Besuche der dortigen Hochschule aus. Diese Maflregelung
erbitterte V. noch mehr, und in seinem Blatte, das Ende des Jahres 1850 einging,
gab er dieser gereizten Stimmung entsprechenden Ausdruck. Allerlei Schikanen
der Polizei, namentlich aber der Mangel einer gesicherten Existenz, veranlaflten
ihn im Oktober 1852, mit seiner jungen Frau (er hatte sich am 3. Marz 1850
verehelicht) und zwei Kindern nach Amerika auszuwandern. Zuerst wandte
er sich nach Dalton in Georgia, dann nach New York, wo er als Mitredakteur
der Zeitung »Reform« wenigstens fur einige Zeit der bittern Not enthoben war,
die ihn im Lande der Freiheit hart bedrangt hatte und zuletzt (im Oktober 1855)
zur Riickkehr in die Heimat trieb. Wahrend des osterreichisch-italienischen
Krieges grundete V. in Miinchen die politische Tageszeitung »Der Staatsburger,
Organ fur Freiheit und RechU, die, zwar grofldeutsch gesinnt, doch »das
faule osterreichische System« heftig bekampfte und die damalige Zerrissenheit
Deutschlands lebhaft beklagte. Am 28. Juni 1859 erschien die erste Nummer
des Blattes, das schon am 30. Oktober des gleichen Jahres wieder einging,
weil die Polizei die Kolportage desselben verboten hatte. Vom Januar bis
Juli 1862 war er Redakteur an der »Siiddeutschen Presse«, dann Iibernahm
er die Leitung der 1848 von Schurich begriindeten, von Julius Knorr iiber-
nommenen »Miinchener Neuesten Nachrichten«. Mit Knorr wirkte V., »der
Vater des Munchener Liberalismus«, schon friiher flir die planmafiige Aus-
breitung der liberalen Bewegung in der bayerischen Hauptstadt mit rastlosem
Eifer und legte dadurch den Grund zu den spateren Wahlsiegen seiner Partei,
von 1869 an. Fur die Idee der Freiheit und des Kulturfortschritts trat er in
Wort und Schrift, in Reden wie in Flugblattern, Aufrufen und Broschuren,
namentlich aber in der von ihm gelciteten Zeitung mit der ganzen Leiden-
schaftlichkeit seiner Feuerseele ein. Das Geschick Schleswig-Holsteins lag
ihm ebenso auf dem Herzen wie die Wiederberufung des deutschen Parlaments
und die von Bismarck geforderte Reform der Bundesverfassung des Vaterlandes.
Den Krieg von 1866 beklagte er zwar tief, doch nannte er ihn »einen klihnen
Schritt zur Trennung der siamesischen Zwillinge«. Mit Entschiedenheit be-
kampfte er die unselige Triasidee und forderte den Eintritt Siiddeutsch-
16*
244
Vecchioni. Mailer. Paulsen.
lands in den norddeutschen Reichstag. Als im Juli 1870 unpatriotische
Abgeordnete der zweiten bayerischen Kammer Bayern zum Ausschlufl von
der nationalen Bewegung und zu einer bewaffneten Neutralitat drangen
wollten, da verfafite V. mit seinen Freunden Freiherrn von Stauffenberg und
Hofrat Henle einen ziindenden Aufruf an das Volk, der sich machtvoll dagegen
erhob und zu dem deutschnationalen Umschwung in der Kammer auch das
Seine redlich beitrug, ebenso wie V.s patriotisch tiefempfundene Artikel in
den »Miinchener Neuesten Nachrichten«. Auch in seinem ferneren politischen
und journalistischen Wirken bekundete er hohe nationale Gesinnung, verbunden
mit freiheitlicher Lebensanschauung. Wie friiher ausschliefilich gegen die
ultramontane Partei, so fiihrte er' nun auch einen erbitterten Krieg gegen die
Sozialdemokratie, und ein liberales Burgertum hielt er fur den »besten Damm
gegen die sozialdemokratische Sturmflut«. Dem liberalen Verein Miinchen
widmete er einen grofien Teil seiner Kraft und Zeit, und von 1869 an entwarf
er fast alle Wahlprogramme zu den Landtags-, Reichstags- und Gemeinde-
wahlen fiir denselben. Seiner unermiidlichen Tatigkeit fehlte es nicht an ver-
dienten Ehrungen, namentlich bei seinem 70. und 80. Geburtstage, besonders
aber bei seinem (durch den Tod seines langjahrigen Freundes Julius Knorr und
durch ein asthmatisches Leiden veranlaBten) Riicktritt von der Leitung der
»M. N. N.« am 14. September 1881. Die Verleger dieses Blattes (Th. Knorr und
Gg, Hirth) ruhmten in diesem die Lauterkeit seines politischen Wirkens und
seine umsichtige redaktionelle Tatigkeit, die weit liber das Mafi gewohnlicher
Pflichterfiillung hinausging. Doch V. entsagte auch jetzt der publizistischen
und politischen Wirksamkeit noch keineswegs und bewahrte sich bis in sein
hohes Alter eine staunenswerte geistige Frische. Am 14. Februar 1908 raffte
ihn ein schmerzloser Tod nach kurzer Krankheit dahin. Seinen Grabstein auf
dem sudlichen Friedhof in Miinchen schmlickt ein vom Bildhauer Kielhorn
modelliertes, wohlgelungenes Reliefportrat. A n
Miiller, Georg, Historiker, * 30. Mai 1838 in Obervorholzen, B. A. Rotten-
burg (Niederbayern), f 5. Okt. 1908 in Schierling, B. A. Mallersdorf (Nieder-
bayern), Der Sohn schlichter Bauersleute, studierte er am Gymnasium zu
Landshut, hierauf am Lyzeum zu Regensburg und empfing daselbst am 31. Marz
1866 die Priesterweihe. Als Hilfsgeistlicher wirkte er an verschiedenen Orten
in Niederbayern, dann als Benefiziat in SchloC Egg bei Deggerdorf, in Hailing,
B. A. Straubing und zuletzt, vom 20. Januar 1897 bis zu seinem Ableben,
in Schierling. Von seinen geschichtlichen, meist in Zeitschriften veroffentlichten
Arbeiten verdienen >>Die Schlacht von Eggmuhl« und »Die Geschichte von
Hailing« besondere Erwahnung. * n r e v e r
Paulsen, Friedrich, Universitatsprofessor der Philosophic, * 16. Juli 1846
in Langenhorn, f 14- August 1908 in Steglitz. — Friedrich Paulsen kam in einem
Bauernhause des nordfriesischen Dorfes Langenhorn, das zu dem damals
danischen Herzogtum Schleswig gehorte, zur Welt. Seine Vorfahren hatten
sich Jahrhunderte hindurch als Seefahrer den Lebensunterhalt verdient und
waren auf den Halligen ansassig gewesen, bis die furchtbare Sturmflut des
Paulsen.
245
Jahres 1825 ihre Heimstatte auf Oland zerstorte. Darauf siedelte die Familie
nach der festlandischen Kliste liber. Paul Frerck Paulsen, der Vater des Philo-
sophen, machte jene Schreckensnacht als zwanzigjahriger Mann mit durch.
Sein Sohn schildert ihn als einen in harter Arbeit Genuge findenden schweig-
samen Friesen, dessen ernstes und wiirdevolles Antlitz durch die hellen blauen
Augen einen Zug freundlicher Milde erhielt, — als einen Mann von klarer Be-
sonnenheit, »dessen Ja und Nein gait, wo er sprach« und der in der Dorf-
gemeinde die hochste Achtung genofl. Beide El tern standen den »Stillen im
Lande« nahe und namentlich die Mutter (Christine, geb. Ketelsen, * 1818 im
Nachbardorfe Enge) hatte seit ihrer »Erweckung« etwas Weltabgewandtes.
Doch war sie frei von allem kopfhangerischen und bigotten Wesen: von Haus
aus war sie eher eine »Frohnatur«, und auch die »Lust zum Fabulieren* war
ihr trotz des natiirlich in engem Rahmen verlaufenen Unterrichtes, den sie
genossen, nicht fremd, — sie hatte sich »ganz aus eigenem Vermogen eine sehr
achtbare Leichtigkeit schriftlicher Mitteilung gewonnen«, — so dafl P. die be-
kannten Zeilen Goethes treffend auf sich selbst und seine Eltern anwenden
konnte. Wenn die Mutter, geistig regsam wie sie war, in spateren Jahren
gem einmal in die theologischen Kollegienhefte und Lehrbiicher ihres studieren-
den Sohnes hineinblickte, so gewann Delitzsch ihr besonderes Vertrauen wegen
seiner sachkundigen Erklarungen der Verhaltnisse des israelitischen Haus-
wesens. Sie selbst war eine Meisterin in alien Kiinsten ihres eigenen gastlichen
Haushaltes, zu denen auch Dinge wie Schlachten, Schafschur, Spinnen, Weben,
Farben, Lichterziehen und Bierbrauen gehorten. P. selbst verglich mit be-
rechtigtem Stolz den beinahe alle urspriinglichen menschlichen Fertigkeiten
umfassenden Arbeitsbetrieb mit klem vielbewunderten antiken Haushalt, dem
griechisch-romischen Oikos.«
Die Sprache des Elternhauses war Friesisch, die des Marktes und Verkehrs
Piatt-, die der Kirche und Schule Hochdeutsch. Daneben horte man auch
Danisch, obwohl von der danischen Regierung keinerlei Zwang in dieser Hinsicht
ausgeiibt wurde. Im Gebrauche der hochdeutschen Schriftsprache hat es P.,
der spater so federgewandte Schriftsteller, seiner eigenen Angabe nach erst
wahrend der Gymnasialjahre zur vollen Sicherheit gebracht.
Als einziges Kind seiner Eltern, das die Geburt uberlebte, war er dazu
bestimmt, den vaterlichen Hof zu ubernehmen, und wurde von fruh auf in bauer-
licher Arbeit ausgebildet. Er war dem Geschick fur seine Jugend stets dankbar,
nicht nur weil er diesen Lebensumstanden seine intime Vertrautheit mit der
Natur verdankte, die dem GroBstadtkind hochstens auf fluchtigen Ausfliigen
bekannt wird, sondern vor allem, weil er auf diese Weise die Wohltat des
evolutionistischen Erziehungsprinzips an sich erfuhr, wonach das Kind durch
die von der Menschheit durchlaufenen Kulturstufen in einem verkurzten
Repetitionskursus hindurchzuflihren ist. Statt des Gewirres von unfafibaren
Dingen, Telephonen, Eisenbahnen u. s. w. bot das Dorfleben eine Wirklichkeit,
die der kindliche Geist durchschauen und mit welcher der Knabe »handgemein
werden konnte«. Statt der zahllosen fertig ins Haus gelieferten Waren sah er
die Guter, die verbraucht wurden, fast samtlich in der Arbeitsgemeinschaft
des elterlichen Hauses entstehen. Am wichtigsten war vielleicht die friihe
Bekanntschaft mit der Organisation der Wirtschaftseinheit des heimatlichen
Dorfes, die durch die angesehene Stellung des Vaters in der Kirchspielsver-
246 Paulsen.
sammlung gefordert wurde: P.s sichere Vertrautheit mit den Formen mensch-
lichen Gemeinschaftslebens hatte in diesem ihrem Urbilde ihre Wurzeln.
Kaum ein Ereignis hat wohl fur sein ganzes Leben grofiere Bedeutung
gewonnen, als die Anstellung eines neuen Kiisters in Langenhorn, Brodersen
mit Namen, zu dem er von seiriem zwolften Jahre an in die Schule geschickt
wurde. Bis dahin war ein schablonenmafiiger Schultyrann der alten Zeit, der
seine Hauptaufgabe darin sah, den Katechismus mit Hilfe des Tauendes ein-
zudrillen, sein Lehrer gewesen. Klister Brodersens Unterricht dagegen richtete
sich weniger an das Gedachtnis als an den Verstand und ging darauf aus, die
geistige Selbsttatigkeit der Schiiler anzuregen. Noch in spaten Jahren er-
innerte sich P. mit warmer Begeisterung des Lerneifers, den er zu wecken
wufite. Ihm wird es in erster Hinsicht zu danken sein, dafi die geistigen Inter-
essen des Junglings immer mehr die Oberhand gewannen, bis er eines Tages
auf die immer haufigeren Vorhaltungen der Eltern, er werde im Leben kein
rechter Bauer werden, erwiderte: »Ich will auch gar nicht Bauer werden!
Ich will studieren!« Die Eltern fiigten sich dem Wunsche nach einigem Wider-
streben, — die Mutter etwas leichteren Herzens, weil sie ihren Einzigen im
Geiste schon auf der Kanzel sah, — und Pastor Thomsen ubernahm die Vor-
bereitung fur Untersekunda. Der ganze Kursus von Sexta an wurde spielend
in anderthalb Jahren erledigt! Wahrend der ersten sechs Monate wurde vor-
mittags noch die Oberklasse der Kusterschule besucht und nur nachmittags
Latein getrieben; dann aber wurden fast gleichzeitig flinf neue Sprachen be-
gonnen: Griechisch, Hebraisch, Franzosisch, Englisch und Danisch, wozu noch
Mathematik und Geschichte kam nebst gelegentlichen deutschen Aufsatzen.
Die Ostern 1863 am Gymnasium zu Altona bestandene Aufnahmepriifung,
die sich auf ein lateinisches Extemporale beschrankte, bereitete keine Schwicrig-
keiten. Die Anforderungen des nun folgenden Gymnasialunterrichtes aber
waren im Vergleich zu der vorangegangenen groflen Leistung so gering, dafl
sie geeignet waren, einer Erschlaffung der Krafte Vorschub zu leisten. Einen
noch gefahrlicheren Gegensatz zur Zucht des elterlichen Hauses bildete die
studentenmafiige Aufsichtslosigkeit der Schiiler, unter denen sich lockere
Elemente befanden. Die Lehrer mochten eben diesen Gefahren zu steuern
suchen, indem sie den begabten neuen Zogling schon nach einem halben Jahre
nach Obersekunda und nach weiteren sechs Monaten nach Unterprima ver-
setzten. Aber P. selbst schrieb der dadurch herbeigefiihrten Steigerung seines
SelbstbewuOtseins die ubelsten Wirkungen zu: er redete von dem angeblichen
Lotterleben dieser Jahre in Ausdriicken hartester Selbstverurteilung. Dem
steht jedoch das Zeugnis seines »ersten und nachsten Freundes« Friedrich
Reuter entgegen, welcher der Meinung ist, dafi sich P. durch eigenartige Er-
fahrungen spaterer Jahre verleiten liefi, hier ungerecht gegen seine alte Schule
w r ie gegen sich selbst zu werden, wenn auch die aufregenden Jahre des danischen
Krieges (1864 — 66) einem ruhigen und rcgelmafiigen Lehrbetrieb nicht eben
gunstig gewesen seien: P. selbst erzahlt uns, wic er damals in mancher er-
regten Debatte fiir die Einverleibung Schleswig-Holsteins in Preufien eintrat.
Das Wort des Mannes, dem er seiner eigenen Angabe nach in jlingeren Jahren
»als einem wahren Mentor . . . unschatzbar viel verdankte«, und mit dem
ihn engste Freundschaft bis an sein Lebensende verband, verdient voile Be-
achtung. Ubrigens geht auch schon aus P.s eigenem Berichte hervor, dafi er
Paulsen.
247
seine Sicherheit in den klassischen Sprachen sovvie in der Geschichte vorwiegend
seiner Gymnasialzeit in Altona verdankte.
P. horte Reuters Namen zum ersten Male, als er nach bestandenem
Abiturientenexamen, das in Altona keine grofien Schrecken hatti*, im Friihjahr
1866 die Universitat Erlangen bezog, urn Theologie zu studieren, und Mitglied
der Burschenschaft Bubenruthia wurde: Reuter, der im vorhergehenden
Jahre in den hoheren Schuldienst eingetreten war, stand als »eine der letzten
heroischen Gestalten« der Verbindung in grofiem Ansehen. P.s eigene Angabe,
die drei in Erlangen verlebten Semester seien vollig unfruchtbar gewesen,
bezieht sich in erster Linie auf den Universitatsunterricht. Zu der dort vor-
getragenen orthodoxen Theologie konnte er kein inneres Verhaltnis gewinnen,
und als er im Oktober 1867 nach Berlin ging, war er entschlossen, alles andere
eher zu studieren, als Gottesgelehrtheit: er liefi sich bei der philosophischen
Fakultat inskribieren und entschloC sich kiihn, die Weltweisheit, die zu suchen
er ja eigentlich aus seinem Heimatdorfe ausgezogen war, in den Mittelpunkt
seiner Studien zu stellen, — was denn doch auch darauf hindeutet, dafl es in
den vergangenen Semestern (mit Ausnahme vielleicht der Kriegszeit des
Jahres 1866) an ernster geistiger Arbeit nicht ganz gefehlt haben konnte. Neben
den philosophischen horte er historische und philologische Vorlesungen, nicht
nur aus Interesse fur die Sache, sondern auch, weil er sich die Moglichkeit des
Oberlehrerexamens offen halten wollte. Aber wer darauf ausging, sich eine
Weltanschauung zu bilden oder doch ein inneres Verhaltnis zu den Problemen
der Philosophic zu gewinnen, der fand in jener Zeit von seiten der angebotenen
Vorlesungen wenig Unterstutzung. Hegel hatte ausgewirtschaftet, und das an
seinen verstiegenen Spekulationen erlahmte Denken wollte zu neuem selb-
standigem Aufbau noch nicht Kraft und Lust finden. Harms und Trendelenburg
waren die beiden Berliner Ordinarien. Jener schloB sich an Kant an, dieser
schwor auf Aristoteles. Daneben dozierten noch einige Hegelianer, »als eine
Art Fossilien* geduldet, wie Michelet, Althaus und Werder. P. selbst hatte
sich damals wohl am besten mit dem aus dem linken Fliigel der Hegelschen
Schule hervorgegangenen Materialismus befreunden konnen: in Erlangen hatte
er als »der reine Feuerbach« gegolten. Er belegte ein Kolleg iiber Logik bei
Harms, ohne Interesse daran zu finden; ebensowenig fuhlte er sich spater durch
die von Harms iiber Kants Vernunftkritik abgehaltenen Ubungen gefordert.
Steinthals Vorlesung iiber vergleichende Sprachwissenschaft war ihm noch zu
schwer, und dem lateinischen Vortrage Haupts iiber »Die Wolken« des Ari-
stophanes vermochte er nicht zu folgen. Im folgenden Sommersemester ging
es nicht viel besser, und Verzweiflung wollte sich seiner bemachtigen. Vor-
ubergehend suchte er in studentischem Kneipleben Selbstbetaubung, dachte
auch wohl daran, nach Langenhorn zuriickzukehren und doch noch Bauer
zu w T erden.
Da fuhrte ihm ein gesegneter Zufall Langes unlangst erschicnene Geschichte
des Materialismus in die Hande: sie kniipfte an seine eigenen Gedankengange
an und befreite ihn zugleich von denselben, indem sie ihn in Kant den sieg-
reichen Oberwinder des dogmatischen Materialismus erkennen lehrte. Durch
Lange sah er sich ferner auf Ucberwegs Logik verwiesen, durch diese wiederum
auf die Werke Benekes: der ersehnte Weg, der ihn in der Philosophic auf festen
Boden fiihren sollte, war gefunden! Wenn Wilhelm Ostwald gesagt hat, daQ
248 Paulsen.
fuhrende Geister aus Buchern mehr zu lernen pflegen, als aus personlicher
Unterweisung, so trifft das auf P. zu. Aber auch der Universitatsunterricht
gestaltete sich nun fruchtbarer fur ihn. Im Wintersemester 1868/69 trat e r in
Trendelenburgs aristotelische Obungen ein und belegte auch Vorlesungen
iiber Plato bei Bonitz, dem damaligen Direktor des Gymnasiums zum Grauen
Kloster, der als Mitglied der Akademie der Wissenschaften las. Dem Unter-
richte dieser beiden Manner blieb er in der Folge dankbar und treu, und indem
er ihn durch fleiflige Privatstudien erganzte, erwarb er sich seine grundliche
Vertrautheit mit der Philosophic des klassischen Altertums. Auch Steinthals
Vorlesungen wufite er sich nun fruchtbar zu machen: auf dem Gebiete der
vergleichenden Sprachwissenschaft erhielt er von ihm so starke Anregung, dafl
er spater einen Anlauf machte, sich unter Gildemeisters Leitung in die Kenntnis
des Sanskrit einzuarbeiten, und auf dem Gebiete der Psychologie wurde er
dauernd von ihm beeinflufit.
Das Sommersemester 1869 verbrachte er in Bonn ohne Gewinn fur seine
philosophischen Studien: Jurgen Bona Meyers Vorlesung liber den Materi-
alismus blieb hinter Langes Darstellung weit zuriick. Auf einem Abstecher
nach Heidelberg hospitierte er bei Zeller und Treitschke. Von letzterem fiihlte
er sich abgestofien, und auch in spateren Jahren blieb ihm Treitschke als
Historiker ungeniefibar: P. forderte von diesem, dafi er mehr auf das Ver-
stehen als auf dasVerurteilen ausgehen solle, und besonders war ihm Treitschkes
»inbriinstiger Hafi gegen England* uncrtraglich. Im Oktober 1869 ging
er zur Vollendung seiner Studien wieder nach Berlin. Da aber im folgenden
Sommer (1870) sowohl Trendelenburg wie Steinthal durch Krankheit am
Lesen verhindert waren, kehrte er Berlin nochmals den Riicken.
Diesmal wandte er sich nach Kiel, weil dort sein Freund Reuter als Gym-
nasiallehrer tatig war. Hatte er sich in den letzten Jahren in Berlin recht ver-
einsamt gefuhlt, so schwelgte er nun in taglichem vertrautestem Umgange mit
dem geliebten alteren Freunde, dem er es in erster Linie zu verdanken hatte,
wenn ihm in den vergangenen schweren Zeiten volliger Ratlosigkeit nicht
alles Selbstvertrauen abhanden gekommen war. Von Diltheys Vorlesungen
und Cbungen fiihlte er sich nicht sonderlich angezogen; dagegen brachte ihm
seine Privatlektiire wieder reichen Gewinn: er las Lotzes Mikrokosmus, der
ihn bei der Bildung seiner idealistischen Weltanschauung einen Schritt weiter
fiihrte; spater wurde allerdings in seinem Denken der Standpunkt Lotzes durch
Fechners Neu-Spinozismus betrachtlich modifiziert.
In diesem Sommer brach der deutsch-franzosische Krieg aus. P. stellte
sich als Freiwilliger bei den Schleswiger Dragonern, wurde aber abgewiesen,
da er kein Pferd mitbrachte. Es war ihm nicht ganz unlieb, seine Studien
ungestort zum AbschluO bringen zu konnen. Im Laufe eines Vierteljahres
schrieb er in Berlin seine Dissertation %De forma ac principiis sysiematum
ethicorum*. Die groBziigige Vergleichung der wichtigsten ethischen Systeme
hinsichtlich ihrer Methode war nicht ganz nach Trendelenburgs Geschmack,
der eine philologische Untersuchung vorgezogen hatte. Er erteilte ihr nur das
Pradikat tidoneum doclrinae et diligentiae documeniurm und veranlafite die
Umanderung ihres Titels in »Symbolae ad systemata ethica historicae el criticae*.
D^s miindliche Examen, bei dem er von Harms und Trendelenburg in der
Philosophic, von Droysen in der Geschichte und von Kirchhoff im Grie-
Paulsen.
249
chischen gepruft wurde, bestand er »magna cum laude*. Zu erwahnen ist,
daB er in diesem Semester die Bekanntschaft Benno Erdmanns machte, der
sein Nachfolger auf dem Berliner Katheder geworden ist: Erdmann hatte am
schwarzen Brett eine Versammlung zur Begriindung eines philosophischen
Vereins einberufen, der auch zustande kam und mehrere Jahre am Leben blieb.
Er war P. an mathematisch-naturwissenschaftlicher Schulung uberlegen wie
dieser ihm an philologisch-historischer, und so entwickelte sich ein sehr for-
dernder Gedankenaustausch zwischen den beiden angehenden Philosophen.
Auch auf dem Gebiete der Geschichte und der klassischen Philologie hatte
P. sehr achtungswerte Studien betrieben, so bei Sybel, Droysen, Erdmanns-
dorfer, Aegidi, bei Haupt, Usener, Bernays, Heimsoeth u. a. Aber die Vor-
bereitung zur Oberlehrerpriifung hatte doch noch einen betrachtlichen Auf-
wand an Zeit und Kraft gekostet, und er fiihlte sich jetzt stark genug, ohne
weitere VorsichtsmaBregeln auf das akademische Lehramt hinzuarbeiten. Zu-
nachst dehnte er seine Bildung noch etwas in die Breite aus. Schon wahrend
der Studentenzeit war er gelegentlich in Nachbargebiete hinubergeschweift.
So hatte er Roschers Nationalokonomie, Hausraths Neutestamentliche Zeit-
geschichte, Johannes Mullers fiinfbandiges Handbuch der Physiologie durch-
gearbeitet, auch bei Clausius Warmelehre sowie bei Dubois Physiologische
Anthropologic gehort. Nun machte er noch einen Kursus in der Experimental-
physik bei Helmholtz mit und liefi sich von Wichelhaus in die Grundbegriffe
der Chemie einfiihren. Gern hatte er geographische Studien betrieben, fur die
er von Brodersens Unterricht her eine grofle Vorliebe hatte; aber der Universitat
fehlten damals alle Hilfsmittel, sie interessant und fruchtbar zu machen. Mit
groflem Enthusiasmus dagegen studierte er die Werke Peschels — frisch wie
sie herauskamen. In die theologischen Horsale von Dorner, Hengstenberg und
Vatke blickte er hinein, ohne sich festgehalten zu fiihlen. Ranke und Mommsen
sprachen so leise, dafl er sie in den iiberfullten Auditorien nicht verstehen konnte.
Bei Mullenhoff wurde er durch die hahnebuchene Grobheit gegen Anders-
denkende abgeschreckt. Doch hospitierte er noch mit Gewinn in Haupts Se-
minar (Lukrez), und besuchte auch Vorlesungen des Agyptologen Lepsius,
sowie — mit besonderem GenuB — die Erlauterungen antiker Kunstwerke,
die Ernst Curtius im Museum gab. Die meiste Kraft und Zeit aber widmete
er rechts- und staatswissenschaftlichen Studien bei Gneist, Beseler, Boretius
und vor allem bei Adolf Wagner, der eben als junger Mann nach Berlin be-
rufen worden war. Zum Teil fielen diese Studien mit der Ableistung seines
lange aufgeschobenen Militarjahrs zusammen, das im Oktober 1871 seinen Anfang
nahm und dem er betrachtlichen Geschmack abgewann. Zu Anfang des Jahres
1872 erlitt er einen schmerzlichen Vcrlust durch den Tod seines verehrten Lehrers
Trendelenburg; Zeller wurde dessen Nachfolger auf dem Berliner Katheder.
Die Beendigung des Militardienstes machte ihn wieder frei fur groBere
Arbeiten. Er faBte den Plan einer Geschichte der Erkenntnistheorie, fur die er
sehr ausgedehnte Vorstudien machte; den englischen Denkern von Locke bis
Mill fuhlte er sich am nachsten. Zeitweise erhielten diese Studien eine etwas
andere Richtung durch eine von der Berliner Akademie gestellte Preisaufgabe,
an deren Bearbeitung er voriibergehend dachte: die Darstellung des Einflusses
der englischen Philosophic auf die dcutsche. Im Sommer 1873 entwickelte er
in seiner Heimat Langenhorn eine ganz einzige Lesefreudigkeit, die er sich
2 cq Paulsen.
spater oft sehnsuchtig zuruckwunschte: mit den iibrigen Hausgenossen um
funf Uhr aufstehend und bis Mittag arbeitend, las er den ganzen Hume und
den ganzen Kant. Hierbei ging ihm die grofie Entdeckung auf, daB Kants
Argumentation nicht auf die Unerkennbarkeit des »Dings an sich«, sondern
vielmehr auf die Rettung der Erkenntnis aus »reiner VernunfU (ohne Er-
fahrung) abzielt, P. hat durch diese Einsicht das rechte Verstandnis Kants
erst ermoglicht. Um dieselbe Zeit begann seine intimere Bekanntschaft mit
der Philosophic Schopenhauers, die einen sehr bedeutenden Einflufl auf seine
eigene Weltanschauung ausiibte.
Fur das folgende Jahr (1874) faflte er seine Habilitation ins Auge. Es
hatte nahegelegen, dafl er seine Kant -Entdeckung dafiir verwertete; aber er
zog eine Darstellung seines personlichen Standpunktes in einer theoretischen
Abhandlung iiber den Begriff der Kausalitat vor, in der er die Kuhnheit hatte,
gegen Zeller und Harms, die Referenten iiber seine Arbeit, mit betrachtlicher
Animositat zu polemisieren. Sie liefien ihm durch den Dekan der Fakultat —
es war Helmholtz — eroffnen, daB die Abhandlung als Ausweis der wissen-
schaftlichen Befahigung zum Privatdozenten nicht geniige\ P. selbst spricht
sie groflmutig von kleinlichen Motiven frei: ihr Urteil sei schon durch den
ungehorigen Ton seiner Polemik gerechtfertigt gewesen. Obrigens liefi er sich
die Sache schon damals nicht sehr nahe gehen: er sah an demselben Abend
mit Genufl Freytags »Journalisten« im Schauspielhaus und machte sich ohne
Zaudern an die Ausarbeitung seines »Versuchs einer Entwicklungsgeschichte
der Kantischen Erkenntnistheorie«. Diese Schrift wurde (1875) von der Fa-
kultat angenommen, wenn auch ihre epochemachende Bedeutung an dieser
Stelle ebensowenig wie von der offentlichen Kritik gewtirdigt wurde. Eine
neue Klippe schien im Kolloquium zu drohen, als dessen Gegenstand P. den
Begriff der Substanz gewahlt hatte: Harms vertrat die seltsam verkehrte An-
sicht, P.s Ablehnung einer Seelensubstanz musse zum Materialismus fiihren,
und die Beratungen, in denen die Fakultat schliefilich zu einem positiven
Ergebnis gelangte, zogen sich in etwas ominoser Weise in die Lange.
P.s Eintritt in den akadcmischen Lehrkorper erweiterte natiirlich seine
geselligen Beziehungen. Besonders erfreute er sich nun eines vertrauten Ver-
kehrs im Hause seines geschatzten Lehrers Steinthal, und von noch groBerer
Bedeutung wurde seine Einfiihrung beim Unterstaatssekretar a. D. von Gruner
durch seinen intimen Freund Christian Belger, den Archaologen, der dort
Hauslehrer war. Hier machte er vor allem die Bekanntschaft seiner ersten
Frau Emilie Ferchel, die dem Haushalt als Pflegetochter angehorte: sie war
eine Tochter des als Bezirksgeometer in Wurzburg verstorbenen Joseph Ferchel,
der nach erfolgreich absolvierten astronomischen Studien sich durch widrige
auBere Verhaltnisse zu diesem praktischen Berufe gedrangt gefunden hatte.
Im Grunerschen Hause lerntc P. den Umgangston der vornehmen Gesellschaft
kennen, und wenn ihm dessen Glatte und Routine zuwider waren, so wurde
ihm seine kiinftigc Frau, die mit ruhiger Sicherheit das Triviale ablehnte und
das Bedeutende ergriff, eine Fiihrerin zu der Form der Geselligkeit, die auch
ihm einen Wert hatte. Ihr verdankte P. auch die Pflcge der asthetischen Seite
seines Wesens, die bis dahin ziemlich brach gelegen hatte, sowie die erste Ge-
legenheit, sich iiber die tieferen Bewegungen des Seelenlebens auszusprechen
und zu verstandigen.
Paulsen.
251
Aufierdem wurde hier sein Horizont durch personlichen Verkehr mit be-
deutenden Politikern erweitert, unter denen die beiden Reichensperger, die in
der Zentrumspolitik eine so grofie Rolle spielten, an erster Stelle standen. Er
selbst erzahlt uns, wie er Peter Reichensperger durch seine Verteidigung der
Lehre Hobbes von der Staatsomnipotenz oder auch der Befurwortung des
Kollektiveigentums durch Lassalle, fur den er damals eine grofie Vorliebe hatte,
entsetzte. August Reichensperger hat er gelegentlich einer Besprechung seiner
Biographie von Ludwig Pastor ein Denkmal gesetzt. Er schatzte beide Bruder
als liberale Katholiken, deren mafligender Einflufi auf die Politik der Zentrums-
partei sehr segensreich gewesen sei. Seine weitgehenden Sympathien ftir die
alte Kirche, die freilich im Laufe der Zeit durch den sich immer fiihlbarer
machenden papstlichen Absolutismus eine betrachtliche Einbufie erlitten,
stammten wohl aus dieser Zeit.
In den nun folgenden Jahren fand P. den dauernden Inhalt seiner Tatigkeit
und die endgiiltige Form seines Lebens. In seinem ersten Semester (Winter
1875/76) las er iiber Logik und Erkenntnistheorie: John Stuart Mill war,
wie er selbst sagt, sein Leitstern. In einer offentlichen Vorlesung behandelte
er die Grundunterschiede der philosophischen Systeme; aus ihr ist spater seine
beruhmte »Einleitung in die Philosophies das gelesenste seiner Bucher, hervor-
gegangen. Zugleich veranstaltete er philosophische Ubungen im Anschlufi an
Kants Kritik der reinen Vernunft. Im folgenden Sommer (1876) las er iiber
Geschichte der Philosophic im 17. und 18. Jahrhundert, — eine Vorlesung,
die sich spater erweiterte zur Geschichte der neueren Philosophic in Zusammen-
hang mit der allgemeinen Kulturgeschichte: er hat sie bis in die letzten Jahre
seiner akademischen Wirksamkeit gehalten. Die Verbindung historischer
Denkweise und philosophischen Sinnes — eine Kennzeichnung seines Wesens,
die er gelegentlich einer ihm dargebrachten Huldigung »gern annahm« —
zeigte ihn hier in seiner ganzen Kraft. Wie kaum ein anderer verstand er es,
die einzelnen grofien Kulturperioden mit sicherem Griffe zusammenzufassen
und die Universalgeschichte als die Entwicklung eines einheitlichen Organismus
darzustellen. Nebenher gingen philosophische Ubungen iiber Kants Prole-
gomena. Wahrend der Sommerferien, die er auf romantisch gestimmten
Wanderungen in der Umgegend von Harzburg, der von der Grunerschen Familie
gewahlten Sommerfrische, verbrachte, verlobte er sich mit Emilie Ferchel.
Mitte Oktober begann er einen Vortragszyklus in dem kurz zuvor von Miss
Archer begrundeten Viktoria-Lyzeum; aber es kam nur zu zwei Vortragen,
und zu Universitatsvorlesungen kam es in diesem Semester uberhaupt nicht
mehr, da ihn ein schwerer Typhus aufs Krankenlager warf und an den Rand
des Grabes brachte. Im Januar 1877 fiihlte er sich sovveit erholt, dafi er we-
nigstens die angezeigten Obungen iiber David Humes Untersuchung iiber den
rnenschlichen Verstand -noch abhalten konnte. Das angekundigte Kolleg iiber
Logik und Erkenntnistheorie dagegen blieb ungelesen, und es sollte uberhaupt
nie wieder gelesen werden! Professor Harms schlug ihm vor, im kommenden
Winter Vorlesungen iiber die bisher gar nicht auf dem Lehrplan vertretene
Padagogik anzuzeigen — mit dem Hinweise, dafi sich die Fakultat dann wohl
zu einem Vorschlage fur ein Extraordinariat der Padagogik bereit finden lasse.
So erhielt P. die Anregung, sich dem Gebiete zuzuwenden, auf dem er
dann so Grofies leistete, seltsamerweise ganz zufallig und von aufien her. In
252
Paulsen.
der Tat zogerte er zunachst, die geplante Geschichte der Erkenntnistheorie
fallen zu Iassen. Spater aber auCerte er sich befriedigt daruber, dafi er den
Rat befolgt hatte: fur eine grofie Leistung auf dem Gebiete der Erkenntnis-
theorie und Logik habe ihm sowieso eine wichtige Vorbedingung gefehlt: die
Vertrautheit mit den exakten Wissenschaften und der Mathematik. Im August
fand seine Hochzeit statt, und das folgende Jahr (1878) brachte die in Aus-
sicht gestellte auflerordentliche Professur am Ende des Sommersemesters, in
dem er eine offentliche Vorlesung iiber die Geschichte des Unterrichtswesens
gehalten hatte. Daneben hing er seiner politischen alten Liebe nach, indem
er Obungen iiber Hobbes *De Cive« veranstaltete. Aber seine Hauptkraft
konzentrierte er nunmehr auf den ihm zugewiesenen Mittelpunkt seiner Lehr-
tatigkeit, die Padagogik und das Unterrichtswesen, indem er sich vor allem
durch gediegene historische Studien festen Boden unter den Fiifien schuf. Aus
ihnen ging nach einer Reihe von Jahren die ^Geschichte des gelehrten Unter-
richts« als kostlichste Frucht hervor. Auch das Bildungswesen betrachtete
P. im Lichte der gesamten Kulturentwicklung, und es war fur diese Auf-
fassung sehr charakteristisch, dafi er spater die Tendenz der Zeit, die Padagogik
von dem Katheder der Philosophic unabhangig zu machen, bekampfte. Vor
allem aber zeigte er hier seine unubertroffene Fahigkeit, mit dem an der Ver-
gangenheit geschulten Blick des Historikers in die Zukunft schauend diese zu
deuten. Indem er die Beseitigung des vom klassischen Gymnasium hinsichtlich
der Vorbereitung fur die Universitat ausgeubten Monopols voraussagte und befiir-
wortete, wurde er ein Pionier der groflen Reform, durch die in unseren Tagen das
hohere Unterrichtswesen Preufiens auf eine feste Grundlage gestellt worden ist.
Wahrend der nachsten dreifiig Jahre (1878 — 1908) hat er ohne Unter-
brechung eine eifrige Horerschar um seinen Berliner Lehrstuhl versammelt.
Zu den bereits genannten grofien Vorlesungen iiber Padagogik und Geschichte
der neueren Philosophic kamen im Laufe der Jahre noch drei andere hinzu:
seit 1881 las er iiber Ethik, seit 1885 iiber Psychologie und Anthropologic,
seit 1895 iiber Rechtsphilosophie. Aus der Vorlesung iiber Ethik ging wiederum
eines seiner Hauptwerke hervor, das » System der Ethik«, das in weiten Kreisen
fast zu einer Hausbibel geworden ist. Seine Psychologie bot eine Erganzung zu
den Vorlesungen der experimentellen und physiologischen Psychologie dar,
indem sie, ohne den empirischen Boden zu verlassen, neben der analytischen
doch auch die synthetische Betrachtung zu ihrem Rechte kommen liefi. So
bildete sie eine Einleitung in die Geisteswissenschaften, wahrend die vom
Standpunkte der Entwicklungstheorie aus vorgetragenen Grundziige der An-
thropologic einen Ausblick nach den Naturwissenschaften hin eroffneten. Zur
Rechtsphilosophie war Paulsen als ein Ethiker, der nicht in den luftigen Hohen
blofier Theorie verweilte, sondern auch auf die Erde herniederstieg, um die
verschlungenen Faden tatsachlicher menschlicher und sozialer Verhaltnisse zu
entwirren, besonders berufen. In der Tat war es eine Vorlesung, die ebenso
gern gehalten wie gehort wurde, obwohl auch hicr — ahnlich wie hinsichtlich
der Padagogik — die erste Anregung von aufien her kam und zunachst nicht
ohne Widerstreben befolgt wurde: P. entsprach einem Wunsche Friedrich
Althoffs, indem er iiber Rechtsphilosophie las. Er hatte schon die Feder an-
gesetzt, um ein Werk auch iiber diesen Gcgenstand cinem grofleren Kreise
darzubieten. als seine Krankheit alien solchen Planen ein Ende bereitete.
Paulsen.
253
Das Jahr 1890 bezeichnet den Anfang seines direkten Einflusses auf die
Gestaltung des offentlichen Schulwesens in Preufien: er wurde zur Teilnahme
an der beriihmten Konferenz berufen, die Kaiser Wilhelm II. durch seine Gegen-
wart auszeichnete. Zwar wahlte die Konferenz zunachst den Weg, den P.
als ungangbar bezeichnet hatte; aber er hatte zehn Jahre spater die Genug-
tuung, zu erleben, dafl man den Irrtum einsah und die von ihm empfohlene
Richtung einschlug, wie noch des naheren zu zeigen ist. Im Winter 1892 wurde
cr, nachdem er im Sommersemester zum ersten Male seine vielbesuchte offent-
liche Vorlesung uber die deutschen Universitaten und das Universitatsstudium
gehalten hatte, von der Unterrichtsverwaltung beauftragt, die allgemeine
Einleitung zu dem fiir die Weltausstellung in Chicago hergestellten Werke iiber
»Die deutschen Universitaten« zu schreiben. In P.s eigenem unter dem gleichen
Titel erschienenen Buche fanden spater diese Betrachtungen ihre vollendete
Form.
Seine literarische Produktion soil spater kurz im Zusammenhang iiber-
schaut werden. Hier war nur darauf hinzudeuten, wie sich alle seine Haupt-
werke aus seinen Vorlesungen herauskristallisiert haben: die ganze Lebens-
arbeit dieses Mannes war ein Werk aus einem GuC. Zunachst mag das Bild
seines aufieren Daseins mit ein paar Strichen vollendet sein.
Erst im Jahre 1894 eroffnete sich P. ein Berliner Ordinariat An Rufen
nach auswarts hatte es nicht gefehlt. Aber er hatte sich nie entschlieCen konnen,
seinen wachsenden Wirkungskreis in der Reichshauptstadt aufzugeben und
ihren mannigfachen geistigen Anziehungskraften den Riicken zu kehren. Aller-
dings hatte er sich im Jahre 1882 iiberreden lassen, einen Ruf als ordentlicher
Professor nach Breslau anzunehmen. Aber er machte die Annahme wieder
riickgangig. Auch ein Ruf auf den durch Prantls Tod erledigten Miinchener
Lehrstuhl (1888) reizte ihn nicht. Im August 1893 machte Leipzig einen Ver-
such, ihn fiir die durch Masius' Tod erledigte Professur der Philosophic und
Padagogik zu gewinnen. »Es war der erste Ruf«, so sagt P. in seinen hinter-
lassenen Aufzeichnungen, »der mich in Versuchung fiihrte: Kiel, Wurzburg,
Breslau, Munchen, — uberall hatte ich die Empfindung, dafi die (Jbersiedelung
eine Minderung des Wirkungskreiscs bedeutete. Dagegen Leipzig, eine grofie
Zentraluniversitat mit alter Arbeitstradition: das war etwas anderes.« Aber
die Anziehungskraft Berlins erwies sich doch wieder als uniiberwindlich. Im
folgenden Jahre (1894) schied Eduard Zeller aus dem Lehrkorper der Uni-
versitat aus, und nun trat P. zu gleicher Zeit mit dem Psychologen Carl Stumpf
als Ordinarius in die Berliner Fakultat ein. In seiner Tatigkeit bewirkte diese
Ernennung natiirlich keinen andern Unterschied, als das Hinzutreten der Teil-
nahme an Fakultatssitzungen und Doktorprufungen zu seinen Dozenten-
pflichten. Ubrigens hatte er schon seit 1882 der Wissenschaftlichen Priifungs-
kommission angehort.
P. lebte und liebte das der stillen emsigen Arbeit gewidmete Dasein eines
deutschen Gelehrten, — freilich eines modernen deutschen Gelehrten, der sich
nicht als Stubenphilosoph von der Aufienwelt abschlieGt, sondcrn mit Leib
und Seele am Leben seines Volkes tatigen Anteil nimmt. Sein Ehegluck w r ar
zunachst von kurzer Dauer, denn er verlor seine erste Frau schon nach sechs
Jahren: sie starb 1883 ganz unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit in
Pyrmont, wo sie Heilung von Blutarmut gesucht hatte.
254
Paulsen.
Seine tief niedergedriickte Stimmung wurde in den folgenden Jahren
noch mehr getriibt durch die mafilosen Anfeindungen, die seine »Geschichte
des gelehrten Unterrichts* besonders im Lager der klassischen Philologen
hervorrief : er wurde wegen seiner verstandigen Einschatzung der neusprach-
lichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildungsfacher geradezu als
»Banause« und wegen seiner historischen Gerechtigkeit als »Jesuitenfreund<r
denunziert! Wieder war es sein treuer alter Freund, der ihm der Versuchung,
sich in 6ffentliche Fehden einzulassen, zu widerstehen half — mit dem Er-
folge, dafi nach wenigen Jahren seine Gegner nicht nur beschamt schwiegen,
sondern mehrere derselben ihm personlich nahe traten. In jenen schweren
Zeiten wurde neben der Neuordnung seines Haushaltes, die er seiner Schwagerin
Laura Ferchel verdankte, seine Ansiedlung am Fichtenberg in Steglitz (1886)
eine grofie Wohltat fiir ihn. Er schuf selbst mit am Plane seines Hauses und
legte mit eigener Hand den Garten an, in dem er dann seine Kinder in der Freiheit
sich entfalten sah. Gar oft besserte seine kundige Hand ihr Spielzeug aus;
denn auch mit Hobelbank und Tischlergerat wuflte er umzugehen.
Im Jahre 1892 verheiratete er sich in zweiter Ehe mit Laura Ferchel.
Darauf bezieht sich die Widmung seiner Ethik: »Zwei Schwestern gewidmet,
der toten in treuem Gedenken, der lebenden in dankbarer Verehrungk Sie
schuf ihm das trauliche Gelehrtenheim, in dem er bis an sein Lebensende ge-
wohnt hat. Die in der vornehmen Behaglichkeit des gastlichen Hauses am
Fichtenberg verlebten geselligen Abende sind jedem, der an diesem geistigen
Austausch teilnehmen durfte, unvergefilich, und Paulsen selbst sah in den im
Kreise seiner Familie und naheren Freunde verlebten Stunden, in denen er
ganz aus sich herausgehen durfte, sein schonstes Gliick. Er redete von ihnen
wohl als einem Vorschmack des seligen Lebens, in dem sich das Gebot ver-
wirklichen liefie, dem, der den Rock nimmt, auch den Mantel zu geben. Frei-
lich auch an Sorgen, ja an sehr schweren Sorgen, hat es ihm in seinem Familien-
leben nicht gefehlt. Aber er teilte die Ansicht aller tiefen Denker, dafi einem
Menschenleben ohne Leiden das Kostlichste fehlen mufite. Aufier dem Kreise
gleichaltriger und gleichgestimmter Freunde waren die Tore seines gastlichen
Heims auch der studierenden Jugend weit geoffnet. Gar vielen ein vaterlicher
Freund und unersetzlicher Berater, hat er auch manche wertvolle und dauernde
Freundschaft zwischen gleichgestimmten jungen Mannern, die sonst aneinander
voriibergegangen waren, ins Leben gerufen. Allen Dank daflir bescheiden an
die Adresse seines ihm vorbildlichen Lehrers verweisend, schrieb er spater:
»Wenn in den langen Jahren, da seither Studenten bei uns als Gaste verkehren,
ihnen in unserem Hause wohlgeworden ist, so mogen sie mit Dank an das
liebenswurdige Haus in der Charlottenstrafie denken, in dem Frau Ferdinande
die Hausfrau und Trendelenburg den Wirt machte.« Die wohlhabende Ein-
fachheit der Lebensfiihrung P.s, welche auf kostspielige Reprasentations-
gesellschaften verzichtete, sowie sein praktischer Sinn und sein okonomisches
Geschick als Haushalter ermoglichten ihm eine sehr weit reichende edle Frei-
gebigkeit. Er hatte stets Auge und Hand offen fiir fremde Not nah und fern,
und keinen Zuwachs seines eigenen Vermogens liefl er vortibergehen, ohne
anderen zu helfen, ihr Leben zu erweitern und zu verschonern.
Geistige Erholung und korperliche Erfrischung suchte er auf kleinen und
grofien Wanderungen durch deutsche Gaue. Namentlich in jiingeren Jahren
Paulsen.
255
griff er nicht nur wahrend der groflen Sommerpausen, sondern auch in den
Oster- und Pfingstferien regelmaBig zum Wanderstab und lernte Deutschland
vom Meer bis zu den Alpen und vom Rhein bis an den Pregel als rustiger FuB-
ganger kennen.
Vertraut mit der Geschichte der einzelnen Landschaften und voller Ver-
standnis fur die Beziehungen zwischen Land und Leuten ebenso wie fiir die
Eigenart der verschiedenen Stamme, sammelte er auch hier mit dem Auge
des Kulturhistorikers fruchtbare Eindriicke. Seitdem er mit seiner ersten
Frau die Hochzeitsreise nach Italien gemacht hatte, ist er bis in die letzten
Jahre seines Lebens wohl kaum liber die deutschen Grenzen hinausgekommen.
Die beiden Pole, nach denen seine Reisen und Wanderungen in spateren Jahren
meist hinstrebten, waren seine eigene Heimat an der Nordgrenze des Vater-
landes — im Jahre 1890 besuchte er die Hallig Oland, die einstige Heimstatte
seiner seefahrenden Voreltern, zum ersten Male — und die Heimat seiner zwei
Gattinnen im Siiden Deutschlands: im Jahre 1901 baute er sich ein Haus in
Starnberg als Standquartier fur seine Ausfliige ins bayrische Bergland. Erst
in seinen spatesten Jahren setzte er den Wanderstab wieder etwas weiter.
Im Jahre 1904 besuchte er England. Hatte er von jeher grofie Sympathien
fur die Denker des ihm im engsten Sinne stammverwandten Volkes gehabt,
so fand er sich nun aufs freudigste iiberrascht, als ihm Land und Leute Sud-
englands in vielfacher Hinsicht ein Spiegelbild seiner schleswig-holsteinischen
Heimat, zugleich des angelsachsischen Stammlandes, darboten. Charakteristisch
fur die anspruchslose Bescheidenheit seines Wesens war die Dankbarkeit, die
er fortwahrend dafiir aussprach, dafi es ihm vergonnt war, so viel Interessantes
zu sehen; erstaunlich war seine Rustigkeit sowie die jugendliche Aufnahme-
fahigkeit, die er z. B. bei dem stundenlangen Genusse der Londoner Kunst-
sammlungen bekundete. Niemand ahnte, daB es das letzte Jahr seiner Gesundheit
sein sollte: er war, wie er oft hervorhob, mit Ausnahme jenes schweren Typhus-
Anfalls nie krank gewesen. Im Jahre 1905 reifte der Umstand, daB der skan-
dinavische Norden infolge der befiirchteten politischen Unruhen wenig besucht
war, in ihm den EntschluB, das »alte germanische Urland« zu besuchen. Am
Tage der Unabhangigkeitserklarung Norwegens horte er die Klange des Luther-
liedes »Ein feste Burg ist unser Gott« vom Eidsvoldsplatz in Christiania zu
seinen Fenstern emporsteigen. »Ein Volk, das seine Revolution so begehU,
schrieb er, »darf eine Zukunft hoffenc
Aber es war sein Verhangnis, das ihn gen Norden gefuhrt hatte. Er litt
noch an den Nachwehen einer im Fruhjahr uberstandenen Influenza. Auf den
Fahrten ubers norwegische Hochplateau drang ein eisiger Wind, auf den die
»sommerliche Ausriistung keineswegs eingerichtet war, durch jeden kleinsten
Spalt der Kleidung«, und — auf seine bisherige Rustigkeit zu viel vertrauend —
badete er auch noch mit iibelstem Erfolge im kalten Wasser norwegischer
Fjorde. Er hat sich nie wieder erholt und bis an sein Ende iiber das bestandige
FrostgefUhl geklagt. Krank kehrte er nach Hause zuruck; aber niemand
ahnte, daB ein Darmleiden, von dem er nicht genesen konnte, Wurzel gefaBt
hatte. Seine Krankengeschichte bildet ein Blatt in den Annalen heldenhaften
Menschentums. Als im Jahre 1906 sein sechzigster Geburtstag gcfeiert wurde,
mischten sich schon die trubsten Befurchtungen in die ihm dargebrachten
Gluckwiinsche. Aber noch iiber zwei Jahre hat er der Krankheit standgehalten;
256 Paulsen.
alien Mahnungen, sich zu schonen, zum Trotz weigcrte er sich, seine Tatigkeit
zu unterbrechen. Er fuhlte, dafl es eine Krankheit war, der gegeniiber es keinen
Waffenstillstand gab und wollte auch wohl, von Gedanken und Planen noch
libervoll — wie treffend gesagt worden ist — »aus dem Brande retten, was
noch zu retten war«. Mit wechselndem Erfolge suchte er in den Ferien zeit-
weilige Erholung in Siiddeutschland, an der Riviera und in Italien. Dann und
wann spiegelte ein voriibergehendes Aufflackern seiner einst so unverwustlichen
Kraft den Freunden trugerische Hoffnung vor; aber die schmerzliche Gewifi-
heit wurde doch immer grofler, dafl es sich um eine unheilbare Krankheit
handelte. Weniger als drei Jahre hatten aus dem jugendkraftigen Manne
einen gebrechlichen Greis gemacht, fiir den die kurze Fahrt von Steglitz nach
Berlin eine beschwerliche Reise war. Aber sein 62. Geburtstag (16. Juli 1908)
fand ihn noch auf dem Lehrstuhl, den die Liebe der studierenden Jugend mit
Blumen geschmtickt hatte. Noch vor Schlufl des Sommersemesters jedoch sah
er sich genotigt, seine Vorlesungen abzubrechen, um, wie er sagte, noch etwas
Kraft fiir die Hochzeit seiner Tochter iibrig zu haben, und nahm mit tief be-
wegenden Worten Abschied von seinen Studenten. Aber seine Feder ruhte auch
jetzt noch nicht. Noch am 1. August, genau vierzehn Tage vor seinem Tode,
schrieb er das Vorwort zu einer Friedrich Althoff als »dem Bahnbrecher der
Schulreform« gewidmeten Sammlung von Aufsatzen liber Fragen des Bildungs-
wesens. Sein Verhaltnis zu dem allgewaltigen Leiter der Angelegenheiten
des hoheren Unterrichts in Preuflen hatte sich nach einigen Schwankungen
zu einer auf gegenseitige Hochachtung gegriindeten Freundschaft ausgestaltet,
und Althoff horte in spateren Jahren gern auf seinen Rat. Keiner der beiden
Manner sollte die Veroffentlichung des Buches erleben.
Sonntag, den 9. August, empfing P. noch zahlreiche Besucher, die z. T.
der Historikerkongrefl nach Berlin gefiihrt hatte, war aber sehr niederge-
schlagen dariiber, dafl der Arzt seine Krafte zur Rcise nach Starnberg, von
der er sich neue Erholung versprach, fur nicht ausreichend erklarte. Am nachsten
Tage schon zwang ihn die nicht langer zu uberwindende Schwache aufs Kranken-
lager, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. Es folgte ein langsames,
friedliches Entschlafen, bis er am Freitag, dem 14. August, abends 11 Uhr,
den letzten Atemzug tat. So stirbt einwahrer Philosoph, ein grofler Mensch.
Was er in den letzten Tagen noch sprach, waren meist Worte eines iiber-
stromenden Dankes fiir die auf opf ernde Liebe seiner Frau. Es kann kein schoneres
Zeugnis fiir einen Mann geben, als das der Gattin P.s: selbst in ihrem tiefsten
Kummer habe sie oft eine freudig gehobene Stimmung uberkommen, wenn sie
das durch keinen noch so leisen Mifiton getrubte Bild ihres Zusammenlebens
in seiner Vollendung iiberschaute.
P. hinterliefl zwei Sohne und zwei Tochter, samtlich aus seiner ersten
Ehe; die jungere Tochter ist mit einem seiner Schuler, dem Breslauer Privat-
dozenten der Philosophic Dr. Willy Kabitz, verheiratet. Die Bestattung er-
folgte auf dem alten Matthaikirchhofe in Berlin, wo so viele deutsche Denker
ruhen; Julius Kaftan, der Berliner Theologc, der sein intimer Freund und in
Steglitz sein Nachbar war, hielt ihm die Grabrede.
P.s liebstc und wohl auch segensreichste Arbeit war die Lehrtatigkeit,
die er der Jugend widmete. Im Umgang mit ihr schien sich seine eigene Person-
lichkeit fortwahrend zu verjiingen. Es liegt freilich ein Kern von Wahrheit
Paulsen.
257
darin, wenn Ferdinand Tonnies, einer seiner nachsten Freunde und warmsten
Verehrer, andeutete, dafi er in seinen letzten Jahren etwas an Verstandnis
verloren habe »fiir das Gesunde und Verniinftige, das zumeist auch in Ideen,
die sich ziefnlich absurd gebarden, verborgen liegU. Aber von Haus aus war
dieses Verstandnis sehr stark in ihm entwickelt, und den Ausschlag gibt
immer das Bild des in seiner Vollkraft stehenden P., der stets auf der Seite
jugendlicher Begeisterung im Kampfe gegen Veraltetes und Verkehrtes
stand. Allerdings war auch dies andere von Haus aus eine ebenso starke
Seite seines Wesens: nicht nur die Unvernunft, sondern auch die Vernunft
in dem Gewordenen zu sehen, — es war wohl der einzige Punkt, an dem
er fur Hegel Sympathien hatte. Und wenn er in seinen letzten Jahren, da
ihm die grausige Krankheit die Lebenskraft aussog, und ihn zwang, alle
Aufregungen zu vermeiden und alien Kampfen auszuweichen, ganz instinktiv
diese letztere Seite seines Wesens die Oberhand gewinnen liefi — wer mochte
ihn tadeln?
Als er seinen Dank fur die ihm zum 60. Geburtstage dargebrachten Hul-
digungen aussprach, bezeichnete er selbst die zwei Leitmotive, die ihm in
seiner Lehrtatigkeit von Anfang an mehr oder minder bewuflt vorgeschwebt
hatten, mit folgenden Worten: »Das eine: die Philosophic aus der Isolierung,
worin sie noch vor einem Menschenalter sich befand, herauszufuhren und sie
wieder in lebendige Beziehung zu der Bildung und den Aufgaben der Zeit zu
setzen: Philosophic, so schien mir, ein unentbehrliches Element des Gesamt-
lebens, ohne das es Gesundheit und Harmonie nicht haben kann. Das andere:
Scheu vor dem Partei- und Faktionswesen, Scheu vor dem Schulemachen und
Cliquebilden; mit einem Wort des Erasmus von Rotterdam: Semper solus
esse volui nee quicquam pejus odi quant juratos et factiosos. Philosophic soil
den inneren Menschen frei machen, nicht binden, ihr Lehrer zum Selbstdenken
anleiten, nicht zum Nachsprechen anhalten«. Der Anleitung zu selbstandigem
Denken waren in erster Linie die Ubungen gewidmet, die P. im Anschlufi an
klassische Werke der modernen Philosophic abhielt. In der richtigen Einsicht,
dafi es viel wichtiger und bildender ist, beizeiten positive Kritik iiben zu lernen
als negative, wahlte er vorwiegend Werke der vier Philosophen, die ihm selbst
am meisten zu sagen gehabt hatten: Spinoza, Hume, Kant, Schopenhauer.
Unter Verzicht auf alle im Sande verrinnende Einzelkritik wurden vor allem
die grofien Hauptgedanken klar herausgearbeitet und auf ihren Wert gepriift.
Auch in seinen Vorlesungen war P. — ahnlich wie auf anderem Gebiete Her-
mann Grimm — ein Fuhrer, der den Wanderer auf die hohen Gipfel geleitete,
von denen aus sich der Zusammenhang der Haupttaler klar uberblicken laflt,
so dafi man dann leicht selbst seinen Weg zu den Nebenstromungen des geistigen
Lebens findet. Nicht auf Worte oder Lehrsatze kam es ihm an, sondern darauf,
dafi der Schuler gleichsam ein personliches Verhaltnis zu den Dingen selbst
gewann, um die es sich handelte. In freiem — wohlvorbereitetem, aber nicht
memoriertem — Vortrage entwickelte P. seine Gedanken in durchsichtiger
Gliederung. Alle an das Gefuhl sich wendende rhetorische Beredsamkeit ver-
schmahend, erstrebte er vielmehr im Tone eines behaglichen Gespraches jene
an den Verstand sich richtende Beredsamkeit, die am Schlufi im Horer die
Empfindung zuriicklafit, »dafl er dies alles selber gedacht und sich seiber ge-
sagt habe«.
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 13. Bd. 1 7
258 Paulsen.
Zu oratorischen Glanzleistungen hatte P. wohl auch das Organ gefehlt.
Aber so grofi war die eindringliche Kraft seiner schlichten Rede, dafi er doch
auch immer wieder herangezogen wurde, wo es sich darum handelte, vor einem
ganz grofien Kreise das Wort zu ergreifen. So hielt er 1896 im Grofien Rathaus-
saale in Berlin die Festrede zur Hundertfiinfzigjahrfeier des Geburtstages
Pestalozzis. Im Krollschen Lokale hielt er 1898 die Gedachtnisrede zum
50. Jahrestag der Erhebung Schleswig-Holsteins gegen Danemark. Im folgenden
Jahre behandelte er auf dem evangelisch-sozialen KongreB in Kiel die grofien
historischen Wandlungen im Bildungsideal vom Mittelalter bis auf die Gegen -
wart. Im Jahre 1900 hielt er in Dresden in der Gehe-Stiftung einen Vortrag
Ciber Parteien und Parteipolitik. Zu Pfingsten 1902 hielt er den Festvortrag
in der Goethe-Gesellschaft tiber Goethes ethische Anschauungen. Auf dem
ersten deutschen Oberlehrertag in Darmstadt (1904) sprach er liber die Stel-
lung der hoheren Schule innerhalb des gesamten Lebens des deutschen Volkes.
Sein Einflufi auf die Neugestaltung des hoheren Schulwesens in Preufien
wurde allein schon genugen, ihm in der deutschen Kulturgeschichte einen
dauernden Platz zu verschaffen. Von jeher hatte er darauf hingearbeitet,
dem s. Z. besonders von Johannes Schulze vertretenen, immer unmoglicher
werdenden alten Ideale einer »Einheitsschule«, die durch »allseitige Bildung«
zu alien akademischen Berufen in gleicher Weise vorbereiten sollte, den Todes-
stofi zu versetzen. Tatsachlich lief dies Ideal naturlich auf ein Monopol des
klassischen Gymnasiums hinaus, wahrend P. darauf hinwies, wie notig es sei,
den verschiedenen Bediirfnissen durch eine verschiedene Mischung und Be-
tonung der alten und der neuen Sprachen oder der realen Wissenschaften zu
dienen. Im Jahre 1889 hielt er im Realschulmannerverein seinen Vortrag
uber »das Realgymnasium und die humanistische Bildung«, — in der Absicht,
»deutlich zu machen, dafi auch die Bildung, die auf dem Realgymnasium
erworben werde, durchaus iiberwiegend eine humanistische, d. h. auf das Studium
der menschlich-geschichtlichen Welt gegrlindete sei und damit das alte dumme
Vorurteil zu brechen, das sich an den Namen des Realismus hangU. Vergebens
suchte er dann die Dezember-Konferenz des folgenden Jahres (1890) zu uber-
zeugen, dafi sie auf das tote Gleis der alten Einheitsschule zuruckkehre, indem
sie die Rettung des Gymnasialmonopols durch Beschneidung des klassischen
Unterrichts erkaufe, anstatt an die Rettung des humanistischen Gymnasiums
selbst zu denken, die nur durch seine innere Entlastung, d. h. durch die Zu-
lassung anderer, modernerer Bildungswege neben dem klassischen, zu ermog-
lichen sei. Sein Rat wurde mifiachtet; aber die Mifierfolge des nachsten Jahr-
zehnts liefien auch die Freunde des klassischen Gymnasiums immer mehr
einsehen, wie recht er gehabt hatte, und so kamen endlich die Beschlusse der
Juni-Konferenz von 1900 zustande, durch welche Gymnasium, Realgymnasium
und Oberrealschule hinsichtlich der Zulassung zur Universitat im wesentlichen
gleichgestellt wurden. Es ist hinzuzufligen, dafi P. in seinen letzten Lebens-
jahren noch den von der Unterrichtskommission deutscher Arzte und Natur-
forscher erhobenen Anspruchen ein wichtiges Zugestandnis machte. Von dieser
Seite war auf den Mangel an naturwissenschaftlichen Kenntnissen als eine
klaffende und fur das geistige Leben des ganzen Volkes verhangnisvolle Liicke
in der Ausbildung der Gymnasialabiturienten hingewiesen worden. P. liefi
sich daraufhin bereit finden, die Preisgabe des lateinischen Extemporales auf
Paulsen.
259
der Oberstufe zu befurworten, damit fiir biologischen Unterricht im Zusammen-
hang mit anthropologischer, psychologischer, hygienischer und ethischer Be-
lehrung Zeit gewonnen werde. Das beruhrt sich auch mit seinen unausgesetzten
Bemuhungen, den propadeutischen Unterricht in der Philosophic wieder in
seine vollen Rechte eintreten zu lassen, sowie mit seinen weiteren Reformideen
hinsichtlich des Unterrichts auf der Oberstufe: er stand an der Spitze derer,
welche auf eine freiere Gestaltung desselben hinarbeiteten, — d. h. vor allem
auf teilweise Ersetzung der Pensenarbeit durch selbstandigere Tatigkeit und auf
die Anerkennung gegenseitiger Kompensation durch hervorragende Leistungen
in den klassischen Sprachen auf der einen, in den mathematischen Wissenschaften
auf der andern Seite. Uberhaupt sah P. das Wesen echter Bildung nicht in
oberflachlicher Vielseitigkeit, sondern in einer organischen Pflege und Ent-
wicklung der Krafte, auf welche die einzelne Personlichkeit angelegt ist. So
war er ein Feind alles toten Auswendiglernens und geistigen Drills, ein Feind
auch aller Gesinnungsmache, sei es auf religiosem, patriotischem oder sonst-
welchem Gebiete. All das hinderte ihn aber nicht, Front zu machen gegen die
»Uberburdungs- und Verweichlichungs-Theoretiker«, die uber einer fratzen-
haften Verteidigung des angeblichen Rechtes des Kindes, sich auszuleben,
die Wahrheit aus dem Auge verlieren, dafi ohne Arbeiten-, Gehorchen- und
Entsagen-Lernen keine wahre Erziehung denkbar ist.
Wie er den Lehrerstand gegen die ubertriebenen Anklagen von solcher
Seite verteidigte, so erwies er sich ihm auch sonst als tatkraf tiger Freund
und nahm hervorragenden Anteil an den Bestrebungen, die Oberlehrer im Ein-
klang mit der Wurde ihres Standes den ubrigen Beamtenkategorien pekuniar
gleichzustellen. Zugleich aber scharfte er unausgesetzt ihr StandesbewuBtsein
gegeniiber alien anderen Beamten' indem er darauf hinwies, daC der Ober-
lehrerstand zugleich ein echter Gelehrtenstand sei und sein musse: denn nur
wer selbst am Fortschritt einer Wissenschaft lebendigen Anteil nimmt, kann
sie erfolgreich lehren. Darum forderte er auch, dafi den Obcrlehrern Zeit und
Mittel zu erneutem Universitatsbesuch sowie zu Auslandsreisen zur Verfugung
gestellt wurden. Die von Johannes Speck angeregte Paulsen -Stiftung zur
Forderung dieser Ziele ware in der Tat ein P. in seinem eigenen Geiste errich-
tetes Denkmal. Ebenso lag ihm das Wohl der Volksschule und des seminar istisch
gebildeten Lehrerstandes, dem er selbst so viel verdankte, am Herzen. Hier sei
nur seine viel angefochtene Stellungnahme gegen den doktrinaren Liberalismus
in Sachen der Simultanschule erwahnt: er weigerte sich in dieser kloppelt-
konfessionellen« Anstalt einen notwendigen Schritt auf dem Wege zur Er-
reichung des seiner Ansicht nach hochsten Zieles zu sehen: einer wahrhaft
»interkonfessionellen« Schule, in welcher der dogmatische Religionsunterricht
durch einen rein historischen Lehrbetrieb ersetzt ist. Wie wenig er im Sinne
hatte, die Vorherrschaft der Kirche auf diesem Gebiete zu fordern, geht auch
daraus hervor, dafl er stets dafur eintrat, dafi die Schulaufsicht mehr und
unehr aus der Hand der Geistlichen genommen und in die padagogischer
Fachmanner gelegt werde.
Es ist ja selbstverstandlich, dafi ein Mann wie P. sich keiner politischen
Partei bedingungslos unterwerfenkonnte. Erhat in einige'n seiner interessantesten
politischen Aufsatze das grellste Licht auf das innere Wesen des Parteikampfes
geworfen. Nicht dafi er dessen Notwendigkeit verkannt hatte: »Nur in einem
17*
260 Paulsen.
universellen Absolutismus konnte der Parteikampf zur Ruhe kommen*. Aber
er erhoffte von der Zukunft seine Humanisierung, d. h. seine Umgestaltung
in einen Kampf mit ehrlichen Waffen um ideale Interessen. In die Zukunft
war sein Blick auch gewandt, wenn er vom Sinken des Parlamentarismus und
von der wachsenden Macht der Krone gegeniiber der Volksvertretung redete.
Er riet vor allem den links stehenden Parteien, auf eine Ausgleichung der
Gegensatze zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie hinzuarbeiten und das
Parlament leistungsfahig zu erhalten fur spatere Tage, in denen vielleicht ,,von
der Volksvertretung wieder Grofleres verlangt und erwartet wird, als gegen-
wartig". Inzwischen legte er der deutschen konstitutionellen Monarchic ans
Herz, ihre beispiellose Machtfulle nicht den Interessen irgendeiner einzelnen
Partei untertan zu machen und vor allem einzusehen, dafl ihr selbst ernste
Gefahren nur von der klerikal-konservativen Mehrheit, nicht aber von den
Minoritatsparteien drohen konnten. Dafl er von diesem Standpunkt aus ein
Gegner der Junkerpolitik Bismarcks sein muflte, liegt auf der Hand.
Seiner Stellung iiber den Parteien verdankte P. das einzigartige Vertrauen,
mit dem das deutsche Volk auf seinen Rat in alien offentlichen Angelegenheiten
horte. Die falsche Scham, die der deutsche Stubengelehrte alten Schlages
empfunden hatte, ware ihm zugemutet worden, sich als » Journalist* zu be-
tatigen, war P. ganzlich unbekannt. Fuhlte er, dafl er seinem Volke etwas zu
sagen hatte, so tat er es ohne Zagen, — nicht nur in Zeitschriften wie der
Deutschen Rundschau, den Preuflischen Jahrbuchern oder der Internationalen
Wochenschrift, sondern auch in Berliner Tageblattern, wie der Vossischen
Zeitung, dem Tag, der Nationalzeitung, der Taglichen Rundschau oder in der
Wiener Neuen Freien Presse, den Miinchener Neuesten Nachrichten und anderen.
Namentlich in den Jahren seiner Krankheit, als ihm groflere wissenschaftliche
Arbeiten unmoglich geworden waren, hatte sich das deutsche Volk so daran
gewohnt, in brennenden Fragen auf seine Stimme zu horchen, dafl ihr Aus-
bleiben doppelt empfindlich war. Auch auflerhalb der deutschen Grenzen horte
man gern auf sein Wort.
Auf dem Gebiete der auswartigen Politik sah er in Bismarck einen Be-
freier. Weit entfernt davon, ein zynischer Vergotterer einer brutalen »Real-
politik« zu sein, sah er gleichwohl in dem der zweiten Halfte des deutschen
19. Jahrhunderts eigenen Glauben an Macht eine heilsame Reaktion auf den
friiheren ohnmachtigen Glauben an Ideen; von der Zukunft aber erhoffte er
die ausgleichende Devise: Macht im Dienste von Ideen! Auch die Idee des
ewigen Friedens verteidigte er, freilich nur als ein in der Zukunft liegendes
Ideal; darum trat er auch fur die deutsche Regierung gegen alle Verdachtigungen
ein, wenn sie — in der richtigen Erkenntnis, dafl es nirgends verhangnisvoller
ist, als in der Politik, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun — nach dem
Grundsatz handelte: Si vis pacem, para bellum! Den Ursprung der Gewitter-
wolken an dem im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts oft so sturmes-
schwangeren europaischen Himmel suchte er nicht jenseits des Kanals, sondern
jenseits der Vogesen: die ruckhaltlose Anerkennung des Frankfurter Friedens
durch Frankreich bezeichnete er als den sichersten Weg zur Beseitigung der
Kriegsgefahr. Die gegenseitige Verhetzung des englischen und des deutschen
Volkes bekampfte er als ein frevelhaft leichtsinniges Spiel mit dem Feuer.
Nach seiner Ruckkehr aus England (1904) trat er in deutschen und englischen
Paulsen. 26 1
Zeitschriften gegen dieses Treiben auf, und im Dezember des folgenden Jahres
liefi er sich durch seine schwere Erkrankung nicht abhalten, in der groflen
Versammlung in der Berliner Borse gewichtige Worte liber die deutsch-englischen
Beziehungen zu reden. Fur die bei englischen Politikern so beliebte tugendliche
Selbstbespiegelung zwar hatte er nur ein Achselzucken, aber er traute dem
reifen politischen Urteil des englischen Volkes die Einsicht zu, dafi ein Krieg
zwischen den beiden stammverwandten Volkern auch dem Sieger verhangnis-
voll sein muflte.
Von einer Darstellung der Weltanschauung P.s kann in deqi hier gegebenen
Rahmen natiirlich nicht die Rede sein: es kann sich nur darum handeln, den
Kundigen kurz liber die Richtung seiner philosophischen Grundanschauungen
zu orientieren. P. bezeichnete sich selbst als einen Kantianer, »wenn auch
nicht einen Kantianer von der orthodoxen Observanz*. Kants »Lehre von
der schopferischen Kraft des Geistes, der durch seine synthetischen Funktionen
die Natur als Inbegriff gesetzmafiig verknupfter Erscheinungen erst hervor-
bringU, war ihm »eine unvergangliche WahrheiU. Aber den »starren aprio-
ristischen Rationalismus, der den Verstand als absoluten Schopfer ewiger
Wahrheiten, die Begriffe als ein System ewiger Wesenheiten ansah«, lehnte
er ab. Vielmehr war ihm »der Verstand eine bewegliche Funktion und die Be-
griffe ein immer zu erneuerndes und zu vervollkommnendes Netz, das jede
Generation neu flicht, um die ewig nachwachsenden und ewig sich umbildenden
Tatsachen damit einzufangen und ihrer Herrschaft zu unterwerfen«. Ahnlich
bog er auch Kants Lehre vom »Primat der praktischen Vernunft« nach der
Seite des Empirizismus um; wenn uns bei der Bildung unserer letzten und
hochsten Oberzeugungen der »die Erscheinungen buchstabierende Verstand«
im Stiche laflt, so mufi der »durch sittliche Grundsatze sich selbst bestimmende
Wille« die letzte Instanz bilden, insofern seine Postulate bei der im meta-
physischen Glauben angestrebten Erganzung des von den Einzelwissenschaften
gelieferten fragmentarischen Weltbildes in Zweifelsfallen den Ausschlag geben.
Die damit angedeutete Erkenntnistheorie stellte eine gegenscitige Befruchtung
zwischen dem durch die Namen Locke, Hume, Mill bezeichneten englischen
Empirizismus und dem Kantschen Kritizismus dar. Sie hatte den Odem der
Zukunft in sich, denn sie enthalt bereits alles Wesentliche und wirklich Wert-
volle, das der moderne Pragmatismus verkiindet, der gerade in dem Augen-
blicke, als P. aus dem Leben schied, so viel von sich reden machte, — freilich
in nuchternerer Sprache und klarerer historischer Selbsterkenntnis.
Beneke und Ueberweg ebneten P. den Weg zu seiner Metaphysik durch
die erkenntnistheoretische Einsicht, daB von einer »Phanomenalitat« der
♦ Erscheinungen* nur hinsichtlich der durch die sinnliche Wahrnehmung ver-
mittelten Korperwelt die Rede sein kann, wahrend die psychischen Vorgange
im Bewufitsein unmittelbar gegeben werden — so wic sie »an sich« sind. Von
hier ausgehend, folgte P. dann Schopenhauer bei seiner panpsychistischen
Ausdehnung der gesamten Wirklichkeit nach der Analogie des einzigen Aus-
schnittes derselben, der mir nicht nur in der sinnlichen Anschauung als Korper,
sondern zugleich im SelbstbewuCtsein als psychisches Wesen gegeben ist, —
d. h. des eigenen Selbst. Den an Kants Lehre vom »Primat der praktischen
Vernunft« ankniipfenden Voluntarismus Schopenhauers machte er sich inso-
weit zu eigen, als er den entwicklungsgeschichtlichen und praktischen Vorrang
262 Paulsen.
des Willens iiber den Intellekt anerkannte. Aber im Gegensatz zu Schopenhauer
sah er ein, dafi im BewuOtsein nicht nur die emotionellen, sondern auch die
intellektuellen Vorgange unmittelbar gegeben sind, und damit war dem auf
die Lehre vom »blinden« Willen gestiitzten Pessimismus bereits der Boden ent-
zogen. 1st nun, wie vorhin angedeutet wurde, der Komplex physischer
oder physiologischer Vorgange, den ich meinen Korper nenne, identisch mit
dem Komplex psychischer Vorgange, den ich meine Seele nenne, — mit anderen
Worten: sind beide ein und dasselbe, nur auf verschiedene Weise wahrge-
nommen, so kann natiirlich keine Kausalitat zwischen physischen und psy-
chischen Vorgangen statthaben. Schopenhauer hatte dieses Prinzip keineswegs
rein durchgefuhrt; P. brachte es, indem er sich auf den Boden des durch Fechner
erneuerten Spinozismus stellte, konsequent zur Geltung. Der Name des psycho-
physischen Parallelismus ist keine gliickliche Bezeichnung seines Standpunktes:
handelt es sich doch gar nicht um zwei parallele Reihen getrennter und gleich
wirklicher Vorgange! Durch den Panpsychismus hindurch gelangte P. zum
Pantheismus: das gottliche Allbewufitsein verhalt sich zum menschlichen
Einzelbewufitsein wie die gesamte Korperwelt des Universums zum mensch-
lichen Korper. Aus der Ablehnung jeder Wechselwirkung zwischen physischen
und psychischen Vorgangen folgt ohne weiteres, dafi eine teleologische Be-
trachtung nur bei der Beschrankung auf psychisches Geschehen — sei es im
einzelnen Individuum oder im Allbewufitsein — zulassig ist. Dagegen ist fur
die Korperwelt als solche, einschliefllich der Organismen und ihrer Entwicklung,
keine andere als die kausale Erklarung moglich. In diesem Prinzip stimmte P.
durchaus mit dem Darwinismus uberein. Daran wird auch nichts geandert durch
seinen s. Z. viel Staub aufwirbelnden Angriff auf Haeckel (1900), den man ganz
irrtiimlicherweise als einen Angriff auf den »Monismus« uberhaupt hinstellen
wollte. P. hat seine eigene Metaphysik mit Recht als »idealistischen Monismus*
bezeichnet, und gegen die in Haeckels »Weltratseln« niedergelegte, durch und
durch inkonsequente Pseudophilosophie machte er nur deshalb Front, weil sie
einen verkappten Materialismus plumpester Art darstellte. Dagegen hat er
Haeckel als Vorkampfer des Darwinismus stets geschatzt, und in wie volligem
Einklang er sich gerade mit den zukunftsfreudigsten Vertretern der modemen
Naturwissenschaft fiihlte, geht daraus hervor, dafi er — in fast wortlicher
Obereinstimmung mit einem Physiologen wie Max Verworn — die Zuriick-
fiihrung der Lebensvorgange auf die Grundgesetze der Physik und Chemie
forderte.
Dem Pessimismus stellte er einen Optimismus der Arbeit und Arbeits-
freudigkeit entgegen, — im Sinne Spinozas oder auch Carlyles und Emersons:
Bene agere et laetaril Den Formalismus Kants mit seinen apriorischen Sitten-
gesetzen ebenso ablehnend, wie den englischen Utilitarismus, der in der rein
quantitativ zu bestimmenden Lust das absolut Wertvolle suchte, sah der an
Aristoteles ankniipfende ethische »Energismus« P.s das »hochste Gut« in der
vollen Betatigung »aller menschlich-geistigen Krafte und Tiichtigkeitem. In
seinem eigenen Leben ist es verwirklicht worden!
Noch ein kurzes Wort iiber P.s Verhaltnis zum Christentum. Er schilderte
Kant als den »Philosophen des Protestantismus«, indem er sich auch hier
wieder von Kants Ansichten aneignete, was sich mit seinen empirizistischen
Grunduberzeugungen vereinbaren liefl. So strebte er eine Versohnung zwischen
Paulsen. 263
Glauben und Wissen an, indem er den religiosen Glauben auf das sittliche
Bewufltsein grundete und ihn — in wesentlicher Obereinstimmung mit
Adolf Harnack — von jeder Verkettung mit einer bestimmten theoretischen
Weltanschauung und darum auch von allem Dogmenzwang befreite: Religion
eine Sache d^s Herzens, nicht des Kopfes. Dabei war er sich bewufit, dafl es
in diesem Sinne ebenso viele protestantische Katholiken gibt wie katholische
Protestanten. So hiefi er auch den katholischen »Modernismus« willkommen
und sah in der gegen ihn in Aktion tretenden papstlichen »Unfehlbarkeit« das
Widersittliche in seiner vollendetsten Gestalt, — die »Siinde wider den heiligen
GeisU. Gegeniiber der auf eine Knechtung der Vernunft und des Gewissens
ausgehenden Kirchenpolitik eines Pius X. forderte er die Regierung auf, die
Lehrfreiheit der deutschen Universitat zu verteidigen. Mit einer entschiedenen
Ablehnung des Wunderglaubens in alien seinen Formen verband er eine lautere
Herzensfrommigkeit; noch aus seinem Grabe heraus redete er in diesem Geiste
zu uns in einer hinterlassenen und seinem Wunsche gemafl in der Weihnachts-
nummer der »Christlichen Welt« veroffentlichen Abhandlung »Was diinket
Euch um Christo, wefl Sohn ist er?« Der Fliigel des liberalen Protestantismus,
als dessen Organ das eben genannte Blatt bezeichnet werden kann, hat in P.
einen tapferen Vorstreiter verloren.
Es gibt kaum ein Gebiet des offentlichen Lebens, auf dem sein Tod nicht
eine Lucke gerissen hatte, und wem es vergonnt war, in ein personliches Ver-
haltnis zu ihm zu treten, der empfand das als eine grofie, vielleicht als die grofite
Bereicherung des eigenen Daseins.
Schriften. Die »Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deut-
schen Schulen und Universitaten« {1885), die erste groflere Veroffentlichung
P.s nach seiner Habitation, wird auf geraume Zeit hinaus das klassische Werk
uber diesen Gegenstand bleiben. In der zweiten Auflage (1896) wuchs es zu
zwei stattlichen Banden an; eine dritte ist in Vorbereitung. Es fand spater
eine Erganzung in der viel gedrangteren, aber darum nicht weniger lebens-
vollen Darstellung des »Deutschen Bildungswesens in seiner geschichtlichen
Entwicklung« (in Teubners Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« 1906,
2. Auflage 1909), insofern darin auch die Volksschule behandelt wurde. Das
dritte grofie Werk P.s auf dem Gebiete des Bildungswesens ist sein Buch iiber
»Die deutschen Universitaten und das Universitatsstudium« (1902), das gegen-
wartig vergriffen ist und hoffentlich bald in neuer Auflage erscheint: kein
Buch konnte besser geeignet sein, dem angehenden Studenten die Orientierung
in seiner neuen Lebensumgebung zu erleichtern oder dem Aufienstehenden
eine eingehende Kenntnis der akademischen Verhaltnisse zu vermitteln. Aus
seiner spateren zahllosen kleineren Abhandlungen auf dem Gebiete der
Padagogik hat P. noch kurz vor seinem Tode zwei Sammlungen zusammen-
gestellt: »Moderne Erziehung und geschlechtliche Sittlichkeit« (1908) und
♦Richtlinien der jiingsten Bewegung im hoheren Schulwesen Deutschlands«
(1909). Die erste widmete er mit f einer Ironie dem »Jahrhundert des Kindest
(s. o.); in der zweiten — es ist die Friedrich Althoff gewidmete — deutete er
den Weg an, der ihm fiir die Weiterentwicklung seit der letzten Schulreform
von 1901 wiinschenswert schien. Hingewiesen mag noch sein auf seine gehalt-
vollen Beitrage zu Reins »Enzyklopadischem Handbuch der Padagogik*
264 Paulsen.
(2. Auflage 1902) sowie zu dem grofien von Paul Hinneberg herausgegebenen
Werke »Die Kultur der Gegenwarts (1905 ff.).
Seine philosophische Weltanschauung hat P. niedergelegt in der >Ein-
leitung in die Philosophies (1892, 20. und 21. Auflage 1909) und in semem
^System der Ethik mit einem Umrifl der Staats- und Gesellschaftjlehres (1889,
7. und 8. Auflage 1906, in 2 Banden). Beide Werke sind darauf berechnet,
das Interesse weiter Kreise fur die behandelten Probleme zu gewinnen. Die
Auflagenzahl der »Einleitungs spricht am deutlichsten fur ihre dauernde Lebens-
und Wirkensfahigkeit. Die »Ethiks bietet in ihrem ersten Bande eine grofl-
zugige Darstellung der ethischen Grundprobleme und ihrer geschichtlichen
Entwicklung, wahrend der zweite den einzelnen Problemen des Eigen- wie des
Gemeinschaftslebens nachgeht und kaum eine brennende Frage unserer Zeit
unerortert lafit. Von einer produktiven Beschaftigung mit Kant wurde P.
nach seiner epochemachenden Habilitationsschrift, der »Entwicklungsgeschichte .
der Kantschen Erkenntnistheories (1875), lange Jahre hindurch abgelenkt.
Nur im Jubeljahr der »Kritik der reinen Vernunfts (1881) veroffentlichte er
eine fesselnde Studie unter dem Titel »Was uns Kant sein kanns in Avenarius'
»Vierteljahrsschrift fiir wissenschaftliche Philosophies. Zu dieser Zeitschrift
lieferte er auch sonstige Beitrage; aber spater trennten sich seine Wege von
denen ihres Herausgebers, da er sich mit dessen »Empiriokritizismuss nicht
befreunden konnte. Beide Schriften waren schwer zuganglich: die zweite,
weil sie in einer Zeitschrift erschienen; die erste, w.eil der Verleger R. Reisland,
dem der Absatz nicht schnell genug ging, die Lagerbestande einstampfen liefi,
ohne den Verfasser,-dem die Halfte des Reingewinns zustand, auch nur zu fragen!
Unter diesen Umstanden wurde es doppelt freudig begruflt, dafl P. es ubernahm,
fiir Frommanns »Klassiker der Philosophies den Band iiber »Immanuel Kant,
sein Leben und seine Lehres zu schreiben. Er erschien 1808, in 4. und 5. Auf*
lage 1904. Man kann sagen, dafi P. hier den lebendigen Kant aus dem ersticken-
den Dunenhugel, den die »Kant philologies iiber ihn ausgeschiittet hatte, heraus-
grub, indem er den Leser anleitete, personlich zu den von ihm behandelten
grofien Problemen Stellung zu nehmen. Zugleich fuhrte er die landlaufige
Ansicht, als sei Kant der endgiiltige Vernichter aller Metaphysik, auf ihr rechtes
Mafl zuriick, — eine Haltung, die er in einem 1900 in den »Kantstudiens ver-
offentlichten Aufsatz »Kants Verhaltnis zur Metaphysiks ausfiihrlich ver-
teidigte. An derselben Stelle war im vorhergehenden Jahre (1899) die Ab-
handlung »Kant, der Philosoph des Protestantismuss erschienen. Diese letztere
gab zusammen mit der zuerst in den »Preuflischen Jahrbiicherns (1900) ver-
offentlichten polemischen Betrachtung »Ernst Haeckel als Philosophs einer
Sammlung von Aufsatzen das Geprage, die P. noch in demselben Jahre (1900)
als *Phibsophia miliums; Gegen Klerikalismus und Naturalismuss (3. und
4. Auflage 1908) erscheinen liefl. In ebendiesem Jahre kam noch eine andere
Sammlung von drei vorher einzeln erschienenen Abhandlungen »Zur Natur-
geschichte des Pessimismuss unter dem Titel ^Schopenhauer, Hamlet, Me-
phistopheles« (3. Auflage im Erscheinen) heraus; als Anhang war eine fein-
sinnige Betrachtung iiber »Das Ironische in Jesu Stellung und Redes bei-
gegeben. Schliefilich ist noch eine ahnliche Sammlung zu nennen: die in der
»Deutschen Buchereis veroffentlichten ^Gesammelten Vortrage und Aufsatze
zur Ethik und Politiks (1905, 2. Auflage 1906).
Paulsen. Fiedler. 265
Auch dem Auslande sind P.s Bucher durch zahlreiche Obersetzungen zu-
ganglich gemacht worden: nicht nur in englischer und franzosischer, sondern
auch u. a. in russischer und japanischer Sprache. In Amerika hat sich besonders
Frank Thilly um die Verbreitung seiner Gedanken verdient gemacht; auch
Kuno Francke, der geistvolle Forderer des Deutschtums in den Vereinigten
Staaten, hat friih des P.s Geistes einen Hauch verspurt.
Aus dem literarischen Nachlasse ist noch eine Veroffentlichung der Vor-
lesungen iiber Padagogik, vielleicht auch iiber Rechtsphilosophie, zu erwarten.
Zunachst aber ist eine weitere Sammlung bereits einzeln gedruckter Ab-
handlungen ins Auge gefafit, der auch ein annahernd vollstandiges Verzeichnis
samtlicher Veroffentlichungen P.s — es handelt sich um iiber ein vierteltausend
Nummern — beigegeben werden soil.
Quellen zur Biographic Die ungewohnlich interessante Fruhzeit seines
Lebens hat uns Paulsen selbst in seinen » Jugenderinnerungen* (*Aus meinem Lebent, 1909,
6. u. 7. A. 1 9 10) in farbenfroher Darstellung, die auch hohen kulturgeschichtlichen Wert be-
sitzt, geschildert. Im Hinblick darauf, dafi dieses prachtige Buch alien zuganglich ist, habe
ich an gegenwartiger Stelle der Werdezeit einen kleineren Raum gegonnt, als sie sonst ver-
dient hatte. Aufzeichnungen aus dem spateren Leben in der Form von Jahresheften sind
vorhanden, doch stehen vorlaufig ihrer Veroffentlichung erheblichc Schwierigkeiten entgegen.
Einige Notizen daraus verdanke ich der Freundlichkeit seiner Witwe. Auch Professor Friedrich
Reuter, sein hier oft genannter iiltcstcr Freund, hat mich durch mannigfache wertvolle und
interessante Mitteilungen unterstiitzt.
B i 1 d n i s s e. Unter den erreichbaren Bildnissen kommen an erster Stelle drei Photo-
graviiren in Betracht. Die fruheste erschien im letzten Jahre der vollen Gesundheit Paulsens
(1904) im ^Corpus Imaginum* der »Photographischen GesellschafU in Berlin. Hier sind die
geistigen Ziige durch die Haltung des Antlitzes nicht ungeschickt hervorgehoben ; aber wer
Paulsen personlich nahe stand, empfindet das leicht als stilisiert. Intimere Lebens wahr he it
ist zwei aus der Meisterwerkstatt von R. Duhrkoop hervorgegangenen Bildnissen eigen. Sic
datieren aus dem Jahre 1907 und wurden wahrend einer jener triigerischen Zwischenzeiten
gesundheitlichen Wohlbefindens angefertigt. Eines derselben ist neben der Aufnahme der
Photographischen Gescllschaft in verkleinerter Reproduktion den »Jugcndcrinnerungen«
beigegeben, ebenso auch ein photographisches Portrat aus der Privatdozentenzeit sowie ein
in all seiner kunstlerischen Anspruchslosigkeit entziickendes kleines Bild, das uns den Langen-
horner Bauernknaben zwischen seinen Eltern zeigt. Auch eine Photographie von Leyde aus
dem Jahre 1885 verdient Erwahnung. Als sich Paulsen im Fruhling 1908 zur Erholung in
Italien aufhielt, modellierte Ferdinand Seeboeck, ein Schiiler Hildebrands, seine Biiste. Das
vortrefflich gelungene Marmorbildnis zeigt von schwerem Leiden abgeharmte Zuge. Eine
Replik, die der Kiinstler spatermitHilfe der Diihrkoopschen Portrats inverjugendlichter Gestalt
herstellte, wurde fiir die, Schulaussteliung nach Briissel geschickt. Das auf dem Fichtenberg
in Steglitz im Sommer 1910 zu enthiillende Denkmal, eine Marmorbuste auf hohem Sockel,
wird von Schmidt-Kestner ausgefiihrt. T u ~ ~ a ~ - T ^ « « •, «
s IneodorLorenz,
Fiedler, Josef, Ritter v., Historiker, * 17. Mai 1819 in Wittingau, f Wien
30. Juni 1908. — Absolvierte das Gymnasium in seiner Vaterstadt, Jura an der
Universitat Wien; kurze Tatigkeit in einer Advokaturkanzlei befriedigte den zu
historischen Studien Neigenden so wenig, dafi er 1844 willig die Gelegenheit
zum Eintritt in das kaiserliche Haus-, Hof- und Staatsarchiv benutzte; langsam
stieg er im Rang auf; »obwohl immer getragen von der Anerkennung und dem
Vertrauen seiner Vorgesetzten«, die ihm schon 1876 fast nur den dienstaltesten
Beam ten zugewiesene Arbeiten anvertrauten; daneben trieb F. ausgebreitete
266 Fiedler. Kirchhoff.
slavische Sprachstudien. Die osteuropaische Gruppe der Archivbestande
wurde ihm ubertragen; spater auch die Leitung der groflen Abteilung der Akten,
Urkunden und Privatkorrespondenzen des Kaiserhauses. 1880 wurde F. auf
Arneths Vorschlag Vize-Direktor des Archivs; 1888 trat er nach 44jahriger
Dienstzeit in den Ruhestand. Seine Publikationen verzeichnet G u s t a v
W i n t e r in seinem Nekrolog (Almanach der Wiener Akademie 1909 S. 349/50)
»Das Hauptwerk seines Lebens aber ruht unvollendet in seinem Nachlafl.*
»Zunachst gait diese Arbeit dem 30 jahrigen Kriege mit vorwiegender Beriick-
sichtigung der ungarischen Bewegungen dieser Zeit (Bethlen, Rakoczy);
als ihm da rascher entschlossene Forscher zuvorkamen, zog er sich auf die Zeit
des Bruderzwistes im Herrscherhause und des Rakoczy zuruck. Dort wie hier
ist kaum ein grofleres Archiv der Monarchic von seiner Forschung unberiihrt
geblieben und auch deutsche und hollandische Archive hat er, so gut es von Wien
aus moglich war, mit reichem Ertrag nutzbar gemacht, auf eigne nicht unbe-
trachtliche Kosten. Oft war ihm in den letzten Jahren, wo Hand und Auge
den Dienst versagten, die Sorge nahegetreten, was nach seinem Tode aus dem
Werk werden sollte.« »In einer nicht immer glatten Schale barg F. einen
echten, edlen Kern.« »Er, der Sohn eines reichbegabten Slavenstammes,
hat eine starke Anhanglichkeit an sein Muttervolk nie verleugnet; aber er
hat es noch vermocht, sie mit gleich starker Liebe zum osterreichischen
Gesamtvaterland zu vereinigen.« F.s letztwilliger Verfiigung gemafl sind seine
Sammlungen der Wiener Akademie zugefallen, deren Verwaltung wie Ver-
wertung Winter »von leichter fertigen, hoffentlich nicht leichtfertigen Handen«
erhofft.
Kirchhoff, Johann Wilhelm Adolf, Professor der klassischen Philologie
an der Universitat Berlin, * 6. Januar 1826, f 27. Februar 1908. — Der Grofi-
vater war durch preuOische Werber aus seinem kurpfalzischen Dorfe nach
Berlin gebracht worden und hat den Siebenjahrigen Krieg mitgemacht; von
ihm hat der Enkel die hohe stattliche Figur geerbt. Der Vater Johann Jakob ,
Kirchhoff lebte zu Berlin als Portrat- und Historienmaler; seinen altesten Sohn,
Adolf, der sich dem Schulfach widmen wollte, schickte er auf das Friedrich
Wilhelms-Gymnasium, damals noch an der Ecke der Friedrich- und Kochstrafie.
1842 also erst i6jahrig, konnte derselbe bereits mit dem Zeugnis der Reife
zur Universitat entlassen werden. Seine Studienzeit hat Kirchhoff ganz in Berlin
verbracht, K. Lachmann und A. Boeckh sind seine Lehrmeister geworden.
Am 11. Febr. 1846 war seine Doktorpromotion, im Juli des gleichen Jahres
legte er das Staatsexamen ab, um dann zu Michaelis 1846 als Adjunkt am
Joachimsthalschen Gymnasium zu Berlin ins Lehramt einzutreten. Die Ver-
haltnisse des Elternhauses hatten dem jungen Manne die Pflicht aufcrlegt,
bald zu Amt und Brot zu kommen; der Vater siedelte 1848 nach Leipzig uber,
wo er bei der Weberschen Verlagsbuchhandlung die Leitung des kunstlerischen
Teiles der »Illustrierten Zeitung« ubernehmen sollte, starb aber noch im gleichen
Jahre, die Witwe und die beiden jungsten Sohne in sehr diirftigen Umstanden
zuriicklassend. K. hat sich hier als treuer Sohn bewiesen, die beiden Briider
haben sich dem buchhandlerischem Beruf zugewandt; der altere, Alfred, ist
der wissenschaftlich hochangesehene Inhaber des Leipziger Antiquariats
Kirchhoff & Wiegand geworden.
Kirchhoff. 267
Fur das humanistische Gymnasium in Preufien, wie es sich unter der
Leitung Joh. Schultzes ausgestaltet hatte, darf dieMitte des neunzehnten Jahr-
hunderts wohl als die Blutezeit betrachtet werden. Das Joachimsthalsche
Gymnasium, damals noch neben der heutigen Borse zwischen Bergstrafle und
Heilige GeiststraCe gelegen, hatte in A. Meincke und G. Kieflling zwei hervor-
ragend tiichtige Direktoren aufzuweisen, die gleich angesehen als Padagogen,
wie als Gelehrte, auch den Lehrkorper ihrer Anstalt nach beiden Richtungen
zu beeinflussen verstanden. Das seit alters mit der Schule verbundene Alum-
nat, in dem die jungen Lehrer als Adjunkten die Aufsicht zu fiihren haben,
stellt an diese hohe Anspruche; wer, wie es der junge K. sich zur Regel ge-
macht, stets gut vorbereitet zu den Unterrichtsstunden kommen will, muB
sehr haushalterisch mit seiner Zeit umgehen, wenn er dabei auch noch wissen-
schaftlicher Arbeit obliegen will. O. Schroeder, der selbst als Lehrer seit langen
Jahren dem Joachimsthalschen Gymnasium angehort und K. in dessen
spateren Lebensjahren sehrnahe gestanden hat, ist der Tradition nachgegangen,
die sich von K.s Lehrertatigkeit erhalten hat, um sie in seinem Nekrolog zu ver-
wenden. Durch Ruhe und Sicherheit des Auftretens hat sich der junge Lehrer
die Achtung seiner Schuler zu erwerben verstanden, das bei ihm in besonderem
Mafie ausgebildete Gerechtigkeitsgeflihl, fur das die heranwachsende Jugend sehr
bald Verstandnis gewinnt, ist ihm dabei zu Hilfe gekommen. Auf gar manchen
Zogling, bei dem L. Wieses padagogische Kunst nichts auszurichten vermochte,
hat er noch EinfluB gewonnen. Unter seinen Kollegen ist er dem schon 185 1
verstorbenen Karl Francke besonders nahe getreten, auch mit Aug. Nauck
scheint er in regem Verkehr gestanden zu haben. Den wissenschaftlichen Sinn,
der an der Anstalt herrschte, lassen schon die Namen der jungen Lehrer er-
kennen, die im Laufe der fiinfziger Jahre in die Adjunktur eingetreten sind,
wie H. Usener, Ad. Kiefiling, Jul. Baumann, Wolfg. Helbig, W. Dittenberger.
Aus dem Kollegium des Joachimsthals miissen hier noch genannt werden: Rud.
Jacobs, Wieses Nachfolger als Alumnatsinspektor, und R. Hercher. Im Jahre
1857 hat sich K. mit der Schwester seines verstorbenen Freundes Francke
vermahlt, die er an dessen Sterbebett kennen gelernt hatte.
Nach neunzehnjahriger Tatigkeit im Schulamt hat K. Michaelis 1865 als
Nachfolger von A. Boeckh die Professur fur griechische Philologie an der Berliner
Universitat ubernommen. Bei seinen Vorlesungen ist er stets sich bewufit
gewesen, dafl er in erster Linie fur die zukiinftigen Lehrer vorzutragen habe,
zweifellos war der Vortrag selbst in mancher Hinsicht durch die lange Be-
schaftigung in der Schule beeinflufit. Unter seinen Vorlesungen erfreuten sich
diejenigen liber Homer, iiber griechische Dialekte und iiber griechische Staats-
altertumer einer besonders zahlreichen Zuhorerschaft. Als K. eintrat in
die akademische Lehrtatigkeit, war die Berliner Universitat wohl die am
starksten besuchte unter den deutschen Universitaten, aber die Verhaltnisse
waren doch noch ubersichtliche, der Student vermochte auch ohne besondere
Empfehlung zu seinen Lehrern noch in eine nahere, oft auch in personliche
Beziehung zu kommen, und in K.s Art lag es, sich seiner Schuler anzunehmen.
Sein Privatissimum, in dem er bald epigraphische Ubungen hielt, bald die
Lektion eines Schriftstellers (Herodot u. a.) leitete, konnte er in seinem Studier-
zimmer abhalten, in den weiten Raumen des altmodischen Maison d'Orange
an der Ecke der Dorotheen- und Neustadter Kirchstrafie, in den achtziger
268 Kirchhoff.
Jahren bezog er das Professorenviertel in der Matthaikirchstrafle. Er war fiir
die Wiinsche seiner Schiiler zuganglich, und hat gar vielen die Freundschaft
liber ihre Studienzeit hinaus bewahrt.
K.s Eintritt in die philosophische Fakultat fallt zusammen mit einer
neuen Ara in der Berliner Philologie, die anhebt mit der Cbersiedelung Momm-
sens nach Berlin. M. Haupt und A. Trendelenburg waren noch da als Vertreter
der vorangegangenen Epoche, J. G. Droysen, E. Curtius, H. Bonitz, E. Zeller
traten jetzt bald nacheinander in den Lehrkorper der Universitat ein; mit
ihnen hat K. die ersprieBlichste Zeit seiner Wirksamkeit an der Universitat
verlebt. Zu Haupt war er, wie es scheint, zuerst durch Mullenhoff in
Beziehung gekommen. K.s Eintritt in die Akademie (i860), dann in die
philosophische Fakultat, wo er das philologische Seminar gemeinsam mit
Haupt zu leiten hatte, hat allmahlich zu einer vertrauten Freundschaft
geflihrt; in der Leibniz-Sitzung 1875 hat er ihm die Gedachtnisrede gehalten,
»so, wie er selbst sie billigen wurde«. Einen geselligen Mittelpunkt fand der
Freundeskreis, dem sich noch Gleichgesinnte angeschlossen hatten, in der von
Ph. Buttmann 1823 ins Leben gerufenen Graeca. Wenn draufien im politischen
Leben die Geister aufeinander platzen mochten, hier fanden sie bei der Lektion
eines griechischen Klassikers und bei der am spaten Abend sich anschlieOenden
Unterhaltung in friedlichem Verkehr sich zusammen. Lange Jahre hindurch ist
K. hier der Vorleser gewesen. In der Archaologischen Gesellschaft gehorte er,
zumal seitdem Curtius den Vorsitz ubernommen hatte, zu den regelmafiigsten
Teilnehmern, meist sah man ihn dort mit Mullenhoff und Kiefiling zusammen,
immer aber auch fiir Jungere zuganglich.
Als auf griechischem Boden die Periode der grofien Ausgrabungen begann,
und als an dem neuen Archaologischen Institut in Athen U. Kohler, sein Mit-
arbeiter am Inschriftenwerk, als Sekretar eintrat, hielt es ihn, der schon
seiner hochgradigen Kurzsichtigkeit wegen sonst nicht reiselustig war, langer
nicht daheim. Begleitet von zwei seiner Schiiler, Herm. Rohl und Hans
Droysen, kam er im Marz 1876 nach Athen, und als der erste unter den deut-
schen Gelehrten in das Ausgrabungsfeld von Olympia. Aufgedeckt war in jenen
Tagen nur die allernachste Umgebung des Zeustempels, noch nicht einmal
dessen Area; was vorlag von Stucken der Giebelskulpturen, gab mehr Ratsel
auf, als es gelost hatte; aber an Inschriften war gleich in den ersten Monaten
der Arbeit eine Anzahl zum Vorschein gekommen, die zu den wichtigsten Funden
Olympias gehoren, und an die sich spater noch eine umfangreiche Literatur an-
geknupft hat. An der Universitat in Athen bekleidete damals die Professur
fiir altgriechische Sprache St. Phintikles, der lange Jahre neben Phil. Joannu
zweiter Vorsitzender der Griechischen Archaologischen Gesellschaft gewesen ist;
ihm als seinem Studienfreunde in Berlin hatK. den Vorlaufer der Plotin-Ausgabe
gewidmet. Zwei Jahre darauf lockten ihn die Ausgrabungen Schliemanns
von neuem nach Griechenland, diesmal kam er begleitet von dem jungen Dr.
Cwiklinski. Ein Paar Scherben aus Mykene, wie sie damals schon zu vielen
Tausenden vorlagen, wollte cr sich als Andenken mitnehmen. Bei der ihm
angeborenen peinlichen Gewissenhaftigkeit mochte er nicht gegen das griechische
Gesetz verstoBen, das die Ausfuhr von Altertumern verbietet; so erbat er
sich die Erlaubnis vom damaligen Generalephoros Evstratiades, die ihm denn
auch bereitwillig gewahrt wurde. Es muC ein erhebendes Schauspiel gewesen
Kirchhoff. 260
sein, mit welchem Ernst dann an den verschiedenen bei der Heimreise zu
passierenden Zollstatten iiber diese an sich wertlosen Scherben Protokoll ge-
fiihrt wurde. Die zweite Auflage der »Homerischen Odyssee« tragt die Widmung:
»Meinen lieben Reisegesellen zur Erinnerung an die Stunde im Kanal von
Ithaka zugeeignet«.
Der Tod Mullenhoffs, die Krankheit seiner Frau — coniugi optimae redi-
vivae ist 1880 die Aschylos-Ausgabe gewidmet — , ein schweres Augenleiden der
in seinem Hause lebenden Schwagerin, Vorgange, die bald aufeinander ein-
traten, haben tief eingegrifFen in das hausliche und personliche Leben K.s.
Als er 1883/84 das Rektorat bekleidete, hatte er noch unter den Folgen der
letztvergangenen Jahre zu leiden.
Wenden wir uns nun zu einem Uberblick iiber K.s literarische Tatigkeit.
Wenn bei anderen Philologen textkritische Arbeiten das eigentliche Lebens-
werk gebildet haben, so nehmen sie bei ihm einen ungleich geringeren Umfang
ein. Was er zu leisten vermochte auf diesem Gebiet, hat er mit seiner Ausgabe
des Plotin (1856) bewiesen, zu der er die Anregung von seinem Lehrer A. Tren-
delenburg und von dem Theblogen Aug. Neander empfangen hatte. Meineke,
der den Antrag stellte, Kirchhoff in die Akademie aufzunehmen, hat ihn mit
der Plotin -Ausgabe begrundet. Ein Jahr fruher als der Plotin war der grofie
dreibandige Euripides fertig geworden, fur den er 1853 den Marcianus in
Venedig kollationiert hatte. 1880 erschien seine Aschylos-Ausgabe, allerdings-
ohne neue Vergleichung der fur ihn wichtigsten Handschrift, aber die Ausgabe
»zwang die Philologen, den uninterpolierten Text ins Auge zu fassen, den sie
ganz vergessen hatten« (Wilamowitz).
Als Schiiler Lachmanns war er in das Studium der homerischen Frage ge-
kommen. Mit ihr beschaftigt sich schon seine Dissertation: Quaestianum Homeri-
carum par ticuia (1846). Dreizehn Jahre spater veroffentlicht er: »Die Homerische
Odyssee und ihre Entstehung*. Im Vorwort hatte er auf einem Bogen im
Lapidarstil festgelegt, wie er sich die Entstehung der Odyssee denkt, um dann
den Text folgen zu lassen, gesondert in den alten Nostos und die spateren Aus-
clichtungen. In den »Homerischen Exkursen« wurde nurdie Begriindung dessen
nachgeholt, was die Ausgabe geboten hatte; zwanzig Jahre spater brachte er
die »Homerische Odyssee « in 2. Auflage. Seine Vorlesung iiber die Odyssee
hielt er in jedem vierten Semester, ein Beweis dafiir, welchen Wert er darauf
legte, dafi sich seine Zuhorer gerade in diese Studien einleben sollten. Die Lach-
mannsche Liedertheorie der Ilias, wenigstens in der Scharfe, wie sie Haupt
seinen Schiilern vortrug, hat er sich nicht aneignen mogen, aber die Freund-
schaft zu Haupt war es, die ihn davon zuriickhielt, seine eigene Ansicht iiber
die Entstehung der Ilias zu veroffentlichen. In spateren Jahren hat er dann
auf Hesiods »Werke und Tage« seinerseits wieder die Liedertheorie anwenden
wollen. Neben dem Homer hat ihn wohl kein Schriftsteller so beschaftigt,
wie Herodot. Seine Ansicht, dafi das Geschichtswerk, in der Hauptsache wenig-
stens, entstanden sei in der Reihenfolge der Biicher, wie sie heute uns vor-
liegen, hat viele Gegner gefunden; eine ihrer sichersten Stiitzen findet sie in
dem Umstand, »dafi die stilistische Kunst Herodots vom Anfang bis zum Ende
seines Werks in einer stetigen Entwicklung sich begriffen zeigt, und von der
naiven Unbeholfenheit, welche den ersten Teil kennzeichnet, im Laufe des
zweiten zu immer bewufiterer Feinheit und Gewandtheit hindurcharbeiteU-
270
Kirchhoff.
Die pseudoxenophontische Schrift vom Staat der Athener hat er zuerst als
das alteste Stuck attischer Prosaliteratur erkannt und ihren historischen Wert
klargelegt; der Versuch freilich, die Schrift in ihrer ursprtinglichen Form
wieder herzustellen, wird wohl niemandem gelingen.
Zur Epigraphik ist K. durch Boeckh gefuhrt worden, aber er hat seinen eigenen
Weg eingeschlagen, der jenem recht fern lag. Urn die gleiche Zeit, da Mommsen
die »Unteritalischen Dialekte« erscheinen lieB, veroffentlicht der damalige
Adjunkt am Joachimsthal gemeinsam mit seinem Freunde und Studiengenossen
Th. Auf recht »Die Umbrischen Sprachdenkmalerc Auf Grund der Inschrift-
texte, die ein'Jahrzehnt zuvor R. Lepsius gesammelt hatte, haben beide, angeregt
durch ihren Lehrer F. Bopp, es unternommen, in dieses bis dahin vollig dunkle
Sprachgebiet Licht zu bringen. Ein Menschenalter spater haben F. Biichelers
Forschungen hier eingesetzt. »Das Stadtrecht von Bantia. Ein Sendschreiben
an Herrn Theodor Mommsen« (1853), ist die letzte Arbeit, die K. auf diesem
Gebiet veroffentlicht hat. In welchem Umfang er um jene Zeit unter dem
EinfluB der Sprachwissenschaft stand, beweisen seine germanistischen Studien,
denen er sich erst nach Ubernahme des Schulamtes zugewendet hatte. »Das
gotische Runenalphabet« bildet den Inhalt des Schulprogramms, das er 1851
veroffentlichte, und in welchem Mafle er hier sich eingearbeitet hatte, sollte
bald sich ergeben. Im Herbst 1854 wurden der Academie des Inscriptions zu
Paris und der PreuBischen Akademie der Wissenschaften Kopien von Runen-
inschriften eingesandt, die der junge Frangois Lenormant auf dem Landgut
seiner Familie in der Normandie entdeckt hatte. K., der diese Runen einer
genauen Priifung unterzog, fand, dafl hier frankische Grabinschriften, die um
das Jahr 510/11 abgefaBt waren, skandinavische Runen des9./io. Jahrhunderts
aufwiesen. Damit war der Nachweis der Falschung erbracht, und der Entdecker
hat auch nicht gewagt, seine Runenziegel, vorausgesetzt, daB sie je existiert
haben, einem glaubhaften Sachkundigen vorzufuhren. I£s war die fruheste,
aber auch die kiihnste der »Entdeckungen« aus den verschiedensten Gebieten
der Altertumswissenschaft, mit denen Lenormant die gelehrte Welt uberrascht
hat. Was aber jener Abhandlung in Haupts Zeitschrift (X 197) ihren bleibenden
Wert verleiht, ist, daB K. hier auf die germanischen Runenalphabete jene
palaographische Methode anwendet, die er bald auch auf das Gebiet des griechi'
schen Alphabets iibertragen hat. In der scheinbar so bunten Mannigfaltigkeit,
die das griechische Schriftwesen aufzuweisen hat, bevor das ionische Alphabet
zu allgemeiner Annahme gelangt war, hat er drei Klassen von Alphabeten nach-
gewiesen ; eines fur den Westen, ein zweites fur den Osten, ein drittes fur Kreta.
Was er hieruber 1863 der Akademie als seine Ansicht vorgetragen, hat bei
der inzwischen eingetretenen Mehrung des epigraphischen Materials in voll-
stem MaBe seine Bestatigung gefunden; es ist darin ein bedeutendes Stuck
griechischer Kulturgeschichte festgelegt. »Studien zur Geschichte des griechi-
schen Alphabets« hatK. seine Arbeit genannt und auch spater nicht mehr geben
wollen. »Es widerstrebt mir, die Lucken unseres Wissens durch hypothetische
Kombinationen ausfullen zu wollen, wo eine vollige oder teilweise Erganzung
durch Tatsachen der Erfahrung im Bereiche der Moglichkeit liegt und in nicht
zu ferner Aussicht steht.« So schreibt er 1876 imVorwort zur 3. Auflage, und
er wurde wohl auch heute so schreiben, nachdem Arthur J. Evans nachge-
wiesen hat, daB der phonikisch-hellenischen Buchstabenschrift ein al teres
Kirchhoff. 27 1
Schriftsystem Platz gemacht hat, das im zweiten Jahrtausend an den Klisten
des Archipelagic im Gebrauch war und selber wieder verschiedene Phasen
durchgemacht hat.
Ein Mann, der in solchem MaBe die griechische Epigraphik beherrschte,
war in der Tat die geeignete Personlichkeit, ihm die Sorge fiir das von der
Akademie herausgegebene Corpus Inscriptionum Graecarum zu ubertragen. Mit
seiner Bearbeitung der Inscriptiones christianae 1859 und der Herausgabe der
von H. Rohl bearbeiteten Indices 1880 hat er das Boeckhsche Inschriftenwerk
zum AbschluC gebracht. Schwieriger hat sich die Weiterfuhrung erwiesen.
Einer Neubearbeitung bedurften, als Boeckh 1864 starb, vor allem die attischen
Inschriften. Dadurch, dafl U. Kohler, der Dragoman bei der PreuBischen
Gesandtschaft in Athen geworden war, es ubernahm, sich einer Neuaufnahme
der attischen Inschriften zu unterziehen, ist es moglich geworden, ein neues
grundlegendes Werk zu schaffen, das Corpus Inscriptionum Atticarum. K.,
der die Leitung ubernommen hatte, bearbeitete die Urkunden der alteren Zeit
bis zum Schlusse des Peloponnesischen Krieges, Kohler den umfanglich starksten
Teil, die Urkunden bis auf Augustus, W. Dittenberger die der Kaiserzeit.
Fiir das Studium der griechischen Epigraphik beginnt mit der Veroffentlichung
des Corpus Inscriptionum Atticarum eine neue Epoche Eine stattliche Reihe
groBerer und kleinerer epigraphischer Abhandlungen, die in den Akademie-
schriften erschienen sind, war fiir K. die Frucht seiner Corpus-Arbeit. Als
es dann freilich sich darum handelte, auch die nichtattischen Inschriften neu
zu bearbeiten, ergaben sich Schwierigkeiten, zu deren Uberwindung seine
organisatorische Begabung nicht ausreichte; drangten doch die geradezu uber-
reichen Inschriftfunde, die in den Ausgrabungen der franzosischen Regierung
auf Delos und in Delphi zutage gekommen waren, dahin, auch Angehorige
anderer Nationalitaten zur Mitarbeit an dem groBen Sammelwerke heran-
zuziehen. Anlaufe zur Fortsetzung des groflen Werkes sind freilich gemacht
worden, aber PlanmaBigkeit lassen sie allerdings vermissen. Doch darf auch
nicht vergessen werden, daB unter denMitarbeitern, die heute fur die Inscriptiones
Graecae tatig sind, gerade der riihrigste damals gewonnen worden ist.
Ein Gelehrtenleben, in dem die geistige Sehaffenskraft unter den Ge-
brechen zunehmenden Alters aufhort, wird stets das Schicksal haben, das
auch K. nicht erspart geblieben ist, daB sein Trager bei den Mitlebenden
in den Hintergrund gerat, bei dem heranwachsenden Geschlecht vergessen ist.
Was es Bleibendes geleistet hat, wird erst ganz allmahlich wieder die ihm ge-
buhrende Wurdigung erlangen.
Literatur (hier nur in Auswahl angefiihrt): Quaestionum Homericarum particular Diss,
inaug. Berl. 1846. Plotini de virtutibus et adversus gnosticos libelli Berl. 1847. Die Umbrischen
Sprachdenkmaler. Ein Versuch zur Deutung derselben. V f on Theod. Aufrecht und Ad. Kirch-
hoff. Berl. 1849 — 51, 2 Bde. Das gotische Runenalphabet. Prog. d. Joachimsthalschen
Gymn. ib. 1851. Euripidis Medea ib. 1852. Euripidis Troades ib. 1852. Das Stadtrecht von
Bantia ib. 1853. Euripidis tragoediae II voll. ib. 1855. Plotini opera II voll. Leipz. 1856.
Zur Wurdigung der franzosischen Runen: Haupts Zeitschr. f. deutsches Altertum, X, 197 ff.
Corpus Inscriptionum Graecarum IV, 2: Inscriptiones christianae. Berl. 1859. Die Homerische
Odyssee mit Erlauterungen. ib. 1859, 2. Aufl. 1879. Homerische Exkurse I. II: Philologus
XV, 1 ff. III. IV: Rheinisches Museum XV, 62 ff. V: Philologus XIX, 75 ff. Antrittsrede
in der Akademie der Wissenschaften: Monatsber. i860, 391 ff. Uber die Chronologie der
attischen Volksbeschl. fur Methone: Abh. d. Akad., phil.-hist. Kl. 1861, 555 ff. Aus dem
272
Kirchhoff. Nebe.
epigr. .Nachlafi A. v. Velsens: Monatsber. d. Akad. 1861, 601 ff. Inschrift aus Samos: Mo-
natsber. d. Akad. 1862, 71 ff. Studien z. Geschichte des griechischen Alphabets: Abh. d. Akad.,
phil.-hist. Kl. 1863, 117 ff. 2. 3. Aufl. Berl. 1861. 1877, 4. Aufl. Gutersloh 1887.I Bemerkungcn
zu den Urkunden der Schatzmeister der Andern Gotten Abh. d. Akad., phil.-hist. Kl. 1864,
I ff. (jber die Zeit der Pythischen Festfeier: Monatsber. d. Akad. 1864, 123 ff. De fragmetUis
quibnsdam tituli Attici ad opus ah quod aetaiis Pericleae referendi: Nuove Memorie (E. Gerhard
gew.), Roma 1865, I2 9 & Andokidea: Hermes I, 1866, I ff. t)ber die Obergaburkunde des
Schatzmeisters der Athene: Abh. d. Akad., phil.-hist. Kl. II, iff. Ober die Abfassungszeit des
Herodotischen Geschichtswerks: Abh. d. Akad., phil.-hist. Kl. 1866, 1 ff., 1871, 47 ff. 2. Aufl.
Berl. 1878. Rede z. Feier des Geburtstages S. M. des Konigs am 22. Marz in der Aula der
Friedrich Wilhelm-Universitat. ib. 1868. Cber die Tributliste. 01. 85, 2—87,1: Abh. d.
Akad. 1870, 89 ff. Monatsber. 1871, 217 ff. Zur Geschichte des attischen Epigramms: Her-
mes V,48ff. Corpus Inscriptionum Atticarum voll. I, 1873. Suppl. 1877 — 91. Cber die Tribut-
pflichtigkeit der attischen Kleruchen. Abh. d. Akad. 1873, 1 ff. t)ber ein attisches Grab-
denkmal: Abh. d. Akad. 1873. t)ber die Schrift vom Staat der Athener: Abh. d. Akad. 1874,.
1 ff. Xenophontis qui fertur, de republica Atheniensium. Berl. 1874. Gedachtnisrede auf Mor.
Haupt. Abh. d. Akad. 1875, l ^ Ober die Redaktion der Demosthenischen Kranzrede: Abh.
d. Akad. 1875, 59 & ^ur Geschichte des athenischcn Staatsschatzes im V. Jahrh.: Abh. d.
Akad. 1875, 2I A- Der delische Bund im 1. Dezennium seines Bestehens: Hermes XI, 1 ff,
Zur Geschichte der Oberlieferung des Thukydideischen Textes: Hermes XII, 368 ff. tJber
die Abfassungszeit der Schrift vom Staat der Athener: Abh. d. Akad. 1878, 1 ff. Aeschyli tra~
goediae. Berl. 1880. Rede beim Antritt des Rektorats, geh. in der Aula der Fr. W.-Univ,
15. Okt. 1883. Rede zur Feier des 3. August, ib. 1884. Inschriften von der Akropolis in Athen.
Sitzungsber. d. Akad. 1887, II, 1059 ff. 1888, I, 2395. Getreidesperre bei Byzantion. ib.
1888, II, H79ff. Hesiods Mahnlieder an Perses. Berl. 1889. Ober eine metrische Weih-
inschrift in aolischer Mundart: Sitzungsber. 1891, II, 961 ff. Thukydides und sein Urkunden -
material. Berl. 1895.
Nekrologe: U. v. Wilamowitz-Mollendorff, Gedachtnisrede auf Ad. Kirchhoff (a. d. Abh.
d. Preu fl. Akad. d. W.). Berl. 1908. O. Schroeder, Biogr. Jahrb. f. Altertumswissenschaft.
Jahrg. 31 (1908), 150 ff. (mit ausfiihrhchem Schriftverzeichnis). j^ Weil
Nebe, Karl, Badischer Kammersanger, Kgl. Sanger an der Berliner Hof-
oper, * 3. Januar 1858 in Braunschweig, f 7- Februar 1908 in Berlin. — N.,
Sohn des Schauspielers und Regisseurs Eduard Nebe, der 1862 von Eduard
Devrient als humoristischer Vater und Gesangskomiker an das Karlsruher
Hoftheater berufen wurde, empfing seine Schulbildung in Karlsruhe und sollte
sich hier nach dem Willen seiner Eltern dem Bankfach widmen. Doch das
vom Vater ererbte Theaterblut und eine starke, von beiden Eltern stammende
musikalische Begabung veranlaflten ihn sehr bald, mit alien Kraften der Theater-
laufbahn zuzustreben. Er genoG den Unterricht des vortrefflichen Baritonisten
Josef Staudigl, der in den siebziger Jahren dem Karlsruher Hoftheater an-
gehorte. In Wiesbaden, unter der musikalischen Leitung von Jahn, betrat
er 1878 zum erstenmal die Buhne, wirkte dort drei Jahre und wurde 1 881
als Vertreter des BaObuffof aches fur das Hoftheater in Dessau verpflichtet.
Schon von hier wurde er sehr haufig zu erfolgreichen Gastspielen bei Kroll
in Berlin eingeladen. 1890 wurde er von Biirklin an das Hoftheater in Karls-
ruhe berufen, das durch den Wohnsitz seiner Mutter und seines inzwischen
hier verstorbenen Vaters seine zweite Heimat geworden war. Hier wirkte er
als BaBbuffo bis zum Jahre 1900, wo er einem Rufe an die Konigliche Hofoper
in Berlin folgte. Der personliche Wunsch des Deutschen Kaisers, dessen be-
sonderes Wohlgefallen N. durch seine Mitw r irkung bei den Wiesbadener Mai-
Nebe. Baentsch.
273
festspielen mehrfach erregt hatte, war bei dieser Berufung entscheidend ge-
wesen. N.s Burgermeister von Sardam, Doktor Bartolo, Bombardon, Keller-
meister, Ritter Adelhof u. a. waren tuchtige, vollsaftige Leistungen, in denen
sich eine vortreffliche Technik, gute stimmliche Mittel, erstaunliche musikalische
Sicherheit und ein gewiegtes schausplelerisches K6nnen zu einem harmonischen
Ganzen verbanden. Auch in Rollen, die auflerhalb seines eigentlichen Faches
lagen, wie Alberich und manchen seriosen Baflpartien, bewahrte er sich als
sehr verwendbare Kraft. Ganz besondere Erfolge errang N. mit seiner Wieder-
gabe des Beckmesser, den er in Bayreuth, Berlin, Munchen, Amsterdam, London
und zahlreichen andern Stadten unzahligemal mit aufierordentlichem Erfolge
gesungen hat. Durch seine eigentumliche kiinstlerische Individuality, seine
scharfe Charakterisierungskraft, seine staunenswerte rhythmische Sicherheit
schien er zur Verkorperung dieser Rolle ganz besonders berufen zu sein und
schuf hier eine Gestalt, die aufierst lebendig wirkte und das Publikum in hohem
Mafie ergotzte, ohne die gefahrliche Grenzlinie gegen die Karrikatur hin zu
uberschreiten. Der frische und kostliche Humor, der N. als Menschen aus-
zeichnete, kam auch seinen ktinstlerischen Schopfungen zustatten und hat
seinen guten Teil zu der grofien Beliebtheit beigetragen, deren er sich an den
Statten seines Wirkens (iberall erfreute. Er betrat die Berliner Btihne zum
letztenmal am 31. Januar 1908 in »Johann von Paris« und wurde wenige Tage
darauf durch eine akute Krankheit in der Vollkraft seines Wirkens dahin-
S erafft - Eugen Kilian (Munchen).
Baentsch, Bruno, Theologe, Professor der alttestamentlichen Wissenschaft
zu Jena, Geheimer Kirchenrat, Dr. theol. und Dr. phil., * 25. Marz 1859 m
Halle a. d. Saale, f 27. Oktober 1908 in Jena. — Nachdem er auf der Latina
der Franckeschen Stiftungen die Reife ftir das Universitatsstudium sich er-
worben hatte, studierte er von 1879 — 1885 in seiner Vaterstadt Halle Theologie
und orientalische Sprachen. 1883 erwarb er sich auf Grund einer Dissertation:
»Die Namen der Wuste im Alten Testaments an der Universitat Halle die
Wiirde eines Doctor phil. Von 1886 — 1893 war er Pfarrer, erst in Rotenburg
bei Halle, dann in Erfurt an der Andreaskirche. 1892 wurde er in Jena zum
Lizentiaten der Theologie promoviert. Seine Inauguraldissertation trug den
Titel: »Das Bundesbuch Ex. XX 22 — XXIII 33«. Halle 1892. Er sucht darin
das gegenwartige Bundesbuch als Produkt eines literarischen Prozesses dar-
zustellen; »nur rechtliche Satzungen* bildeten nach ihm den Inhalt der altesten
Fassung, erst spater schlossen sich sittlich -religiose und gottesdienstliche Be-
stimmungen an, zwanglos, in verschiedenen Schichten. — Dasselbe Jahr tragt
ein auf der Erfurter Pastoralkonferenz gehaltener Vortrag: »Die moderne
Bibelkritik und die Autoritat des Gotteswortes«, in dem er besonnen die Forde-
rungen der Wissenschaft und die Bedurfnisse der Kirche zu vereinigen sucht.
Er zeichnet den neuesten Verlauf der alttestamentlichen Kritik und schildert
die Wirkung dieser Entdeckungen und die dadurch veranlaOten Gegen -
auflerungen. »Kritik und Offenbarung sind uberhaupt fiir mich nicht mehr
Gegensatze, die einander ausschliefien . . . , sondern es sind zwei GroCen, die
sich recht gut miteinander vertragen, ja einander herausfordern und bedingen.«
Die Anschauung, die er von der israelitischen Geschichte hat, kennzeichnet
er durch den Satz: »Das Gesetz einer Entwicklung des Niederen zum Hoheren,
Biogr. Jahrbuch u. Deutscber Nckrolog. 13. Bd. 1 8
274
Baentsch.
des Einfachen zum Komplizierten, ist auch fur die israelitische Geschichte
mafigebend geworden.« Da die wissenschaftliche Kritik es nur mit der mensch-
lichen AuBenseite der heiligen Schrift zu tun hat, so bleibt das Gotteswort
selbst unangetastet. Die kritische Wissenschaft fordert eine Offenbarung
Gottes in der Geschichte seines Volkes, sie mufl in den Schriften, die diese
Geschichte nicht nur begleitet, sondern durch ihren Inhalt zum guten Teil
erst in FluB gebracht haben, eine Gotteskraft anerkennen, das Wort des leben-
digen Gottes in ihnen sehen und seiner Autoritat sich fiigen.
Vom Standpunkt inneren Erlebens, des personlichen Innewerdens der
lebendig machenden Kraft des Evangeliums kann man allein die rechte Er-
fahrung von der Autoritat des gottlichen Wortes machen. Die wissenschaft-
liche Kritik ist von der Vorsehung dazu bestimmt, eine Erneuerung unserer
theologischen Anschauungcn anzubahnen, die nicht nur der theologischen
Wissenschaft, sondern auch am Ende der Kirche zugute kommen miissen. —
Wir sind deswegen auf diese Ausfuhrungen naher eingegangen, weil dieser
Pastoralkonferenzvortrag nachmals zum Gegenstand einer Anklage gegen
B. beim Evangelischen Oberkirchenrat gemacht wurde, die indessen, wie nicht
anders zu erwarten war, abgewiesen wurde; denn sie enthielten nichts, was
die Kirche gefahrden konnte oder einen Widerspruch gegen die Heilswahrheit
der christlichen Lehre enthielt.
B. dachte nicht daran, dauernd im praktischen Pfarramt zu verbleiben.
Seine regen wissenschaftlichen Interessen, die ganze Veranlagung seines Wesens
wicsen ihn auf das Gebiet des akademischen Lehrers hin. So habilitierte er
sich denn 1893 an der theologischen Fakultat zu Jena, das ihm Raum bot,
seinen eindringenden Forschungen sich hinzugeben in voller Freiheit, ohne
dafl er Verwicklungen mit dem falsch verstandenen Eifer von Amtsbriidern
zu befiirchten hatte.
Seine Habilitationsschrift trug den Titel : »Das Heiligkeits-
gesetz Lev. XVII — XXVI. Eine historisch -kritische Untersuchung.«
Darin sucht er den Umfang des Gesetzes zu bestimmen, laflt eine genaue Prufung
der Stucke folgen, unterscheidet drei Schichten, deren Zeitalter er naher fest-
zustellen sucht, und gibt schliefilich eine Darstellung des kultischen und theologi-
schen Gehalts. Es ist eine sorgfaltige und scharfsinnige Untersuchung, der die
Kritik des Heiligkeitsgesetzes eine erhebliche Forderung verdankt.
1899 wurde er auflerordentlicher Professor, vertrat als solcher langere
Zeit den schwerkranken Ordinarius Siegfried und wurde dann nach dessen
Tode ordentlicher Professor und mit der Vertretung des alttestamentlichen
Faches betraut.
Auf dem Lehrstuhl der beruhmten thiiringischen Hochschule entfaltete
nun B. eine unermiidliche Tatigkeit. Das akademische Amt war ihm Lebens-
beruf, ihm widmete er die ganze Kraft seiner tiefgrabenden Forschernatur.
Genauigkeit in der Erorterung der schwierigsten Fragen, sichere Herrschaft
liber den von ihm behandelten Stoflf verband sich bei ihm mit licht- und kraft-
voller Darstellung. Mag man auch manchmal seine Art des Schreibens recht
kurzweilig oder geradezu burschikos genannt haben oder auch wicder iiber den
Depeschenstil in seinem Kommentar geklagt haben, jedenfalls fehlte ihm, was
doch auch ein Vorzug genannt zu werden verdient, die Langweiligkeit. Er
war iiberhaupt kein trockener Kathedermensch, wie sein Nachfolger im Amte
Baentsch.
275
Prof. D. Staerk treffend bemerkt, was Verfasser dieser Skizze auch aus person -
lichem Eindruck bestatigen kann. Was seine Tatigkeit besonders wertvoll
machte, war die personliche Durchdrungenheit von dem, was er lehrte in Wort
und Schrift. Hinter den Sachen stand er selbst, eine starke Personlichkeit,
die im christlichen Glauben wurzelte und niemals zwischen der Wissenschaft
und dem Dienst der Geistlichen an der Gemeinde eine unubersteigliche Kluft
befestigt und den bekannten »breiten Graben« aufgeworfen wissen wollte;
vielmehr sollte die Wissenschaft dem praktischen Theologen wichtige Hand-
reichung tun in der Fruchtbarmachung des Bibelwortes.
So hat sich mir tief eingepragt, was er in einem geselligen Zusammensein
mit den Mitgliedern seines alttestamentiichen Seminars, an dem auch ich teil-
nehmen durfte, den jungen Theologen sagte von den Predigtnoten des Pfarrers,
die auch er durchgemacht hatte. Da betonte er die Wichtigkeit der Exegese
fur die Predigt, durch die der praktische Geistliche vor Verflachung und vor
der Gefahr des »Sich-auspredigens« bewahrt bliebe.
Diese seine Anschauung von der Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeit
fur die Wortverkiindigung hatte er auch 1896 in einem Vortrage: »Geschichts-
konstruktion oder Wissenschaft ?« dargelegt, den er in einem Kreise von Pastoren
gehalten hat. Hier will er die von Wellhausen vertretene Geschichtsauffassung
in ihrer Bedeutung darlegen und Manner dafiir gewinnen, die es uber sich
brachten, die bei den herrschenden einflufireichen und mafigebenden Kreisen
nach besten Kraften diskreditierte Sache aus erster Hand kennen zu lernen,
um sie unparteiisch zu beurteilen. Er will die Wellhausensche Schule gegen
den Vorwurf einer leichtfertigen, im Dienste eines antireligiosen Interesses
stehenden Geschichtskonstruktion schiitzen. Er erhofft von der ernstlichen
Beschaftigung mit Wellhausens Forschungen, die mit Hingabe, Selbstverleugnung,
Stillesein und Geduld verbunden sein mufl, als kostlichen Lohn eine neue Er-
schlieflung des Alten Testamentes, ein unmittelbareres Fiihlen des Pulsschlages
in der heiligen Geschichte. Deutlicher wiirden die Wege Gottes, in hellerem
Lichte erschienen seine Ziele; neue Krafte und fruchtbare Anregungen wiirden
die Pastoren fur ihr Amt in Predigt und Seelsorge schopfen, im Glauben und
in der Zuversicht zu Gott frisch gestarkt, wiirden sie an die Erfullung der
schweren Pflichten und Aufgaben der Gegen wart auf dem Gebiete des religios-
sittlichen und sozialen Lebens herantreten.
Aus diesen seinen Auflerungen laOt sich nicht nur die Begeisterung des
wissenschaftlichen Theologen fiir seine Forschung, sondern auch die warme
Teilnahme fur die Arbeit des praktischen Theologen ersehen. Ein Mann, der
so redet, bot voile Gewahr fiir die Hoffnung, daC er die um seinen Lehrstuhl
sich sammelnden Studenten wissenschaftlich schulen und fiir den Dienst
der Kirche erziehen wiirde.
Als gediegener Ertrag seiner emsigen Arbeit sind die beiden K o m m e n -
tare zu bezeichnen, die er in dem groflen Nowackschen »Handkommentar
zum Alten TestamenU zu den Buchern Exodus- Leviticus -Numeri lieferte. Der
zu Exodus und Leviticus wurde im Herbste 1900, der zu Numeri Herbst 1903
veroffentlicht. Diese Kommentare werden ihren ehrenvollen Platz in der alt-
testamentiichen Wissenschaft auch fiir spatere Zeit behaupten. Namentlich
die Gesamteinleitung zu den drei Buchern zeichnet sich durch die musterhafte
Klarheit und iibersichtliche Darstellung aus, in der die Ergebnisse der Einzel-
18*
276
Baentsch.
analyse zusammengefaflt sind. Die Quellenfragen finden in den ausfuhrlichen
Anmerkungen eingehende, sorgsam abwagende Behandlung, ebenso wird die
Geschichtlichkeit der Berichte, Religionsgeschichtliches und Kulturgeschicht-
liches grundlich erortert. Die Textkritik ist in vorsichtiger Besonnenheit ge-
handhabt, in der Quellenscheidung wird eine ruhige Zuruckhaltung beobachtet.
Wahrhaft epochemachend aber darf genannt werden die Schrift, die seinen
Namen gewissermafien in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Erorterung
auf alttestamentlichem Gebiete gestellt hat, die auf der einen Seite begeisterte
Zustimmung, auf der anderen heftigen Widerspruch und scharfe Ablehnung
erfahren hat. Sie tragt den Titel : »Altorientalischer und is-
raelitischer Monotheismus. Ein Wort zur Revision
der en t w i c k 1 u n g s g e s c h i c h 1 1 i c h e n Auffassung der
israelitischen Religionsgeschichte.* Diese Schrift, heraus-
gewachsen aus Vortragen, die er 1905 auf dem Jenaer Ferienkurs fur Geist-
liche gehalten hatte, bezeichnet er selbst als einen Versuch, gegen den Strom
zu schwimmen. Er ist auf Grund seiner eindringenden Beschaftigung mit der
orientalischen Altertumswissenschaft zu der Cberzeugung gekommen, dafl sich
die gegenwartige Behandlung der israelitischen Religionsgeschichte nicht mehr
halten laflt. Die vorurteilslose Berucksichtigung gewisser von ihm ins Licht ge-
riickter Tatsachen bedeutet nach seiner Meinung eine grundsatzliche Anderung
der bisherigen Anschauungen vom Gang der israelitischen Religionsgeschichte.
Seine Ausfiihrungen gipfeln schliefilich in der Oberzeugung, dafl die Tage
der entwicklungstheoretischen Betrachtungsweise der Religion Israels gezahlt
sind. Die entwicklungstheoretische Richtung hat Erkenntnisse zutage gefordert,
die bleibenden Wert haben, so ist namentlich die hohe Bedeutung der Propheten
und die geschichtliche Stellung des Gesetzes in das helle Licht der Erkenntnis
gerlickt worden. Aber die Theorie ist haltlos in die Briiche gegangen. Man
wird nach unseren obigen Darlegungen verstehen, wie B. mit dieser Schrift
einen Sturm entfesselte hiiben und druben in den Lagern der Theologie. Auf-
sehen erregen mufite es, dafl der entschiedene Vertreter der Wellhausenschen
Geschichtsauffassung, als welcher sich B. bis dahin erwiesen hatte (vgl. seinen
Vortrag: »Geschichtskonstruktion oder Wissenschaft ?«), seiner Fahne gleich-
sam untreu ward und ins entgegengesetzte feindliche Lager abschwenkte.
So nannte man denn auf konservativ-positiver Seite seine Schrift ein Ereignis
des Jahres 1906 auf alttestamentlichem Gebiete. Mit Jubel wurde es als eine
erfreuliche Tatsache begrufit, dafi er mit der Revision nicht mehr haltbarer
Fundamentalsatze Ernst gemacht und trotz mancher noch uniiberwundener
Reste der Wellhausenschen Theorie in der Religionsstiftung des Moses etwas
Grundsatzliches, etwas prinzipiell Neues zu sehen energisch betont hat.
Wir werden am besten den Kern der von B. dargebotenen Gedanken
erfassen, wenn wir seine Auffassung von der Bedeutung des Moses kurz kenn-
zeichnen. Er halt die historische Personlichkeit des Moses fest. Auf seine
machtige Personlichkeit ist die Jahvereligion immer zuruckgefiihrt worden.
Sie hat einen ganz anderen Gedankeninhalt gehabt als die ubrigen Religionen
des alten Orients. Die Stamme, unter denen Moses auftrat, standen religios
auf einem hoheren Niveau, als die alttestamentliche Theologie heute annehmen
zu mussen meint. In dem Aufblick zum Himmel mit seinem gesetzmafligen
Lauf der Gestirne, in der Astralreligion, die er fur das Gebiet der alten Hebr&er-
Baentsch.
277
starame als nachweisbar annimmt, miissen Anknupfungspunkte fur die be-
deutsame religiose Bewegung, die Moses verursachte, gelegen haben.
Bedeutsam bleibt auch das historische und geographische Milieu, in dem
Moses wirkte. Er ist bei dem midianitischen Oberpriester Jethro in die Schule
gegangen und kann, wenn er auch nie in Agypten gewesen ware, von den dort
herrschenden geistigen Stromungen und theologischen Lehren gute Kunde
gehabt haben. Das verbietet, ihm eine Gottesvorstellung zuzutrauen, die noch
in den primitivsten Anschauungen von der Gottheit befangen gewesen ware.
Aber nun macht er noch einen Faktor geltend, der erst das Werk seiner Reli-
gionsstiftung ganz erklart. Das ist das innere Erleben, ein intensives
Ergriffenwerden von der Gottheit, eine heilige Stunde innerster Beruhrung
mit einer transzendenten Welt, in der das Gottliche einem Menschen personlich
nahetritt, und in der er sich der Berufung bewufit wird, den Gott zu verkunden,
den er innerlich erlebt. Eine prinzipiell neue Erkenntnis bedeutete dies Er-
lebnis. Fur Moses war Gott eine lebendige, machtige, sittliche Personlichkeit,
kein Sterngott mehr, sondern ein Gott iiber den Sternen, keine personifizierte
Naturkraft mehr, sondern Herr und Meister der Natur und ihrer Elemente.
Religios -sittliche Beziehungen zwischen der Gottheit und ihren Verehrern und
das Wirken dieser Gottheit treten ihm in den Vordergrund. Moses hatte einen
praktischen Monotheismus, der bei alien Schranken allgemeiner Zeitanschauung
doch etwas grundsatzlich Neues, die prinzipielle Oberwindung des Polytheismus,
war. Aber diesem Gott, der auf einen Universalgott angelegt war, fehlt noch
das universalistische Geprage, und das macht den monotheistischen Gedanken
erst zum wirklichen Monotheismus. Jahve war durch den Bundesschlufl nur
in Beziehung zu Israel getreten, iiber sein Verhaltnis zu anderen Volkern dachte
Moses nicht nach. Der Mosaismus war eine Nationalreligion. Aber trotzdem
war Jahve nicht ein simpler Volksgott ohne jede umfassende Bedeutung. Aus
dieser in der alttestamentlichen Theologie von heute fast allgemein verbreiteten
Anschauung seien eben, sagt B., die vergeblichen Konstruktionen erwachsen,
durch die Jahve Stufe fur Stufe zu einem Gott mit umfassenderer Bedeutung
hinaufgeschraubt werden soil. Es ist ein verhangnisvoller Irrtum der alttesta-
mentlichen Theologie gewesen, die uberragenden Ziige im Nationalgott Jahve
erst der Zeit vom 8. Jahrhundert an zuzuweisen. Immer hat der Gottesgedanke
in Israel neben niederen Ziigen auch geistigere, sittliche, umfassendere, universale
Zuge gezeigt. Der hohere Gottesgedanke stand bereits dem Moses klar vor
Augen, in der Geschichte Israels hat er sich nun auch wirklich durchgesetzt
und voll entfaltet. Der Standpunkt des Moses darf nicht nach dem Durch -
schnittsstand der Jahvereligion in den auf Moses folgenden Jahrhunderten
beurteilt werden. Vielmehr mufi mit Reaktionen gerechnet werden, einer
jeweiligen Riickkehr zu den Anfangen. So sind die Propheten des 8. Jahrhunderts
nicht die Begriinder des hoheren Gottesgedankens, Entdecker einer neuen
monotheistischen Gottesauffassung, sondern nur Erinnerer an die hohere Er-
kenntnis, die in Gemiit und Gewissen der Volksgenossen sich schon immer
bezeugt hatte, getreue Ekkeharde. Animistischer Baum-, Stein- und Quellen-
kult, Ahnenverehrung, Fetischismus, Totemismus, Zauberei bedeuteten den
Israelstammen um 2000 — 1300 v. Chr. nicht das Wesen der Religion. Die Zeit
Abrams konnte schon von den Friichten einer religionsgeschichtlichen Ent-
wicklung zehren, die viele Jahrtausende umfafite.
2 7 8
Baentsch.
Die aus der Erschliefiung des alten Orients gewonnenen Erkenntnisse
sind zu einem neuen Aufbau der israelitischen Religionsgeschichte zu verarbeiten.
Dies sind die wichtigsten Gedanken in seiner Anschauung vom israelitischen
Monotheismus, die er in seiner geistvollen und gelehrten Untersuchung nieder-
legt. In der Vorstellung des altorientalischen Monotheismus, auf die wir hier
nicht naher eingehen, stiitzt er sich im wesentlichen auf die Forschungen Hugo
Wincklers, Fr. Hommels, Jensens, H. Zimmerns, namentlichaber Alfred Jeremias'.
Der Widerspruch der alttestamentlichen Forscher, die ihre Anschauungen
in der Grundlage erschiittert und zur Revision sich gezwungen sehen sollten,
laBt sich als natiirlich verstehen. Ein Forscher wie Baudissin erklart fur seine
Person, nichts zu wissen von dem, was B. iiber den Gottesbegriff des Moses,
uber die Art der Geltendmachung dieses Gottesbegriffes, iiber die Erschaffung
volksttimlicher Einrichtungen zum Schutze der neubegriindeten Religion zu
sagen weifi. Die Entstehung des alttestamentlichen Monotheismus wird fur
alle geschichtliche Erkenntnis immer ein Ratsel bleiben, weil sie, auch nach B.,
in das Innenleben einer religiosen Personlichkeit zu verlegen ist; der Untertitel
der Schrift sei unberechtigt, weil auch des Verfassers Ansicht eine entwicklungs-
geschichtliche sei. DaB B. wichtige Erkenntnisse iiber das Werden der alt-
testamentlichen Religion in allgemein religionsgeschichtliche Zusammenhange
hineinstellte, wird als ein MiBgriff beklagt. Er sei dazu durch eine von anderen
iiberkommene Konstruktion verleitet worden.
Besonders scharf hat Marti die Aufstellungen von B. abgelehnt. Wozu
den ganzen Apparat des altorientalischen Monotheismus in Bewegung setzen,
wenn schliefilich Moses doch aus anderer Quelle schopft und eine ganz andere
Auffassung Gottes bringt ? Hoheres Altertum kann den israelitischen Mono-
theismus nicht besser erklaren, langst sei das Ethische als das auszeichnende
Merkmal der Religion des Moses dargetan worden. Die gewohnliche Auffassung
behalt recht, unbegreiflich sei die Erwartung von B., eine Umwalzung der
entwicklungsgeschichtlichen Auffassung angebahnt zu haben.
Demgegeniiber hat Oettli, bei alien Bedenken gegen die stark kritische
Behandlung des alttestamentlichen Quellenmaterials, die Schrift freudig be-
griiflt. Gegen die, die Geltung eines Monopols beanspruchende, Auffassung
von der Religion Israels, als sei sie aus rohen Anfangen zur Hohe des ethischen
Monotheismus aufgestiegen und dann wieder in Zersetzung oder Verknocherung
herabgesunken, seien stichhaltige Griinde ins Feld gefiihrt. Der tapfere und
wohlfundierte Protest gegen eine zum Dogma erstarrte Hypothese verdiene
Dank und Anerkennung.
Jedenfalls wird der Vorstofl, den B. gemacht hat, immer als hochst be-
achtenswert und von prinzipieller Wichtigkeit in der Geschichte der alttestament-
lichen Wissenschaft bezeichnet werden. Bedeutsam ist und bleibt doch, daB
er das religiose Erlebnis des Moses, die Offenbarung Gottes an ihn, stark betont,
daB er Moses als den eigentlichen Stifter der israelitischen Religion, des mono-
theistischen, ethischen, geschichtlichen, universalen Jahveglaubens bezeichnet
hat, daB er Abraham als Vorlaufer des Moses geschichtlich zu werten gesucht
hat, daB er schliefilich auch eine hohere religiose Erkenntnis der Antike uns
erschlossen hat.
Staerk, auf dessen Ausfiihrungen in der Christlichen Welt 1906 Nr. 28
besonders hingewiesen sei, hat dem Buch programmatische Bedeutung beige-
Baentsch.
279
messen trotz des hypothetischen Charakters mancher Aufstellungen; eine neue
Entwicklung auf dem Gebiete alttestamentlicher Forschung sei von ihm zu
erwarten. —
1907 veroffentlichte B. eine kleine popular gehaltene Schrift »David und
sein Zeitalter« (Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig), die, auf sorgfaltigen
Einzelstudien beruhend, dem Gebildeten die Geschichte Davids darstellen
will im grofien Zusammenhange mit der allgemeinen Weltlage, wobei die Israel
benachbarten Volkerschaften sowie auch die innerisraelitischen Verhaltnisse
geschildert werden. Mag auch des Verfassers Mifltrauen gegen die Quellen
manchmal starker als notig, viel haltbar scheinender Stoff als ungeschichtlich
bezeichnet und zuviel von mythologischen Motiven hineingeheimnist worden
sein, ungemein anregend schreibt B., und er stellt in seinem Urteil David recht
hoch. Er ist so grofl wie Moses an schopferischer Energie, der Schopfer der
israelitischen Nation, ja einer der Grofien der Weltgeschichte.
Leider sollte es B. nicht mehr langer vergonnt sein, die Friichte seines rast-
losen Forscherfleifies reifen, seine wissenschaftlichen Plane verwirklicht zu sehen.
Am 27. Oktober 1908 starb er, 50 Jahre alt geworden, naeh eintagigem Kranken-
lager. Ober sein jahes Ende und die dunklen Schatten, die iiber die letzte Zeit
seines Lebens sich gelagert hatten, schreibt sein Freund und Nachfolger auf
dem Katheder, Prof. D. Dr. Staerk: »Nur wenige Aufienstehende wissen etwas
von der erschutternden Tragik dieses Todes. Prof. B. hatte im Mai d. J. seinen
einzigen Sohn, einen korperlich schwachlichen, aber sehr begabten und friih-
reifen jungen Mann von 20 Jahren, der eben seine juristischen Studien begonnen
hatte, verlortn. Der entsetzlich qualvolle Tod des Sohnes traf die vereinsamten
Eltern um so schwerer, als sie gehofft hatten, durch einen erfolgreichen Friih-
lingsaufenthalt an der Riviera fur die korperliche Kraftigung des jungen
Studenten gesorgt zu haben. Sie haben beide diesen Schlag nicht iiberwinden
konnen. Zwar fand Prof. B. bald wieder in seiner akademischen Tatigkeit,
in der er in gesunden Tagen ganz aufging, und in seinen mancherlei literarischen
Arbeiten einige Ablenkung, aber cs bedurfte doch der ganzen Kraft seines
christlichen Glaubens — und er war eine starke christliche Personlichkeit — , um
sich nicht selbst zu verlieren, zumal auch die Sorgc um die untrostliche Gattin
am Marke seines Lebens zehrte. Gegen Ende des Sommers schien es fast, als
wollte die alte Spannkraft und Arbeitsfreudigkeit wieder erwachen. Mit rast-
losem Eifer machte sich Prof. B. an die Ausarbeitung der von ihm ubernommenen
Artikel fur das von Schiele und Gunkel geplante Sammelwerk »Die Religion
in Vergangenheit und Gegenwart«, um zu Beginn des Semesters damit fertig
zu sein. Der Winter sollte neben der Kollegtatigkeit ganz der Vollendung der
»Propheten« fur das von dem Gottinger Verlage Vandenhoeck u. Ruprecht an-
geregte alttestamentliche Bibelwerk gewidmet werden — es ist anders ge-
kommen. Schon langere Zeit litt Prof. B. an volliger Schlaflosigkeit; auch die
von ihm so oft mit Erfolg angewandten Schlafmittel schienen nicht mehr zu
helfen. Das hat ihn wohl verleitet, zweiTage vor seinem Tode eine grofiereDosis
zu nehmen, als ihm vom Arzt gestattet war. Die Wirkung auf den durch Gram
und Sorge und jahrelange geistige Uberanstrengung geschwachten Korper
konnte leider nicht ausbleiben. Das Herz versagte, und friedlich ist Prof. B.
entschlummert. Wenige Stunden darauf hat seine Gattin in beginnender geistiger
Umnachtung den Tod in der Saale gesucht und gefunden«.
280 Baentsch.
Sein Tod bedeutet einen schweren Verlust fur die thiiringische Hochschule.
Seinen Kollegen war er lieb und wert, seinen Schiilern ein fordernder Lehrer.
Die alttestamentliche Wissenschaft hatte ihm noch wertvolle Ertrage seiner
tiefgrundigen Gelehrsamkeit zu danken gehabt. Er hatte vor f eine »alttesta-
mentliche Theologies und eine »Geschichte Israels* zu schreiben, beides unter
Benutzung der neuen Kenntnisse, die die Erschlieflung des alten Orients ver-
mittelt hat. Der Zusammenhang mit dem alten Orient und der weltgeschicht-
liche Hintergrund hatte da in bedeutsamer Weise Berucksichtigung gefunden.
Er war vor allem aber auch »Theologe«. Der weite Blick, mit dem er die Auf-
gaben seiner alttestamentlichen Facher umfafite (1900 — 1902 hatte er auch
im Theolog. Jahresbericht das Alte Testament behandelt), offenbart sich deut-
lich in jenen oben erwahnten Artikeln, die er fur das neue Sammelwerk »Die
Religion in Vergangenheit und GegenwarU geschrieben hat, des Leidenden
letzte Arbeit. In seinen zahlreichen Rezensionen, unter denen die Besprechung
der Delitzschschen Vortrage tiber Babel und Bibel besonders hervorgehoben
sei, verband er scharf eindringendes Urteil mit wohlwollender Anerkennung,
auch wo er einen anderen Standpunkt einnehmen zu mussen meinte. —
Am kirchlichen Gemeindeleben nahm er regen Anteil, auch als Mitglied
des Gemeindekirchenrates, dessen Sitzungen er regelmaOig, auch in den
trubsten Tagen, beiwohnte. Das kirchliche Vereinsleben hat er eifrig gefSrdert.
Auch der Jenaer Gustav Adolf -Verein hat in ihm viel verloren; denn in ihm
versah er das Amt des Schriftfuhrers mit groOer Hingebung. In Weimar und
Gotha war er standiges Mitglied der theologischen Prufungskommission. Einen
Beweis seiner peinlichen Sorgfalt,. die einen eigentumlichen Zug seines Wesens
ausmachte, gab er hier dadurch, dafl er die von ihm gestellten Themata stets
schriftlich ausarbeitete und auch den Gang der mundlichen Prufung vorher
genau feststellte. Die Jenaische Fakultat ehrte ihn durch Verleihung des theo-
logischen Doktorates; bei der Jubelfeier der Hochschule erhielt er den Titel
»Geheimer KirchenraU. Sein Leben war das eines deutschen Gelehrten. Es
ist Mtihe und Arbeit gewesen. Und so ist's, trotz des jahen Abbruchs, doch
kostlich gewesen.
Bukarest. Pfarrer Lie. Fritz Bennewitz.
Erganzungen und Nachtrage.
Richter x ), Eugen, Politiker, * 30. Juli 1838 zu Diisseldorf, f 10. Marz 1906.
— Hier stand sein Vater Adolf damals als Regimentsarzt; er war ein bekannter
Autor auf medizinischem Gebiete, der Verfasser zahlreicher Artikel und Schrif-
tcn, durch welche die Reform des preufiischen Militar-Medizinalwesens gefordert
worden ist. 1848 wurde er unter Ernennung zum General- und Korpsarzt nach
Koblenz versetzt. Eugen, der alteste seiner beiden Sohne, trat hier in die
Quinta des Gymnasiums ein, das er in regelmafiigem Aufsteigen durchlief.
Schon in fruher Jugend gewahrte er den liberalen Ideen Aufnahme; ihr Geist
herrschte im vaterlichen Hause. Mit Eifer las der heranwachsende Jungling die
oppositionelle Kolnische Zeitung; er verschlang die Reden von Vincke, Wentzel
und A. Reichensperger.
Da sein Interesse fur das politische Leben schon so zeitig erwacht war,
■entschied er sich nach bestandenem Abiturienten-Examen fur das Studium
der Rechts- und Staatswissenschaf ten ; allerdings schwebte ihm dabei bereits
damals nicht sowohl eine eigentliche Bureau- und Beamtenlaufbahn, wie viel-
mehr eine freiere offentliche Wirksamkeit als Ideal fur die kunftige Lebens-
gestaltung vor. Im Winter 1856 liefi sich der weit iiber sein Alter hinaus ge-
reifte, kritisch verstandig veranlagte Jungling in Bonn immatrikulieren; darauf
studierte er drei Semester in Heidelberg. Den rein juristischen Vorlesungen
gewann er wenig Geschmack ab. In Bonn hortc er mit lebhaftestem Interesse
Dahlmanns Politik, in Heidelberg bei Robert von Mohl Staatsrecht; am starksten
aber zog ihn die Nationalokonomie an. In Kolleg und Ubungen wurde er Raus
eifrigster Schliler: so gingen ihm die Lehren der klassischen Nationalokonomie
in Fleisch und Blut uber; er legte hier die Grundlagen fiir seine solide finanz-
wissenschaftliche Kenntnis, zugleich aber auch fiir seine unerschiitterlichen
freihandlerischen Uberzeugungen. Auch zu journalistischer Tatigkeit wurde
er damals angeregt; es gluckte ihm, zwei Vortrage liber aktuelle wirtschafts-
politische Fragen, die er bei Rau gehalten hatte, in der Presse unterzubringen.
Im Winter 1858/59 wandte er sich nach Berlin, wo insbesondere Gneist und der
Statistiker Dieterici auf ihn Eindruck machten. Aber mehr als alle Professoren
interessierte ihn das Abgeordnetenhaus, in welchem sich gerade damals die
Wirkungen der »Neuen Ara« bemerkbar machten. Nachdem er ein letztes
Semester (Sommer 1859) wieder in Bonn verbracht hatte, bestand er im Herbst
1859 die erste juristische Staatspriifung. Nicht nur auflerlich und formlich
hatten seine Lehrjahre damit ihr Ende erreicht; er war auch innerlich ein Mann
2 ) Totenliste 1906 Band XI 53*.
282 Richter.
mit fertigen und abgeschlossenen Uberzeugungen : sie waren ihm der unver-
riickbare Mafistab, den er fortan an alles legte, was an ihn herantrat, der sein
Urteil uber alles und jedes bestimmte.
Zwei Jahre arbeitete er jetzt, von 1859 bis 1861, als Auskultator beim
Landgerichte in Dusseldorf; mehr und mehr fesselten ihn in dieser Zeit die
aktuellen wirtschaftspolitischen Fragen. Er wurde Mitglied des vor kurzem
(1858) entstandenen »Volkswirtschaftlichen Kongresses«, dessen Ziel eine
einheitliche Regelung der wirtschaftlichen Verhaltnisse fur ganz Deutschland
im Sinne des okonomischen Liberalismus war. Er nahm teil an der Tagung
des Vereins im September 1859 zu Frankfurt a. M.; auch in der Folgezeit stellte
er sich regelmafiig zu den Konferenzen des Kongresses ein. Dabei lernte er
die Haupter dieser wirtschaftspolitischen Richtung kennen, wie Karl Braun,
Lette, Schulze-Delitzsch, Moritz Wiggers, Michaelis, Prince Smith, die Ge-
briider Wirth, den Statistiker Engel, den »roten Becker«. Mit manchem von
ihnen trat er in ein engeres Verhaltnis, zumal mit Schulze-Delitzsch. Schon
durch diesen Verkehr ward in R. die Ader zu praktisch-politischer Tatigkeit
geweckt. Er schrieb polemische Artikel gegen die Schutzzollner am Nieder-
rhein; er trat in den Handels- und Gewerbeverein fiir Rheinland und Westfalen
trotz dessen schutzzollnerischer Haltung. Mehrfach ergriff er auf den Ver-
sammlungen dieses Vereins das Wort, nicht ohne Erfolg den eigenen freihandle-
rischen Standpunkt vertretend.
Bei seiner Neigung fiir eine mehr geschaftlich-verwaltende und politische
Wirksamkeit entschlofl sich R. zum Obertritte aus der juristischen Laufbahn
in die Regierungskarriere. Am 9. Februar 1861 bestand er bei der Dusseldorf er
Regierung die Priifung als Regierungsreferendar mit dem Pradikate »ausge-
zeichneU; schon zum Ende des Jahres wurde er auf einige Monate zum Ver-
treter des Landrats im Kreise Mettmann ernannt. Hier schrieb er eine Bro-
schiire »Uber die Freiheit des Schankgewerbes«, eineheftige Kritikder in PreuCen
bestehenden Verwaltungspraxis bei der Konzessionserteilung. Sie erschien
1862 und miflfiel der vorgesetzten Behorde so sehr, dafl sie dem jugendlichen
Autor einen scharfen Verweis einbrachte. Im August 1862 wurde er behufs
Vollendung seiner Ausbildung der Domanenabteilung zu Magdeburg iiber-
wiesen, und hier gab sein literarisches Auftreten Anlafi zu einem neuen Kon-
flikte, namlich ein satirischer Artikel, den er uber eine konservative Versamm-
lung unter dem Titel »Eine Magdeburgische Spukgeschichte« in der Nieder-
rheinischen Volkszeitung veroflfentlichte. Nur personliche Verwendung beim
Minister v. Jagow, der ein Bekannter seines Vaters war, rettete den kecken
Skribenten dieses Mai vor der Entlassung aus dem Dienste; er kam mit einer
Strafversetzung nach Potsdam davon.
Ende 1862 nach Dusseldorf zuriickgekehrt, bereitete sich R. zum Assessor
vor. Trotzdem fand er noch Zeit, sich auf dem volksw r irtschaftlichen Gebiete
schriftstellerisch und praktisch-politisch zu beschaftigen. Vor allem lenkte das
Auftreten Lassalles und die damals neu aufkommende sozialistische Arbeiter-
bewegung seine Aufmerksamkeit auf sich. In Wort und Schrift suchte er dem
Abschwenken der Arbeitermassen aus dem liberalen in das sozialdemokratische
Lager entgegenzuwirken. Er eroffnete damals jenen literarischen Kampf gegen
die Sozialdemokratie, den er in der Folgezeit ununterbrochen und mit unver-
drossenem Eifer weitergefiihrt hat. Im Diisseldorfer Handels- und Gewerbe-
Richtcr. 283
Verein, sowie in Handwerkervereinen hielt erVortrage gegenLassalle; sie fanden
solchen Anklang, dafl er als Delegierter auf den ersten Verbandstag der Ar-
beiterbildungsvereine entsandt wurde, der unter der Agide Sonnemanns und
der Gebruder Wirth den 7. und 8. Juni 1863 in Frankfurt a. M. stattfand; dabei
machte er die Bekanntschaft von August Bebel, der damals »noch ein Paulus
und nicht der spatere Saulus« war. Bekanntlich stellte sich dieser Kongrefl
noch auf den Standpunkt des Programms von Schulze-Delitzsch, und im selben
Sinne wirkte R. jetzt auch in Diisseldorf praktisch, durch Grundung und Leitung
eines Konsumvereins. Auch das wurde ihm von der Behorde verdacht. Zwar
bestand er noch am 11. Mai 1864 das Assessorexamen; aber um ihn seinem bis-
herigen Wirkungskreise zu entziehen, versetzte man ihn nach Bromberg. Mangel
an Mitteln verbot ihm, dahin zu gehen; er bewarb sich daher um den gerade
vakanten Biirgermeisterposten von Neuwied, wurde jedoch wegen seiner
politischen Gesinnung nicht bestatigt. Unter diesen Umstanden reichte er
sein Entlassungsgesuch ein; es wurde am 8. Dezember 1864 genehmigt.
Entschlossen, von der Feder zu leben und sich der Politik zu widmen,
ging R. nach Berlin. Noch einmal verlegte er von dort seinen Wohnsitz vom
Fruhjahre 1865 bis Anfang 1866 nach Magdeburg; auf Wunsch der Eltern
ubernahm er namlich eine Stellung als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter bei der
Magdeburger Feuerversicherungsgesellschaft. Aber bald zog es ihn nach Berlin
zuruck. Durch parlamentarische Korrespondenzen fur die fortschrittlichen
Provinzialzeitungen gewann er einen ausreichenden Lebensunterhalt; zugleich
war er praktisch und literarisch als Gehilfe von Schulze-Delitzsch fur das Ge-
nossenschaftswesen tatig. Er wurde Vorsitzender des Verbandes der Konsum-
vereine der Provinz Brandenburg und fiihrte nach englischem Vorbilde die
Abgabe von Quittungsmarken bei den Einkaufen an die Mitglieder als Grund-
lage fiir die Gewinnverteilung ein. Auf Anregung von Schulze-Delitzsch schrieb
er das Buch »Die Konsumvereine, ein Not- und Hilfsbuch fiir deren Grundung
und Errichtung« (1867), — eine Anleitung zur Grundung und Leitung von
Konsumvereinen nach dem Muster, welches Schulze-Delitzsch fiir die VorschuB-
vereine verfafit hatte.
Das Jahr 1866, ebendasjenige, in dem R. seinen festen Wohnsitz in Berlin
zu dauernder Betatigung im politischen Leben im Sinne des Liberalismus
nahm, bedeutete eine Epoche fiir die Geschichte des Liberalismus in Preufien;
es trieb einen Keil in die Fortschrittspartei und bahnte eine neue Gruppierung
der liberalen Parteien an, indem durch den nunmehr entstehenden National-
liberalismus ein Teil des Fortschritts mit den bisher bestehenden gemafligteren
liberalen Fraktionen zu einer grofien Einheit verschmolz. Fiir R. konnte es
nicht zweifelhaft sein, welche Haltung er in diesem inneren Streite im fort-
schrittlichen Lager einnehmen mufite. Sachlich und personlich stand er den-
jenigen Elementen der Fraktion nahe, die den Kampf gegen Bismarck fort-
setzen und von der Bewilligung von Indemnitat fiir die bisherige budgetlose
Regierung nichts wissen wollten. Besonders eng waren ja seine Beziehungen
zu Schulze-Delitzsch, der auch auf diesem Standpunkte der Unversohnlichkeit
verharrte. Auf die Empfehlung dieses seines Gonners hin wurde er in Nord-
hausen als Kandidat fiir die Wahlen zum Konstituierenden Norddeutschen
Reichstage aufgestellt und zur allgemeinen Oberraschung mit einigen hundert
Stimmen Mehrheit gewahlt. Das war um so bemerkenswerter, als es seine
284 Richtcr.
Partei damals nur auf 19 Mandate brachte, wahrend den Nationalliberalen
79 Sitze zufielen. Als zweitjlingster Abgeordneter mufite er als Jugendschrift-
fuhrer fungieren. Das Wort ergriff er damals noch nicht; er scheute sich bei
seiner Jugend, in die Debatten iiber die groflen Verfassungsfragen einzugreifen,
mit denen sich dieses Parlament zu befassen hatte. Mit seinen Parteifreunden
war R. der Ansicht, dafl das konstitutionelle System im Bismarckschen Ver-
fassungsentwurfe nicht zur Genlige durchgefiihrt sei; daher stimmte er mit
ihnen (ausgenommen nur Simon -Breslau) gegen die Norddeutsche Bundes-
verfassung.
Das Entgegenkommen, das die Nationalliberalen dem Bismarckschen
Entwurf gezeigt hatten, wurde vom Fortschritt als eine Preisgabe der liberalen
Grundsatze verurteilt; daher kam es beim nachsten Wahlkampfe zu einem
heftigen Zusammenstofie zwischen den beiden liberalen Schwesterparteien.
Mit besonderer Scharfe trat dabei gerade R. auf. Da der Nordhausener Kreis
nur durch Uberrumpelung gewonnen war, erschien eine abermalige Kandidatur
R.s hierselbst aussichtslos; er bewarb sich daher um das Solinger Mandat. Zum
Generalbevollmachtigten des fortschritt lichen Wahlvereins fur Rheinland und
Westfalen ernannt, errichtete er ein Wahlbureau in Diisseldorf und entfaltete
daselbst eine hochst energische Agitation. Seinen Bemiihungen im Westen
hatte es die Fraktion vornehmlich zu danken, da die Wahlen im Osten fur sie
ganz ungliicklich ausfielen, dafl sie immerhin in einer Starke von 31 Mitgliedern
in den Norddeutschen Reichstag einziehen konnte. Er selbst unterlag freilich
gegen den damals nationalliberalen Georg von Bunsen. Sein Auftreten zog ihm
uberdies mehrere Strafprozesse zu; wegen Majestatsbeleidigung wurde er zu
zwei Monaten Gefangnis verurteilt, in der Berufungsinstanz jedoch freige-
sprochen.
Also »in den parlamentarischen Ruhestand versetzt*, benutzte R. die Mufie,
welche ihm die journalistische Berufsarbeit liefl, zu intensiven finanzwissen-
schaftlichen Studien. Der Mangel an einer iibersichtlichen Darstellung des
Finanzwesens in Preuflen und Deutschland erweckte in ihm den Plan, ein Werk
dieser Art in mehreren Banden zu schreiben. Auf den Arbeiten, die er diesem
Zwecke widmete, baute sich die meisterhafte Kenntnis des preufiischen und des
Reichs-Finanzwesens auf, die ihn spater auszeichnete und an die erste Stelle
als Etatsredner rtickte. Es war ihm freilich nicht moglich-, sein damaliges Vor-
haben auszufiihren; denn schon im Januar 1869 wurde er bei der Ersatzwahl
fur den Prasidenten Lette in Konigsberg i. N. zum Mitgliede des Abgeordneten-
hauses gewahlt und dadurch der parlamentarischen Wirksamkeit wiedergegeben.
So begniigte er sich denn mit der Darstellung des Staatsschuldenwesens als
desjenigen Teiles der Finanzverwaltung, wofiir ihm der Stoff in der Haupt-
sache am meisten abgeschlossen erschien. Die Frucht dieser Beschaftigung
liegt vor in dem Buche »Das preuflische Staatsschuldenwesen und die preufiischen
Staatspapiere« (1869). Fur das Gebiet der Finanzen wissenschaftlich also am
besten geriistet, suchte sich R. hier zuerst ein Objekt der parlamentarischen
Bewahrung. Am 13. Februar 1869 trat er im Abgeordnetenhause zum ersten
Male als Redner auf; er sprach uber die Annahme auslandischer Kassenscheine.
Bei den Landtagswahlen von 1870 wurde R. fur den Kreis Hagen-Schwelm
gewahlt; er hat seitdem diesen Wahlkreis mit Ausnahme von zwei Legislatur-
perioden (1879 bis 1882 fur Berlin IV und 1893 bis 1898 fur Berlin II) bis zu
Richter.
285
seinem Ausscheiden im Jahre 1905 im Abgeordnetenhause vertreten. Die Wah-
len zum ersten Deutschen Reichstage im Friihjahre 187 1 brachten ihn auch in
diese Korperschaft, zuerst fur Schwarzburg-Rudolstadt. Auch dem Reichstage
gehorte er nunmehr ununterbrochen an, seit 1874 gleichfalls fiir den Kreis
Hagen.
Eben seine Kenntnis des Finanzwesens war es, wodurch R. sehr bald zu
Geltung in der Fraktion und im Parlamente gelangte. Auch seine erste Reichs-
tagsrede war dieser Materie gewidmet, in der dritten Sitzung der ersten Session,
am 24. Marz 1871. Sie war getragen von der Tendenz zur Festigung der parla-
mentarischen Befugnisse, die auch in der Zukunft der oberste Zielpunkt seiner
politischen Bestrebungen blieb. Kaum hatte sich der Reichstag konstituiert,
so pladierte R. namlich fiir die unverziigliche Bildung einer Budgetkommission;
bei einem zweiten Anlaufe, der funf Tage spater erfolgte, drang er damit durch.
Sofort in die Kommission selbst hineingewahlt, beteiligte er sich fortan sowohl
in ihr wie auch im Plenum standig an der Beratung iiber die Etats- und Rech-
nungsvorlagen; auch wurde er in ihr zum Referenten iiber den Nachtragsetat
der Postverwaltung bestellt. Seine erste groflere Rede hielt er am 2. Mai 187 1
gegen den konservativen Antrag Wilmanns auf Einfiihrung von Borsensteuern.
Satirisch glossierte er den Versuch, »angesichts der franzosischen Milliarden
neue Verkehrssteuern einzufuhren«; er verlangte vielmehr Steuerentlastungen
und zumal als » Dotation fiir das arme Volk« die Abschaffung der Salzsteuer.
In der Tat ging denn auch der Reichstag iiber den Antrag zur einfachen Tages-
ordnung iiber.
In alien den Materien, die spater R.s eigentliche Domane in der parlamen-
tarischen Verhandlung und Diskussion werden sollten, griff er schon im Laufe
dieser ersten Legislaturperiode des Deutschen Reichstages ein. An den Bera-
tungen iiber das Militarwesen beteiligte er sich zum ersten Male, als das neue
Militarpensionsgesetz dem Parlamente vorlag, sodann bei der Erstreckung des
(1867 bewilligten) Militar-Pauschquantums von 270 Mill. Mark auf weitere drei
Jahre. Die Fortschrittspartei verlangte, dafl mit dieser »forrnalen Beschrankung
des Geldbewilligungsrechtes« ein Ende gemacht, dafi das allgemeine Budgetrecht
auch hinsichtlich des Militarwesens hergestellt, und dafl daher auch dieses
Gegenstand jahrlich wiederkehrender Verhandlung wiirde. Diesen Standpunkt
seiner Fraktion vertrat R. bei der ersten Beratung des Reichshaushaltes fiir
1872; er erklarte zugleich, dafl sie noch immer an der Forderung der zweijahrigen
Dienstzeit festhalte. Die Vorberatung der Pauschalforderung wurde einer
besonderen Kommission iibertragen, in der seitens der Fortschrittspartei R. und
Hoverbeck Delegierte wurden; sie unterwarfen hier zusammen mit Lasker die
»der parlamentarischen Kritik vollstandig entwohnten« Vertreter der Militar-
verwaltung »einem ziemlich ausgedehnten Kreuzverhor, einem Examen rigo-
rosum«, wie der Kriegsminister v. Roon sagte. Seither war R. stets Mitglied
der Militarkommissionen, und die Verhandlungen iiber Militaretat und Militar-
organisation erfreuten sich seitdem stets seines besonderen Interesses — nicht
gerade zum Vergnugen der Regierungskommissare.
Was die Kirchenpolitik anbelangte, so gehorte R. zu der Minderheit unter
seinen Fraktionsgenossen, die dem Kulturkampfe abgeneigt war. Bei der
Diskussion iiber den »Kanzelparagraphen« sprach er im Rahmen dieser Minori-
tat. Sein kirchenpolitisches Ideal war die Trennung von Staat und Kirche.
286 Richter.
Daher empfahl er die Aufhebung des Polizeizwanges zum Taufen der Kinder,
die Befreiung des Religionsunterrichtes vom Schulzwange, die Einfuhrung von
Zivilstandsregistern und der obligatorischen Zivilehe, voller Vereins- und Ver-
sammlungsfreiheit, Gewahrung von Privatschulen, Aufhebung der geistlichen
Schulaufsicht und Sistierung der Dotation der Kirche aus offentlichen Mitteln.
Auch das Jesuitengesetz fand spaterhin nicht seine Billigung. Vom ersten
Beginne seiner parlamentarischen Wirksamkeit treten jedenfalls deren vor-
nehmste Richtungslinien klar und deutlich zutage: Streben nach Durchftihrung
des liberalen Programms im ganzen Umfange seiner Forderungen auf geistigem,
wirtschaftlichem und auf rein politischem Gebiete; daher vor allem Streben
»nach einer wirklich parlamentarischen Regierung« im Gegensatze zum Bis-
marckschen »Scheinkonstitutionalismus«. Unverriickbar hatte er dieses Ideal
vor Augen, und jede Abweichung vom geraden Wege, die zu diesem Ziele fiihrte,
jedes Kompromifi mit der Regierung oder mit andern Parteien, das davon ab-
wich, deuchte ihm ein Abfall vom liberalen Prinzipe.
In den Bahnen, die sie nun einmal also eingeschlagen hatte, bewegte sich
R.s Politik in der Folgezeit. Wahrend der Session von 1872 kam es bei der
Beratung liber die von R. betriebene Aufhebung der Salzsteuer zum ersten
rednerischen Zusammenstofie zwischen ihm und Bismarck; der Kanzler zog
Ciber die Abgeordneten her, welche die Wahler durch Schmeicheleien und Ver-
sprechen von Steuererleichterungen verlockten, erklarte jedoch auf Einspruch
R.s, er habe diesen nicht personlich dabei im Auge gehabt. Einen besonderen
Eifer entfaltete R. im Sommer 1872 in der Kommission uber die Verteilung und
Verwendung der franzosischen Kriegsentschadigung; es war dabei sein Haupt-
ziel, »moglichst viel von den Milliarden alsbald zu dezentralisieren und damit
aus dem Gesichtskreise der Militarverwaltung zu bringen«. Uber 3 J / a Milliarden
wurde jetzt bereits verfiigt, iiber den Rest im Betrage von I l / z Milliarden im
folgenden Jahre (1873); es wurde damals der Invalidenfonds geschaffen, und
R.s Werk war es, daC dieser nach dem Muster der Reichsschuldenverwaltung
unter eine ganz selbstandige Verwaltung gestellt wurde.
Im November 1873 fanden die Neuwahlen fur Landtag und Reichstag
statt; in beiden gewannen die Liberalen die Mehrheit, und die Zahl der Fort-
schrittler wuchs dort auf 72, hier auf 49. Im Kampfe gegen das von der Re-
gierung gewunschte Aternat (1874) war R. einer der Hauptrufer, ebenso gegen
das von den Nationalliberalen schliefilich konzedierte Septennat. Seine Rede
gegen das letztere konnte freilich nur die Bedeutung eines demonstrativen
Protestes haben. Er kennzeichnete es als »ein Mifltrauensvotum gegen das
deutsche Volk«, als einen »Vorbehalt des Absolutismus gegen das parlamen-
tarische Regierungssystem in militarischen Angelegenheiten«; die Annahme
beriihrte ihn »personlich« als die »erste parlamentarische Niederlage in einer
grofien Frage«. Immerhin hatte er im selben Jahre auch einige Erfolge zu
verzeichnen, die schon 1 87 1 von ihm beantragte Aufhebung der Mehl- und
Schlachtsteuer, sowie des Zeitungs- und Kalenderstempels im Zusammenhange
mit dem Reichsprefigesetze, fur das er eben deshalb trotz gewisser ihm unan-
genehmen Bestimmungen, wie z. B. betreffend den Zeugniszwang, seine Partei
zu votieren bewog.
Der Umschwung in der inneren Politik Bismarcks, die von ihm geplante
Reichsfinanzreform und seine Wendung zum Schutzzollsystem, trieben den
Richter.
287
Fortschritt seit 1875 in eine immer entschiedenere Opposition; an ihre Spitze
trat R., seit dem zur selben Zeit erfolgten Tode Hoverbecks der einfluBreichste
Fiihrer in seiner Fraktion. Er kreuzte Bismarcks Unternehmen einer Verstaat-
lichung der Eisenbahnen zugunsten des Reichs bereits in den ersten Anfangen.
Die Landtagswahlen vom Herbste 1876 waren fur die Plane Bismarcks keines-
wegs gunstig, da sie noch einmal die bisherige liberale Mehrheit erneuten;
immerhin brachten die Reichstagswahlen vom Anfange des Jahres 1877 eine
Verstarkung der Konservativen um etwa 20 Mandate auf Kosten der National-
liberalen. Das war insofern wichtig, als sich jetzt fur Bismarck die Aussicht
bot, fiir seine neue Politik eine Regierungsmehrheit zu finden, bestehend aus
den Konservativen und dem Gros der Nationalliberalen. Es kam nur darauf
an, dieses von dem entschieden freihandlerischen linken Fliigel der Partei
unter Lasker abzutrennen oder wenigstens den EinfluB dieser Gruppe innerhalb
der Gesamtfraktion zu brechen. Damit setzten die Versuche Bismarcks zur
Zertrummerung der nationalliberalen Partei an; sie entbehrten nicht des Er-
folges, indem bekanntlich zuerst die ausgesprochen schutzzollnerischen Ele-
mente (1879) und spater (1880) in der Sezession die ebenso energisch freihandle-
risch gerichteten Mitglieder vom Gros abfielen. Damit hebt eine neue Epoche
in der Geschichte des preuflisch-deutschen Liberalismus an. Er verliert seine
ausschlaggebende parlamentarische Machtstellung ; die Nationalliberalen
schwanken eine Zeitlang zwischen Opposition und gouvernementaler Gefolg-
schaft, bis sich schlieBlich bestimmte Gruppen nach beiden Richtungen hin
voneinander absondern. Der Fortschritt unter R. tritt in eine grundsatzliche
Opposition, vermag aber nur insoweit etvvas auszurichten, als das Zentrum, sei
es aus parteitaktischen Rucksichten, sei es aus Rucksichten auf seine Wahler-
massen, denselben Weg geht. Die Kombination Richter-Windthorst gewinnt
ihre fur Bismarck retardierende Wirkung.
Durch eine entsprechende Gestaltung des Ministeriums wollte Bismarck
die Voraussetzung fur die neue, konservativ-rechtsnationalliberale Mehrheits-
bildung schaffen, die er zunachst nach den Wahlen von 1877 anstrebte. Es
sollte von den ihm unangenehmen Elementen gereinigt werden, namlich von
Camphausen und Stosch; dagegen sollte Bennigsen hineingezogen werden.
Die Etatsrede R.s vom 10. Marz 1877 muBte Bismarck als Vorwand zu einem
parlamentarischen Vorstofie gegen Camphausen und Stosch dienen; beide
sollten dadurch zur Demission gezwungen werden. Das Unternehmen mifl-
gliickte. Camphausen reagierte nicht auf den Angriff des Kanzlers, und Stosch
reichte zwar sein Entlassungsgesuch ein, wurde jedoch vom Kaiser abschlagig
beschieden, und als Bismarck nun seinerseits um den Abschied bat, widerfuhr
ihm ein Gleiches. Er zog sich auf seine Guter zuriick, und allem Anscheine
nach bestand eine latente Kanzlerkrisis. Unter der Hand wurde an seiner Be-
seitigung gearbeitet; seine Unentbehrlichkeit lag freilich gerade damals mehr
als je aus Grunden der aufieren Politik auf der Hand, da der russisch-tiirkische
Krieg auszubrechen drohte. Bis in die Reihen des Fortschritts hinein reichte
diese Uberzeugung; Hanel gab ihr im Reichstage kraftigen Ausdruck, — nicht
gerade zu R.s Wohlgefallen. Noch spater war R. der Ansicht, dafi Bismarck
damals besser beseitigt worden ware; er meinte, es ware dann die ganze »reaktio-
nare Gesetzgebung« unterblieben, die sich zu jener Zeit vorbereitete.
288 Richter.
Die Stellung Bismarcks blieb unerschiittert; aber die Verhandlungen mit
Bennigsen scheiterten, — vermutlich daran, dafi der Kanzler merkte, Bennigsen
fasse seinen eventuellen Eintritt ins Ministerium im Sinne einer demnachstigen
Uberleitung der Verfassung in das parlamentarische System auf. Im Februar
1878 hielt er die benihmte Rede iiber das Tabaksmonopol, die in Wahrheit
eine Absage an die Nationalliberalen war. Wenn in dieser Diskussion (am
23. Febr.) auch R. das Wort ergriff, urn den Kanzler und das nunmehr offen
durch diesen vertretene Tabaksmonopol zu bekampfen, so war das ein Rede-
scharmutzel, das mit dem Gange der Hauptschlacht nichts zu tun hatte. Bennig-
sen trat in entschiedene Opposition. Bei der Beratung des ersten Sozialisten-
gesetzes nach dem Hodelschen Attentate im Mai 1878 ging er mit R. zusammen,.
der die Gelegenheit nicht ungeniitzt vorbeigehen liefi, ohne dem Kanzler seine
dereinstigen Beziehungen zur Sozialdemokratie und insbesondere zu Lassalle
vorzuhalten.
Aus dieser Verlegenheit, den ihm die geschlossene Opposition des gesamten
Liberalismus bereitete, wurde Bismarck durch das Nobilingsche Attentat
befreit. Er loste den Reichstag in der Hoffnung auf, dafi die Neuwahlen unter
dem Eindrucke dieser Schandtat einen Ruck nach rechts bringen wiirden.
Dafi es ihm dabei zum mindesten auch darum zu tun war, auf diese Weise
eine fur seine Steuerplane gunstige Mehrheit zu bekommen, das wollte R. durch
cin Flugblatt, das in mehr als einer Million Exemplaren unter dem Titel: »20O
Millionen neuer Steuern« verbreitet wurde, den Wahlern zum BewuBtsein
fiihren; er wurde daher wegen offentlicher Verbreitung erdichteter Tatsachen r
um Staatseinrichtungen oder Anordnungen der Regierung verachtlich zu
machen, in Anklagezustand versetzt. Ziemlich lange zog sich der ProzeB hin^
schliefllich mit einem Freispruche endigend, da inzwischen die tatsachliche Ent-
wickelung die Richtigkeit von R.s Voraussage bestatigt hatte.
Der Wahlkampf war nicht so siegreich, wie Bismarck erwartet hatte. Zwar
verloren die Liberalen die Mehrheit; aber sie behielten noch 160 Sitze, die
Nationalliberalen davon 100. Es lag nun die Moglichkeit einer doppelten
gouvernementalen Mehrheitsbildung vor, indem die Konservativen entweder
mit dem Zentrum oder mit den Nationalliberalen zusammengehen konnten.
Durch die zweite Kombination wurde jetzt das Sozialistengesetz unter Dach und
Fach gebracht; durch ihre Verluste bei den Neuwahlen eingeschuchtert, wagten
die Nationalliberalen dagegen keinen Widerstand mehr. R.s Widerspruch
(in der Rede vom 12. Oktober) niitzte in diesem Falle ebensowenig, wie im
Folgejahre gegen den neuen Zolltarif, fur den Bismarck die erste Kombination
nutzbar zu machen wufite. R. erblickte in Bismarcks Zoll- und Wirtschafts-
politik nichts als eine Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel, eine Aus-
beutung des ganzen Volkes zugunsten bestimmter bevorzugter Schichten. In
einer Rede, die er Endc Februar 1879 in der Debatte uber die Verlangerung des
Handelsvertrages mit Osterreich-Ungarn hielt, gab er dieser Stimmung Aus-
druck, indem er die Bismarcksche Wirtschaftspolitik als einen Appell an den
Egoismus und das Masseninteresse kennzeichnete. Privatim bemerkte Bis-
marck darauf, dafi ihn diese Angriffe nicht riihrten, und dafi er sich vorgenommen
habe, R. nicht mehr zu antworten.
Auch durch die Herausgabe von Flugblattern und Broschuren stellte R. da-
mals seine Tatigkeit in den Dienst der Freihandelssache: was aber konnte das
Richter. 289
alles bei der parlamentarischen Konstellation nutzen? Schon wetteiferten das
Zentrum und die schutzzollnerisch gesinnten Elemente unter den National-
liberalen darin, sich bei Bismarck den Rang abzulaufen, und die Germania gab
Eugen R. den Rat, sich nach einem andern Wahlkreise umzusehen, da sich
das Zentrum hiiten wurde, in Hagen noch einmal fur ihn den Ausschlag zu
geben. Am 4. Mai kam R. gegen die Zolltarifvorlage zu Worte. Er fiihrte aus,
dafi die Agitation fur die Agrarzolle kunstlich von oben in die Kreise der Land-
wirtschaft hineingetragen sei, und verteidigt die direkten Steuern als die normale
Hauptart der Belastung des Landes. Er sprach seine Ansicht dahin aus, dafl
fur den Kanzler die Finanzzolle die Hauptsache seien, und dafi die ganze Vor-
lage nur darauf hinauslaufe, die parlamentarischen Befugnisse im Reiche und
in den Einzelstaaten zu mindern, dafi sie liege »in der Richtung zum absolu-
tistischen Einheitsstaate«; er schlofi mit dem Bekenntnisse der Doktrin, dafi
wirtschaftliche und politische Freiheit nicht voneinander zu trennen seien:
»Die wirtschaftliche Freiheit hat keine Sicherheit ohne politische Freiheit, und
die politische Freiheit findet ihre Sicherheit nur in der wirtschaftlichen Freiheit. «
Schon schien sich damals eine Konjunktion zwischen Fortschritt und
freihandlerischen Nationalliberalen anzubahnen. Auf dem Berliner »Stadtetag«
vom 17. Mai hielt Forckenbeck beim Festbankett im Zoologischen Garten den
beruhmten Toast: es sei an der Zeit zur Bildung einer umfassenden liberalen
Partei, deren Kern das freisinnige Burgertum bilden, und die auch wirtschaft-
lich freisinnig sein musse. Das war eine unverkennbare Absage an den rechten
Flugel seiner Partei und eine Annaherung an den Fortschritt. Aber der zeigte
kein so grofies Begehren, die dargebotene Bruderhand zu ergreifen. R. hielt
eine Ansprache, die gleichsam die Antwort auf die Forckenbecksche Werbung
gab. Er fiihrte darin aus, dafi man getrennt marschieren, aber vereint den
Feind schlagen musse. Das machte den Eindruck, als ob er von einer Fusion
nichts wissen wollte, und es wurden ihm auch Vorwurfe in dieser Richtung
gemacht. Er blieb jedoch dabei, dafi sich »neue Partcibildungen niemals unter
dem Eindrucke eines Trinkspruches vollziehen konnten«. In der Tat hatten
Verhandlung und Annahme des Zolltarifes in ihrem ganzen Verlaufe nicht
sowohl eine Abspaltung des freihandlerischen, wie vielmehr des schutzzollne-
rischen Fliigels vom Gros der Nationalliberalen schliefilich zur Folge; zugleich
aber ward das innere Band zwischen denen um Bennigsen und der Gruppe
Forckenbeck-Lasker- Bamberger doch schon so sehr gelockert, dafi auch ihr
Zerfall nur noch eine Frage der Zeit war.
Den Kanzler allein und personlich machte R. fiir die neue Phase in der
inneren Reichspolitik verantwortlich: »Ehe nicht das ganze Regierungssystem
des Kanzlers aufhort, ehe nicht der Kanzler selbst aufhort zu regieren, wird
Deutschland nicht zur Ruhe kommen.« Auch in der Presse liefl er damals den
Ruf erschallen: »Der Herr Reichskanzler — Fiirst Bismarck mufi fort von
seinem Platze!« In der festen Hoffnung, dafi das Volk ein flirchterliches Straf-
gericht liber die verkehrte Wirtschaftspolitik Bismarcks vollziehen wurde,
gab er fur die bevorstehenden Landtagswahlen Herbst 1879 eben diese Parole
aus: >>Fort mit Bismarck !« Eben damals erschien als der Vorlaufer seines
spateren ABC-Buches anonym eine lexikalisch geordnete Ubersicht iiber die
politischen Zeit- und Streitfragen unter dem Titel: »Der liberale Urwahler,
oder was man vom Wahlen wissen mufi.« Aber seinen Bemuhungen blieb der
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog-. 13. Bd. \g
290
Richter.
Erfolg versagt; die Landtagswahlen vom 8. Oktober 1879 brachten den voll-
kommenen Bankerott des Liberalismus fur PreuBen. Sowohl Nationalliberale
wie auch Fortschrittler verloren fast die Halfte ihrer Sitze; jene sanken auf
etwa 100, diese auf einige 30 hinab. Die liberate Mehrheit, die in PreuBen seit
dem Beginne der »Neuen Ara«, zwei Jahrzehnte hindurch, bestanden hatte,
war vorbei, und zwar fur immer. R. fiel in seinem Wahlkreise Hagen durch,
wie ihm ja die Germania angedroht hatte, und muflte einen Unterschlupf in
Berlin suchen, der durch das Dreiklassensystem garantierten Hochburg des
Fortschritts. Hatte er die Parole »Fort mit Bismarck !« ausgegeben, so hatte
ihm das beinahe die eigene parlamentarische Existenz gekostet. Er schrieb
den Umschwung den Beeinflussungen durch den Regierungsapparat, der Zer-
fahrenheit der Nationalliberalen und der Unterstiitzung der Konservativen
durch das Zentrum, vor allem aber dem Umstande zu, dafi die agrarischen
Lockungen Bismarcks die friiher liberalen Elemente in der Landbevolkerung
zum groBen Teile in das konservative Lager hiniibergezogen hatten. Von diesen
Faktoren anderte sich in der Folgezeit wenigstens der eine sehr schnell zugunsten
des Fortschritts. Das Zentrum erkannte, wie wertvoll ihm selber der Fort-
bestand einer »unentwegten« liberalen Opposition war. Denn es gelangte
dadurch in eine taktisch hochst gunstige Position, da die drohende Aussicht
auf eine Koalition zwischen ihr unjd dem Zentrum die leitenden Staatsmanner
zu Nachgiebigkeit und Entgegenkommen den eigenen Wiinschen gegeniiber
zwingen muBte. Daher lag dem Zentrum viel an der Erhaltung der Fortschritts-
partei, und insoweit diese in der Folgezeit besondere Wahlerfolge errang, so
war das haufig dem klerikalen Sukkurse zu verdanken: das kam spater gerade
in den Verhaltnissen des Hagener Wahlkreises R.s zum Ausdrucke. Auf der
andern Seite muBte diese Wahlhilfe, die gelegentlich auch erwidert wurde,
sowie die Art und Weise, wie die Fortschrittspartei — zwar keineswegs der
Intention zufolge, sondern auf Grund der fur sie mafigebenden politischen
Prinzipien und der allgemeinen parlamentarischen Konstellation — faktisch den
Machtaspirationen des Zentrums Vorschub leistete, den entschiedenen Liberalis-
mus im Lichte eines Vorspannes und Alliierten des Zentrums erscheinen lassen.
Im wesentlichen gestaltete sich die Entwicklung so, dafl in der Folgezeit
die Fortschrittspartei unter R.s Fiihrung in gewissen Fragen von allge-
meiner politischer Bedeutung zusammen mit dem Zentrum in der Opposition
stand, wahrend in Sachen der Wirtschafts- und Sozialpolitik das Zentrum dem
Fortschritte das Vergniigen gestattete, seinen praktisch unwirksamen freihandle-
rischen Standpunkt zu betonen. Gegen sie beide wurde 1880 das Sozialisten-
gesetz auf vier Jahre verlangert; dieseibe Konstellation trat auf bei der Er-
neuerung des Septennates. Sie war das Werk Bennigsens, wahrend der linke
Flugel der Nationalliberalen nur fur ein Triennat war. Mit Eifer schurte R.
diesen Zwist unter den Nationalliberalen, indem er bei der zweiten Lesung
heftige Angriffe gegen Bennigsen schleuderte, dessen Politik darauf hinaus-
laufe, den Unterschied zwischen konservativ und nationalliberal zu verwischen,
das Volk zu Gouvernementalismus und politischer Indifferenz zu erziehen.
Rickert antwortete darauf, indem er noch einmal »das positive Zusammengehen
der Konservativen und Nationalliberalen als die natlirliche Grundlage der
inneren Entwicklung im Gegensatze zu der stets negativen und unfruchtbaren
Haltung der Fortschrittspartei feierte«; das reizte R., bei Gelegenheit der
Richter.
2pl
dritten Beratung »mit Herrn Rickert und dem von ihm vertretenen National-
liberalismus griindlich abzurechnen«. Er tat Rickert Unrecht, wenn er ihn
ohne weiteres mit dem rechten Fliigel des Nationalliberalismus zusammenwarf ;
immerhin war Rickert derjenige vom linken Fliigel, der sich am langsten gegen
dessen »Sezession« im Spatsommer 1880 straubte. Der Union zwischen Sezession
und Fortschritt, die innerhalb des letzteren von Anfang an besonders durch
Hanel und Virchow gewiinscht wurde, stellte sich R. allerdings sehr kuhl gegen -
iiber; er traute der neuen Gruppe doch nicht recht, da er sie noch zu sehr als
im Banne nationalliberaler Unbestandigkeit und Wankelmutigkeit befangen
erachtete; er hielt sie vor aliem fiir unsichere Kantonisten im Kampfe gegen
Bismarck, den er mit unverminderter Scharfe betrieb und als sein hochstes
Ziel unverriickt im Auge behielt.
Auf die Wahlen von 188 1 setzte er in dieser Hinsicht alle seine Hoffnungen;
er war fest davon iiberzeugt, dafi das deutsche Volk des Bismarckschen Re-
gimes mude sei. Am 10. Juli 1880 bereits erliefl er eine Kundgebung, worin er
fur die nachsten Wahlen eine »entscheidende Wendung« prophezeite: »Die
Anzeichen eines in weiten Kreisen des Volkes sich vollziehenden Umschwunges
der Ansichten mehren sich. Die Regierung beschleunigt denselben, indem sie
Fehler auf Fehler hauft, bald diese, bald jene Kreise des Volkes gegen sich
aufregt. Die meisten Vorgange lassen selbst manche der taktischen Eigen-
schaften vermissen, welche friiher dem Kanzler zu seinen grofien Erfolgen
verhalfen. So zieht er sich denn eine Niederlage nach der andern in der offent-
lichen Meinung zu.« Aufs scharfste kritisierte er die politische Tatigkeit der
Sohne Bismarcks; die antisemitische Bewegungin Berlin steigerte die Spannung.
Er warf dem leitenden Staatsmanne vor, dafi sich dieser gegen sie allzu wohl-
wollend neutral verhalte, so dafi sich die Antisemiten berechtigt halten konnten,
ihn als Protektor anzusehen, und soviel ist gewifi, dafi Bismarck es schwerlich
ungern gesehen hatte, wenn durch sie der ihm verhafite Berliner »Fortschritts-
ring4t gesprengt worden ware. Die Debatten in der Wintersession 1880/81 im
Landtage iiber den Nachlafi an direkten Steuern, wobei sich Bismarck und
R. — freilich aus ganz verschiedenen Griinden — zu uberbieten trachteten,
sowie iiber das Verwendungsgesetz, oder wie R. es spottisch nannte, das »Ver-
schwendungsgesetz« betreffend die Cberweisung von Uberschiissen der indi-
rekten Reichssteuern an die Kommunalverbande gaben reichlichen Anlafi
zu rednerischen Zusammenstofien zwischen den beiden Gegnern, — nicht minder
in der Fnihjahrssession 1881 des Reichstages die Etatsberatung, dieLexTiede-
mann und der Beginn der sozialen Gesetzgebung, die Bismarck damals durch
den Entwurf iiber die Unfallversicherung zu inaugurieren unternahm. R. be-
trachtete sie lediglich unter dem Gesichtspunkte eines neuen Lockmittels, durch
das Bismarck die Massen zu kaptivieren strebte; er leugnete die Notwendigkeit
des Versicherungszwanges und erklarte ihn als den ersten Schritt zur An-
bahnung der kommunistischen Gesellschaft, da mit demselben Rechte, wie das
Versicherungswesen, auch der Grundbesitz verstaatlicht werden konnte. Am
heftigsten war der Zusammenprall beim Bismarckschen Antrage auf Ver-
langerung der Legislaturperioden auf vier Jahre mit nur zweijahriger Be-
rufungsperiode; dieser Versuch einer Verfassungsanderung im Sinne einer
Reduktion des Parlamentarismus rief R.s erbittertsten Widerspruch hervor,
vor allem des Kanzlers Angriffe auf diejenigen Abgeordneten, die Journalisten
19*
292
Ricbter.
und berufsmaflige Parlamentarier zugleich seien: »Sie stehen vermoge ihrer
Mensurpraxis aufierordentlich im Vordergrunde. In den Volksversammlungen
kennen wir ja die Typen; sie haben sich zu rhetorischen Klopffechtern ausge-
bildet, die es hier im Reichstage naturlich nicht gibt.«c Die ironische Beziehung
auf R. war unverkennbar; er erwiderte, indem er als des Kanzlers hochstes
Ideal »eine grofle Partei Bismarcks sans phrase* hinstellte. Immer gereizter
wurde die Tonart huben und driiben. Als R. bei der Frage des Hamburger
Zollanschlusses dem Bundesrate Nichtachtung des bundesstaatlichen Ver-
haltnisses und des geltenden Verfassungsrechtes vorwarf, verliefi dieser unter
der Fiihrung des Ministers v. Botticher demonstrativ den Sitzungssaal. Und
ebenso verfuhr Bismarck in der Folgezeit, wenn R. sprach.
Und in der Tat: obwohl der Wahlkampf im Herbste 1881 von seiten der
Regierung in erster Linie gegen Fortschritt und Sezession gefiihrt worden war,
obwohl die offiziose Presse keinen Zweifel dariiber gelassen hatte, dafi die Parole
»Fiir oder gegen Bismarck* laute, fielen den Liberalen mehr als anderthalb-
hundert Sitze zu, und zwar mehr als a / 3 davon den Linksliberalen, dem Fort-
schritt etwa 60, der Sezession an die 50. Das bedeutete eine personliche Nieder-
lage des Kanzlers, eine Absage an seine innere Politik. Mit den National -
liberalen zusammen hatten die Konservativen keine Mehrheit mehr, und mit
dem Zentrum nur dann, wenn alle dessen Annexe mitgingen und vollzahlig
auf dem Platze waren, was hochst unsicher war. Unbeschreiblich war der
Jubel in R.s Lager iiber den 19. Oktober 1881, »unsern Siegestag*. Die Chancen
der Opposition erschienen um so starker, wenn es gelang, ihr die Nationalliberalen
durch Herstellung eines gemeinsamen Bandes "zwischen den drei liberalen
Gruppen einzufiigen. In der Tat wurde daran gearbeitet, und die Politik der
Nationalliberalen war sogar nach dem Zusammentritte des neuen Reichstages
zunachst nicht gerade regierungsfreundlich gerichtet, so die Rede Bennigsens
vom 16. Dezember gegen den Minister von Puttkamer liber die Wahlbeein-
flussungen; versohnlicher schon war seine Haltung bei der Debatte iiber den
Kaiserlichen Erlafi vom 4. Januar 1882 betreffend die politische Betatigung der
Beamten, in der sich vornehmlich wiederum Bismarck und R. entgegentraten.
Die Bestrebungen des Gothaer Parteitages aller Liberalen am I. Oktober 1882
behufs Zusammengehens aller liberalen Fraktionen bei den Wahlen scheiterten
am Widerspruche R.s, der sich gegen jede Gemeinsamkeit mit den National-
liberalen erklarte und in seiner Partei seinen Willen zur Geltung zu bringen
wufite. Den Rtickzug aus dem politischen Leben, den Bennigsen im folgenden
Jahre antrat, legte R. dahin aus, daC auch Bennigsen nunmehr endlich erkannt
habe, wie sehr das Zusammenwirken der Liberalen ein Unding sei.
Die gesamtliberale Utopie war verflogen; aber es kam jetzt zu einer Fusion
zwischen Fortschritt und Sezession. Der Hauptvertreter des Fusionsgedankens
innerhalb des Fortschrittes war bisher Hanel gewesen; R. hatte sich dagegen
bisher ziemlich unlustig verhalten. Nun aber war er es, der die Idee aufnahm
und Hanel (Anfang 1884) bestimmte, seine personlichen Beziehungen zu den
Sezessionisten dieser Richtung nutzbar zu machen und mit ihnen Verhandlungen
anzukniipfen. Das treibende Motiv dafur war die Riicksicht auf die fur 1884
bevorstehenden Reichstagswahlen. Bei den Wahlvorbereitungen, die er eben
damals einleitete, hatte er namlich sehr triibe Erfahrungen gemacht: er stiefl
auf Ermattung und Einschtichterung; die Geldsammlungen gingen schlecht
Richter.
293
vonstatten; er fiihlte sich personlich erschopft und ohne genligende Mitarbeiter.
Auch fand er die dem Fortschritte damals zur Verfiigung stehenden parla-
mentarischen Krafte nicht ausreichend; Kandidaten waren oft kaum aufzu-
treiben, und in vielen Kreisen herrschte Neigung zu sezessionistischen Kandi-
daturen. Die Neigung auf der sezessionistischen Seite zu Entgegenkommen
war nicht gerade ubermaBig groB; es war Hanel nicht Ieicht, zum Ziele zu
kommen. Erst nach wochenlangen schwierigen Verhandlungen kam die Eini-
gung zustande; am 5. Marz gaben die beiden Fraktionen, elf Tage spater die
beiderseitigen Parteitage ihre Zustimmung. Darauf, dafi man zu diesem Er-
gebnisse schliefilich gelangte, war von groBem Einflusse die Erwagung, dafi bei
dem in Aussicht stehenden Thronwechsel, mit dem ja ein Umschwung der
politischen Gesinnung und des Regierungssystems an Allerhochster Stelle ver-
bunden sein muflte, eine grofie und geschlossene entschieden liberale Partei
vorhanden sein miisse, die sich dem neuen Herrscher zur Verfiigung stellen,
und an der er einen parlamentarischen Riickhalt haben konne.
Die auf die Fusion gesetzten Hoffnungen erfullten sich nicht. Zwischen
den alten Fortschrittlern und Sezessionisten erhielt sich eine latente Spannung,
die sogar bestandig wuchs. Bei den Wahlern im Lande war die Vereinigung
schlecht vorbereitet worden. Die Wahlen, die im Herbste 1884 stattfanden,
zerstorten den Traum einer groflen liberalen Volksbewegung, der die Bildung
der Freisinnigen Partei begleitet hatte. Allgemein fielen die Wahler ab, nach
rechts und nach links; nur 3/ 5 ihrer Mitglieder wurden wiedergewahlt (67 gegen
105), und auch das nur infolge Untersttitzung von klerikaler und sozialdemo-
kratischer Seite. Das war fur dieses Mai eine offenbare Absage an den Libe-
ralismus, und zwar vor allem wegen seines negierenden Verhaltens gegen die
soziale Gesetzgebung: in diesem Punkte freilich waltete kaum eine Verschieden-
heit zwischen dem Fortschritt der R.schen Observanz und dem sezessionistischen
Manchestertum ob; den Anfangen der Kolonialpolitik aber stand R. nicht so
ablehnend gegeniiber wie Bamberger. Inwieweit die freisinnige Opposition
im Reichstage von Geltung sein wiirde, das hing vom Zentrum ab. Wenn
Freisinn und Zentrum zusammengingen, war die Regierung machtlos; das taten
sie z. B. bei der Streichung der verlangten Stelle eines zweiten Direktors im
Auswartigen Amte. Anders freilich war das bei der von Bismarck damals
neuerdings betriebenen Erhohung der Agrarzolle: ebcn da, wo die eigentlichen
Ziele der freisinnigen Politik lagen, im Kampfe fiir den Freihandel, versagte die
oppositionelle Verbindung mit dem Zentrum.
Gerade von den Agrarzollen hatte R. eine wirksame Parole fiir die Neu-
wahlen erwartet; abermals sah er sich allerdings getauscht. Die Landtagswahl
von 1885 besiegelte den Riickgang der Partei in PreuBen. Sie kostete ihr
wiederum ein Dutzend Mandate; daB die Verluste nicht noch arger waren,
dafiir sorgte das Zentrum, das ihr Verschwinden zugunsten der Gouvernemen-
talen befiirchtete. Dafiir ging R. mit Windthorst in der Beseitigung des
Kulturkampfes, und es kam wohl vor, daB gerade hierbei sein Eingreifen in die
Diskussion dem Kanzler sehr unangenehm wurde, da er ihm gelegentlich recht
bittere Wahrheiten zu sagen wufite. Nicht nur gegen die Regierung und die
Rechte mufite er damals freilich mit Wort und Feder fechten. Auch in der links -
stehenden Presse wurden heftige Angriffe gegen ihn laut, so in der Frankfurter
Zeitung, in den demokratischen Blattern Lenzmanns, in der Breslauer Zeitung,
294
Richter.
im Berliner Tageblatt und in der Weserzeitung. Zur wirksameren und selbst-
standigeren journalistischen Vertretung seines Standpunktes begriindete er 1885
die »Freisinnige Zeitung«; doch klagte er noch lange nachher iiber ihre un-
genugende Abonnentenzahl.
Erst die Erneuerung des Septennates im Winter 1886/87 gab dem Kanzler
die Moglichkeit, die Bildung einer gouvernementalen Mehrheit im Reichstage
wieder anzustreben. Getreu ihren alten budgetrechtlichen Grundsatzen wollten
sich R. und Windthorst auf eine so lange Bindung des parlamentarischen Be-
willigungsrechtes nicht einlassen. Nun glaubte Bismarck den Augenblick ge-
kommen, nicht nur den Freisinn, sondern auch mit Hilfe der papstiichen Inter-
vention das Zentrum zu vernichten; er loste den Reichstag auf und erzielte
in der Tat eine konservativ-nationalliberale Mehrheit, das sog. ^Kartell*. Aber
dank der Geschicklichkeit Windthorsts und dessen geistreicher Rede im Kolner
Giirzenich blieb der Zentrumsturm aufrecht. Die Zeche bezahlte der Freisinn;
ohne die Hilfe von Zentrum und Sozialdemokratie ware er ganz zertriimmert
worden; er sank herab auf nur 32 Mandate, also auf kaum x / 3 des parlamen-
tarischen Besitzstandes, iiber den er bei seiner Begriindung verfugt hatte. Und
die Uneinigkeit war jetzt grofier wie zuvor. Zu den nach wie vor bestehen-
den Diiferenzen zwischen R. und den friiheren Sezessionisten kam ein un-
geschickter und zweckloser Vorstofl Bambergers und seiner ehemaligen Genossen
gegen Hanel, wobei sich R. energisch auf die Seite des letzteren stellte. Und
in eben diesem Momente der aufiersten parlamentarischen Bedeutungslosigkeit
des Freisinns trat das Ereignis ein, auf das der Linksliberalismus seit Jahr-
zehnten seine Aussicht, jemals dereinst zur Macht zu gelangen, aufgebaut
hatte, auf das hin die Fusion vornehmlich vollzogen worden war, — der
Thronwechsel. Keineswegs verhehlte der todkranke Kaiser seine politischen
Sympathien. Er billigte die Angriffe des Freisinns gegen das ^System Putt-
kamer* und die scharfe Rede, die R. am 26. Mai 1888 iiber die Kartellparteien
und ihre Loyalitat gegeniiber dem Herrscherhause hielt, und die in derForderung
der Ministerverantwortlichkeit gipfelte; es folgte darauf (am 8. Juni) der Sturz
des dem Freisinn so verhaflten Ministers; aber schon eine Woche spater schied
Friedrich III. aus dem Leben.
Zum Range einer Regierungspartei oder einer im Sinne des parlamentari-
schen Systems herrschenden Partei aufzuriicken, das war unter dem neuen
Monarchen fur R. und seine Fraktion von vornherein ausgeschlossen. Dafl
die alten fortschrittlichen Elemente mit unerschtitterlicher Festigkeit an
ihm hingen, das zeigte sein fiinfzigster Geburtstag (30. Juli 1888); sie tiber-
reichten ihm dabei eine Ehrengabe von 100 (XX) Mark. Die Werbekraft des
Freisinns bei der grofien Masse der Bevolkerung war freilich erschftpft; bei den
Landtagswahlen vom 6. November sank die Zahl seiner Mandate auf 29 herunter.
Auf sozialpolitischem Gebiete verharrte R. bei seiner ablehnenden Haltung;
unter seiner Fiihrung stimmte die Partei fest geschlossen am 24. Mai 1889 gegen
die Alters- und Invaliden-Versicherung. Bei den Wahlen zum Reichstage
im Friihjahr 1890 wuchs zwar die Zahl der freisinnigen Sitze auf mehr als das
Doppelte, namlich auf 69; dieses gunstige Resultat aber war nicht ein Ergebnis
der eigenen Kraft, sondern einer gliicklichen Parteikonstellation. Aus den Ur-
wahlen waren nur 19 freisinnige Abgeordnete hervorgegangen; wo nun in den
Stichwahlen Kartell und Freisinn gegeniiberstanden, stimmten fur diesen Sozial-
Richter.
295
demokratie und Zentrum, wahrend andererseits die Anhanger der alten Kartell-
parteien, zumal Nationalliberale und Reichspartei, dem freisinnigen Kandidaten
zum Siege uber die Sozialdemokratie verhalfen. Fur R. war damals das einzige
Ziel, das er blindlings verfolgte, die Zertriimmerung des Kartells; es war ihm
gleichgiiltig, ob dariiber Zentrum und Sozialdemokratie hochkamen. Da sich
Hanel dieser Wahltaktik nicht anschlieflen konnte, erhoben sich Differenzen
zwischen den beiden Fiihrern.
Noch ehe der neue Reichstag zusammentrat, erfolgte das Ereignis, das schon
so lange das Ziel der Bemiihungen R.s gewesen war, — der Sturz Bismarcks.
Wenn irgend etwas die Freude und den Jubel zu triiben vermocht hatte, die ihn
dariiber erfiillten, und denen er recht kraftigen Ausdruck gab, so konnte es
hochstens das Bewufitsein sein, dafi sein jahrelanger Kampf gegen den Kanzler
darauf nicht den geringsten Einflufl gehabt hatte. Die Militarvorlage, mit der
der neue Kanzler, v. Caprivi, debutierte, stiefi bei ihm auf den scharfsten Wider-
spruch. Damit stimmten freilich die ehemaligen Sezessionisten nicht tiberein;
sie waren zu Entgegenkommen geneigt, da sie von Caprivi eine Wendung in der
Wirtschafts- und Kolonialpolitik erwarteten. Die alte Abneigung gegen R.
brach bei ihnen aus: sein Auftreten war ihnen zu herrisch, iiberhebend und
verletzend, nicht minder die Kampfesweise seiner Freisinnigen Zeitung, die auch
die Mitglieder der eigenen Fraktion keineswegs schonte. Eine formliche Partei-
revolte brach aus. Die Wahl zum Vorsitzenden in dem die Geschafte leitenden
Dreizehner-Ausschusse am 19. Mai fiel nicht wieder auf R., der bisher an der
Spitze gestanden hatte, sondern auf Schrader. Von den elf Ausschufimitgliedern,
die bei der Sitzung zugegen waren, hatten die frliheren Fortschrittler, funf
an Zahl, fur R., die fruheren Sezessionisten, gleich stark, gegen ihn gestimmt;
den Ausschlag hatte Hanel gegeben. Ein erbitterter Konflikt in der Partei-
presse knupfte sich an diese Begebenheit; das Wort fiihrte vor alien in der
»Nation« Barth, in der »Freisinnigen Zeitung« R. selber; dieser zeigte sich un-
zweifelhaft dem Gegner bei weitem uberlegen. Es stellte sich heraus, dafi in
der Fraktion und bei den Parteigenossen im Lande R. den grofieren Anhang
besafi. Schliefilich kam ein Kompromifi zustande, das in Wahrheit einen Sieg
R.s bedeutete; R. erhielt wieder den ersten Vorsitz, Schrader die zweite Stelle,
nur dafi beide im Vorsitze abwechseln sollten. Und auch in der Militarfrage
setzte R. noch einmal in der Fraktion seinen Willen durch; sie stimmte ge-
schlossen dagegen, konnte aber dadurch die Annahme (28. Juni 1890) nicht
verhindern, da sich die Mehrheit des Zentrums unter Windthorst dafur
entschied.
Im wesentlichen blieb es somit bei der oppositionellen Haltung R.s auch in
der Ara Caprivi. Die Aufnahme Miquels ins Kabinett konnte ihm nicht im
Lichte einer Konzession an den Liberalismus erscheinen; er bekampfte die
Steuerreform des neuen Finanzministers, nicht minder den Zedlitzschen Volks-
schulgesetzentwurf. Wie heftig freilich auch der Widerstand war, den der
Freisinn unter R. bei dieser und andern Gelegenheiten dem neuen Kanzler ent-
gegenstellte, so bestand doch zwischen ihnen ein gewisses Verhaltnis gegenseitigen
Wohlwollens ; wenigstens lag den Freisinnigen nicht das geringste am Sturze
des leitenden Staatsmannes, mit dem sie ja — zumal in der Wirtschaftspolitik —
mancherlei Beriihrungspunkte hatten. Bei den alten Sezessionisten steigerte
sich eben deshalb sogar die Neigung zu Konnivenz gegen die Regierung, und
296 Richter.
so wurde jetzt der Bruch zwischen den beiden Richtungen im Freisinn endlich
perfekt. Ende 1892 brachte Caprivi eine neue Militarvorlage ein, die eine ganz
betrachtliche Erhohung der Friedensprasenzstarke verlangte, daneben aber die
alte fortschrittliche Forderung der zweijahrigen Dienstzeit fur die Infanterie
gewahrte und sich auch in budgetrechtlicher Hinsicht wenigstens dem alten
sezessionistischen Standpunkt naherte, indem sie fur die Mannschaften die
Feststellung der Friedensprasenzstarke innerhalb jeder Legislaturperiode zu-
gestand. R. erklarte, die bisherigen Wehrverhaltnisse seien ausreichend, die
Finanzlage und die wirtschaftlichen Verhaltnisse machten eine weitere Steige-
rung der Militarlasten unmoglich. Die Sezessionisten waren zu Entgegenkommen
geneigt, das Zentrum anfanglich dagegen, schliefilich unter Einwirkungen von
Rom aus gespalten. Der Freiherr von Huene stellte als Fiihrer der bewilligungs-
freundlichen Minderheit im Zentrum einen Vermittlungsantrag; er wurde am
6. Juni 1893 abgelehnt, da auch die grofie Mehrheit seiner Fraktion verneinend
votierte. Auch vom Freisinn stimmten schliefilich nur 6 Abgeordnete dafur, —
so wenige allerdings lediglich deshalb, weil sich die andern Freunde der Vorlage
im Freisinn durch taktische Manover der Konservativen verhindert fuhlten.
Aber der Rifl in der Fraktion liefl sich doch nicht mehr verkleistern ; eine allzu-
grofie gegenseitige Erbitterung war unter dem Eindrucke dieser Vorgange im
freisinnigen Lager erwachsen. Der Reichstag wurde nach der Verwerfung des
Hueneschen Kompromisses sofort aufgelost; fur die Neuwahlen, die schon auf
den 15. Juni angesetzt wurden, mufite die Militarvorlage die Parole bilden,
und so war denn die Auflosung der Fusion unvermeidlich. Noch am Abend des
6. Juni fand eine Fraktionssitzung statt; R. stellte den Antrag, dafi die Ab-
stimmung der sechs fur den Antrag Huene mit der Gesamthaltung der Partei
unvereinbar sei; er wurde mit 27 gegen 22 Stimmen angenommen, und nunmehr
erklarte die Minderheit ihren Austritt, — im wesentlichen die alten Sezessio-
nisten und die friiheren Fortschrittler aus Schleswig-Holstein unter Hanels
Fuhrung. Selbst die Vereinbarung gemeinsamen Vorgehens bei den Wahlen
scheiterte an R.s Widerspruche. Dieser inneren Zersetzung und Auflosung
des Freisinns folgte die aufiere Katastrophe. Im ersten Wahlgange am
15. Juni errangdie »Freisinnige Volkspartei« R.scherObservanz nicht ein einziges
Mandat; erst in den Stichwahlen brachte sie es mit Hilfe von Sozialdemokratie
und Zentrum auf 23 Sitze, und auch die »Freisinnige Vereinigung« vermochte
nur 13 Vertreter durchzusetzen. Den Hauptvorteil hatten die Konservativen,
Antisemiten und Nationalliberalen: durch sie mit Einschlufl der Polen und
durch die Freisinnige Vereinigung wurde die Militarvorlage eine Woche spater
perfekt. Besiegelt wurde der Ruckgang des Linksliberalismus durch die Land-
tagswahlen vom 7. November 1893: von 30 sank die Zahl seiner Mandate
herab auf 20, von denen 14 der Volkspartei und 6 der Vereinigung angehorten. —
In drei grofle Abschnitte zerfallt die politische Wirksamkeit Eugen R.s.
Der erste reicht vom Beginne seines Auftretens bis zur Wendung in der inneren
Politik Bismarcks und der dadurch herbeigefiihrten Zerbrockelung des Natio-
nalliberalismus, der zweite von da bis zur Auflosung der freisinnigen Partei.
In der dritten Periode, die von 1893 bis zu seinem Tode lief, war R.s Rolle
gegen fruher bedeutend beschrankt. Er war der Fiihrer einer kleinen Gruppe
ohne wesentlichen EinfluG auf den Gang der Dinge, — vor allem dadurch matt-
gesetzt, dafi das Zentrum, im Besitze der ausschlaggebenden parlamentarischen
Richter.
297
Stellung, diese nicht mehr annahernd so wie friiher im Sinne der Opposition
ausniitzte, sondern in ein mehr positives Verhaltnis zur Regierung trat.
Stark zusammengeschmolzen war das Hauflein, das sich seit 1893 um R.
scharte. Weder die Reichstagswahlen noch auch die Landtagswahlen von 1898
und 1903 anderten sehr viel an der Zahl der Mandate der Freisinnigen Volks-
partei, auch nicht der Freisinnigen Vereinigung. Im Reichstage ging sie sogar
zuriick, wahrend R. zumal 1903 noch das massenhafte Anschwellen der von
ihm so heftig bekampften Sozialdemokratie erleben muBte. Im Anfange machte
sich wohl noch selbst innerhalb dieser so kleinen Gruppe einiger Widerstand
gegen ihn gel tend. Im August 1894 veroffentlichte die Freisinnige Volkspartei
den Entwurf eines neuen Parteiprogramms; es forderte vornehmlich freiheit-
liche Grundsatze in Staats- und Kommunalverwaltung, Forderung der Volks-
bildung, Schonung der wirtschaftlichen Schwachen in der Besteuerung, Unter-
stutzung der internationalen Friedensbestrebungen. Der Eindruck, den es
machte, war nicht gerade sehr uberwaltigend; der sozialpolitische Teil wurde
vielfach verspottet; mit Ausnahme der Blatter, die R. nahestanden, wurde es
selbst in der freisinnigen Presse kuhl aufgenommen, und in einer Berliner frei-
sinnigen Wahlerversammlung machte sich offener Widerspruch dagegen geltend.
Der Parteitag vom 30. August lehnte die Ausdehnung des allgemeinen direkten
Wahlrechts auf die Gemeinden, die Trennung von Staat und Kirche, die obli-
gatorische Fortbildungsschule ab; in einem groBen Teil der freisinnigen Presse
wurden diese Beschliisse, die auf R. selbst zuruckgefiihrt wurden, lebhaft an-
gegriffen. Noch arger platzten die Geister auf dem Eisenacher Parteitage fiir
Thuringen vom 21. bis 23. September 1893 aufeinander los. Die allgemeinen
Punkte des Programms rein politischer Natur zeitigten keine Meinungsdiffe-
renzen; eine erregte Diskussion jedoch entspann sich uber die Volksschule,
und nur mit Muhe vermochte R. die von ihm gewiinschte Ablehnung der Volks-
einheitsschule durchzusetzen. Zahlreiche Elemente in der Freisinnigen Partei
waren mit dem Verlaufe unzufrieden. Die Volkszeitung veroffentlichte eine
Zuschrift, in der u. a. ausgefiihrt wurde: »Es hat sich auf dem Parteitage eine
Unsumme von Unzufriedenheit angehauft, weil R. bei jedem kritischen Fall
die Kabinettsfrage stellte. Sobald ein der Parteileitung nicht genehmer Antrag
Aussicht auf Annahme zu haben schien, drohte R. mit seinem Riicktritt. Die
treuesten alten Anhanger sind verstimmt und werden in ihrem Schaffen erlah-
men. Der Parteitag in Eisenach ist der Todestag der Freisinnigen Volkspartei,
das ist der Ausspruch vieler Delegierter zum Parteitage . . . Der Abgeordnete
R. befolgt dieselbe Taktik, die er bereits auf dem Berliner Parteitage versucht
hat. Denn schon auf diesem hat der Abgeordnete R. mit seinem Riicktritt
gedroht, wenn die Forderung des allgemeinen gleichen Wahlrechts fur die
Kommunen in das Programm aufgenommen wurde. Was diese Taktik bedeutet,
wird erst dann verstandlich, wenn man weiB, daB niemand mit groBerer Spott-
lust sich darauf losstiirzte, als der Abg. R., wenn der friihere Rcichskanzler bei
kritischen Gelegenheiten die Kabinettsfrage stellte. « Ganz so schlimm wurde
es freilich nicht, wie dieses Prognostikon befiirchtete: je langer, um so fester
und unbestrittener wurde die Autoritat R.s innerhalb der Freisinnigen Volks-
partei, so dafl man wohl sagen konnte, daB der Fuhrer und die Partei eins wurden;
nach dem Ausscheiden von Hanel und der Sezessionisten gab es niemanden mehr
in der Fraktion, der R. die Stange zu halten fahig oder gewillt war.
298 Richter.
Die Annahme des russischen Handelsvertrages im Friihjahre 1894 bezeich-
nete den Hehepunkt einer Handels- und Wirtschaftspolitik des Reiches, die den
Intentionen der Liberalen entgegenkam, soweit es die Verhaltnisse gestatteten;
aber die Stellung ihres Tragers, des Reichskanzlers v. Capri vi, war bereits ernst-
lich erschiittert, wie schon daraus hervorging, dafi sich ohne sein Vorwissen der
Kaiser urn jene Zeit mit Bismarck aussShnte. Caprivis Fall im Zusammenhange
mit der vom Herrscher gewtinschten Umsturzvorlage (Oktober 1894) wurde
von R. in der Tat als eine Auflerung des »personlichen Regiments* des jugend-
lichen Herrschers empfunden; indem er im Reichstage Herrn v. Botticher,
der die Entlassungsordre gegengezeichnet hatte, nach den Griinden des Kanzler-
wechsels fragte, machte er darauf aufmerksam, dafi diese jedenfalls nicht auf
dem Gebiete parlamentarischer Beschlusse lagen: »Denn Graf Caprivi hat sich
seit der Wahl dieses Reichstages stets in den wichtigsten Beschliissen die Zu-
stimmung der Mehrheit des Hauses erworben.« Mit Bismarck hatte er sich
innerlich immer noch nicht ausgesohnt. Im Reichstage sprach er am 23. Marz
1895 gegen den Antrag, den Altreichskanzler zu seinem achtzigsten Geburtstage
zu begliickwunschen: er verkenne nicht die groflen Verdienste Bismarcks uro
das deutsche Einigungswerk und die auswartige Politik Deutschlands; aber es
handele sich bei dem geplanten Huldigungsakte um eine Ausbeutung dieser
Verdienste im parteipolitischen Interesse; auch miisse Bismarck als ein Ganzes
und Ungeteiltes beurteilt werden, und da sei zu erwagen, dafi er der Trager
eines Systems der inneren Politik gewesen sei, das dem System des Liberalismus
und des parlamentarischen Wesens, dem Interesse an Volk und Vaterland ent-
gegengesetzt, und das zu bekampfen daher patriotische Pflicht gewesen ware,
dafi er Interessenkampfe geschiirt habe, welche die Volkseinheit zersetzten,
auf weite Volkskreise demoralisierend einwirkten, und dafi er noch jetzt nach
seinem Rucktritte die ofTentliche Meinung in einer Richtung beeinflusse, welche
die Einlenkung der inneren Politik in gesundere Bahnen verhindere oder er-
schwere. Die Enthullungen Bismarcks iiber den deutsch -russischen Neutrali-
tatsvertrag von 1884 bis 1890 zum Ende des Jahres 1896 riefen auch R. auf die
Tribune; er beschuldigte Bismarck des Vertrauensbruches und des Verrates
eines Staatsgeheimnisses; immerhin pladierte er »mit Rucksicht auf sein hohes
Alter und sein VerdiensU dafiir, dafi in diesem Falle einmal »Gnade fiir Recht
ergehe*.
Das Motiv, welches er durch seine Anfrage iiber die Griinde von Caprivis
Sturz hatte durchklingen lassen, namlich die Anklage gegen das jetzt waltende
»personliche Regiment*, variierte er noch haufig, so vor allem in der groflen
Rede, die er am 18. Mai 1896 bei der Beratung der reichsgesetzlichen Regelung
des Vereinswesens hielt. Es hagelte darin von Angriffen auf die Regierung f
die jeden Halt verloren habe und unter der Vormundschaft des Herrn v. Stumm
stehe; sie schlofi mit den Worten: »Wo ist heute ein einheitlicher ziedbewufiter
Wille, der nicht von plotzlichen Launen getragen wird ? Wo ist eine Garnitur
von Ministern, die ihre Meinung vertreten? Man sieht nur geschmeidige Hof-
linge, avancierte Bureaukraten und schneidige Husarenpolitiker, Handlanger,
aber im gewOhnlichen Sinne des Wortes. Man soil nicht vergessen, dafi Deutsch-
land keine angestammte Dynastie hat. Es ist gesagt worden, dafi das monarchi-
sche Bewufitsein geschwunden ist seit dem Tode Kaiser Friedrichs. Der monar-
chische Gedanke wird sich in Deutschland noch lange halten, weil das Entstehen
Richter.
299
des Staates eng verwachsen ist mit der Monarchic, weil die Taten der Vorfahren
noch wirken auf die Nachkommen. Aber es wird an dem monarchischen Kapital
gezehrt in einer Weise, wie es noch vor zehn Jahren nicht moglich war, nicht
durch die Agitatoren der Sozialdemokratie, sondern infolge von Vorgangen,
die sich der parlamentarischen Erorterung entziehen, die aber weite Kreise
des Volkes ergriffen haben bis weit in das Beamtentum, bis ins Offizierkorps
hinein. Deutschland ist ein monarchisches, konstitutionelles Land, aber nach
dem sic volo sic jubeo oder regis voluntas suprema lex, da mag man vielleicht in
Rufiland regieren; das deutsche Volk lafit sich auf die Dauer nicht danach re-
gieren.* Der anwesende Minister v. Botticher antwortete nicht darauf; man
sagte, dafl das nicht fur ihn ohne Folgen geblieben sei. Anlafl zu ahnlichen Aus-
fallen boten ihm die Jerusalemsreise des Kaisers, der Gesetzesentwurf iiber den
Schutz Arbeitswilliger; ausdrlicklich vertrat er auch (14. Marz 1899) den An-
spruch des Reichstages, die Reden des Kaisers zu besprechen. Noch zum An-
fange des Jahres 1903 glaubte er die Existenz einer Kabinettspolitik konsta-
tieren zu diirfen, die die Minister zu willenlosen Handlangern herabdriicke;
dazu gab ihm den Anstofl das bekannte Swinemunder Telegramm an den Prinz-
regenten von Bayern, das er als ein »Sch\veinegluck« fiir das Zentrum erklarte.
Seinen alten liberal -parlamentarischen Grundsatzen blieb er in der inneren
Politik jedenfalls treu bis an sein Ende. Wie den Antisemitismus, so bekampfte
er die Sozialdemokratie; von drastischer Wirkung sind die Reden, die er in den
neunziger Jahren gegen Bebel und iiber den sozialdemokratischen Zukunfts-
staat hielt. Wiederholt forderte er die Beseitigung der mecklenburgischen Ver-
fassung und die Einfiihrung der Diaten fur die Mitglieder des Reichstages;
ein auf dieses letztere Postulat beziiglicher Antrag R.s wurde am 26. Marz 1897
angenommen, blieb aber ohne Erfiillung. Die Polenvorlage bekampfte er 1902
als ein verfassungswidriges Ausnahmegesetz, das nur die Ausdauer und die
Solidaritat des Polentums starken werde, als Ausdruck von »Chauvinismus
und Uberdeutschtum«. Und was das Finanzwesen anbelangte, so blieb er erst
recht bei seinen alten Maximen. Die Miquelsche Steuerreform, alle neuen
finanziellen Belastungen fanden in ihm, nach wie vor, einen scharfen Kritiker
und heftigen Gegner; er eiferte gegen die Steuerplackereien, gegen den Aus-
gleichsfonds, die Thesaurierungspolitik und die obligatorische Schuldentilgung.
Auch in der Gewerbepolitik verharrte er unentwegt auf dem Standpunkte des
okonomischen Liberalismus. Er lehnte die Zwangsinnungen ab, nicht minder
auch die Handwerkerkammern und alle staatliche Organisation des Handwerks,
indem er dabei blieb, dafl die freie und selbstandige Genossenschaft die einzige
fiir das Gewerbe zulassige und zutragliche Form der korporativen Vereinigung
sei. Die neue Militarvorlage von 1898, die eine abermalige Verstarkung gegen
die Konzession jahrlicher Festlegung der Friedensprasenzstarke verlangte,
hatte nicht seinen Beifall. Auswuchse und Miflstande im Militarwesen reizten
ihn zu scharfem Angriffe, der oft weit iiber das Ziel hinausschofl; insonderheit
forderte er eine weniger exklusive Zusammensetzung des Offizierkorps.
Seine groflten Schmerzenskinder aber waren in dieser letzten Periode
seines parlamentarischen Auftretens die Kolonien und die Marine. Immer
wieder tadelte er, dafl die Verwaltung der Kolonien allzu bureaukratisch und
militarisch betrieben wiirde. Er war gegen den Gesetzesentwurf betreffend die
Post-Dampfschiffs-Verbindungen mit uberseeischen Landern und spater gegen
300
Richter.
die Bahnbauten in Afrika, da sie allzu unrentabel seicn. Er sprach dem uber-
seeischen Besitze des Reiches jegliche Zukunft ab und meinte, alles Geld, was
man da hinein stecke, sei verloren. Wenn er auch zuerst mit der Haltung der
Regierung in der Transvaalfrage nach dem Jamesonschen Friedensbruche
einverstanden war, so besorgte er doch, dafi sich daran weitere Verwicklungen
und Aspirationen auf deutscher Seite kniipfen konnten, namlich im Streben nach
Weltmachtspolitik und Vergroflerung der Flotte. Spater fand er dann auch
{Marz 1897), dafi die Einmischung in Transvaal den deutschen Handel in Eng-
land schadige, ganz ebenso wie die Teilnahme an der Aktion wegen Kreta den
Levantehandel; nicht minder betrachtete er in der Folgezeit mit Mifitrauen die
ostasiatische Expedition und die Festsetzung in Kiautschou. Er widersetzte
sich alien Marine -Verstarkungen; immer wieder wetterte er gegen die »uferlosen
Flottenplane«. Bei der zweiten Beratung des Flottengesetzes im Jahre 1898
war der Hauptgesichtspunkt seiner Opposition parlarnentarisch-konstitutio-
neller Natur, namlich die Rucksicht auf die dauernde Bindung des Budget-
rechtes, die dem Reichstage dadurch zugemutet wurde; unwillig polemisierte er
gegen Rickert und das Zentrum, die ihn in dieser Frage allein liefien. Noch
grofier war sein Mifimut bei der Diskussion uber die Flottenvorlage von 1900.
Auch dieses Mai riigte er wieder die lange Bindung des Bewilligungsrechtes auf
nicht weniger als zwanzig Jahre: Die Flottenbestrebungen stammten nicht,
so fiihrt er aus, wie dereinst die Einheitsbewegung von unten, sondern wiirden
kiinstlich von oben geweckt und genahrt; sie seien zum Teil ein Produkt der
»Ordensstreberei«; die Vergroflerung der Seemacht wurde keinen andern Er-
folg haben, als die Eifersucht der ubrigen Nationen entfachen und dadurch
dem deutschen Seehandel mehr schaden als nutzen. Das war uberhaupt das
Thema, das er unaufhorlich variierte: Der Handel ist ganz unabhangig von der
Flotte. Wie das Militar, so waren ihm auch Kolonien und Marine lediglich
unproduktive Zwecke, und zum Ende seiner parlamentarischen Laufbahn kam
er schliefilich noch einmal (15. Marz 1901) soweit, ein Loblied auf die Ara Bis-
marck anzustimmen: Dem ersten Kanzler hatten »gliicklicherweise« die Phanta-
sien einer Weltmachtpolitik noch ferngelegen.
Als seinen Hauptfeind freilich sah er die seit der Epoche der Caprivischen
Handelsvertrage verstarkt einsetzende agrarische Bewegung an. Alle Steuer-
vorlagen, die dem agrarischen Interesse zu dienen schienen, riefen ihn sofort
auf den Plan. Er bekampfte den Antrag Kanitz auf Schaffung des Getreideein-
fuhrmonopols (Januar 1896), wobei er sich in Ubereinstimmung mit der Regierung
befand; nicht minder war das der Fall bei der Kanalvorlage, fiir die er in ihrem
ganzen Umfange eintrat; doch tadelte er die Maflregelung der »Kanalrebellen«.
Zumal mit Biilows Haltung den Agrariern gegenviber war er unzufrieden; er
warf ihm vor (5. Marz 1901), dafi er Handel und Industrie zugunsten der Land-
wirtschaft vernachlassige. Demgemafi verwarf er den Biilowschen Zolltarif-
entwurf als »eine einseitige Begiinstigung der Landwirtschaft«; bei der ersten
Beratung widersprach er (2. Dezember 1901) jeglicher Erhohung der Lebens-
mittelzolle: mit solchen Tarifen, so setzte er auseinander, sei die von der Re-
gierung proklamierte Weltpolitik unvereinbar, und die grofie Flotte werde
demnach iiberflussig. Trotz seiner prinzipiellen Gegnerschaft wider die Vorlage
machte er jedoch die Obstruktion nicht mit, welche gegen sie zum Ende des
folgenden Jahres seitens der Freisinnigen Vereinigung und der Sozialdemokratie
Richter.
301
zur Anwendung gebracht wurde. Ihm schwebte das Ziel vor, »durch eingehende
sachliche Beratungen die Differenz zwischen der Regierung und der Rechten
liber die Hohe der Zolle zu erweitern, so dafi eine Verstandigung bedeutend
erschwert, wenn nicht iiberhaupt vereitelt worden ware*. Ob er das erreicht
hatte, ist ja mehr als fraglich; sicher ist es freilich, dafi durch die Obstruktion
die Verstandigung zwischen der Regierung und den Konservativen erleichtert
wurde. Aber nicht nur als taktisch verfehlt verurteilte R. die Obstruktion,
sondern auch prinzipiell, namlich als einen Verstofl »gegen den Grundgedanken
des Parlamentarismus«. Er wollte die parlamentarische Wurde, das Recht der
Mehrheit auch da geschiitzt wissen, wo sein aktuelles Parteiinteresse darunter
zu leiden hatte, und so konnte ihm selbst die offiziose »Norddeutsche Allgemeine
Zeitung« bei seinem Hinscheiden das ehrenvolle Zeugnis ausstellen: »Der Ver-
suchung, der andere Politiker erlegen sind, die Ziele des Freihandels auf einem
dem tiefsten Geiste des Parlamentarismus zuwiderlaufenden Wege zu verwirk-
lichen, hat er widerstanden.« Bis zuletzt hielt er also fest an den politischen
Idealen seiner Jugend. —
Schon bei diesen Kampfen um den Zolltarif war R.s Befinden nicht mehr
das beste. Schon 1903 trat er im Parlamente weniger aktiv hervor, als man
es sonst von ihm gewohnt war; noch mehr war das der Fall im Jahre 1904.
Als Junggeselle hatte er sich ganz bis wenige Jahre vor seinem Ende dem politi-
schen Berufe gewidmet. Erst 1901 heiratete er, und zwar die Witwe seines
Freundes Parisius: so wurde ihm in den letzten Jahren seines Lebens ein behag-
liches Heim und in seinem bald eintretenden Leiden treue Pflege zuteih Nach
den Anstrengungen des Reichstagswahlkampfes von 1903 krankelte er sicht-
lich. Zuerst waren es rheumatische Schmerzen, die ihn peinigten; im Herbst
1904 stellte sich dann ein Augenleiden ein, das die Folge von Arterienverkalkung
mit Herzschwache war. Schon im Marz 1904 legte er die Redaktion der Frei-
sinnigen Zeitung nieder. Am 15. Juni desselben Jahres sprach er zum letzten
Male im Reichstage »wegen der Zuriicksetzung dringender Bediirfnisse der
Heimatpolitik hinter den Forderungen fur eine falsche Kolonialpolitik«, am
26. eben dieses Monats im Abgeordnetenhause; er gab dabei seiner alten, fest
eingewurzelten Abneigung gegen die indirekten Steuern Ausdruck durch die
charakteristischen Worte: »Ich bin in erster Reihe hier Vertreter der Gesamt-
heit, Vertreter der Steuerzahler und habe dieselben zu schutzen die Pflicht r
wenn ich nicht driickende, den Verbrauch gerade der minder wohlhabenden
Klassen belastende Steuern herbeifiihren will.* Seit dem Sommer 1904 konnte
er den parlamentarischen Sitzungen nicht mehr beiwohnen; zum Ende des
folgenden Jahres muBte er sich davon uberzeugen, daO eine Wiederaufnahme
der parlamentarischen Tatigkeit vordcrhand unmoglich sei; daher legte er
am I. Dezember 1905 sein Landtagsmandat nieder. Noch iiberwand er cine
Lungenaffektion, die ihn befiel; als er schliefilich am 10. Marz 1906 verschied,
war es fiir ihn eine Erlosung von schwerer Qual.
Umfassende Kenntnisse, ungewohnliche Redegabe, rastlose Arbeitskraft r
eiserne und furchtlose Energie und Selbstlosigkeit des Charakters, — das waren
die Vorziige, die Freund und Feind dem Heimgegangenen neidlos zugestanden.
Er war der beste Kenner der Reichs- und Staatsfinanzen durch viele Jahrzehnte
hindurch, nicht minder des Verfassungs- und Verwaltungsrechts im Kreise der
praktischen Politiker, ein Kritiker ersten Ranges von scharfer und zersetzender
302
Richter.
Verstandeskraft; Ulusionen und Phantastereien konnten vor ihm nicht bestehen.
Als standiger Etatsredner verkorperte er gleichsam die finanzgeschichtliche
Tradition in den Parlamenten. Niemand wuflte in alien Winkeln und Ecken
des komplizierten Etats so trefflich Bescheid wie er; immer wieder gluckte es
ihm, ein verstecktes Postchen hervorzuholen und in seiner wahren Bedeutung
zu entschleiern, das Verhaltnis von Einnahme und Ausgabe zu uberschauen und
zu bestimmen; die trockenen Zahlen gewannen unter seinen Handen, durch
seine Gruppierung Leben und Sprache. Er war ein geborener Volksredner
und Agitator, von imposanter Erscheinung und hinreiflender Beredsamkeit,
der die Massen zu packen wuflte, ein schlagfertiger Debatter, der durch seinen
drastischen Witz das Haus in schallende Heiterkeit zu versetzen verstand. Im
personlichen Verkehr jovial und liebenswurdig, wenn er wollte, hielt er schon
durch die Wucht und die Oberlegenheit seines personlichen Wesens die Partei-
genossen von sich in Abhangigkeit; dazu kam das konsequente Festhalten an
der Doktrin, um sein Obergewicht zu befestigen. »Er hatte einen Nacken, der
sich nie in ein Joch spannen liefl,« — so sagte Conrad Hauflmann von ihm;
vielmehr war es eher seine Art, andern sein Joch aufzulegen. An Ungebrochen-
heit und machtvoller Willensenergie war er in gewissem Sinne ein Gegenstiick
zu seinem groflen Gegner Bismarck, »dem er auch an agitatorischer Verve
gleichkam*. Mit alien Waffen des beiflendsten Hohnes, verletzendster Scharfe
und aufierster Rucksichtslosigkeit bekampfte er seine politischen Feinde; Ver-
dienste und Grofle galten ihm nichts im Kampfe; wohl wurde daher auch schwer-
lich jemand so von seinen politischen Widersachern gehaflt wie er.
Das Urteil uber R.s politische Gesamtleistung wird naturlich ein ver-
schiedenes sein, je nach dem politischen Standpunkte des Betrachters. Vischer
hat einmal uber R. gesagt: »Aus R.s Munde ist noch nie irgend ein hohes,
schwungvolles, bedeutendes Wort uber den Staat und die Staatsburgerpflicht
hervorgegangen.« Aber selbst ein langjahriger Gegner, wie Kardorff, hat ihm
doch in einem Nachrufe das Zeugnis gegeben: »Eugen R. war eine knorrige
Eiche; ich wlinschte, wir hatten deren in alien Parteien mehr — oft unwirsch
in seinem Gebahren, aber von einer Charakterfestigkeit, wie man sie alien
Parteifuhrern wiinschen mochte; und er liebte sein preuflisches und deutsches
Vaterland.« Wer das wahre Ziel der inneren Politik in einer moglichst konse-
quenten Ausgestaltung des parlamentarischen Systems, sowie in einer moglichst
individualistischen Ausgestaltung der Gesellschafts- und Wirtschaftsverfassung
erblickt, der wird in R. den unbeugsamen Vorkampfer gegen die Staatsomnipo-
tenz, fur die Freiheit des Individuums zur ungehinderten Betatigung seiner
Kraf te und Anlagen bewundern, und gewifl war der staatsfliichtige, den sozialen
Problemen kuhl gegenuberstehende Zug des alteren Liberalismus gerade bei R.
in besonderer Scharfe ausgepragt Ein Zusammengehen mit Mannern von der
politischen Vergangenheit eines Naumann und Gerlach war fur ihn unmoglich.
Er selbst hat auch nie das Bewufltsein gehabt, dafl er prinzipielle Opposition,
eine strikt negative Politik treibe. Gewifl war es seine voile Uberzeugung,
wenn er auf dem GOrlitzer Parteitage von 1900 erkl&rte: »Wenn man zu einer
Frage parlamentarisch Stellung nimmt, so mufl man sich immer sagen: Wiirdest
du diese Stellung auch einnehmen, wenn du die Mehrheit hattest und dein Votum
fiir den Beschlufl des Reichstages ausschlaggebend ware ? Wer anders handelt,
der handelt unehrlich,« — nicht minder, wenn er bei der Beratung der Zucker-
Richter.
303
konvention im Reichstage bemerkte: »Ich scheue mich wahrhaftig nicht, der
Regierung gegeniiber in die scharfste Opposition zu treten; aber ich halte es fur
loyal, wenn die Regierung wirklich einmal einen so grofien Erfolg erzielt, einen
Fortschritt erreicht, ihr riickhaltslos zuzustimmen und keinen Kniippel zwischen
die Beine zu werfen.« Die Doktrin, die ihm von Jugend auf eingepflanzt war,
war freilich fiir ihn der einzige Priifstein des »Fortschrittes«, und vor diesem
Mafistabe bestanden eben nur sehr wenige »Erfolge«, welche die Staatsleitung
erzielt zu haben vermeinte. Und gewifl stimmte er, auch wenn er sich in der
Opposition befand, nie anders, wie wenn er die Mehrheit zu fuhren in der Lage
gewesen ware, und er wurde ganz ebenso im wesentlichen sogar gehandelt haben,
wenn sich das parlamentarische System in Preufien und Deutschland insoweit
jemals eingeburgert hatte, daB er zur Regierung gelangt ware, — man darf
nur zweifeln, ob er Mehrheit und damit auch Regierung, ware er je zu ihnen
gelangt, lange behalten hatte.
Aber dem sei, wie dem wolle; die Aussicht, zur Macht zu gelangen, war fiir
ihn, wenn jemals vorhanden, so doch nur eine schwache und schnell voruber-
gehende. Schon deshalb sah er sich zur Rolle der Opposition gezwungen, indem
er alle Aktionen der Regierung an der Norm seiner Theorie zu messen unter-
nahm, wobei ihm dann das wenigste akzeptabel erscheinen konnte. Aber wer
wollte leugnen, daB er dabei haufig genug gute Dienste geleistet hat ? Wie oft
traf seine Kritik das Richtige; wie berechtigt war seine Abwehr so mancher
Aufierlichkeiten und Auswiichse! Waren seine Ausfuhrungen auch nicht immer
geeignet, die Sache positiv zu fordern, so waren sie doch lehrreich, selbst fiir die
Gegner; denn er erspahte in ihren Vorschlagen und Projekten mit scharf durch-
dringendem Blicke die Schwachen und bedenklichen Punkte, die der praktischen
Durchfuhrung im Wege stehen konnten, so dafi noch zur rechten Zeit Ergan-
zungen und Verbesserungen moglich wurden. Wenn das Tempo der Entwick-
lung ein allzu rasches und stiirmisches war, da griff er wohl dem rollenden Rade
in die Speichen, so dafl der Gang der Dinge mit Bedacht und Vorsicht verlang-
samt wurde. Und wer eine der Hauptaufgaben parlamentarischer Institutionen
in der Kontrolle der Verwaltung crblickt, der wird Eugen R.s Wert fur die
politische Entwickiung des neuen Deutschlands nicht unterschatzen. Die
Handhabung der parlamentarischen Verwaltungskontrolle war das Haupt-
verdienst seiner politischen Tatigkeit; stets war er dabei sachlich vorzuglich
unterrichtet, wobei ihm sein enormes Gedachtnis ausnehmend zustatten kam;
kaum ist sie wohl in einem andern Parlamente der Welt so ausgiebig und
wirksam ausgeubt worden wie in PreuBen und Deutschland durch Eugen R.
Bewunderungswiirdig ist vor allem die stille Arbeit, die R. als Parlamentarier
geleistet hat. Sie kommt in seinen Reden und den offiziellen Berichten nicht zur
Geltung; sie ist nur auffindbar in den Kommissionsverhandlungen und in deren
Protokollen. Sie aber hat einen ganz hervorragenden Einflufi auf die Gestaltung
des jahrlichen Budgets ausgeubt, der seinen Ausdruck durch Umgestaltung,
insbesondere Spezialisierung der Titel und »maBgebende Bemerkungen« ge-
funden hat. Jedenfalls ist er eine der markantesten Gestalten in der inneren
Geschichte des neu geeinten Deutschlands, und als der unermudlichste und
konsequenteste Vertreter und Vorkampfer der liberalen Gedanken stellt er in
sich dar eine Art von Gegenstiick und Erganzung zu dem, den er sein Leben
lang so leidenschaftlich bekampft hat, zu Bismarck, in dem der realpolitische
304
Richter. Hartel.
Genius, preufiisch - deutscher Machttrieb und machtigstes Staatsbewufitsein
verkorpert waren: ihnen und nicht jenen gehorte die Zeit.
Im alten Reichstage. Erinncrungen von Eugen Richter. Berlin I 1894, II 1896. —
Jugenderinnerungen. Berlin 1893. — Eugen Richter j" 10. Marz 1906. Berlin 1906. — Eine
erweiterte Bearbeitung dieses Artikels wird verdffentlicht werden.
Kiel. Felix Rachfahl.
Hartel 1 ), Wllhelm August Ritter von, Dr. phil., Ehrendoktor der Uni-
versitaten Krakau und Czernowitz und Doktor der technischen Wissenschaften
h. c, * 28. Mai 1839 in Hof in Mahren, f J 4- Januar 1907 in Wien, hervor-
ragender klassischer Philolog, osterreichischer Minister fiir Kultus und Unter-
richt. — In Hof in Mahren, einem zwischen Olmutz und Troppau gelegenen
deutschen Weberstadtchen, als einziges Kind des frtiheren Webermeisters und
sp&teren stadtischen Rechnungsfiihrers Johann H. und seiner Frau Josepha,
Tochter eines aus Rottweil am Neckar stammenden osterreichischen Offiziers
namens Ef finger, der die Freiheitskriege mitgemacht und dann als Tabak-
verleger nach Hof gekommen und dort ^855 gestorben war, geboren, verbrachte
H. seine Kinderjahre im Elternhause, wo ihm eine zartliche Mutter alle Sorg-
fait der Erziehung zuteil werden liefi. Er erhielt den ersten Unterricht in den
Gegenstanden der Volksschule daheim (die Priifung als Privatist legte er mit
»vorzuglich gutem« Erfolg an der Piaristen-Hauptschule zu Altwasser ab) und
machte die erste Gymnasialklasse unter Leitung des Kooperators Josef Mo-
r a w e t z , der dem jungen H. jedes Talent absprach und dem Vater riet, ihn
nicht studieren zu lassen. Der Vater scheint jedoch dem Pfarrer, dessen Urteil
ubrigens im Widerspruch stand mit den sehr guten Zeugnissen uber die
Privatisten-Priifungen des Knaben, nicht besonders viel vertraut zu haben, denn
er schickt seinen Sohn im Herbst 1852 an das Gymnasium in Troppau. Vom
Herbst 1855 an besuchte H., hauptsachlich veranlafit durch seinen trefflichen da-
hin versetzten Lehrer Carl Holzinger (spater Direktor in G6rz), das Kleinseitner
Gymnasium in Prag, wo eine Zeitlang sein spaterer Wiener Kollege Carl SchenkI
sein Lehrer im Griechischen war. Als dieser Herbst 1857 an die Universitat
Innsbruck abging, widmete ihm H. — es war dies sein erster literarischer
Versuch — einen begeisterten Abschiedsartikel in der ^Bohemia*. Im Sep-
tember 1859 bestand H. mit Auszeichnung die Maturitatspriifung und bezog
bald darauf die Wiener Universitat, um sich hier dem Studium der klassischen
Philologie zu widmen. Der Umstand, dafl H. schon in jungen Jahren seiner
Ausbildung wegen in der Fremde weilte, bietet durch die noch erhaltenen Briefe
an seine Eltern, spater (nach dem Tode der Mutter, 1855) an den Vater, die
Moglichkeit, einerseits die wenigen Angaben, die er selbst in einer kurzen 1882
geschriebenen autobiographischen Skizze liber seine Eltern und seinen Bildungs-
gang macht, zu erganzen, andererseits im werdenden Menschen den kiinftigen
Mann zu erkennen; sie bieten aber auch manches interessante Detail fiir die
Zeitgeschichte. Den Vater lernt man aus diesen Briefen als einen iiberaus
bildungsbeflissenen Mann kennen, der, wie er selbst auf groBen Reisen die Welt
kennen gelernt und seinen Blick uber die engen Verhaltnisse seiner Heimat
und seines bescheidenen Wirkungskreises geweitet hatte, diesen Wandertriet>
*) Totenliste 1907 Band XII 34*
Hartel.
305
und dieses Streben nach Weiterbildung in die empfangliche Seele seines Kindes
gesenkt hatte. Die peinliche Genauigkeit des Rechnungsbeamten ubertrug
sich auch auf den Sohn, der diesen Sinn in seinen Briefen stets verrat, sich
allerdings — und das ist bezeichnend — gelegentlich dafur auf Goethfr als
bedeutendes Muster beruft.
Wenn auch nicht gerade in armlichen, so lebte die Familie doch in be-
scheidenen Verhaltnissen. Johann H. besaB ein kleines Hauschen in Hof,
was den Sohn einmal veranlaflt, seinen Brief an J. H., Hausbesitzer in Hof,
zu adressieren. Schon als Knabe lernte H. seine Sachen sorgsam schonen, und
die Briefe veranschaulichen alle die kleinen und grofien Sorgen des Gymna-
siasten und Studenten in der Fremde, der auch schon in jungen Jahren ge-
notigt war, durch Erteilen von Privatunterricht — bis auf einen mafligen Zu-
schuC vom Hause — sich selbst zu erhalten. Wie knapp es oft bei ihm be-
stellt war, zeigen die Briefe ebensosehr wie den schon fruh entwickelten Hang
zu witzigen Wendungen. So unterschrieb er einen der ersten Briefe als »Ihr
sie liebender Sohn W. H., Baron von Schuldenheim, Ritter von Habenichts«,
einem anderen (12. 12. 52) fligt er die Nachschrift bei: »die geschickte Wurst
hat Sonntag fruh samt letzten Kuchen vortreffliche Dienste geleistet. Mochten
die Hofer manchmal dergleichen Wurste entbehren, so wird es mir grofie Freude
machen und ich werde ihnen eine Residenz im Inneren verschaffen«; der
kiinftige Professor der klassischen Philologie bekennt am 13. 5. 54 »Graeca
ist jetzt einer der schwersten Gegenstande, weil jeder Buchstabe eine
neue Lautveranderung bewirkt, diese Lautveranderung eine Krasis, Krasis
Methatesis (so!), Methatesis Synizesis usw. usw. a tak dale xal xa Xoura
et cetera«. Die Annehmlichkeiten des »Hauslehrers« lernt er fruh kennen,
zuerst als Lehrer des verzogenen Sohnchens der Familie, bei der ihn der Vater
in Troppau untergebracht hatte, und kostlich ist die von scharfer Beobachtungs-
gabe zeugende Schilderung, die er von den Eltern und dem Zogling entwirft.
Schon fruh verrat er einen ausgesprochenen padagogischen Takt und ein vor-
zugliches Lehrtalent, Gaben, die ihm spater so erfolgreich zu Gebote standen.
Dadurch, dafi er so genotigt war, einen Teil seiner Zeit anderen zu widmen,
muflte er um so peinlicher mit ihr haushalten, und schon fruh gewohnte er sich
daran, die Nacht- und Morgenstunden fur seine eigenen Arbeiten und seine
Fortbildung zu verwenden.
Viel ist in diesen Briefen von Blicherkaufen fur sich und den Vater die
Rede. Wir sehen H. schon friihzeitig darauf bedacht, durch Selbststudium
sein Wissen zu erganzen und zu mehren. So nimmt er bohmischen und italie-
nischen Sprachunterricht — Franzosisch lernt er selbst, nimmt jedoch spater,
um seine Aussprache zu verbessern, einige Stunden bei einem Franzosen —
Turnunterricht, um seinen Korper zu stahlen, wozu dann Schwimmen kommt,
pflegt eifrig den Gesang — er singt in Schulerkonzerten auch gelegentlich Solo;
als Student in Wien tritt er dem akademischen Gesangverein bei, dessen tatiges
Mitglied er lange war und dessen Forderer und »alter Herr« er bis zuletzt ge-
blieben ist, spielt auch in jungeren Jahren ein Instrument, dasselbe, in dem
sein Vater eine gewisse Vollendung besafi — die Flote und freut sich, als Quar-
taner melden zu konnen, dafi er darin es bereits zu grofier Fertigkeit gebracht habe.
Neben unleugbarer Fruhreife des Urteils tritt das Bestreben hervor, nicht
nur an den kleinen Vorkommnissen, die den Knaben und den Jiingling inter-
Biogr. Jahrbuch u. Dcutsclicr Nekrolog. 13. Bd. 20
306
Hartel.
essieren, sondern auch an den groBen politischen Ereignissen des In- und
Auslandes Kritik zu iiben. Und noch etwas verraten diese Jugendbriefe: das
Streben nach einem gewahlten Stil, und sie zeigen im Keime den kunftigen
Mei^ter der Rede und der Schrift.
Mit inniger Verehrung hing er an der Mutter, deren friiher Tod ihn tief
betrubte, und mit um so grofierer Liebe schlofl er sich dann an den Vater an,
der erst im hohen Alter 1883 starb. Er war wirklich das, was er einmal scherzhaf t
unter seinen Namen setzt: ein Mustersohn. Schon frlih beschaftigt ihn die
Frage der Berufswahl und trotz des idealen Sinns, von dem er beseelt ist, lafit
er sich doch dabei auch von praktischen Momenten leiten. Anfangs steht er
der Philologie nicht gerade freundlich gegeniiber, sein wahres Interesse gehort
der Philosophic und der Geschichte an. Bald aber andert er seine Ansicht
uber die Philologie griindlich; der Unterricht seines Lehrers im Griechischen
Carl Schenkl, sein »besonderer Freund«, scheint diese Wandlung beeinfluflt
zu haben. Als erstes Ziel schwebt ihm wohl die Erlangung einer Lehrstelle
an einem Gymnasium vor, aber als weiteres die akademische Laufbahn. Schon
in diesen jungen Jahren hatte H. an einem Ubel zu leiden, das im spateren Alter
infolge einer hinzugetretenen Erkrankung noch starker auftrat: einem Augen-
leiden (Astigmatismus), es war ein ererbtes, auch sein Vater litt daran. Durch
dunkle Augenglaser, die er auch dem Vater empfahl, suchte er es zu mildern;
auf Rat des Augenarztes Dr. Hasner in Prag nimmt er deshalb auch Unter-
richt im Schwimmen. Ferner litt er an »periodischen« Kopfschmerzen. Um so
bemerkenswerter ist der rastlose Eifer, den er auf seine Studien verwandte.
Es war nicht Ehrgeiz im banalen Sinne des Wortes, der ihn trieb, sondern das
bewufite Streben, vorwarts zu kommen und nach den hochsten Zielen zu ringen.
Erst spat erreichte er dauernd die Stelle, die, wie er schreibt, ihm langst ge-
biihrte: die des Ersten in der Klasse. Sein FleiB und sein ganzes Wesen
erwarben ihm nicht nur Achtung und Geltung unter seinen Mitschulern,
sondern verschafften ihm auch Einladungcn in deren Familien, in denen er
dann haufig verkehrte. So kam er friih auch in adelige Kreise — zu seinen
Freunden zahlte ein junger Graf Ferdinand C h o t e k — und gewann schon
als Gymnasiast in Prag eine gewisse gesellschaftliche Gewandtheit. Auch von
seinen Lehrern wurde H. geschatzt und vielfach gefordert. Ganz besonders war
dies in Wien der Fall, wohin er im Herbst 1859 kam, um an der Universitat
klassische Philologie zu studieren. Durch seine hervorragende Begabung, seine
umfasssenden Kenntnisse und seinen groflen Fleifl zog er bald die Aufmerksam-
keit seiner Lehrer Bonitz, Emanuel Hoffmann und Vahlen auf sich, namentlich
der ersterc wandte ihm sein besonderes Interesse zu. H. nahm auch an dessen
Abendseminar (so nanntc man den B.schen Zirkel) teil und wuBte sich nach
kiirzester Zeit eine geachtete Stellung bei Kollegen und Professoren zu sichern.
B. gab ihm dafur einen sichtlichen Beweis, daB er ihn schon im ersten Semester
zum einzigen Kustos der Seminarbibliothek ernannte — eine Stelle, die die
meisten Horer des lctzten Jahres zuversichtlich erwarteten — H. erhielt sie
mit der schmeichelhaften Begrundung, »es herrsche ohnehin von ihm der Glaube,
er sei bereits im letzten Jahr«, und schon im zweiten wurde er ordentliches
Mitglied der philologischen Abteilung des philologisch-historischen Seminars.
Wie geachtet er unter den Kollegen war, ergibt sich daraus, daB er — bereits
im ersten Semester — mit an der Spitze eines studentischen Komitees stand,
Hartel.
307
das die Grundung eines Lesevereins bezweckte. H. gab hier die erste Probe
seines Organisationstalents. Er wurde zum Sekretar des neuen Vereins gewahlt,
der seine Tatigkeit mit »genialen Vortragen der Professoren (Franz) Unger und
Bonitz« (»Uber die homerische Frage«) begann. Bonitz war es auch, der ihn
von Anfang auf die akademische Laufbahn verwies.
In seinen Studien war H. durchaus nicht einseitig. AuOer klassischer Philo-
logie weist sein mir vorliegender Index auch Vorlesungen liber Sanskrit bei
Boiler, philosophische Studien. bei Robert Zimmermann, Kunstgeschichte bei
Rudolf Eitelberger, Germanistik bei Franz Pfeiffer, Geschichte bei Joseph
Aschbach und ein Kolleg bei Reinisch iiber Herodot auf Grund der Resultate
der Hieroglyphenforschung auf. Zu seinen engeren Kollegen gehorten die
Germanisten Wilhelm Scherer und Richard Heinzel, der Romanist Wendelin
Forster, der Slavist Vatroslav Jagic, der Historiker Heinrich Zeifiberg u. a.
Von besonderer Bedeutung war es fvir H., dafi er von Bonitz 1863 dem meist
in Wien wohnenden Grafen Kasimir Lanckororiski (einem Bruder des fruheren
Oberstkammerers Grafen Karl L.) als Erzieher und Begleiter seines einzigen
Sohnes Karl auf grofleren Reisen in Deutschland, Belgien, Frankreich, der
Schweiz und Italien empfohlen wurde. H. nahm, wie er in seiner Autobiographic
sagt, die Stelle an, um dadurch die Mittel zu gewinnen, sich fur eine akademische
Karrierc vorzubereiten. 1 866 war die Erziehung zu Ende, aber H. verblieb
noch weitere drei Jahre im graflichen Hause. Er begleitete auch den Grafen
Kasimir auf Reisen und gewann bald das voile Vertrauen des Grafen und der
Grafin; dem Sohn, dem er aufs innigste ergeben war — als dieser, 1869, an
Scharlach erkrankt war, hat er in dessen Zimmer geschlafen und ihn aufs Hebe-
vollste betreut — wurde er ein Freund furs Leben. Das selten innige, auf hohe
gegenseitige Wertschatzung gegnindete Freundschaftsverhaltnis, das den
kunstsinnigen und feinfiihligen Grafen Karl L. und Wilhelm H. bis zuletzt
verband, ehrt beide Manner. Fur H. bedeutete aber der Aufenthalt im graf-
lichen Hause mehr als die materielle Sicherung der momentanen Lage und die
Moglichkeit, sich die Mittel zur Vorbereitung auf die kunftige akademische
Karriere zu beschaffen. Sein Blick weitete sich, seine gesellschaftlichen Formen
wurden weltmannisch und er gewann Einblicke in Verhaltnisse, die ihm bis
dahin fremd waren. Durch den haufigen Aufenthalt in Galizien und den Verkehr
mit Polen lauterten sich die politischen Ansichten des deutschen Couleur-
studenten — H. gehorte mehr aus landsmannschaftlicher Anhanglichkeit als
aus Lust an »feuchtfrohlichem Treiben« durch zwei Jahre als Grundungsbursch
der »Silesia« an; wenn er auch gelegentlich eine Kneiperei mitmachte und an
studentischer Frohlichkeit Gefallen fand, besuchte er doch selten ein Gast-
haus, »da ich«, wie er schreibt, »nicht jeden Tag sauren Wein trinken mag
und hiesiges Bier wegen meines Kopfleidens nicht vertrage«. — andererseits
knupfte er Beziehungen, die ihm in seinen spateren Lebensstellungen zustatten
kommen und ihm, namentlich als Minister, durch die grofie Sympathie und hohe
Achtung, die er als Mensch und Gelehrter besafi, manche Schwierigkeit erleichtern
sollten.
Trotz seiner Stellung im Hause L. brachte H. seine Studien durch Prufungen
zum AbschluB und setzte seine Arbeiten mit regem Eifer fort. Zunachst wurde
er am 9. Marz 1863 nach vorziiglicher Pruf ung, iiber die er ein geradezu glanzendes
Zeugnis erhielt, fiir das Lehramt des Lateinischen und Griechischen fur das
308 Hartel.
ganze Gymnasium approbiert und erwarb dann am 1.3. 1864 nach ebenso gliick-
lich abgelegter Pruf ung den philosophischen Doktorgrad in Wien. Bald erschienen
seine ersten wissenschaf tlichen Abhandlungen in der »Zeitschrift f . d. 6st. Gymnas.«
(1864 u. 1865) — und schon diese ersten Arbeiten zeigten ihn als ebenso bedeu-
tenden Graecisten wie Latinisten. Bezeichnenderweise hat seine erste (hierin
zeigt er sich als Schiiler von Bonitz) »Untersuchungen iiber die Entstehung der
Odyssee* zum Gegenstande — wie auch seine erste in den Sitzungsberichten
der Akademie der Wissenschaften veroffentlichte Abhandlung (1871) »Home-
rische Studien* sich betitelt — wahrend die zweite, »Kritische Beitrage zu
Livius«, ihre Anregung wohl Vahlen verdankte. Wenn nun auch die akademische
Laufbahn ihm klar vor Augen stand, trat er doch furs erste in den Dienst der
Schule, und so finden wir ihn 1864 und 1865 durch drei Semester erst alsProbe-
kandidat, dann als Supplent am Wiener Akademischen Gymnasium. Durch
seine Tatigkeit gab er dem hervorragenden Schulmann Direktor Dr. Franz
Hochegger Veranlassung, ihn »als einen hoffnungsvollen Kandidaten von aus-
gezeichneter Begabung und vorzuglichem Charakter zu empfehlen*. Um seine
Absicht, sich zu habilitieren, leichter ausfiihren zu konnen, bewarb er sich am
19.9. 65 um eine erledigte Lehrers telle an dieser Anstalt, erhielt jedoch bereits am
10. 10. den Bescheid, dafl von der Besetzung Umgang genommen werde. Trotz-
dem bewarb er sich um die venia legendi fur klassische Philologie an der Wiener
Universitat. Auf Grund des Votums der Kommission, des »nach alien Seiten
hin zur volligen Zufriedenheit ausgefallenen« Kolloquiums in lateinischer Sprache
und der ebenso gut ausgearbeiteten wie vorgetragenen Probevorlesung iiber
»Romische Bearbeitungen des griechischen Dramas im 6. Jhd. der StadU
stellte das Dekanat (Dekan: Robert Zimmermann), »erfreut iiber den hoff-
nungsvollen Zuwachs an einheimischen akademischen Lehrkraften das Ansuchen
um schleunige Bestatigung, damit H. noch im ersten Semester seine Lehr-
tatigkeit beginnen konne«. »Da H. den Forderungen der Habilitierungsvor-
schrift in ausgezeichneter Weise geniigt hat«, empfahl der Unterrichtsrat dem
Staatsministerium einstimmig die Bestatigung, die am 14. Marz 1866 erfolgte.
(Das Unterrichtsministerium wurde mit dem Oktoberdiplom aufgehoben und
erst 1867 wieder errichtet.) Mit der Habilitierung verband sich fur H. auch
noch eine besondere Aufgabe. Die Seminardirektoren beantragten beim Staats-
ministerium, zu gestatten, »dafl jene mit Unterstiitzung beteiligten philologischen
Kandidaten, bei denen es sich noch um Ersatz der fehlenden Schulkenntnisse
handelt, dem Dr. H. zur Leitung und Beaufsichtigung* zugewiesen werden.
Das Ministerium erteilte die Genehmigung und bewilligte ihm eine Remuneration
von 500 fl. jahrlich. Nach den Vorschlagen H.s erhielt dann das philologische
Proseminar, das diese Aufgabe seither zu erfullen hat, eine feste Organisation.
Bald folgte eine philologische Leistung ersten Ranges: die Kais. Akademie
der Wissenschaften hatte H. fur das 1864 begonnene Corpus der lateinischen
Kirchenvater die Herausgabe der Werke des Cyprianus ubertragen, und schon
1868 liefl er den ersten der 3 Bande dieser kritischen Ausgabe (den 3. 1871}
erscheinen. Die Anerkennung seines Wirkens sollte nicht ausbleiben. Am
5. Januar 1869 wurde H. — zugleich mit dem 1867 habilitierten Theodor
Gomperz — zum a. o. Professor ernannt. In demselben Jahre grundete H.
seinen eigenen Hausstand, indem er Flora Spatzier, die Tochter einer
alten, fruher in Beraun in Bohmen, seit einem Jahrhundert in Jagerndorf in
Hartel.
309
Schlesien ansassigen Apothekerfamilie, heimfuhrte. Die beiden Mutter waren
Jugendfreundinnen, und schon in den ersten Troppauer Briefen berichtet er
von Begegnungen mit Frl. Flora und deren Mutter. Besonders wahrend der
Ferien kam er oft nach Jagerndorf und machte auch mit seinem spateren etwas
jungeren Schwager Conwall (der Vater hatte aus grofler Vorliebe fiir die scientia
amabilis seinen Kindern botanische Namen gegeben), zahlreiche Ausfluge in
die Sudeten. An Flora Spatzier fand H. eine Frau, die in ihrer edlen Einfachheit,
dabei empfanglich fiir alles Scheme, namentlich fiir gute Musik, nur ungern
aus der Stille des Hauses heraustrat und unvermerkt viel Gutes tat, ihrem Manne
eine fursorgliche Gattin, ihren Kindern eine liebevolle Mutter war. Verehrt
von alien, die sie kannten, tiefbetrauert von den Ihrigen, starb sie ein Jahr
vor H. Der Ehe entstammten drei Sohne: Karl, der erstgeborene, wirkt als
Ministerialsekretar im Ministerium fiir Kultus und Unterricht, ein zweites
Kind, namens Wilhelm, starb im Alter von 3 Jahren im Hause des GroCvaters
in Hof. Durch den sehr rasch eintretenden Tod, an dem wohl auch der Arzt
nicht ohne Schuld war, wurden die Eltern hart betroffen, und als dann wieder
ein Knabe geboren wurde, erhielt auch er den Namen Wilhelm; er wirkt als
Bezirkskommissar der schles. Landesregierung in Troppau.
Als junger Doktor gehorte H. neben Heinzel, Scherer, Ottokar Lorenz,
Moritz Thausing zu den tatigsten Mitgliedern des »historischen KrSnzchens«,
das in der »Goldenen Ente« in der SchulerstraOe zu Vortragen und Ver-
handlungen liber politische und Literaturgeschichte, Religions* und Sprach-
wissenschaft, Nationalokonomie und Soziologie, ja auch aktuelle politische
Fragen sich zusammenfand und nach Theodor Gomperz' (Essays und Er-
innerungen) Urteil mehr geleistet hat, als sein Name verspricht.
Schon die ersten Arbeiten begriindeten H.s Ruf als hervorragenden Philo-
logen und fanden die ehrendste Anerkennung der Fachgenossen : sie zeigen
die Vorziige seiner Arbeitsweise. Aufgebaut auf umfassender und tiefdringender
Gelehrsamkeit, sorgfaltig und umsichtig, originell in der Methode und Behand-
lung sind sie reich an wertvollen Anregungen fiir die weitereForschung gewesen.
Zur Zeit, da er die »Homerischen Studien« trieb und schrieb, trat er in sehr
freundschaftlichen Verkehr mit Hermann Usener. Ihr Briefwechsel trug die
AufschriftOuSTjvwpKpornJXq) und umgekehrt (Mitteilung von Theodor Gomperz).
Wie sehr sie Usener schatzte, bezeugt sein Urteil (Altgriechischer Versbau,
Bonn 1887, S. 14): »W. v. Hartel hat in seinen meisterhaften Homerischen
Untersuchungen wie andere Fragen der epischen Laut- und Verslehre, so auch
die Natur und Geschichte des Digamma mit einer gewissenhaften und ruhig
sicheren, beherrschenden Umsicht gepriift, wie sie bis dahin wohl kaum einer
Spracherscheinung zuteil geworden ist.« Und ich erinnere mich, welch hohen
Wert Adolf Kirchhoff in seinem Homer-Kolleg ihnen fiir die hohere Kritik der
homerischen Dichtungen zuerkannte. Diese bedeutenden wissenschaftlichen
Leistungen, zu denen noch eine Ausgabe des bis dahin vernachlassigten spat-
rdmischen Epitomators Eutropius (1872), einige gehaltvolle Rezensionen
und meisterhafte in der »Osterr. Monatsschrift« veroffentlichte populare Auf-
satze kamen, der immer steigende Erfolg seiner Lehrtatigkeit veranlafiten die
Fakultat schon 1872, die ErnennungH.s zum ordentlichen Professor nach einem
glanzenden Votum Vahlens, dem sich die dem Fach am nachsten stehenden Conze
und Hoffmann anschlossen, zu beantragen. Es geschah dies in der ehrendsten
3io
Hartel.
Weise. Auf Antrag Miklosichs wurde der Antrag sofort verhandelt und auf
den weiteren Antrag Stefans wurde von einer Zuweisung an eine Kommission
abgesehen und einstimmig derVorschlag am 15. Juli 1872 genehmigt. tjber
den von Minister Stremayr am 22. August unterbreiteten Vortrag wurde mit
kaiserlicher Entschliefiung vom 26. August 1872 H. zum ordentlichen Professor
ernannt. Bereits 1870 war erMitgliedderPrufungskommissionfiirdasGymnasial-
lehramt geworden und 1874 wurde er nach dem Abgange Vahlens nach Berlin
zugleich mit dem von Graz nach Wien berufenen Carl Schenkl, Direktor des philo-
logischen Seminars und Redakteur der von Bonitz, Jos. Mozart und Joh. Gabriel
Seidl begriindeten »Zeitschrift fur dieosterreichischenGymnasien*. Im Jahre 1871
erfolgte seine Wahl zum korrespondierenden, 1875 zum ordentlichen Mitglied der
Wiener Akademie der Wissenschaften. Als akademischer Lehrer wirkte H. uber-
aus anregend und erfolgreich; seine auf grofle Gebiete der lateinischen und grie-
chischen Philologie sich erstreckenden Vorlesungen und Ubungen erfreuten sich
groflen Zuspruchs. Neben Gomperz und Schenkl ist das Aufbluhen der von
Bonitz und Vahlen begriindeten philologischen Schule H.s unmittelbarem
personlichem Wirken zu danken. Eine durchaus wohlwollende Natur, war er
nicht nur jederzeit zur Forderung seiner Schuler bereit, seine immer weiter
reichenden gesellschaftlichen Beziehungen, sein stets wachsender EinfluB inner-
halb der Universitat und bei den vorgesetzten Behorden kamen hinzu. Bald
erlangte er alle akademischen Ehren: 1874/75 und 1875/76 war er Dekan der
philosophischen Fakultat, 1882 — 1885 Senator, 1890/91 Rektor der Universitat.
Seine Inaugurationsrede »t)ber Aufgaben und Ziele der klassischen Philologies,
ein Meisterstiick akademischer Beredsamkeit, verrat eine hohe Auffassung der
Philologie und eine grofizugige Wurdigung ihrer Aufgaben sowie der Pflicht des
Staates, fur den modernen Grofibetrieb der Wissenschaft Sorge zu tragen. Sein
Wohlwollen fur die studierende Jugend und sein kluger Sinn erleichterten ihm die
schwierige Aufgabe, die das Rektorat gerade an der Wiener Universitat bedeutet.
Den guten Namen, den er in Fachkreisen bereits durch seine ersten Ar-
beiten gewonnen, festigte er durch seine w T eiteren; zu ihren oben gekennzeichneten
Vorziigen kommt noch eine in H.s Wesen begnindete Eigenart: ein durchaus
moderner Zug, der ihn alle neuen Erscheinungen und dadurch angebahnten
neuen Richtungen mit grofiem Eifer erfassen liefi. Dadurch bedeuteten seine
eigenen Arbeiten nicht nur Fortschritte in der Wissenschaft, sondern waren sie
auch richtunggebend fur andere. Wie er als einer der ersten Ernst Briickes
bahnbrechende sprachphysiologische Studien und die Ergebnisse der allgemeinen
Sprachwissenschaft in seinen eigenen homerischen Untersuchungen verwertete,
so wufite er auch seine Vorlesungen iiber griechische Grammatik dadurch zu
befruchten und anschaulich zu gestalten, dafi er die Spracherscheinungen durch
die Lautphysiologie erlauterte und ihre Behandlung durch allgemeine sprach-
wissenschaftliche Erorterungen vertiefte. Den grofien Aufschwung, den die
klassische Philologie durch das gewaltige, neu zustromende Material an In-
schriften und in neuester Zeit an Papyrusfunden erfahren, hat H. nicht nur
erkannt, sondern er hat an seinem Teil daran mitgewirkt. Nicht nur, dafi er
Friedrich Ritschls Arbeiten, die von den altlateinischen Inschriften die wert-
vollsten Ergebnisse fur die Kenntnis altlateinischer Dichtung gewannen, in
seinen Arbeiten, Vorlesungen und Seminariibungen verwertete und weiterfuhrte,
hat er insbesondere die griechischen Inschriften, wohl als einer der ersten, dem
Hartcl.
311
Studium Demosthenischer Reden und des attischen Staatsrechtes nutzbar ge-
macht. In seinen »Demosthenischen Studien« (1876 und 1877) und »Studien
iiber attisches Staatsrecht und Urkundenwesen* (1879) hat er die Ergebnisse
dieser eindringlichen Untersuchungen, in denen er philologische Akribie mit
Weite des Blickes meisterhaft vereinigte, niedergelegt. Ein echt moderner
Zug liegt darin, dafi er in gliicklichster Weise analoge Einrichtungen des neueren
Parlamentarismus heranzog und dadurch das Verstandnis und die richtige
Beurteilung jener Fragen ermoglichte. Ein ehrendes Zeugnis fur H.s Arbeiten
war cs, dafl ein Gelehrter von der Bedeutung U. von Wilamowitz-Mollendorffs in
seinem in Wien 1909 gehaltenen Vortrag »Das Griechentum als lebendige Kraft*
bekannte, »dafl mir Demosthenes lebendig wurde, das verdanke ich zuerst
Hartel; bei ihm fand ich die Reden als Staatsschriften, als Dokumente aktueller
Politik betrachtet. Er stellte sich die Frage: Welcher Antrag war denn ein-
gebracht worden? ja, er stellte auch die Frage nach der Geschaftsordnung:
seine Anregungen sind noch lange nicht so weit verfolgt, wie sie es verdienen.«
Mit uberraschender Schnelligkeit arbeitete er sich auch in die Papyrusstudien
ein. Zeuge davon ist, abgesehen von einer eigenen Behandlung eines fur die
Burgschaft bei offentlichen Getreidelieferungen und fur die fiskalische Ver-
waltung in Agypten aufschluflreichen griechischen Papyrus (1883), sein Fest-
vortrag »t)ber die griechischen Papyri Erzherzog Rainer« (1886), in welchem
er den unschatzbaren Wert dieser Urkunden in literarischer, sprachlicher,
geschichtlicher und rechtlicher Hinsicht meisterhaft darlegte. Schon diese
Arbeiten, besonders aber seine Leistungen auf dem Gebiete der Patristik —
aufier den Werken Cyprians edierte er auch in gleich mustergultiger Weise
die des Ennodius (1882), des Lucifer von Cagliari (1884) und des Paulinus von
Nola (1894) fur das von der Akademie herausgegebene Corpus scriptorum
ecclesiasticorutn Latinorum, in dessenLeitung er auch eingetretenwar, begriindete
sein Verfahren in einer Anzahl von »Patristischen Studien« und gab nach Auf -
zcichnungen des auf tragische Weise vorzeitig verstorbenen Gustav L 5 w e
die Bibliotheca patrum Latinorum Hispaniensis (1887, Beschreibung und Inhalts-
angabe der fur diese Literatur wichtigeren Handschriften des Escorial und
der Madrider Sammlungen) heraus — , ferner die bereits erwahnte 1872 er-
schienene Ausgabe von Eutropius' Breviarium, eine auf das ganze Gebiet der
Philologie, aber auch auf Werke, die seinem Fach fernlagen, sich erstreckende
Rezensententatigkeit legen ruhmliches Zeugnis ab fur H.s Vielseitigkeit. In
dem Bestreben, seine wissenschaftlichen Studien durch die Kenntnis der klassi-
schen Statten zu vertiefen, und urn seinem Wandertrieb, der ihn jedeGelegenheit
zu kleineren oder groBeren Reisen benutzen liefl, zu genugen, bereiste er im Winter
1874 (mit Adolf Exner) Griechenland, Agypten, Palastina, Syrien, Kleinasien
und die Turkei, im Herbst 1884 Rhodus, Pamphylien, Cilicien, Pisidien und
Karien, an den osterreichischen Forschungen daselbst, namentlich an jenen
des Graf en Lanckoronski, iiber die er auch einen Essai veroffentlichte, leb-
haften Anteil nehmend.
Gar bald war H.s wachsende Bedeutung auch in Deutschland, mit dessen
Gelehrten er friih Fuhlung genommen hatte, anerkannt worden. Dreimal
ergingen an ihn Berufungen an deutsche Universitaten: 1875 nach Halle, auf
Grund eines einhelligen Antrags des dortigen Professorenkollegiums, 1883 nach
Gottingen, 1886 nach Heidelberg. Als die glanzendste darf wohl die nach
312
Hartcl.
•Gottingen gelten; sie wurde durch das folgende, den Empf anger und den
Schreiber gleich ehrende Schreiben Friedrich A 1 1 h o f f s eingeleitet:
„Berlin W. Friedr. Wilhelmstrafle 17, den 5. Juni 1883. Hochgeehrter Hcrr Professor!
Im Auftrage des Herrn Ministers von Gofiler, meines verehrten Chefs, habe ich die Ehre, die
Anfrage an Sie zu rich ten, ob und unter welchen Bedingungen Sie geneigt sein wiirden, ciner
Berufung als ordentl. Professor der klassischen Philologie nach Gottingen Folge zu leisten
Es hat mir, offen gesagt, eine schwere Oberwindung gekostet, Sie in die Versuchung zu
bringen, Ihrer segensreichen Wirksamkeit in Osterreich zu entsagen. Wir fassen unsere Auf-
gabe vor allem so auf, dafl wir zunachst der Wissenschaft im allgemeinen, ohne alle Riicksicht
auf staatliche Grenzen, zu dienen haben. Und von diesem Standpunkte aus betrachten wir
Sie, den Fiihrer der klassischen Philologie in Osterreich, als einen unserer liebsten und besten
Mitarbeiter, obwohl wir Sie nicht als den unserigen im engeren Sinne betrachten durfen. Das
war unsere ratio dubitandi. Auf der anderen Seite aber mufite fur uns der Gesichtspunkt
entscheidend sein, einmal, dafi wir keine Gelegenheit unbenutzt lassen diirfen, einem so her-
vorragenden Vertreter und Forderer der Wissenschaft unsere aufrichtigste und herzlichste
Huldigung zu bezeugen; und zum zweiten, dafl wir unserer lieben Universitat Gottingen das
Beste wunschen miissen, was wir fur sie erlangen konnen. Nun wissen Sie, hochgeehrter Hen-
Professor, wie wir zu der Sache stehen. Entscheiden Sie, wie ich hoffe, fur uns, so werden
wir die Entschlieflung als einen der hocherfreulichsten Erfolge der preufi. Unterrichtsver-
waltung begruflen und, was ich nur im Vorbeigehen bemerke, den Rahmen, den die offizielle
Anfrage noch offenlaflt, tunlichst nach Ihren Wunschen ausfiillen. Entscheiden Sie fur Ihren
bisherigen Wirkungskreis, so sind wir weit entfernt, Ihnen das zu verdenken, und werden viel-
mehr auch dann fortfahren, mit grofitem Stolz und mit den warmsten Wunschen des Manncs
zu gedenken, der, wie kein anderer, der Sache der Altertumswissenschaft in dem groBen Nach-
barstaate dient.
Zum Schlufi erlaube ich mir noch, Ihnen die herzlichsten GruBe Ihres alten Freundes
und, irre ich nicht, auch Lehrers Bonitz zu ubermitteln.
Mit vorzuglicher Hochachtung Ihr ganz ergebenster A 1 1 h o f f.
Aus dem SchluB des Briefes darf man wohl vermuten, dafl Bonitz es war,
der auch diesmal sein Interesse fur H. bekundet hatte,
Dafl man in Osterreich alles aufbot, eine nicht nur als akademischer Lehrer
und Gelehrter, sondern auch fur das Mittelschulwesen gleich wertvolle, ja
unentbehrliche Kraft zu erhalten, wird man ebenso begreifen, wie dafl H. trotz
aller Lockungen es vorzog, in der Heimat zu wirken. Und es fehlte auch H.
nicht an Ehrungen. Nachdem er schon 1882 den Orden der eisernen Krone
III. Kl. erhalten hatte, wurde er bald darauf in den Ritterstand erhoben; 1886
erhielt er den Hofratstitel; in seinem Rektoratsjahr wurde er am 2. April 1891
in das Herrenhaus berufen; er schlofi sich der Verfassungspartei an und »gewann,
wie uberall, wo er seine ungewohnliche Verstandesscharfe, Energie und Prompt-
heit betatigen konnte«, auch hier bald 'Ansehen und Einflufl, so dafi er auch
Mitglied der Parteileitung geworden ist.
Die philologische Wissenschaft hat H. nicht nur als Lehrer, sondern auch
dadurch sehr gefordert, dafl er mit Schenkl die »Wiener Studien* als eigenes
philologisches Fachorgan, und zur Aufnahme der besten philologischen Doktor-
arbeiten die »Dissertationes philologae Vindobonenses« , ins Leben rief. Dafl er
in den ersteren selbst eine Reihe trefflicher Aufsatze veroffentlichte und an den
von ihm publizierten Dissertationen seiner Schiller manchen wesentlichen
Anteil hatte, braucht kaum erst gesagt zu werden.
Jederzeit bestrebt, den Zusammenhang zwischen Deutschland und Oster-
reich auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Schule zu erhalten und ihn wo-
Hartel.
313
moglich enger zu kniipfen, besuchte er selbst ofter die »Versammlungen deut-
scher Philologen und Schulmanner« und setzte sich auch dafiir ein, daB die Zahl
der Osterreicher in diesen Versammlungen immer groBer wurde. Dadurch wurde
die Voraussetzung dafiir geschaffen, die deutschen Philologen und Schulmanner
wieder einmal nach Osterreich einzuladen. So fand zum drittenmal in Oster-
reich uberhau'pt, zum zweitenmal in Wien, in der Pfingstwoche 1893 die Ver-
sammlung, es war die 42., statt, und daB sie einen in der Geschichte dieser
Wanderversammlungen so denkwiirdigen glanzenden Verlauf nahm, dankte sie
in erster Linie dem organisatorischen Geschick ihres ersten Prasidenten,
Wilhelm von H.s. Mit groBer Umsicht wurden die Vorbereitungen getroffen,
und der ganze Verlauf brachte Osterreich und den Veranstaltern, aber auch
den Gasten aus nah und fern groBe Ehren. DaB es H. gelang, die Versammlung
so ruhmreich zu gestalten, dankte er der Forderung und Einsicht des damaligen
Unterrichtsministers Freiherrn von Gautsch, der die Philologen und Schul-
manner nicht nur selbst im Palais des Unterrichtsministeriums empfing, sondern
ihnen auch einen Empfang in der alten Kaiserburg durch den Kaiser erwirkte.
Aber nicht nur durch die geselligen Veranstaltungen, sondern auch durch die
Fiille und Gediegenheit der wissenschaftlichen Widmungen und Vortrage, die
Osterreich auf der Hohe seiner Leistungsfahigkeit zeigten, lieBen den Ausspruch
Oskar Jagers »es gibt nur eine Kaiserstadt und eine 42. Versammlung deut-
scher Schulmanner und Philologen« nicht unberechtigt erscheinen. H.s Ver-
dienste und seine Stellung in der Wissenschaft (war er ja damals schon wirk-
liches Mitglied des deutschen Archaologischen Instituts, korrespondierendes
Mitglied der preuflischen und bayerischen Akademie — spater wurde er noch
Ehrenmitglied der Gottinger Gesellschaft der Wissenschaften — , der Real
accademia de la historia in Madrid, Ehrenmitglied der ungarischen philologischen
Gesellschaft) wurden durch die bald darauf (11. November 1893) erfolgende
Verleihung des osterreich -ungarischen Ehrenzeichens fiir Kunst und Wissen-
schaften — des wissenschaftlichen goldenen VlieBes, wie Billroth gelegentlich
sagte — anerkannt.
Schon durch seine Wirksamkeit als Universitatsprofessor und als Mitglied
der Priifungskommission fiir das Lehramt an Gymnasien (seit 1870), hatte H.
fruhzeitig auf die Heranbildung eines tuchtigen Lehrernachwuchses einwirken
konnen. Aber auch auf die Verwaltung und Organisation gewann er immer
groBeren EinfluB. 1883 — 91 gehorte er als Beisitzer dem niederosterreichischen
Landesschulrate an, 1882 war er in besonders hervorragender Weise an einer
vom Minister Baron Conrad veranstalteten Gymnasial-Konferenz im Unter-
richtsministerium tatig, als deren wesentliches Ergebnis die von ihm beantragte
und auf Grund eines von ihm erstatteten eingehenden Gutachtens durchgefiihrte
Revision und Erganzung der dem Exner-Bonitzschen Organisationsentwurfe
von 1849 beigegebenen Instruktionen fur den gymnasialen Unterricht bezeichnet
werden darf. Er selbst legte am 9. April 1884 einen Entwurf der neuen In-
struktionen fiir den Unterricht in den klassischen Sprachen am Gymnasium
mit einer Einbegleitung vor und erlauterte die dabei befolgten Grundsatzc
Seine innige Vertrautheit mit dem Gegenstande und seine als Redakteur der
Gymnasialzeitschrift gewonnene Personenkenntnis liefi ihn die richtige Wahl
seiner Mitarbeiter treffen. Auch seiner Anregung, die Neubearbeitung auf
alle Gegenstande des Gymnasialunterrichts auszudehnen, wurde entsprochen
314
Hartel.
und so kam ein Werk — die neuen Instruktionen von 1884 — zustande, das
im In- und Auslande grofie Anerkennung fand. Uber seine Initiative erfolgte
auch die Sammlung der bestehenden Normalien. Wie in diesem Falle wurde
H. auch spater — namentlich vom Unterrichtsminister Gautsch — vielfach zur
Mitwirkung bei Mafinahmen der Unterrichtsverwaltung herangezogen und er
erwarb sich durch seine in den wichtigsten Fragen abgegebenen, ebenso ein-
gehenden wie sachlichen Gutachten wesentliche Verdienste. Er hat aber auch
der Schule unmittelbar einen grofien Dienst.erwiesen, indem er die fur ihre Zeit
vortreffliche »Griechische Schulgrammatik« von Georg Curtius zeitgemafi urn-
arbeitete. Diese Arbeit zwang ihn zu einer ihm sehr unliebsamen literarischen
Fehde mit Kaegi, einem Schweizer Philologen und Verfasser einer Konkurrenz-
Grammatik, die H. vornehm fiihrte und die die Vorzuge seiner Bearbeitung
in helleres Licht ruckte.
Seine Tatigkeit als akademischer Lehrer erfuhr eine Einschrankung, als
er am 19. Januar 1 891 — auf Empfehlung des Unterrichtsministers Freiherrn
von Gautsch — zum Direktor der Hofbibliothek ernannt wurde. Damit
eroffnete sich H. ein neues Feld der Tatigkeit, auf dem er in Ehren bestand.
War er auch Dilettant in den Fragen der eigentlichen Bibliothekstechnik und
-Verwaltung, so hatte er doch den Fragen des Bibliothekswesens schon frliher
sein Augenmerk zugewendet und in seiner Wirksamkeit als Mitglied der Biblio-
theks-Kommission der Universitat Gelegenheit gehabt, manchen Einblick zu
gewinnen und manch wertvolle Anregung zu geben. Dafi ein Gelehrter von H.s
Bedeutung an der Spitze eines Instituts wie die beruhmte Bibliotheca Palatina
Caesarea an sich einen Fortschritt darstellte, liegt auf der Hand, aber H. fand
hier reichlich Gelegenheit, sein Organisationstalent und seinen uber bureau -
kratische Engherzigkeit erhabenen Blick zu betatigen. Eine Reihe von Re-
formen, die die Benutzung erleichterten — eine symbolische Handlung leitetc
sie ein: er liefi die fiir den leichten Zugang zu hoch sitzenden Klinken niedriger
setzen — , einige wesentliche bibliothekarische Mafinahmen der Katalogisierung
legten Zeugnis ab von dem neuen Geist, der mit H. in das altehrwiirdige Institut
eingezogen war. Dafi er sich in seiner Gewissenhaftigkeit auch bemiihte, Ein-
blicke in das bibliothekarische Handwerk zu gewinnen, weifi Schreiber dieser
Zeilen, mit dem er manche Frage besprach, aus eigener Erfahrung. Auch den
wissenschaftlichen Pflichten des Besitzes suchte er gerecht zu werden, indem
er zwei der hervorragendsten Schatze der Sammlung weiteren Kreisen zugang-
lich machte: die beruhmte Tabula Peutingeriana wurde in einer Anzahl von
Exemplaren photographisch vervielfaltigt, und die durch ihre bildlichen Bei-
gaben ausgezeichnete Wiener Genesis gab er mit Franz Wi ckh of f, der hier
seine grundlegenden Untersuchungen Liber die Geschichte der antiken Malerei
niederlegte, wahrend er selbst den Text erlauterte, heraus. Dafi H.s Wirksam-
keit fiir die Hofbibliothek nicht noch einen grofieren Aufschwung herbeifvihrte,
hatte darin seinen Grund, dafi sie nur 5 Jahre wahrte. Am 20. Januar 1896
wurde er zum Sektionschef im Ministerium fiir Kultus und Unterricht ernannt
und damit schied er auch nach 30jahriger Tatigkeit aus der Universitat. In
der Abschiedsaudienz uberreichte ihm der Kaiserliche Besitzer unter schmeichel-
hafter Anerkennung seines Wirkens als Direktor der Hofbibliothek das Ritter-
kreuz des Leopold -Ordens. Der Abschlufi seiner 30jahrigen akademischen Lehr-
tatigkeit gab seinen Schulern, Freunden und Verehrern die willkommene Ge-
Hartel.
3'5
legenheit zu mannigfachen Ehrungen. Es wurde von der Ktinstlerhand Anton
Scharffs eine Medaille gepragt und ihm mit einer lateinischen Adresse iiber-
reicht, seine vom Bildhauer Leisek geformte Buste im Direktionszimmer des
philologischen Seminars aufgestellt, endlich, die hochste wissenschaftliche
Ehrung, ihm ein Festband, Serta Harteliana, mit 52 Aufsatzen seiner Schiiler
gewidmet. Als ich ihm meine in der »Zeitschr. f. d. ost. Gymn.« erschienene
Besprechung der Serta uberschickte, dankte er (14. Dezember 96) in herzlichen
und anerkennenden Worten und dem Bekenntnis, »nur fachten Sie dadurch die
Sehnsucht an nach dem von mir Verlassenen, vielleicht fiir immer Verlorenen«.
Und man darf es glauben, dafl den ernsten Mann, der mit alien Fasern an seinem
Beruf als Gelehrter und Lehrer hing, der jedoch ebensosehr von dem Drang beseelt
war, an groflere Auf gaben seine Kraft zu wenden, in jenen Stunden des Riickblicks
auf das bisher Erreichte die bange Sorge beschlich, ob er den neuen Aufgaben,
die er ubernommen, gewachsen sei und ob er recht daran getan habe, die Stille
der Gelehrtenstube, den schonen Beruf des Lehrers, der unmittelbar auf seine
Schiiler wirken und die Wissenschaft fordern konne, und die freie Stellung
des Direktors der Hofbibliothek mit einem Wirkungskreis zu vertauschen, der,
mit dem Getriebe der Tagespolitik zu sehr verquickt, trotz groBen aufleren
Glanzes auch viele Hemmungen in sich birgt. Diese Erwagungen hatten ihn
ja auch veranlaflt, sich den Rucktritt ins Lehramt, fiir den Fall, dafl er sich ge-
notigt sehen sollte, aus dem Ministerium wieder zu scheiden, bei Obernahme
der Sektionschefstelle auszubedingen, und es zeugt von dem hohen Werte, den
Baron Gautsch, der im Herbst 1895 ins Kabinett Badeni als Unterrichts-
minister, nStch seinem im Herbst 1893 mit Taaffe erfolgten Rucktritt, wieder
eingetreten war, darauf legte, einen Mann wie H. fiir sein Ressort zu gewinnen,
dafl er dies Zugestandnis fiir H. erwirkte.
Aber die von H. ins Auge gefafite Eventualitat trat nicht ein: sein Eintritt
in die Beamtenlaufbahn war der Beginn einer an Ehren und Erfolgen reichen
neuen Periode seines Lebens. Nachdem er vier Jahre als Sektionschef das Hoch-
und Mittelschulwesen geleitet hatte — 6. 7. 1897 wurde er durch den Orden
der Eis. Krone II. Klasse, 30. 11. 1897 durch die Wurde des Geheimen Rates
ausgezeichnet — wurde er am 2. Oktober 1899 Leiter dieses Ministeriums im
Kabinett des Graf en Clary. Als dieser am 21. 12. 1899 zuriicktrat, iibernahm
er wieder die Stelle des Sektionschef s, um am 20. I. 1900 im Ministerium Korber
als Minister an die Spitze des Ministeriums fiir Kultus und Unterricht zu treten,
und er blieb in dieser Stelle, auch als am 31. 12. 1904 nach dem Rucktritt Korbers
Freiherr von Gautsch zum zweitenmal Ministerprasident wurde, auf dessen
Wunsch bis zum 11. 9. 1905, an welchem Tage er, um dem Premier in seinen
auf die durch die politische Lage sich als notwendig erweisende Parlamentari-
sierung des Kabinetts abzielenden Absichten keine Schwierigkeiten zu machen,
aus dem Amte schied.
Die Ernennung eines Nichtjuristen, zumal eines Philologen, zum Sektions-
chef und nun gar zum Minister darf als besonders bemerkenswert, bezeichnet
werden. Es wurde damit das Dogma erschuttert, dafl nur Juristen fiir diese
hohen und hochsten Verwaltungsposten die Eignung haben, und der Wahrheit die
Ehre gegeben, dafl in einem Amt, das vorwiegend geistigeGuter zu verwaltenhat,
auch Fachmanner und insbesondere geistig bedeutende Vertreter der Wissen-
schaften zu diesen Stellungen berufen sind. Freilich mufl auch hier der Satz
3 1 6 Hartcl.
gel ten: men, not measures. Und dafi H. der Berufensten einer war, hatte er
durch seine Mitwirkung an Aktionen der Unterrichtsverwaltung gezeigt und
insbesondere dadurch bewiesen, dafi er sich in uberraschend kurzer Zeit in
die Geschafte eingearbeitet hatte und den verschiedensten Belangen des weit-
verzweigten Ressorts gewachsen war. Ja, man darf sogar feststellen, trotz
seiner Herkunft vom Lehrfach und seiner Stellung in der Wissenschaft lieB
er die Geschaftsgewandtheit und die bureaukratische Tradition des Hauses
am Minoritenplatz nicht vermissen. Daraus erklart sich auch die immerhin
auffallende Tatsache, dafi die von ihm zu erwarten gewesene Reorganisation
dieser Zentralstelle nicht eintrat und nach wie vor die Juristen nicht nur vor-
wiegen, sondern, mit einer Ausnahme, den eigentlichen Beamtenkorper bilden.
Aber er liefl doch nie die geistig bedeutende Personlichkeit von grofiem, iiber
die Grenzen des Vaterlandes hinausreichendem wissenschaftlichen Ruf vermissen,
die es gelegentlich auch verstand, die bureaukratischen Fesseln zu sprengen.
Sein vornehmer weltmannischer Sinn, sein scharfer, praktischer Verstand, sein
ausgeglichenes ruhiges Wesen, nicht zuletzt seine eingehende Kenntnis aller
Fragen des Bildungswesens, sein tiefgriindiges vielseitiges Wissen und seine grofie
Belesenheit kamen ihm in seiner neuen Stellung ebenso zustatten wie sein unver-
drossener rastloser Arbeitseifer und die Fahigkeit, rasch und unermiidlich zu
arbeiten und dabei auch den gesellschaftlichen und Reprasentationspflichten
vollauf zu geniigen. Wenn es ihm nicht gelang, alien Erwartungen zu entsprechen,
und seine Amtsfuhrung manche zeitgenossische Anfechtung erfuhr, so muC
man erstens bedenken, dafi an einen Mann wie H. eben ganz andere Anforde-
rungen gestellt wurden, und zweitens die besonderen Schwierigkeiten beruck-
sichtigen, mit denen ein Minister fur Kultus und Unterricht in Osterreich zu
kampfen hat. Das schone Wort der groflen Kaiserin Maria Theresia, mit dem
sie Ubergriffe der Kirche auf die Schule abwehrte: »Die Schule ist und bleibt
ein Politikum« hat langst im Osterreich des Nationalitatenkampfes seine ganz
andere Bedeutung gewonnen. Die Schule ist bis hinauf in ihre obersten Zweige
zum Kampfobjekt der Parteipolitik geworden, und nicht nur die politischen,
sondern auch die nationalen Parteien machen ihren Einflufi geltend. Dazu
kommen die finanziellen Schwierigkeiten. Und vor allem mufi man die Zeit-
verhaltnisse beachten, in denen H. das so wichtige und so schwierige Amt zu
verwalten hatte. Bei aller Verschiedenheit zwischen den beiden Personen gilt
auch von H., was Franz Grillparzer von Ernst von Feuchtersleben sagte: »Er
ware fur ruhige Zeiten der bestgedenkbare Unterrichtsminister gewesene;
aber die objektive, alle Momente erwagende Wiirdigung darf feststellen, dafi
H. nach dem Urteil der Besten seiner Zeit ein Minister war, der dem oster-
reichischen Unterrichtsministerium zur Ehre gereichte und viel Ersprieflliches
geschaffen hat. Wie einer seiner Mitarbeiter, der sein Wesen wohl am tiefsten
erfafit hat, mir schreibt, »war einer der groflten Vorziige H.s seine jugendlich
frische, fast begeisterungsfahige Schaffenslust. Es gibt kein Gebiet der Unter-
richtsverwaltung, das ihm nicht wertvolle Errungenschaften seiner produktiven
Kraft zu danken hatte. Jeder vernunftigen Anregung zuganglich, stets bereit
zur Initiative und erfullt von grofiziigigen Planen ging er keiner Schwierigkeit
aus dem Wege und scheute keine personliche Muhe, um seine Ziele durch zahl-
lose, oft resultatlose, doch stets erneute Besprechungen und Verhandlungen,
ja selbst durch die Hilfsquellen seiner ausgebreiteten gesellschaftlichen Be-
Hartel.
V7
ziehungen der Verwirklichung zuzufiihren. Wie in so mancher Richtung unter-
schied sich H. auch in dieser vorteilhaft von anderen Staatsmannern, deren
leitender Grundsatz in dem 'nil movere' besteht. . . H. war wohl keine Kampfes-
natur — Rucksichtslosigkeit, Hinterhaltigkeit und Gewalttatigkeit waren ihm
fremd, er war eine vornehm milde, abgeklarte, vom humanistischen Geiste
erfullte wohlwollende Personlichkeit, die aber den Kampf nicht scheute, wenn
es in so manchen Hochschulangelegenheiten und Fragen der modemen Kunst
gait, seine Oberzeugung mannhaft und wirksam zu vertreten. H. war mit
glanzenden reichen geistigen Gaben ausgestattet — eine aber ihm versagt:
Menschenkenntnis. Er selbst erkannte diesen Mangel an und beklagte
es tief, wenn sein Vertrauen einem Unwiirdigen zuteil wurde und bittere Ent-
tauschungen folgten. Der pflichtgemafle Drang nach strenger Objektivitat und
erschopfender Durchleuchtung eines Gegenstandes verleitete ihn nicht selten
zur gleichwertigen Entgegennahme divergierender Meinungen, weil ihm die
grofien Differenzen der Personenwerte fremd blieben. Aber gerade an
diesem selbstgefiihlten Mangel erwuchs ihm die Aufgabe erhohter sachlicher
Information, und so gab es wohl kein Gebiet der seiner Verwaltung anver-
trauten Ressorts, das H. nicht in seinen wesentlichsten Teilen vollstandig
beherrschte*.
Aus der grofien Summe dessen, was H. als Minister geleistet und geschaffen,
kann in diesem Rahmen nur einiges hervorgehoben werden. Dafl H. das
Gymnasium nicht nur zu erhalten, sondern durch Verbesserungen zu
fordern bestrebt war, braucht kaum gesagt zu werden, aber er bewies seine
Unbefangenheit auch anderen Bildungswegen gegeniiber durch Forderung der
Realschule, durch Verbesserungen des Lehrplans und Erweiterung ihrer
Berechtigung, wie er denn auch bei feierlichem Anlafi ihre Gleichwertigkeit
mit dem Gymnasium verkiindete, und es verdient besonders bemerkt zu werden,
dafl gerade der Altphilologe H. es war, der den Technischen Hochschulen seine
besondere Fiirsorge angedeihen liefi, indem er nicht nur fur ihre Ausgestaltung
in jeder Hinsicht sorgte (es sei hier besonders das Musterinstitut fur Elektro-
technik erwahnt), sondern ihnen das so lange angestrebte Doktorat und eine
Rangerhohung ftir die Hochschule fur Bodenkultur erwirkte. Durch Reformen
im hoheren Madchenbildungswesen und Erweiterung der Frauenberufe durch
Zulassung zum Universitatsstudium suchte er den Forderungen der Gegenwart
gerecht zu werden. Das gewerbliche und kommerzielle Fachschulwesen hatte
seine besondere Fiirsorge. Auch dem Volksschulunterricht wandte er sein
Interesse zu, indem der Lehrplan der Biirgerschule revidiert und ihre Erweite-
rung auf vier Klassen — freilich nur, soweit die Erhalter sie errichten wollten —
vorgesehen wurde. Hingegen verursachten das neue niederosterreichische
Schulgesetz und die neue Schul- und Unterrichtsordnung dem Minister manche
Angriffe. Durch die Schaffung des Kunstrates und die Griindung der modernen
Galerie, die Errichtung der Graveur- und Medailleurschule hat er sich um die
Kunst bleibende Verdienste erworben, nicht unerwahnt diirfen freilich auch die
Kampfe bleiben, die er wegen Bevorzugung der modernen Richtungen zu fiihren
hatte.
Am schwersten hatte H. unter den Anklagen zu leiden, die von seinen
fruheren Kollegen wegen der geringen Fiirsorge der Regierung fur die Bedurf-
nisse der ersten Universitat des Reiches, der Wiener, erhoben wurden. In
3 l8 Hartc).
zwei Denkschriften, des Senats und der philosophischen Fakultat, wurde den
Anklagen und Wunschen wirksam Ausdruck gegeben. Konnte auch H. nicht
in der kurzen Zeit das gut machen, was so lange vernachlassigt worden war,
so war er doch redlich bemuht, nach Kraften das Versaumte nachzuholen.
Abgesehen von einzelnen Instituten, die geschaffen wurden, wie das muster-
giiltige physiologische, muB hier insbesondere der Losung derKranken-
hausfrage, d. h. des Neubaues des Allgem. Krankenhauses, gedacht wer-
den, durch die H. sich dauernden Ruhm erworben hat. »Es war eine Tat«,
wie mir Sigmund Exner schreibt, »denn es handelte sich, den Gordischen Knoten
zu zerhauen, der durch die seit Jahrzehnten sich hinziehenden Verhandlungen
zwischen LandesausschuB, Gemeinde, Ministerium des Innern, Unterrichts-
ministerium und Statthalterei bezw. Krankenhausfonds geschiirzt worden war.
Nach bureaukratischer — im allgemeinen gewiB gerechtfertigter — Auf-
fassung durfte kein Schritt gemacht werden, ehe die finanzielle Durchfuhrbar-
keit und Tragweite desselben in alien Details durchgearbeitet war. Wir haben
es seitdem erfahren, dafl es uberhaupt nicht mdglich ist, diese Tragweite in jeder
Beziehung vorauszubestimmen, und daB, wenn man es unternehmen wollte,
Verhandlungen durch ein Jahrhundert gefuhrt werden miiBten, wenn alle Be-
teiligten ihre Zustimmung hatten geben sollen. Es gehorte personlicher
M u t dazu, das zu erkennen und den Kaiser zur Grundsteinlegung einzuladen,
ehe die Schwierigkeiten beseitigt, ja ehe sie allseitig durchschaut waren. Von
bureaukratischer Seite wurde ihm dieses Durchhauen des Gordischen Knotens
auch nie verziehen, und seine Generate in diesem Feldzug muBten ihre Vor-
schubleistung in diesem Verrat an dem Amtsschimmel spater schwer biiflen.
Trotzdem kann ich ruhig behaupten, wir hatten heute noch keine einzige neue
Klinik, wenn H. damals nicht unbureaukratisch gehandelt hatte. Er verdiente
einen Maria -Theresien-Orden, wenn es einen solchen fur Zivilisten gabe«.
Ubrigens sei bemerkt, daB H. fur die Medizin immer besonderes Interesse
bekundet hat. Er war mit Dumreicher (Vater und Sohn), Drasche, Fleischl,
Dr. Peters (einem in Wien in Pension lebenden ehem. russischen Leibarzt),
Schrotter, seinen Landsleuten Chrobak und Ludwig innigst befreundet und
erorterte mit ihnen gern und oft medizinische Fragcn.
DaB H. nach Tunlichkeit bemuht war, wissenschaftliche Bestrebungen
zu fordern, darf als selbstverstandlich gelten; um auch hier einiges anzufiihren,
seien die Forderung des Archaologischen Instituts und seiner Unternehmungen,
des Vereins »Carnuntum«, dessen Kuratorium er seit der Griindung angehorte,
des Corpus scriptorum de mustca und der Denkmaler der Tonkunst in Oster-
reich und seine Initiative zur Begriindung des Literarischen Vereins hervor-
gehoben.
Als Minister erhielt er 190 1 nach der Kaiserreise nach Bdhmen, auf der
er mit dem Kabinettschef den Kaiser begleitet hatte, den Orden der Eis. Krone
I. Klasse. Es fehlte ihm aber auch bei seinem Scheiden aus dem Amt nicht
an grofien Ehrungen. Mit einem uberaus warm gehaltenen kaiserlichen Hand-
schreiben wurde ihm das GroBkreuz des Leopold-Ordens verliehen, und in
der Abschiedsaudienz sagte ihm der Kaiser — wohl die groBte Anerkennung
seiner Wirksamkeit — : »Ich weiB es, mit welchem Wohlwollen und immer
im Sinne der Ausgleichung Sie Ihr Amt fiihrten. Es ist ein schweres Amt; es
vertragt keine Schroffheit, und Sie waren immer auf Ihrem Platze. Sie haben
Hartel.
3*9
immer den grofiten Takt und die grofite Gerechtigkeit entwickelt. Ich habe mit
Ihnen wirklich ausgezeichnet gearbeitet«.
Auch als Sektionschef und als Minister hatte H. an den Arbeiten der
Akademie der Wissenschaften regen Anteil genommen. Nach dem Tode Alfred
von Arneths (1899) neben Eduard Suefi, der zum Prasidenten gewahlt
worden war, zum provisorischen Vizeprasidenten gewahlt, wurde er zwar 1900
nur mit schwacher Majoritat (mit Rucksicht auf die damals unter den Univer-
sitatsprofessoren herrschende Stimmung), weiterhin jedoch, da sich die Verhalt-
nisse wieder gebessert hatten, stets wieder einstimmig indieser Stellungbestatigt.
Sowohl als Obmann der Kirchenvaterkommission, als auch als Mitglied in den
Kommissionen zur archaologischen Erforschung Kleinasiens, zur Durchfor-
schung der Balkanhalbinsel und zur Herausgabe der Bibliothekskataloge des
Mittelalters entfaltete er eine rege Tatigkeit. Insbesondere ist aber sein Anteil
an dem Zustandekommen des von den fiinf deutschen Akademien von Berlin,
Gottingen, Leipzig, Munchen und Wien begonnenen und seither eifrig fort-
gesetzten Thesaurus linguae latinae, wie Hermann D i e 1 s in seinen »Worten
der Erinnerung an Wilhelm von Hartel« darlegte, von entscheidender Be-
deutung fur dieses von der Forschung so lang ersehnte grofiangelegte Werk
der deutschen Wissenschaft gewesen. H.s Denkschrift, betreffend die Bildung
eines Verbandes wissenschaftlicher Korperschaften vom 11. Juni 1892, durch
die er Theodor Mommsens Aktion, der 1892 im Auftrage des preufiischen
Ministers nach Wien gekommen war, um die Verhandlungen mit der Wiener
Akademie zu beginnen, neben Suefi am meisten gefordert hat, seine tatkraftige
Begeisterung fur die Sache und seine unermudliche Arbeit brachten beides
trotz mancher Schwierigkeit zustande: das Kartell der deutschen Akademien
im Sommer 1893 und die im Hause Diels' vollzogene Begriindung des Thesaurus
am 22. 10. desselben Jahrcs. Mit Diels und Bucheler trat er in die Thesaurus-
Direktion ein und versaumte auch als Minister nicht, an den jahrlichen Kon-
ferenzen in Munchen teilzunehmen. Auch der weitere Gedanke einer inter-
national Assoziation der Akademien wurde von H. gefordert und wurde
1899 in Wiesbaden zur Tat. »Die grofien Tagungen dieses gelehrten Universal -
kongresses«, der H.s Auffassung vom Grofibetrieb der Wissenschaften ver-
wirklichen half, »in Paris und London hat sein Mitbegrunder noch mit Genug-
tuung erlebt und seiner Freude daruber in einem Aufsatz in der »Deutschen
Revue« im Jahre 1905 offentlich Ausdruck verliehen, die Freude, die Mit-
glieder der Assoziation in Wien im Mai 1907 empfangen zu konnen, erlebte er
nicht mehr«. (Diels). Ihre Entstehung hat er jedoch in seinem meisterhaften
Vortrag »Ober die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit«, gehalten am
30. November 1906, bei der Mommsenfeier des »Eranos Vindobonehsts« t den
er mit begrundet hat, erortert. So reihte sich H. wiirdig dem Grofimeister
der Organisation wissenschaftlicher Arbeit Theodor M m m s e n , zu dessen
Ruhm er die Rede hielt, selbst als grofler und erfolgreicher Organisator an.
Es war das letztemal, dafi H. vor die groflc Offentlichkeit trat; eine
zweite Gelegenheit, die sich ihm dazu bieten sollte, konnte er nicht mehr erleben.
Fur den 18. Januar 1907 hatte er einen Vortrag in der Grillparzer-Gesellschaft
uber das ihm besonders am Herzen liegende Thema: »Grillparzer und die Antike«
zugesagt und den Vortrag im Manuskript schon Wochen vorher fertiggestcllt.
Den Vortrag jedoch hielt er nicht, er erschien am 15. Januar als posthume
320
Hartel.
Arbeit im Feuilleton des »Neuen Wiener Tagblattes«; am Abend des 18-
aber fand in der Grillparzer-Gesellschaft die erste Gedachtnisfeier fiir den am
14. Verstorbenen statt, bei der Ernest von K 6 r b e r die gedankentiefe und
von warmer Empfindung getragene Gedenkrede hielt. (Veroffentlicht in der
N. Fr. Presse, Morgenblatt v. 19. Januar 1907.)
Dafi H., der in seiner Jugend von zarter Gesundheit war, spater eine so
widerstandsfahige Natur hatte, dankte er den fruh geiibten und bis zuletzt
fortgesetzten korperlichen Betatigungen mannigfacher Art. Er war ein Freund
des Sports und furchtlos. Trotz seiner Beleibtheit — auf einem gedrungenen
kurzen Korper saB ein grofler ausdrucksvoller Kopf — war er sehr gelenkig;
und von elastischer Bewegung. Zu dem schon in der Schulzeit gepflegtert
Turnen und Schwimmen (bis in sein letztes Jahr gewahrte es ihm Vergnugen,
weit in die Alpenseen hinauszuschwimmen) trat spater das Reiten (als Professor
konnte man ihn oft mit Adolf Exner und Richard Heinzel ausreiten sehen)
und Fechten; Schlittschuhlaufer war er bis in die 90er Jahre, in den letzten
Jahren auch Jager; seine Jagdgenossen waren der ihm besonders befreundete
Fabrikbesitzer Ernst Mauthner, mit dem er auch oft kleine und groflere Reisen
und Ausfliige unternahm, und der Maler Pochwalski. Bis zuletzt blieb ihm
aber die Freude an der Touristik; nicht nur wahrend des Sommerurlaubs von
Altaussee aus, wo er durch viele Jahre weilte, sondern auch sonst, so oft es
irgend anging, machte er groflere oder kleinere Partien in die Bergwelt der
A 1 p e n , spater in den Wiener Wald oder in die Voralpen. Er hatte eine grofle
Orientierungsgabe und liebte es, ohne Fiihrer zu gehen. Obwohl er als Diabetiker
sich eine strenge Diat auferlegen und alljahrlich in Karlsbad und Gastein Er-
holung suchen muflte, machte er den Eindruck eines besonders kraftigen und
gesunden Menschen, der Jiingeren und Schlankeren in alien korperlichen
Ubungen uberlegen war. Durch das Zuckerleiden steigerte sich allerdings sein
Augenubel, das ihm das Arbeiten erschwerte; um so bemerkenswerter ist es,
dafl er auch als Sektionschef und Minister sich keiner Hilfe bediente und un-
ermudlich, gewohnlich, wenn nicht andere Pflichten ihn abriefen, von 9 Uhr
morgens bis 7 Uhr abends, sich nur eine kurze Mittagspause gonnend, im
Ministerium tatig war. Im November 1903 trat jedoch sein Leiden infolge
einer hinzugetretenen Entziindung plotzlich so heftig auf, dafl an seinem Auf-
kommen gezweifelt und der Eintritt der Katastrophe befiirchtet werden muflte.
Damals und wahrend seiner Rekonvaleszenz auf dem Semmering zeigte sich
besonders lebhaft die Beliebtheit, deren sich H. in alien Kreisen erfreute.
Genesen, konnte H. bald seine voile Tatigkeit wieder aufnehmen. (Auch als
er unerwartet aus dem Amte schied, weilte er einige Tage auf dem Semmering;
er war auf dem Sonnwendstein, als das Telegramm des Ministerprasidenten
kam, das ihn nach Wien berief ; es wurde ihm telephoniert, es ware eine Staats-
depesche gekommen, worauf er sofort auf den Semmering und von da nach Wien
eilte und nach der ihm gewordenen Mitteilung sein Demissionsgesuch iiber-
reichte.) Er erfreute sich dann, insbesondere in der letzten Zeit, ganz besonders
guter Gesundheit. Am 6. Januar 1907 hatte er der Leichenfeier fiir Otto Benn-
dorf angewohnt, am 9. eine Sitzung der philosophisch-historischen Klassen
mit voller Frische geleitet, am Samstag, dem 12., nahm er an einem Diner
beim Grafen Kuefstein teil, wo er sich jedoch bereits unwohl ftihlte; am 13.
Hartel.
321
sollte er bei Josef Unger speisen, statt seiner kam die Nachricht, daB er am
Abend vorher erkrankt sei. Ein heftiges Herzleiden hatte ihn befallen; am
Sonntag verschlimmerte sich sein Zustand, Atemnot trat ein, und amfolgenden
Tag, Montag, dem 14., abends nach 6 Uhr entschlief er. Herzschwache infolge
von Arteriosklerose war die Todesursache. Am 17. Januar fand unter un-
gemein starker Teilnahme das Leichenbegangnis statt; an der Seite der ihm
ein Jahr vorher im Tode vorangegangenen Frau wurde er auf dem Hitzinger
Friedhof bestattet.
Wie im Leben, wurden H. auch nach dem Tode reiche Ehren zuteil. Von
den Nachrufen in der in- und auslandischen Fach- und Tagespresse abgesehen,
sei nur an die warme und tiefempfundene Wiirdigung seines Wesens und Wirkens
durch den damaligen Unterrichtsminister Dr. Marchet und durch Graf Lanc-
koronski (erschienen in der »Neuen Freien Presse« am 15. Januar 1907) er-
innert und aus der groBen Fiille nur die ungemein ehrende Trauerkundgebung
des Kaisers angefiihrt, der >>bewegten Herzens des aufopferungsvollen und ziel-
bewuflten Eifers des der Wissenschaft geweihten Lebenslaufes, seiner hervor-
ragcnden Erfolge als Gelehrter und seiner verdienstreichen Tatigkeit auf viel-
seitigen Gebieten, der im In- und Auslande Bewundcrung und Anerkennung
gezollt wurde, gedenk't, so daB des Dahingeschiedcnen Name von unvergang-
licher Bedeutung bleibt und dem Vaterlande stets zur Ehre gereichen wird«.
Am 23. Februar fand im grofien Festsaal der Universitat eine von der Akademie
der Wissenschaften und der Universitat gemeinsam veranstaltete Gedenkfeier
statt, bei der der President der Akademie Eduard Suefi, der Rektor der Uni-
versitat Wilhelm Meyer-Liibkc eindrucksvolle Worte sprachen und der Schuler
und Nachfolger H.s auf der Lehrkanzel Edmund Hauler die gehaltvolle Gedenk-
rede hielt. Dafi der Mann, der nicht nur Lehrer und Rektor sondern auch
Wohltater der Universitat war — in seinem letzten Willen bestimmte er »den
ihm aus Kollegiengeldern und anderen Sporteln zugekommenen Betrag von
40 000 Kronen* fur eine seinen Namen tragende Stipendienstiftung an der
Wiener Universitat, deren Ertragnis solchen Studierenden auf die Dauer von
zwei Jahren verliehen werden solle, die sich dem akademischen Lehramt
widmen wollen; die philologischen Werke seiner reichen Bibliothek vermachte
er dem philologischen Seminar dieser Universitat, dem er schon fruher eine
groBe Anzahl von Schriften zugewandt hatte — im Arkadengange der Wiener
Universitat, ihrer Ruhmeshalle, seinen Platz finden werde, konnte nicht zweifel-
haft sein. Behufs Beschaffung eines wurdigen Denkmals trat bereits im Mai
1909 unter dem Presidium des Vizeprasidenten der Akademie der Wissenschaften
Eugen v. Bohm-Bawerk ein Hartel-Denkmal-Komitee, bestehend aus Freunden,
Schulern und Verehrern H.s, zusammen. So wird denn gegeniiber dem Denkmal
fiir Unterrichtsminister Leopold von Hasner jenes fur H. — beabsichtigt ist
ein sitzendes Reliefbildnis — angebracht werden zur bleibenden Erinnerung
an seine 30jahrige Wirksamkeit an dieser Alma mater. Aber eine wurdige
Denkmalfeier hat bereits gewissermaflen stattgefunden : mit der am 2. Oktober
1909 im groBen Festsaal der Universitat im AnschluB und gleichsam zum Ab-
schluB der Grazer (50.) Versammlung deutscher Philologen und Schulmanner
abgehaltenen gemeinsamen Festversammlung des Wiener »Vereins der Freunde
des humanistischen Gymnasiums«, des »Deutschen Gymnasialvcreins« und der
Berliner »Vereinigung der Freunde des humanistischen Gymnasiums*, wurde
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog". 13. Bd. 2 1
322
Hartel.
eine Gedenkfeier fur Wilhelm von H. verbunden, die einen erhebenden Ver-
lauf nahm. In einer zundenden Ansprache wurdigte der gegenwartige Minister
fur Kultus und Unterricht Graf Stiirgkh das verdienstvolle Wirken seines
Amtsvorgangers, und Hermann Diels entwarf in seinen »Worten der Erinnerung
an Wilhelm von Hartek auf Grund personlichen Verkehrs und reicher Sach-
kenntnis ein meisterhaftes Bild des geistigen Schaffens des Gelehrten und
Akademikers. Ein von dem mit der Ausflihrung betrauten Bildhauer Heinrich
Scholz herruhrender Denkmal-Entwurf war neben der Rednerkanzel aufgestellt
und hob sich wirksam von dem ihn umgebenden Pflanzenschmuck ab; zur
Huldigung fiir den Verstorbenen wurde eine Reihe schoner Kranzspenden
niedergelegt. — —
H. war auch in dem Sinne ein moderner Mensch, daB er voiles Verstandnis
fiir die Stellung der Tagespresse im Verkehrs- und Geistesleben der Gegenwart
hatte. Wie er selbst sein »journalistisches Intermezzo« hatte, wie erinseinem
schonen Gltickwunschschreiben an Ludwig Speidel (zum 70. Geburtstag) sich
ausdruckte — er hatte 1872 die Redaktion der »Schulzeitung«, der damals
gegriindeten »Deutschen Zeitung« ubernommen und eine Zeitlang gefiihrt —
so hat er oft fiir das »Neue Wiener Tagblatt« Artikel geschrieben, auch als
Minister dieses Organ als Sprachrohr seiner Ansichten benutzt und einige
feinsinnigc Aufsatze in der »Osterr. Wochenschrift fur Wissenschaf t und KunsU,
in der »Wiener Abendpost« und in der »Deutschen Revue« verofTentlicht.
Wie er fiir den offiziellen Ausstellungsbericht 1873 die Darstellung der Uni-
versitaten iibernahm, schrieb er fiir das von Friedrich Uhl 1898 redigierte
Kaiserblatt der »Concordia« ein schwungvolles Kapitel iiber die Universitaten.
Aus derselben Wurzel stammte sein Verhaltnis zur deutschen Literatur.
Trotz, ja vielmehr wegen seiner hohen und tiefen Verehrung fiir die altklassischc
Literatur, die sich auf eingehende Beschaftigung und eindringliche Kenntnis
ihres Werdegangs stutzte, hatte er nachhaltiges Interesse fur die neuere Literatur
und zwar nicht nur die deutsche sondern auch die fremdlandische. Seine
Lieblingsdichter waren Goethe und Heine, aber bei verschiedenen Gelegen-
heiten zeigte er seine innige Vertrautheit sowohl mit der klassischen als spateren
deutschen Literatur. Zum 70. Geburtstag richtete er als Minister (1902) einen
Gliickwunsch an Ferdinand von S a a r , der die Muse dieses dsterreichischen
Dichters treffend und feinsinnigkennzeichnete. Bei der Zentennarfeier fiir Johann
Gabriel Seidl, den Schopfer der osterreichischen Volkshymne, dem er bereits
1874 einen von feinem Verstandnis fiir die Art dieses liebenswiirdigen Dichters
und Schulmanns zeugenden ausfuhrlichen Nekrolog in der »Zeitschrift fiir die
osterreichischen Gymnasien« gewidmet hatte, hielt er die Festrede (n. Mai
1904), desgleichen bei der Festakademie fiir die Schuljugend aus Anlafl von
Schillers 100. Todestag am 8. Mai 1905. Als Preisrichter in den Kuratorien
der Grillparzer- und der Bauernfeld-Stiftung hatte er Gelegenheit, sich mit
den modernsten Richtungen zu beschaftigen, und zeigte auch da seine voile
Unbefangenheit und sein reges Interesse. Er verehrte Gerhart Hauptmann,
und unter seinem Vorsitz erhielt Arthur Schnitzler den Bauernfeldpreis. (Eine
deshalb im Abgeordnetenhaus von den Christlich-Sozialen eingebrachte Inter-
pellation — im heutigen Osterreich ist eben alles, auch das Verteilen von
Literaturpreisen, Gegenstand parteipolitischer Kritik — beantwortete er kurz
und biindig, aber korrekt und ruckhaltlos mit den Worten: tunter meiner
Hartcl.
323
Teilnahme erhielten Gerechte und Sunder, Christen und Juden, Auslander und
Inlander die Auszeichnung, da nach dem Stiftbrief nicht der Taufschein, sondern
die literarischen Leistungen mafigebend sind«.) Als Vorstandsmitglied, spater
Obmann und Ehrenmitglied des Wiener Goethe -Vereins, als Vorstandsmitglied
der Grillparzer-Gesellschaft, endlich als Begriinder und Ehrenprasident des
Literarischen Vereins in Wien, dessen Aufgabe a) die Herausgabe von Hand-
schriften und alien vorkommenden Druckwerken deutscher, insbesondere
deutsch-osterreichischer Dichter und Schriftsteller (Der erste Band (1904) der
»Schriften des literarischen Vereines« ist dem Ehrenprasidenten gewidmet: er
enthalt die von Anton Sauer herausgegebenen »Gesprache Grillparzers«), b)
die Errichtung eines Literaturarchivs zur Aufnahme und Benutzung von Hand-
schriften, Briefen und Dokumenten deutscher, insbesondere deutsch-oster-
reichischer Schriftsteller ist — in der unter seinem Vorsitz im Empfangssaal
des Unterrichtsministeriums am Palmsonntag (5. April) 1903 abgehaltenen
konstituierenden Versammlung erorterte er das Programm in einer gehaltvollen
Rede, in der er auf das Goethe-Schillcr-Archiv in Weimar als Muster hinwies — ,
wirkte er verdienstvoll im Interesse der deutschen, insbesondere der vater-
landischen Literatur.
Seine Stellung zur Kunst zeigt dieselbe Unbefangenheit wie jene zur
Literatur. Ein groCer Schatzer der Alten war er auch voll Empfanglichkeit
fiir die modernen Richtungen im Kunstleben und hielt es als Minister fur seine
Pflicht, die Freiheit des kunstlerischen Schaffens zu wahrcn und dem Neuen
Raum zur Betatigung zu geben, ,wie er dies in einer programmatischen Rede
»Uber Wesen und Aufgabe der Akademie« bei der Preisverteilung in der Aka-
demie der bildenden Kunste 1899 und in einer Interpellationsbeantwortung im
Abgeordnetenhaus (aus Anlafi der vielumstrittenen Ernennung des Kammer-
medailleurs Rudolf Marschall zum Akademieprofessor) am 9. Dezember 1904
darlegte. Gern forderte er deshalb junge aufstrebende Talente. Diesem Zweck
dienten kleine Ausstellungen, die er zeitweilig in den ihm zur Verfiigung
stehenden, von ihm nicht benutzten Prachtraumen des Ministeriums ver-
anstaltete, und es gewahrte ihm groOe Freude, wenn Bilder oder Plastiken
von Anfangern, zu ihrer Unterstiitzung und Ermunterung, im Kreise seiner
Freunde und Verehrer gekauft wurden. In den Fachschulen wurde unter ihm
das Zeichnen nach der Natur eingefuhrt. Besonders erfolgreich war die von
ihm veranlaflte erste Ausstellung samtlicher Fachschulen im Museum fiir Kunst
und Industrie und durch ihre Anregung hat er das Kunstgewerbe und die mit
ihm zusammenhangenden Industrien bedeutend gefordert. Die Ausstellung
der von Gustav Klimt fiir die Universitat gemalten Deckenbilder weckten
starken Widerspruch, die offentliche Meinung lehnte sie ab und die Universitat
protestierte gegen die Annahme; die Vorwurfe, die deshalb gegen H. erhoben
wurden, waren jedoch insofern unberechtigt, als er sie nicht bestellt hatte,
sondern sein Vorganger im Amt. Auch fur die Ausschreitungen der Sezession
konnte er nicht verantwortlich gemacht werden. Er sagte oft, wenn er ein
privater Mazen ware, wiirde er nicht eines dieser Bilder in seine Sammlung
geben, als Minister habe er aber die Pflicht, auftretende neue Richtungen nicht
im Keime gewaltsam zu ersticken. Sonst kame man in der Kunst niemals aus
der Nachahmung der Alten heraus. Personlich nahe standen ihm die Maler
Eisenmenger und Ludwig Hans Fischer, Malczewski, mit dem er in Kleinasien —
21*
3^4
Hartcl.
gemeinsam mit dem Grafen Lanckoronski — gereist war und besonders Poch-
walski, der sein treffliches Bild fiir die Portratgalerie des Unterrichtsministeriums
gemalt hat, Max Klinger und die russische Bildhauerin Feodorowna Ries, die eine
Marmorbiiste H.s schuf. Dem tiichtigen David Kohn, der auch den Erzherzog
Rainer gemalt hatte, safi er zu einem Bilde in Rotelmanier.
Als R e d n e r hatte H. seine eigene Note. Obwohl ihm die aufieren Mittel
zu einem ziindenden Redner fehlten — er hatte weder eine weittragende
Stimme noch eine besonders lebhafte Sprechweise, als Professor wirkte er auch
mehr in den kleineren Kollegien und im Seminar, wahrend er in den groflen
Vorlesungen durch seine leise und monotone Redeweise (wenigstens war es so
zu meiner Studienzeit in der alten Universitat) nur die naherSitzenden fesselte— f
so war er doch auch als Redner von grofier Wirkung, die er allerdings der feinen
Form und dem inneren Gehalt der Rede dankte. Durch die Gewohnheit langsam
zu sprechen und Pausen zu machen — seine charakteristische Gewohnheit war r
die Unterlippe einzuziehen und mit den gekrummten Fingern der Rechten
durch den langen Bart zu streichen — war es ihm moglich, auch in einer freien
Rede die Schonheit der Sprache und die Eleganz der Form zu wahren. Die
ihm eigenen Vorziige, Schlagfertigkeit, Ruhe, Witz und leise Ironie, grofie
Sachkenntnis und Belesenheit, Verstandesscharfe, weltmannische Klugheit
und weise MaBigung kamen ihm, insbesondere als Parlamentsredner, zustatten.
Er verleugnete freilich auch in seinen Reden nicht den Professor und Aka-
demiker, das beeintrachtigte aber, zumal mit Riicksicht auf die grofle Achtung,
deren er sich gerade deshalb erfreute, nicht .ihre Wirkung,
H. war ein Freund vornehmer, edler Geselligkeit und feinen Lebens-
genusses, und es war ihm Bedurfnis, im »bequem-geselligen« Verkehr Anregung
und Ausspannung zugleich zu finden. Auch heiteren Vergnugungen und echt
wienerisch-volkstiimlicher Lust war er nicht abhold. In den Hausern, in denen
er verkehrte, bei Theodor Gomperz, Josef Unger, Frau v. Dutschka, Bankier
Pflaum, Rosa v. Gerold, Baron Sochor, Ludwig Lobmeyr, Ernst Mauthner
u. a. war er als guter und geistreicher Gesellschafter, insbesondere aber wegen
seines einfachen, ungezwungenen und herzlich teilnehmenden Wesens verehrt
und hochgeschatzt. Wie er unverdrossen bei der Arbeit war, so waren Korper
und Geist so gestahlt, dafl er einerseits die schwersten Strapazen, ja auch Ent-
behrungen auf Reisen und Wanderungen leicht ertragen und sich mit dem
Einfachsten begnugen, andererseits nach einem bis in die spaten Nachtstunden
wahrenden gesellschaftlichen Vergniigen oder nach einem ermiidenden 4 — 6stun-
digen Marsch ohne auszuruhen sich an den Schreibtisch setzen und bis in
den Morgen arbeiten oder, lag keine dienstliche Verpflichtung vor, ernste
Lektlire (etwa das neueste Heft der »Revue des deux mondes*) pflegen konnte.
Auch seine reiche Korrespondenz erledigte er selbst und er war in der Er-
fullung dieser Pflichten von seltener Gewissenhaftigkeit. Leider haben sich
die Briefe an ihn nur zum geringen Teil erhalten (die meisten gingen bei der
Obersiedlung aus der friiheren Wohnung in der Marxergasse in die spatere,
in der Hefigasse, verloren, aber auch aus spateren Jahren sind verh<nismaflig
nicht zu viele, meist solche an den Sektionschef und Minister, vorhanden; sie
gewahren reiche Einblicke in die mannigfache Tatigkeit H.s; aber mehr Aus-
beute fur die Wissenschaft und die Zeitgeschichte wurde eine Sammlung der
Briefe H.s bieten).
Hartei.
325
Der hervorstechendste Zug in H.s Wesen war Wohlwollen und gewinnende
Liebenswiirdigkeit; am wohlsten fiihlte er sich, wo er ganz selbst er sein konnte f
im Kreise naherer Freunde, denen er, der Vielbeschaftigte, oft Proben wahrer
Herzensfreundschaft bot. Als Minister war er sonst, vielleicht weil oft Zu-
mutungen an ihn herantraten, die er nicht erfiillen konnte, von einer gewissen
Zuriickhaltung, die jedoch schw r and, als er von den Fesseln des Amtes befreit
wieder der einfache, ungezwungene, jederzeit hilfsbereite und liebenswurdige
Mann sein konnte.
Aber man darf sagen, dafi H. in alien Lagen seines Lebens im wesentlichen
der Gleiche blieb. Er scheute keinen Weg, wenn er helfen konnte, und stellte
seine gewandte Feder gern in den Dienst einer ihm gut scheinenden Sache.
Ich kann dafur einige personliche Erfahrungen mitteilen. Als ich im Jahre
1895 mit einem jungeren Kollegen ihn, als Direktor der Hofbibliothek, fur
die von uns angeregte Grundung eines Vereins fur Bibliothekswesen zu ge-
winnen suchte, erklarte er sich sofort, den Wert der Institution anerkennend,
dazu bereit, beriet mich fortwahrend bei den vorbereitenden Schritten und
stellte sich, dadurch die Sache sichernd, an die Spitze des vorbereitenden
Komitees. An die Spitze des Vereins zu treten, hinderte ihn die Ernennung
zum Sektionschef, aber der Verein erfreute sich auch in Hinkunft seiner
Forderung. Als im Sommer 1905 von mir angeregt der Verein der Freunde
des humanistischen Gymnasiums von einem Komitee, bestehend aus Uni-
versitatsprofessoren und Schulmannern, vorbereitet wurde und ihm — es war
nach seinem Riicktritt vom Amte, im Oktober — der Entwurf eines Aufrufs
mit der Bitte, ihm als erster beizutreten, vorgelegt wurde, erfullte er nicht
nur diesen Wunsch, den Text vollinhaltlich billigend, sondern er veroffentlichte
auch unter dem Titel »Ein neuer Verein« einen Artikel, der in meisterhafter
Weise die Schwierigkeiten, mit denen das Gymnasium in neuerer Zeit iiber-
haupt und in Osterreich im besonderen zu kampfen hat, und die Ziele und
Aufgaben des neuen Vereins, an der Hand des Aufrufs, darlegte und dauernd
forderte. Sein Interesse bekundete er durch rege Teilnahme an den Veran-
staltungen des Vereins, an dessen Spitze Graf Stiirgkh trat. Als ich endlich
in einem zuerst am 18. Januar 1905 in der damals von mir redigierten »Pada-
gogischen Zeit« einen Aufsatz »Bibliotheksschenkungen« veroffentlichte, in
welchem ich den Gedanken vertrat, dafi auch bei uns wie anderwarts, nament-
lich in England und Amerika, auch die groGen wissenschaftlichen staatlichen
Bibliotheken, vor allem die bedeutendste, die Wiener Universitats-Bibliothek,
Private durch Stiftungen und Schenkungen fordern sollten und zur besseren
Propagierung den Aufsatz als Werbeblatt hatte drucken lassen, gab mir H.,
da ich fur die Sache, die ihn interessierte, seine Unterstutzung mir erbat,
den Rat, mir Zustimmungsbriefe bedeutender Personlichkeiten, deren Stimmen
von besonderem Gewicht sein mufiten, zu erbitten. Auf meinen Wunsch er-
ofifnete er die Reihe. Das Schreiben ist datiert vom 31. Dezember 1906 — l4Tage
darauf starb er. Der SchluC: »Ermatten Sie nicht fur die gute Sache Gonner
und Forderer zu gewinnen« war mir ein Vermachtnis. So kam eine ganze
Sammlung von wertvollen und gewichtigen Schriftstiicken zusammen, und im
weiteren Verfolg der Angelegenheit war es mir moglich, eine den Namen des
Kaisers tragende Jubilaums-Stiftung fiir die Wiener Universitats-Bibliothek
in Wien anzuregen und zu verwirklichen. Nicht unerwahnt darf aber seine
326
Hartel. Aufrecht.
ruhrige und verdienstliche Tatigkeit als President des so segensreich wirkenden
»Ferienhorts fur bedurftige Gymnasial- und Realschtiler« bleiben, in dem er
so recht sein warmes Herz fur die Jugend und seinen menschenfreundlichen
Sinn betatigen konnte.
Oberblickt man den an sich unvergleichlichen Lebenslauf, der H. vom
Gymnasialsupplenten zu den hochsten wissenschaftlichen und staatlichen
Stellungen und Ehren fuhrte und ihm nicht nur die bis liber das Grab hinaus
reichende Anhanglichkeit seiner zahlreichen Schuler, die tiefe Verehrung von
Freunden, die allgemeine Wertschatzung, den Dank und die Anerkennung der
hochsten staatlichen Faktoren, aber auch als Forscher und Organisator wissen-
schaftlicher Arbeit ein bleibendes Andenken gfcsichert hat, so darf man Wilhelm
v. H. wohl gliicklich nennen, aber es darf dabei die Summe rastloser Arbeit,
die sein kaum 68jahriges Leben umschliefit, ebensowenig iibersehen werden
wie das zielbewufite Streben, die groflen Geistesgaben und die edlen Charakter-
eigenschaften, denen er seine Erfolge verdankte.
Quell en: Dem Verfasser standen aufler eigenen personlichen Erinnerungen Mit-
teilungen des Sohnes W. v. H.s, Min.-Sekr. Dr. Karl R. v. Hartel, der ihm auch freundlichst
die Jugendbriefe H.s, die erhaltencn Briefe an ihn, die Dokumente, eine fast vollstandige
Sammlung von Zeitungsausschnitten u. a. m. zur Verfugung stellte, ferner der Herren: Graf
Lanckoronski, Sekt.-Chef a. D. Dr. Stadler v, Wolfersgriin, Josef Unger, Theodor Gomperz,
Sigmund Exner, vormal. Kustos der Hofbibliothek Rud. Geyer, Fabrikbesitzer Ernst Mauthner,
endlich die Akten des k. k. Ministeriums fiir Kultus und Unterricht zu Gebote. Es ist ihm
Bediirfnis, dafiir auch an dieser S telle herzlichen Dank zu sagen. Wo seine Darstellung von
fruheren abweicht, stiitzt sie sich auf eigene Kenntnis, auf Akten oder authentische
Mitteilungen.
Von gedruckten Materialien seien erwahnt: die autobiographische Skizze H.s im »No-
tizenblatt der histor.-statist. Sektion der k. k. mahrisch-schles. Gesellschaft z. Bcford. des
Ackerbaus, der Natur- u. Landeskunde« (Beil. d. Mitteilungen) 1884 Nr. 3 u. mit Benutzung
dieser autobiographischen Skizze von Dr. Franz Illek im Jg. 1889 desselben Notizenblattes
Nr. 4, der ausfuhrliche Nekrolog in der Zeitschr. f. d. ost. Gymn. 1907 S. 193 ff. (bestehend
aus der Gedenkrede Edm. Haulers u. Wiirdigung der Tatigkeit Hartels f. die Entwicklung
des osterr. Mittelschulwesens durch die Redaktion), die Gedenkrede des Gymnasialdirektors
Anton Stitz im Vereine Mittelschule (= Osterr. Mittelschule 21 (1907) S. 145 ff.) t der ein-
gehende Nekrolog August Engelbrechts im »Biogr. Jahrbuch f. Altertumskundc« 31. Jg. m i t
einem vollstandigen chronologisch geordneten Scbrif tenvcr-
z e i c h n i s (auch selbstandig, Lcipzig-Reisland 1908), der Aufsatz Seyss- In quarts im
Programm des deutschen Gymnasiums in Olmutz 1907, endlich die Reden des Unterrichts-
ministers Grafen Sturgkh u. Diels' in den ^Mitteilungen des Ver. d. Freunde d. human.
Gymn.* 10. Heft.
Wien. S. Frankfurter.
Aufrecht ! ), Theodor, * 7. Januar 1821 zu Leschnitz in Oberschlesien,
t 3. April 1907 in Bonn als ord. Professor der vergleichenden Sprachwissen-
schaft und indischen Philologie. — Er stammte aus einer kinderreichen, israeliti-
schen Farnilie, in der mehrere Mitglieder wie er ein hohes Alter erreichten,
aber keins aufler ihm, soviel mir bekannt, eine gelehrte Laufbahn eingeschlagen
hatte. Als daher der hochbegabte Knabe schon friihe einen ausgesprochenen
Hang zum Studium verriet, fand er dafiir bei den Eltern kein Verstandnis
Totcnliste 1907 Band XII 7*.
Aufrecht.
327
und konnte ihm erst nach hartem Kampfe und mit Unterstiitzung eines Ver-
wandten nachgehen. Durch Privatunterricht vorgebildet, besuchte er von
Quarta an das Gymnasium in Oppeln (1836 — 1842) und nach dessen Absol-
vierung die Universitat in Berlin, um klassische Philologie zu studieren. Aber
sein Fachstudium nahm ihn nicht so vollstandig in Anspruch, daC er sich daneben
nicht auch mit einer Reihe anderer, besonders orientalischer Sprachen griindlich
hatte bekannt machen konnen. Friih fand er hier das Gebiet, dem er bald
seine ganze Kraft widmen sollte: denn ihn zogen vornehmlich das Sanskrit
und die vergleichende Sprachwissenschaft an. In diesen Fachern verdankte
er seinem Lehrer Bopp weniger grundliche Schulung als vielseitige Anregung;
im Sanskrit hat er im wesentlichen, und zwar sehr zu seinem Nutzen, seinen
Weg selbst gesucht und gefunden. Er promovierte in Halle 1847 mit einer
Dissertation: De accentu compositorum Sanscriticorum (Bonn 1847), der ersten
Spezialdarstellung dieses Gegenstandes. Nach einem vorubergehenden Aufent-
halt in Leipzig linden wir ihn wieder in Berlin, wo er mit dem damaligen Privat-
dozenten Kirchhoff zusamrrien das grundlegende zweibandige Werk »Uber
die umbrischen Sprachdenkmaler« Berlin 1849, 185 1 ausarbeitete. Durch
dieses Werk, das Entzifferung und Deutung jener altitalischen Inschriften im
groflen und ganzen zum Abschlufi brachte, haben sich die beiden Verfasser,
wie Benfey mit Recht sagte, ein unvergangliches Denkmal im Gcbiete der
vergleichenden Sprachwissenschaft gesetzt. Bald nach dem Erscheinen des ersten
Bandes desselben habilitierte sich A. als Privatdozent in Berlin. Er las haupt-
sachlich uber Altenglisch, Altsachsisch und Altnordisch. Zunachst stand fur
A. die vergleichende Sprachwissenschaft noch im Mittelpunkte seiner Interessen.
So grundete er mit seinem Freunde Adalbert Kuhn die »Zeitschrift fiir ver-
gleichende Sprachforschung« 185 1; er trat aber schon im folgenden Jahre
auf Gfund seiner Ubersiedelung nach England aus der Redaktion aus. Die
ersten Bande dieser Zeitschrift enthalten viele Beitrage aus seiner Feder; von
1856 an schrieb er mehrere sprachvergleichende Aufsatzc fiir die Transactions
of the Philological Society (London). Doch daruber wurden die Sanskritstudien
nicht vernachlassigt und sie traten wieder in den Vordergrund, als A. 1852
nach Oxford ging, um Max Miiller bei der Vorbereitung seiner groflen Ausgabe
des Rigveda mit Sayanas Kommentar behilflich zu sein. Diese Beschaftigung
wahrte nicht lange. Denn in weniger als Jahresfrist fand er eine Anstellung
an der Oxforder Bibliothek, der beruhmten Bodleyana, zur Ausarbeitung des
Katalogs der Sanskrit-Handschriften, der unter dem Titel Catalogus codicum
Sanscriticorum Bibliothecae Bodleianae, Oxford 1864, 4 , erschienen ist. Eine
ahnliche Arbeit, aber von bescheidenerem Umfange, lieferte er auch fiir Cam-
bridge: a Catalogue of Sanscrit Manuscripts in the Library of the Trinity College,
Cambridge 1869, 8°. Diese Katalogisierungsarbeiten waren bestimmend fiir
die Lebensaufgabe, die A. sich setzte und an der er bis zum letzten Atemzuge
gearbeitet hat. Denn es handelte sich fiir ihn bei diesen Katalogen nicht etwa
bloC um die Identifizierung der Werke und Beschreibung der Handschriften,
sondern um nichts weniger als die systematische Durchmusterung der ganzen,
in den Handschriften niedergelegten und zum groflten Teile noch unbekannten
Sanskritliteratur. Zwar waren einige Vorarbeiten vorhanden, namentlich
Webers vorziigliches »Verzeichnis der Sanskrithandschriften der Kgl. Bibliothek
in Berlin*, 1853, aber trotzdem hat A. von Grund auf neu gebaut und ein festes
328 Aufrecht.
Fundament fur die ganze indische Literaturgeschichte gelegt. Wie er dabei
vorging, konnen wir jetzt im einzelnen verfolgen. Denn der ganze wissenschaft-
liche Apparat, den A. in einem ungewohnlich langen und arbeitsvollen Leben
zusammengebracht hat, ist von der Bibliothek des India Office erworben worden,
und einen Katalog desselben (denn er ist schon in sich eine ansehnliche hand-
schriftliche Bibliothek) hat Herr F. W. Thomas in seinem Artikel +The Aufrecht
collections im Journal of the Royal Asiatic Society 1908 S. 1029 ff. gegeben. Es
ist von allgemeinem Interesse, an dem vorliegenden Falle kennen zu lernen,
nach welcher Methode die systematische Erforschung eines grofien Literatur-
ganzen vorgenommen werden mufi, um so eine neue Philologie auf feste Grand -
lagen zu stellen; und zugleich gibt uns die Einsicht in A.s Arbeitsweise einen
Mafistab fur die Tiefe seiner Forschernatur, die Grofle seines FleiBes und die
Starke seines Geistes, der von der Masse des Stoffes nicht niedergedruckt wurde,
sondern die Herrschaft iiber ihn behauptete. A. hat alle Texte, die er in seinen
Katalogen beschreibt, durchgegangen, die wichtigeren genau durchgelesen,
stets mit der Feder in der Hand. Von vielen Manuskripten machte er Ab-
schriften und kollationierte sie mit andern; er verzeichnet alle Erwahnungen
von Autoren und Werken, uberhaupt alles, was fur die Literaturgeschichte
von Bedeutung sein konnte, er notierte lexikalische Eigentumlichkeiten, legte
Spezialworterbucher, ja indices verborum von vielen Schriften an; er machte
alphabetische Listen der Versanfange von den meisten klassischen Gedichten,
ja selbst von den Epen und mehreren Puranas, um mit ihrer Hilfe anonyme
Zitate verifizieren zu konnen. Dafl solche Vorbereitungen getroffen werden
miissen, wenn es gilt, eine Literatur zu erschlieBen, die zum groflten Teil aus
undatierten Werken besteht, ist hinterdrein leicht einzusehen; aber das Be-
wunderungswiirdige bei A. ist nicht, dafi er diese Vorarbeiten als notwendig
erkannte, sondern dafi er sie ausfuhrte, ein zweiter jfoXx^vrepo*, unverdrossen
mit Daransetzung ungezahlter Stunden. Aber nicht seiner ganzen Zeit. Denn
nebenher schloB er teils altere, teils gleichzeitig unternommene Arbeiten ab.
Es erschienen bald nacheinander zwei Textausgaben einer grammatischen
Schrift: Ujjvaladatta's commentary on the Uipadi Sutras, Bonn 1859, und einer
lexikalischen : Halayudha's Abhidhdnaratnamdld, London 1861. Wich tiger
aber war seine Ausgabe des Rigveda, in lateinischer Umschrift, im 6. und
7. Bande der Indischen Studien, Berlin 1861, 1863. Diese erste vollstandige
Ausgabe des altesten und ehrwiirdigsten Sprachdenkmals Indiens war vom
grofiten Einflufl auf unsere damaligen Sanskritstudien, die sich seit mehr als
einem Jahrzehnt der Erforschung des Veda zugewandt hatten und nun erst
den ganzen Text in handlichster Form erhielten. Gleichzeitig hatte A. ein
Glossar zum Rigveda ausgearbeitet; aber er hat sich nie entschlieflen konnen,
es zu veroffentlichen, auch nachdem er Glossare zu den ubrigen Veden und
den wichtigsten vedischen Schriften angelegt hatte, von denen er Licht fiir
dunkle Worter und Stellen erhoffte. Es blieb nach seiner Meinung noch zu viel
Unklares und Unsichercs. Mitbestimmend mag aber auch gewesen sein, daB
die interpretatorische Tatigkeit nicht sein voiles Interesse dauernd in Anspruch
nahm, wie er denn zwar manche treffliche Einzelbemerkungen, nie aber einen
zusammenhangenden Erklarungsversuch von sich gegeben hat. Jetzt befinden
sich auch diese Vorarbeiten in der Bibliothek des India Office und harren der
Verwertung flir die Wissenschaft.
Aufrccht.
329
Das Ansehen, das sich A. durch diese Arbeiten in seiner neuen Heimat
erwarb, trug ihm 1862 die Berufung auf den neu gegriindeten Lehrstuhl fur
Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft an der Universitat in Edin-
burgh ein. Dort vermahlte er sich mit Helen Mary, geb. Harington, die ihm
eine verstandnisvolle und aufopfernde Lebensgefahrtin war und ihm in Jahres-
f rist in den Tod folgte. Kinder entsproflten dieser Ehe nicht. — Als im Jahre 1875
die Sanskritprofessur an der Bonner Universitat durch den Riicktritt Chr. Lassens
vakant wurde, wurde A. an dessen Stelle berufen, die er bis zum Jahre 1889 be-
kleidete. Er las auch hier uber Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft.
Uber A.s wissenschaftliche Tatigkeit in England ist schon oben zusammen-
hangend berichtet worden. In Bonn veroffentlichte er zunachst eine neue
Ausgabe des Rigveda, da die in den Indischen Studien erschienene bereits
vergriffen war: »Die Hymnen des Rigveda«, Bonn 1877 2 Bd., ebenfalls in
lateinischer Umschrift. Diese zweite Ausgabe bietet aufier dem sorgfaltig
revidierten Text und Angaben, die schon in der ersten Ausgabe in anderer
Form enthalten waren, manches neue: eine Einleitung mit wichtigen Be-
merkungen uber den sekundaren Charakter vieler Hymnen der vorliegenden
Sammlung und uber die Wertlosigkeit der Varianten im Samaeveda; ferner
ein Verzeichnis der Versanfange und Vergleichstellen, ein Hilfsmittel der
Forschung, das jetzt erst durch Bloomfields monumentale »Vedic Concordance*
1906 iiberholt worden ist; endlich eine kurze Inhaltsangabe. Zwei Jahre spater
veroffentlichte er eine transkribierte Ausgabe des »Aitareya Brdhmapa mit
Ausziigen aus dem Kommentar von Sayaipa und anderen Beilagen*, Bonn
1879, die diesen zuerst von M. Haug herausgegebenen und ubersetzten wichtigen
Text frei von Fehiern mit den notigen Hilfsmitteln zum genaueren Verstandnis
leicht zuganglich machte. Neben diesen vedischen Arbeiten wandte A. sich
wieder der Beschaftigung mit der klassischen Sanskritpoesie zu. Schon 1862
und 187 1 hatte er eine »Auswahl von unedierten Strophen verschiedener Dichter«
mit metrischer Obersetzung in der Zeitschrift der Deutschen Morgenlandischen
Gesellschaft Bd. 16 S. 749 ff., Bd. 25 S. 238 ff., 455 fiF. herausgegeben. Uber-
wog bei diesen friiheren Arbeiten das asthetische Interesse, so stellt sich ihm
das literarhistorische in den spateren zur Seite; es sind die umfangreichen
Arbeiten in derselben Zeitschrift »0ber die Paddhati von Qdrfigadhara* Bd. 27
S. 1 ff. und »Beitrage zur Kenntnis indischer Dichter« Bd. 36, S. 361 ff., 509 ff.
nebst einigen kleineren Artikeln. In diesen Veroffentlichungen ging A.s Streben
dahin, alle Strophen namhaft gemachter Dichter, deren vollstandige Werke
nicht erhalten sind, zusammenzutragen und die wertvollsten in Text und Ober-
setzung mitzuteilen. Diese Arbeit ist spater von seinem Schiiler Professor
Peterson in Bombay durch die Herausgabe zweier einheimischen Anthologien,
Subhdsitdvali und ^SdYfigadharapaddhali, in groBerem Mafistabe fortgesetzt
worden, ohne dafl A.s Vorarbeiten im einzelnen veraltet seien, namentlich
behalten seine Obersetzungen ihren Wert. Eine Auswahl aus seinen deutschen
Nachdichtungen vermehrt durch neu entstandene hat A., der eine gefallige
dichterische Fahigkeit besafi, in einem Buchlein »Bluten aus Hindostan«,
Bonn 1873, herausgegeben, der einzigen popularen Schrift, die von ihm be-
kannt geworden ist.
Wenn man die Arbeitslast bedenkt, die A. fortgesetzt trug und von der
die publizierten Arbeiten nur wenige reife Fruchte darstellen, mufi man uber
330
Aufrecht.
die Leistungsfahigkeit des unermudlichen Gelehrten staunen. Aber die ununter-
brochene geistige Tatigkeit, bei der er sich mit wenigen Stunden Schlafs aus-
zukommen gewohnt hatte, wirkte doch zuletzt nachteilig auf seine psychische
Konstitution. Erregungszustande stellten sich wahrend seiner Bonner Zeit
in beunruhigender Weise ein und veranlafiten ihn 1889, sich von seiner Lehr-
tatigkeit entbinden zu lassen. Er siedelte nach Heidelberg uber in Erfullung
eines langgehegten Wunsches, ohne aber die erhoffte Befriedigung zu finden;
denn nach 3 Jahren kehrte er nach Bonn in den kleinen Kreis seiner dortigen
Freunde zurtick. Sein Gesundheitszustand blieb aber schwankend und zeit-
weilig verstarkten sich die Symptome zu bedenklicher Hohe. Zwar gingen
sie bald bei grundlicher Behandlung zuriick, kehrten aber spater in geringerem
Grade ofters wieder und verdiisterten den spaten Lebensabend des immer
mehr vereinsamenden Mannes. Aber seine Schaffenslust litt darunter nicht
dauernd, noch auch der Wert seiner Arbeit, der er ein groOes, aber erreichbares
Ziel gesetzt hatte, das man als eine Inventarisierung der Sanskritliteratur,
soweit sie uns handschriftlich erhalten ist, bezeichnen kann. Die von der indi-
schen Regierung betriebene Nachforschung nach Sanskrithandschriften, die
namentlich von G. Buhler in erfolgreichster Weise in die Wege geleitet und
spater von P. Peterson und anderen weitergefuhrt worden war, hatte eine
ungeahnte Fiille von Manuskripten zutage gefordert, uber die in zahlreichen
Katalogen und Abhandlungen Bericht erstattet war. Dieses weit zerstreute
und zum Teil schwer zugangliche Material zugleich mit allem, was sonst in
Europa uber Sanskrithandschriftensammlungen bekannt war, zusammen-
fassend zu verarbeiten, war die Aufgabe, die A. in seinem Catalogus Catcdogorum
sich setzte und loste. In den drei Banden dieses monumentalen Werkes (Leipzig
1 891 — 1903) sind alle Sanskritautoren und -werke (mit AusschluG der buddhisti-
schen und jainistischen) mit Angabe biographischer Daten, soweit solche fest-
zustellen sind, alphabetisch aufgefiihrt und unter jedem einzelnen Werke die
davon vorhandenen Handschriften ubersichtlich verzeichnet. So entstand
ein Hilfsmittel von unschatzbarem Werte fur jeden Forscher auf dem Gebiete
der indischen Literatur. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit steht A.s Kata-
logisierung der Sanskrithandschriften in Florenz {Florentine Sanskrit Manu-
script, Leipzig 1892), in Leipzig (Katalog der Sanskrithandschriften der Univer-
sitatsbibliothek zu Leipzig, 1901) und Munchen (die Sanskrithandschriften
der Kgl. Hof- und Staatsbibliothek in Munchen, 1909). Bei der Drucklegung
des Miinchener Katalogs schwanden dem Sechsundachtzigjahrigen die Krafte.
Der Schwachezustand nahm in den letzten zwei Monaten schnell zu; nach
zehntagigem Bettlager entschlief er sanft und ohne Schm^rzen.
A.s Name wird stets mit hohen Ehren in der Geschichte der von ihm ver-
tretenen Wissenschaften genannt werden, nicht nur weil er bei deren erstem
Ausbau in hervorragendem Mafie mitgearbeitet hat, sondern namentlich weil
die von ihm geschaffenen Werke eine sichere und dauerhafte Grundlage bilden,
auf der die Folgezeit weiter bauen muflte. Ja sie scheinen geradezu daraufhin
angelegt zu sein. Denn A. stellte sich mit Vorliebe umfassende Aufgaben, deren
Losung er fur die wissenschaftliche Fundierung der jungen Sanskritphilologie
als notwendig erkannt hatte. Einmal entschlossen, achtete er Zeit und Muhe
gering, welche die Bewaltigung des Stoffes und die Ausfiihrung notiger Vor-
arbeiten erforderte, und er ruhte nicht eher als bis er glaubte, das Tatsachliche
Aufrecht. 33 1
gesichert und vollstandig geben zu konnen. Alle seine grofleren Arbeiten zeichnen
sich durch strenge Sachlichkeit und niichterne Klarheit aus. Er schrieb fiir die
Zukunft und war nie um augenblicklichen Erfolg bemliht. Daher stammen
von ihm keine aufsehenmachende Theorien, wie er sich denn auch nur sehr
selten zur Aufierung einer Ansicht hat hinreifien lassen, die nicht so gut wie
erwiesen gewesen ware. Wert hatte fiir ihn nur das bleibende Resultat; wenn
selbst jahrelange Arbeit nicht zu einem solchen gefuhrt hatte, hatte er die
Selbstentsagung, diese vergeblichen Vorarbeiten ad acta zu legen. So hatte sich
A. im Zusammenhang mit seinen altitalischen Forschungen anhaltend und
eingehend mit der Entzifferung der etruskischen Inschriften beschaftigt; zu
dem Zwecke hatte er sich mit dem Baskischen und den kaukasischen Sprachen
bekannt gemacht und sie auf ihren Wortschatz hin durchmustert; er hatte
auch ein vollstandiges Worterverzeichnis der etruskischen Inschriften angelegt,
das er aber aus der Sammlung ausschied, welche die Bibliothek des India Office
erworben hat. Bei diesen Studien wird er manche geistvolle Vermutung gefaBt,
manch' Fundlein gemacht haben; aber davon drang nichts in die Offentlichkeit,
selbst nicht die vielleicht nicht iiberfliissige Warnung, daC mit den seinerzeit
gegebenen Mitteln das etruskische Ratsel nicht zu losen sei.
Die wissenschaftliche Personlichkeit A.s tritt uns aus seinen Arbeiten
in markierten Ziigen entgegen; doch darf man sich durch sie nicht zu dem
naheliegenden Irrtum verleiten lassen, daB ihn seine Fachwissenschaften voll-
standig in Anspruch genommen hatten. Er war ein Gelehrter alten Schlages,
wie sie jetzt immer seltener werden, ein Philologe nicht nur vollstandig ver-
traut mit der indischen Literatur, sondern auch sehr belesen in den Literaturen
der klassischen Sprachen, des Englischen, mehrerer romanischen und namentlich
der germanischen Sprachen, ein grundlicher Kenner unserer Klassiker, be-
sonders Goethes. Die Naturwissenschaften standen ihm ferner, doch bekannte
er, dafi ihn in jiingeren Jahren die Medizin lebhaft angezogen und er dieser
Neigung nur schweren Herzens entsagt habe.
A. war von kleiner Statur, dunklen Augen und schwarzem Haar, das auch
im hochsten Alter seine Farbe nicht ganzlich verlor. Er war eine grundehrliche
Natur, von schlichter heiterer Gemutsart, ein zuverlassiger opferfahiger Freund,
ein besonnener sparsamer Haushalter, der aber stets eine offenc Hand hatte,
wo er unverdientes Ungluck fand und es mildern konnte. In vertrautem Kreise
war er ein munterer Gesellschafter; lieber aber noch suchte er Erholung in
langen Wanderungen, namentlich an der ihm besonders lieben Mosel. In spateren
Jahren mied er immer mehr die Gesellschaft und lebte in den beiden letzten
Dezennien seines Lebens ganz zuriickgezogen, einfach und regelmaCig, von
fnihestem Morgen bis in die spate Nacht seinen Studien obliegend. Ehe ihn
der Tod von seiner Lebensarbeit, dem selbstgeschaffenen handschriftlichen
Apparat abrief, sorgte er, wie schon erwahnt, durch dessen VerauBerung an
die Bibliothek des India Office dafur, dafl er als Ganzes erhalten bliebe zum
Nutzen der Wissenschaft. Als er diesen Schritt tat, schrieb er einem jiingeren
Freunde, er habe das Gefuhl, als wenn er Frau und Kinder verloren hatte.
Anerkennung und Ehren sind ihm in reichem Mafie zuteil geworden. Er
war Ehrenmitglied der Deutschen Morgenlandischen Gesellschaft und der
Royal Asiatic Society, Mitglied der Royal Institution in Edinburgh, korre-
spondierendes Mitglied der Berliner und Miinchener Akademien der Wissen-
332
Aufrecht. Schrader.
schaften, der Gelehrten Gesellschaft in Gottingen und der Gesellschaft fur
Wissenschaft in Kopenhagen. Die Universitat in Oxford ernannte ihn zum
Magister artium, die von Cambridge zum Doctor of Letters, die von Edinburgh
zum Doctor of Law. Die preuBische Regierung verlieh ihm den Kronenorden
2. Klasse.
Nachrufe erschienen in der Bonner Zeitung 1907, April 7; Journal of the Royal Asiat.
Society, 1907 S. 1121 fT. (von Thomas); Chronik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Uni-
versitat 1907 (von Jacobi). j^ J a C O b i.
Schrader 1 ), Wilh elm, * am 5. August 1817 in Harbke, einem Dorfe in der
Nahe von Helmstedt in der Provinz Sachsen, als Sohn des dortigen Kantors,
f in Halle 2. November 1907. — Er besuchte das Helmstedter Gymnasium,
machte aber als geborner Preufle das Abiturienten-Examen in Halberstadt.
Ostern 1836 bezog er die Universitat Berlin und studierte die klassische Phi-
lologie. Er wurde hier Schuler A. Bockhs. Das philosophische Interesse be-
friedigten die Vorlesungen der Hegelianer Gabler, Werder, Hotho, Erdmann.
Im Herbst 1839 folgte er einer Aufforderung, den Unterricht der Kinder des
Rittergutspachters Michaelis in Suderode bei Ilsenburg zu iibernehmen, und
blieb in dieser Stellung drittehalb Jahre. In der edlen, fein gebildeten Familie
fuhlte sich Sch. wohl. Die Mufle, die ihm ubrig blieb, verwandte er zum Stu-
dium von Hegel, Aristoteles, Sophokles. Nach Berlin zuruckgekehrt, bercitete
er sich zur Promotion vor. Seine schriftliche Arbeit war Aristoteles gewidmet,
fiir dessen Verstandnis ihm die Teilnahme an einem von Trendelenburg ge-
leiteten Seminar forderlich war. 1843 erfolgte die Promotion und die Staats-
priifung. In dieselbe Zeit fallt seine Verlobung mit der zweiten Tochter des
Professors Pfund am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin, Bertha. 1844
legte er an der genannten Anstalt, die damals August Meineke leitete, sein
Probejahr ab; zugleich wurde erMitglied des Bockhschen padagogischen Semi-
nars. Sowohl seine Lehrtatigkeit als auch seine Bcziehung zu Meineke, der ihn
zur Beaufsichtigung seiner Sohne in sein Haus aufgenommen hatte, gab ihm
Gelegenheit, literarische GroCen jener Zeit, Lachmann, J. Becker, Trendelen-
burg, die Briider Grimm, Steffens kennen zu lernen. In L. Wiese gewann er
sich einen wohlwollenden Gonner. 1846 wurde Sch. als Konrektor an das
stadtische Gymnasium in Brandenburg berufen und griindete nun den eignen
Hausstand.
Bedeutungsvoll wurde fiir Sch. das Jahr 1848, indem es ihn in die politische
Arena ftihrte. Er wurde zum Mitglied des Frankfurter Parlaments gewahlt,
dem er bis Ostern 1849 angehorte. Er hatte sich an das rechte Zentrum ange-
schlossen. Als einen Ertrag fiir das unmittelbar personliche Leben durfte er
die Freundschaft mit Max Duncker und Rudolf Haym mitbringen, eine Freund-
schaft, die nie erkaltete. In seiner Autobiographic hat er die politische Garung
jener Zeit und die Arbeiten des Parlaments, die er bis in das hohe Alter hinein
hochgeschatzt hat, anziehend geschildert J ).
Inzwischen hatte die hervorragende wissenschaftliche und padagogische
Tiichtigkeit Sch.s die Aufmerksamkeit der vorgesetzten Behorden auf ihn
') Totenliste 1907 Band XII 79*.
2 ) Erfahrungen und Bekenntnisse. Berlin 1900.
Schrader.
333
gelenkt. Infolgedessen erhielt er einen Ruf als Lehrer fur die oberen Klassen
des Gymnasiums in Elbing, den er jedoch ablehnte, da er nicht eine wesentliche
Anderung gegeniiber seiner Stellung in Brandenburg bedeutete. Dagegen war
er bereit, die ihm angebotene Stellung als Direktor des Gymnasiums in Luckau
zu ubernehmen. Aber der neueingetretene Kultusminister v. Raumer, der
Minister der Reaktion, versagte die Bestatigung, da ihm die deutsch-nationale
Gesinnung Sch.s mififiel. Doch scheint das Mifltrauen des Ministers nach-
gelassen zu haben, denn er bestatigte die Wahl Sch.s zum Direktor des stadti-
schen Gymnasiums in Sorau. Ostern 1853 trat er das neue Amt an. Kaum drei
Jahre verwaltete er dasselbe, als er zum Provinzialschulrat nach Konigsberg
berufen wurde. Es bestand urspriinglich die Absicht, ihm diese Stellung in
Magdeburg zu iibcrtragen, aber der Minister anderte sie, er wird Sch.s politische
Richtung fur das entlegene Ostpreufien als weniger gefahrlich eingeschatzt
haben.
Die Tatigkeit, die Sch. von Konigsberg aus auf dem Gebiete des hoheren
Schulwesens lange Zeit hindurch fur die vereinigten Provinzen Ost- und West-
preuflen ausgeubt hat, nach der Trennung der Provinzen fur Ostpreufien, bildet
den Hohepunkt seines amtlichen Wirkens. In alien Beziehungen war sie an-
regend und fordernd. Seine ausgeglichene, abgeklarte, milde und doch ener-
gische, Freiheit in den notwcndigen Grenzen gewahrende Personlichkeit gewann
ihm Liebe und Verehrung. Die Leitung der wissenschaftlichen Prufungs-
kommission und des padagogischen Seminars, die ihm als Nebenamter iiber-
tragen wurden, gaben seinem wissenschaftlichen Intercsse Anlafi, es auch
literarisch zu betatigen. So entstand 1868 (5. Aufl. 1893) seine Unterrichts-
lehre, in der er, soweit die philosophischen Fundamente in Betracht kommen,
sich nahe mit Lotze beriihrte. Zehn Jahre spater erschien die erganzende
Schrift iiber die Verfassung der hoheren Schulen (3. Aufl. 1889). Sch. steht
der neueren Bewegung auf padagogischem Gebiete mehr ablehnend als zu-
stimmend gegeniiber. Er vertritt den Standpunkt des humanistischen Gym-
nasiums. Paritatische Gymnasien und Volksschulen betrachtet er als Ergeb-
nisse von Notstanden, die in einzelnen Fallen sie fordern, prinzipiell aber verwirf t
er sie im Intercsse cinheitlicher Erziehung und zusammenstimmenden Unter-
richts. Kleinere wertvolle Aufsatze Sch.s, die in seine Konigsberger Zeit fallen,
iibergehe ich.
In den drei letzten Jahrzehnten des abgelaufenen Jahrhunderts trat Sch.
wieder tatig in das offentliche Leben ein, er nahm an der Grundung eines konser-
vativen Provinzialvereins teil und wirkte in der ostpreufiischen Provinzial-
synode, die ihn dreimal zu ihrem Vorsitzenden wahlte, sowie als Mitglied der
Generalsynode an der Neugestaltung der preufiischen Landcskirche mit. Die
evangelische Vereinigung, eine Gruppe, die, wesentlich konservativ, doch die
Fuhlung mit dem kirchlichen und theologischen Liberalismus nicht fallen liefi r
fand in ihm ein fiihrendes Mitglied.
Den vielen Aufgaben, die an Sch. herantraten, ist er mit gewissenhafter
Hingebung gerecht geworden. Eine seltene korperliche Kraft und Gesundheit
befahigte ihn dazu. Und innere Quellen der Kraft erschlossen sich ihm in der
begliickenden Harmonie des Familienlebens und den Anregungen eines grofien
Freundeskreises, der ihn aufnahm. Padagogen, hohere Verwaltungsbeamte
und Offiziere, Universitatslehrer und Geistliche bildeten ihn.
334
Schrader.
Doch soil ten die Konigsberger Tage zu Ende gehen. Am 29. August 1881
durfte Sch. den Verlauf eines Vierteljahrhunderts ortlichen Wirkens festlich
begehen, und in der Verleihung der theologischen Doktorwiirde seitens der
Halleschen theologischen Fakultat erkennen, dafi in weiten Kreisen seine Ver-
dienste auf kirchlichem und padagogischem Gebiet gewiirdigt wurden. Bald
darauf erging an ihn die Aufforderung, das Amt eines Kurators der Universitat
Halle zu ubernehmen. Er folgte dem Rufe gern, seine Gesundheit, so kraftig
sie war, forderte jetzt eine leichtere Tatigkeit, und die neuen Unterrichts-
ordnungen von 1882, denen er seine Zustimmung nicht geben konnte, erschwerten
es ihm, in ihrem Sinne zu wirken. Dazu kam, dafi sein wissenschaftliches
Interesse vom neuen Amt Forderungen erwarten konnte, endlich dafi er in
Halle den Jugendfreund Rudolf Haym wiederfand und in der theologischen
Fakultat eine verwandte Geistesrichtung vertreten wufite. So siedelte er im
April 1883 nach Halle iiber. Sein Scheiden wurde in Konigsberg schmerzlich
empfunden; es hinterliefi eine Liickc, die nicht wieder geschlossen wurde.
In Halle fuhlte sich Sch. sehr wohl, so dafi er die 1884 an ihn gerichtete
Anfrage, ob er in gleicher Stellung nach Bonn gehen wolle, ablehnte. Die
amtlichen Verpflichtungen, die er zu erfiillen hatte, waren nicht sehr umfang-
reich, so dafi ihm Mufie zu literarischen Arbeiten blieb. Der Aufforderung des
Verlegers folgend, vollendete er die Herausgabe der 2. Auflage der Enzyklopadie
des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens, 1886 veroffentlichte er die
Biographie des Kanzlers von Gofiler, dem er nahegestanden hatte. Die grofite
Arbeit, die aus seiner Feder hervorging, war die Geschichte der Universitat
Halle, die zur Feier ihres 200jahrigen Bestehens auf die Bitte des akademischen
Lehrkorpers von ihm verfafit wurde, das Ergebnis siebenjahriger Arbeit (1894).
1900 erschien seine Selbstbiographie, »Erfahrungen und Bekenntnisse«, aus der
diese Skizze geschopft hat.
Viele Ehrungen wurden ihm zuteil. Die medizinischc Fakultat der Halle-
schen Universitat promovierte ihn zu ihrem Ehrendoktor 1894, der Konig
zeichnete ihn durch Ernennung zum Wirklichen Geheimen Ober-Regierungsrat
aus. Aber auch dunkle Schatten fielen auf seinen Lebensabend. 1893 verlor
er seine Frau nach 46 jahriger begluckter Ehe, 1897 seine jtingere Tochter, die
mit einem Oberforster verheiratet gewesen war. Ihm blieb ein Sohn, Professor
am Kaiser Wilhelms-Gymnasium in Hannover, und die altere Tochter, die
sein Hauswesen leitete, die treue liebevolle Pflegerin seines Alters.
1902 legte Sch. sein Amt nieder, am 2. November 1907, bald nach Voll-
endung seines 90. Lebensjahres wurde er abgerufen. Ein langes, an Erfahrungen
reiches Leben hatte seinen Abschlufi gefunden. Auf den Gebieten des Unter-
richts und der Verwaltung, der Staats- und der Kirchenpolitik hatte er tatig
sein durfen, als padagogischer Schriftsteller hatte er zu den die Zeit bewe-
genden Fragen Stellung genommen, gelehrte und populare Schriften hat er
veroffentlicht 1 ). Eine seltene Vielseitigkeit der Beziehungen und Interessen
war ihm eigen, aber sie storte nicht die innere Sammlung seines Wesens; sie
zerstreute ihn nicht, sie bereicherte ihn. Denn alles wurde zusammengefafit
zur Einheit durch den Ernst, mit dem er es sich innerlich aneignete und zu
*) Unser Jahrbuch hatte Schrader vortreffliche Beitrage (Rudolf Haym, Gofiler) zu
danken. A. d. H.
Schrader. Broich.
335
einer harmonischen Lcbcnsanschauung verschmolz, die in cinem tiefgegrundeten
und weitblickenden christlichen Idealismus wurzelte.
Konigsbcrg i. P. D. Hermann Jacob y.
Broich 1 ), Eduard Christian Arnold Maria, Frhr. v., Kgl. preufi. Geheimer
Oberregierungsrat, *9. Februar 1834 auf SchloOSchonau bei Aachen, f II. Dezem-
ber 1907 zu Honnef am Rhein. — Studierte nach Absolvierung des Kaiser Karls-
Gymnasiums zu Aachen auf den Universitaten Bonn und Berlin Rechts- und
Staatswisscnschaften und wurde, nachdem er das Referendar- und Assessor-
Examen bestanden und in verschiedenen Stellungen kommissarisch tatig ge-
wesen, 1865 Landrat in Malmedy. Schon in diescm Amte entfaltete er eine
ungewohnlich rege und vielseitige Tatigkeit. So bemuhte er sich als erster um
die Herstellung der Bahnverbindung mit Aachen, interessierte sich lebhaft und
erfolgreich fur Wege- und Strafienarbeiten, richtete Lehrkurse fiir Drainage
und Bienenzucht ein, gab die ersteAnregung zu volkswirtschaftlicher Belehrung
in der Volksschule und nahm sich insbesondere der Organisation des landwirt-
schaftlichen Kreditwcsens durch die Raiffeisenkassen an. In dem Kreise Hers-
feld, an dessen Spitze er 1876 — 1884 stand, setztc er diese Tatigkeit fort, so
dafi in den 86 Gemeinden des Kreises 86 Raiffeisenkassen entstanden, ein
Beispiel, das im ganzen Regierungsbezirk Kassel vielfach Nachahmung fand;
auOerdem organisierte er das Feuerloschwesen, wurde Mitgriinder des »Vereins
gegen den MiBbrauch geistiger Getranke« und widmete sich gemeinsam mit
Pastor v. Bodelschwingh und Oberburgermeister Miquel der Bekampfung des
Vagabundentums durch die Griindung von »Arbeiterkolonien«; auch durch
Errichtung von Lehrkursen fur Gendarmen suchte er in dieser Beziehung
fordernd zu wirken. In seinem dritten Landratsamte (Hanau, 1884) faBte er
namentlich die Forderung des Obstbaues ins Auge. Schon im Jahre 1885
wurde v. B. indes auf Veranlassung des Fiirsten Bismarck nach Berlin be-
rufen und zwar als Geheimer Regierungsrat und vortragender Rat im Staats-
ministerium; 1892 wurde er zum Geheimen Ober-Regierungsrat befordert; im
Jahre 1899 schied er aus dem Staatsdienst aus, nachdem er schwere finanzielle
Verluste erlitten hatte. Von der hcrvorragenden sozialpolitischen Tatigkeit,
die er auBeramtlich wahrend dieser Berliner Zeit entfaltete, ist vor allem zu
erwahnen: die Anregung zur Schaffung von Unfallstationen und Rettungswachen
sowie von Lungenheilstatten, und die Griindung des »Deutschen Kreditvereins« ,
der »Deutschen Zentralgenossenschaft« und 42 anderer Genossenschaften als
erster »Genossenschaftcn m. b. H.« auf Grund des Genossenschaftsgesetzes vom
1. Mai 1889. Aus diesen bahnbrechenden Vorarbciten, speziell der »Deutschen
Zentralgenossenschaft« hat sich im Laufe der Jahre die »PreuOische Zentral-
Genossenschaftskasse« entwickelt. Ein literarischer Niederschlag dieser Bc-
strebungen ist seine Schrift »Sozialreform und Genossenschaf tswesen« . Auch
der »Nationalverein zur Hebung der VolksgesundheiU, aus dem spater der
♦ Deutsche Verein fiir Volkshygiene« entstand, ist wesentlich scin Werk. Von
anderweitiger Tatigkeit war insbesondere die Anregung und Leitung der Berliner
Zentenarfeier von 1897 ein glanzender Beweis fur die ungeheure Leistungs-
fahigkeit des unermiidlichen Mannes. £) r . Hermann Diez.
i) Totenliste 1907 Band XII 16*.
336 Grisebach.
Grisebach *), Eduard Rudolf Autor, * 9. Oktober 1845 in Gottingen,
f 22. Marz 1906 in Charlottenburg- Berlin. — August Grisebach, der Vater
Eduards, war Professor der allgemeinen Naturgeschichte an der Gottinger
Universitat und ein hochangesehener Botaniker. Obwohl der Sohn einige
botanische Neigungen erbte und so auch als Dreiundzwanzigjahriger einen
Pflanzenkatalog, das »Exkursionsbuch der Flora von Gottingen, Munden>
Heiligenstadt, Allendorf, Gieboldeshausen, Northausen, Northeim, Einbeck
und Uslar« herausgab, ist es fur seinen Lebenslauf doch wohl ungleich wichtiger,
dafi August Grisebach als Student der Medizin von 1832 bis 1833 der Korps-
bruder des Studiosus juris Otto von Bismarck im Korps Hannoverana ge-
wesen war. Der kiinftige Dichter zeigte fruhzeitig Neigung fur Literatur und
Poesie; schott als Sekundaner iibertrug er eine Elegie des Properz, die er spater
in seinen »Neuen Tanhauser« aufnahm. Sein wohl unterrichteter Biograph
Hans v. Muller, dessen eindringendem Buch das Tatsachenmaterial dieser
Skizze entlehnt ist, sieht in dem Jungling G. einen naiv lebensfreudigen ganz
unpessimistischen Menschen. Erst das Zusammentreffen mit dem um 10 Jahre
alteren Albert Moser (vermittelt durch beider gemeinsamen Freund Max
Schneidewin) und spater mit dem gleichaltrigen Hans Herrig habe den Lebens-
lustigen zum Pessimisten gemacht. Jedenfalls ist G. durch die neuen Freunde
auf Hamerling und Schopenhauer hingewiesen und rasch ein groBer Verehrer
des Dichters, ein leidenschaftlichster Anhanger des Philosophen geworderu
Trotz so vielfaltig anderer Interessen, und trotzdem ihm Lebensgenufi und
sehr konkretes Lieben wohl immer ziemlich identische Dinge waren, studierte
G. mit Eifer Jurisprudenz, die ersten funf Semester in Leipzig. Im Herbs t
1866 kam er nach Berlin und sein Weg fiihrte ihn durch die Linden, wo die
bei Koniggratz erbeuteten Geschutze standen. Der Eindruck auf »den neu-
annektierten PreuBen« war ein machtiger, er verfaflte sein Bismarckgedicht:
Ja, ich preise Dich, gewaltiger
kritiker mit Blut und Eisen,
Doctor der Philosophic,
Philosoph von Kttniggratz . . .
Ein Semester danach bestand er in Gottingen sein juristisches Doktor-
examen mit Auszeichnung, worauf er am Berliner Stadtgericht als Auskultator
Anstellung fand. Er hatte bisher aufler jenem botanischen Buch in Zeitungen
und Zeitschriften etliche Gedichte und einige ungedruckte Briefe Lichtenbergs
veroffentlicht. Es gingen also bei ihm von Anfang an literarhistorisches und
dichterisches Tun Hand in Hand. Muller wendet sich mit Eifer und unter
Bcibringung genauer Daten gegen die iibliche verkehrte Meinung, als habe
der Jungling G. nur gedichtet, der Mann nach dem Verstummen des Dichters
sich literarhistorisch beschaftigt. Mir selber will es scheinen, als miiflte ein
aufmerksamer Leser des »Neuen Tanhauser«, ohne alles Wissen um das Leben
des Dichters aus dem Inhalt des Buches allein, zum mindesten auf ungemein
starke literarhistorische Neigungen G.s schlieflen und dadurch allein schon
vor dem Irrtum bewahrt werden, die literarhistorische und poetische Ent-
wicklung des Dichters allzu getrennt zu denken. Als Auskultator im anregenden
Verkehr mit den Kollegen Herrig und Siegfried Samosch stellte G. nun eine
erste kleine Gedichtsammlung zusammen, die 1869 unter dem Titel »Der neue
J ) Totenliste 1906 Band XI 26*.
Grisebach.
337
Tanhauser« erschien. Der Grundton des Buches, das seinen spateren Namens-
briidern an Umfang noch erheblich nachstand, war doch schon genau der gleiche,
den alle weiteren Produktionen G.s aufweisen: der disharmonische Zusammen-
stofi zwischen Lebenslust und Pessimismus. 1 870 wurde G. als Referendar
zur Staatsanwaltschaft in Hirschberg geschickt, wahrend des Krieges war er
wieder in Berlin (am Kammergericht), und erst nach dem Waffenstillstand,
zur Zeit der Friedensverhandlungen, kam er nach Frankreich: er arbeitete
als Feldgerichtsaktuar beim Etappenkommando in Epinal. Was er von kriegeri-
scher Betatigung in seinem »Tanhauser« erzahlt, ist also Phantasieschopfung.
Um so realere Hintergrunde besitzen die Liebeserzahlungen; auch Schlesien
und Frankreich trugen hier neuen Stoff ein. Eine dritte Anregung neben der
kriegerischen und erotischen fand G. in Epinal dadurch, dafi er »in einem Schau-
fenster Bande von Janets Bibliothique Elzevirienne* zu Gesicht bekam. Das
wurde fur ihn der AnlaO, bei der Veroffentlichung seiner eigenen Arbeiten auf
Einband, Schrift und Schmuck den hochsten Wert zu legen, und sein Vorgehen
wiederum hat auf den ganzen deutschen Betrieb der Buchausstattung be-
fruchtend gewirkt. Dieses Verdienst des Dichters ist haufig anerkannt worden,
haufiger vielleicht und jedenfalls unbestrittener als sein eigentlich literarisches —
dadurch ein, wir mir scheint, etwas peinliches Lob; diese Peinlichkeit mag G.
aber nicht bewuflt geworden sein, da er ja selber den Buchschmuck als etwas
ubermaflig Wichtiges, fast dem Buchinhalt Gleichwertiges ansah. Nach seiner
Riickkehr veranstaltete er eine Neuausgabe seines »Tanhauser«, die sich durch
eine Reihe neuer Gedichte und ferner eben durch ihre Ausstattung von der
ersten unterschied. Die mannigfachen Zusatze, Streichungen und Anderungen
der vielen folgenden »Tanhauser«-Ausgaben — die 20. Auflage erschien 1901
bei Cotta, dessen Jubilaumskatalog 1909 nun die 24. verzeichnet — konnen
in diesem Uberblick naturgemaB nicht weiter behandelt werden. »Tanhauser«
ist im Grunde nichts als der den Gedichtveroffentlichungen G.s gemeinsame
Titel. Ein anderer Dichter gibt wohl neue Gedichte gesondert heraus; G. liebte
es, sein Neuestes und Altestes zur Einheit zu verschmelzen. Er konnte das tun,
weil er am Anfang seiner Dichterlaufbahn kein anderer war als am Schlusse.
DaB er den »Tanhauser in Rom« von der ubrigen Dichtung gesondert gehalten
hat, scheint mir ganz raumlich aus dem Umfang dieses Liebesabenteuers zu
erklaren. . . Zu Dichtung, Jurisprudenz und Liebe gesellte sich auch im Jahre
1 87 1 die literarhistorische Tatigkeit. G. arbeitete liber Lichtenberg, uber
Blumauers Virgil -Travestie und die parodistische Literatur uberhaupt, sodann
und vor allem iiber Burger, dessen Werke er mit biographischer Einleitung
herausgab. Seine Gesundheit war damals schon geschwacht, und bald wurde
sein Zustand ein so bedenklicher, dafi er zur Heilung nach Italien mufite. Das
Meister Eckehart -Motto seines »Tanhausers«: »Diu wollust der krfeatflren ist
gemenget mit BitterkeiU erfuhr er sehr buchstablich am eigenen Leibe. In
Italien hatte er mit einer russischen Baronin das Erlebnis, aus dem heraus
er spater den »Tanhauser in Rom« dichtete. Nach seiner Heimkehr erhielt
er — was ihm ohne seine Beziehungen zu Bismarck nicht gegluckt ware —
ein Amt als Hilfsarbeiter bei der Gesandtschaft in Rom. Er stand nun
jahrelang in ziemlich »subalternen (diplomatischen) Dienstverhaltnissen«,
wobei er von Rom nach Konstantinopel, von dort nach Smyrna kam. 1878
Jn Rumanien fand er den ersten selbstandigen Posten: er war Vizekonsul in
Bio^r. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 13. Bd. 2 2
338
Grisebach.
Jassy, danach Konsul in Bukarest. 1881 wurde er in gleicher Eigenschaft
nach Petersburg gesandt; Mailand und das weit entlegene Port au Prince auf
Haiti bedeuteten den Abstieg und das Ende seiner Laufbahn. Er nahm 1889
seinen Abschied und lebte seitdem in Charlottenburg. Die 1897 geschlossene
Ehe mit einer frischen Wirtschafterin, die ihm einen Sohn geboren hatte, ist
das einzige aus seinem auBeren Leben noch zu berichtende Faktum. Seine
literarhistorische und frcilich sehr viel sparlichere poetische Tatigkeit hatte
er wahrend der ganzen Amtszeit fortgesetzt, als Literarhistoriker, Bibliophile
und — hauptsachlich — als Schopenhauer-Herausgeber und -Biograph ist er
in der letzten Zeit seines Lebens tatig gewesen. Zu ungleichwertigen Einzel-
studien und -ausgaben (auBer den erwahnten Themen sind Brentano, Waib-
linger, Kleist, Hoffmann und Grabbe zu nennen) traten als groBere Arbeiten
auf dem Gebiete der deutschen Literatur: »Die deutsche Literatur, Beitrage
zu ihrer Geschichte«, Wien 1876 und »Das Goethesche Zeitalter der deutschen
Dichtung«, Leipzig 1891. Anregendes wie Anfechtbares steht in diesen voll-
kommen subjektiven Schriften hart beieinander; der leidenschaftliche Anhanger
naiv sinnlicher Dichtung ist ein schroffer Gegner Lessings und Schillers. Weit
iiber die Grenzen der heimatlichen Produktion reicht sein Blick in der Studie:
»Die Wanderung der Novelle von der treulosen Witwe durch die Weltliteratur«
und in den einfachen und schonen Verdeutschungen chinesischer Novellen.
Auch seine Literaturkataloge mit ihren mancherlei wertvollen Anmerkungen
zeugen fur den gewaltigen Umkreis seines Interesses. Das immer Gleiche aber
in dieser vielseitigen und so, wenn man Beruf und Lebensweg des Mannes
hinzunimmt, notwendig etwas sprunghaften Tatigkeit, ist G.s Liebe zu Schopen-
hauer, die sich wissenschaftlich in der Herausgabe seiner Werke und Briefe,
seiner »Gesprache und Selbstgesprache«, der Herrigschen Schopenhauer -
Aufsatze und vor allem in der schonen Biographie des Philosophen, poetisch
in zahlreichsten Stellen des »Tanhausers« kundgetan hat.
So wie nun heute schon Eduard G. trotz all der erwahnten anderen Hervor-
bringungen den meisten schlechthin der »Tanhauser«-Dichter ist, so wird wohl
in Zukunft sein Name allein dieser Dichtung verkettet sein. Will m&n dem
Werke gerecht werden — ich sagte schon, daB ich die Sonderstellung des »Tan-
hauser in Rom« (1875) fiir eine auflerliche halte — , so darf man vielleicht nicht
den rein asthetischen Maflstab anlegen. G.s Vorliebe fiir das bloB Korperliche
stiitzt sich nicht immer auf eine ausreichende Kraft der malerischen Darstellung.
Seine Deuthchkeiten sind keineswegs immer kunstlerische Realismen zu nennen;
gegeniiber der Erotik Heines, Leutholds und Schoenaich-Carolaths hat G.s
Sexualdichtung gelegentlich etwas Jungenhaftes. Ich glaube, man wird dem
»Tanhauser« nur dann gerecht, wenn man ihn kulturhistorisch auffaBt, wenn
man ihn als dichterischen Ausdruck der deutschen Zeitstromung in den sechziger
und siebziger Jahren hinnimmt. Dann sieht man iiber manches Peinliche der
mehr heifien als kiinstlerischen Erotik hinweg, nimmt manches bloB Gereimte
der philosophischen und politischen Bestandteile in Kauf und bewundert die
Gesamtenergie des Akkordes von personlichem Lustbegehren, politischem
Machtverlangen und abgrundigem philosophischen Pessimismus.
H. v. Muller, Eduard Grisebach, Berlin 1910. Das Buch ubertrifft an Genauigkeit bei
weitera Hans Hennings Festschrift: »E. G. in seinem Leben und Schaffen« Berlin 1905.
Victor Klemperer.
Mamroth.
339
Mamroth 1 ), Fedor, * 21. Februar 1851 in Breslau, f 2 5- Juni 1907 in
Frankfurt a. M. — Einer wenig bemittelten Familie entstammend und schon
als Dreijahriger des Vaters beraubt, lernte Fedor M. friih Geldsorgen und bald
genug lastende Verpflichtungen kennen, die seine Jugend und wohl auch einen
Teil seiner Mannesjahre beschwerten. Es gelang ihm trotzdem, sich zeitig dem
Studium der Literatur zuzuwenden; er erwarb den Doktortitel durch eine
tiichtige Arbeit iiber Chaucers Beziehungen zu Boccaccio. Zwei weitere, einige
Jahre spater verfaBte Schriften, die Broschure »Betrachtungen uber Oster-
reichs wirtschaftliche Wiedergeburt« (1875) und die breit ausgefiihrte Mono-
graphic »Ignaz Ginzkey« (1877) zeigen ihn auch auf wirtschaftspolitischem
Boden heimisch. Das Ginzkey-Buch ist nicht ohne erzieherischen Wert. Es
schildert in lebendigster Weise die Entwicklung eines grofiartigen industriellen
Unternehmens aus geringsten Handwerksanfangen und ist dabei reich an
weiten und fafllichen Ausblicken ins Gebiet der Wirtschaftsgeschichte. Doch
lernt man aus dieser Schrift den eigentlichen Charakter des Verfassers keines-
wegs kennen; der innerlich Zerrissene tragt hier die Maske des selber kindlichen
Kinderlehrers. — Als M. die nationalokonomischen Studien ausarbeitete, stand
er bereits im journalistischen Beruf, den er ohne Unterbrechung bis zu seinem
Tode ausgeiibt hat, und der ihn wohl am Hervorbringen zahlreicherer aus-
gedehnter Schopfungen gehindert haben mag. Er wurde 1873 Nachtredakteur
der Wiener »Neuen Freien Presse« und war anfangs gleichzeitig als Sekretar
der Kohlenverkehrsbank tatig. Im allmahlichen Aufstieg als Journalist ge-
wann er als Redakteur der »Presse«, spater als Begrunder der Halbmonats-
schrift »An der schonen blauen Donau« einen guten Namen. 1889 wurde er
in die Redaktion der »Frankfurter Zeitung« berufen. Als Feuilletonleiter dieses
Weltblattes hat er bis zuletzt gewirkt, und die Erspriefllichkeit dieses Wirkens
ist oft anerkannt worden. Aber eben nur dem glanzenden Journalisten, dem
umsichtigen und unermudlichen Zeitungsleiter, allenfalls dem geistreichen
Kritiker gelten die Lobspruche. Das Dichterische in M. kam, solange er lebte,
wenigen zum BewuBtsein. Man lernte ihn ja auch meist nur aus den knappen
Feuilletons kennen, denen man kaum groBere Sammlung entgegenbrachte als
sonstiger Zeitungslekture. In Buchform hat der rastlose Journalist nach jenen
Jugendarbeiten (aufier einigen ganz belanglosen mit O. WeiB zusammen ver-
faflten Schwanken, deren Namen verschwiegen werden diirfen) nur noch drei
Schriften veroffentlicht: die Reisebriefe »Meilensteine« (1885), die Novellen-
sammlung »Unter der Schellenkappe« (1890) und das Drama »Sehnsucht«,
das er 1902 unter dem Decknamen F. Albert am Stuttgarter Wilhelma -Theater
auffiihren lieB. Nach seinem Tode gab die Witwe Johanna Mamroth 1907
eine Reihe seiner Feuilletons unter dem Titel »Aus dem Leben eines fahren-
den Journalisten* (mit einer biographischen Einleitung) heraus, ein Jahr
spater den Doppelband seiner Kritiken >>Aus der Frankfurter Theaterchronik<<.
Damit ist noch nicht alles Wertvolle, was M. hervorgebracht hat, in Biichern
vereinigt, manches scheme Gedicht vor allem ware wohl noch der Veroffent-
lichung wert; aber es liegt doch nun genug Material vor zu einem volligen
Bilde vom Wesen dieses Mannes.
Der Grundton der M.schen Schriften ist der des Glucklosen, des Unbe-
friedigten. Man trifft neben ernsten Worten auch komische, und sie sind sogar
«) Totenliste 1907 Band XII 55*.
22*
340 Mamroth.
in der Mehrzahl; aber es sind immer spottische, nie humorvolle. Fast liefie
sich M.s Ungliick ein religioses nennen. Er tragt eine groBe Sehnsucht im
Herzen und hat kein Ziel dafiir, tastet ins Lecre oder doch nur ins Wider-
spruchsvolle. Er vermag nicht an den biblischen Gott zu glauben, sieht dies-
seits des Todes Zufall und Ungerechtigkeit, jenseits das blanke Nichts. Er
mochte leidenschaftlich gem an die Menschheit und ihren Fortschritt glauben
— denn dafiir kampfte er ja nach besten Kraften! — und sieht doch alle Tage
und allerorten die Dummheit triumphieren und vermag nicht eigentlich auf
den Sieg des Schonen und Grofien zu hoffen. Auch eine Beruhigung im An-
blick der Natur, die er liebt und trefflich zu schildern weifl, kennt er nicht.
So schreibt er aus der Schweiz: »Auch mit meiner Naturschwarmerei hat es
gute Wege. Wer die Natur preist, macht seinem Henker Komplimente, weil
dieser sich eines prachtigen Richtschwerts bedient. Sie bleibt, und wir gehen;
sie schmiickt sich, und wir leiden; ihre GroBe ist unsere Demiitigung. Herren
der Welt von der Natur Gnaden!«. . . Wie es aber keinen noch so allgemeinen
Pessimismus gibt, der nicht zum mindesten eine seiner Wurzeln in das person-
liche Leiden seines Anhangers gesenkt hatte, so findet sich auch neben oder
vor M.s allgemeiner Glucklosigkeit eine tiefe Unzufriedenheit mit dem eigenen
Ich. Ihm fehlt deutlich erkennbar die notwendige hohe Achtung vor seinem
Beruf, seinem Konnen. Er mufi zeitlebens als Journalist wirken und sehnt
sich vergeblich, als Dichter eine groflere, bleibendere Wirkung zu tun. Und
er weifi sehr genau, dafi nicht nur das UbermaB journalistischer Arbeit ihn
vom haufigeren rein poetischen Schaffen abhalt, daB vielmehr eine innerliche
Hemmung vorhanden ist. Er leistet auf dem Gebiete der reinen Dichtkunst
im ublichen Wortsinn herzlich wenig. Sein Drama »Sehnsucht« ist zwar voller
Schonheiten, die den echten Dichter erkennen lassen. Die leidenschaftliche,
ziellos tastende Sehnsucht des Mannes, sein heifler Wunsch nach Freiheit und
Starke der eigenen Personlichkeit, die Qual der eigenen innerlichen Gebunden-
heit, der Zorn gegen alle Kleinlichkeit und Unfreiheit der Welt finden wieder
und wieder Ausdruck. Und dennoch ist das Stuck weder originell, noch auch
bloB biihnentuchtig. Die alte Geschichte von dem Kunstler, der auBerhalb
der Ehe sein wahres Gluck finden will, aber die Fessel der Pflicht nicht dauernd
abstreifen kann, schleppt sich ermiidend hin, und allerhand undramatisches
Episodenwerk hilft den Abend fullen. Einen viel geschlossencren Eindruck
hinterlassen M.s Novellen. Aber eben: »Novellen« ist ein Verlegenheitsaus-
druck flir diese unrubrizierbaren Schopfungen. Allzu oft fehlt ihnen die stetige
Entwicklungslinie der aufieren w T ie der seelischen Handlung. Es sind graziose
Plaudereien, die dem Feuilleton ebenso nahe stehen wie der Novelle, in deren
lose Reihen aber scheinbar unvermittelt allerhand lyrische Edelsteine gefiigt
sind, wehmiitig still glanzende, boshaft glitzernde, leidenschaftlich flammende;
es sind sozusagen Gedichte in Feuilleton-Form, die die Sehnsucht eines Be-
drlickten nach Freiheit, eines Zwiespaltigen nach Einheitlichkeit, eines
Schwachen nach Starke ausdriicken. Und damit ist Fedor Mamroths ganzes
Schaffen gezeichnet. Er ist Journalist und Dichter in einem. Das blofle
dichterische Schaffen ist ihm versagt, aber sein Sehnen nach poetischem Ge-
stagen erhebt seine journalistischen Arbeiten, gleichgultig welchen Stoff sic
behandeln, ins wahrhaft Dichterische. Seine beiden Feuilleton- Biicher sind
um nichts undichterischer als die Novellensammlung. Er mag von Garibaldis
Mam roth. Braunmtihl.
341
Begrabnis oder einem osterreichischen Seemanover berichten, eine Reise nach
Schweden oder Italien schildern, mag sachlichste Berichterstattung, trockenste
Statistik geben: so wird man doch in all diesen Dingen immer wieder die eigen-
artige sehnsuchtige Ktinstlerseele F. M.s entdecken, wird ins harteste Gestein
lyrische Adern eingesprengt finden. Diese personliche Eigenart ist es denn
auch, die seinem stofflich bedeutendsten Buch, der »Theaterchronik«, den
kiinstlerischen Wert gibt. Das Werk enthalt einen ziemlich vollstandigen Ober-
blick der gesamten Dramen, die in Deutschland zwischen 1889 und 1907 mit
einigem Erfolg aufgefiihrt wurden. Klassikerauffiihrungen und literarisch
interessante Ausgrabungen des Frankfurter Theaters, Meinungen der Wiener
und Berliner Kritik geben zu allerhand asthetischen und theatergeschichtlichen
Exkursen Anlafi. Klares Analysieren, scharfes Abwagen fesselt auf jeder Seite.
Aber immer steht hinter dem objektiven Kritiker der subjektive Dichter,
der Lyriker M. Das fiihrt bisweilen zu Ungerechtigkeiten, aber es sind doch
edle und Achtung gebietende Ungerechtigkeiten. Am deutlichsten vielleicht geht
der Standpunkt dieses Kritikers und damit auch des Dichters und ganzen
Menschen M. aus seinem Verhalten Gerhart Hauptmann gegenuber hervor.
Er wendet sich nach der »Versunkenen Glocke« ganzlich von ihm ab, weil
»ein wirklicher Dichter* den Mitmenschen zu zeigen habe, »nicht dafl sie schwach
sein sollen, sondern wie sie stark sein konnen«. Und dann heiflt es im lyrischen
Aufschwung: »Rebellen, Freiheitskampfer sollen unsere Poeten sein, Berater,
Ermutiger, Heifer, Mitschuldige, wenn es sein muB, — feig genug sind wir
auch ohne sie, dafiir sorgt schon die Welt, in der wir leben, und die Zucht, in
der wir aufwachsen. Ein Dichter, der uns nichts gibt als seinen Mut, ist uns
tausendmal lieber als ein Dichter, der uns alles gabe und auch seine Schwache.«
Das ist genau die Melodie, die in M.s Drama »Sehnsucht«, die in all seinen
Novellen klingt, aber hier, ins Journalistische, ins Kritische, ins Unpoetische
gezwungen, hat sie seltsamerweise volleren Ton als in den eigentlichen Dichtungen
dieses Dichters. \r : u *. ^ ~ is\~ m ~t>~~~
Viktor Klemperer.
B rau n mii hi, Anton Edler von, Dr., Professor an der Technischen Hoch*
schule Miinchen, * am 10. Dezember 1 853 in Tiflis in Transkaukasien, -f am
7. Marz 1907. B. kam in Tiflis zur Welt, wohin sein Vater als Architekt berufen
war. Nach dessen fruhem Tode kehrte die Mutter mit dem Sohne nach Miinchen
zuriick, aber auch sie starb bald, so dafi Verwandte den Knaben erzogen. Er
absolvierte das Gymnasium und betrieb dann an der Universitat und an der
Technischen Hochschulc in Miinchen das Studium der Mathematik. An der
Universitat horte er namentlich bei Bauer und Seidel, an der Technischen
Hochschule waren es vor allem Klein, Brill und Liiroth, deren Vortrage ihn an-
zogen. Brill hat auch in seinem Seminar ihn zuerst zu eigenen Arbeiten angc-
regt, und unter seiner Leitung fiihrte er schon im Jahre 1877 im Mathematischen
Institute der Kgl. Technischen Hochschule ein Modell aus, welches die geo-
datischen Linien auf Rotationsflachen konstanter mittlerer Krummung zur
Anschauung bringt. Nach ausgezeichnet bestandener Lehramtsprlifung pro-
movierte er 1878 an der Miinchener Universitat mit einer Arbeit: Uber geo-
datische Linien auf Rotationsflachen und ihre Einhiillenden. Seine erste An-
stellung fand er als Assistent an der Luitpold-Kreis-Realschule in Miinchen;
342
Braunmtihl.
ward dann Kgl. Rcallehrer und spater Studienlehrer am Kgl. Maxgymnasium
in Miinchen. Es ist bezeichnend fiir die Arbeitskraft v. B.s, daC er es zuwege
brachte, neben seiner Tatigkeit als Mittelschullehrer wissenschaftlich weiter zu
arbeiten und sich 1884 als Privatdozent an der Technischen Hochschule zu
habilitieren mit der Arbeit: »Ober die reduzierte Lange eines geodatischen
Bogens und die Bildung jener Flachen, deren Normalen eine gegebene Flache
ber(ihren«, Abhandlungen der bayr. Akad. d. W. 14. Bd. 1883. Im Jahre
1888 wurde er dann Extraordinarius an der gleichen Hochschule mit einem
Lehrauftrage fiir synthetische Geometrie, Trigonometrie und algebraische
Analysis, 1892 Ordinarius fiir die gleichen Facher. Spater trat eine Anderung
insofern ein, als er abwechselnd mit den beiden anderen Ordinarien das Kolleg
liber »Hohere Mathematik« las. Mit hingebendem Eifer widmete er sich dem
Lehrberufe; seine Vorlesungen zeichneten sich durch Klarheit und sorgfaltigen
Vortrag aus, wobei sein padagogisches Talent auch aus seiner Erfahrung als
Gymnasiallehrer Nutzen zog. Im Jahre 1906 begann der anscheinend kraftige
Mann zu krankeln. Mit Aufbietung aller Krafte las er noch bis zum Februar
1907, am 7. Marz erlag er einem schweren Nierenleiden. In seiner wissen-
schaftlichen Tatigkeit hat v. B. zuerst die Differentialgeometrie bevorzugt
und sich namentlich mit der Theorie der geodatischen Linien beschaftigt.
Aufier der schon erwahnten Dissertation und der Habilitationsschrift sind
noch folgende Arbeiten von ihm zu erwahnen: »Uber die Enveloppen geoda-
tischer Linien«, Math. Annalen Bd. 14, 1879, sowie aus dem Jahre 1882 im
20. Bd. der gleichen Zeitschrift: »Geodatische Linien und ihre Enveloppen auf
dreiachsigen Flachen 2. Grades*. Die Betrachtung dieser Kurven fiihrte ihn
weiter zur Untersuchung der elliptischen Funktionen, sowie hoherer Transzen -
denten. Es war namentlich die Theorie der 8-Funktionen, die er in einer
Reihe von Arbeiten forderte, wir nennen folgende: »Untersuchungen iiber
p-reihige Charakteristiken, die aus Dritteln ganzer Zahlen gebildet sind,
und die Additionstheoreme der zugehorigen Thetafunktionen.« Abh. der bayr.
Akad. d. W. 16. Bd. 1887, »Uber die Gopelsche Gruppe p-reihiger Theta-
charakteristiken, die aus Dritteln ganzer Zahlen gebildet sind, und die Funda-
mentalrelationen der zugehorigen Thetafunktionen.« Math. Ann. Bd. 32, 1888,
»Ober Gruppen von p-reihigen Charakteristiken, die aus n-teln ganzer Zahlen
gebildet sind, und die Relationen zugehoriger Thetafunktionen n-ter Ordnung.*
Math. Ann. Bd. 37, 1890. Dies ist nun die Zeit, in der sich B. einem ganz neuen
Arbeitsgebiet zuwendet, dem er mit unendlicher Liebe und groflem Erfolge
alle seine verfiigbaren Krafte widmete, die historische Forschung. Eine Reihe
kleinerer Arbeiten iiber Christoph Scheiner (Bayr. Bibliothek Bd. 24, 1 89 1 ) ,
»Uber Galileo Galilei« (Himmel und Erde, V, 1893), »Uber Sonnenflecken*
(Beil. zur Allg. Ztg. Nr. 66 u. 67, 1893) leiten diese Periode ein. Die weiteren
Untersuchungen beziehen sich meistens auf die Entwicklung der Trigonometrie:
eine im 11. Jahrhundert benutzte Methode wird erortert in folgenden Arbeiten:
»Beitrag zur Geschichte der prosthapharetischen Methode in der Trigonometric*
Bibliotheca math, neue Folge X und »Beitrage zur Geschichte der prosthapha-
retischen Methode in der Trigonometrie. « Festschrift zu M. Cantors Jubilaum,
herausgegeben von M. Curtze und S. Giinther. Leipzig, Teubner, 1899. Auch in
Vorlesungen wurde nun dieses Gebiet erortert. Im Wintersemester 1893/94
hielt v. B. seine erste historische Vorlesung: >>Uber Geschichte der Mathematik
Braunmtthl. Eyth, 343
von den altesten Zeiten bis zur Mitte des Zei takers der Renaissances Spater
trat neben die Vorlesungen auch noch ein »Mathematisch-historisches Seminar*,
wohl eines der ersten in Deutschland. Aus alien diesen Studien und Vorarbeiten
wuchs B.s wichtigstes Werk heraus: ^Vorlesungen iiber Geschichte der
Trigonometries. Leipzig. 1. Teil 1900. 2. Teil 1903. Das gleiche Gebiet
hat er auch im 4. Bande von M. Cantors »Vorlesungen iiber Geschichte der
Mathematik* bearbeitet. Gemeinsam mit S. Giinther plante er die Herausgabe
einer ^Geschichte der Mathematik« in der Sammlung Schubert bei Goeschen,
aber er erlebte bereits nicht mehr das Erscheinen des ersten Bandes, der
bis zum Jahre 1637 reicht und von Giinther bearbeitet wurde. Doch sind
soviel Vorarbeiten vorhanden, dafl die Herausgabe dieses 2. Bandes (durch
Dr. Wieleitner, Speyer) moglich sein wird. Ein wesentlicher Zug aber wiirde
in dem Bilde dieses arbeitsfrohen Mannes fehlen, wiirde man nicht seine Zuriick-
haltung und Bescheidenheit erwahnen; alle Reklame war ihm verhaflt und er
fand sein Gliick in seiner Hauslichkeit, in der wissenschaftlichen Arbeit und im
Verkehr mit wenigen Gleichgesinnten.
Miinchen. Karl Doehlemann.
Eyth x ), Max, Ingenieur, Schriftsteller, * 6. Mai in Kirchheim u. T., f 25.
August 1906 in Ulm. — 1840 ubersiedelte der Vater als Ephorus des theolo-
gischen Seminars nach Schontal und spater nach Blaubeuren. Der Sohn Max er-
hielt unter der Leitung des Vaters zunachst eine Erziehung, wie sie fiir zukiinftige
evangelische Pfarrer und Philologen in Wurttemberg seit Jahrhunderten iiblich
ist. Der Vater sowohl als die treffliche Mutter (eine geborene Capoll) waren
schriftstellerisch tatig, eine Begabung, die sich auch bei Max in friihester Jugend
regte; die philosophischen Studien im Seminar sagten ihm aber gar nicht zu,
es erwachte in ihm der Sinn fiir Mathematik und Zeichnen, und die Eltern
erkannten alsbald, dafl der Sohn nicht dem Berufe des Vaters und Groflvaters
folgen wiirde und sandten ihn zur Ausbildung in die polytechnische Schule
nach Stuttgart. Hier machte er sich durch Temperament, Begabung, Fleifl,
ohne auf die Freuden des akademischen Lebens zu verzichten, bald bemerklich;
er errang in vier Studienjahren drei Preise. Dafl er schon damals musiziertc
und humorvolle Gedichte machte, wurde von seinen Studienfreunden mit
Bewunderung vermerkt. Erfahrene Praktiker empfahlen schon in jenen Jahren
auch dem begabtesten Theoretiker vor oder nach abgeschlossenen Studien
eine mehrjahrige praktische Tatigkeit in der Werkstatte. Bei der damals in
siiddeutschen Fabriken iiblichen Arbeitszeit von morgens 5 bis abends 7 Uhr
erforderte es eine starke Willenskraft des zum jungen Manne herangewachsenen
Akademikers, sich hierfiir zu binden. E. fand zunachst Arbeit in einer Werk-
statte in Heilbronn, wo er nach einigen Monaten entlassen wurde, dann in der
Maschinenfabrik von G. Kuhn in Berg bei Stuttgart. Es gab da Ende 1852
nach mehrjahriger Arbeit am Schraubstock fiir ihn Gelegenheit zu auswartigen
Auftragen, zur Leitung und Oberwachung von Maschinenmontagen, deren
Erledigung ihm das Vertrauen seines Arbeitgebers sicherte und sich als eine
angenehme, anregende Unterbrechung der monotonen Werkstattarbeit erwies.
Die i860 in Paris aufgetauchte vielversprechende Lenoirsche Gasmaschine
*) Totenliste 1906 Band XI, 19 *.
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r
344 Eyth -
gab E. Veranlassung zu einer ersten Reise ins Ausland, und zwar nach Paris.
Das Ergebnis dieser Spionenfahrt, wie er sie selbst nannte, ermoglichte es zwar,
nach seinen Angaben in der Kuhnschen Fabrik eine Maschine nach dem Lenoir-
schen Prinzip herzustellen, ein weiterer geschaftlicher Erfolg blieb aber aus,
in unserem Spion war aber der Drang nach Erweiterung seines Gesichts-
kreises erwacht. Mit sehr bescheidenen Mitteln, manchen Empfehlungsbriefen,
mit besten Zeugnissen ausgestattet, begab er sich anfangs 1 86 1 auf die Wander-
schaft zunachst nach den Rheinlanden und Westfalen, dann nach Belgien.
Wohl gelang es ihm, mannigfaltigere und grofiartigere Maschinenanlagen zu
sehen, die dem unermudlichen Wanderer reichen Stoff {(ir seine Skizzenbiicher
lieferten, Brot und Arbeit war aber nirgends zu finden. Im Mai in Antwerpen
angekommen, faflte E. den Entschlufi, sein Gluck iiber dem Kanal zu versuchen,
und so landete er gliicklich am 18. Mai 1861 im Hafen von London. Hier sowie
in Manchester, dem Hauptsitze der damaligen Maschinenbauerei, waren alle
Bemiihungen, Arbeit zu finden, durch Monate vergeblich, der Besuch der
Wanderausstellung der englischen Landwirtschaftsgesellschaft (Royal Agri-
cultural Society) in Leeds bot reiche Gelegenheit, sich iiber den damaligen Stand
des Agrikulturmaschinenbaues in England zu informieren und das Gesehene
durch Berichte an das damals fuhrende Dinglersche Polytechnische Journal
auch zu verwerten. Dafi es dem personlich so einnehmenden, hochbegabten,
wissenschaftlich geschulten deutschen Ingenieur — was so viele andere auch
schon friiher erfahren hatten — so schwer gelang, in jener Zeit in England
Arbeit zu finden, obgleich es solche in Fulle gab, hatte seinen Grund in den
von deutschen Fabriken wesentlich verschiedenen Betriebsweisen englischer
Unternehmungen. England hatte um jene Zeit kaum offentliche Bildungs-
anstalten, an denen man technisches Zeichnen lernen konnte. Der englische
Draughtsman, falls sich ein solcher uberhaupt in einer Fabrik vorfand, war
in der Fabrik aufgewachsen und spiel te da eine hochst untergeordnete Rolle.
Plane zu neuen Maschinen entwarfen der Manager mit dem Modellschreiner-
meister meist mit Kreide auf dem Boden der Modelltischlerei. Das erste Exem-
plar einer neu projektierten Maschine entstand unter mannigfaltigen Anderungen
wahrend der Ausfuhrung in der Werkstatte; man war zufrieden, wenn das
zweite Exemplar dem Zwecke entsprach, wufite man doch, dafi am ersten
Exemplar jedenfalls nichts verdient wird und erst die zahlreiche Wiederholung
einen Gewinn versprach. Mitgebrachte Schulzeugnisse wollte niemand sehen,
dem Fremden begegnete man mit MiBtrauen, man vermutete in ihm einen
Spion, und dazu kam noch die Schwierigkeit sprachlicher Verstandigung selbst
fur den, der zu Hause etwas Englisch gelernt hatte. Man mufite endlich froh
sein, wenn man als gewohnlicher Arbeiter Aufnahme fand. Dabei sollte man
mit den recht gewandten, wenn auch einseitigen englischen Nebenarbeitern,
die eine 7 jahrige Lehrzeit durchgemacht, konkurrieren. Der erste Schritt
war die Erwerbung eines Arbeiteranzuges aus englischem Baumwollstoff,
hier zu Lande englisches Leder genannt, den jeder englische Mechanic die Woche
durch tragt, um ihn nach 8 Tagen mit einem frischgewaschenen Exemplare
zu vertauschen und der ihn von dem gewohnlichen ^Laborer* unterscheidet. —
So ging es auch E., dem es endlich gegliickt war, durch eine Empfehlung eines
Herrn Alfred Tylor in London an dessen Glaubensgenossen — sie waren
Quaker — John Fowler in Leeds um bescheidensten Lohn Arbeit zu finden.
Eyth. 345
John Fowler, ein noch junger Herr, hatte sich seit ein paar Jahren eine Werk-
statte fiir den Bau von Dampfpfliigen eingerichtet, auch schon eine maflige
Anzahl solcher in England eingefiihrt und nach den Kolonien versandt; dem
liebenswurdigen Manne standen unbegrenzte Geldmittei zur Verfiigung; Fleifi
und zahe Beharrlichkeit hatten schon viele Schwierigkeiten uberwunden, doch
war man auf einem neben der Fabrik gelegenen Ackerfeld noch viel mit Experi-
mentieren beschaftigt.
Der Dampfpflug hatte um jene Zeit bei den verschiedenen konkurrierenden
Erbauern desselben einen gemeinsamen Typ angenommen, dessen Wesent-
liches darin bestand und das sich auch bis heute erhalten hat, dafi an den beiden
gegenliberliegenden Randern des zu pfliigenden Feldes je eine Dampflokomobile
mit horizontal gelagerten Seiltrommeln durch Dampf in Betrieb gesetzt wird
und den an einem endlosen Drahtseil angehangten Pflug uber das Feld herzieht.
Der Pflug selbst hat im Gegensatz zu dem uralten Pflug eine Mehrzahl neben-
einanderliegender Scharen, so dafi bei einem Marsch uber das Feld eine Anzahl —
4 — 6 und zwar wesentlich tiefere — Furchen auf einmal ausgehoben werden.
Von den beiden sich im Betriebe abwechselnden Lokomobilen zieht die eine
hin, die andere her; ist eine Reihe von Furchen aufgebrochen, so riicken die
beiden Lokomobilen um einen entsprechenden Weg langs der Ackergrenze hin
und das Spiel wiederholt sich. »Zuerst pflugen lernen«, riet der wohlwollende
Prinzipal seinem neuen Schuler und spateren Mitarbeiter. E. wurde zunachst
fiir einige Zeit einem Monteur beigegeben und erwies sich dabei so anstellig,
dafi Herr Fowler ihn alsbald fiir Hoheres ins Auge fafite, ihn veranlaflte, die
Handhabung des Dampfpfluges auf dem Felde unter den verschiedensten
Boden- und Witterungsverhaltnissen kennen zu lernen. Das war harte Arbeit,
aber auch eine dankbare Aufgabe, handelte es sich doch darum, an der Kon-
struktion des noch neuen Apparates Verbesserungen anzubringen, die nicht
am Reifibrett, wohl aber bei der Arbeit im Felde durch genaue Beobachtungen
der Vorgange erdacht und schliefilich in der Werkstatte durchgeflihrt werden
mufiten. All dem anderen Fabrikpersonal gegenuber war E. bald nach den
verschiedensten Richtungen ernstlich iiberlegen. Seine in den heimatlichen
Lehranstalten erworbenen Sprachkenntnisse erwiesen sich bei dem in Aus-
sicht genommenen Verkehr mit der weiten Welt als wertvoll, ja fur das Geschaft
unentbehrlich. Man versprach sich um jene Zeit von der Einfuhrung eines er-
probten Dampfpfluges goldene Berge, nachdem das Mutterland England Indien
und Australien mit Eisenbahnen ausstattete, und grofie Gebiete sollten dem
Ackerbau und der Landwirtschaft erschlossen werden; da ferner infolge des
Krieges in den Vereinigten Staaten von Nordamerika (1859 — 1863) die rohe
Baumwolle auszubleiben drohte, mufite an neue Bezugsquellen derselben
gedacht werden. Auch in Agypten, das um jene Zeit einen grofien wirtschaft-
lichen Aufschwung genommen hatte, hoffte man auf ein gutes Absatzgebiet
fur den Dampfpflug. Mit Abschaffung der Sklaverei in den amerikanischen
Siidstaaten w r ar auf den Bezug der Baumwolle von daher nicht mehr mit
Sicherheit zu rechnen, und konkurrierende Lander — Ostindien und Agypten —
wollten sich die ins Unglaubliche gestiegenen Baumwollpreise zunutze machen
und ihre Produktion an roher Baumwolle erhohen, wozu die Anwendung des
Dampfpfluges vielversprechend erschien. E. hatte nun zunachst die Vertretung
der Fowlerschen Dampfpflugwerke auf der denkwurdigen intcrnationalen
346 Eyth.
Londoner Weltausstellung 1862 zu ubernehmen; sie bot ihm Gelegenheit, zahl-
reiche Geschaftsverbindungen anzukniipfen. Nach Schlufi der Ausstellung
sollte er nach Assam in Ostindien reisen, um nach dort gesandte Pfliige in Be-
trieb zu setzen. Auf dem Wege dahin war auch eine Inspektion in Agypten
vorgesehen, wohin Dampfpfliige abgegangen und bei deren Inbetriebsetzung
Schwierigkeiten aufgetreten waren. Der personliche Verkehr mit dem Prinzen
Halim Pascha in Kairo, einem Onkel des Khedive, einem in Paris erzogenen
Kavalier, fiihrte dazu, dafl E. von diesem ebenso reichen als unternehmenden
Grofigrundbesitzer als Oberingenieur fiir seine verschiedenen technischen
Betriebe — Wasserwerke, Dampfpflligerei usw. — engagiert wurde und mit
Einverstandnis seines Herrn Fowler die Reise nach Indien aufgab und zunachst
in Agypten verblieb.
Auf dem klassischen Boden Agyptens, am Nil, in der Nahe tausendjahriger
Pyramiden und Tempel fiihlte sich E. bald zu Hause; ein ungemein dankbares
Feld der Tatigkeit war ihm da nebst reichen Mitteln zur Durchfiihrung seiner
und Halim Paschas Plane zur Verfugung gestellt, doch dauerte diese Herr-
lichkeit nur 3 Jahre. Nach Beendigung des amerikanischen Krieges waren
die Preise der Baumwolle ebenso schnell gesunken, als sie vorher gestiegen
waren; der Prinz geriet in finanzielle Schwierigkeiten, seine Besitzungen wurden
vom Khedive eingezogen, E. kehrte wieder in das Fowlersche Geschaft nach
Leeds zuriick, in dessen Diensten er nun als hochgeschatzter Mitarbeiter noch
20 Jahre verblieb. Der Absatz der Dampfpfliige nach Agypten war ins Stocken
geraten; man war darauf bedacht, neue Absatzgebiete aufzufinden, wie auch
der Losung verwandter Aufgaben — so der Drahtseilschiffahrt auf Kanalen —
naherzutreten. E. begab sich deshalb im November 1866 zunachst mit dem
Auftrage nach Nordamerika, auf dem die groflen Seen der Vereinigten Staaten
mit New York verbindenden Erie-Kanal die Drahtseilschiffahrt einzufiihren.
Im weiteren schien nach Beendigung des amerikanischen Krieges der richtige
Zeitpunkt gekommen, die Einfiihrung des Dampfpfluges in den von der Sklaverei
befreiten Siidstaaten zu versuchen und Erfolg versprechend. E. hatte so im
Jahre 1867 den ersten Dampfpflug in Luisiana eingefuhrt; dessen Vorfuhrung
auf einer Ausstellung in New Orleans sollte demselben bahnbrechen; da stellten
sich aber wieder unerwartete Schwierigkeiten ein. Die Folgen des Krieges
hatten viele grofle Plantagenbesitzer verarmt, es fand sich nur eine Person-
lichkeit, die fiir die geleistetc Pflugarbeit zwar zu bezahlen bereit war, sich aber
zum Ankauf eines Apparates nicht verstehen wollte. Das Haupthindernis
weiterer Geschaftsverbindungen mit Amerika bildete der in den Vereinigten
Staaten bestehende exorbitante Eingangszoll von 50% des Wertes fiir aus
dem Auslande eingefiihrte Maschinen. Alle Bemuhungen, diesen zu beseitigen
oder Zollermafiigungen zu erlangen, die E. personlich in Washington betrieb,
erwiesen sich als erfolglos, und so kehrte er nach zweijahrigem Aufenthalt in
den Vereinigten Staaten sehr unbefriedigt uber die dort beobachteten Zustande
wieder nach England zuriick, wo er eine zweite Heimat gefunden und dessen
Volk er hochzuachten gelernt hatte.
Die folgenden Jahre brachten grofle Arbeiten mannigfacher Art in den
verschiedensten Landern: Tauerei auf belgischen Kanalen; Einfiihrung des
Pfluges in den Zuckerrohrkulturen in Westindien, die Ausbildung eines Systems
von StraBenlokomotiven fiir schweren Transport; die Einfiihrung des Pfluges
Eyth. 347
in England, Osterreich-Ungarn, Rufiland und Rumanien, je unter Beachtung
der lokalen Bedurfnisse.
Um jene Zeit war der Schiffahrt mit gewohnlichen Dampfern auf Flussen
in der Einfuhrung der Kettenschiffahrt eine Konkurrenz erwachsen; solche
war in Deutschland schon auf der Elbe mit Erfolg eingefuhrt. Der Gedanke,
die in einem Flusse versenkte Kette, an der sich ein Motorschiff hinaufhaspelte,
durch ein weit billigeres Drahtseil zu ersetzen, lag nahe, und die in Belgien
gemachten Versuche, die auf Kanalen eingefuhrte Drahtseilschiffahrt auf
Strome zu ubertragen, waren die Veranlassung zur Griindung einer deutschen
Zentralaktiengesellschaft fur Einfuhrung der Tauerei; sie hatte die hollandischen
Kanale und den Rhein besonders ins Auge gefaBt; E. war hierbei unter Bei-
ziehung seines Studienfreundes Theodor Schwarz aus Stuttgart, der spater
die Drahtseilschiffahrt auf dem Rhein bis Bingen mit Erfolg durchfiihrte,
hervorragend beteiligt.
Die Vertretung der Fowlerschen Werke auf der Weltausstellung in Wien
im Jahre 1873 brachte E. wieder in nahen Verkehr mit seinen Landsleuten
und veranlaflte einen fast einjahrigen Aufenthalt in der Kaiserstadt Die Ver-
tretung bei der Weltausstellung in Paris im Jahre 1878 brachte E. in nahere
Beziehung zu Frankreich und seinen Kolonien und zu Italien. Der Fowlersche
Dampfpflug hatte tiberall die hochsten Auszeichnungen erlangt, weit uber alle
anderen Pflugsysteme gesiegt, einer intensiveren, allgemeineren Verbreitung
auf dem Kontinente und in Deutschland stand aber immer noch dessen hoher
Anschaffungspreis — IOOO — 1500 englische £, je nach Wahl des Systems und
Grofle — entgegen.
E. hatte in der Mitte der siebziger Jahre seinen jiingeren Bruder Eduard,
der glucklich aus dem deutsch-franzosischen Kriege zuriickgekehrt war, an
seine Seite ins Fowlersche Geschaft nach Leeds gezogen -und es war den beiden
Brudern vergonnt, ein paar Jahre zusammen zu arbeiten; auch Bruder Eduard
hatte sich eine Vertrauensstelle im Geschaft errungen und wurde zur Auf-
stellung einer Zuckerraffinerieeinrichtung nach Kuba gesandt, wo sein junges
hoffnungsvolles Leben dem gelben Fieber erlag. Nach mehr als 20jahriger
aufreibender Tatigkeit im Fowlerschen Geschaft, die unter den verschiedensten
klimatischen Verhaltnissen in vier Erdteilen an die Widerstandsfahigkeit unseres
unermudlichen E. die hochsten Anforderungen gestellt hatte, nachdem nach
dem Tode des Griinders John Fowler auch im Geschaft in Leeds selbst unter
den Erben zahlreiche Personalveranderungen vor sich gegangen waren, war
E. zu dem Entschlufl gekommen, sich einige Jahre Ruhe zu gonnen und zu
diesem Zwecke in die Nahe der betagten Eltern nach dem Vaterlande zuriick-
zukehren.
Alle seine Erlebnisse in den zuriickgelegten 20 Jahren hat der dankbare
Sohn in Briefen an die Eltern niedergelegt; sie sind in den Jahren 1871 — 1884
unter dem Titel »Wanderbuch eines Ingenieurs« in 6 Banden im Verlag der
Winterschen Universitatsbuchhandlung in Heidelberg erschienen. E. pflegte
nicht nur seine Eltern (iber seine Erlebnisse und Beobachtungen in all dieser
Zeit auf dem Laufenden zu erhalten, der Unermiidliche fand auch noch Zeit
unter den oft schwierigsten Verhaltnissen die empfangenen Eindriicke in treflf-
lichen Handskizzen — Kodaks gab es damals noch nicht — zu fixieren, deren
Zahl auf mehrere Tausende angewachsen ist; dieselben sind nach seinem Hin-
348 Eyth.
gang der Stadtbibliothek in Ulm a. D. einverleibt worden. Unter all den Schil-
derungen seiner Erlebnisse in den verschiedenen Erdteilen sind jene iiber den
Aufenthalt in Agypten, der ein so jahes Ende genommen, die allerinteressante-
sten. Es bestand da schon wahrend seines ersten Aufenthaltes Mitte der 6oer
Jahre ein scharfer Wettstreit zwischen Englandern und Franzosen, das auf-
strebende Agypten und seine Groflen mit neuen Unternehmungen zu begliicken
und ihre eigenen Taschen zu fiillen. Auch nach der agyptischen Krise des
Jahres 1868 hatte E. wiederholt die Aufgabe, dieses Land zu besuchen; er
fand die zahlreichen kleineren Bewasserungsanlagen wegen hoher Kohlen-
und niederer Baumwollpreise kaltgestellt, an Stelle des undankbaren Baum-
wollbaues war der Bau des Zuckerrohres eingefiihrt und eine Uberzahl von
Riesenzuckerfabriken errichtet, die grofltenteils wieder zugrunde gingen.
Mehr und mehr hatten in der Regierung des Landes die Englander die
Oberhand gewonnen; sie beschafften die Kapitalien fiir die Riesenstauanlagen
am oberen Nil, von denen wir in den letzten Jahren so viel gelesen, erschlossen
durch Bewasserung ausgedehnte Landerstriche hauptsachlich ftir den weniger
Konjunkturen unterworfenen Getreidebau. Hatte auch E. mit diesen spateren
Unternehmungen personlich nichts zu tun, so verfolgte er sie doch mit dem
lebhaftesten Interesse, wie aus seinen mehrfachen Schilderungen derselben
hervorgeht.
Das im Jahre 1884 ebenfalls im Winterschen Verlag in Heidelberg er-
schienene dreibandige Werk »Im Strom unserer Zeit; aus Briefen eines In*
genieurs« ist im wesentlichen eine neue Auflage des »Wanderbuches eines In-
genieurs« mit mancherlei Erweiterungen und erganzt durch eine bescheidene
Auswahl der schon erwahnten Skizzen von E.s eigener Hand.
In der Absicht nach 20jahriger harter Arbeit seine Heimat und Freiheit
wieder zu gewinnen, schlug E. im Juli 1882 seinen Wohnsitz in Bonn auf. Sein
nachster Wunsch war, in die Nahe der gealterten Eltern, welche ihren Wohnsitz
nach Ulm a. D. verlegt hatten, zu kommen. Das Verlangen, seine ganze ge-
stahlte Kraft dem Wohle des geeinigten Vaterlandes zu widmen, das einen
seiner Jugendtraume gebildet hatte, lieB den anfanglichen Wunsch nach Ruhe
nicht verwirklichen. Bei der Wahl seiner neuen Niederlassung war die Nahe
der landwirtschaftlichen Akademie Poppelsdorf bei Bonn und deren Direktor
Dinckelberg bestimmend, mit dem E. seit Jahren in Freundschaft verbunden
war und in dessen Familie er frohe Stunden der Erholung verbrachte. Durch
den vielfachen Verkehr mit englischen Gutsbesitzern und als ofterer Vertreter
der Fowlerschen Fabrik auf den Wanderausstellungen der Royal Agricultural
Society hatte E. Gelegenheit, sich von dem hohen Stand der Landwirtschaft,
der Pferde- und Rindviehzucht in England zu unterrichten und die auBer-
ordentlich segensreiche Tatigkeit dieser seit dem Jahre 1838 in England be-
stehenden Gesellschaft kennen zu lernen; so trug er sich, ins Vaterland zuriick-
gekehrt, mit dem Plane, ein ahnliches Unternehmen in Deutschland ins Leben
zu rufen, wo durch die Griindung des Reiches die Durchfiihrung eines solchen
Planes erleichtert und Erfolg versprechend erschien. Auf einer in Hamburg
von dortigen Kaufleuten im Jahre 1883 abgehaltenen internationalen land*
wirtschaftlichen Ausstellung war sein Plan in kleinem Kreise von deutschen
Freunden zur Reife gelangt und von ihm der EntschluC gefaBt, fur die Durch-
fiihrung dieses Unternehmens seine ganze Kraft einzusetzen. Er begann da-
Eyth. 349
mit, an der Hand der umfassenden Jahrbucher der englischen Gesellschaft
deren Entstehung und Entwicklung eingehend zu studieren; von deren Er-
folgen hatte er schon durch seine Bekanntschaft mit den englischen landwirt-
schaftlichen Verhaltnissen bereits ein richtiges Bild gewonnen. Die programm-
mafiige Tatigkeit der englischen Gesellschaft bestand: I. in der Schaffung
einer Organisation zur Durchfuhrung praktischer Versuche in alien Zweigen
der Industrie in bezug zur Landwirtschaft, in wochentlichen Mitteilungen
an seine Mitglieder und in der alljahrlichen Herausgabe eines Bandes mit den
Ergebnissen vieler Versuche; 2. in der Veranstaltung zweier jahrlicher Versamm-
lungen der Mitglieder, der einen im Dezember in London, und einer Wander-
ausstellung in der Zeit zwischen Heu- und Getreideernte in einer bedeutenden
Provinzialstadt des Landes je in Verbindung mit Mitteilungen und Erorterungen
der Fachgenossen. — Die Ausstellungen sollten keine Volksfeste sein mit all
der Zutat von Wirtschaf ten usw. usw., wie wir sie in den verschiedenen deutschen
Staaten durch Regierungen oder Vereine seit einigen Menschenaltern einge-
fiihrt sehen, sondern sie sollten in erster Linie den Charakter eines geschafts-
mafligen mehrtagigen Marktes fur Tiere, landwirtschaftliche Produkte und
landwirtschaftliche Maschinen werden, mit einer Versammlung der Berufs-
genossen zu personlichem Austausch ihrer Erfahrungen; durch das Wandern
der Ausstellung uber alle Gaue des Reiches sollte das Interesse an den Be-
strebungen der Gesellschaft in die weitesten Kreise getragen und die Fort-
schritte und Erfahrungen der einzelnen Bezirke allgemeine Anregung und
Befruchtung bringen. E. verwandte nun beinahe drei Jahre dazu, fur das
Zustandekommen einer deutschen Landwirtschaftsgesellschaft im wesent-
lichen nach englischem Muster durch die Presse und Fuhlungnahme mit den
maflgebenden Personlichkeiten der bestehenden landwirtschaftlichen Vereine
in den verschiedenen deutschen Bundesstaaten zu wirken. Aufrichtige, fur
seinen Plan eingenommene Freunde hielten die zu erwartenden Schwierig-
keiten fur unuberwindlich, der schon bestehende Kongrefi der deutschen Land-
wirte verhielt sich ablehnend und hielt E.s erstes Programm: innerhalb zweier
Jahre fur seine Gesellschaft 2500 Mitglieder mit einem Jahresbeitrag von
je 20 Mk. zu finden, fur unausfuhrbar; doch war es einem im Mai 1884 zu-
sammengetretenen Provisorium gelungen, 500 Mitglieder zu zahlen, auch ein
mafiiges Restvermogen einer eingeschlafenen deutschen Ackerbaugesellschaft
fiir die Dienste der neuen deutschen Landwirtschaftsgesellschaft zu erlangen.
Am 30. September 1885 endlich konnte E. bekannt geben, dafi die Mitglieder-
zahl von 2500 erreicht sei; am 11. November desselben Jahres konnte sich die
deutsche Landwirtschaftsgesellschaft konstituieren und E. als geschafts-
fuhrendes Mitglied an deren Spitze gestellt werden, wodurch dann seine Uber-
siedelung nach Berlin veranlaflt wurde. Es folgten nun umfassende Organi-
sationsarbeiten auf wohlerwogenen Grundlagen, die Grvindung der Bureaux
mit den erforderlichen Hilfskraften, die Wahl des zweiten trefflichen Geschafts-
fiihrers Wolbing, wobei sich E. das so wichtige Ausstellungswesen der Gesell-
schaft vorbehalten hatte.
Die Ausschliefiung aller politischen Fragen wurde als erster Grundsatz^
auf gestellt; die Vereinigung der Landwirte ganz Deutschlands zur technischen
Forderung ihres Berufes, die Ergebnisse der Wissenschaft und des neuzeitigen
Verkehrs sollten der praktischen Landwirtschaft dienstbar gemacht werden
r
\
350 Eyth.
und zwar durch die eigene Kraft der Vereinsmitglieder ohne (unselbstandiges)
Anlehnen an Staatshilfe; das war sein dem englischen Muster nachgebildetes,
an deutsche Verhaltnisse angepaBtes Arbeitsprogramm, das alsbald unver-
anderte Annahme fand.
Im ersten Vereinsjahr (1886) beschrankte man sich auf eine in Dresden
abgehaltene Mitgliederversammlung; die erste Wanderausstellung wurde im
Jahr 1887 in Frankfurt a. M. veranstaltet und seither folgten sich solche alle
Jahre je an einem anderen Orte, Siid und Nord, Ost und West, im Reiche
abwechselnd. Diese Wanderausstellungen erwiesen sich alsbald als ernste
Fachausstellungen zu gegenseitiger Anregung und Forderung. Die Gesellschaft
hat darauf verzichtet, daraus eine Efrinahmequelle fur sich zu machen, haben
doch die ersten 20 Ausstellungen durchschnittlich jede einen Zuschufl von
50000 Mk. aus Vereinsmitteln erfordert. Als der wichtigste Teil dieser Aus-
stellungen enviescn sich die Tiere; die landwirtschaftlichen Produkte stellten
sich je nach dcm Orte mehr oder weniger zahlreich ein, die Zahl der vorge-
fiihrten Maschinen und Gerate hat alljahrlich ganz erheblich zugenommen,
obgleich nur neue Gerate gepruft wurden und um Preise konkurrieren konnten.
E. war nicht der Mann, der dieses grofle Unternehmen griindete und dessen
Durchf iihrung anderen iiberlieB, im Gegenteil, er war von Anfang an und blieb f ur
10 Jahre die Seele desselben, der erste und letzte am Platze, wo es zu arbeiten
gab. Er hatte wohl erkannt, daB — auf deutschem Boden besonders — auch
das beste Programm nach kurzer Zeit scheitert, wenn die Leitung nicht mit
voller Hingabe und auf Grund von reichen Erfahrungen in die Hand genommen
wird. Die Wahl und Mitarbeit seines Kollegen Wolbing erwies sich als eine
tibcraus gluckliche. Die ersten schwierigen Aufgaben bildete die Veranstaltung
der jahrlichen Wanderausstellung: Die Wahl der Stadt,
das Ansinnen an deren Verwaltung zur Verwilligung eines angemessenen Bei-
trages zum Risiko dcs Unternehmens — angesichts des der Stadt zukommenden
direkten Nutzens — , die Wahl eines der Lage nach geeigneten hinlanglich
groBen Ausstellungsplatzes, die pachtweise Sicherung desselben, wenn er in
Privatbesitz sich befand, durch Vertrage; die unerlaBliche BeschafFung eines
Eisenbahnanschlusses; die Herrichtung des Platzes; Anlage von Wegen,
Wasserleitungen und Umzaunung, Vorarbeiten, die erforderlich waren, ehe
man an den eigentlichen Ausstellungsplan gehen konnte, der sich nach der
viel spater zu erwartenden Zahl und Grofle der Anmeldungen zur Beteiligung
richten muBte. All dies erforderte schon zahlreiche personliche Verhandlungen
und monatelange Vorbereitungen eines erfahrenen gewiegten Mannes, die stets
von E. personlich durchgefiihrt wurden. Der Termin zur Abhaltung der Aus-
stellung war je ein Jahr zuvor zu bestimmen, je in der zweiten Halfte des Mo-
nats Juni. Es muBte fur alle Zufalle der Witterung Vorkehr getroffen werden.
Da die Dauer der Ausstellung sich auf eine Woche beschrankte, muflte sie am
Tage der Eroffnung fix und fertig sein; was das heiBt, weiB derjenige, der schon
Ausstellungen mitgemacht und die Saumseligkeit mancher kennen gelernt
hat, handelt es sich doch hier um die Unterbringung von annahernd 2000 wert-
vollen Tieren, aus den selbst entferntesten Teilen des Reiches zugefuhrt, die
alle in ein bis zwei Tagen auf dem Ausstellungsfelde untergebracht, ihren
Stall, ihr Futter haben mussen und getrankt sein wollen; hier muBte ein wohl
iiberlegter, bis ins Kleinste ausgearbeiteter Aufstellungs- und Aufmarschplan
Eytb. 3SI
vorliegen, sollte nicht die grofite Konfusion und noch groBerer Schaden ent-
stehen. War die Ausstellung endlich am Platze, so begannen die Sitzungen
der vielen Sektionen und die schwierigen Arbeiten des Preisgerichts. Alle
diese Arbeiten hat E. mit einem auBerordentlich kleinen Stabe bezahlter Leute
und mit einer Anzahl hingebender Vorstandsmitglieder unter Einsetzung
seiner vielseitigen Leistungsfahigkeit und ohne Entschadigung durchgeflihrt;
an jedem neuen Ausstellungsorte muflten dieselben Vorverhandlungen unter
oft vvesentlich verschiedenen Unterlagen stattfinden. Wahrend voller 10 Jahre
hat sich E. dieser Riesenarbeit lediglich aus Liebe und Begeisterung fur die
Sachc personlich unterzogen. Mit der ersten Wanderausstellung in Frankfurt
hatte E. im Jahre 1887 begonnen und mit jener von Stuttgart -Cannstatt im
Jahre 1896, die leider vom Himmel wenig begunstigt war, als Leiter abge-
schlossen. Wer vermochte ein ahnliches Beispiel uneigennutzigster person -
licher Opferwilligkeit zu nennen? Die Erfolge sind aber auch nicht ausge-
blieben. Es erwiesen sich die umfassenden und planvoll angeordneten Wander -
ausstellungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft als ein groBer Segen.
Sie fordern die Zusammengehorigkeit der verschiedenen Wirtschaftsgebiete
des ganzen Deutschen Reiches, sie fordern das BewuBtsein des Zusammen-
hangs beruflich getrennter Volksteile, sie zeigen, daB es verderblich ist, wenn
die Landwirtschaft auf der einen, und Industrie und Handel auf der anderen
Seite sich als Gegner ansehen. Die Zahl der Vereinsmitglieder war
beim Ausscheiden auf mehr als 12000 angewachsen, zurzeit sind es deren
18000; dank der vorsichtigen Finanzwirtschaft ist es gelungen, eine Ruck-
lage von 2 500000 Mk. fur die Gesellschaft anzusammeln, um deren Fortbestand
zu sichern. Trotz aufreibendster Arbeit und vielseitigster personlicher Inan-
spruchnahme war E. ein stets heiterer liebenswurdiger Gesellschafter ge-
blieben. Er war der treueste Freund, unverheiratet geblieben, kein Freund von
langen Reden und ganz verhaBt waren ihm Versammlungcn, auf denen von
Volksrednern oratorische Leistungen verzapft wurden, an die sich dann Re-
solutionen anschlossen, um deren Durchf uhrung sich spater niemand bekummerte.
Mit gelehrtem Wissen und Ideen allein war ihm nicht zu imponieren, er wollte
Taten sehen und setzte bei allem, was er anfaBte, seine ganze vielseitige zahe
Kraft ein; er war ein feiner Beobachter von Menschen und Dingen und wuBte
seine Eindriicke in anziehender Form wiederzugeben. Zwischen dem Erscheinen
des 1. Bandes des Wanderbuches eines Deutschen Ingenieurs und der zweiten
Auflage desselben liegt ein Zeitraum von ca. 20 Jahren mit vielen neuen Lebens-
erfahrungen, die ihn veranlaBten, in manchem sein Urteil uber friihere Be-
obachtungen zu andern, so namentlich die in den Vereinigten Staaten von Ame-
rika bei seinem ersten Besuche empfangenen.
Nach dem im Jahre 1896 erfolgten Riicktritt von der Leitung der Deutschen
Landwirtschaftsgesellschaft verblieb E. in deren Vorstand, verlieB aber Berlin
nach 11 jahrigem Aufenthalt und ubersiedelte nach Ulm a. D., um in der Nahe
der betagten Mutter, die im Jahre 1900 den Gatten verloren hatte, zu weilen.
Hier hatte er sich in einer kleinen Villa auf der Hohe mit dem Blick auf das
Ulmer Munster, die Bayerischen und Schweizer Alpen in der Feme, wohnlich
eingerichtet. Gerne stellte er sein Wissen und seine Erfahrungen in den
Dienst von Vereinen, besonders in den des Vereins zur Forderung der FluB-
schiffahrt.
352 Eytk
Ohne tagliche Arbeit sollte auch nach der Obersiedelung nach Ulm und
dem Riicktritt von der Leitung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft
kein Tag vergehen, seine Feder konnte nicht ruhen: es entstanden 1899: »Hinter
Pflug und Schraubstock; Skizzen aus dem Taschenbuch eines Ingenieurs«;
— »Der Kampf urn die Cheops-Pyramide, eine Geschichte und Geschichten
eines Ingenieurs« 1902; — >>Im Strome unserer Zeit«, aus Brief en eines Inge-
nieurs, drei Bande: Lehrjahre, Wanderjahre und Meisterjahre, mit vielen
Illustrationen nach Handzeichnungen des Verfassers«. — »Lebende Krafte«.
7 Vortrage auf dem Gebiete der Technik, welche von E. wahrend der Zeit von
1893 — 1904 in verschiedenen Stadten gehalten worden sind, geben Zeugnis
von dem rastlosen Schaffen dieses Mannes in dem letzten Lebensabschnitte.
Neben »Landwirtschaft und Binnenschiffahrt« stellt sich »Poesie und Tech-
nik«, die »Mathematik der Cheopspyramide« neben den »Pharao im Zeitalter
des Dampfes«, die »Philosophie des Erfindens« neben die »Entwicklung des
landwirtschaftlichen Maschinenwesens in Deutschland, England und Amerika«;
so stromt »Das Wasser des alteri Agyptens* neben dem neuen. — »Der Schneider
von Ulm; 2 Bande Geschichte eines 200 Jahre zu fruh Geborenen« (des Ver-
fassers) war die letzte Arbeit, deren Erscheinen er nicht mehr erleben sollte.
Mit Vorarbeiten fur eine Erholungsreise nach Riva am Gardasee beschaftigt,
befiel ihn eine heftige Stoning der Verdauungsorgane, der er nach kaum vier-
tagiger Krankheit erlag.
Wer dem zu fruh Dahingegangenen nahergestanden und mit ihm ge-
arbeitet hat, der muBte neben seinem scharfen Verstande, seiner reichen Lebens-
erfahrung seine Herzensgiite, Treue, Liebenswiirdigkeit und Bescheidenheit
bewundern; er hat durch seine ganze Personlichkeit auf seine Umgebung ver-
edelnd eingewirkt und mit ihm ist einer der besten Manner Schwabens und des
Deutschen Volkes dahingegangen.
Als E. im Jahre 1896 sein Amt als Geschaftsfiihrer der Deutschen Land-
wirtschaftsgesellschaft niederlegte, da kundete der Ehrenbrief derselben und
die goldene Medaille den Dank dem Manne, »dessen nie versagender Arbeits-
kraft und klarer Erkenntnis der Lebensbedingungen der Gesellschaft die weit
schwierigere Aufgabe gelang, sie mit sicherer Hand in ihrer ersten Entwicklung
zu lei ten «.
In sinniger Weise libergab der Vorstand der Deutschen Landwirtschafts-
gesellschaft E., der auch ein trefflicher Klavierspieler war, bei seinem Riicktritt
von der Vorstandschaft einen prachtvollen Bechsteinfliigel, dessen Gehausemit
Intarsien, Abbildungen von seinen verschiedenen Wohnorten, geschmuckt war.
1905 ehrten Rektor und Senat der Technischen Hochschule in Stuttgart
E. durch Verleihung der Wurde eines Doktor-Ingenieurs h. c. Im gleichen
Jahre zeichnete ihn der Verein Deutscher Ingenieure durch Verleihung der
Grashoff-Denkmunze aus mit der Begrundung: »Dem Manne, der zu einer Zeit>
da man die deutsche Technik im Auslande noch nicht kannte, als ihr Junger
in die weite Welt hinauszog und ruhmliche Leistungen als ihr Ingenieur voll-
brachte; der in die Heimat zuruckgekehrt durch die Begrundung der Deutschen
Landwirtschaftsgesellschaft der Industrie neue und segensreiche Bahnen er-
offnete; der seine MuGestunden schriftstellerischen Arbeiten gewidmet hat,
die das Ansehen des Ingenieurstandes in weiten Kreisen zu heben und unseren
Fachgenossen hohen Genufi zu bereiten geeignet sind«.
Eytta. 353
Am 6. Mai 1908, seinem Geburtstage, wurde in Berlin auf dem Hofe des
Gebaudes der Deutschen Landwirtschaf tsgesellschaf t das vondenMitgliedernder-
selben gestiftete Denkmal Max v. Eyths unter der Teilnahme des Kgl. Preufiischen
Landwirtschaf tsministers v. Arnim und zahlreicher Vertreter weiterer Ministerien,
Hochschulen, Vereine und den Vertretern der Deutschen Landwirtschaftsgesell-
schaft enthullt. Das von Professor Herter hergestellte Monument besteht aus
einem schlanken Postamente, das durch eine wohlgetroffene Portratbiiste des
Gefeierten bekront ist; an den Seiten desselben befinden sich zwei allegorische
Gestalten: eine lebensgrofie weibliche Figur, die Landwirtschaf t darstellend,
legt, den Pflug zu ihren Fuflen, ihre rechte Hand auf die Biiste, blickt dankbar
zu dem Gefeierten auf, fur den sie in der linken Hand einen Lorbeerkranz bereit
halt. Auf der anderen Seite des Postaments ist ein kleiner Putto damit be-
schaftigt, ein Zahnrad am Schraubstock zu feilen. Vorn liest man unter dem
Namen Ey th seine von einem Lorbeergehange umrankten Lebensjahre 1 836 — 1906 ;
unten speit ein Delphinkopf Wasserstrahlen in das, halbkreisformige Becken.
Der Vorsitzende des Vorstandes, Ritterschaftsrat v. Freier-Hoppenrade,
hielt die Weiherede.
Literarischc Arbeiten von Max Eyth: Aufsatze technischen Inhalts
in Dinglers polytechnischem Journal und anderen Zeitschriften. 1862. — Volkmar; historisch-
romantisches Gedicht von] Max Eyth. Verlag von W. Grunow in Leipzig 1863. — Das
Agrikulturmaschinenwesen in Agypten; in drei Abteilungen; Stuttgart, Metzlersche Buch-
handlung: Landwirtschaftliche Bewasserung, der Dampfpflug und c^e Baumwollkultur in
Agypten. 1867. — Wanderbuch eines Ingenieurs in Briefen von Max Eyth. 6 Bande,
1871 — 1884. Carl Winters Universitatsbuchhandlung in Heidelberg. 1. Band Europa, Afrika
und Asien 1871. 2. Band Amerika 1871. 3. Novellen, nebst einem Anhang von Gedichten
1871. 4. Aus 3 Weltteilen mit Beitragen des in Cuba verstorbenen Bruders Eduard, 1876.
5. Aus Nah und Fern 1879. 6. Fremde und Heimat 1884. — Die Kbnigl. Landwirtschaftsgesell-
schaft in England (Royal Agricultural Society of England) und ihr Werk. Verlag von
C. Winter in Heidelberg. 1883. — Der Waldteufel. Schauspiel von Max Eyth. Verlag von
Gebr. Henninger in Heilbronn 1883. — Hinter Pflug und Schraubstock; Skizzen aus dem
Taschenbuch eines Ingenieurs von Max Eyth. 1899. 2 Bande. Deutsche Verlagsanstalt
Stuttgart und Leipzig. — Der Kampf um die Cheopspyramide. 2 Bande. Winters
Universitats-Buchhandlung in Heidelberg 1902. — Im Strom unserer Zeit; aus Briefen eines
Ingenieurs von Max Eyth. 3 Bande, mit vielen Illustrationen nach Skizzen von Max Eyth.
Verlag von Winter in Heidelberg 1905. — Feierstunden, von Max Eyth. Verlag von Winter
in Heidelberg 1904. — Lebende Krafte, von Max Eyth. 7 Vortrage aus dem Gebiete der Technik
1905 und 1906. Verlag von Springer in Berlin. — Der Schneider von Ulm, von Max Eyth
1906. 2 Bande. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart und Leipzig. — Werden und Wirken der
Deutschen Landwirtschaf tsgesellschaf t, von Max Eyth. Berlin. — Die Sprengung des Eisernen
Tores und die freie Donauschiffahrt. Vortrag von Max Eyth im Handelsverein in Ulm. —
Hindernisse der Deutschen Binnenschiffahrt, von Max Eyth, Vortrag in der Sektion Mun-
chen des Vereins fiir Hebung der Flufl- und Kanalschiflahrt in Bayern. — Landwirtschaftlich-
technische Abenteuer in 3 Weltteilen, Vortrag, gehalten im Klub der Landwirte zu Berlin
am 5. Februar 1895 von Max Eyth: Agypten, Rufiland, Peru. — Max Eyths gesammelte
Schriften in 6 Banden. Gemeinsamer Verlag der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart und
Berlin und von Carl Winters Universitatsbuchhandlung in Heidelberg. Inhalt: 1. Band:
Hinter Pflug und Schraubstock. 2. Band: Der Schneider von Ulm. 3. Band: Der Kampf
um die Cheopspyramide. 4. Band: Fcierstunden. 5. Band: Ira Strom unserer Zeit. 6. Band:
Im Strom unserer Zeit mit einem Geleitwort von Ritterschaftsrat v. Freier-Hoppenrade und
aus Max Eyths Freundesbriefen; von Lili Dubois-Reymond, geb. Hensel. *
Stuttgart, Dezember 1909. J. v. D i e f e n b a c h.
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog-. 13. Bri. 23
354
Ratzel.
Ratzel l ), Friedrich, Architekt, * am 17. Juli 1869 inDurlach, der einstigen
Residenz der Markgrafen von Baden, als Sohn eines Lithographen, f 5- J u ^ I 9°7-
Nach dem Tod der Eltern, die er nicht kannte, hat der friih Verwaiste seine
Jugendjahre bei Verwandten in dem von Natur und Kunst wenig bevorzugten
badischen Amtsstadtchen Sinsheim an der Elsenz verbracht. Der machtige
Berchfrit der benachbarten Burg Steinsberg mag in dem Sinsheimer Real-
schuler die ersten Eindriicke hervorgerufen haben. Zum Besuch der Ober-
klassen des Realgymnasiums wurde R. nach Karlsruhe geschickt, wo er auch
das Studium des Hochbaufaches an der technischen Hochschule mit Erfolg
absolvierte, ohne zu den damaligen Lehrern dieser Hochschule in ein geistiges
Verhaltnis zu treten. Die dann folgenden Wanderjahre fuhrten ihn in die
Reichshauptstadt, wo er u. a. bei Heinrich Seeling, dem Theaterbauer, arbeitete
und nach erfolgtem badischen Staatsexamen nach Miinchert, wo er auf dem
Stadterweiterungsbureau Gelegenheit fand, sich an Theodor Fischer anzu-
schlieBen. Von der durch Examen verbrieften Anwartschaft auf den badischen
Staatsdienst hatte der Freiheitsdurstige zum Leidwesen seiner fursorgenden
Tante verzichtet. Ein Zufall hat dann rascher als die kuhnsten Erwartungen
es ihn selbst vermuten lassen konnten, einen Weg vorgezeichnet, der mit
zwingender Notwendigkeit das von seltener Energie getragene Talent zum
Ziele fuhren muBte.
Carl Schafer war im Jahre 1894 nach Karlsruhe berufen worden, nachdem
die Umschau im Lande^ selbst ergebnislos verlaufen war. Mit der eigenartigen
Bedingung, daB nun wenigstens der Assistent Schafers ein Badener sein musse,
sollte die partikularistische Empfindlichkeit ins Gleichgewicht gebracht werden.
Man mufl das Phlegma Schafers kennen und dessen erbarmungslose Gering-
schatzung gegen diejenigen, denen seine Erleuchtung Geheimnis war, um ahnen
zu konnen, wie gleichgultig und wie hoffnungslos der Meister den aufgezwungenen
fremden Gehilfen aufgenommen haben mag. R. ubersah mit der ganzen Scharfe
eines ausgesprochen praktischen Geistes die schauerliche Tiefe des zu liber-
bruckenden Abgrundes und die leuchtende Weite des sich eroffnenden Aus-
blickes. Mit zahem Fleifl und mit aufreibender Willenskraft gelang es ihm,
in erstaunlich kurzer Zeit das Mysterium der Schaferschen Architekturauf-
fassung zu durchdringen und den skeptischen Lehrer in den beratenden Freund
zu verwandeln, der ihm nun auch auf dem heiflumstrittenen Kampffeld der
offentlichen Konkurrenz der gnadige Richter wurde. Bei der Preisbewerbung
fur eine evangelische Kirche in Cannstatt im Jahre 1895 wird R.s damals noch
unbekannter Name zum erstenmal unter den Preistragern genannt, um dann
in rascher Folge bei alien denjenigen Konkurrenzen wiederzukehren, bei denen
Schafers Preisrichteramt fiir den nun einmal eingeschlagenen Weg Erfolg ver-
hiefi. Schon im folgenden Jahr ist ihm als Lohn angestrengtester Tatigkeit
ein dritter Preis des Wettbewerbes fiir ein Diakonissen- und Krankenhaus in
Freiburg i. Br. und der erste Preis des Wettbewerbes fiir das Rathaus in Duis-
burg in den Schofi gefallen. Mit der Ubertragung des letzteren Baues an den
erst 27jahrigen war dessen Ruf und Laufbahn begriindet. An der Tatigkeit
der auch das kleinste Detail von Auflen- und Innenbau umfassenden Durch-
arbeitung dieses Monumentalwerkes, dessen reiner Bauaufwand I 500 OOO M.
*) Totenliste 1907 Band XII 68*.
Ratzel.
355
betrug, hat sich der noch tastende Zeichner des Konkurrenzentwurfes zum
reifen Kunstler entwickelt. »Die von Ratzel zur Ausfuhrung des Baues ge-
lieferten Zeichnungen erreichten die stattliche Zahl von mehr als tausend«,
wie die schon ausgestattete amtliche Festschrift zu berichten weiB. (Festschrift
zur Einweihung des Rathaus-Neubaues der Stadt Duisburg am Rhein am
3. Mai 1902, verfaCt von der Bauverwaltung mit einer geschichtlichen Ein-
leitung von Professor Averdunk. Duisburg am Rhein. J. A. Steinkamp, Lith.
Kunstanstalt u. Buchdruckerei 1902.)
Von weiteren Konkurrenzerfolgen des Unermudlichen sind aufzuzahlen:
1897 Landeshaus Munster 3. Preis, 1899 Hansa-Haus Mannheim I. Preis (aus-
geftihrt), 1901 Volksbank Mainz 3. Preis (ausgefuhrt), Rathaus Dresden (lobende
Erwahnung), 1902 Stadttheater Freiburg i. Br. (angekauft), evangelische
Kirche in Duisburg-Neudorf (eng. Wettbewerb Auftrag zur Ausfuhrung),
1903 Justizgebaude Mainz 3. Preis, Handelshochschule Koln 2. Preis und
Kollegienhaus Freiburg i. Br. 2. und 4. Preis (Auftrag zur Ausfuhrung),
1904 Rathaus Recklinghausen (eng. Wettbewerb) 2. Preis. Von den erfolglos
verlaufenden Konkurrenzen sei hier nur das Projekt fur den neuen Bahnhof
in Karlsruhe erwahnt.
Seine Assistentenstelle hatte R. im Jahre 1897 mit derjenigen eines Privat-
dozenten vertauscht. Im Jahre 1900 erhielt er den Titel eines a. o. Professors,
im Jahre 1903 einen Lehrauftrag fur Obungen im Barockstil und im Jahre 1905
die ordentliche Professur.
R. war nicht zum Lehrer geboren. Die Professur war ihm nur Mittel zum
Zweck, Die Tatsache, dafi mit der Ubertragung der ordentlichen Professur
dem Kunstler Pflichten aufgebiirdet werden mufiten, denen er seiner ganzen
Natur nach nicht gewachsen sein konnte, w r ar die im Interesse der Kunst zu
bedauernde Folge eines nicht schwer genug zu verurteilenden Fehlers in der
dem Universitatsleben entlehnten und dem wissenschaftlichen Lehrbetrieb
angepafiten, einer gesunden Entwicklung der Kunst aber zuwiderlaufenden
Organisation des Hochschulwesens. Die praktischen Obungen, die Ratzel im
Entwerfen abhielt, waren fur Lehrer und Schiiler Stunden der Freude und des
Erfolges, die Vorbereitung zum Kolleg und dieses selbst ein tief zu bcklagender
Verlust kostbarster Zeit. Fur die in der Luft liegende und nicht zu unter-
bindende Umwalzung im Kunst-Lehrbetrieb stellt Ratzels Lehrtatigkeit ein
wenig erfreuliches Lehrbeispiel dar. In weiser Selbsterkenntnis hat denn auch
R., als der friihe Verfall seiner Krafte die Einschrankung der Tatigkeit erheischte,
mit der Aufgabe der Lehrtatigkeit (Sommer 1907) die Abrustung begonnen,
wahrend andere in ahnlichen Fallen gerade umgekehrt die an sich aufreibendere
praktische Tatigkeit aufzugeben pflegen, um Lehrer zu bleiben bis zum letzten
Atemzug.
R. wollte bauen, nur bauen, viel bauen, er war eben Baumeister aus
innerem Drang! Und so ist denn auch die im Jahre 1899 fur R. geschaffene
weder vor noch nach ihm belcannte Stelle eines »Mitgliedes« des Groflh. Hof-
bauamtes von ihm nur als Mittel zur Gewinnung dankbarer Bauaufgaben
gewertet worden, und als diese aufzuhoren drohten, war ihm auch die Preisgabe
dieses Amtes (1905) eine logische Notwendigkeit. In die kurze Periode des
Hofdienstes fallen folgende Werke: Keramische Werkstatte der Grofih.
Majolika-Manufaktur, Wohnhaus fur einen Hofjager (von ihm selbst als archi-
23*
356 Ratzel.
tektonisches Glaubensbekenntnis bezeichnet), Schwestern-Altenheim (Luisen-
heim), Gebaude des badischen Kunstvcreins, Jubilaums-Kunstausstellungs-
Gebaude 1902, innere Einrichtung des von Durm erbauten erbgroflh. Palais
in Karlsruhe, ferner Waisenhaus in Lichtenthal bei Baden-Baden, Landsitz
fiir die Kronprinzessin von Schweden, Wiederherstellung der Schlofikapelle in
Baden-Baden und des Grabdenkmales des Markgrafen Bernhard I. von Baden
in der Klosterkirche in Herrenalb. Als auflere Anerkennung dieser Tatigkeit
ist die Verleihung des Ritterkreuzes I. Kl. des Zahringer Lowenordens zu
betrachten.
R. war auch von Anbeginn Mitglied der im Jahre 1903 eingesetzten Mini-
sterialkommission fiir das Hochbauwesen. Wenn ihm schon in dieser Eigen-
schaft ein gewisser EinfluC auf das Bauwesen des Staates zufiel, so wuflte er
durch einen engen Anschlufi an das Finanzministerium, dem in Baden das
Hochbauwesen unterstellt ist, die bedeutungsvollen Aufgaben der kurz zuvor
aufgelosten Baudirektion auf seine Person iiberzuleiten. Aber auch hier wuflte
er es mit Klugheit zu vermeiden, ein die Freiheit und den Verdicnst beengendes
geregeltes Beamtenverhaltnis einzugehen. Eine kurze Aktennotiz des damaligen
Finanzministers Buchenbergcr regelte die beratende Tatigkeit, die ihm die
groflte damalige Bauaufgabe des Ressorts, die Ausfuhrung der groflen Bau-
gruppe fiir das General -Landes-Archiv, den Verwaltungsgerichtshof und die
Oberrechnungskammer gegen Gewahrung eines hohen Honorars einbrachte.
Die Plane fiir diese Gebaudegruppe waren von dem iiber dieser Arbeit ver-
storbenen Oberbaurat Hanser gefertigt. R. sollte, so lautete der Auftrag, das
Hansersche Projekt zur Ausfuhrung bringen. Das Pietatsgefuhl wurde natiir-
lich durch das starkere Gefiihl des kiinstlerischen Dranges besiegt. Aufler den
Grundrissen ist von dem Hanserschen Projekt nichts ubrig geblieben, und
vielleicht ware es besser gewesen, wenn auch diese iiber Bord geworfen worden
waren, denn wenn man bei aller Schonheit im einzelnen gerade bei dieser
Gebaudegruppe den Geist abgeklarter Harmonie zu missen glaubt, mochte
man den organischen Fehler eben darauf zuruckfiihren, dafl R.s Muse sich hier
nicht in voller Freiheit ergehen konnte. Die Ironie des Schicksals hat es dann
gewollt, dafl auch R. beim Beginn seines groflten Werkes, der Universitat
Freiburg, dem Dasein entrissen wurde und in Billing einen Nachfolger fand,
der wiederum trotz des ausdrucklichen Auftrages, die R.schen Plane mit Pietat
in die Wirklichkeit umzusetzen eigene neue Wege ging. Unmoglich ware
in beiden Fallen die menschlich lobenswerte Absicht der Auftraggeber nicht
gewesen, kurzsichtig aber war es in beiden Fallen, von ausgesprochenen starken
Kunstlerindividualitaten eine so weit gehende Selbstverleugnung des eigenen
Idioms vorauszusetzen.
Den bereits genannten Werken R.s sind noch anzufugen: Wasserturm
Rastatt, Bismarcksaule Ettlingen, Wohnhausbauten in Heidelberg und Karls-
ruhe, Geschaftshauser in Mannheim und endlich ein posthumes Werk, der
Brunnen auf dem Guttenbergplatz in Karlsruhe.
R.s Entwicklung fallt in die Zeit des sog. Jugendstiles, des krampfhaften
Suchens nach einem neuen Stil, nach Originalitat bei systematischer Preisgabe
einer gesunden Fortentwicklung der historischen Bauformen. R. ist durch
seinen Anschlufl an Schafer vor den Gefahren dieser Bewegung verschont
geblieben. Er hat mit der Spatgotik begonnen, urn an der Entwicklung der
Ratzel. Schade.
357
alten Kunst fortschreitend, in der deutschen Spatrenaissance seine Haupt-
triumphe zu feiern. In ernstem Studium in das Wesen des alten Stiles und
in die werkgerechte Ausfuhrung eindringend, hat R. den folgerichtigen Werde-
gang von der sklavischen Nachahmung zur selbstandigen Schopferfahigkeit
durchlaufen. Er wollte »in der Vater Art«, aber »in s e i n e r Sprache reden« f
wie er sich selbst in dem einzigen Versuch literarischer Tatigkeit (Wiederher-
stellung des Friedrichsbaues auf dem Schlofi zu Heidelberg. Deutsche Bauztg.
XXXIX. Jhrg. Nr. 97, 1905.) ausdrtickte. Eine sich immer mehr steigernde
Maflhaltung im Aufwand der architektonischen Ausdrucksmittel hat seinen
spateren Werken die seltene Kraft wahrer Monumentalitat verliehen.
Dafl das Talent auch ohne Schafer grofi geworden ware, steht aufier Frage,
aber der Weg ware ein anderer gewesen, vielleicht weniger steil und steinig,
gemachlicher, weniger aussichtsreich und nicht so rasch zum Ziele, zum Ende
fuhrend.
Am 5. Juli 1907 hat Friedrich Ratzel in geistiger Umnachtung oder in
einem lichten Moment, in welchem er das traurige Schicksal des ihm bevor-
stehenden Siechtums erkannte, seinem tatenreichen Leben in grauenvoller
Weise ein Ende bereitet. An seiner Bahre stand, den Sensenmann im Riicken,
Carl Schafer. Was beide der deutschen Baukunst waren, wird erst von spateren
Generationen erfafit werden. it ,. : *. „ tj-^«^u
rritz iiirscn.
Schade x ), Oskar, Universitatsprofessor der deutschen Sprache und Lite-
ratur, Geheimer Regierungsrat, * 25. Marz 1826 zu Erfurt, f 30. Dezember 1906
zu Konigsberg i. Pr. — Oskar Sch. entstammt einer alten Thliringer Familie,
deren Geschichte bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts zuriickreicht. Der
namhafteste seiner Vorfahren ist der evangelische Kirchenliederdichter Johann
Kaspar Schade, ein Freund August Hermann Frankes. Sein Vater Friedrich
war Rektor in Erfurt, ein frommer, kraftvoller Mann, der den Sohn das Gym-
nasium seiner Heimatstadt besuchen lieC. Die beiden letzten Schuljahre ver-
brachte dieser aber auf dem Gymnasium zu Schleusingen, das er 1845 m *t dem
Zeugnis der Reife verlieB, um sich auf der Universitat Halle dem Studium der
Theologie und Philologie zu widmen. Wahrend sich hier seine Studien noch in
ziemlich allgemeinen Bahnen bewegten, entschied er sich in Berlin, wohin er
1847 iibersiedelte, endgiiltig fur die deutsche Sprachwissenschaft. Karl Lach-
mann, Jakob und Wilhelm Grimm werden hier alsbald seine Lehrer, seine ein-
flufireichen und maOgebenden Fiihrer fur sein ganzes wissenschaftliches Leben.
Frisch, empfanglich und arbeitsfreudig genoC er das neue Leben in Berlin und
nahm im bewaffneten Studentenkorps auch Anteil an den Ereignissen der
Revolution. Trotzdem aber arbeitete er auch fleifiig an seiner Dissertation
»Daz buochlin von der tochter Syon, Carmen theotiscum mysticum emendavit et
explicavit 0. S.«, mit der er sich am 12. Juni 1849 in Halle den philosophischen
Doktorgrad erwarb. Gleich nach der Promotion kehrte er aber wieder nach
Berlin zuriick, um sich auf unmittelbare Anregung Lachmanns und der Briider
Grimm an die Herstellung einer kritischen Ausgabe Heinrichs von Veldeke zu
machen. Indessen bereits im nachsten Jahre begann er mit einer Reihe ziem-
lich weit und lange ausgedehnter Reisen, zunachst nach Belgien, wo er noch
l ) Totenliste 1906 Band XI 56*.
358
Schade.
am Veldeke weiterarbeitet, dann nach Suddeutschland, Osterreich, Ungarn
und wieder zuriick nach dem Rheinlande, wo er etwas dauernderen Aufenthalt,
zumeist in Bonn, nimmt. Hier trat er in nahe Beziehungen zu Hoffmann von
Fallersleben und veroffentlichte auch als Fruchte seiner Studien eine Anzahl
von Schriften, die »Crescentia, ein niederrheinisches Gedicht aus dem 12. Jahr-
hunderU (1853), »Geistliche Gedichte des 14. und 15. Jahrhunderts vom Nieder-
rhein* (1854), »Die Sage von der heiligen Ursula und den II 000 Jungfrauen,
ein Beitrag zur Sagengeschichte« (1854) und drei Neudrucke »Ecken AuBfart«,
♦ SigenoU und »Laurin« (1854) nach alten Drucken.
1854 siedelte Sch. nach Weimar uber, wo er ein halbes Jahrzehnt als freier
Schriftsteller verweilt, zu einer Zeit, da die Stadt noch einmal eine glanzende
Nachblute erlebte. Bereits in demselben Jahre erscheint hier der erste Band
der auf Anregung des Groflherzogs Karl Alexander von ihm und Hoffmann von
Fallersleben herausgegebenen »Weimarischen Jahrbiicher fur deutsche Sprache,
Literatur und Kunst«. Bis 1857 wurden sechs Bande davon veroffentlicht,
dann gingen sie ein, vermutlich wegen Mangels an Abnehmern. Von dem
wertvollen und reichen Inhalt dieser Bande entfallt ein erheblicher Teil auf
Sch. selbst. Zu den wichtigsten seiner Arbeiten gehoren hier die »Grundziige
altdeutscher Metrik», die sich vollkommen auf Lachmann stiitzen, und ein
trefflicher Aufsatz »Klopfan«, in dem er volkskundliches Gebiet betritt und
Neujahrsbrauche erortert; ebenso beschaftigen sich mit der Volkskunde die
Abhandlungen »Vom deutschen Handwerksleben in Brauch, Spruch und Lied*
und »Ober Jiinglingsweihen« sowie die Sammlung der »Volkslieder aus Thii-
ringen«. In die klassische Zeit fuhren zwei Aufsatze »Zu Goethes Gotz« und die
Untersuchung uber »Das Puppenspiel Doktor Faust«. Aufierdem erschienen
in dieser Zeit noch drei selbstandige Bticher: »Bergreien. Eine Liedersammlung
des 16. Jahrhunderts« (1854), » Brief e des Groflherzogs Karl August und Goethes
an Dobereiner« (1856) und »Satiren und Pasquille aus der ReformationszeiU
(3 Bande, 1856 — 58). Nebenher war er noch eifriger Theaterkritiker im »Wei-
marischen SonntagsblatU und hatte auch noch Zeit, in vollen Ziigen an dem
anregenden und reizvollen geselligen Verkehr in der kunstliebenden Stadt
Anteil zu nehmen.
Im Friihjahr i860 verliefl er den Schauplatz dieser reichen Tatigkeit und
ging nach Halle, wo er sich am 23. April als Privatdozent fur deutsche Sprache
und Literatur mit einer Schrift ^Veterum monumentorum theotiscorum decasa
habilitierte. Seine Vorlesungen betrafen im wesentlichen deutsche Grammatik,
altdeutsche Metrik und Geschichte und Kritik des Nibelungenliedes. Als
literarische Hilfsmittel, zunachst fiir seine eigenen Horer, dann tiberhaupt fur
den akademischen Gebrauch, liefl er seine )>Paradigmen zur deutschen Gramma -
tik. Gotisch, althochdeutsch, mittelhochdeutsch, neuhochdeutsch* (i860,
4. Auflage 1884) und das »Altdeutsche Lesebuch« (1862) erscheinen. Im Herbst
1863 folgte Sch. einem Rufe als ordentlicher Professor an die Albertusuniver-
sitat zu Konigsberg i. Pr., wo er bis zu seinem Tode blieb und 85 Semester
gelehrt hat. In seinen Vorlesungen erweiterte er den Kreis der in Halle schon
behandelten Gebiete durch Kollegien und Obungen uber Otfried, den Heliand
und verschiedene Abschnitte der deutschen Literaturgeschichte, auch der
neueren. Von wissenschaftlichen Leistungen schuf er hier seine groflte und
wichtigste, das grofle » Altdeutsche Worterbuch« (1866). Urspriinglich als
Schade.
359
Glossar zum Lesebuch gedacht, wurde es bereits im ersten Entwurf so erwei-
tert, »dafl es die hauptsachlichsten althochdeutschen Schriftwerke und die
gelesensten mittelhochdeutschen Dichter in seinen Bereich zoge.« Eine grund-
liche Umgestaltung und sehr erhebliche Erweiterung, namentlich nach der
etymologischen, vergleichenden und kulturgeschichtlichen Seite hin, erfuhr
es bei der Bearbeitung der zweiten Auflage, erschienen 1872 — 1882, die es zu
einem Monumentalwerke der germanischen Philologie ausgestaltete. Dennoch
fand Sch. neben dieser gewaltigen Arbeit, der er sick mit Leib und Seele hingab,
auch noch Zeit zu cinigen kleineren Aufsatzen, so zu vier Universitatsschriften
wahrend seines Dekanatsjahres 1869/70 und zur Begnindung und Herausgabe
einer Zeitschrift, der »Wissenschaftlichen Monatsblatter« (1873 — 1879), durch
die er die wissenschaftlichen Arbeitskrafte des deutschen Ostens zu sammeln
hoffte. Mit der Beendigung der zweiten Ausgabe seines grofien Hauptwerkes,
des Worterbuches, war seine literarische Tatigkeit beendigt, und er widmete
sich fortan nur noch seiner akademischen Lehrtatigkeit. 1886 wurde auf seine
Bemuhungen hin das deutsche Seminar an der Albertina begriindet, das er bis
1904 allein, von da an zusammen mit Professor Dr. Hermann Baumgart leitete,
der die neuhochdeutsche Abteilung ubernahm. Zu seinem 70. Geburtstage
wurde ihm von seinen Schulern und Freunden eine umfangliche und gehalt-
volle Festschrift gewidmet (Konigsberg 1896), zum 80. Geburtstage wurde ihm
ebenfalls vom Freundeskreise eine kostbare Adresse liberreicht und sein in Ol
gemaltes Bild gestiftet, das im deutschen Seminar der Albertina angebracht,
dauernd an den Begninder desselben erinnern soil. Am 30. Dezember 1906
starb er im 81. Lebensjahre an den Folgen eines Influenzaanfalles. — Er war
verheiratet mit Marie von Beyer, der Tochter eines ungarischen Emigrahten
(1865 — 1904). Von seinen Kindern leben noch zwei, ein Sohn, Dr. Rudolf Sch.,
und eine Tochter Maria, die sich bereits als Schriftstellerin einen Namen ge-
macht hat.
Oskar Sch. war der letzte der Germanisten, die noch personliche Schuler
der Grimm und Lachmanns gewesen sind. Auf ihren Wegen ist er dann auch
zeitlebens gewandelt, ihre Anschauungen hat er mit aller Treue und uner-
schutterlicher Uberzeugung — bis zur Einseitigkeit vertreten. Uns Jiingeren
mufite er wie ein ehrwiirdiges Denkmal aus ferner Vergangenheit erscheinen,
die aufier ihm nur noch in literarischer Oberlieferung auf die Gegenwart ein-
wirkte. Wie seltsam war es, wenn er von seinen geliebten Meistern der deut-
schen Wissenschaft, von Hebbel und Liszt, von Hoffmann und vielen andern,
langst Dahingeschiedenen als von personlichen Freunden und Bekannten
erzahlte, staunenswert frisch und rege bis ins hochste Alter! Ehrwiirdig war
auch seine aufiere Erscheinung, die uns um Jahrzehnte zuriickzuversetzen
schien, und insbesondere der eigenartige Charakterkopf. Die neueren Errungen-
schaften seiner Wissenschaft hat Sch. rege und eifrig verfolgt, mied es aber,
sich offentlich dariiber zu auflern und den modernen Richtungen nachzugeben;
dennoch wirkte auch hier seine Oberzeugungstreue, mit der er am Alten hing
und es verteidigte, achtunggebietend. Uberhaupt war sein Charakter durch
und durch kernhaft, sein Wesen trotz mancher aufieren Harten liebenswiirdig.
Auch politisch hat er sich — in streng konservativer Gesinnung — kraftvoll
betatigt, einen Sieg allerdings in dem vollig liberalen Konigsberg nicht erringen
konnen. Draufien im Reiche ist Sch. nach dem Abschlufi des Worterbuches
3<5o
Schade. Rosenow.
nicht mehr viel beachtet worden, aber in unserm ganzen Osten, in Ost- und
Westpreuflen, hat er als akademischer Lehrer eine starke Wirkung ausgeubt.
War er doch langer als vier Jahrzehnte fast immer der einzige Germanist an der
Albertina. So verdankt nahezu die ganze Oberlehrerschaft hier, soweit sie die
Lehrbefahigung im Deutschen besitzt, ihm ihre wissenschaftliche Ausbildung.
Mit seinen Studenten verband ihn ein enges, personliches Vertrauensverhaltnis,
aber trotzdem hat er nicht eigentlich Schule gemacht, und die Zahl derer, die
bei ihm den Doktorgrad erwarben, ist nicht grofl. Der literarisch bedeutendste
seiner Schiiler war der auch schon dahingegangene Gymnasialprofessor Karl
Marold.
Trotz des langen und beharrlichen Schweigens wahrend der letzten fiinf-
undzwanzig Jahre seines Lebens, das in seltsamem Gegensatz zu der groflen
literarischen Fruchtbarkeit der fruheren Zeit steht, ist Sch.s Name mit der
Geschichte und Entwicklung der germanistischen Wissenschaft dauernd und
ehrenvoll verbunden durch das grofle Hauptwerk seines Lebens, sein »Alt-
deutsches Worterbuch*, das bei seinem Erscheinen als eine Glanzleistung erster
Ordnung dastand, noch heute nicht ersetzt oder als Ganzes iiberholt ist und
noch immer als ein Meisterwerk deutschen Gelehrtenfleifles und germanistischer
Forschungsarbeit geruhmt zu werden verdient.
Hauptquelle: Karl Marold, Oskar Schade, Nachiuf in der Zeitsrhrift fiir dcutschc Philo-
logie, Bd. 39 (1907). — Geistiges Deutschland (Berlin, o. J. [1903]), Schade. — Schade,
Altdeutsches Worterbuch, Vorrede zur 2. Auflage. — Hoffmann von Fallersleben, Mein Leben,
Bd. 5 u. 6. — Konigsberger Universitatskalender, Sommersemester 1907, Thurau, Der alte
Schade.
Konigsberg i. Pr. Hermannjantzen.
Rosenow *), Emil, * 9. Marz 1871 in Koln a. Rh., f 7- Februar 1904. — Er
wurde evangelisch getauft als Sohn des Schuhmachermeisters Friedrich R. aus
Neustettin und seiner Ehefrau Charlotte, geb. Rohr, aus Soneborn bei Detmold,
die bis zu ihrer Verheiratung Diakonissin war. Schon fruhzeitig starben seine
Eltern; als er II Jahre alt war, der Vater; als er 14 Jahre alt war, die Mutter,
so dafl er als Kind schon der Obhut seines Vormundes ubergeben wurde. Er
besuchte die Volksschule zu Koln a. Rh. Im jugendlichsten Alter fing er an,
selbstandig zu schreiben. Als I4jahriger Knabe verfaflte er eine Erzahlung:
»Ehre Vater und Mutter«. Bis zum 15. Jahre hatte er zwei weitere Erzahlungen
fertig: »Der Waidhofbauer« und »Jude und Christ«. Als I5jahriger junger
Mensch war er Mitarbeiter, ja fast alleiniger Verfasser des »Kolner Humorist*.
In seiner Jugendzeit entstanden weiter verschiedene Gedichte, Erzahlungen,
Novellen, auch ein groflerer Roman. Mit 18 Jahren war er Mitarbeiter des
»Kolner Anzeigers« und der Elberfelder »Freien Presses, fiir beide Blatter ver-
faflte er Leitartikel und Novellen. Mit 14 Jahren war er in den Schaaffhausen-
schen Bankverein eingetreten, in dem er bis zum Herbst 1891 beschaftigt war.
In dieser Zeit fing er an, sozialdemokratische Versammlungen abzuhalten; von
seiten der Direktion wurde ihm Anerbieten auf bessere Stellung gemacht,
wcnn er die Vortrage sein lasse. Die sozialdemokratischen Ideen steckten ihm
aber zu sehr im Kopf, und so muflte er deswegen seine gute Stellung aufgeben.
') Totenliste 1904 Band X 94*.
Rosenow. 36 j
Jetzt kam eine triibe Zeit fiir ihn, bis er dann am I. Mai 1892 die Stellung eines
Redakteurs am Chemnitzer »Beobachter« annahm. Dort lernte er auch seine
spatere Frau als die Tochter des Buchdruckereibesitzers kennen. Seine Braut-
zeit wahrte vom 2. September 1894 bis zum Tage der Hochzeit am 8. Marz 1897.
Seine Kinder waren eine vor der Geburt verstorbene Tochter im Jahre 1898
und eine lebende Tochter im Jahre 1900. In seinem Hochzeitsjahr war es
auch, wo er das erstemal im 20. sachs. Reichstagswahlkreis als sozialdemo-
kratischer Kandidat aufgestellt wurde. Im Juni 1898 siegte er in der Stichwahl
mit geringer Mehrheit nach einem harten Wahlkampf und wurde somit der
jiingste Reichstagsabgeordnete. Bei der Neuwahl im Jahre 1903 wurde er in
der Hauptwahl wiedergewahlt in demselben Kreis, fiir den er lebte und den er
liebte. Seine schonste Zeit im Jahre war, wenn er zu seinen lieben Erzgebirglern
fahren konnte, und im Sommer vor Tausenden von Menschen unter Gottes
freiem Himmel reden und agitieren konnte; fruh, mittags und nachmittags
Versammlungen abhalten konnte, von einem Ort zum andern unter brausendem
Jubel seiner Getreuen. Als sozialdemokratischem Redakteur blieben ihm auch
die Mauern des Gefangnisses nicht fremd. Dreimal mufite er die Menschen
verlassen, um insgesamt ein halbes Jahr seines kurzen Lebens hinter Kerker-
mauern bei Selbstbeschaftigung und Selbstbekostigung zu sitzen. Die Reden
R.s, die er durch seine schone rheinlandische Aussprache und wegen seinem
imposanten Aussehen (sehr grofl, schon, blond, liebenswurdig) mit Riesen-
erfolgen in Chemnitz und Umgebung abhielt, veranlafite die Chemnitzer Amts-
hauptmannschaft, ihm das Betreten von 9 Orten Chemnitz Land zu verbieten
auf die Dauer von zwei Jahren. Diese Sache ging damals bis vor den Reichs-
kanzler. Auch wurde dieselbe humoristisch im Siiddeutschen Postilion, Miinchen
1896 Nr. 339/16 festgehalten. Er verfafite in seinen Mufiestundcn von 1892 bis
1898 zwei Broschuren »I00 000 Soldaten mehr« und »Kapital und Juden-
frage« und zwei Romane »Fruhlingssturme« und »Die Luge«, die beide erst-
malig im Beobachter abgedruckt wurden. Auch gab er eine Romanbibliothek
heraus, an der verschiedene bekannte Schriftsteller mitarbeiteten. Im
Herbst 1898 legte er die Redaktion des Beobachter nieder, um als freier
Schriftsteller sein Gltick zu versuchen. Er schrieb einen unaufgefiihrten
Einakter: »Daheim« und ein Drama: »Dcr balzende Auerhahn«, das
ebenfalls noch der Auffuhrung wartet. Inzwischen mufite er auf Verlangen des
Parteivorstandes auf % Jahr nach Dortmund als leitender Chefredakteur.
Nach dieser Zeit begann er im Reichstage sitzcnd von fruh morgens bis spat
abends seine Komodie: »Kater Lampe«, die Herr Direktor Alfred Halm im Au-
gust 1902 in Breslau und im Herbst 1903 im Berliner Theater erstmalig heraus-
brachte und 27 mal auffiihrte. Die ersten Tantiemen erfreuten ihn Januar
1904 auf seinem Krankenbett. Im Fruhjahr 1906 kam die Komodie am Ber-
liner Lessing-Theater heraus und wurde 25 mal gespielt. Im Laufe der Jahre
machte die Komodie ihren Weg iiber fast alle deutschen Buhnen des In- und
Auslandes. Vom Jahre 1 900 ab muGte er furchtbar viel arbeiten, von fruh bis
in die Nacht hinein, um sein Leben fristen zu konnen. Sehr viele Novellen, Er-
zahlungen, Humoresken sind in dieser Zeit entstanden. Jede Woche mufite er
mindestens fiinf Versammlungen abhalten. Wic oft passierte es, dafi er noch
nachts nach der Versammlung einen Leitartikel schreiben mufite und ihn noch
mit seinem Fahrrad nachts 2 — 3 Uhr an den Anhalter Bahnhof brachte. Als
362 Rosenow. Busse.
Vehse redivivus setzte er die Geschichte des PreuBischen Hofes fort, die in zwei
Banden in der Franckhschen Verlagsbuchhandlung Stuttgart erschien. Weiter
wurde von ihm ein im Vorwartsverlag Berlin erschienenes Buch »Die Pfaffenherr-
schaft« geschrieben. Weiter verfafite er ein Drama: »Kinder der Tiefe«, auch
dieses ist noch nicht aufgefuhrt, und sein letztes Werk wurde seine Komodie
»Die Hoffnung des Vaganten«, die er halbfertig liegen liefl. Ein Gelenkrheuma-
tismus hatte ihn Mitte Januar 1904 aufs Krankenlager geworfen, das am 7. Fe-
bruar 1904 in Schoneberg- Berlin auch sein Sterbelager wurde. Jetzt hatte die
Zeit fruchtbarsten Schaffens eingesetzt, da fur die pekuniare Seite gesorgt war.
Mitten aus der Arbeit rifi ihn der unerbittliche Tod fort. Nicht ganz 33 Jahre
wurde er alt, Frau und Kind zuriicklassend, in tiefster Not, mutterseelenallein.
A. R.-E.
Busse 1 ), Llldwig, Professor der Philosophie, * 27. Sept. 1862, f J 2- Sept.
1907. — B. wurde in Braunschweig als Sohn eines Kaufmannes geboren. Er
besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, das er im Herbst 1 88 1 mit dem
Zeugnis der Reife verliefi. Darauf bezog er zunachst die Universitat Leipzig,
um Geschichte und Philosophie zu studieren. Das Sommersemester 1882 ver-
brachte er in Innsbruck und ging im folgenden Herbst nach Berlin, wo er die
Vorlesungen von Dilthey, Paulsen, Ebbinghaus und Lasson horte. Durch
diese Vorlesungen, vor alien Dingen aber durch das Studium der Schriften
Lotzes, die seinem philosophischen Denken die erste Anregung boten, wurde
der Grund zu seinem eigenen philosophischen Standpunkt, einem strengen
Dogmatismus und Spiritualismus, gelegt. In Berlin promovierte er im August
1885 mit »Beitragen zur Entwickelungsgeschichte Spinozas«, die einen Teil
einer grofieren Abhandlung bildeten, die unter dem gleichen Titel in den Jahren
1887, 88 und 89 in der Zeitschrift fur Philosophie und philosophische Kritik
erschien. In engem Zusammenhange mit dieser Untersuchung steht der Auf-
satz »tJber die Bedeutung der Begriffe ^essentia* und ^existential bei Spinoza*,
den B. 1886 in der Vierteljahrsschrift fur wissenschaftliche Philosophie ver-
offentlichte. Im November 1886 erhielt B. einen Ruf als Professor der Philo-
sophie an die kaiserliche Universitat zu Tokio, dem er alsbald Folge leistete.
In Tokio hielt er den japanischen Studenten in englischer Sprache wochentlich
zwanzig Stunden Vorlesungen iiber fast alle Teile der Philosophie mit Einschlufi
der Geschichte der Philosophie, eine fur einen Gelehrten von so jugendlichem
Alter gewifi hochst anerkennenswerte Leistung. Als B. in Japan eintraf, herrschte
dort durchaus die Spencersche Philosophie vor, deren Einflufi er jedoch durch
seine Vorlesungen zuriickzudrangen und zu vermindern wuflte. In der deutschen
Gesellschaft fiir Natur- und Volkerkunde Ostasiens zu Tokio hielt B. im Sommer
1892 einen lehrreichen und hochst dankenswcrten Vortrag »Streifziige durch die
japanische ethische Literatur der Gegenwart«, wozu er sich das Material
hauptsachlich mit Hilfe einiger Schiiler verschafft hatte, die ihm Berichte,
Ausziige und tJbersetzungen lieferten. Der Vortrag wurde in den Mitteilungen
der genannten Gesellschaft (Tokio 1892) und auflerdem in der ^Zeitschrift fiir
Missionskunde und ReligionswissenschafU (1893) abgedruckt. Noch in Japan
entstand auch zum grofieren Teil die umfangreiche Abhandlung »Zu Kants
*) Totenliste 1907 Band XII 17*.
Busse.
363
Lehre vom Ding an sich«, in der B. zugleich liber das englische Werk eincs
jungen japanischen Gelehrten iiber denselben Gegenstand Bericht erstattete
(Ztschr. f. Phil. usw. Bd. 102 S. 74 — 113 und S. 171 — 232).
Nach sechs Jahren anstrengender Arbeit kehrte B. wieder nach Deutschland
zuriick, wo er sich im Mai 1894 in Marburg habilitierte. In seiner Antritts-
vorlesung behandelte er die Ethik des Utilitarismus (Zur Beurteilung des
Utilitarismus, Zeitschr. f. Phil Bd. 105), dessen Moralprinzip »Das grofite
Gluck der groflten Anzahk er als unzutreffend darzutun sucht, ohne doch des-
halb im Sinne des Kantischen Rigorismus die beiden Begriffe des sittlich Guten
und der Lust ganz voneinander trennen zu wollen. Vielmehr stellt er zwischen
beiden einen nahen Zusammenhang her, der so zu denken sein soil, dafi das
Sittlich-Gute seiner Natur nach uns Lust gewahrt, und zwar die hochste Lust,
die es fur den Menschen (iberhaupt gibt. Der Wertschatzung des Sittlich-Guten
als des hochsten Gutes mufl jedes moralisch empfindende Wesen ebenso un-
bedingt zustimmen, wie jedes intelligente Wesen den denknotwendigen Wahr-
heiten zustimmen mufi. Doch ist deshalb nicht etwa das Gute als das Mittel
anzusehen, um sich diese hochste Lust zu verschaffen, denn gerade umgekehrt
tritt diese Lust nur dann ein, wenn das Gute ohne egoistische Absichten um
seiner selbst willen getan wird. Im Jahre 1894 erschien auch B.s erstes grofieres
Werk »Philosophie und Erkenntnistheorie«. Der erste Teil dieses Buches ist
der Aufgabe gewidmet, gegen Skeptizismus, sowie Kritizismus und Trans-
zendentalphilosophie die Moglichkeit einer dogmatischen Metaphysik nach-
zuweisen. Sie ergibt sich fiir B. aus dem Begriffe des Denknotwendigen. Was
sich uns namlich subjektiv als denknotwendig darstellt, so argumentiert er,
mufi auch objektiv und an sich so sein, wie wir es denken; denn es ware ein
Widerspruch, die Denknotwendigkeit eines Satzes zu behaupten und doch zu-
gleich die unbedingte Giiltigkeit seines Inhalts zu bezweifeln. Da es nun die
Metaphysik wesentlich mit denknotwendigen Wahrheiten zu tun hat, wie B.
meint, so folgt aus dem angefiihrten Argument ihre wissenschaftliche Moglich-
keit, die um so weniger zu bestreiten ist, als auch die genannten antimeta-
physischen Richtungen metaphysische Voraussetzungen gar nicht entbehren
konnen. Im zweiten Teil seines Werkes entwirft B. die Grundzuge eines philo-
sophischen Systems. Mit Lotze, dessen Weltanschauung trotz der Selb-
standigkeit seines Denkens fiir ihn von mafigebender Bedeutung ist, unter-
scheidet er drei Grundbestandteile aller Wirklichkeit, die sich aufeinander nicht
zuriickflihren, wenn auch aus einem gemeinsamen Grunde, namlich dem
Absoluten, ableiten lassen: denknotwendige Prinzipien, Tatsachen und
Werte. Mit den denknotwendigen Prinzipien, die fiir alle Wirklichkeit gelten,
hat es die theoretische Philosophic zu tun, die im wesentlichen Meta-
physik ist. Letztere untersucht als reine Metaphysik oder Ontologie die Natur
des Seienden im allgemeinen, wahrend sie als angewandte Metaphysik sich
mit kosmologischen und psychologischen Problemen zu beschaftigen hat. Der
Kosmologie oder Naturphilosophie schreibt B. dabei aber nur eine recht unter-
geordnete Bedeutung im System der Philosophic zu. Die Untersuchung der
Werte bildet die Aufgabe der praktischen Philosophie, deren wichtigste
Disziplinen Ethik und Asthetik sind. Die Ergebnisse der theoretischen und der
praktischen Philosophie hat sodann der dritte Hauptteil der Philosophie,
die Religionsphilosophie, zu einer einheitlichen Weltanschauung
364 Busse.
zusammenzufassen, die im Begriff des Absoluten ihren AbschluC findet. Das
Absolute ist als die eine Weltsubstanz zu denken, der alle Dinge als blofie
Modi inharieren, ohne doch deshalb ihre individuelle Selbstandigkeit einzu-
btiflen. Genauer ist der Begriff des AbSoluten als der eines allumfassenden
Geistes zu bestimmen, der zugleich aus praktischen Gninden im Sinne der
the'istischen Anschauung als bewuCte sittliche Personlichkeit gedacht werden
mufl. Alles Seiende ist seiner Natur nach bewufites Sein; ein unbewufites Sein
erklart B. geradezu fur eine contradictio in adiecio, Daher liegt auch der ma-
teriellen Welt an sich ein Reich bewufit-geistiger Wesen zugrunde, deren
Beziehungen unter einander auch nicht mehr als raumlich angesehen werden
konnen, da dem Raume die Realitat aufier unserer Vorstellung abgesprochen
werden mufl. — Zur Verteidigung der Metaphysik ist auch die Abhandlung
»Die Bedeutung der Metaphysik fur die Philosophic und die Theologies ge-
schrieben (Zeitschr. f. Phil. 1898), in deren zweitem Teil B. den zutreffenden
Nachweis fuhrt, dafi die Metaphysik auch fur die Theologie ganz unentbehrlich
ist, wenn nicht die Anerkennung bestimmter religioser Satze zuletzt ganz
und gar dem subjektiven Belieben iiberlassen werden soil.
Im Herbst 1896 folgte B. einem Rufe als ordentlicher Professor an die
Universitat Rostock, die er jedoch bereits nach zwei Jahren wieder verliefl, da
er einen Ruf nach Konigsberg erhalten hatte. Hier war es ihm vergonnt,
sechs Jahre lang eine erfolgreiche und auch uber die studentischen Kreise hinaus-
reichende Lehrtatigkeit zu entwickeln. Dann siedelte er nach Munster uber,
um schliefllich im Fruhjahr 1907 nach Halle zu gehen, wo er aber nur noch
ein Semester wirken sollte. Denn bereits in den Sommerferien erlag er in Halber-
stadt den Folgen einer Gallensteinoperation. — Wahrend seiner Konigsberger
Zeit veroffentlichte B. unter dem Titel »Geist und Korper, Seele und Leib«
sein umfangreichstes und bedeutendstes Werk, das 1903 erschien. Es beginnc
mit einer eindringenden und treffenden Kritik des Materialismus, dem gegen-
tiber er die eigentumliche Natur und die Selbstandigkeit des seelischen Lebens
verteidigt. Den Hauptteil des Werkes aber bildet eine sehr eingehende, die
umfangreiche neuere Literatur uber den Gegenstand in grofier Vollstandigkeit
beriicksichtigende Untersuchung uber die Wechselwirkung zwischen Leib
und Seele, deren Realitat B. im Gegensatz zu der in den letzten Jahrzehnten
so vielfach vertretenen Theorie des psychophysischen Parallelismus auf das
ausfiihrlichste zu beweisen sucht. Keiner der allgemeinen Grunde, die man
gegen eine Wechselwirkung zwischen Leib und Seele geltend gemacht hat, kann
als richtig anerkannt werden. Auch das Gesetz von der Erhaltung der Energie
beweist nichts, da es nach B.s Auffassung, die cr genauer begnindet, nur fur
den Zusammenhang der materiellen Erscheinungen untereinander, jedoch nicht
mehr fur die Beziehungen von materieller und geistiger Welt gilt. Die Annahme
einer geschlossenen Naturkausalitat aber, aus der die Unmoglichkeit einer
Wechselwirkung folgen wurde, ist eine ganz unbegrundete Hypothese, die sich
angesichts der Tatsachen der Erfahrung nicht aufrecht erhalten lafit. Voran-
gegangen waren diesen Untersuchungen einige kleinere Abhandlungen uber das
Verhaltnis von Leib und Seele, deren besondere Anfuhrung aber unnotig sein
diirfte, da ihr wesentlicher Inhalt in das grofiere Werk ubergegangen ist.
— Im Winter 1902/03 hielt B. in Konigsberg volkstumliche Hochschulkurse
uber »Die Weltanschauungen der groOen Philosophen der Neuzeiu, die in
Busse. Bauer.
365
die Teubnersche Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« aufgenommen
wurden (56. Bandchen, 1. Aufl. 1904, 4. Aufl., besorgt von R. Falckenberg, 1909).
In diesen Vorlesungen schildert B. vom Standpunkte seiner selbstandigen
Auffassung aus in lehrreicher und anregender Weise die Entwicklung der
neueren Philosophic in ihren Grundziigen von Descartes und Baco an bis
zur Gegenwart. Fur die von der Konigsberger Universitat 1904 zur Erinnerung
an den vor 100 Jahren erfolgten Tod Kants herausgegebene Sammlung von
Abhandlungen lieferte er mit einer Untersuchung uber Kants »Nova Dilu-
cidatio* einen wertvollen Beitrag. Zu den wissenschaftlichen Leistungen B.s
gehoren auch eine nicht unbetrachtliche Anzahl von Rezensionen, unter
denen seine Berichte uber die neuere philosophische Literatur Amerikas in
der Zeitschr. f. Phil, besondere Erwahnung verdienen. Im Jahre 1902 uber-
nahm B. zu seinen sonstigen Arbeiten noch die Redaktion der ebengenannten
Zeitschrift, die er bis zu seinem Tode fortgeflihrt hat. Als er starb, hatte er
als weitere wissenschaftltehe Arbeiten eine Einleitung in die Philosophic und
ein grofleres Werk uber Lotze ins Auge gefafit. Diese und andere Plane sind nun
nicht mehr zur Ausfiihrung gelangt. Vor der Zeit ist B. auf der Hohe des Lebens
und Wirkens dahingerafft worden, ohne das System der Philosophic zur Aus-
fiihrung bringen zu konnen, das er sich urspriinglich als Lebensaufgabe gesetzt
hatte. Sein fruher Tod bedeutet nicht nur fur seine Familie, sondern auch fiir
die Wissenschaft einen schmerzlichen Verlust. Einer der scharfsinnigsten
und begabtesten Vertreter der systematischen Philosophic in unserer Zeit
ist mit ihm dahingegangen. Moge sein Andenken in der wissenschaftlichen
Welt sich noch lange lebendig erhalten.
Nachruf auf L. Busse, von Falckenberg, Ztschr. f. Phil. 1907, Bd. 131; Nachtrag dazu
von Falckenberg und Julius Walter, ebenda; Mitteilungen von Frau Professor Busse.
Franz Erhardt.
Bauer *), Gustav, Dr. Univ. -Professor, * 18. November 1820 in Augsburg,
t 3. April 1906 in Miinchen. — Der Vater, ein angesehener Kaufmann, starb
friih, aber eine ausgezeichnete Mutter sorgte fur die Erziehung des Knaben,
der ihr sein ganzes Leben lang eine tiefe Liebe bewahrte. Die Gymnasialstudien
erledigte er in dem Kollegium St. Anna in Augsburg bereits im August 1837
und besuchte dann noch die dortige polytechnische Schule ein Jahr lang, wo
er mathematische Facher mit ausgezeichnetem Erfolge horte. Dann wandte
er sich dem Universitatsstudium zu. Zunachst wurde Erlangen besucht, wo
der spater so benihmt gewordene Geometer von Staudt allerdings nicht las,
sodann Wien, Berlin und Paris. Besonders zogen ihn in Berlin die Vorlesungen
von Dirichlet an liber partielle Differentialgleichungen, angewandt auf die
Theorie der Warme, uber bestimmte Integrate und Zahlentheorie^sowie in
Pari3 Liouvilles Vortrage, der uber die Theorie der Attraktion nach dem Newton -
schen Gesetze las. Noch bevor er nach Paris ging, erwarb er im August 1842
in Erlangen die philosophische Doktorwurde auf Grund einer Arbeit: »Von
der Theorie der Warme«. Die Lehramtspriifung fiir Mathematik und Physik
hatte er bereits im Jahre vorher bestanden. Da sich aber keine Aussicht bot,
im Staatsdienst dauernd beschaftigt zu werden, so nahm B. eine Erzieherstelle
beim Fiirsten Ghika in Rumanien an (1845) und widmete sich 8 Jahre lang
*) Totenliste 1906 Band XI 7*.
366 Bauer.
mit hingebendem Eifer der Erziehung der ihm anvertrauten Sohne. Nach
einem 3 monatlichen Aufenthalte in England habilitierte er sich im Oktober
1857 in Munchen als Privatdozent fur Mathematik mit einer Arbeit: »Ober
die Integrale gewisser Differentialgleichungen, die in der Theorie der Anziehung
vorkommen«. Wie die Dissertation, so bezieht sich auch diese Arbeit auf das
Gebiet der Kugelfunktionen, deren Theorie er in dieser letzteren Untersuchung
wesentlich fordert. Im Jahre 1865 wurde B. sodann Extraordinarius, 1869
Ordinarius fur das Lehramt der Mathematik an der Universitat Munchen,
1 87 1 Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Er behandelte in seinen
Vorlesungen analytische und synthetische Geometrie, Theorie der Kurven
und Flachen, Algebra und Theorie der Invarianten und Kovarianten, auGerdem
wurden im mathematischen Seminar, das er unter den schwierigsten Ver-
haltnissen wenigstens einigermafien ausstattete, die verschiedensten Gebiete,
namentlich auch Mechanik, durch Ubungen und Vortrage erortert.
Das wissenschaftliche Arbeitsgebiet B.s war die Geometrie, wean er auch
der Analysis, speziell der Theorie der Kugelfunktionen, immer wieder einzelne
Untersuchungen widmete. In der Arbeit »Ober das Pascalsche Theorem*
Abhandl. d. bayr. Akad. Bd. 3, 1874 bewies er gewisse Reziprozitatsverhaltnisse
der komplizierten Figur des Hexagramma mysticum, 1880 gelang es ihm, einen
schonen Satz liber das Hyperboloid aufzufinden (Uber eine Eigenschaft des
geradlinigen Hyperboloids, Sitz.-Ber. d. bayr. Akad. d. Wiss. Bd. 10, 1880).
Diese Arbeiten, sowie andere, auf die hier nicht eingegangen werden kann,
wie die »Von den gestaltlichen Verhaltnissen der parabolischen Kurve auf einer
Flache dritter Ordnung« Sitz.-Ber. d. k. bayr. Akad. Bd. 13 1883 oder »Von der
Hesseschen Determinante der Hesseschen Flache einer Flache dritter Ordnung*
Abhandl. d. k. bayr. Akad. d. Wiss. Bd. 3, 1883 sicherten B. einen ehrenvollen
Platz in der Wissenschaft. Dem beruhmten Geometer Hesse widmete er
1882 eine tiefeindringende und von groflen Gesichtspunkten beherrschte Ge-
dachtnisrede. Uberhaupt verfiigte B. uber ein vielseitiges Wissen und eine
allgemeine Bildung, wie sie in unserer nur das Fachwissen begunstigenden
Zeit immer seltener wird. Das erkennt man auch aus einem Vortrag, den er
am 7. Juli 1893 im Mathematischen Verein Munchen hielt: »Erinnerungen
aus meinen Studienjahren, insbesondere mit Riicksicht auf die Entwicklung
der Mathematik in jener Zeit« (Munchen, Wolf und Sohn, 1893). Die akademi-
sche Jugend verehrte in ihm nicht nur einen ihren beliebtesten Lehrer, sondern
auch einen wohlwollenden Ratgeber und Freund. Lange Jahre hindurch fuhrte
er den Vorsitz in der Lehramtsprufung fur Mathematik und Physik. Als er
im Jahre 1 900 seinen 80. Geburtstag beging, noch rastlos tatig im akademischen
Lehramte und in unverminderter, geistiger und korperlicher Frische, ehrte
ihn der akademische »Mathematische Verein Munchen« durch Herau^gabe
seiner »Vorlesungen uber Algebra«, Teubner 1903. Die Drucklegung besorgte
sein Schiiler und j lingerer Kollege Doehlemann. Schon im Jahre 19 10 war
eine 2. Auflage dieses Buches notwendig. Im November 1900 lieB B. sich von
der Verpflichtung, Vorlesungen zu halten, entbinden, las aber noch im Winter-
semester 1904/05. Im Anfange des Jahres 1906 zeigten sich die Symptome
einer schweren Lungenentziindung und dieser erlag der merkwiirdig frische
85jahrige Mann am 3. April 1906. In seinem edlen und freien Charakter, seiner
hingebenden Liebe fiir seine Familie, seinem strengen PflichtbewuGtsein und
Bauer. Rosenbach.
367
seinem warmherzigen Wohlwollen fur die Jugend stellt G. Bauer den Typus
des deutschen Gelehrten dar. ^
Miinchen. Karl Doehlemann. J
Rosenbach, Ottomar x ), a. o. Prof, der inneren Medizin an der Universitat
Breslau, * als Sohn eines angesehenen Arztes am 4. Januar 185 1 zu Krappitz
in Schlesien, f zu Berlin am 20. Marz 1907. — Er besuchte das Gymnasium
zu Ratibor und studierte in Breslau und Berlin — hier besonders intensiv
beeinflufit von seinem Onkel, dem groflen Kliniker Ludwig Traube. 1870/71
zieht er als Freiwilliger in den Krieg und nimmt teil an der Belagerung von
Paris. 1874 — 1877 ist er Assistent an der medizinischen Poliklinik — bzw.
Klinik in Jena unter Leube und Nothnagel. 1877 wird er Assistent am Aller-
heiligen-Hospital zu Breslau, wo er sich nun, zunachst von Cohnheim beeinflufit
— bald aber methodisch und sachlich auch unabhangig von dessen Schule —
dem Studium pathologischer Probleme widmet. 1878 habilitierte er sich an
der Universitat Breslau, mit der besonders fur die Entwicklung seiner Lehre
von der Rolle des Tierexperiments in der medizinischen Forschung bedeut-
samen, aber auch fur seine spateren grofien Arbeiten liber die Pathologie des
Herzens bestimmend gewordenen Untersuchung: »Uber artefizielle Herz-
klappenfehler«. 1887 ward er dirigierender Arzt der medizinischen Abteilung
des Allerheiligen-Hospitals zu Breslau, 1888 aufierordentlicher Professor an
der Universitat. 1893 legte er seine Stellung im Krankenhause nieder, 1896
entsagte er seinem Lehramt, um fortan in Berlin ausschliefilich seinen wissen-
schaftlichen Arbeiten zu leben. Was ihm jetzt als Ziel vorschwebte, war ein
systematischer Ausbau seiner medizinischen Gedanken zu einer umfassenden
Naturphilosophie. Immer intensiver wurde daher in dieser Zeit seine Be-
schaftigung auch mit erkenntnistheoretischen Problemen, immer gescharfter
zugleich sein Sinn fur eine Kritik seiner eigenen Forschungsergebnisse und
Methoden. In unausgesetzter harter wissenschaftlicher Arbeit entsteht jetzt
eine groBe Reihe bedeutsamer Werke. Manches kleinere und weniger wichtige
schiebt sich freilich dazwischen. Ohne Schwierigkeit aber erkennt der Kundige
an ihrer Gesamtheit die grundlegenden und einheitlichen Motive, die ihre Ent-
stehung beherrschen. Korperlich schwer leidend schafft der rastlose Mann
mit fieberhafter Energie. Ein Meister der arztlichen Diagnostik bewahrt sich
sein klares Urteil auch an seinen eigenen Zustanden. In klassischer Ruhe und
mit der weisen Oberlegenheit des Denkers sieht er seit Jahren sein Ende heran-
nahen, aber nur um so energischer widmet er sich seinen Arbeiten: die kurze
Lebensfrist, die ihm, wie er wohl wuBte, noch vergonnt war, sollte ihm einen,
wenigstens relativen Abschlufi seiner Gedanken ermoglichen. Aus einer, im
hochsten Sinne religiosen Uberzeugung, in der zugleich seine teleologische
Naturphilosophie gipfelt, leitet er fiir sich selbst die Pflicht her, auch die letzten
Reste seiner physischen und psychischen Krafte in den Dienst der ihm heiligen
Sache zu stellen. Auf aufiere Erfolge lernt er in harten Kampfen allmahlich
verzichten und immer mehr befestigt sich in ihm das Bewufitsein, dafl sein
Streben, die spezifische Struktur der Urphanomene des Lebens in selbstandiger
methodischer Kritik der gesamten medizinisch-wissenschaftlichen Tradition
") Totcnlistc 1907 Band XII 71*
368 Rosenbach.
zu erhellen, erst von einer spateren Zeit in seiner ganzen Bedeutung wird ver-
standen und gewiirdigt werden. Je mehr ihm so seine eigene wissenschaftliche
Isolierung verstandlich ward, um so mehr wurden ihm »Schule«, und »Cber-
lieferung« in ihren methodischen Grundlagen zum Problem.
Aus solchen Quellen flieflt sein tiefes Interesse und Verstandnis fur die
Geschichte der Medizin: die historische Bedingtheit der eigenen
wie der traditionellen Lehrmeinung zu fixieren, gilt ihm in einer groflen Zahl
von Fallen als Vehikel seiner sachlichen Argumentation. Seine Untersuchungen
liber die methodische Bedeutung des Tierexperiments, des Analogieschlusses
und der Statistik, seine Erorterung iiber das Verhaltnis der Bakteriologie zur
medizinischen Diagnostik, Prognostik und Therapie, seine Erwagungen liber
das AusmaO der Spezialisierbarkeit medizinischer Forschurtg und Betatigung,
ja selbst die, sein gesamtes medizinisch-naturphilosophisches Denken be-
herrschende Alternative: pathologisch - anatomische oder
funktionelle Diagnostik stehen unter dem Doppelgesichtspunkt
einer historischen und sachlichen Kritik. Die objektiven wie die psycho -
logischen Motive herauszufinden, die den Entwicklungsgang seiner Wissen-
schaft beherrschen und die Punkte zu fixieren, an welchen sie mit seinen
eigenen Gedanken interferieren, ist eine seiner wesentiichsten methodischen
Aufgaben.
Man hat R. oft eine gewisse Neigung zu grundsatzlichem Verneinen nach-
gesagt. Man hat aber in den meisten Fallen begrlindete oder doch stets aus
Grlinden schopfende Kritik mit grundloser Negation verwechselt. Denn niemals
war ihm das negative, in Angriff und Abwehr naturgemafi freilich starker hervor-
tretende Element Selbstzweck, und auch inmitten der scharfsten Polemik
erflillt ihn kritische Besonnenheit. Er ist viel zu objektiv, um nicht zu sehen,
dafl seine Kritik an diesem oder jenem Punkte Verschiebungen der Perspektive
und der theoretischen Wertbetonung bedingt, die weniger in der Sache, als
in den polemischen Gesichtspunkten ihrer Betrachtung wurzeln. Aber er selbst
motiviert jene Verschiebungen mit dem berechtigten Hinweis auf den Ge-
danken, »dafi jemand, der offenbare Schaden klarlegen will, gerade im Jahr-
hundert des Strebens nach hellster Beleuchtung, das Licht der Kritik besonders
scharf konzentrieren mufi, und dafi nach dem alten Spruch jemand, der ein
krummes Stabchen gerade biegen will, genotigt sein kann, es etwas liber die
gerade Linie hinauszubiegen«.
R.s Gegensatz zu der herrschenden pathologisch-anatomischen Richtung
in der Medizin, welche Krankheit schlechthin mit der anatomischen Veranderung
eines Organs, Organteils oder Organkomplexes bzw. -systems identifiziert,
hat sich langsam entwickelt. Schon in seiner Habilitationsschrift vom Jahre
1878 kommt die Tendenz zu einem, wenn auch noch wenig differenzierten
Ausdruck, die prinzipielle methodische Selbstandigkeit der k I i n i s c h e n
einer pathologisch-anatomischen Betrachtungsweise gegenuber zu betonen.
In ungestorter Kontinuitat entfaltet sich diese Tendenz zu immer grofierer
Klarheit, bis sie erst in seinen spateren Schriften das fiir die Eingliederung in
einen allgemeinen naturphilosophischen Zusammenhang, um den es R. besonders
zu tun gewesen war, erforderliche Mafi der systematischen Vollendung erreicht.
Naturlich ist jenes Mafl zugleich die Voraussetzung fiir eine einheitliche methodi-
sche Analyse und logische Wertung der R.schen Gedanken.
Rosenbach. 360
Die sachliche Bedeutung mancher kleineren von den — mit den unvollendet
hinterlassenen Manuskripten — mehr als 300 Arbeiten R.s mag mit grofierer
oder geringerer Berechtigung bezweifelt werden, kaum eine einzige aber wird
genannt werden konnen, die nicht mittelbar oder unmittelbar, und zwar ganz
und gar unabhangig von ihrer inhaltlichen Besonderheit, jene allgemeinen,
naturphilosophischen Tendenzen ihres Autors zum Ausdruck brachte, Tendenzen,
welche sich in umfassender Weise zu einer Lehre verdichten, die R. in einem
spezifischen Sinne dieses Wortes als Energetik bezeichnet.
Energetik bedeutet fiir R. mehr als »Die Lehre von der Energie und ihren
Umwandlungen«, denn sie ist fiir ihn mehr als Kinetik oder Kinematik. Ener-
getik als Prinzip der Erklarung zum mindesten des biologischen Geschehens
kann niemals eine Theorie »des zwecklosen Geschehens« sein. »Die Bewegung
an sich ist in der Organisation nichts, die Bewegung zur bzw. in der Erfullung
des Zweckes alles«. So beherrscht der Gedanke der Teleologie den R.schen
Begriff der Energetik. »Die Energetik darf nicht blofi die Lehre von der Bildung
oder Wirkung bestimmter energetischer Leistungen sein, sondern sie mufi vor
allem die Bedeutung dieser Leistungen fiir die Erhaltung und Fortbildung
cines Systems (Betriebs), die Veranderung der Leistungen bei Aufnahme des
Systems in grofiere Systeme und die speziellen Beziehungen zu reziproken
Systemen und zur gesamten Aufienwelt umfassen. Die wissenschaftliche Be-
griindung der Energetik des Betriebs der Organisation stellt deshalb die hochsten
Anf orderungen. «
Durch diesen spezifischen Begriff der Energetik ist R.s gesamtes wissen-
schaftliches Denken bis ins feinste Detail hinein teleologisch, freilich in jenem
kritisch abgetonten Sinn des Wortes, der schon mit dem Begriff einer Wissen-
schaf t vom Leben gegeben ist. Der Begriff der Teleologie ist vor alien Dingen
fiir den B e t r i e b einer solchen Wissenschaft konstitutiv. Aus diesem Be-
triebe hatte ihn denn auch R. geschopft. Aber er hat ihn liber seine Sphare
hinaus zu einem Prinzip des natiirlichen Geschehens liberhaupt und zu einem
methodischen Grundsatz aller Naturforschung gestalten wollen.
Alle historischen und sachlichen Beziehungen, die teleologisches Denken
uberhaupt involviert, gelten somit auch fiir die Naturphilosophie R.s und alle
philosophischen Tendenzen, die sich im Begriff der Teleologie realisieren, miissen
denn auch im Denken R.s wirksam und auffindbar sein. Es hiefie die Grund-
probleme der Erkenntniswissenschaft aufrollen, wollten wir hier den Begriff
des Zwecks und die Frage des Rechtes einer Verallgemeinerung des Teleologie -
prinzips diskuticren. Sicher ist, dafi Teleologie fiir R. letzten Endes vielfach
nicht ein Prinzip der Erklarung natiirlicher Vorgange, sondern nur einen
heuristischen Grundsatz ihrer Erforschung bedeutet. Fiir R. ist Zweck-
mafiigkeit nicht ein Faktor, der auftritt, wo Einsicht endet, sondern Einsicht
in natiirlichen Dingen ist fiir ihn vielmehr Verstandnis der Bedingungen,
unter welchen die Einheit des Geschehens in einem System, sei es welches
immer, stehen mufi. Wo immer es sich um »konstruktive Gebilde«, nicht
um zufallige, »der Valenz regellos gegeneinander wirkender Massen oder Kraft -
substrate (Naturgewalten)« entsprechende Gleichgewichtszustande handelt, da
ist das Mannigfaltige nach Z w e c k e n gestaltet und kombiniert. Und nach-
zuweisen, d a fi die »Welt« ein solches »konstruktives Gebilde« sei, ist mit
einer der Grundgedanken der Naturphilosophie R.s. So ist denn R.s Blick im
Biogr. Jahrbuch u. Dcutschcr Nekrolog-. 13. Bd. 24
370
Rosenbach.
groflen wie im kleinen auf die Einheit der systematischen Gestaltung, auf das
Ganze und nicht auf die Teile gerichtet oder auf die letzteren doch nur
insofern, als sie Glieder und damit Bedingungen einer »Synergie« zum
Ganzen darstellen.
Darum aber ist ihm Naturforschung auch niemals schlechthin gleich-
bedeutend mit Mechanik. Vielmehr sind mechanische Vorgange seiner Auf-
fassung nach erst d a n n Gegenstand einer wissenschaftlichen Betrachtungs-
weise, wenn sie in ihrer Relation zum Begriff und zu der Einheit des Systems,
dessen Erhaltung sie dienen, erfafit und dargestellt werden. Ein konstruktives
Gebilde ist eben ein »f(ir bestimrfite Zwecke gestaltetes System*; ein konstruk-
tives Gebilde ist »Funktionstrager«, es ist ein »rationell, d. h. der Idee der
Konstruktion gemafl betriebenes« Ganze. In ihm werden »die vorhandenen
Kraftsubstrate nicht ziellos durch die Wucht der Massen in das indifferente
Gleichgewicht iibergefuhrt, indem alle Spannungen sich allmahlich oder pldtzlich
losen, sondern die verschiedenartigsten Formen der Kraftspannung werden
mit Riicksicht auf die Zeit ihrer Entwicklung und den Angriffs-
punkt so miteinander kombiniert, da6 die erste Verschiebung, die Auslosung
einer inneren oder aufieren Bewegung an einer Stelle, eine Kette von Bewegungs-
und Spannungsvorgangen an anderen bewirkt, die, bei Aufnahme genilgender
Energiesubstrate aus der Aufienwelt nicht nur die beabsichtigte Bewegung
(den Zweck der Konstruktion), sondern zugleich auch die zur
Wiederherstellung des primaren Gleichgewichts n6tigen Verschiebungen und
Spannungen (also die Erhaltung der Existenz) erzielt«. Organisation heifit
fiir R. unter solchen Gesichtspunkten B e t r i e b , sie ist die zweckgemaGe,
planvolle und nicht eine zufallige Kombination von Faktoren. Sie steht in
solchem Sinne unter der Voraussetzung eines »transzendenten, nicht aus dem
Betriebe stammenden« Elements, das, wenn es bewufit ist, den Betrieb zu
einem » psycho -somatischen« gestaltet.
Der Begriff des Plans, der zweckgemafien Kombination also ist der
gemeinsame Oberbegriff fiir Betrieb und Organisation. Um so entschiedener
aber miissen die beiden Begriffe voneinander unterschieden werden. Organisation
ist eine besondere Art des Betriebs. »Im kiinstlichen Betriebe mit Maschinen
irgendwelcher Art wird fiir die Erhaltung der Existenz der Maschine nicht
durch die Maschine selbst (direkt) gesorgt; jedenfalb ist die Tatigkeit nicht
Mittel der Erhaltung, wie ja auch die Amort isationsquote nur zur Anschaffung
neuer Maschinen — an Stelle der defekten — und nicht zur Bildung neuer
Maschinen durch die Maschine selbst dient.« Organisation ist dem maschinellen
Betrieb gegenuber, der eine kunstvolle Kombination von Mechanismen ist,
ein Betrieb mit einer eigentumlichen Form der »Eiementarstruktur«, genauer
ein Betrieb, in welchem die Elementarstruktur der Glieder und deren Kom-
bination zum Ganzen des Systems gegenseitig Bedingung und Voraussetzung
sind. »Zur Bildung einer physiologischen Organisation genugt also nicht die
kunstvolle (zweckgemafle, zielstrebige) Zusammenreihung von beliebigen
Massenbestandteilen in der durch die konstruktive Idee bestimmten Ver-
bindung; diese liefert nur einen kiinstlichen Mechanismus (Maschine).* Die
Organisation bedarf einer spezifischen Konstitution, die der
Gegensatz der mechanischen ist, weil nicht blofl auBerltche Beziehungen, sondern
die — auf natilrlichem Wege gewordene — Verbindung dieser aufleren
Rosenbach.
371
Gleichgewichtsfaktoren mit inneren konstitutionellen fur die Erhaltung des
Systems bzw. fur den Ablauf aller Vorgange mafigebend sind. Der Automat
wird erhalten, der Organismus erhalt sich. Im Organismus ist jeder Massenteil
»eine konstruktive Einheit, die dasselbe dynamische Prinzip reprasentiert
wie der aus der Kombination bzw. Synergie dynamischer Elemente sich er-
gebende einheitliche Reprasentant, der Organismus. Der kleinste Bestandteil
der Organisation, das lebende Molekiil bzw. der Energet, ist eine analoge Bildung
wie der ganze Organismus«. Die Organisation arbeitet gleichsaryi immer nach
zwei Fronten hin. Sie erhalt in ihrer aufieren, dem maschinellen Betrieb analogen
Funktion ihre Beziehungen zur AuOenwelt und erhalt zum Teil m i 1 1 e 1 s t
dieser Funktionen sich selbst in ihrer spezifischen Beschaffenheit und Betriebs-
moglichkeit. Ein Effekt zugleich und eine Voraussetzung dieser Verhaltnisse
ist der differente Reaktionstypus des maschinellen Betriebs und der Organisation.
Jener reagiert kraft der zweckgemafien Einrichtung und Kombination
seiner Teile automatisch, diese dank der spezifischen Konstitution ihrer Elemente
s e 1 e k t i v , dort ist der durch den Plan zur Einheit des Systems verknupfte
Vorgang mechanisch, hier spezifisch b i o 1 g i s c h , dort ist der
Reaktionstypus n u r quantitativ, hier zugleich und vorwiegend qualitativ.
So sondern sich die Gesichtspunkte der mechanischen und der biologischen
Betrachtungsweise fur R. voneinander in prinzipieller Scharfe innerhalb der
Sphare des sein wissenschaftliches Denken beherrschenden Gedankens der
ZweckgemaBheit.
AVie sollen wir«, so fragt er einmal in scharf pointierter Gegenubcrstellung
der Verhaltnisse, »es mechanisch erklaren, daB das Individuum das eine Mai
nach der Ursache eines Hautreizes mit grofier Kraft schlagt, d. h. den Reiz
durch den Zusammenprall zwischen Oberflachen des Korpers zu vernichten
sucht (z. B. bei der Belastigung durch eine Mucke), das andere Mai ihn von
der Oberflache des Korpers mit grofier Vorsicht entfernt (Stich durch eine
Stecknadel). Ein Automat wurde auf den gleichen Reiz hin — die Valenz der
Stiche als Auslosungsvorgang fur die Arbeit der nervosen Apparate, den Nerven-
impuls, gleichgesetzt — stets nur in der einen oder anderen Weise handeln,
also z. B. wenn er fur Vernichtung von Mucken eingerichtet ware, sich cine
Stecknadel in das Innere hineintreiben.«
Der Organismus leistet auBere Arbeit in sichtbarer Reaktion auf Reize
nur nach Maflgabe der inneren, seiner eigenen Erhaltung dienenden; der
Automat hat nur aufiere Arbeit zu leisten. Der Organismus ist im tieferen
Sinn des Wortes a k t i v , der Automat p a s s i v. Der Organismus kann,
wenn es die Bedingungen seiner Erhaltung fordern, auf groBte Reize von
bestimmter Qualitat minimal, auf minimale Reize einer anderen Qualitat
maximal mit aufierer Arbeit reagieren. Der Automat ist auf eine bestimmte
Qualitat und Quantitat der Reize je nach der Feinheit seiner Konstruktion
eingestellt; das Ausmafl seiner sichtbaren Reaktion bleibt das gleiche. Im
Automaten ist — bei intakter Konstruktion — der Schwellenwert stets der-
selbe; im Organismus verringert oder erhoht er sich durch zweckmaBige Ge-
staltung der inneren Arbeit im Phanomen der Anpassung. Das Gleichgewicht
der Maschine ist stabil, das der Organisation stabil und labil zugleich.
Es ist unmoglich, im Rahmen dieser Darlegung die Fulle von Gesichts-
punkten zu erschopfen, die sich fur R. aus solchen Erwagungen ergeben. Die
24*
372
Rosenhach.
grundlegenden Fragen der Biologie, die Probleme der Ernahrung, Anpassung,
Zeugung, Entwicklung, Vererbung, die Frage der Beeinflussung physischer,
genauer somatischer Vorgange durch psychische Prozesse, also die »energetische«
Bedeutung des psychischen Faktors, der Stellung der Gesamtheit der Orga-
nismen zu den kosmischen Agentien, dann wieder ihres Verhaltnisses zu dem
Prinzip der Erhaltung der Arbeit, der mechanischen Kausalitat und der
grundsatzlichen Grenzen der Geltung des letzteren — zu allem dem hat R. in
der naturlichen Konsequenz seiner dargelegten Lehren in origineller und sach-
lich bedeutsamer Weise Stellung genommen. Und von selbst ergeben sich aus
einer solchen Stellungnahme wiederum fundamentale methodologische Cber-
legungen uber den Wert und die Bedeutung vor allem der mathemati-
schen Naturwissenschaf t.
R. konnte diese Bedeutung — obwohl mathematisch selbst auf das hochste
interessiert — nur n e g a t i v einschatzen. Er ist, um einen philosophischen
Terminus zu gebrauchen, viel zu sehr Nominalist, um der Mathematik,
in der er — freilich ohne eingehende Analyse ihres Begriffs — das Produkt
einer Abstraktion sieht, eine bestimmende Rolle in dem Betriebe der
wissenschaftlichen Forschung einzuraumen. R. ist der reine Begriff wissenschaft -
licher Objektivitat, wie er sich in der Mathematik realisiert, fremd, und zwar
— man gestatte die paradoxe Wendung — aus Objektivitat. Weil in der Natur
und im tatsachlichen Betrieb ihrer Erforschung die idealen Forderungen der
Mathematik nicht befriedigt werden konnen — wo Mathematik sich der Realitat
bemachtigen soil, da mlissen in die beziiglichen Formeln empirische Faktoren
eingestellt werden — gilt ihm als wahre Naturforschung nur die von den Ge-
sichtspunkten einer mathematischen Betrachtung freie. »Die mathematische,
rein ideale Durchschnittsbetrachtung, die gleichartige Wirkungen in infi-
nitum postuliert«, erscheint ihm gerade in ihrer Exaktheit, auch hierin der
Logik gleichend, als ein Vertreter der »subjektiven Norm«, die nicht ohne
weiteres »bei der wissenschaftlichen Fixierung der Verhaltnisse der realen
Welt Anwendung finden« konne. So ist R. im tiefsten Grunde seines Wesens,
erkenntnistheoretisch gesprochen, E m p i r i s t : fur seinen Wissenschaftsbegriff
ist, wenigstens bewufit, die Vorstellung der Wahrscheinlichkeit, nicht aber
die der Wahrheit konstitutiv. Seiner Erkenntnislehre fehlt eben die Ausein-
andersetzung mit dem Problem der Wahrheit und die Einsicht, daO auch
fur den Begriff der Wahrscheinlichkeit der der Wahrheit logische Voraussetzung
ist. Wahrscheinlichkeit nicht mit Wahrheit zu verwechseln ist eine Forderung,
welche die Wissenschaft gerade und n u r im Namen der Wahrheit erheben kann.
Es ist »objektiv«, nicht fur wahr zu halten, was nur wahrscheinlich ist, gerade
w e i 1 es jenen Bedingungen gemafi ist, welche Logik und Mathematik auf ihre
Weise definieren. So umfassen denn in Wirklichkeit Logik und Mathematik
geradezu den Inbegriff der »Normen des Objekts«. Solche Gesichtspunkte
blieben R. fremd. Was unter der Voraussetzung wissenschaftlicher Objektivitat
ein unentbehrlicher Hilfsbegriff des Betriebs der Wissenschaft ist, wird fur ihn,
wie fur jeden konsequenten Vertreter des Empirismus, ein Element der De-
finition ihres Begriffs. Es ware nicht schwer zu zeigen, wie die Konsequenzen
dieses Verhaltens auch in dem R.schen Realitatsbegriff und in der von diesem
getragenen Metaphysik zum Ausdruck kommen. Aber mit der Erorterung
dieser Verhaltnisse ware ein Problemkreis beruhrt, den R. selbst, wenigstens
Hosenbach.
373
ausdrucklich, niemals zum Gegenstand theoretischer Erwagungen gemacht hat.
Er mag daher auch hier nur angedeutet werden.
In der eigenartigen erkenntnistheoretischen Bewertung des Wahrschein-
lichkeitsbegri fifes durch R. wurzelt nicht nur dessen grundsatzlich ablehnende
Haltung gegeniiber den Prinzipien der Philosophic Kants, sondern auch seine
Auflfassung von der erkenntnistheoretischen Valenz des im Grunde genommen
nur psychologisch bedeutsamen Phanomens der Sinnestauschungen, dessen
psychologische Kenntnis er — ubrigens stets im Zusammenhang seiner allgemein
naturphilosophischen Betrachtungen — in nicht unbedeutender Weise ge-
fordert hat. So berechtigt nun aber auch die Kritik sein mag, die der empi-
ristische Wissenschaftsbegriff R.s herausfordert, so grundlegend ist doch sein
Empirismus fiir die Theorie des Betriebs derjenigen naturwissenschaftlichen
Sonderdisziplin, zu der er sich selbst am meisten hingezogen fiihlte, der Bio-
logic Wie er von ihr ausgegangen war und wie ihre Gesichtspunkte sein
gesamtes theoretisches Denken, so weit es sich auch erstrecken mag, beherrschen,
so stand sie auch im Mittelpunkte seines eigenen theoretischen Interesses.
Und die biologischen Probleme wieder riickten fiir ihn von selbst in die Be-
leuchtung medizinischer Fragen. R. fiihlte sich in letzter Linie theoretisch
wie praktisch als Arzt. Nur forderte er von der Medizin — unsere Darstellung
hat es zu erweisen gesucht — Beriicksichtigung biologischer Gesichtspunkte
im weiteren und weitesten Sinne. Er suchte von der Medizin aus mit dem
Gedanken der materialen Einheit der Natur ernst zu machen. Das war es,
was er meinte, wenn er gelegentlich die Medizin eine »philosophische Wissen-
schaft« zu nennen pflegte; und fiir seine ganze wissenschaftliche Geistes-
haltung ist es bezeichnend, daB er schon als Doktorand die These verteidigte:
»Zur Losung ihrer hochsten Aufgaben miissen Naturforscher und Philosoph
Hand in Hand gehen«. Oft schien er — insbesondere auch unter dem Ein-
flufl korperlicher Leiden — an der Realisierbarkeit seines Programms zu ver-
zweifeln; und resigniert beklagte er in solchen Momenten die Verquickung
medizinischer und philosophischer Gesichtspunkte, die ihm psychologisches
Bedurfnis war. Aber letzten Endes lag gerade in dieser »Verquickung« das
Lebenselement seines wissenschaftlichen Schaflfens. Nur von dem Gesichts-
punkte einer solchen Synthese wissenschaftlicher Motive aus sind vor alien
Dingen auch seine methodologischen Bestrebungen zu verstehen, denn in
jener Synthese allein wurzelt seine Lehre von der grundsatzlichen Unzulang-
lichkeit der bloflen Induktion fiir die wissenschaftliche Forschung, oder was
dasselbe ist, von der Unerlafilichkeit einer planmafligen Verknupfung des
induktiven Arbeitens mit Zusammenfassung unter allgemeinen Gesichtspunkten.
Nicht das Denken a priori — sagte er einmal in energischer Zuriickweisung nahe-
liegender Einwande — »tragt die Schuld an dem Odium, welches viele gegeniiber
dieser wichtigsten, ja unentbehrlichen Methode der Erkenntnis zur Schau
tragen, sondern der Umstand, daB man oft, ohne geniigende Unterlage an Tat-
sachen, mit falschen Analogieschliissen, unter willkiirlicher Oberbriickung
von Liicken im Kausalzusammenhange des angeblich Tatsachlichen, nur der
Phantasie freien Spielraum gewahrt und die luftigen Gebilde derselben falsch-
lich als Produkte der aprioristischen Methode ausgiebt. Wo eben die reale
Basis, der Boden der Tatsachen fehlt, . . . und wo man noch obendrein nicht
logisch, sondern phantastisch denkt, da handelt es sich nicht mehr um die
374
Rosenbach.
wissenschaftliche Form der Deduktion, den Schlufl a priori, sondern urn Spe-
kulation, und dies gilt besonders fur denjenigen, der seine Folgerungen auch
ohpe Kenntnis der Tatsachen macht, dem also das Gebiet, aus dem er die Sub-
strate fiir seine Schliisse bezieht, ein fremdes ist«.
Das sind die Grundsatze, die vor allem seine, gerade auch in methodo-
logischer Hinsicht klassischen Werke »Grundlagen, Aufgaben und Grenzen
der Therapie. Nebst einem Anhange: Kritik des Kochschen Verfahrens.
Wien und Leipzig 189H, dann »Die Seekrankheit als Typus der Kinetosen.
(Versuch einer Mechanik des psychosomatischen Betriebes), Wien 1896*,
seine Schrift »Das Problem der Syphilis und Kritik ihrer Behandlung«, seine
Abhandlung »Warum sind wissenschaftliche SchluBfolgerungen auf dem Ge-
biete der Heilkunde so schwierig usw.«, ganz besonders auch seine ausge-
zeichnete Streitschrift »Energetik und Medizin* und in hervorragendem Mafie
sein grofies Werk »Die Krankheiten des Herzens und ihre Behandlung. Wien
Leipzig 1893 — 1897*, sowie jene ungeheure Reihe groBerer und kleinerer Ar-
beiten beherrschen, die im einzelnen einen schier unermefllichen und noch
lange nicht gehobenen Schatz medizinischer Forschungsarbeit enthalten, in
ijirer Gesamtheit aber ein imponierendes Bekenntnis zu dem Gedanken von
cjer Einheit der Wissenschaft und der Grundlagen ihrer Methoden darsteilen.
Fiir R. gibt es solchermaBen keine besonderen und keine allgemeinen
Fragen in der Wissenschaft. Im scheinbar Kleinen das GroBte zu suchen — ist
ihm methodologisches Bediirfnis und mehr als ein fluchtiges Bild ist ihm der
Satz, dafi sich das Weltall auch im Tautropfen spiegelt. Die Gabe einer wunder-
baren Assoziationsfahigkeit und eines besonders scharfen Blicks fiir Ana-
logien, die er dennoch nie mit Identitaten verwechselt, ist wohl die psycholo-
gische Wurzel seiner methodologischen Uberzeugung. Es ist die seltene Gabe,
komplexe Systeme in ihrer Einfachheit und Komplexheit z u g 1 e i c h zu
iiberschauen, die Gabe des geborenen Forschers auf medizinischem Gebiete
und vor allem des geborenen A r z t e s. Sie war es, die es ihn etwa 1880 auf
Grund der kritischen Analyse eines einzigen Falles erkennen liefl, »dafi bei
Kompression des Rekurrensstammes zuerst die Funktion der Erweiterer der
Glottis leidet und dafi die Verengerer erst spater in Mitleidenschaft gezogen
werden« und die ihn vor allem von hier aus zu dem »Gesetz« vordringen liefi,
daB einerseits Beuger, Adduktoren, Verengerer und Schlieflmuskeln, anderer-
seits Strecker, Abduktoren, Erweiterer und Offner funktionell gleichwertig
seien. Sie leitet ihn bei seinen Arbeiten tiber die Herzneurosen, die Sklerose
der Kranzarterien, die digestive Reflexneurose, den roten Harnfarbstoff, die
regulatorische Albuminuric, die verschiedenen Formen des Asthma, das
Cheyne-Stokessche Atmen usw. usw. — Alle seine medizinischen Betrach-
tungen aber beherrscht, mit seinen allgemeinen biologischen Erwagungen
auf das Innigste verkniipft, in diesen wurzelnd und sie andererseits wieder
begriindend, sein Begriff der Krankheit, gleichsam als Zentralpunkt
aller seiner Erwagungen.
Krankheit ist — man kann R.s Anschauung am kurzesten vielleicht so
zusammen fassen — betriebstechnisch und nicht ontolo-
g i s c h zu definieren. »Wie das Wesen der Gesundheit die Ausbildung aller
Fahigkeiten unter Steigerung der Leistungsfahigkeit ist, so ist das Wesen der
Krankheit die schneller oder langsamer fortschreitende Verkleinerung jener
Rosenbach.
375
und somit der Existenzfahigkeit. Krankhaft, d. h. unter alien Umstanden zur
Vernichtung der Existenz f uhrend, sind alle Vorgange, in welchen eine Anderung
der zweckmafiigen, auf Erhaltung des dynamischen Gleichgewichts der indivi-
duellen Organisation gerichteten Betatigung zum Ausdruck kommt. Von den
krankhaften Vorgangen sind die abnormen grundsatzlich zu trennen, von
den Betriebsstorungen prinzipiell zu scheiden die Veranderungen der Betriebs-
form«. Krankheit ist Aufhebung der normalen Beziehungen zwischen wesent-
licher und aufierwesentlicher, zwischen der der Erhaltung des Organismus
dienenden i n n e r e n qnd der mefibaren aufieren Arbeit. Der Betrieb
ist normal, »wenn vollige Harmonie zwischen der fiir die Existenz und die
Entwicklung aller Teile notwendigen inneren (wesentlichen) und der fiir die
Existenz des Ganzen und seiner Leistung nach auflen hin erforderlichen (aufier-
wesentlichen) Arbeit besteht, wenn also die Phasen der intra- und inter-
organischen, der endo- und exosomatischen Betatigung in geeigneter Reihen-
folge, Dauer und Intensitat aufeinanderfolgen wie Tag und Nacht oder die
Jahreszeiten.« Das Wesen des normalen Daseins der Organisation ist Har-
monie der Teile, das des kranken eine die Moglichkeit der Wiederherstellung
jener Harmonie in Frage stellende itio in paries. »Pathologisch ist, was direkt
oder durch seine Dauer den Zwecken des Organismus (Erhaltung und Einflufl
auf die Aufienwelt) widerstreitet. Daraus folgt, dafi nicht jede Tatigkeit,
die an sich als Einrichtung zweckmafiig ist, auch fiir jeden gegebenen Fall,
bzw. fur die Erhaltung des Ganzen vorteilhaft ist oder unter den Begriff der
Norm korperlicher Vorgange fallen mufl. Nicht alles, was mit mechanischer
Notwendigkeit erfolgt, also der Automatie eines Mechanismus entspricht, und
somit die physiologische Einrichtung zum Ausdruck zu bringen scheint, ist
zweckmafiig. So ist durchaus nicht jeder Vorgang, der dem normalen Phasen -
gange oder Verhalten entspricht bzw. ihn temporar erhalt, zweckmafiig.
So paradox es auch klingt, die Norm kann unter abnormen Verhaltnissen
gerade durch Herbeiflihrung pathologischer (nicht physiologischer) Reaktions-
formen erhalten bzw, wieder hergestellt werden. (Erbrechen, Diarrhoe,
Vergiftung, temporare Kontraktur oder Paralyse eines Muskels bei Gelenk-
entziindung)*.
Es ist unmoglich, die ganze Ftille von Gesichtspunkten hier auch nur
zu schildern, geschweige denn kritisch zu erschopfen, die sich fiir R. aus
dieser Bestimmung des Krankheitsbegriffs ergeben. Aber ohne Schwierigkeit
erhellt aus diesem allein schon der oberste Gesichtspunkt seines diagnostischen,
prognostischen und therapeutischen Raisonnements. »Nur der ganze Betrieb
und die Erftillung seiner Zwecke kann fiir unsere Beurteilung des Zustandes
mafigebend werden«. Der Begriindung dieser These hat R. — man darf
es ruhig behaupten — seine gesamte Lebensarbeit gewidmet. In ihr realisiert
sich das, was er unter den spezifischen Gesichtspunkten seiner Lehren, also
abweichend von dem gewohnlichen medizinischen Sprachgebrauch, funk-
tionelle Diagnostik nennt; durch sie wird die Forderung der
individualisierenden Betrachtungsweise in der Medizin aus der Sphare des
Schlagworts auf das Niveau eines biologisch fundierten Grundsatzes
erhoben. Der ganze Begriffsapparat der Medizin wird durch R. unter den
Gesichtspunkt dieses Grundsatzes z. T. kritisch beleuchtet, z. T. neu begriindet.
Die Frage nach der methodischen Bedeutung des Tierexperiments, oder wie er
376 Rosenbach.
es im Hinblick auf dessen vielfache Ausnutzung im Betriebe der modernen
medizinischen Forschung so markant ausdriickt, ' der Gegensatz zwischen
Infektions- und Injektionskrankheit, das Ausmafi der Berechtigung des
Analogieschlusses, weiterhin des Experiments iiberhaupt, sowie der Statistik
in der Medizin, dann die Theorie der Infektion und deren Beziehungen zur
Biologie der Bakterien, die Begriffe der Disposition und der Heilung, der
psychischen Beeinflussung somatischer Vorgange — das alles ward bei R.
unter dem einheitlichen Gesichtspunkt seiner funktionellen Diagnostik ver-
arbeitet.
In unendlicher Mannigfaltigkeit und Komplexitat entrollt sich eben vor
uns das Getriebe der Organisation, welche durch den Begriff der planmafligen
Aktivitat definiert ist.
Ein intellektuelles Gegenstiick gleichsam zu dieser Aktivitat der Orga-
nisation aber ist die Tatigkeit des arztlichen Diagnostikers und Therapeuten.
Mit auBerster Vorsicht, unter Abwagung aller Verhaltnisse des gegebenen Falls,
d. h. unter Beriicksichtigung aller seiner moglichen Beziehungen, dabei frei
von der Herrschaft der Abstraktion, des Schlagworts und der schematisierenden
Durchschnittsbetrachtung hat er Schritt vor Schritt zu diagnostischer und
prognostischer Klarheit und schliefilich zu seinen therapeutischen Entschlussen
vorzudringen. Nicht die bleibenden Veranderungen, sondern nur die funk-
tionellen Betriebsstorungen allein liefern ihm den Mafistab seines Denkens und
Handelns. Mit dem Primat der klinischen vor der pathologisch-ana-
tomischen Betrachtungsweise steht und fallt der R.sche Begriff der wissen-
schaf tlichen Medizin. Nicht das sogenannte »pathognomonische«
Symptom, sondern die Gesamtheit der Phanomene in ihrer gegenseitigen
energetischen Relation — liefern ihm demgemafi die Kriterien seiner wissen-
schaftlichen Urteile und nicht das Allheilmittel, sondern eine mit aller
Umsicht nach alien Richtungen hin unendlich abgestufte Skala der Agentien
bietet ihm die Handhaben seiner wissenschaftlichen Therapie. Der Arzt im
hochsten Sinne ist Psychologe so gut, wie Soziologe, fur ihn sind - die
»interindividuellen« Beziehungen genau so bedeutsam wie die im engjsten
Sinne individuellen. M. a. W. es treten fur R. auch s o z i a 1 e und cthische
Momente in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses, um sich dem
von rein teleologischen Oberlegungen beherrschten Problemkreis seiner Natur-
philosophie im engeren Sinne harmonisch einzugliedern.
Wir haben R. oben als Nominalisten bezeichnet. Er ist es im Sinne einer
grundsatzlichen Ablehnung jeder, seiner Meinung nach in der Natur des Ge-
setzes als Abstraktion begriindeten, Vergewaltigung der Tatsachen durch Be-
griffe. Aufgabe der Naturforschung sei es, die objektiven, seiner Lehre
nach energetisch -teleologischen, Zusammenhange frei yon dem Schema mathe-
matischer Gesetzlichkeit, in der sich ja nach ihm nur eine subjektive
Norm realisieren soil, herauszustellen. — Eine natiirliche Konsequenz dieses
Planes ist die R. eigentiimliche Darstellungsweise. Mit einer ungeheureri Kraft
und einem kaum erschopfbaren Reichtum der sprachlichen Ausdrucksmijttel ge-
staltet er ein auOerordentlich fein abgestuftes System von Begriffen, deren
gelegentliche Haufung gleichsam ein Spiegelbild jener Kompliziertheit der
Vorgange sein soil. Er selbst hat es ausdrucklich als seine eigene »An- und
Absicht« bezeichnet, gewisse Satze mit dem Minimum der (fur sprachliche
Rosenbach. MObius.
377
Formulierung gerade notwendigen) Abstraktion festzustellen. Dieses Minimum
der Abstraktion aber setzt gerade jenes Maximum an sprachlicher Nuancierung
voraus, wie sie seiner Darstellungsweise eigen ist.
Was R. gelehrt hatte, das hat er auch gelebt: Als Mensch, vor allem aber
als universell gerichteter, von philosophischem Geiste durchdrungener Arzt.
Und vielleicht kennzeichnet seine innersten menschlichen und sachlichen
Motive in ihrer gewaltigen Universalitat und damit die ganze geschlossene
Eigenart seiner geistigen Personlichkeit nichts so markant wie die von ihm
selbst mit tiefem sittlichen Ernst ausgesprochenen Worte: »Ich schreibe nicht,
um geschriebep zu haben, auch nicht, um Sensation zu erregen oder aus Lust
am Kampfe. Ich schreibe aus Liebe zur Wissenschaft r deren Werkzeug sorg-
faltige Beobachtung, ausgedehnte Erfahrung, Logik und niichternste Kritik,
und deren Ziel die Erkenntnis und Befreiung der Geister vom Joche der Uber-
lieferung, aber nicht die Unterwerfung der Menschheit unter die Fessel der un-
fehlbaren Autoritat ist. Ich schreibe aus Liebe zum arztlichen Berufe, dessen
wahrer Vertreter nach meiner Ansicht nicht der Mann des Laboratoriums,
der Theoretiker oder Spezialist, sondern nur der Arzt im vollsten Umfange
des Wortes sein darf, der, mitten im Leben stehend, voiles Mitgefuhl mit den
Kranken hegt, und der mit den Waffen der Wissenschaft ausgeriistet, aber
nicht durch sklavischen Glauben an die nie irrende Weisheit von Autoritaten
in seinem Handeln gebunden ist. Ich schreibe vom Standpunkte des Arztes,
der erkannt hat, dafi die Leiden der Menschen als Ausdruck ungunstiger
energetischer Verhaltnisse oder psychischer Einflusse, nicht aus einem Punkte
oder auf einem Wege und nur selten durch spezifische Heilpotenzen (fur
das Abstraktum Krankheit) zu verhliten oder zu heilen sind«.
Zu Rosenbach's Biographie vgl. die Einleitung zu den von Stabsarzt Dr. Walther Gutt-
mann 1909 herausgegebenen >Ausgewahlten Abhandlungen* Rosenbachs aus der Feder des
Herausgebers. Den »AusgewahIten Abhandlungen* ist auch ein vollstandiges Verzeichnis
der Arbeiten Rosenbachs beigefiigt. — Zur Kritik seiner Lehre vgl. insbesondere: Eschle,
Zellularpathologie, Molekularpathologie, Betriebspathologie* 1906 und desselben Autors
Psychiatrie 1909.
Breslau. R. Honigswald,
MBbhlS'), Paul Julius, Dr. med. f Nervenarzt in Leipzig, * 24. Jan. 1853 in
Leipzig, f 8. Jan. 1907 in Leipzig. — M. stammt aus einer Gelehrtenfamilie. Er
ist ein direkter Nachkomme Luthers. Sein GroCvater war der Astronom A. F.
Mobius (1790 — 1868), sein Vater P. H. A. Mobius ein angesehener sachsischer
Schulmann. Der Vater seiner Mutter war der Professor der Jurisprudenz
Th. Marezoll. M. verlebte seine Jugend in Leipzig und (1869 — 1 870) Gotha,
bezog 1870 als stud, theol. et phil. die Universitat Leipzig, gab 1873 das theolo-
gische Studium auf, wurde 1874 in Marburg Dr. phil., wandte sich dann ganz
der Medizin zu, erwarb 1877 die arztliche Approbation und den medizinischen
Doktorgrad (Dissertation liber den Ikterus 1877). Zwei Jahre lang war er
Militararzt und verfafite in dieser Zeit (1878) einen ^>Grundrifl des deutschen
Militarsanitatswesens«. Von 1879 bis zu seinem Tode lebte er als Nervenarzt
in Leipzig. Drei Jahre lang war er an der von L. v. Strumpell geleiteten medizi-
>) Totenliste 1907 Band XII 58*.
2^8 Mobius.
nischen Poliklinik neurologischer Assistent (1883 — 1886). Von 1883 — 1893
hielt er als Privatdozent in Leipzig Vorlesungen. Seine Lehrerfolge waren
gering. 1893 verzichtete er nach Differenzen mit der medizinischen Fakultat
freiwillig auf die Dozentur. Von 1886 ab redigierte er im Verein mit H. Dippe
die Schmidtschen Jahrbiicher, denen er durch die Eigenart seiner Berichter-
stattung einen besonderen Reiz verlieh. Er war in kinderloser Ehe mit der weit
alteren Tochter des Philosophen Drobisch verheiratet; die Ehe war nicht
glvicklich, die Gatten trennten sich spater; seine Frau starb 1902. Als Ein-
siedler lebte M. nur seinem Berufe als Arzt und Schriftsteller. 1903 erkrankte
er an Krebs des Unterkiefers; trotz wiederholter Operationen erlag er dem Leiden
am 8. Januar 1907. An der Seite seiner von ihm verehrten Mutter liegt er
in Leipzig begraben.
M. war ein trefflicher Arzt, ein glanzender und geistvoller Schriftsteller
und ein grofiangelegter Mensch. So einfach und bescheiden sein auBerer Lebens-
gang war, so reich war sein Geist und so bedeutend sein Einflufi auf die pnt-
wicklung der deutschen Neurologie. Ein Mann von ungewohnlichem Fleifi,
mit einer* groflen Arbeitskraft ausgestattet, war er einer der fruchtbarsten
medizinischen Schriftsteller und einer der vielseitigsten Gelehrten unter den
Arzten seiner Zeit. Mit bewundernswerter Wahrheitsliebe und seltenem Freimut
hat er iiber sein eigenes Wesen, iiber sein Fiihlen und Denken Rechenschaft
abgelegt. In den »Drei Gesprachen iiber Religion* gibt er uns Einblick in
seine Jugendentwicklung (Im Grenzlande S. 77 — 78). Philalethes sagt dort von
sich: »Den Konfirmandenunterricht erhielt ich bei einem geistvollen und be-
redten Geistlichen. Ihm gelang es, mich fur die christliche Lehre zu begeistern.
Von da an begann der Zwiespalt. Ich wuchs in freisinnigen Biirgerkreisen
auf; was mir heilig war, erregte oft bei den von mir Hochgeschatzten ein mildes
Lacheln, dessen Bedeutung mir nicht entging. Peinlich war mir die Gymnasial-
zeit; denn so scharfsichtig war ich doch, dafi ich den widerchristlichen Geist
der klassischen Erziehung verstand; mein religioses ebenso wie mein nationales
Empfinden litt dauernd im Gymnasium. Dafl auch die modernen Klassiker,
Shakespeare, Lessing, Goethe, Schiller von Herzen unglaubig waren, diese
Einsicht vermehrte meine Not. Trotz alledem entschlofi ich mich, »Theologie«
zu studieren, hoffend, es werde mir doch gelingen. Auch jetzt sah ich bei den
Angehorigen der anderen Fakultaten jenes eigentumliche Lacheln. Ziemlich
drei Jahre kampfte ich, dann wurde ich klar und nahm den Standpunkt ein,
auf dem ich als alternder Mann heute noch stehe. Mein liebevoller Vater ge-
wahrte mir die Mittel, mich anderen Studien zuzuwenden, aber mein Leben
hatte einen Bruch erhalten, und der Frohsinn der Jugend war vorbeU. In diesen
Worten haben wir den Schlussel zu den feinsten und tiefsten Schriften des
ernsten Arzt-Philosophen. Wie er dann von der Philosophic wieder abkam,
sich der Naturwissenschaft widmete, das hat er an anderer Stelle gesagt: im
Vorwort zu dem Buche »Im Grenzlande«, wo es heiBt: »Als ich jung war,
wiinschte ich innig, mich der Philosophic ganz widmen zu diirfen. Els ging
aber nicht, weil ich nicht Geld genug hatte. Denn ob ich gleich Schopenhauer
damals noch nicht kannte, ich sagte mir, die Philosophic ist keine nahrhafte
Kuh. Was hatte ich denn zu erwarten gehabt? Schulmeisterdienst und lang-
same Beforderung bei der gehorigen Rucksicht auf die Forderungen des Staates,
der Kirche und ganz besonders der ordentlichen Professoren, oder aber Kalt-
Mttbius.
379
stellung bei eigensinniger Versteifung auf das gerade mir als Wahrheit Erschei-
nende. Dazu kam, da8 ich mir nicht zutraute, ein Philosoph erster Klasse
zu werden, der Gedanke aber, alle Jahre Logik und Psychologie vorzutragen
sowie das alte Stroh der Philosophic -Geschichte zu dreschen, mich erschreckte.
Freilich es kann sein, dafl alle diese Erwagungen nicht das Richtige fanden,
und dafl ich besser getan hatte, auf die Gefahr des Hungerns hin es frisch zu
"wagcn. Langer als ein Menschenalter habe ich mich darum gefragt, aber ich
-weifl es immer noch nicht. Auf jeden Fall bin ich der Philosophic auflerlich
untreu geworden und habe ihr die langste Zeit nur im Geheimen oder sozusagen
im Nebenamte gedient. Aber mein Herz hat immer ihr g e -
h 6 r t. Da ich einmal Personliches auskrame, will ich ganz offen reden. Nach
Reichtum habe ich nicht verlangt. Um das Politische habe ich mich nie ernst-
lich bekummert, und ich bin kein guter Patriot. Aber auch Freundschaft,
Liebe, Kunst und Wissenschaft im eigentlichen Sinne sind mir nicht das
Wichtigste gewesen. Nach den Grenzen der Erkenntnis hat
es mich getriebenund im Grenzlande ist mein Zuhause
gewesen*. Es ist von hohem psychologischem Reiz zu sehen, wie sich diese
Geistesbeschaffenheit in alien Werken des Gelehrten und im Handeln des
Arztes durchs ganze Leben hindurch bewiesen hat. Wohl hat es ihm als Natur-
forscher und Arzt nicht an dem Sinn fur exakte Beobachtung, fur die sorg-
faltige Feststellung des Tatsachlichen gefehlt; wir verdanken M. manche
feine Beobachtung, manche gewissenhafte Einzeluntersuchung auf seinem
neurologischen Fachgebiet; allein das, was ihn vor den meisten seiner Fach-
genossen auszeichnet, das ist das Bedurfnis nach Ordnung des Einzelnen, das
Suchen von Zusammenhangen, das kausale Denken und die Beurteilung des
Tatsachlichen in seiner allgemeinwissenschaftlichen Bedeutung. Und sein Herz
hat immer der Philosophic gehort. Er hat sich als Arzt nicht gescheut, sich als
Freund der Metaphysik zu bekennen. Als Mediziner nimmt M. aller Mode,
allem therapeutischen Optimismus mancher vielgeschaftigen Neurologen
gegeniiber einen skeptischen Standpunkt ein. Nicht mit Medikamenten oder
physikalischen Heilmitteln geht er an die Behandlung des Nervenkranken
heran; mit strengem Ernst und scharfem Spott hat er sich gegen viele thera-
peutische Auswiichse gewandt; ihm lag daran, die Seele des Nervenkranken
zu verstehen und sie derart zu beeinflussen, dafl von dem Krankhaften das,
was heilbar ist, wieder verschwindet. Ihm war der Arzt nicht »ein mit natur-
wissenschaftlichen Kenntnissen versehener Gewerbetreibender«, sondern er
verlangte vom Neurologen ein tiefes und eindringliches Verstandnis der ganzen
Personlichkeit und ihrer Lebensgeschichte, in der er die Wurzeln ihres Leidens
erblickte. Als Philosoph stand er unter dem bestimmenden Einflufl von Schopen-
hauer und Fechner. Jenem entnahm er die Lehre vom Primat des Willens,
diesem das fantasievolle Gebaude des universellen psychophysischen Paralle-
lismus, dessen Erlauterung und Vertiefung seine schonsten philosophischen
Schriften gewidmet sind. Es kann wohl kein Zweifel sein, dafl demjenigen, der
naturwissenschaftliche Bildung, Kenntnis des Tatsachlichen in seiner unend-
lichen Mannigfaltigkeit und Beherrschung der zu seiner Feststellung not-
wendigen Methoden mit philosophischem Geiste, vor allem mit griindlicher
erkenntnis-theoretischer Schulung verbindet, die tiefste Einsicht in den Zu-
sammenhang der Welt beschieden ist, die einem Sterblichen uberhaupt zu Teil
380 Mtfbius.
werden kann. So erscheint es begreiflich, dafl M. sich in seinen Werken weit
liber die Mehrzahl seiner Fachgenossen erhebt und eine Tiefe der Wirkung er-
reicht, wie sie einem medizinischen Schriftsteller wohl nur selten zukommt.
Sein schoner klarer Stil, sein vorbildlich gutes Deutsch tragt mit dazu bei,
dafl die Vertiefung in seine Schriften einen hohen Genijfi bereitet.
Die Arbeit en von M. konnen nach Form und Inhalt in verschiedene
Gruppen eingeteilt werden: 1. streng wissenschaftliche, neurologisch-psychia-
trische Facharbeiten; 2. zusammenfassende Darstellungen einzelner Gebiete
teils fiir Arzte, teils fur Gebildete aller Stande; 3. rein philosophische Schriften;
4. Pathographien; 5. Referate und Kritiken in grofier Zahl, namentlich in den
Schmidtschen Jahrbuchern, dieer 20 Jahrelangredigierthat; 6. Obersetzungen
und Bearbeitungen franzosischer Werke aus dem Gebiete der Psychiatrie und
Neurologie; 7. biologische und anthropologische Schriften.
Auf dem Gebiete der Neurologie hat M. nicht blofl neue Detailbeob-
achtungen gebracht (uber periodische Oculomotoriuslahmung, infantilen Kern-
schwund, Neuritis und Polyneuritis, Migrane, Basedowsche Krankheit, Patho-
logie des Halssympathicus), sondern er hat auch Monographien tiber wichtige
Krankheiten gegeben und eine auch heute noch sehr brauchbare, in keiner
Weise iiberholte »Diagno&tik der Nervenkrankheiten«c (2. Aufl.
1894) geschrieben. Durch seine zahlreichen Abhandlungen iiber die Basedow-
sche Krankheit forderte er die Lehre von diesem Leiden wesentlich; ein von
ihm zuerst beschriebenes Symptom (Konvergenzschwache der Augapfel) tragt
seinen Namen. Das von ihm zuerst angegebene »Antithyreoidin Mobius« wird
auch jetzt noch angewandt und gibt manchmal gute Erfolge. In seinem
kleinen, aber trefflichen »Abrifi der Lehre von den Nervenkrankheiten* machte
er, dem kausales Denken Lebensbedurfnis war, erstmals den Versuch einer
Gruppierung der Nervenkrankheiten unter dem rein atiologischen
Gesichtspunkt. Schon vorher hatte er fur die Einteilung der Nervenkrank-
heiten in endogene und e x g e n e plaidiert und dieser Gedanke ist
weiterhin sehr fruchtbar geworden. Bereits 1884, also lange vor der Kenntnis
der Lumbalpunktion und der Wassermannschen Reaktion trat er fiir die An-
schauung ein, dafl die Tabes und die Paralyse Nachkrankheiten der Syphilis
seien ; die Ausdriicke : »Metasyphilis«, wnetasyphilitischer Nerven-
schwund* stammen von M.; heute sind sie Gemeingut der Neurologen und
Psychiater geworden. Mit grofler Energie, mit beiBendem Spott bekampfte
er die Feinde der Syphilisatiologie der Tabes und Paralyse. Die groflten
Verdienste hat M. jedoch um die Lehre von der Hysterie und der N e r -
v o s i t a t. Ein warmer Anhanger des grofien Pariser Neurologen Charcot,
hat er zuerst mit klarer und eindringlicher Darlegung die Lehre vertreten, dafl
die Hysterie eine Psychose ist, dafl alle ihre Symptome seelisch vermittelt
sind. Seine kleinen Aufsatze iiber die Hysterie, die in dem ersten Heft der
Neurologischen Beitrage (1894) vereinigt sind, bilden einen Markstein in der
Geschichte der Neurologie; sie sind fiir das Verstandnis dieser rnerkwurdigen
Krankheitssymptome wichtiger als manches dicke Buch iiber den gleichen
Gegenstand. Unter dem Namen der » Akinesia algera% einer seltenen Krank-
heit, an welcher der von M. besonders verehrte Theodor Fechner gelitten hat,
beschrieb M. ein eigenartiges Krankheitsbild von seelischer Schmerzlahmung,
das mit der hysterischen Abulie wesensverwandt ist.
Mobius. 28l
Unter den mehr gemeinverstandlich geschriebenen Schriften neurologischen
Inhalts steht sein treffliches Buch iiber die Nervositat an erster Stelle.
1882 zu einer Zeit erschienen, da der Amerikaner Beard mit seiner Neurasthenie-
lehre eben in weiteren Kreisen bekannt geworden war, ist es bis heute (es er-
schien 1906 in 3. Aufl.) das beste Buch iiber die Nervositat geblieben, aus dessen
Lektiire jeder Arzt reichen Gewinn schopfen wird, das aber auch fiir jeden
anderen Gebildeten wohl verstandlich ist und im Unterschied von vielen an-
deren popularmedizinischen Schriften keine Hypochonder ziichten wird. Auch
die bei Reclam erschienene (1880) kleine Schrift: »Das Nervensystem des
Menschen und seine Erkrankungen« kann heute noch als mustergiiltige popu-
lare Schilderung gelten. Dagegen ist die »medizinische Plauderei«: Ober
den Kopfschmerz fiir ein weiteres Publikum weniger geeignet. Eine ganz
hervorragende Schrift ist ferner die Abhandlung: Uber Entartung. Wir
finden in ihr vielleicht zum ersten Male einen wirklich gliicklichen Versuch,
dem Begriff »Entartung« vom Standpunkt des Pathologen aus einen praziseren
Inhalt zu geben, einen Inhalt, der freilich eine etwas teleologische Farbung
zeigt. Unter Entartung will M. eine Abweichung vom Typus im ungiinstigen
Sinne verstanden wissen, eine Abweichung, die die Nachkommenschaft schadigen
kann. »Entartet ist der, der vererbbare Abweichungen vom Typus zeigt«.
Mit bewundernswertem Scharfsinn sucht M. fiir diesen Satz die Beweise aus
dem ganzen Gebiete der Pathologic Ich zweifle nicht, dafi die Zukunft ihm
in der Hauptsache recht geben wird.
Als M. 1896 mit seiner beriihmten Abhandlung: »U b e r die Be-
handlung von N e r v e n k r a n k e n und die Errichtung
von Nervenheilstatten« hervortrat, wirkten seine Ausfiihrungen
iiber den Heilwert der Arbeit wie eine Erlosung auf die neurologische Welt r
die der physikalischen Heilmethoden allmahlich ziemlich iiberdriissig geworden
war. Er hatte sich mit dieser Schrift nicht nur an die Arzte gewandt, er wollte
die weitesten Kreise davon uberzeugen, dafi in der Behandlung der Nervosen
neue Wege eingeschlagen werden miissen. Es ist bekannt, welchen Erfolg er
erzielte. Heute sind seine Anschauungen Gemeingut aller Verstandigen ge-
worden und sein Postulat ist schon mancherorts erfiillt. Die Volksnerven-
heilstatte »Haus Schonow« bei Berlin verdankt ihre Entstehung in erster
Linie den M.schen Gedanken. Die vernunftige Beurteilung der Unfallnerven-
kranken hat die Anerkennung der M.schen Grundanschauung iiber Hysterie
und Nervositat zur Voraussetzung. Nirgends ist es wichtiger, sich iiber den
Heilwert der richtig getanen Arbeit klar zu sein, als bei den nervosen Be-
schwerden, die nach entschadigungspflichtigen Unfallen gerne zuruckbleiben
und durch falsche Vorstellungen iiber ein vermeintliches Recht auf Rente
unterhalten werden. Und diesen Heilwert der Arbeit hat Niemand besser
geschildert und begriindet als M.
Noch in einer anderen modernen Streitfrage hat M. freimutig Stellung ge-
nommen: er war seit vielen Jahren alkoholabstinent und verdammte den ge-
wohnheitsmafiigen GenuB geistiger Getranke, stand aber auf dem Standpunkte,
dafi das allgemeine Ziel der modernen Bewegung nicht die Abstinenz,
sondern die allgemeine M a fi i g k e i t sein miisse.
Die philosophischen Schriften, die er selbst »mit den Augen eines zart-
lichen Vaters« ansah, vereinigte er 1905 in dem Bande »Im Grenzlande«>
382
Mttbius.
dem er das Bild Theodor Fechners beigab. Die Aufsatze stammen aus den
Jahren 1891 bis 1904. Klar und eindrucksvoll beschreibt er in der Schrift
»t)ber die drei Wege des Denkens* (1891), welche erkenntnistheoretische
Stellung er selbst zu den Dingen der Welt und den Tatsachen des eigenen
Bewufltseins einnimmt; wir sehen ihn hier ganz in den Fufltapfen Fechners.
Die in Dialogform gehaltenen »drei Gesprache iiber Religion* und »drei
Gesprache iiber Metaphysik« geben uns den Denker M. in seiner ganzen
Eigenart: der naturwissenschaftlich geschulte, kritisch veranlagte Mann kann
es aus GemQtsbedtirfnis doch nicht iiber sich bringen, an den Grenzen des
Erkennbaren Halt zu machen. Vorsichtig tastend sucht er sich den Weg in
die Metaphysik; mehr vermutend und andeutend als ausfuhrend klingt hier
alles, was er im Banne des Panpsychismus einfach und schmucklos aus
seinem Inneren herausgibt. Die Aufsatze: »Ober die Veredelung des Menschen*
(1898) und »Ober den Zweck des Lebens* (1904) zeigen den tiefen Idealismus
des pessimistischen einsamen Mannes.
Mit seinen groBen Pathographien sehen wir M. der wissenschaft-
lichen Forschung ein ganz neues Gebiet erschlieBen. Es liegen vier fgrofle
Pathographien und einige kleinere von ihm vor. In seine ausgewahlten Werke
hat er nur die vier grofien aufgenommen: sie handeln von J. J. Rousseau,
Goethe, Schopenhauer und Nietzsche. Was er mit diesen
Arbeiten bezweckte, hat er in der Einleitung zu den vier Buchern selbst
gesagt. »Man soil iiber Keinen urteilen, ohne Grad und Richtung seiner
Entartung bestimmt zu haben« sind seine eigenen Worte. Mit Nachdruck
vertrat er die Meinung, daC der Biograph den psychiatrischen Sachverstandigen
notwendig braucht; d^nn spricht er aus: »Den Kollegen zu zeigen, wie der
Seelenarzt ernsthaft und grundlich sein Wissen fur die Erkenntnis grofier
Menschen verwerten konne, das war mein anderer Zweck. « Rousseau schildert
er uns als den ab ovo entarteten, spater paranoischen Kranken, dessen Leben
und Denken nur aus dem Krankhaften seiner Veranlagung heraus verstandlich
ist. Bei Goethe zeigt er die periodischen Schwankungen seines gemutlichen
Lebens, die Jahre der Produktivitat in ihrem engen Zusammenhang mit Zeiten
leichter innerer Erregung nach Analogic der Zyklothymie. An Nietzsche lehrt
er den allmahlichen Obergang der gesunden Zeiten in die beginnende para-
lytische Erregung in seiner Bedeutung fur die Gestaltung seiner Produktion; er
hat freilich dafur bei der Schwester des Philosophen nur Geringsch&tzung
und Zuruckweisung erfahren. Schopenhauer wird als pathologische Person -
lichkeit plastisch geschildert, seine Philosophic aus seiner Geistesbeschaffenheit
abgeleitet und endlich das System des geistvollen Pessimisten kritisch be-
leuchtet. Weniger bedeutend sind die Abhandlungen iiber Schumann
und Scheffel. Eine grofiere Arbeit iiber Darwin ist nur in den ersten
Notizen vorhanden, die zu unvollstandig sind, um auch nur als Fragment
herausgegeben zu werden, wie ich mich bei ihrer Durchsicht selbst iiberzeugt
habe. Haben schon die Pathographien dem Autor viel Feindschaft und —
meist torichten — Tadel zugezogen, so gilt dies noch viel mehr von einigen
anderen Schriften: sein Buch iiber Franz Joseph Gall, seine Anschauungen
iiber das mathematische Organ beim Menschen und vor allem
seine, in 9. Auflage vorliegende Schrift: » b e r den physiologischen
Schwachsinn des Weibesi An der Ehrenrettung des Phrenologen
Mflbius. 383
Gall hat ihm besonders viel gelegen. Seine eigene Psychologie, die in an-
geborenen Anlagen, Trieben und »Sinnen« das Wesentliche der menschlichen
Personlichkeit sah, fiihlte sich zu Gall hingezogen. Seine Nachprufung einiger
Gallscher Lehren schien ihm ftir ihre Richtigkeit zu sprechen. K. Riegers
kategorische Ablehnung derGallschen Phrenologie mag dann in M. den Entschlufi
verstarkt haben, alle Tatsachen zusammenzutragen, die Galls Anschauungen
zu stlitzen vermogen. So geistvoll und originell auch manche seiner Darlegungen
auf diesem Gebiete sind, so fehlt ihnen doch die Beweiskraft, die man an M.'
anderen Schriften so selten vermifit. Mit der Abhandlung »Uber den phy-
siologischen Schwachsinn des Weibes« stach er in ein Wespennest. Der etwas
sensationelle Titel der Schrift, in der M. dem modernen Feministentum offen den
Krieg erklart, hat mit dazu beigetragen, dafl ihr Inhalt meist miflverstanden
wurde. Nicht Minderwertigkeit wirft er dem weiblichen Geschlechte vor, sondern
seine Andersartigkeit betont er, eine Andersartigkeit, die aus den Aufgaben
des Weibes als Mutter mit Notwendigkeit resultiert. Mag auch der Ton etwas
misogyn klingen (in den Vorworten und Nachworten der spateren Auflagen
ist er weit milder), so sind doch die Grundgedanken zweifellos richtig, und
man wird M. zustimmen durfen, wenn er als ein Symptom der Entartung eine
Entwicklung bezeichnet, bei der die Manner immer weibischer (Feministen)
und die Weiber immer mannahnlicher (Emanzipierte) werden. Seine letzte
Publikation : »Damenkalender ftir gute und schlimme
D a m e n« lafit den Humor des Verfassers zu Worte kommen, den er tibrigens
schon bei seiner Publikation der Kritiken seiner Feinde und namentlich Fein-
dinnen reichlich bewiesen hatte.
Wer M. ganz kennen lernen will, der mufi sich die Muhe nehmen, in den
Jahrgangen 1886 bis 1906 der Schmidtschen Jahrbucher seine Referate
und Kritiken uber die Neuerscheinungen auf vielen Gebieten der Neuro-
logie und Psychiatrie durchzusehen. Hier zeigt er sich als vollendeter Meister,
der mit kurzen markigen Worten den Nagel auf den Kopf trifft, der keine farb-
losen Biicheranzeigen und langweiligen »Waschzettel« schrieb, sondern offen
und derb seine Ansicht aussprach, das Schlechte schlecht und das Unnotige
unnotig nannte. Die medizinische Wissenschaft hat wenig Kritiker von der
Urteilskraft und Ehrlichkeit einesM. aufzuweisen, und sie konnte solche Manner
in unserer Zeit einer unreifen Vielschreiberei besonders gut brauchen.
Auch in seinen Ubersetzungen kommt dieser kritische Geist zu seinem
Recht; sie sind keine wortlichen ungekurzten Ubertragungen ins Deutsche,
sondern kritische Auswahl war dabei tatig und ein treffliches Sprachgefuhl
sorgte dafiir, daO auch die Lektiire dieser Ubersetzungen groBen GenuQ bereitet,
und dafl sie hinter den Originalabhandlungen an Klarheit nicht zuriickstehen.
In den letzten Jahren seines Lebens sehen wir M. namentlich damit be-
schaftigt, anthropologische und biologische Fragen in Angriff
zu nehmen. Der Grundgedanke, der zahlreichen Arbeiten zugrunde lag, war die
Untersuchung der Bedeutung des Geschlechts ftir die korperliche und geistige
Eigenart. Ein grofies Wissen, sorgfaltige Verwertung der Literatur, originelle
Beleuchtung der Probleme machen auch diese Arbeiten (Geschlecht und Krank-
heit, Geschlecht und Entartung, Ober die Wirkungen der Kastration, Geschlecht
und KopfgrdBe, Goethe und die Geschlechter, Geschlecht und Kinderliebe,
Die Geschlechter der Tiere, Geschlecht und Unbescheidenheit, eine kritische
3 §4 Mttbius. Langbehn.
Abrechnung mit Weininger) zu interessanten Studien. Die Zukunft mufi lehren,
ob der Neo-Gallismus, der in manchen dieser Schriften hervortritt, sich bei
kritischer Priifung der Einzeltatsachen als haltbar erweist.
Nachrufe iiber P. J. M 6 b i u s finden sich u. a. im Zentralblatt fiir Nervenheilkunde
und Psychiatrie 1907 von E. Kraepelin, in den Schmidtschen Jahrbiichern 1907 von
F. Windscheid t in der Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. 64 von O. B u m k e. Ferner im
Verlag von C. Marhold: Zum Andenken an Paul Julius Mobius von Dr. E. Jcntsch
1907. Im 8. Bande der Ausgewahlten W e r k c ( J. A. Barth, Leipzig) hat der Bruder
des Verstorbenen einen kurzen Lebensabrifl gegeben. Diesem Bande ist auch ein Bildnis
von P. J. Mobius aus dem Jahre 1906 beigegeben. Robert Gaupp.
Langbehn, August Julius, Doctor, * 26. Marz 1851 in Hadersleben, f I9°7
in Rosenheim. Sohn des Lateinlehrers in Hadersleben. Besuchte die Schule
in Kiel. Beim Ausbruch des deutsch-franzosischen Krieges trat er in Halle
in das Magdeburger-Fusilier-Regiment Nr. 36, kampfte vor Metz, um Orleans
und Le Mans, erhielt die Qualifikation zum Reserveoffizier, studierte nach der
Ruckkehr in Kiel Naturwissenschaft und Mathematik. 1875 bezog er im Sommer
die Universitat Munchen, wo er 10 Semester bis 1880 inskribiert war und bei
Brunn, Carri&re, Mefimer, Bursian, Prantl, Riehl u. a. horte. Er bildete sich
zum klassischen Archaologen aus und promovierte zum Doctor auf Grund
einer Dissertation uber »Griechische Fltigelwesen« , nach dem Urteil von Cor-
nelius Gurlitt »eine treffliche durchaus archaologisch wissenschaftliche Arbeit,
in der sich L. in den Bahnen seines Lehrers Brunn bewegt.« Sein Kreis bestand
wesentlich aus schleswig-holsteinischen Medizinern; durch den Rheinlander
Dr. Leibl kamen auch Kiinstler (wie dessen Bruder der Maler Leibl) hinzu, der
mehrere Charakterkopfe des Kreises, darunter L. malte; weiter Sperl, Haider,
(wohl auch Hans Thoma). Cornelius Gurlitt berichtet von einer Reise L.s nach
Italien um jene Zeit. 1883 wohnte er in Hamburg; dann in Frankfurt a. M.,
Ltibeck, Charlottenburg (wo er Beziehungen zu Theodor Mommsen gehabt haben
soil). 1885 kam er nach Dresden; dort durch den jetzigen Direktor des Berliner
Kunstgewerbemuseums bei Cornelius Gurlitt eingefuhrt; auch im Verkehr mit
dem Musiker Reinhold Becker und Waldemar v. Seidlitz. Seine Lage war
damals ungiinstig; sein Jahreseinkommen schatzte er auf 550 Mark. Gelegent-
lich veroffentlichte er Aufsatze in westfalischen und Hamburger Zeitungen.
L. liefl solche Arbeiten nur aus Not drucken, , »weil er damit die Wirkung seines
Buches »Rembrandt als Erzieher« nicht vorwegnehmen wollte.4 1890 erschien
es anonym. Mit auflerordentlichem Erfolg in Leserkreisen, von Kuno Fischer,
Anton Springer abgelehnt. »Aber das Erscheinen von 49 Auflagen und das
immer wieder erneute Zuriickgreifen auf den Gedanken-Inhalt des Buches hat
doch bewiesen, daB in L.s Werk trotz aller Eigenart und alien *Fehlern« in
seiner Anlage ein starker dauernder Kern steckt, dafi er als Weckruf zur
Individuality fiir alle Zeiten in der Geschichte des deutschen Geisteslebens
eine wichtige Rolle spielen wird.« Seine Anonymitat wurde trotz seines Wider-
strebens allmahlich halb geluftet. 1891 erschienen seine »Vierzig Lieder von
einem Deutschen«, deren geringer Erfolg ihn ebenso verstimmte, wie die von
der Staatsanwaltschaft wegen angeblicher Unsittlichkeit eroffnete Untersuchung,
die mit einem gerichtlichen Freispruch endete. Eine unaufgeklarte Zeit von
Reisen (oder Wallfahrten), deren Spuren nach Lourdes und Jerusalem fiihren>
Langbehn. Overbeck. 38 c
folgt. Er trat zum Katholizismus liber. 1900 lebte L. in Wurzburg anscheinend
in auskommlichen Verhaltnissen, dann in Lohr am Main; nach der Ansicht
seiner Hausleute geistig gestort. Verfolgungswahn, mystische Anwandlungen
waren unverkennbar, so dafl seine Wirte ihm kundigten. Er zog nach Koblenz.
Zuletzt wohnte L. in einem kleinen Gasthof in Miinchen. In Rosenheim starb
er pldtzlich (am Magenkrebs); seinem Wunsche gemafi wurde er am 3. Mai in
Puch bei Furstenfeldbrtick begraben. »Die Dreiheit Lagarde, Nietzsche, Lang-
behn wird in der Geistesgeschichte unseres Volkes stets eine Bedeutung be-
halten und gewifi wird noch manchen klugen Kopf die Frage nach der Ent-
stehung der individualistischen Geistesrichtung beschaftigen.«
Durchweg nach Cornelius Gurlitt in Hardens »Zukunftt, Bd. 69, 1909, S. 369
— 379t der diese biographischen Angaben mit der Bitte veroffentlicht, ihm womoglich weitere
Nachrichten tiber L. zugehen zu lassen. Vorher hatte Cornelius Gurlitt (»Zukunft«, Bd. 1908,
S. 139 — 148) uber seine persdnliche Bekanntschaft mit L. und die Verlagsbedingungen des
Buches »Rembrandt als Erzieher« berichtet. — Uber den Prozefi und Freispruch der »Vierzig
Lieder von einem Deutschen* s. F. W. G 1 6 s s , »Zukunft« vom 15. Juni 1910, dem Verleger
dieses und eines anderen Werkes »Der Rembrandt-Deutsche von einem Wahrheitfreund*.
Overbeck x ), Franz Camflle, Dr. theol. et phil. f Professor fur neutestament-
liche Theologie und altere Kirchengeschichte in Basel. * in Petersburg am
16. November 1837, f * n Basel am 26. Juni 1905. — Einfach und unscheinbar
wie das Wesen dieses Gelehrten war auch sein aufierer Lebensgang. Seine
Jugend verbrachte er groBtenteils bei Verwandten seiner Mutter, einer katho-
lischen Franzosin, in Paris, erhielt sodann seine Schulbildung in Dresden,
wo sich die einst aus England nach Petersburg ubergesiedelte Kaufmanns-
familie nach der Revolution von 1848 bleibend niedergelassen hatte. Die
Studienjahre an den Universitaten Leipzig und Gottingen, wo O. von 1856 — 60
der Theologie, Philologie und der Geschichte oblag, schlofi er mit der zweifachen
Promotion zum Doktor der Philosophic und Lizentiaten der Theologie ab.
Seiner wissenschaftlichen Oberzeugung, die ihn immer mehr ins Lager der
freisinnigen Theologen fuhrte, glaubte O. in den Kreisen der Jenenser Fakultat
am wirksamsten Ausdruck verleihen zu konnen. Bei dem Kirchenhistoriker
Karl Hase fand denn auch der junge Theologe, der sich 1864 als Privatdozent
fur neutestamentliche Exegese habilitiert hatte, freundliche und ermunternde
Aufnahme. O.s Entwicklungsjahre wurden indessen von dem Tiibinger Ferd.
Christ. Baur, dem eigentlichen Bahnbrecher einer rein historischen Erforschung
des Urchristentums, beeinflufit. Nach seiner 1870 erfolgten Berufung als Pro- .
fessor fur Neues Testament und Kirchengeschichte an die Universitat Basel
fand der schon durch seine Geburt auf eine internationale, kosmopolitische
Warte gestellte Gelehrte bereits in seiner Antrittsrede uber »Entstehung und
Recht einer rein historischen Betrachtung der neutestamentlichen Schriften
in der Theologie* (1871, 2. Aufl. 1875) Gelegenheit, mit grundlichster und
umfassender Gewissenhaftigkeit und Umsicht der Untersuchung die Linien
einer heute noch gelaufigen Betrachtungsweise zu ziehen. Das Ziel dieser und
aller folgender Arbeiten O.s war: die letzten treibenden Krafte des Urchristen-
tums und der alten Kirche zu erforschen und die Gesetze zu verstehen, die ihre
geschichtliche Bewegung beherrschen. Da ihm hiebei die Integritat seines
») Totenliste 1905 Band X, 224*.
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 13. Bd. 25
386
Overbeck.
Charakters weder eine Konzession an die Tagesmeinung noch einen Kompromifi
mit Parteiinteressen gestattete, so stellte sich O. hiedurch auf einen Standpunkt,
der ihn uber den Streit der bestehenden kirchlichen Sozietaten weit hinaushob.
Fur ihn, der die Kirche als »die Einbalsamierung des Altertums« definierte,
offenbarte sich das Christentum am deutlichsten im Monchtum und schien
ihm mit der Welt auch die Wissenschaft zu verneinen. »Lieber ein ehrlicher
Heide als ein unehrlicher Christ« — lautet darum sein Glaubensbekenntnis
in der mutigen »Streit- und Friedensschrift« uber die »Christlichkeit unserer
heutigenTheologie« (1873), welche nach rechts und links, an der »apologetischen«,
wie an der »liberalen« Theologie die scharfste Kritik iibt, um schlieBlich beide
als unchristlich uber Bord zu werfen. In derselben Schrift, deren Positionen
er in der zweiten, erweiterten Auflage von 1905 womoglich noch verscharfte,
erregte der iiberzeugte Vertreter eines undogmatischen Christentums auch als
akademischer Lehrer den Unwillen weitcr Kreise mit dem Bekenntnis: ». . . .
vorgcmacht habe ich meinen Zuhorern nichts; weder denen unter ihnen, welche
mit grofitem Recht in meinen Vortragen Erbauung vermiflten, etwas vom
Mitklingen eines Glaubens an die Sache, der nun einmal \}\er fehlte, noch den
andern, deren kritische Stimmung von Haus aus sie mir naherbringen mochte,
etwas, das sie iiber die Leichtigkeit der Lebensaufgabe, der sie entgegengingen,
irrezufiihren geeignet gewesen ware«. O. hatte sich diesen Monolog von der
Seele schreiben miissen, um sich dariiber klar zu werden, daC er trotz seines
theologischen Lehrberufes kein Theologe war. Sein Ideal wissenschaftlichcr
Erkenntnis vertrug sich nun einmal nicht mit dem praktischen Endzweck der
christlichen Theologie, so dafi er dieser entfremdet wurde und mit aufloderndem
Grimm oder beifiendem Sarkasmus oft gegen die Zunft losbrach. Und doch
sind seine Untersuchungen in ihrer Gesamtheit ernste Gelehrtenarbeit zu
nennen — fordert doch jede von ihnen wichtige Probleme der alten Kirchen-
geschichte. Wir nennen als einschneidendste die Abhandlung »Ober die Anfange
der patristischen Literatur« (Hist. Zeitschr. 1882), welche den Grundsatz,
dafi jede Literatur ihre Geschichte in ihren Formen habe, auch auf die Gc-
schichte der altchristlichen Literatur anwendet. So war es die iiberall — auch
da, wo sie zum Widerspruch aufforderte — anrcgend wirkende Scharfe und
Unbestechlichkeit seiner wissenschaftlichen Methode, die O. trotz der geringen
Ausdehnung seiner literarischen Produktion einen geachteten Namen ver-
schaffte und sein Ansehen als bester Kenner des christlichen Altertums unter
den Fachgenossen und iiber deren Kreis hinaus begriindete. Noch zu Anfang
seines Todesjahres ernannte ihn die schottische Universitat St. Andrews zum
Doctor of Divinity. Allein auch solchen Ehrungen gegeniiber blieb O. uner-
schiitterlich in seinen Ansichten. Ja gerade seine letzten Schriften geben in
verscharftem Ton der Unzufriedcnheit iiber die Entwicklung der Theologie
Ausdruck. Zuletzt zerfiel er auch mit der seiner wissenschaftlichen Uberzeugung
am nachsten stehenden »modernen Theologies als deren Fiihrer er selber
Harnack bezeichnete; die Meinung, dafi auch deren Resultate nicht rein wissen-
schaftliche seien, lahmte seine eigene Schaffensfreudigkeit. Eben diese hohe
Vorstellung O.s von wissenschaftlichcr Arbeitstatigkeit hinderte ihn, die reichen
Schatze seines Wissens in einem umfassenderen Denkmal zu hinterlassen,
obschon er hoffte, in seiner Muflezeit — O. war 1897 nach 27 jahriger ununter-
brochener Lehrtatigkeit, wahrend welcher er den Beruf eines akademischen
Overbeck. v. Bergmann. 087
Lehrers mehr und mehr als eine schwere Burde empfunden hatte — die Re-
sultate seiner Forschertatigkeit zu sammeln und herauszugeben. — Einsam
war es um ihn geworden. Seine innige Jugendfreundschaft mit Heinrich von
Treitschke hatte er zugunsten eines mannlichen Treubundes mit Friedrich
Nietzsche aufgegeben, mit dem ihn in Basel eine Zimmernachbarschaft zusammen-
fiihrte. O. selber hat diesen Freundschaftsbund nicht als eine bloBe Episode
sondern als die grofite personliche Bereicherung mit den tiefgehendsten. Wir-
kungen auf sein Geistesleben geschatzt. Sein gegensatzliches Verhaltnis zum
Nietzsche -Archiv in Weimar bewog ihn schliefllich, den Briefwechsel des
Freundes — es sind liber 200 von N. an O. gerichtete Briefe, die bis in die Zeit
von N.s Erkrankung reichen — trotz innerem Widerstreben zu publizieren,
um dadurch das zeitgenossische offentliche Urteil uber den Philosophen auf-
zuhellen und abzuklaren. Demselben Zweck gait seine offentliche Erklarung
— es ist wohl O.s letzte Publikation gewesen — in der ^Frankfurter Zeitung«
vom 10. Dez. 1904, in welcher er den Freund gegenuber der Schwester in Schutz
nahm.
So fuhrte der unerbittliche Kampfer und Kritiker zuletzt als »Stuben-
gelehrter* ein in stiller Bescheidenheit zuruckgezogenes Leben — zusehends
mehr uberzeugt von der Unzulanglichkeit der Welt, wahrend sein warmes,
lauteres Gemiit bis zuletzt den Schonheiten der Erde offenstand. Dann wurde
er von einem Herzleiden dahingerafft — in schlichter Hulle ein edler, vor-
nehmer Mensch, ein reichgebildeter Geist, ein Forscher ersten Ranges — »der
letzte eines groflen Geschlechtes, grundgelehrt und doch Philosoph, in der
Erkenntnis hart und stolz, in den Dingen der Welt kindlich und demutig«.
Carl Albr. Bernoulli, Basler Jahrbuch 1906; E(berhard) V(ischer), Basler Nachrichten
28. Juni 1905. tt c u 1 1 u
J D Hermann Schollenberger.
»Ich habe gelebt, um zu lernen,
und gelernt, um zu leben!*
(E. v. Bergmann.)
v. Bergmann 1 ), Ernst Gustav Benjamin, Exzellenz, Chirurg; * Riga
16/Dezember 1836; f Wiesbaden 25. Marz 1907. — Es ist eine charakteristische
Eigenart der das vorige Jahrhundert zierenden Koryphaen der deutschen
Chirurgie, daB sie nicht ihre Arbeitskraft erschopften in der Ausubung ihres
Berufes, sondern daB sie es verstanden, ihre Gedankensphare auszuweiten zu
dem Horizont umfassender Bildung und allgemeiner Menschlichkeit. Diese
Doppelnatur des Wesens umgibt den wahrhaft groBen Geist mit dem Zauber
der Personlichkeit, der den popularen Mannern eigen ist. Nur sclten laBt ein
Volk solche erstehen, aber stets bewahrt es sie als volkstumliches Kleinod
im Gedachtnis und nennt sie mit Stolz sein eigen. So leben Dieffenbach, v. Lan-
genbeck, Billroth, v. Mikulicz, v. Bergmann nicht nur in der Wissenschaft fort,
sondern auch im Volke! —
B. entstammt einer alten baltischen Pastorenfamilie von erblichem Adel,
die ihren Sitz seit 200 Jahren im Pfarrhaus zu Rujen in Livland hatte. Den
Elementarunterricht erhielt er bis zu seinem 13. Lebensjahr im vaterlichen
*) Totenliste 1907 Band XII, n*.
25*
388 v - Bergmann.
Hause. Dann kam er auf das Gymnasium zu Birkenruhe, das damals als huma-
nistische Erziehungsanstalt in besonders hohem Ansehen stand. Als primus
omnium wurde der stets zu frohlichen Jugendstreichen aufgelegte Bruder Studio
relegiert, weil er mit einem Mitschuler einen Ball besucht hatte. Er mufite daher
sein Abiturientenexamen vor einer Kommission ablegen.
Zum Studium der Theologie bestimmt, bezog er im Jahre 1854 die damals
noch ganz deutsche Universitat Dorpat. Als er sich dort fiir das vorgenommene
Studium einschreiben wollte, waren diese Listen bereits geschlossen, so dafl ihm,
wie er selbst sagt, nichts weiter iibrig blieb, als Medizin zu studieren.
Auf seine medizinische Ausbildung als Student hatten vor allem v. Oettingen
und der Chirurg Adelmann Einflufi. Am 13. November i860 erhielt er den
Doktorhut der Dorpater Universitat auf Grund seiner Dissertation: „De>Balsami
Copaivae cubebarumque in urinam transitu", die von dem spateren groflen
Chirurgen noch nichts ahnen liefi. 1864 habilitierte er sich mit einer Schrift
liber ,,Fettembolie" als Privatdozent fur das Fach der Chirurgie in Dorpat.
Nachdem er auf Studienreisen Konigsberg, Berlin und Wien kennen gelernt
hatte und mit den deutschen Chirurgen v. Langenbeck und Billroth in nahere
Beziehungen getreten war, wurde er im Jahre 1866 von dem Konigsberger
Professor Wagner auf die bohmischen Schlachtf elder berufen, wo der junge
Privatdozent, unter Middeldorpf und Wilms zum Wohle der Verwundeten
tatig, den Grund zu seiner kiinftigen Grofle und ersten Autoritat als Kriegs-
chirurg legte.
Nach Beendigung des Krieges wandte sich der bereits ausgebildete Chirurg
physiologisch-chemischen Studien zu, denen er in dem physiologischen Institut
von Kuhne in Amsterdam oblag. Als dann im Jahre 1870 der franzosische
Krieg ausbrach, stellte sich v. B. der preuflischen Regierung zur Verfiigung.
Er trat in Berlin zur Armeereserve ein, wirkte unter Richard v. Volkmann und
Theodor Billroth in Mannheim im Reservelazarett, iibernahm dann im Jahre
1 87 1 die Friedrichsbaracken in Karlsruhe und leitete in der Zeit bis zur
Fertigstellung derselben die badischen Sanitatsziige zur Evakuierung der
franzosischen Verwundeten nach Belfort und Paris.
In dieser Zeit lernte er seine Gattin, geb. Freiin v. Porbeck, kennen, eine
ihm gleichgesinnte Dame von hoher Tatkraft und Energie, die sich mit
bewundernswertem Geschick in den Kriegslazaretten betatigte. Sie war ihrem
Gatten eine liebevolle, treue Gefahrtin, nicht nur als Huterin des Hauses und
Pflegerin vornehmer Geselligkeit, sondern sie nahm auch im spateren Alter noch
oft an den Operationen ihres Mannes aktiv teil.
Gleich nach dem franzosischen Kriege wurde v. B. in Dorpat ordentlicher
Professor der Chirurgie als Nachfolger seines Lehrers Adelmann.
Noch einmal unterbrach der Kriegsruf seine Friedenslaufbahn : das Jahr
1877 sah ihn als konsultierenden Chirurgen im russisch-tiirkischen Krieg im
Hauptquartier des Groflfursten Nikolai Nikolajewitsch. Der feuererprobte
Kriegschirurg machte die gewaltigsten Ereignisse dieses Feldzuges mit: den
Donaulibergang und die Erstiirmung von P 1 e w n a.
Nach seiner Riickkehr bewarben sich drei Universitaten um v. B. : Kiew,
St. Petersburg, Wiirzburg. Hier besetzte er 1878 an Linharts Stelle den Lehr-
stuhl fiir Chirurgie. In dieser Zeit machte er eine schwere Blutvergiftung durch,
so dafl ihn sein Assistent v. Angerer mehrfach operieren mufite.
v. Bergmann. 380
Als dann 1882 durch Bernhard v. Langenbecks Rucktritt der Lehrstuhl fiir
Chirurgie in Berlin erledigt war, wurde v. B. dessen Nachfolger an der Berliner
Universitat, der er bis zu seinem Tode als markanteste, stets fiihrende Person-
lichkeit angehorte. Im Jahre 1901 erhielt er den Titel Exzellenz; 1906 wurde
ihm eine besondere Ehrung zuteil von der englischen Universitat Edin-
burgh, indem sie den beriihmten Chirurgen zu ihrem Ehrendoktor ernannte.
Zu dem akademischen Festakt begab sich Exzellenz v. B. nach Edinburgh, wo
er in herzlicher Weise gefeiert wurde.
Am 16. Dezember 1906 vollendete er sein 70. Lebensjahr, zu dem ihm der
Kaiser, die ganze Studentenschaft, Arzteschaft und die Gelehrtenwelt ihre
Wiinsche darbrachten. Er stand im Zenit seines Ruhmes. Bald darauf fing
er an zu krankeln.
Es nagte an ihm ein altes Leiden, das seine AngehSrigen und Assistenten
mit Besorgnis erfullte. Schon seit fiinf Jahren zeigten sich bei ihm von Zeit
zu Zeit Erscheinungen, die auf eine bosartige Neubildung des Darmes hinzu-
deuten schienen. Mehrfache Anfalle von DarmverschluC hatten den hiinen-
haften Korper bereits aufs Krankenlager geworfen, aber stets gewann seine
stahlerne, unbiegsame Natur wieder die Oberhand liber die tiickische Krankheit
und stets war er erfrischt und gekraftigt aus den Ferien in die Klinik zuriick-
gekehrt.
Als er sich in den Osterferien 1907 nach Wiesbaden begeben hatte, um von
einer schmerzhaften Ischias Heilung zu suchen, setzte der Darmverschlufl wieder
in heftiger Weise ein und ging bald in einen gefahrdrohenden Zustand iiber.
Die Diagnose hatte v. B. selbst im letzten Jahre auf Krebs gestellt. Telegraphisch
gerufen eilte sein langjahriger fniherer Assistent und Oberarzt Prof. Schlange
aus Hannover ans Krankenlager und sah sich genotigt, seinem friiheren Chef
eine Darmfistel anzulegen. Da der erwartete Effekt der Fistel nicht eintrat,
schritt Prof. Schlange auf des Patienten Wunsch zwei Tage spater, am 25. Marz
1907, zu einer zweiten Operation, die, wie der erste Eingriff, mit Riicksicht auf
das hohe Alter und den Krafteverfall ohne Allgemeinnarkose mit ortlicher
Betaubung ausgefiihrt wurde. Der Operateur fand im Bauchraume triibe
Fliissigkeit, ein Zeichen, dafi eine todliche Bauchfellentziindung begonnen hatte.
v. B. selbst gab Anweisungen, wie diese Fliissigkeit untersucht werden sollte.
Aber der Krafteverfall nahm schnell zu, die Herzkraft erlahmte, und mittags
gegen 12 Uhr am 25. Marz 1907 schloG v. B. die Augen fiir immer, in derselben
Stadt, in der auch sein Vorganger v. Langenbeck verschieden war. Nur noch
einige Monate trennten ihn von dem ersehnten Zeitpunkt, wo er 25 Jahre die
Berliner Klinik geleitet hatte!
Die Sektion, mit der sein Neffe und Assistent N. Guleke betraut wurde,
ergab, dafl ein Darmkrebs nicht vorlag, sondern daB eine, auf einem im russisch-
tiirkischen Krieg erworbenen Ruhrgeschwiir beruhende Verengerung des Dick-
darms die sich wiederholenden Attacken von DarmverschluC bedingt und zuletzt
die vollige Verlegung der Darmpassage durch Knickung verursacht hatte und
damit der Ausgangspunktdertodbringenden Bauchfellentziindung geworden war.
Die Leiche des Heimgegangenen wurde von Wiesbaden nach Berlin iiber-
gefuhrt und spat abends im Fackelschein, mit dem die dankbaren Werkmeister
den Weg erleuchteten, im Langenbeckhause an der Statte seiner Tatigkeit
aufgebahrt.
3po v. Bergmann.
Hier fand am 29. Marz 1907 eine grofle Trauerfeier statt, der in Vertretung
des Kaisers der Kronprinz beiwohnte. Im Auftrage des Prinzregenten Luitpold
von Bayern legte v. Angerer (Munchen) am Sarg einen kostbaren Kranz nieder.
Im Namen der medizinischen Fakultat zu Berlin sprach Kraus, v. Bramann
(Halle) im Namen der v. B.schen Schuler, v. Leube (Wiirzburg) fur die medi-
zinische Fakultat in Wiirzburg, der der Entschlafene angehort hatte, und
L. Landau im Namen der Berliner medizinischen Gesellschaft.
Alsdann wurde der Sarg durch die Reichshauptstadt — es war Charfreitag —
in feierlichem Zuge zur letzten Fahrt nach dem Potsdamer Bahnhof geleitet,
wo die Eisenbahndirektion einen Extrazug bereitgestellt hatte. Auf den
Straflen bildete das Volk von der Ziegelstrafie bis zum Bahnhof ein dichtes
Spalier und neigte ehrfurchtsvoll das Haupt vor der sterblichen Hulle eines
seiner grofiten hochgeschatzten Arzte.
Auf dem alten Friedhof in Potsdam erwiesen die Assistenten ihrem Chef
den letzten Dienst, indem sie ihn an die Gruft trugen, die sich nach einer tief
bewegten Ansprache des Pastors Kriiger fiir immer schlofi. Die untergehende
Marzsonne warf ihre schragen Strahlen zum letzten Lebewohl auf den braunen
Eichensarg, und der Schlag der Amsel, der wie ein Orgellied erklang, bildete
einen feierlichen Akkord zur andachtigen, weihevollen Stimmung der Stunde.
Eine Doppelriister uberschattet das Grab Ernst v. B.s; doch birgt dieses nur
seinen sterblichen Teil, sein Geist aber fuhr auf mit Adlerschwingen zur Unsterb-
lichkeit und lebt fort in der deutschen Chirurgie und im deutschen Volke!
Aufierlich war B. hochragenden Wuchses; er hatte eine alien Anstrengungen
in bewundernswerter Weise gewachsene Gesundheit. Seine Hande waren klein,
keineswegs elegant und zeugten in ihren scharfen Linien und der eigentumlichen
Haltung der Finger von der unendlichen Arbeitskraft und Geschicklichkeit, die
sie beseelten.
Charakteristisch war sein Kopf, den A. v. Hildebrands Meisterhand in einer
Bronzebiiste (im Besitz der Deutschen Gesellschaft fiir Chirurgie) verewigte.
Die schmale, hohe Adlernase mit den klugen durchdringenden blauen Augen,
die wie Feuer spriihten, und die hohe feingefaltete Stirn gaben seinem Antlitz
etwas so Charakteristisches, Entschiedenes und Aufiergewohnliches, dafl jeder
mit Verehrung zu diesem Manne aufschauen und sich diesen Charakterkopf
einpragen mufite, besonders, wenn er im Schwunge der Begeisterung, im Strom
seiner ziindenden Worte die Horer mit sich fortrifi. Sein ganzes Auftreten war
Kraft, Impuls, Entschiedenheit.
So stellt ihn auch das von Franz Skarbina zum 25 jahrigen Dienstjubilaum
seines Eintritts in den Lehrkorper der Universitat Berlin gemalte Bilddar: der
Meister der Chirurgie steht am Operationstische im groflen amphitheatralischen
Horsaal der Chirurgischen Klinik in der Ziegelstrafie kurz vor einer Gehirn-
operation im Kreiseder Studierendenund seiner Assistenten (Prof. M. Borchardt,
Dr. Bockenheimer, Coenen, Guleke, E. Schultze, Nolte, Gontermann, Batzner,
Sticker, Stabsarzt Rumpel, der Oberschwester Anna, seiner Tochter und der
Operationswarterin Marie und des Warters Fischer) und gibt mit erhobener Hand
die klinische Belehrung des vorgcstellten Falles.
Als Vertreter seines Faches wirkte v. B. bahnbrechend auf jedem Gebiete,
das sein Forschergeist beriihrte. Unstreitig sein grofites Verdienst ist die
Schopfung der modernen Asepsis, die als eine Pionierarbeit grofiten Stils
v. Bergmann* 30I
das brachliegende weite Feld der Chirurgie der inneren Organe und des Zentral-
nervensystems erschlofi und die verheerenden Wundseuchen aus den Kliniken
und Krankenhausern fur immer verbannte. Allen Operierten drohte friiher
das Schreckgespenst des Hospitalbrandes oder der Blutvergiftung und es gait
als ein besonderes Gliick, auf das der Arzt gar keinen Einflufi hatte, wenn die
Wundinfektion ausblieb. An den schweren, durch Wundzersetzung verursachten
Nachblutungen aus den groflen Gefafistammen gingen die durch die Operation
Geretteten oft in wenigen Minuten zugrunde. Diese Wundkrankheiten, die
sich lahmend auf die Hand des kuhnen Chirurgen legten, zu studieren und
damit die Mittel zu ihrer Bekampfung zu finden, war zunachst das Ziel des
jungen v. B. in Dorpat.
In gemeinsamer Arbeit mit Schmiedeberg gelang es ihm, auf chemischem
Wege aus den Wundzersetzungsstoffen und Faulnisgiften einen als »Sepsin«
bezeichneten Korper darzustellen. Die Schriften »Uber das septische Fieber«
(1868); »Uber das putride Gift* (1868 in Gemeinschaft mit Schmiedeberg);
»t)ber das Verhaltnis der Fermentintoxikation zur Septikamie* (1882, zusammen
mit v. Angerer); »Die Gruppierung der Wundkrankheiten* (1882 J stammen aus
dieser Zeit.
In diese Epoche fallt ungefahr das Auf treten des jetzt noch lebenden grofien
englischen Chirurgen Lister, der in den siebziger Jahren in Glasgow die Ara der
»Antisepsis« in der Chirurgie begrundete. Trotz der Zellularpathologie Virchows
(1858) beherrschte die alte hippokratische Krasenlehre noch ganz das medizi-
nische Denken. Ein an der Kgl. Charit6 in Berlin tatiger Chirurg der voranti-
septischen Zeit, Jiingken z. B., wufite sich angesichts der schwer auf seiner
Abteilung grassierenden Wundseuchen und des gewohnten Hospitalbrands zu
trosten, »dafl es doch kein Wunder sei, dafi das lymphatische, venose und
skrophulose Geschlecht den atmospharisch-tellurischen Einfliissen bei Ver-
wundungen und Operationen erlage«! Dies gibt recht die Anschauung der
damaligen Zeit wieder, die die Wundkrankheiten auf kranke Safte des Korpers
zuruckfiihrte. Diese Irrlehre stiefi nun Lister endgiiltig um und wurde so der
Reformator der ersten Wundbehandlung.
Von der Voraussetzung ausgehend, dafi die Storungen der Wundheilung nur
die Folge einer von aufien in die Wunde eindringenden Schadlichkeit und
damit verbundenen Wundzersetzung sein konnten, schuf er den nach ihm
benannten antiseptischen Okklusiv-Verband, der mit Hulfe der Karbolsaure
die Vernichtung der in die Wunde eingedrungenen Infektionskeime erfolgreich
durchfuhrte und so mit einem Schlage die Wundinfektionskrankheiten beseitigte.
v. B. fiihrte diese Listersche Wundbehandlung in die chirurgische Klinik
in Wiirzburg ein, erkannte aber bald, dafi auch diese noch ihre Fehler hatte.
Statt der giftigen und stark atzenden Karbolsaure wandte er daher das Subli -
mat an, das bis heute seinen Platz in den Operationssalen als bestes Antisepti-
cum behalten hat.
Da bliahte unter Pasteurs, Ferdinand Cohns und Robert Kochs Agide in
der Medizin eine ganz neue Disziplin, die Bakteriologie, auf. v. B.s scharfer
Spaherblick erkannte gleich die Wichtigkeit dieser jungen Wissenschaft fur die
praktische Chirurgie. Durchdrungen von diesen neuen Lehren der bakteriellen
Forschung, wurde er mit seinem Assistenten Schimmelbusch der zweite Refor-
mator der Wundbehandlung. In der Chirurgie eroffnete sich eine zweite, noch
3Q2 v « Bergmann.
glanzvollere Ara, die der »Asepsis«, die die Listersche »Antisepsis« ruhmbedeckt
verdrangte und das Fundament der heutigen modernen Chirurgie bildet. Die
Grundpfeiler, auf die sich dies moderne Zeitalter der »Asepsis« stiitzt, sind die
Arbeiten von B.s Assistenten Schimmelbusch, unter denen die »Anleitung zur
aseptischen Wundbehandlung« f »Die Durchfuhrung der Asepsis in der v. B.schen
Klinik«, »Die Desinfektion septisch infizierter Wunden« hier besonders genannt
werden sollen. —
Die Fruchte, die v. B. in drei Kriegen unter dem Donner der Geschiitze
und im Angesicht des Todes auf blutgetranktem Boden erwuchsen, reiften aus
zu grundlegenden Werken in der Kriegschirurgie, die die Grenzen des deutschen
Vaterlandes Weit uberragen und jeder Kulturnation zugute kommen. Die
alten Feldschere und Chirurgen des Schlachtfeldes schadeten mehr, als sie
niitzten, indem sie zur Auffindung der Kugeln in jede Wunde die Sonde steckten,
und so die Infektion von Mann zu Mann trugen. Mit der ganzen Kraft seiner
Personlichkeit und dem Zorn des gereizten Propheten fiihrte v. B. den Kampf
gegen die Sonde und bewahrte so Tausende vor der Gefahr der Blutvergiftung,
eine chirurgische GroGtat mit dem einfachsten Mittel. Ein anderes ebenso
einfaches Mittel zur Verhutung der Infektion lehrte er in der Immobilisierung
der Gelenke durch den schon von Pirogoff empfohlenen Gipsverband. Die
Knieschusse galten damals als todlich. v. B. zeigte, dafl auch diese heilten, wenn
sie von vornherein konservativ mit dem Gipsverband behandelt und nicht
sondiert waren. So bahnte er eine neue ganz konservative Behandlungsart der
SchuGverletzungen an, der viele ihr Leben verdanken im Kriege, wie im Frieden.
Die Erfahrungen, die er in den drei Feldziigen in rastloser Tatigkeit sammelte,
legte er nieder in den Werken: Uber die Resultate der Gelenkresektionen im
Kriege. 1874. — Die SchuOverletzungen und Unterbindungen der A. subclavia.
1877. — Die Behandlungen der SchuOverletzungen des Kniegelenks. 1878. —
Indirekte Schuflfrakturen der Schadelbasis. 1 880. — Ober das Schicksal der
Transfusion. 1883. — Einheilung der Kugeln im Gehirn, nebst Behandlung
der Schuflwunden im Kriege. 1895. — Erste Hilfe auf dem Schlachtfelde.
1902. — Die SchuOverletzungen im Frieden. 1906.
Seinen ersten »Fall« im Kriege von 1866 schildert v. B. selbst folgender-
maflen: »Auf dem Bahnhof in Reichenberg . „ . Ein Zug mit Verwundeten wird
in den Bahnhof gefahren. Wahrhaft herzzerreiOend sind die Klagen, Hilferufe
und Schmerzensschreie aus alien Wagen. Der Revisionssaal ist Verbandplatz.
Heraus eilen die an der Binde der Genfer Konvention kenntlichen Arzte und
Krankentrager. Im Augenblick sind sie in Anspruch genommen, aber immer
noch tont: »Pane, Doktor, domine, domine*. Es ist ein ungarischer Husar,
ftir den sein Kamerad dringend bittet . . . Die Welle roten Blutes, die hoch aus
der zerschmetterten Schulter quoll, verbot ein langeres Besinnen. Das Schlussel-
bein und die groGe Schlagader unter ihm waren getrennt. In wenigen Augen-
blicken muOte das im Bogen herausquellende Blut zum Erschopfungstode
fiihren. Da muGten in der Klinik ein grofler Instrumentenapparat und eine
geschickte Assistenz aufgeboten sein, um mit Haken die erweiterte Wunde
auseinanderzuziehen, rasch mit dem Finger den Hauptstamm zusammenzu-
drucken, bis die Wunde im GefaG erreicht, entbloGt und unterbunden gewesen
ware. So, hatte ich mir gedacht, muGte auch im Hauptverbandplatz die
chirurgische Kunst geubt werden. Aber neben dem blutenden Soldaten kniete
v. Bergmann. 393
ich allein, und wenn ich auch ein Besteck und ein paar Pinzetten in meiner
Tasche neben Binden und Charpie zur Hand hatte, so half mir doch niemand.
Ich fuhr mit dem Finger in die Wunde, rifi ein paar Knochensplitter heraus
und fiihrte einen Badeschwamm, der ebenfalls in meinem Armamentarium sich
fand, in die Tiefe, um ihn zuerst mit der Hand und dann mit einer Binde fest
einzudriicken. Die Blutung stand. Welche Freude war es, als ich sechs Wochen
spater bei einer Revision der Reichenberger Hospitaler durch meinen Chef den
jungen Husaren lustwandelnd im Garten mit in Vernarbung begriffcner Wunde
wiedersah.«
Bekannt ist auch folgende Episode von P 1 e w n a. Als die Sanitatswagen
im stromenden Regen den zur Anlegung der Gipsverbande notigen Gips herbei-
geschafft hatten, war dieser infolge der Durchnassung unbrauchbar geworden.
Alles stand ratios auf dem Verbandplatze, da erschien v. B. und befahl, den
Gips auszugluhen, und machte ihn auf diese einfache Weise wieder gebrauchs-
fahig, so dafl die Verwundeten verbunden werden konnten. —
Unzertrennlich verkniipft fiir immer ist mit v. B.s Namen die wissen-
schaftliche Hirnchirurgie. Er war nicht nur der Begrunder dieser kuhnsten
und vornehmsten chirurgischen Spezialwissenschaft, sondern blieb auch ihre
erste Autoritat bis zu seinem Tode, »Die Lehre von den Kopfverletzungen«,
die »Diagnose der traumatischen Meningitis«, »Die Gehirnverletzungen mit all-
gemeinen und mit Herdsymptomen«, »Die Kasuistik operabler Hirntumoren«
sind klassische Werke, die stets ein Markstein in der Geschichte der deutschen
Chirurgie sein werden. Als ein ^standard work* entstand »Die chirurgische Be-
handlung der Hirnkrankheiten«, das in drei Auflagen erschien. Aber was den
kuhnen Operateur am meisten auf diesem seinem Lieblingsgebiete zierte, das
war die Beschrankung, die er sich auferlegte, und die zeugte von seiner strengen
Manneszucht und klugen Berechnung, mit der er jeden Schritt seines Handelns
und Konnens beurteiltc.
Von v. B.s kleineren literarischen Schopfungen sind seine mit H. Rochs
verfafiten anleitenden Vorlesungen fiir den Operationskursus an der Leiche
zu nennen. Trotz der Kleinheit tragt dieses Buchlein den Stempel der Genialitat
und Grtindlichkeit des Verfassers. Scharfe der anatomischen Angaben fiir die
Schnittfiihrung, geistvolle Obersetzungen lateinischer Namen und gelegentlich
eingeflochtene Episoden aus der Kriegschirurgie beleben die detaillierten Schilde-
rungen der chirurgischen Technik in ungewohnlicher Weise und bewahren das
Buchlein vor Trockenheit und Schematismus. Den Studenten und Sanitats-
offizieren der Armee als Vademekum zur Richtschnur dienend, fand es weite
Verbreitung.
In der Operationstechnik selbst war v. B. ein Kiinstler und wiirdiger Nach-
folger des eleganten Bernhard v. Langenbeck. Bei ihm kam aber noch bei aller
Eleganz und Grundlichkeit im Operieren die unglaubliche Schnelligkeit hinzu,
die die ersten Chirurgen fremder Nationen oftmals in Staunen versetzte. Un-
ubertroffen war seine plastische Kunst, vielbewundert von seinen Assistenten.
Noch einige Wochen vor seinem Tode fiihrte seine Hand die minutiosc
Gaumennaht bei einem zweijahrigen Kinde aus dem Kaukasus mit Erfolg aus
und legte Zeugnis dafiir ab, dafi die im Alter zitternde Hand die Sicherheit der
Schnittfiihrung und Ruhe des Operierens nicht verloren hatte. Seine letzten
Operationen waren eine Huftresektion und eine Knocheneinpflanzung, ein Zweig
304 v. Bergmann.
der Chirurgie, fur den er sich besonders interessierte und der in seines langjahrigen
Assistenten Lexers viel bewunderten Erfolgen neue Sprossen trieb in der Ge-
lenkiiberpflanzung.
Ebenso hoch wie der Chirurg und Arzt v. B. steht der Mensch. Sein hervor-
stechender Zug ist die von Adel der Gesinnung getragene Menschenliebe und
das aus derselben hergeleitete brennende Verlangen, zu helfen, wo er konnte.
Der stahlharte Mann mit dem reckenhaften Korper hatte das milde, weiche
Gemlit eines Kindes, das auf jeden, der ihn im Verkehr mit Kranken sah, den
tiefsten Eindruck machte.
C. L. Schleich, der letzte Famulus v. Langenbecks und Begriinder der
ortlichen Gewebsbetaubung, der von v. B. ubernommen wurde, teilt aus den
ersten Tagen, da dieser die Klinik in Berlin ubernommen hatte, folgende Er-
innerung mit: »In jenen ersten Tagen der Neuordnung war eines Morgens ein
auffallend schoner Knabe aus Schoneberg in die Klinik eingeliefert worden,
der nach einer Verletzung am Fufie schwere Anfalle von Wundstarrkrampf
bekommen hatte. Obwohl die Wunde mit grofiter Sorgfalt geoffnet und des-
infiziert war, wiederholten sich gegen Abend die Krampfe, und v. B. beauftragte
uns jiingere Famuli, bei dem Kranken die Nacht zu durchwachen und jeden
Anfall mit Chloroformnarkose zu bekampfen. Drei Uhr nachts war es, als sich
plotzlich die Tiir auftat und der neue Chef im Frack und vollem Ordensschmuck
eintrat, um nach dem Kinde zu sehen. Er schlug die Decke von dem tief Be-
taubten zuriick und sprach ergreifende Worte uber die Griechenschonheit dieses
jungen Leibes, liber den Segen der Narkose und uber das Mysterium des Todes.
Wir waren erschiittert, als er trauernd dem sterbenden Kinde uber die Stirn
strich und dann sinnend von dannen ging. Die Szene hatte auf mich, sagt
Schleich, einen unvergefllichen Eindruck gemacht. Niemals in meinem Leben
hatte ich einen Menschen so hinreifiend, wehmiitig tief und so ganz im Ton
einer arztlichen Priesterschaft am Krankenbett reden horen.«
Sein letzter Oberarzt und Professor M. Borchardt schreibt: »Unter den
verschiedenen Situationen bleibt die eine mir unvergefilich, wo der besten einer
sich ihm anvertraute, v. Gofller. Nach kurzer, inniger Umarmung stieg
v. Gofiler auf den Operationstisch, mit den Worten zu v. B. gewandt: »In
deine Hande befehle ich meinen Geist.« Schwer war es fiir v. B., seine Be-
wegung zu meistern, wufite er doch, dafi es sich um eine Operation auf Leben und
Tod handelte, die er an seinem Freunde vornehmen mufite.«
Sein Mitleid mit den Kranken ging manchmal so weit, sagt M. Borchardt,
dafl er sie nicht nur umsonst behandelte, sondern vielfach noch materiell unter-
stutzte. »Als nach beendetem Kriege schwer verletzt ein Burengeneral, der
Hab und Gut verloren hatte, seine Hilfe in Anspruch nahm, da hat er ihn nicht
nur umsonst behandelt, ihm seine Gesundheit wiedergegeben, sondern er hat
es ihm durch Oberlassung eines namhaften Betrages ermoglicht, sich eine neue
Existenz zu grunden.«
So leuchtet aus alien seinen Eigenschaften Humanitat und Liebe zum
Menschen wie ein Edelstein hervor, deshalb liebte ihn das Volk, und er war
deswegen ein popularer Mana*
Menschenliebe war es auch, die den schon im vorgeruckten Alter Stehenden
bewog, in der Reichshauptstadt das Rettungswesen zu organisieren und so ein
Vorbild zu schaffen, das in andern Grofistadten Nacheiferung fand. —
v. Bergmann. -jgc
Bei all seinen hohen Ideen und trotz der aufreibenden Berufstatigkeit fand
er die Zeit, sich mit den wirtschaftlichen Tagesfragen der Arzteschaft zu be-
schaftigen, und ganz zuletzt noch wurde er ein mach tiger Forderer der Arzte-
schaf c, als er sich urn die weitere Fortbildung der Arzteschaft aufierst verdient
machte. Seiner Organisation ist mit Unterstiitzung von R. Kutner die Ein-
richtung der arztlichen Fortbildungskurse in Preufien zu danken, als deren
Zentrale das Kaiserin-Friedrich-Haus geschaffen wurde, ein
Institut, wie es einzig auf dem Erdenrund dasteht.
Staunenswert ist v. B.s ungeheure Arbeitskraft. Im russisch-tiirkischen
Kriege brachte er an einem einzigen Tage, wo die Sturmangriffe unermefiliche
Opfer gefordert hatten, 3000 Verwundeten auf dem Verbandplatze Hiilfe.
Wahrend seiner ganzen Tatigkeit in Berlin gingen, abgesehen von der Privat-
praxis, durch die stationare Klinik rund 50 000 Patienten, denen sich 500 000
poliklinisch Behandelte anreihen. 16 Stunden wahrte sein Normalarbeitstag,
den er im Sommer friih um 6 Uhr im Anatomiesaale begann. »Seine durch -
wachten Nachte«, sagt H. Fischer, »haben unsere Tage erhellt.«
v. B.s kraftvolle Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift
war beruhmt. Er gchorte zu den gesuchtesten Rednern der Universitat und
verstand es wie kein anderer, in den wissenschaftlichen Debatten das Wichtige
herauszugreifen und die in fruchtloser Diskussion abgewendete Aufmerksam-
keit wieder zu fesseln. Seine Reden gehorten neben denen Du Bois-Reymonds
mit zu den groflten rhetorischen Leistungen des vergangenen Jahrhunderts
und zeichnen sich aus durch den Schwung der Begeisterung, durch die Kraft
ihres Pathos und den oft an Dithyramben erinnernden Aufbau der Sprache, der
von gewaltiger Wirkung ist.
Wenn es auch bekannt war, dafi v. B. gern biblische Motive seinen Reden
zugrunde legte, so war es doch eine gewisse Oberraschung, als der befreundete
Geistliche an seinem Sarge sagte, dafi der Entschlafene tief religios gewesen sei.
»Das Beste, was wir haben«, sagte v. B., »verdanken wir der Religion, die in
der Jugend uns geboten. Wohl bleiben mit ihr dem Manne schw r ere Konflikte
nicht erspart, aber darum darf die Religion uns und besonders unserer Jugend
nicht genommen werden.« Der Gedanke an die Beschrankung oder gar Auf-
hebung des Religionsunterrichtes in den Schulen erregte v. B. ticf. Falls es
erforderlich werden sollte, wollte er selbst redend im Herrenhause fur den
Religiohsunterricht eintreten.
Als ein wegen Brands der Glieder eingebrachter Patient in der Klinik
den Tag der goldenen Hochzeit feierte, da ergriff der Chef derselben selbst
Gottes Wort und hielt eine biblische Predigt, die die des klinischen Pastors
weit in den Schatten stellte.
Mit aufieren Ehrungen wurde v. B. uberschtittet: er war Wirklicher Ge-
heimer Rat mit dem Titel Exzellenz, Mitglied des Herrenhauses, nach V i r -
chows Tode President der Berliner medizinischen Gesellschaft, Kaiserlich
russischer Wirklicher Staatsrat, im preufiischen Sanitatskorps hatte er den
Rang eines Generalarztes, er war Ehrenmitglied medizinischer Gesellschaften
in Osterreich, England, Amerika, Rufiland, Schweden, Rumanien.
Von gekronten Hauptern behandelte der Entschlafene den Zaren, den
Konig von Spanien, den Sultan Abdul Hamid, die Kaiserin und Kaiser Wil-
helm II., von dem er als personliches Geschenk seine Bronzebuste empfing. —
306 v. Bergmann.
Trotz seiner Grofle blieb v. B. stets bescheiden. Dieses Universalgenie,
das alles, was es anfafite, machtig zu fordern verstand, und dessen Impuls und
Geistesblitze die Umgebung zur Tatkraft entfachten, hob stets hervor, wieviel
er der Mitarbeit seiner Assistenten verdankte, und wie sehr ihn der Lauf der
Zeit begunstigt hatte. Als ihm vom Kaiser der Titel »Exzellenz« verliehen
wurde, fand er diese Ehrung peinlich, so lange noch ein groflerer in der Medizin,
ein »Rudolf Virchow«, lebte.
Es ist naturlich, dafi ein Geist und eine Personlichkeit, wie es v. B. war,
Schule machte. Der kraftvolle Genius, der aus seinen Lehren heraus spriihte,
die rastlose Detailschulung und das gesprochene Wort, das sich jedem ein-
pragte, umgab ihn bald mit einer groOen Schulerzahl, von denen vier als Ordi-
narien die Lehrkanzel zieren, v. Angerer-Munchen, v. Bramann-Halle a. S.,
Lexer- Jena, F. Konig-Greifswald.
So moge denn die Erinnerung an Ernst v. Bergmann als heiliges Vermachtnis
im deutschen Volke fortleben und seine Lehre sich lebendig erhalten, die, aus
der Pietat und Menschenliebe entsprossen, gepaart mit ungeheurer Geisteskraft
und Energie, in der chirurgischen Wissenschaft ein neues Zeitalter schuf I Wie
ein leuchtendes Meteor ging der Stern v. Bergmann's auf an dem Gelehrten-
himmel Deutschlands, in schnellem Fluge strahlend emporsteigend, aber nicht
wie dieses wieder verloschend, sondern weiter unsere Tage erhellend. Auch
von ihm gilt das Wort des venusinischen Sangesflirsten: »Er hat sich selbst
ein Denkmal gesetzt, dauernder, als Erz und erhabener, als die verwitterte
Herrlichkeit der agyptischen Pyramiden.«
Breslau. Privatdozent H. Co en en.
Z u s a t z.
Seite 97 ist der Name des Verfassers Otto F. Volkmann nach dem Artikel
VVilhelm Busch einzufUgen.
I. Alphabetisches Namenverzeichnis
zum
Deutschen Nekrolog vom I. Januar bis 31. Dezember 1908.
Name
Verfasser S
cite
Name
Verfasser
Seite
Abendroth, W.
A. Rcichardt
190
Grundherr zu Alten-
Althoff, F.
A. Heubaum
235
than und Wey erhaus
H Holland
37
Gschiel, J.
J. Ran/a
204
Bacher, E.
G. Kolmer
33
Baentsch, B.
F. Bennewitz
273
Heilmayer, K.
H. Holland
189
Beck, K.
A. Schulze
164
Helldorf, B. Otto
Beck, O.
73
H. v.
H. Diez
140
Beckh, H.
H. Diez
139
Hennings, P.
E. Roth
101
Berg, L.
A. Eloesscr
186
Holleben, E. v.
H. Diez
138
Biermann, G.
L. Putsch,
198
Bticheler, F.
F. Marx
231
Inama-Sternegg, K.
Busch, W.
OltoF. Volkmann
74
Th. v.
Innhausen und Knyp-
E< Mischler
116
Carstens, J. V.
H. Holland
4*
hausen, FUrst zu
H Diez
i37
Christensen, J.
y. Sass
107
Corregio, M.
H. Holland
42
Kirchhoff, A.
R. Weil
266
Kotschenreiter, H.
H. Holland
no
David, P.
M. Bcrger
45
Kramer, J. v.
H Holland
III
Dix, H.
A. Rcichardt
188
Krasnopolski, H.
C. Klatscher
229
Douglas, W. Graf v.
H Diez
U8
Krastel, F.
J. Minor
97
Droysen, G.
H. Schulz
191
Kttnzli, A.
A. Frey
226
Echteler, J.
H. Holland
108
Leistikow, W.
L. FUtsch
203
Eckardt, J. v.
H. Diez
142
Leitner, X.
Schenz
155
Ehrhart, Franz
H. Diez
138
Loe, W. Freiherx v.
H. Diez
129
Fastenrath, J.
F. ZUcken
20
Loew, E.
E. Roth
183
Fell, W.
B. Vandenhoff
128
Loritz, J.
A. v. Mensi
61
Fiedler, J. v.
265
Lucanus, H. v.
H. Diez
hi
Frank, J.
H. Holland
43
Lttders, H.
L. Pietsch
198
Gebhardt, L.
H. Holland
4i
Meermann, A.
H. Holland
112
Gersdorff, H. O. v.
H Diez
'45
Meyer, A.
H. Diez
139
Alphabetisches Namenverzeichnis.
398
Name
Mftnckeberg, J.
Mttller, G. H.
Mttller, H. v.
Ncbe, K.
Nicolai, F.
Noll, F.
Oeri, J.
Paulsen, F.
Pfleiderer, O.
Raab, C. v.
Radlkofer, M.
Rau, A.
Richter, M.
Robbert, W.
Roegge, W.
Rohr, P. Th.
Rosenmund, M.
Schaarschmidt, K.
Schafer, C.
Schlumberger, J. v.
Schlumprecht, H.
Schnabel, J.
Verfasser Seite
H. Diez 130
A. Dreyer 244
B. Rathgen 175
E. Kilian
O. Ellstatter
E. Roth
272
185
H. Schollenberger 166
Th. Lorenz
O. Zurhdkn
244
209
K. Brunn (v.
Kauffungen) 103
H. Holland 38
H Holland 41
221
E. Z. 165
H. Holland 39
H. Holland 37
H. Schollenberger 167
Elter
C. Weber
H. Dicz
h. Holland
225
147
135
113
M5
Name
Schttnaich - Carolath,
E. Prinx v.
Schrader, E.
SchrOtter, L. v.
Schwabe, L.
Seitz, L.
Sickel, Th. v.
Siebold, H. Ph. Frei-
herr v.
Siedel, E.
Speck v. Sternburg,
H. Fr. v.
Spring, A.
Stiefel, K. J.
Thiel, A.
Thumann, P.
Vecchioni, A. N.
Voit, Karl v.
Werner, F.
Wolfflin, E. v.
Wolter, P.
Zeller, E.
Zumbusch, J. v.
Verfasser Seite
V. Klemperer 151
E. Meyer 156
C. Reitter 26
W. Schmid 124
J. Ranftl 205
E. v. Ottenthal 62
A. GrafBranden-
stein-Zeppelin 215
A. Reichardt 219
H Die% 134
H. Holland 114
H. Schollenberger 171
J. Kotberg
Z. Pietsch
164
197
A. Dreyer 243
O. Krummacher 3
Z. Pietsch 201
H Schollenberger 168
S. v. Oer 125
Th. Ziegler
H. Holland
47
"5
II. Alphabetisches Namenverzeichnis
der
Erganzungen und Nachtrage.
Name
Aufrecht, Th.
Bauer, G.
Bergmann, E. v.
Braunmtihl, A, v.
Broich, E. v.
Busse, L.
Eyth, M.
Grisebach, E.
Hartel, W. v.
Verfasser Seite
H. Jaeobi 326
K. Doehlemann 365
H. Coenen 387
K. Doehlemann 341
H. Dies 335
F. Erhardt 362
J. v. Diefenbach 343
V. Klemperer 336
S. Frankfurter 304
Name
Verfasser Seite
Langbehn, A. J.
384
Mamroth, F.
V. Klemperer 339
MBbius, P. J.
R. Gaupp 377
Overbeck
H. Schollenberger 385
Ratzel, F.
F. Hirsch 354
Richter, E.
F. Rachfahl 281
Rosenbach, O.
R. Hbnigswald 367
Rosenow, E.
A. R.-E. 360
Schade, O.
H. Jantzen 357
Schrader, W.
H % Jacoby 332
TOTENLISTE
1908.
Ein Stern (*) vor dem Namen bezeichnet, dap das Biographische Jahrbuch dent Toten einen
eigenen Nekrolog gewidmet hat, auf den mit BJ unter Angabe von Band- und Seitenzahl verwiesen
ist; die am Schlusse jedes Artikels der Totenliste angefiihrte Literatur verzeichnet die QueUen
des Bearbeiters und gibt auch weitere, zum Teil axis sweiter Hand gesckopfte Hinweise; W deutet
dabei an, daft dort ein Verzeicknis der Werke des Verstorbenen, P, dap ein Portrdt beige geben ist,
N, dap sick ein ausfuhrlicher Nekrolog an der betreffenden Stelle findet.
Andere Abkurzungen sind:
ADB = Allgem. Deutsche Biographie — AF = Arbeiterfreund — AL = Alberti, Lexikon
d. Schlesw.-Holstein.-Lauenburg. u. Eutin. Schriftsteller von 1866 — 1882 — AMZ = Allgemeine
Mtisikzeitung — ASG = Anzeiger f. Schweizer. Geschickte — AZB = Beil. z. Miinchen. Allgem.
Zeitung — BB = Borsenblatt — BKW = Berliner Klinische W ochenschrift — BMW = Boet-
ticker^ Malerwerke d. 19. Jahrh. — BR = Brummer, Lexikon d. deutschen Dichter u. Prosaisten
d. 19. Jahrh. — BTB = Brief adelig. Taschenbuch — BZ = Dietrich, Bibliographie d. Zeitschriften-
Literatur — DAG = Deutsch-Amerikan. Geschichtsb latter — DBZ = Deutsche Bauzeitung —
DE = Deutsche Erde — DKB = Deutsches Kolonialblatt — DKZ = Deutsche Kolonialzeitung —
DMW = Deutsche Medizin. W ochenschrift — DRG = Deutsche Rundschau f. Geogr. u. StatisHk
— DZL = Deutsches Zeitgenossen-Lexikon — EG = Ludw. Eisenbergs Gropes Biogr. Lexikon
d. Deutschen Biihnen i. 19. Jahrh. — FT = Freiherrl. Taschenbuch — FZ = Frankfurter Zeitung
— G = Globus — GA = Geogr. Anzeiger — GK = Geograpken-Kalender — GT = Grdfliches
Taschenbuch — GZ = Geogr. Zeitschrift — HA = Handbuch f. d. Preuss. Abgeordneten-Haus —
HBL = A. Hirsch, Biogr. Lexikon d. hervorragenden Arzte alter Zeiten u. V other — H C = Hambur-
ger Correspondent — HH = Handbuch f. d. Preup. Herrenhaus — HJ = (Herders) Jahrbuch f m
Zeit- u. Kulturgeschichte — HK = Gothaischer Hofkalender — HL = Hessenland — JAW =
Jahresberichte uber d. Fortschritte d. klass. AUertumswissenschaft — JB = Jahrbuch d. deutschen
Bibliotheken — JSG = Jahresberichte d. Schles. GeseUschaft f. vaterland. KuUur — JSTG =
Jahrbuch d. Schiffsbautechnischen Gesellschaft — IZ = Leipz. IUustrierte Zeitung — Kchr =
Kunstchronik — KFA = Kunst f. Alle — KJ = Kirchliches Jahrbuch — KL = Kurschner,
deutsch. Liter alur-Kalender — KR = Keiters Kathol. Literatur-Kalender — KVZ « Koln.
Volkszeitung — KW = Kunstwart — L = Leopoldina — LE = Literarisches Echo — LJ =
Lbbell's Jahresberichte — LZ = L iterarisches ZentralblaU — MAZ = Munch. Allgemeine
Zeitung — M.d.A. = Milgl. d. PreuP Abg.-Hauses — M.d.R. = Mitgl. d. Reichstags —
MMW = Munch. Medizin. W ochenschrift — MR = Medizin. Reform — M S » MuUer-
Singer, Allgem. Kiinstler -Lexikon — MW = M ilitar-W ochenblatt — MWB = MusikaL Wochen-
blatt — MZ = M ilit or zeitung, Berlin — NFP = Neue Freie Presse — NMZ = Neue Musik-
zeitung — NPZ = Neue Preup. Zeitung (Kreuzzeilung) — NR = Naturwissenschaftl. Rund-
schau — NS = Niedersachsen — NT A = Neuer Theater -Almanack — NZ = National-
Zeitung — OA = Deutscher Or dens- Almanack — 6R = Osterr. Rundschau — PBL = Paget,
Biogr. Lexikon hervorragender Arzte d. 19. Jahrh. — PF = Poggendorff, Biogr. -liter or. Hand-
worterbuch z. Geschickte d. exakten Wissensckaften — PY = Pataky, Lexikon deutscher Frauen-
d. Feder — R = Riemann, Musiklexikon — RH = Reichstags - Handbuch — T = Tag,
III. Teil —TB= Thieme-Becker, Allgem. Lexikon d. bildenden Kiinstler — TJ = Theologischer
Jahresbericht — TL = Totenliste — TR = Tagl. Rundschau — TRU = Tdgl Rundschau,
UnterhaUungsbeilage — 0= Oberall 7- UTB = Uradelig. Taschenbuch — VZ - Vossische
Zeitung— VZT = Vossische Zeitung, Totenliste— W = JVorfo? — W/ — WVr t$fj? —
[Vy = Wurttemberg. Jahrbucker f. StatisHk u. Landeskunde — WMW = If't^wr Medizin.
W ochenschrift.
Berlin. Dr. Holleck-Weithmann.
1908.
Abel, Gustav, Prof., Vorst. d. Chem. Labo-
ratoriums d. Zentralstelle f. Gewcrbe u.
Handel; * 1850; f Stuttgart 9. III. — \VJ
1908 Nekr.; NR 1908, 196.
Abel, Julius, Hrsg. d. Greifswalder Zeitung,
Universitatsbuchdrucker; * Honsel, Kr.
Altena 4. VI. 1855; f Greifswald 20. IX. —
VZ 21. 9. A. -A.; Pers. Mitt.
^Abendroth, Gustav William, Prof.,
Dr. pkiL, Studienrat, Lehrer d. Mathem. u.
Physik a. d. Kreuzschule i. Dresden;
* Pima 10. VII, 1838; t Dresden 2. III. —
BJ XIII, 190 (A. Reichardt); VZT; KL
1908, 3.
Abich, Adelheid, ehem. Opernsangerin;
* Breslau 21. II. 1831; f Berlin 3. VII. —
NTA 1909, 170.
Adler, Friedrich, Dr. ing. h. c, WGOber-
baurat, hervorr. Architekt, Mitgl. d. Akad.
d. Kiinste i. Berlin, Schopfer vieler Kirchen-
bauten, wie d. Thomaskirche i. Berlin, d.
Erloserkirche i. Jerusalem, Forscher auf
baugeschichtl. Gebiete, Teilnehmer a. d.
Ausgrabungen i. Olympia, Biograph Schlu-
ters; * Berlin 15. X. 1827; f das. 15. IX. —
VZ 16. u. 17. IX. M.-A.; T 311 (P); WI4, 6;
KL 1908, 7 (W); HJ 1908, 428; IZ 131,
506 (P); DBZ 42, 524; Hist.-polit. Bl. 145,
3<>7/374 (F. J. Schmidt); Kchr. 19, 602;
MS 1, 8; TB 1, 84/85 (W); Progr. d. Techn.
Hochsch. z. Berlin 1909/10, 151 — 154;
KJ 1909, 634; Berlin. Architekturwelt
Jg. 11, 281 (H. Schliepmann); Der Bau-
meister Jg. 7, Nr. 3, Beil.; Centralbl. d.
Bauverw. 1908, Nr. 82 (R. Borrmann).
Adler, Georg, Prof., Dr. phil, bed. Sozial-
politiker, Prof. d. Staatswiss. a. d. Univ.
i. Kiel; * Posen 28. V. 1863; f Berlin 11.
VI. — VZi3.VI.M.-A.;T243(P);KLi9o8,
7 (W); HJ 1908, 428; IZ 131, 47; AF 1908,
251; Staatswiss. Lit.- u. Schriftst.-Kal.
1904, 2/3 (W).
Adrian, Paul, ehem. Inspizient a. Hoftheater
z. Darmstadt; * Berlin 21. XI. 1850;
f Darmstadt 25. III. — NTA 1909, 162.
Ahlemann, Eduard, Generalm. z. D., Ritter
d. Eis. Kreuzes, bis 1897 Kommand. d.
17. Inf. -Brig.; * Berlin 17. III. 1839;
Bio^r. Jahrbuch u. Dcutschcr Nekrolog. 13. Bd.
f Eberswalde 8. IX. — VZT; MW 1908,
3529; MZ 1908, 499.
Akunian, Use, geb. Levin (Ps.: Use Frapan),
Novellistin u. Jugendschriftstellerin, Obers.
aus d. Engl., Franzos. u. Russ.; * Ham-
burg 3. II. 1852; t Genf 3. XII.— T
376 (P); VZ 4. XII. M.-A.; W 50,
2152, 2158 (P); IZ 131, 1062, 1065 (P);
LE io, 540 (H. Spiero); 10, 544 (Im
Spiegel. Autobiogr. Skizzen. 27); 11, 493
(F. Marti), 532 (Zu I. F.'s Tode); Schlesw.-
Holst. Rundsch. 3, 8; Westerm. Monatsh.
Febr. 1909, 807; HJ 1908, 445; BR 2, 407;
KL 1908, 11/12 (W); P V 1, 228 (W), 497.
Albrecht, Eugen, Dr. med., Prof., Direktor
d. Senckenbergischen patholog.-anatom.
Instituts i. Frankf. a. M., erfolgreicher
Pfadfinder auf d. Gebiete d. Patholog.,
hervorr. Sprachtalent; * Sonthofen i.
Algau 21. VI. 1872; t Frankf. a. M. 18. VI.
— W 26, 1 no; IZ 131, 47; DMW 34, 2,
1439 (E. Goldschmid m. P); MMW 55, 2,
1 539/42 (OberndorfTer m. P); Frkf. Zs. f.
Patholog. Bd. 2, H. 2 (A. Knoblauch m.
W); MAZ 1908, 263 (H. Durck); BZ 23,
46 [Centralbl. f. Pharmakol. u. Chemie
Jg. 19, 657 — 662 (G. Herxheimer); Mediz.
Klinik Jg 4, 1539 (ObcrndorrTer)].
Alexy, Alexander, Opernsangcr; * Hietzing
b. Wien 31. V. 1846; f Wien 24. I. —
NTA 1909, 155.
Allemann, Moritz, Deutsch- Argent. Journa-
list; * 1858; f Hanz i. d. Schweiz 6. IX. —
War 1874 ausgewandert, griindete d.
,, Argent. Tagebl.", d. gelesenste deutsche
Zt., u. leitete sie bis 1905. Ein grundl.
Kenner Argentiniens, f. das er auch koloni-
satorisch tatig war. — HJ 1908, 428.
*Alttl0ff, Friedrich Theodor, Prof., WGOber-
regicrungsrat, Ministerialdirektor i. Preufi.
Kultusminist. a. D.; * Dinslaken, Kr.
Ruhrort 19. II. 1839; f Steglitz b. Berlin
20. X. — BJ XIII, 235 (A. Heubaum); VZ
21. X. M.-A.; W 43. 1850 (P); IZ 131, 752
(P); HJ 1908, 428; TRU 1908, Nr. 249 (Cha-
rakterzeichnung A.'s durch Paulsen); Grenz-
boten Jg. 68, Nr. 42 (W. Munch, F. A. f der
preufl. Ministerialdirektor); Dtsch. Revue
26
Totenliste 1908: Andreae — Bachstein.
8*
Jg. 32, Bd. 4, 175 (A. Sachse, F. A. Ein
Charakter- u. Lebensbild); JSG 1908,
Nekr., 1 — 3 (Tilmann); MAZ 1908, Nr. 30
(A. Matthias), Nr. 31 (M. Martin, A.'s
Anteil an d. Madchenbildungsref.); DJZ
1908, 1205 (Laband); Intern. Wochenschr.
v. 31. X. 08 (Harnack), v. 6. III. 09 (H.
Wever t G. Schmoller, Worte d. Erinnerung
an A.), v. 23. X. 09(1. W. Burgess, Personl.
Erinnerungen an A.); DMW 34, 2 T 1903
(I. Schwaibe m. P), 34, 2, 1948 (B. Frankel,
F. A. u. d. Bekampfung d. Tuberkulose);
MMW 55, 2, 2543/44 (Tilmann); MR 1908,
533; Zs. f. arztl. Fortbildg. 1908, 642
(R. Kutner); Zs. f. neuere physik. Mediz.
1908, 706 (K. F. Heitmann); Forschungsber.
aus d. biolog. Station zu Pl6n Bd. 4, 203
(O. Zacharias); Padagog. Archiv 1908, 489
(K. Knabe); Monatsschr. f. hohere Schulen
Nov. 1908 (A. Matthias), Jan. 1909 (A.
Matthias, D. B6ttinger-Haus i. Gottingen
— die letzte Schopfung F. A.'s); Bl. f.
hoheres Schulwes. 25, 249/50 (R. Eickhoff),
26, 2 (A.-Stiftung u. A.-Ehrung); D.
humanist. Gymn. Jg, 19, 227 (G.Uhlig); Zs.
f. lateinlose hohere Schulen Jg. 20, H. 3/4
(Schmitz -Money); Zentralbl. f. Bibliotheks-
wes. Jg. 25, H. ir (P. Schwenke); BL f.
Volksbibliotheken u. Lesehallen Jan./Febr.
1909 (E. Liesegang); Freistudent. Rundsch.
1908, Nr. 19/20 (E. Lohmann); Berlin,
akad. Wochenschr. Ill, Nr. 2 (W. Pasz-
kowski); M. Kiatt, A. u. d. hohere Schulwes.
Vortr. Berlin 1909; KJ 1909, 635.
Andreae, Wilhelm, Generallt. z. D.; f Hanno-
ver 29. II. i. A. v. 72 Jahren. — 1855 — 67
Offizier der kgl. Hannov. Armee, 1867
als Ingenieur-Offizier in preufi. Diensten,
erwarb sich 1870/71 d. Eis. Kreuz 2. Kl. t
zuletzt Tnsp. d. 1. Ingenieur-Insp., 1904
z. D. — VZ 3. III. M.-A.; MZ 1908, 132 (N).
Aflhatt, Herzogin-Mutter Antoinette v., geb.
Prinzessin von Sachsen-Altenburg; * Bam-
berg 17. IV. 1838; f Berchtesgaden 13.
X. — VZ 13. X. A.-A.; W 42, 1808, 1816
(P); HJ 1908, 429; IZ 131, 711 (P).
Apel, Alfred, Pianist u. Musikpadagoge,
Schiiler Kullaks u. Bellermanns; * Buckau
b. Magdeburg 1851; f Braunschweig 13.
X. — VZ 15. X. M.-A.; AMZ 1908, 739-
Aranyij Emilie, geb. Lange, Opernsangerin;
* Prag 31. III. 1864; f Groflgmain 31. I. —
NTA 1909, 155.
Armbnister, Emil, Amtsgerichts-Direktor i.
Freiburg i. B., seit 1897 Zentr.-Abg. i.
Bad. Land t age, hauptsachlich auf sozialem
u. charitativem Gebiet tatig; * 10. II.
1843; f Freiburg i.B. 18. IX.— HJ 1908,429.
Arfnknecht, Heinrich Adolf Otto, Pastor,
hervorr. Prediger u. theol. Schriftst.;
* Clausthal 16. XI. 1853; f Linden b.
Hannov. 25. X. — Allg. Ev.-Luth. Kirchen-
Zt. 1908, 1085; KJ 1909, 635; Pers. Mitt.
ArnatlM de la Perriere, Raoul von, Schau-
spieler a. Hamb. Stadttheater; * Berlin
26. I. 1874; f Hamburg 13. III. — NTA
1909, 102.
Arnhold, Max, Kommerzienrat, Bankier u.
Konsul, Pras. d. Dresden. Bdrse, bekannt
durch grofie Wohitatigkeit; * Dessau 17.
IV. 1845; t Dresden 4. XII. — WI 3, 27;
AF 1909, 124; Allg. Zt. d. Judentums 1908,
Beil 51
Arnim, Malwine von, geb. v. Bismarck,
einzige Schwester des Reichskanzlers, Ge-
mahlin des ehem Landrats Oskar von
Arnim; * Kniephof 29. VI. 1827; f Berlin
31. III. — HC 1. IV. A. -A.; HJ 1908, 429;
IZ 130, 756 (N m. P).
Asbactl, Julius, Dr. phil, Direktor d. Hohen-
zollern -Gymnasiums i. Dusseldorf, Histo-
riker u. Heineforscher; * Oberdollendorf
24. VIII. 1854; f Dusseldorf 6. II. — VZ
6. II. A.-A.; HJ 1908, 429; IZ 130, 334;
KL 1908, 34 (W).
Afimann, Rudolf, Geh. Oberbaurat, vortr.
Rat i. Reichsmarineamt; * Stettiji 3. XII.
1843; t Berlin 20. XI. — VZ 24. XL M.-A.;
JSTG 1909, 106.
Atier, Anton, Dr. theol, o. Prof. f. Moral-
theologie a. d. Salzburger theolog. Fakultat,
furstbischofl. geistl. Rat, Mitbegr. u. Ob-
mann d. Priesterunterstiitzungsvereins;
* 28. X. 1 841; f Salzburg 25. II. — HJ
1908, 429.
Altersperg, Ernestine, Prinzessin, Stern kreuz -
ordensdame u. Dechantin d. adl. Damen-
stifts auf d. Hradschin; * 28. IV. 1822;
f Prag 8. VIII. — HJ 1908, 429.
AufseB, Hermann Frh. von u. zu, Senior d.
Familie, filrstl. Domanenrat, Stifter d.
Elisabethinums i. Regensburg; * Schlofi
Aufsefi 22. VI. 1837; f das. 24. X. — HJ
1908, 429; FT 1908, 11, 1909 TL.
Austrian, Joseph, General -Direktor d. Lake
Michigan u. Lake Superior Transportation
Co.; * Wittelshofen i. Mittelfr. 15. IX.
1833; t Atlantic City. — DAG Bd. 8, H. 3,
126.
*Bacher, Eduard, Dr. phil, Chefred. d. Neuen
Freien Presse i. Wien; * Postelberg b.
Saatz 7. III. 1846; t Wien 16. I. — BJ
XIII, 33 (G. Kolmer); NFP 17. L M.-BL,
19. I. M.-Bl.; VZ 16. I. A. -A.; Wage Jg. 11 ,
Nr. 3 (J. v. Ludassy); HJ 1908, 429;
Dtsch. Arbeit 7, 5, 328.
Bachstein, Hermann, Eisenbahn-Bau- u.
Betriebs-Unternehmer, Begrilnder d. dtsch.
Kleinbahnwesens; * Apolda 15. IV. 1834;
f Steglitz4. II. — H J 1908, 429; Pers. Mitt.
9*
Totenliste 1 908 : Bade — Becker.
10*
Bade, Heinrich, Geh. Hofrat, fruh. Burgerm.
v. Schwerin; * R5bel 25. III. 1823; f Schwe-
rin 30. III. — VZ 1. IV. M.-A.; Amtl. Mitt.
*Baentsch, Bruno, Dr. theol. et phil, Geh.
Kirchenrat, Prof. d. alttestamentl. Theol.
a. d. Univ. Jena; * Halle a,S. 25. III. 1859;
t Jena 27. X. — BJ XIII 273 (F. Benne-
witz); W 45, 1936; HJ 1908, 429; IZ 131,
796; KL 1908, 53 (W); Allg. Ev.-Luth.
Kirchen-Zt. 1908, 1062; Zs. f. wiss. Theol.
N. F. 16, 2; TJ 28, Abt. 8, 541; KJ 1909,
,635.
Bar, Abraham Adolf, Dr. tried., Geh. Medizi-
nalrat, 1872 — 1904 Oberarzt a. d. Ge-
fangenen-Anst. Plotzensee, hervorr. Ge-
fangnis-Hygieniker, Schrifts teller auf die-
sem Gebiete; * Filehne 26. XII. 1834;
f Berlin 24. II. — VZ 24. II. A.-A.; IZ 130,
410; WI 4, 41 (W); KL 1908, 53 (W);
Allg. Zt. d. Judent. 1908, Beil. Nr. 9. 10;
AF 1908, 121; PBL 73/75 (W m. P); HBL
i, 255; DMW 34, 1, 518 (B. Laquer);
MMW 55, 1, 1026/28 (H. Hoppe); Med.
Klinik 1908, 421 (K. Boas); MR 1908, 117;
Intern. Monatsschr. z. Erforsch. d. Alkoho-
lismus Jg. 18, 90 (0. Juliusburger).
B&renspnmg, Bernhard von, Generalm. z. D.,
bis 1897 Kommand. d. 9. Kav.-Brig.;
* Pfaffendorf i. Schles. 7. II. 1842; f Hirsch-
berg 8. XL — VZ 10. XL M.-A.; MZ 1908,
624.
Bally, Otto, Kommerzienrat, Pras. d. Bad.
Landesfeuerwehr-Verbandes, bed. Miinz-
sammler; f Sackingen 17. IV. i. A. v.
69 J. — HJ 1908, 429.
BarlOSillS, Georg, Maler u. Illustrator;
* Magdeburg 8. VI. 1864; f Berlin 10. VII.
— T 254 (P); W 29, 1242; IZ 131, 220;
HJ 1908, 429; TB 2, 505; MS Nachtr.,
13; Kchr. 19, 534; Turmer Okt. 1908, 146
(K. Storck, G. B. z. Gedachtnis); Jahrb.
d. bild. Kunst. Berlin 7, 76.
Barnekow, Friedrich von, Reg.-Pras. i.
Osnabruck; * Kl.-Kubbelkow a. Rugen
2. I. 1848; f Osnabruck 22. VII. — T 270
(P); W 31, 1330; WI 4, 53; OA 1908/09, 52.
Barschall, Max, Dr. med., Geh. Sanitatsrat,
beliebter Arzt mit mehr als 50 jahr. Praxis;
* Berlin 14. IX. 1835; f das. 16. XL —
VZT; OA 1908/09, S3-
BartelS, Ludwig Remigius, Geh. Ob.-Reg.-
Rat, Landeshauptm. d. Pro v. Sachsen,
hervorr. Mitgl. d. Dtsch. Seefischerei-
Vereins; * Giebichenstein 9. X. 1846;
t Merseburg 25. XII. — Mitt. d. Dtsch.
Seefischerei-Vereins 1908, 168.
Barthold, Paul, ehem. Schauspieler; * Berlin
5. III. 1857; f das. 27. IX. — NTA 1909,
174.
Barthold, Theodor, Amtsrat, Mitgl. d. Verw.-
Rats d. Dtsch. Landwirtsch.-Ges., M. d. A.;
♦Berlin 12. VI. 1825; f Dahme 25. I. —
VZ 25. I. A.-A.; HA 1904, 291; Mitt. d.
Dtsch. Landwirtsch.-Ges. Jg. 23, 33.
Bastt, Adolph, ehem. Buhnenleiter; * Lii-
beck 22. VIII. 1834; f Leipzig 25. V. —
1876 — 79 a. Hoftheater i. Altenburg, 1879
Dir. d. vereinigt. Stadttheater Barmen -
Elberfeld, 1885 i. St. Gallen, 1886 Leiter d.
Carola-Theaters i. Leipzig, verliefl hier die
Buhne u. griindete eine Konservenfabrik
u. d. Firma Baste* u. Co., bis 1889 Armee-
lieferant, seit 1890 als Rentier i. Leipzig. —
NTA 1909, 167 (P); EG 54.
Bauer, Friedrich, Dr. phiL, Prof. u. Gym-
nasiallehrer i. Wien, Germanist; * Wien
27. XL 1867; f das. 20. II. — Zs. f. osterr.
Gymn. Jg. 59, 570—576 (R. F. Arnold
m. W).
Baum, Johann Peter, Dr. pkil % Redakt. d.
Germania u. d. Mark. Volkszeitung;
* Wiesbaum b. Hillesheim, Rheinl. 23. XII.
1867; t Berlin 6. I. — HJ 1908, 429; Mitt,
d. Redakt.
Bayer-Krotlthal, Julie, ehem. Operetten-
sangerin, u. a. in Pest, Hamburg u. Dresden
tatig; * Olmutz 22. V. 1862; | Linz 24. V. —
NTA 1909, 166.
Becher, Ernst, Verw.-Rat u. Pras. d. Osterr.
Lloyd; * 1841; f Triest 6. XII. — VZT; .
HJ 1908, 430; OR 18, 166.
♦Beck, Conrad August, seit 1888 Bischof d.
Ev. Briiderkirche; * Herrnhut i. Sa. 19.
X. 1835; t <* as - 2 4- II- — BJ XIII, 164
(A. Schulze); NPZ 27. II. A.-A.; HJ 1908,
430.
Beck, Leopold, Direktor d. Abt. Sommerda
d. Rhein. Metallwaren-Maschinenfabrik i.
Diisseldorf; * Grofielfingen i. Hohenzollern
21. IX. 1843; t Sommerda i. Thur. 15. XII.
— bis 1898 i. Dienste d. Marine, zul.
Marine-Ob.- Baurat u. Maschinenbau-Res-
sort-Dir., dann stellvertr. Vorst. d. Aktien-
Ges. » Elektrizitatswerke vorm. O. L.
Kummer u. Co. « i. Dresden. — JSTG 1909,
107.
Beck, Maria Paula, seit 1901 Generaloberin
d. Lehrschwestern v. heilig. Kreuz zu
Menzingen, Grunderin vieler Arbeiterinnen-
u. Madchenheime, Missionsschulen u. bes.
d. Tochter-Akad. z. hlg. Kreuz i. Freiburg
i. Schw.; * 6. V. 1861; f Menzingen 12. VI.
— HJ 1908, 430.
*Beck, Otto, Dr. iur.i Oberburgerm. v. Mann-
heim, Mitgl. d. Bad. 1. Kammer; * Kraut-
heim 15. V. 1846; t Mannheim 30. III. —
BJ XIII, 73 VZ 31. III. A.-A.; FZ
31. III. A.-A.; HJ 1908, 430; AF 1908,
251.
Becker, Augustin W i 1 h e 1 m , Kirchen-
26*
II 1
Totcnlistc 1908: Becker — Biermann.
12*
propst zu St. Nicolai i. Kiel, D. theol. h. c. n
einer d. hervorr. Vertreter d. schlesw.-
holstein. Landeskirche, bed. Kanzelredner;
* Verden i. Hannov. 26. IV. 1837; f Kiel
1. II. — Kieler Zt. 2. II. M.-A.; AL
1, 37; Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908,
166, 248/53 (Z. Erinnerung an D. W. B.);
TJ 28, Abt. 8, 541; KJ 1909, 631.
Becker, Johannes, hess. Prosadichter u.
Tagesschriftsteller, Lokalred. d. „Hess.
Landeszt."; * auf d. Glaskopf b. Kappel
2. VII. 1851; f Marburg 18. IX. — HL 22,
281/82.
*Beckh, Hermann, Justizrat, Rechtsanw.,
freis. M. d. R. u. M. d. Bayer. Abg.-H.;
* NUrnberg 15. X. 1832; f das. 2. IV. —
BJ XIII, 139 (H. Diez); VZ 3. IV. M.-A.;
HJ 1908, 430; RH 1898, 152.
Behfl, Ulricb, Privatdoz. a. d. Univ. Berlin;
* Hamburg 28. V. 1868; f Berlin 2. V. —
VZ 9. V. A. -A.; PF 4, 1, 90 (W); Chronik
d. Univ. Berlin Jg. 22, 8.
Behrens, Max, Generalm. u. Kommand. d.
1. Fuflart.-Brig., Ritter d. Eisern. Kreuzes;
* Thale i. Harz 23. IX. 1850; f Charlotten-
burg 8. I. — VZ 9. I. M.-A.; MZ 1908, 22.
Benzinger, Nikolaus, Nationalrat, Teilhaber
d. Verlagsfirma Benzinger i. Einsiedeln,
Parlamentarier, Mitgl. d. konservat. Partei,
1905 — 1908 i. St&nderat; * 19. II. 1830;
f Einsiedeln 24. XI. — W 48, 2064; HJ
1908, 430; BB v. 7. XII. 08.
Bequignolles, Hermann d'Artis von, Lyriker
u. Dramatiker, Theater-Kritiker d. »Post«;
*Liegnitz25. XI. 1857; fMeran 15. VII. —
KL 1909, 53*, 1908, 93 (W); HJ 1908, 430;
LE 10, 1681.
Berg, Karl Frh. von, Generalm. u. Kommand.
d. 2. Garde-Inf.-Brig., General &. 1. s. d.
Kaisers, fruh. Adj. d. Prinzen Friedrich
Leopold; * Oldenburg 6. V. 1853; f Wil-
mersdorf- Berlin 19. X. — VZ 20. X. M.-A ;
MZ 1908, 581.
♦Berg, Leo (Ps.: Dr. Pascal, Ludw. Gorel),
Schriftsteller, kenntnisreicher Essayist,
Hrsg. d, ♦Kulturprobleme d. Gegenwart*;
* Zempelburg 29. IV. 1862; f Berlin 12.
VII. — BJ XIII, 186 (A. Eloesser); T 256
(P); WI 4, 87 (W); KL 1908, 95 (W); HJ
1908, 430; LE 10, 1609, 1640 (P); Nord u.
Sud Febr.-H. 1909 (J. Gaulke, L. B. u.
sein Lebenswerk); Blaubuch 1908, Nr. 30
(P. Friedrich, Personl. Erinnerungen an
L. B.); Masken Jg. 4, 37~44 (K. W.
Goldschmidt); SchaubUhne 1908, Nr. 38
(J. Bab).
Bergen, Konrad von, Generallt. z. D., zul.
Insp. d. 1. Pionier-Insp., 1891 z. D., Ritter
d. Eisern. Kreuzes 2. KL; * Posen 17. II.
1830; t Berlin 22. XL — VZ 23. XL A. -A.;
W 48, 2064; MZ 1908, 651.
Bfrgnumn, Julius von, General d. Inf. z. D.,
zuletzt Gouverneur von StraCburg i. E M
Ritter d. Eisern. Kreuzes 1. KL; * Merse-
burg 4. VIII. 1834; t Wiesbaden 20. XL —
1853 Eintritt als Dreij.-Freiw. in d. Armee,
55 Lt., 61 Prem.-Lt., 66 Hauptm. i. Gene-
rals t., 70 Major, 71 Direktor d. Kriegssch.
i. Neifle, 76 Oberstlt., 81 Oberst, 85 Chef
d. Generalst. d. 5. A.-K., 86 Generalm.,
87 Insp. d. Infanterieschulen, Erhebung
in d. Adelstand, 88 Generallt., 92 Gouv.
v. StraCburg, 93 Gen. d. Inf., 96 z. D. —
VZ 22. XL M.-A., 23. XL A. -A.; W 48,
2064; HJ 1908, 430; MZ 1908, 651.
Berlet, Gustav, bis 1901 Landgerichts-Pr&s.
i. Gotha, lange Jahre Pras. d. gemischten
Landt. von Sachsen - Koburg - Gotha;
* Gotha 15. VI. 1817; t das. 30. XII. —
VZT.
Bemstortf, Christian Graf von, Dr. tw\,
Reg.-Rat a. D., groBh. mecklbg. Kammerh.;
* Berlin 27. XII. 1840; f Beseritz b. Fried-
land i. Mecklbg. 15. VII. — Allg. Ev.-Luth.
Kirchen-Zt. 1908, 727; GT 1910, 95.
BerntlS, Alexander Frh. von, Kunstm&zen,
Eigentumer des aus Goethes Leben u.
durch die Schlossersche Familie bek.
Stifts Neuburg, Besitzer einer wertvollen
Bilder- u. Manuskript-Sammlung; * Frank-
furt a. M. 23. I. 1838; f Heidelberg 28. L —
HJ 1908, 430; FT 1909, 53.
Beta, Gottfried, Gerichtsnotar a. D M wiirtt.
Landt.-Abg. 1877, 1889 — 94; f Marbach i.
Wtirtt. 21. IV. — WJ 1908 Nekr.
Bezold, Friedrich Ernst von, Dr. med. % Hofrat,
Prof. d. Ohrenheilkunde a. d. Univ. Mun-
chen, hervorr. Taubstummenarzt, verdient
um d. Fortbildung d. Taubstummenlehrer;
* Rothenburg a. T. 9. II. 1842; f MOnchen
6. X. — VZ 7. X. M.-A.; T 329 (P); KL
1908, 116 (W); IZ 131, 711 (P); DMW 34,
2, 2277/78 (A. Scheibe m. P); MMW 55, 2,
2286/88 (Denker); PBL 164/65 (W);
HBL 1, 442; Chronik d. Univ. MUnchen
1908/09, 9— ii ; BZ 23, 74 [Correspon-
denzbl. f. Schweizer Arzte Bd. 38, 741
(Siebenmann); Zs. f. Ohrenheilkde. Bd. 57,
1 — 7 (F. Siebenmann)] 24, 67 [Beitr. z.
Anat., Phys., Path. u. Ther. d. Ohren, d.
Nase u. d. Kehlkopfs Bd. 2, 271].
♦Bfermarm, Gottlieb, Prof., Historien- u.
Portrat-Maler, 0. Mitgl. d. Akad d KUnste,
Senior d. Berliner Maler; * Berlin 13. X.
1824 (?); f das. 18. X. — BJ XIII, 198
(L. Pietsch); VZ 21. X. A. -A. (L. Pietsch);
W 44, 1892; HJ 1908, 430; IZ 131, 752;
MS 1, 125; Kchr 20, 55; BMW 1, 92 (W);
BB v. 30. X. (A. Roeper).
13'
Totenliste 1908: Biernacki — Brandt.
I 4 *
Biernacki, Otto, Geh. Justizrat, bis 1891
Landgerichts-Rat i. Oels, unermudlich
tatig i. stadt. Ehrendienst; * Posen 25.
VI. 1826; f Bresfcu 14. XL — JSG 1908,
Nekr., 3/4.
Bippart, Georg, Pfarrer u. Kreisschulinsp.,
aus einer Familie, in der sich das Pfarr-
amt ders. Gemeinde 123 Jahre durch 3 Ge-
nerationen fortgeerbt hat; * Wanfried 18.
III. 1837; f das. 7. III. — HL 22, 100/102
(Siebert).
Bischoff, Karl, Prof. d. Chemie a. d. poly-
techn. Hochschule i. Riga; * Wurzburg
8. IV. 1855; f Miinchen 18. X. — LZ
1908, 1405; WI 3, no (W); Chemiker-Zt.
Jg- 32, 1053 (P. Walden).
Bischoffsheim, Henry Louis, Bankier u.
Philanthrop, Begr. d. Krebsforschungs-
stiftung; * Wien 1829; f London 11. III. —
HJ 1908, 430.
Blanckertz, Heinrich Siegmund, Geh. Kom-
merzienrat, Begr. d. dtsch. Stahlfeder-
industrie u. d. ersten dtsch. Stahlfeder-
fabrik Heintze u. Blanckertz; * Jtichen
a. Rh. 1823; t Berlin 8. VIII. — W 33,
1418; HJ 1908, 430; IZ 131, 384; AF 1908,
370.
Blau, A. L. (Pseud.) s. Lichtblau, Adolf.
Blau, Friedrich Otto Max, Geh. Ob.-Reg.-Rat,
vortr. Rat i. Reichsschatzamt; * Tra-
pezunt 4. VII. 1859; f Berlin 18. IX. —
VZ 20. IX. M.-A.; NZ 20. IX. M.-A.
Bloch, Martin, Dr. med., Berliner Nervenarzt,
friih. Assistent von Mendel; * Berlin 7.
VII. 1866; f das. 28. I. — VZ 29. I. A. -A.;
IZ 130, 374; MR 1908, 61 (Munter).
Bloem, Julius, Geh. Justizrat, Senior d.
rhein. Juristen, Rechtsanwalt i. Elberfeld;
t Elberfeld 19. IV. i. A. v. 86 J. — VZ 21.
IV. A.-A.
BKiher, Paul Martin, Dr. med., Schriftst. auf
d. Gebiete d. Hotelwesens, Hrsg. d. »Hotel-
Revue«; * Diirrweitzschen 15. II. 1846;
t Leipzig 26. II. — KL 1909, 53*, 1908,
139 (W).
Bhffll, Ida, Marchen- u. Marchenspiel-Dich-
terin; * Leipzig 6. IX. 1845; t das. Anf.
Marz. — KL 1909, 53*, 1908, 140 (W);
PY 1, 79 (W).
Boch-Galhan, Rene von, Geh. Kommerzien-
rat, seit 1878 Mitinh. u. Generaldir. d. bek.
Steingut- u. Porzellan-Fabrik Villeroy u.
Boch i. Dresden u. Mettlach, machte d.
Fabrik mustergiiltig in d. Fiirsorge f. d.
Angestellten u. Arbeiter; * Mettlach a.
d. Saar 27. IX. 1843; f das. 12. XII. —
W 51, 2194; IZ 131, 1120; HJ 1908, 431;
AF 1908, 482; Sudwestdtsch. Wirtsch.-Zt.
Jg. 14, Nr. 12 (A. Tille, Ein Gedenkbl.).
Bockenheimer, Jakob Hermann, Dr. med. f
Geh. Sanitatsrat, bek. Chirurg, langjahr.
Besitzer d. ktirzlich aufgelosten B.'schen
Privatklinik i. Frankf. a. M.; * 25. XII.
1837; f Frankfurt a. M. 16. X. — W 43,
1850; PBL 199 (W).
Bode, Rudolf, Generalm. a. D., Ritter d.
Eisern. Kreuzes 2. KL, bis 1906 Kommand.
d. 37. Kav.-Brig.; * Gr. Ottersleben,
Prov. Sa. 25. IX. 1851; f Berlin 21. V. —
VZ 23. V. M.-A.; MZ 1908, 302.
Bodenhausen, Bodo Wilke Frh. von, Schlofi-
hauptm. i. Dessau, Rittergutsbes. u.
herzogl. anhalt. Kammerh., M. d. Pr.
Herrenh.; * Kothen 29. VIII. 1837;
f Radis, Kr. Wittenberg 30. V. — VZ 2.
VI. A.-A.; HH 1904, 304.
Bdckel, Ernst, Dr. phil, Prof., Hofrat,
Gymn.-Direktor i. Heidelberg, a. o. Mitgl.
d. bad. Oberschulrats, klass. Philologe;
* Jever 28. XL 1847; t Heidelberg 18. V. —
KL 1909, 53*, 1908, 145 ( w ); H J ! 9o8, 431 ;
Siidwestdtsch. Schulbl. 1908, 445—458
(Keim).
B5hm, August, Red. d. Lehrerzt. f. Ost- u.
Westpreuflen; f Konigsberg 10. III. i. A.
v. 61 J. — Dtsch. Schule Jg. 12, H. 4, 251.
Bdhftl, Paul, Hofmusiker zu Gotha; * Gotha
17. XII. 1874; t das. 11. I. — NTA 1909,
155-
Bohrmann-Riegen, Heinrich (Heinrich Bohr-
mann), BUhnenschriftsteller, unter Laube
Sekretar d. Burgtheaters, Verf . einer grofien
Anzahl von Dramen, Lustspielen u. Opern-
texten, sowie Bearbeitungen; * Saar-
briicken 4. VI. 1842; f Wien 8. X. —
KL 1909, 57*. 1908, 154 (W); HJ 1908,
431; LE it, 381; NTA 1910, 154.
Borchert, Walter, Leiter d. Stadttheater
Teplitz u. Karlsbad; * Magdeburg 9. X.
1878; f Teplitz 2. XL — VZT; NTA 1910,
155.
BorgiUS, Eugen, Dr. theol. h. c. % Konsistorial-
rat, Superint., 1. Dompfarrer i. Konigsberg;
* Danzig 18. VI. 1838; f Konigsberg 5. VII.
— KJ 1909, 634; OA 1908/09, 155.
Bosshard, Anna, Malerin, Mitarbeiterin a. d.
Deckenmalereien i. Wandelgange d. neuen
Bundeshauses i. Bern; * Zurich 20. III.
1875; t Lugano. — Kchr 20, 70.
Bothmer, Adolf Frh. von, kais. osterr. Feld-
marschalllt. a. D.; * Gifhorn 24. XII. 1834;
t Hannover 29. XL — VZ 2. XII. M.-A.;
FT 1908, 70.
Braemer, Adam, Gutsbesitzer, M. d. A.;
* Meierhof, Kr. Labiau 2. VII. 1838;
f Ernstberg b. Wolterkehmen 6. X. —
VZ 8. X. M.-A., A.-A.; HA 1908, 363,
494 (P).
Brandt, Eugen, Geh. Reg.-Rat, Prof. f. Hoch-
bau a. d. Techn. Hochsch. i. Berlin;
15*
Totenliste 1 908 : Brauchitsch — Burckhardt.
i6*
* Marienwerder 13. IX. 1825; + Berlin
23. III. — VZ 25. III. M.-A.; Progr. d.
Techn. Hochsch. z. Berlin 1908/09, 154 —
155.
BrauchltSCh, Eduard Gustav Adolf von,
Reg.-Rat, Referent b. Gouvernement d.
Schutzgebietes Kamerun; * Dusseldorf
29. III. 1866; f Lome i. Togo 29. IX. —
VZ 2. X. A.-A.; DKB 1908, 998, 1088 (N);
UTB 1910, 129
Braun, Hermann, Maler u. Radierer, genialer
Meister d. Radiertechnik; * 1861; f Haus-
berge b. Minden 29. IX. — VZT; HJ 1908,
431; IZ 131, 594 (P).
Breisky, Louise, Lyrikerin, Ubers. aus d.
Engl., Franzos., Ital., Tscb.; * Czaslau
28. II. 1840; fWien 31. III. — KL 1909,
53*, 1908, 190.
Breiter, Theodor, Dr. phiL, Geh. Reg.-Rat,
bis 1904 Prov -Schulrat i. Hannover u.
Mitgl. d. Schaumburg-Lipp. Minist. ah
Referent f. Schulsachen; * Dennewitz 2. IX.
1824; t Hannover 1. XI. — VZT; OA
1908/09, 182.
Brenketl, Auguste, ehem Opernsangerin;
* 1835; t Soest 3 1 - l - — NTA ! 909, J 5 6 -
Brinkmaim, Franz, Generalm. z. D., bis 1901
Insp. d. Techn. Institute d. Inf., Ritter d.
Eisern. Kreuzes 2. Kl ; * Dalheim i. Westf.
30. IX. 1848; t Carlshof b. Neisse 26. XL —
VZ 29. XL M.-A.; MZ 1908, 664.
Brodnicki, Wladislaw, Rittergutsbes., 1880 bis
1899 M. d. A., Mitgl. d. Polen-Fraktion;
* Miloslawice, Kr. Wongrowitz 17. V. 1837;
+ 24. L — VZT; HA 1899,213.
Bruckner, Karl von, Generalm. z. D., bis 1907
Kommand. d. Truppen-t)bungs-Platzes
Lechfeld, Ritter d. Eisern. Kreuzes
2. Kl.; * Passau 3. VI. 1848; f Mun-
chen 29. IX. — VZ 2. X. M.-A.; OA
1908/09, 194.
Brill], Adolf, Schriftst., bis vor wenigen
Jahren jiid. Relig.-Lehrer a. Philanthropin
i. Frankfurt a. M., eifr. Vorkampfer u.
Wortfiihrer d. Reform i. Judentum, gnin-
dete 1879 d* Mendelssohn- Verein u. d.
♦popular-wissenschaftl. Blatter*; * Koje-
tein i. Mahren 27. IV. 1846; f Frankfurt
a. M. 18. IX. — Allg. Zt. d. Judent. 1908,
Beil. 40.
Brum, Gustav, Hof-Verlagsbuchhandler;
* Minden i. W. 26. XL 1848; f das. 3. XII.
— LZ 1908, 1696; Mitt. d. Verl.
Bucher, Alexander, sachs. Generalm. z. D.,
bis 1890 Kommand. d. 28. Feldart.-Brig.,
Ritter d, Eisern. Kreuzes 2. Kl.; * Dresden
23. I. 1838; f das. 1. XII. — VZ 2. XII.
A.-A.; MZ 1908, 664.
BuddetlSieg, Oskar Gottlieb Rudolf, Dr.
theoL et phil., Oberschulrat, Direktor d.
Lehrerinnenseminars i. Dresden, Assyriologe
u. bek. Padagoge; * Greuflen, Schwarzb.-
Sondersh. 5. IX. 1844; f Dresden 13. X.
— NZ 14, X.M.-A.; TJ 28, Abt. 8, 541;
KJ 1909,635; Amtl. Mitt.
*BuchelCT, Franz, Geh. Reg.-Rat, Prof.,
Dr. iur. et pktL, Prof. d. klass. Philology
a. d. Univ. Bonn, Ritter d. Ordens Pour le
me>ite, hervorr. Lehrer, Hrsg. d. »Rhein.
Museums f. Philol.*; * Rheinberg a.
Niederrh. 3. VI. 1837; f Bonn 3. V. —
BJ XIII, 231 (F. Marx); VZ 5. V. A.-A.,
6. V. M.-A.; FZ 8. V. A.-B1. (L. Deubner,
F. B. u. A. Dieterich. Ein N.); T 199 (P);
IZ 130, 1086; HJ 1908, 431; WI 3. 182
(W); Chronik d. Univ. Bonn f. 1908, 7—12
(Marx); Rhein. Mus. f. Philol. N. F. 63, 3
(Zu F. B.'s Gedachtnis); Zs. f. ostenr.
Gymn. Jg. 59, S. 478—480 (E. Hauler);
Neuc Jahrb. f. d. klass. Altert. 1908,
Abt. 1, 358—364 (F. Marx); BZ 23, 87
[Archiv f. lat. Lexicogr. u. Grammatik
Bd. 15, 599 (F. Vollmer); Nachr. d. kgl.
Ges. d. Wiss. z. Gottingen. Hist. -philol.
Kl. geschaftl. Mitt. Nr. 306/08, 95 — 101
(F. Leo)] 24, 76 [Almanach d. k. Akad.
d. Wiss., Wien, Jg. 1908, 343 (J. v. Kara-
bacek)].
Biichner, Adolf Emil, Prof., fruh. Hof-
. kapellm. i. Meiningen, zuletzt Dirigent d.
Sollerschen Musikvereins i. Erfurt, Sinfonie-
u. Opernkomponist; * Osterfeid b. Naum-
burg 7. XII. 1826; f Erfurt 8. VI. — VZ
10. VI. A. -A.; IZ 131, 37; HJ 1908, 431;
NTA 1909, 169; NMZ 29, 19, 420; AMZ
1908, 499; R 182.
Biirklein, Gottfried, Major a. D., militar.
Schriftst. u. Kunstmaler; * Niirnberg 24.
11. 1845; t Munchen. — KL 1909, 53*,
1908, 224 (W); MS 1, 196; BMW 1, 148.
Bulla, Constantin, Schriftst., Red. d. Leipz.
Gerichts-Zt.; * Brieg 23, III. 1854; f
Leipzig-Connewitz 6. IX. — WI 3, 188; 4,
1623.
Buller, Paul Wilhelm August, Pfarrer i.
Hermsdorf b. Berlin, Mitgl. d. Hauptvorst.
d. Brandbg. Hauptver. d. Evang. Bundes,
Vertrauensmann f. d. Los-von-Rom-
Bewegung, journalistisch tatig; * Werder
a. d. H. 29. X. 1867; f Hermsdorf 4. V.
— VZ 5. V. A. -A., 6. V. M.-A.;
Pers. Mitt.
Bumiller, Lambert, Pfarrer von Ostrach u.
Dekan d. Kapitels Sigmaringen, 1893 — 96
M. d. A. u. M. d. R.; * Jungingen
b. Hechingen 15. X. 1852; f Bregenzer
W r ald 21. VIII. — HJ 1908, 432; RH
1893, 152.
Burckhardt, Rudolf, Prof., Leiter d. zooiog.
Abt. d. Berl. Aquariums; * Basel 30. III.
i 7 *
Totenliste 1908: Burckhardt — Qausen.
18*
1866; f Rovigno 14. I. — LZ 1908, 143;
Personl. Mitt.
Btirkhardt, Christian, ehem. Prof. u. Musik-
Oberl. i. Niirtingen, Ehrenmitgl. d. Schwab.
Sangerbundes, hochverd. um d. evang.
Kirchengesang i. Wiirttembg., Komponist
volkstiiml. Lieder; f Niirtingen 3. VIII.
i. A. v. 78 J. — NMZ 29, 23, 504; WJ 1908
Nekr.
*BtlSCh, Wilhelm, Zeichner, Maler u. Dichter;
* Wiedensahl i. Hannov. 15. IV. 1832;
f Mechtshausen b. Seesen i. Braunschw.
9. I. — BJ XIII, 74 (O. F. Volkmann);
VZ 9. I- A.-A.; HC 10. I. M.-Bl.;
MAZ 11. I. Vorabd.-Bl. (Z. Tode W.
B.s); AZB 1908, Nr. 9 (A. Kutscher,
W. B.s Prosa); NFP 28. I. M.-Bl., 7. II.
M.-Bl. (P. Lindau, Erinnerungen an W. B.);
Velh. u. Klas. Monatsh. Marz 1908, 17 (H.
Miiller-Brauel, W. B. Personl. Erinnerun-
gen u. Anderes); Schlesw. -Hoist. Rundsch.
2, 20 (K. Kuchler); D. nationale Deutschld.
1908, H. 13 (F. Diisel, W. B.s Nachruhm);
Kunst u. Kunstler Jg. 6, H. 8 (H. Post,
W. B. als Maler); LE 10, 1516 (W. Poeck,
W. B.s Brief e); Sozialist. Monatsh. 1908,
H. 6 (W. Bolsche, t)ber W. B.); Sudd.
Monatsh. April 1908 (J. Hofmiller), Okt.
1908 (J. Hofmiller, W. B. in seinen Briefen);
Eckart Marz 1908 (W. Pastor); Westerm.
Monatsh. Jan.-H. 1909 (E. Warburg,
Aus W. B.s Nachlafl); T 1909, Nr. 14
(K. G. Wendriner, Von W. B., dem Men-
schen); Bucherwelt Jg. 6, Nr. 4 (F. Wipper-
mann, W. B. u. d. kathol. Haus); KW 21,
H. 9, 189 (Avenarius), 21, H. 15, 178 (W. B.
als Maler); IZ 130, 93 (P); Kunst u. Kunst-
fcr 5, 304 (C. Veth); Siidd. Monatsh. Nov.
1909 (K. Voll, W. B.s kUnstl. Nachlafi);
Kchr 19, 217; NS Jg. 13, 170 (E. Kinder-
vater m. P); BZ 22, 77 [Daheim 1908,
Nr. 19 (J. Hoffner); D. Deutsche 7, Nr. 15
(E. Schick); Hannoverland 1908, 26 (K.
Freye); Morgen 1908, Nr. 4 (H. Eulen-
burg); W 1908, Nr. 3 (E. v. Wolzogen);
D. dtsch. Hochsch. 1908, 325 (A. Kutscher,
W. B.s Kunst); Allg. dtsch. Lehrerzt.
1908, Nr. 9 (W. B. als Padagog); Marz 1908,
Marz -Mai (W. B., Brief e an e. Freundin);
Akad. Turnzt. Jg. 24, 493 (Tr. Friedemann,
W. B. u. seine letzte Gabe)] 23, 88 [BB v.
29. IX. (P. Hennig, W. B.-Ausst.); Kirchl.
Gegenwart 1908, Nr. 45 (H. Aeking. W. B.
als Maler); Hamb. Nachr. Beil. 1908, Nr. 36
(L. Schroder, D. letzte »W. B.«); Jahrb.
d. bild. Kunst, Diisseldorf Jg. 6, 64 (W.
Pastor, Humor W. B.s); Munch. Jahrb. d.
bild. Kunst 1908, 59 (O. Weigmann,
Schenkung d. Originale v. W. B. a. d.
Bayer. Staat); Post, Sonntagsbeil. 1908,
Nr. 43 (W. Poeck, W. B. in neuem Licht);
TRU 1908, Nr. 228 (W. Pastor, W. B. als
Maler)]; H. A. u. O. Noldeke, W. B.
Munch. 1909; O. F. Volkmann, W. B. der
Poet. Seine Motive u. seine Quellen.
Leipz. 191 o (Untersuch. z. neueren
Sprach- u. Lit. Gesch. N. F. H. 5);
Westerm. Monatsh. Aug. 1910, 772 —
78 (E. Gopfert, Die Sprache des Humors
bei W. B.).
Bychelberg, Hermann von, General d. Art.
z. D., Ritter d. Eisern. Kreuzes 1. Kl.;
* Stolp 14. III. 1823; t Gorlitz 18. IV. —
1840 Sec.-Lt., 1857 Hauptm., 1866 Major,
1 87 1 in d. erbl. Adelstand versetzt, 1871
Oberst u. Chef d. Generalst. d. Generalinsp.
d. Art., 1876 Generalm., 1881 Generallt.
u. Insp. d. 3. F.-Art.-Insp., 1886 z. D. f
1896 Charakter als General d. Art. — VZ
22. IV. M.-A.; MW 1908, 1251; MZ 1908,
229.
Carey, Eduard, ehem. Ballett-Regisseur a.
Munch. Hof theater; * Paris 30. I. 1842;
f Innsbruck 5. III. — NTA 1909, 160.
*CarsteflS, Julius Viktor, Genremaler ; * Nusse
b. Lubeck 29. XI. 1849; f Pasing b. Miin-
chen 15. XL — BJ XIII, 42 (H. Hol-
land); Kchr 20, 118; BMW 162 (W); KFA
24, 200.
Castan, Louis, Berliner Bildhauer, Begriinder
d. Castan-Panoptikums; * Berlin 21. IX.
1828; t Schoneberg 14. VII. — VZT;
IZ 131, 220; Pers. Mitt.
Christ, Paul, o. Prof. f. system, u. prakt.
Theolog. a. d. Univ. Zurich; * Zurich
25. X. 1836; f das. 14. I. — VZ 15. I. A.-A.;
WI 3. 214 (W); KL 1908, 242 (W); HJ
1908, 432; Protest. Monatsh. Jg. 12, 232
(H. Kesselring, Z. Erinnerung an P. Ch.
u. Konr. Furrer); TJ 28, Abt. 8, 542;
KJ 1909, 631.
*Christensen, Jeremias, Berliner Bildhauer;
* Tingleff i. Nordschleswig 26. III. 1859;
f Charlottenburg 15. V. — BJ XIII, 107
(J. Sass); W 22, 936; T 212 (P).
Cisowsky, Philipp, ehem. Schauspieler; * W T ien
18. X. 1857; f Baden b. Wien 6. V. —
NTA 1909, 165.
Claar-Delia, Hermine, ehem. bed. Schau-
spielerin, gefeierte Tragodin grofien Stils,
Gattin d. Intendanten d. Frankf. Schau-
spielhauses; * Wien 8. IV. 1848; f Frank-
furt a. M. 21. XL — VZ 23. XL A.-A.;
T 369 (P); W 48, 2064; HJ 1908, 432;
NTA 1910, 156 (N m. P).
Clafi, Gustav, ehem. Prof. d. Philos. a. d.
Univ. Erlangen; * Niesky, Schles. 15. X.
1836; f Munchen 21. X. — VZT; HJ 1908,
433; IZ 131, 796; TJ 28, Abt. 8, 542.
Clausen, Heinrich, Pras. d. Biirgerschaft i.
19*
Totenliste 1 908 : Coestcr — Degenfeld-Schonburg.
20*
Bremen, hochverd. um d. Entwicklung d.
Gemeinwesens seiner Vaterstadt; * Bremen
21. VIII. 1825; t das. Anf. Marz. — AF
1908, 122.
Coester, Bertha Sophie, geb. Bischoffshausen,
hess. Schriftst.; * Kassel 21. XL 1849;
f Ober-Zwehren b. Kassel 5. III. — HL
22, 87/88; KL 1908, 257 (W).
Comely, Rudolf, SJ, Lehrer a. Priestersem.
i. Trier, kirchl. Schriftst., 1872 — 79 Grunder
u. Red. d. »Stimmen aus Maria-Laach«,
1873 R e( *. d. »Katholischcn Missionen*,
1879 — 89 Prof. a. d. Gregorian. Univ. i.
Rom, dann i. Kloster Blijenbeek (Holl.)
f. d. Ausg. d. Cursus Scripturae Sacrae
tatig, seit 1902 i. Trier; * Breyell 19. IV.
1830; f Trier 3. III. — HJ 1908, 433;
KL 1908. 256 (W); Stimmcn aus Maria-
Laach Bd. 74, 357 — 370 (A. Baumgartner);
TJ 28, Abt. 8, 542.
*Correggio, Max, Landschafts- u. Tiermaler;
* Munchen 21. VII. 1854; f I2 - v - —
BJ XIII, 42 (H. Holland).
Credner, Rudolf, Dr. med. h. c. et pkil., Geh.
Reg. -Rat, o. Prof. d. Geogr. a. d. Univ.
Grcifswald; * Gotha 27. XL 1850; f Greifs-
wald 6. VI. — VZ 6. VI. A.-A.; T 226 (P),
227 (W. Hellpach); W 24, 1022; IZ 131,
37; KL 1908, 258 (W); Chronik d. Univ.
Greifsw. Jg. 23, 6 — 8 (Friederichsen); GZ
14, 11 (W. Deecke); G Bd. 94, 68; PF
4, 1, 280/81 (W); DRG 31, 37—39 (W.
Moldenhauer m. P); GK 1909, 327/328;
GA 1908, 7, 169, (W. Schmidt); L 1908,
6, 62.
Cremer, Franz Gerhard, Geschichtsmaler i.
Dusseldorf; f Dusseldorf 8. XII. — VZT;
Zs. f. christl. Kunst 1908, 315 (Schnutgen);
KFA 24, 200.
Cron, Joseph, Prof., Dr., geistl. Oberl. a.
bischdfl. Gymn. i. Straflburg, bek. durch
Veranst. jahrl. Pilgerziige nach Lourdes,
Verf. mehrerer Schriften iiber Lourdes,
Grund. u. Hrsg. d. Jugend-Zs. »St. Niko-
laus«; * Biederthai, Ob.-Elsafl 6. V. 1859;
t Straflburg 20. XL — HJ 1908, 433;
TJ 28, Abt. 8, 542; Stoffler, Trauerrede z.
Erinnerung an d. geistl. Oberl. Prof.
Dr. J. C, geh. a. 23. XL 1908, Straflburg
1909.
Crilger, Gustav von, Generallt. z. D., Ritter
d. Eisern. Kreuzes 1. Kl. f zul. Insp. d.
3. Ing.-Insp.; * Schneidemuhl 25. VIII.
1829; t Wiesbaden 4. IV. — VZ 8. IV.
M.-A.; MZ 1908, 201.
Ctirsch-Biihren, Theodor, Musikschriftst. u.
Komponist; * Troppau 10. L 1859; f Leip-
zig-Reudnitz 11. III. — NMZ 29, 15, 332;
KL 1908, 262 (W); R 264.
CytroilOWSki, Josef, Pfarrer, M. d. R., Mitgl.
d. Zentr.; * Georgenberg, Ob.-Schles. 23.
II. 1839; f Schmitsch b. Neustadt, Obl-
Schles. 21. I. — VZT; RH 1893, 157 (W).
Czernifl von Chudenitz, Graf Jaromir, altestes
Mitgl. d. osterr. Herrenh.; * Wien 13, IIL
1818; f Schlofl Petersburg b. Neuhaus i.
Bohm. 26. XL — NFP 27. XL M.-Bl.
Daevel, Karl, Kommerzienrat u. Stadtrat i.
Kiel; * Nenwohld b. Preetz 6. IV. 1848;
t Kiel 12. IX. — Ubernahm 1880 d. Ma-
schinenfabrik v. Sievers u. Weyhe, die er
mit 7 Arbeitern eroffnete u. dann zu hoher
Bliite fiihrte, 1898 wandelte er seine Fabrik
in eine Aktienges. um. — JSTG 1909, 105.
Dalberg, Friedrich Reichsfreih. von u. zu,
lebensl. Mitgl. d. osterr. Herrenh., als
Ornithologe schriftst. tatig, eifr. Forderer
d. kathol. -patriot. Bcstrebungen i. Oster-
reich; * Datschitz i. Mahren 9. XII. 1822;
t das. 21. IX. — NZ 23. IX. A.-A.; HJ
1908, 433; FT 1908, 133.
Danneil, Friedrich Hermann Otto, D., Dr.
pkiL, Pastor enter., Kultur- u. Kirchenhist. ;
* Salzwedel 28. V. 1826; | Bad Elmen
b. Grofi-Salze, Prov. Sachsen 12. V. —
KL 1909, 53*. 1908, 271 (W).
Danner, Sebastian, Papstl. Hauspralat u.
Domkustos i. Salzburg, Fiihrer d. Salzb.
Konservativen, Hrsg. d. »Salzb. Chronik ♦,
Vizepras. d. Kathol. Universitatsvereins;
* 12. I. 1847; t Salzburg 8. II. — HJ 1908,
433-
Daustfl, Konstantin, Bildhauer; * Waldsee,
Oberschwab. 30. XL 1841; f Rom 12. VII.
— WI 3, 244; 4, 1623; MS I, 318; WJ 1908
Nekr.
"'Davidi Anton Johann Ludwig Pascal, Chef-
red, d. »Straflburger Post*; * Diiren 8.
XII. 1850; f Straflburg 27. IIL — BJ
XIII, 45 (M. Berger); VZ 27. III. A.-A.;
KVZ 38. IIL Mitt.-A.; T 168 (P); WI 3,
244; HJ 1908, 434; LE io, 1 102; Berger,
M. f P. D. u. d. polit. Entwicklung Elsafl-
Lothringens 1882 — 1907. Straflb. 1910.
Decker), August e von der, geb. Meyer (Pseud. :
A. v. d. Elbe), Erzahlerin u. Romanschrift-
stellerin; * Blackede 30. XL 1828; f Hanno-
ver 25. IV. — KL 1909, 53*, 1908, 274
(W); HJ 1908, 434; LE 10, 1 169; NS
13, 149 (Z. 80. Geburtstage m. P); WI 3,
246 (W); BR 1, 244 (W); PY 1, I45 ,
185/1S6 (W).
Degen, Anne, Kulturhistorikerin; * Delitzsch
9. II. 1878; t Schoneberg b. Berlin 18. II.
— KL 1909, 53*, 1908, 276.
Degenfeld-Schonburg, Christoph Graf von,
k. k. Geh. Rat u. General d. Kav. a. D.;
* Mainz 1831; f Graz 14. IIL — VZT;
IZ 130, 583; GT 1909, 213.
Degenfeld-Schonburg, Christoph Martin, Graf
21*
Totenliste 1908: Degner — Doppelbauer.
22*
von, Major u. persdnl. Adjutant d. Herzogs
Albrecht v. Wurttemberg; * 21. IV. 1866;
t Kassel 30. III. — WJ 1908 Nekr.; OA
1906/07, 207.
Degner, Erich Wolf, Prof., Direktor d. groflh.
Musikschule i. Weimar, Komponist; * Ho-
henstcin-Ernstthal b. Chemnitz 8. IV.
1858; f Weimar 18. XI. — VZT; HJ 1908,
434; IZ 131, 1003; AMZ 1908, 860/61
(R. v. Mojsisovics).
Deictaliann, Karl, Geiger, Schuler von Spohr,
seit 1848 in London Musik-Lehrer; * 1827;
t London 14. VII. — IZ 131, 194; NMZ
29, 20, 440; AMZ 1908, 564.
Deloch, Ludwig, Rittergutsbes., ehem. M. d.
A. u. Mitgl. d. Zentr.; * GrSrsch b. Ob.-
Glogau 21. X. 1825; t das. 17. III. — VZT;
HA 1882, 202.
Derihardt, Rudolf, Prof., Begr. d. Heilanst.
f. Stotterer i. Eisenach; * Burgsteinfurt
23. III. 1845; f Eisenach 24. VII. —
T 273 (P); W 31, 1330.
Deuticke, Paul, Dr. phiL, Prof., Oberl. a.
Humboldt -Gymn. i. Berlin, bed. Vergil-
Forscher; * Niederglaucha b. Delitzsch
15. XII. 1848; t Berlin 6. X. — JAW
Jg. 1909, Bd. 145, 115 — 118 (S. Herrlich);
Progr. d. Humboldt-Gymn. f. d. Schuljahr
1908/09 (Gedachtnisrede).
Deutschlnger, Franz, fruh. Schauspieler,
spater Theaterdir., zuietzt Leiter einer
Theaterschule i. Wiesbaden; * Wien 13.
XII. 1834; f Wiesbaden 22. III. — VZT;
NTA 1909, 162.
Deyifl, Joseph Graf von, Frh. v. StriteS,
bayer. Kammerer, erbl. Reichsrat; * Arns-
torf b. Wiesbaden 20. XII. 1845; •(■ das.
26. IV. — VZ 28. IV. M.-A.; HJ 1908, 434;
GT 1908, 220.
Dieckmann, August, Generalm. z. D., bis 1886
Kommand. d. 29. Inf.-Brig., Ritter d.
Eisern. Kreuzes 2. Kl.; f Wiesbaden 20. I.
i. A. v. 75 J. — VZ 27. I. A-A.; MZ
1908, 61.
Dieteridl, Albrecht, Geh. Hofrat, Prof. d.
klass. Philolog. u. Religionsgesch. i. Heidel-
berg, Hrsg. d. »Archivs f. Religionswiss. ♦;
* Hersfeld 2. V. 1866; f Heidelberg 6. V. —
VZ 6. V. A. -A., 7. V. A.-A.; FZ 8. V.
A.-Bl. (L. Deubner, Franz Bucheler u.
A. D.); KL 1908, 295 (W); IZ 130, 1086;
JAW Jg. 37, Bd. 145; 75—102 (R. Wiinsch
m. W); HL 24, Nr. 16 (R. W'unsch); D.
humanist. Gymnasium 1908, 135 (G.
Uhlig).
Dietrich, Albert, Prof., Mitgl. d. Senats d.
Kgl. Akad. d. Kunste i. Berlin, Musiker,
SchOler von R. Schumann; * Forsthaus
Goltz b. MeiBen 28. VIII. 1829; f Berlin
19. XI. — VZ 23. XL M.-A.; W 48, 2067;
AMZ 1908, 870; NTA 1910, 155; R, 294.
Dietscto, Fridolin Josef, Bildhauer, Prof.
a. d. Kunstgewerbeschule i. Karlsruhe;
* Schonau i. W., Baden 1861; f Karlsruhe
25. VI. — HJ 1908, 435; Kchr 19, 534;
Christl. Kunst Aug. 1908, Beil., no;
MS Nachtr., 72.
Dietz, Jean, Direktor d. K6lner Verlagsanst.
u. Chefred. d. »Kdlner Tageblatts*; f Koln
7. XL — NZ 8. XL M.-A.
Dietze, Theodor, fruh. Beigeordn. d. Stadt
Etberfcld; * Elberfeld 13. XII. 1824;
t das. 24. XII. — NZ 28. XII. A. -A.;
Amtl. Mitt.
*DIx, Ludwig Hermann, Studienrat, Kon-
rektor, Prof., Mathematiker; * Zwickau
i. Sa. 18. II. 1838; t Zittau 22. X. — BJ
XIII, 188 (A. ReichardtY
Dobentck, Robert, Frh. von, Rittergutsbes.
u. Major a. D., M. d. A. u. Mitgl. d.
konserv. Partei; * Trier 19. X. 1830;
f Konigsberg i. Neum. n. XL — VZT;
HA 1904, 303; FT 1910, 150.
Dobers, Max, Geh. Bergrat, techn. Mitgl. d.
Oberbergamts Breslau; * Breslau 26. X.
1855; f das. 7. V. — VZ 8. V. M.-A.; JSG
1908, Nekr., 4/5.
Dodel, Arnold, fruh. Prof. d. Bot. a. d. Univ.
Ziirich, Schriftst., seit 1903 i. Lugano,
bek. durch seine popularwiss. u. polem.
Schriften, Verfechter monist. Welt- u.
Lebensanschauung, Vertreter radikaler po-
litischer u. sozialpolit. Ideen; * Affeltrangen,
Kant. Thurgau 16. X. 1843; f Ziirich 11.
IV. — VZ 16. IV. M.-A.; FZ 14. IV.
1. M.-Bl.; T 185 (P); KL 1908, 306 (W);
WI 3, 272 (W); Dtsch. Schule 12, 5, 312.
D61I, Eduard, fruh. Realschuldirektor, Prof.,
seit 1 87 1 Korrcsp. d. k. k. Geolog. Reichs-
anst.; * 1836; t Wien 16. I. —OR 19. 255;
GK 1909, 328; DRG 30, 280; Verh. d.
Geol. Reichsanst. 1908, 2/3, 47 (E. Tietze);
L 44, 1908, 3, 35.
D5fT, Wilhelm, Prof., Lehrer a. Konservat.
d. Musik u. Musikinsp. a. d. Theresian.
Akad. i. Wien, Komponist von Liedern
u. Messen; * 1851; f Wien 30. I. — HJ
1908, 435; AMZ 1908, 121.
DohnetSCtl, Heinrich, Oberbaurat, bek. Kir-
chenbauer; * Stuttgart 24. I. 1846; f das.
25. VII. - W 31, 1330; WI 3, 277; DBZ
42, 432; WJ 1908 Nekr.
Doppelbauer, Franz von Sales Maria, Bischof
von Linz, papstl. Hauspralat u. Thron-
assistent, FSrderer d. kathol. Presse- u.
Vereinswesens u. d. Linzer Dombaues,
Erbauer d. Collegium Petrinum; * Waizen-
kirchen 21. I. 1845; t Linz 2 - XII.— NZ
2. XII. A. -A.; NFP 2. XII. A.-BL; KVZ
2f
Totenliste 1908: Douglas — Ehrhart.
24*
2. XII. A. -A.; T 376 (P); IZ 131, 1062;
W 50, 2152, 2156 (P); HJ 1908, 435; TJ
28, Abt. 8, 542.
♦Douglas, Wilhelm Graf von, Enkel d. Groflh.
Ludwig I. von Baden, 1888— 1898 M. d. R.,
eines d. Haupter d. bad. Landwirtsbiindler;
* Villa Douglas b. Konstanz 8. II. 1849;
t Schlofi Gondelsheim b. Bretten 22. IV. —
BJ XIII, 138 (H. Dicz); VZT; IZ 130, 883;
RH 1893, 160.
Doy6, Nathanael, Konsistorialrat, geistl.
Insp. d. franzos. reform. Gemeinden i.
Brandenbg. u. Pfarrer a. d. franzos. Kirche
i. Berlin, Ritter d. Eisern. Kreuzes 2. KL;
* Berlin 11. II. 1837; f das. 8. VI. — VZT;
Ev.-Kirchl. Anz. 1908, 263; KJ 1909, 633.
*Droysen, Gustav, Geh. Reg.-Rat, Dr. phil.,
Prof. d. neuer. Gesch. a. d. Univ. Halle;
* Berlin 10. IV. 1838; t Halle a. S. 11. XI.
— BJ XIII, 191 (H. Schulz); NZ 11. XI.
A.-A.; W 47. 2022; IZ 131, 892/93 (P);
GK 1909, 328/329; Chronik d. Univ.
Halle-Wittenberg 1908/09, 14 — 17.
Diirr, Alphons Friedrich, Nestor d. Leipz.
Verlagsbuchhandler, auch durch soziale u.
kommunale Tatigkeit bekannt; * Leipzig
21. I. 1828; t das. 6. IV. — VZ 12. IV.
M.-A.; HJ 1908, 435; Kchr 19, 374 (J.
Jogel).
DtilT> Gustav, Ingenieur bei d. Farbwerken
i. Hochst a. M., Grundcr d. Ratinger
Kesselfabrik Diirr u. Co. i. Diisseldorf,
Erfinder d. sogen. »Durr-Kessels«; *Lindau
a. B. 29. V. 1853; f Diisseldorf 14. II. —
JSTG 1909, 97 (N).
DUrreninatt, Ulrich, Nationalrat, schweizer.
Journalist, Red. d. Bernischen Volksztg.,
Mitbegr. d. konserv.-demokr. Volkspartei;
* 20. IV. 1849; t Herzogenbuchsee 27. VII.
— HJ 1908, 435-
Dtlimchen, Theodor, Romanschriftst., Essayist
u. Feuilletonist; * Delitzsch 28. III. 1853;
t Berlin 5. IX. — VZ 5. IX. A.-A.; WI
3, 290 (W); KL 1908, 325 (W); IZ 131,
425; LE 11, 80; BR 1, 285; BZ 23, 104
[Hammer Jg. 7, 577 — 5 8 3 ( Th - Fritsch,
Mammons -Opfer); Dtsch. Tageszt. Beil.:
Zeitfragen Nr. 38 (0. Schmidt-Giebichen-
fels)].
Dumreicher, Armand Frh. von, 1886- 1895
M. d. Reichsrats, energ. Vertr. d. Deutsch-
tums; * Wien 12. VI. 1845; t Ober-Mais
b. Meran 2. XL— HJ 1908, 435; FT 1909,
153, TL; Centralbl. f. d. gewerbl. Unter-
richtswes. i. Osterreich Jg. 27, 223.
Ebeliflg, August Wilhelm Daniel, D. % Dr.
phil. Geh. Reg.-Rat, a. o. Mitgl. d. Kgl.
Landes-Konsist. i. Hannover, Gymn.-
Direktor a. D., klass. Philologe; * Hannover
12. X. 1828; f das. 8. I. — Allg. Ev.-Luth.
Kirchen-Zt. 1908, 143; TJ 28, Abt. 8, 543;
WI 3, 295 (W); KL 1908, 331 (W); KJ
1909, 631.
Ebermayer, Ernst von, Geh. Hofrat, Dr. phil..
Prof. d. Meteorologie, Landwirtsch. u.
Agrikulturchemie a. d. Univ. Munchen;
* Rehlingen i. Bayern 2. XL 1829; f
Hintersee b. Berchtesgaden 13. VIII. —
T 284 (P); W 34, 1460; WI 3, 296 (W);
Chronik d. Univ. Munch. 1908/09, 4 — 9.
Ebersteill, Hugo Frh. von, Generalm. z. D.,
zuletzt Kommand. d. 94. Inf.-Reg. t Ritter
d. Eisern. Kreuzes 2. KL, 1897 z. D.;
* Koln 3. X. 1846; f Gr. Lichterfelde
26. VI. — VZT; MZ 1908, 385; FT 1908,
159; 1909, TL.
♦Echteler, Josef, Bildhauer; * Legau b.
Kempten 5. I. 1853; t Mainz 23. XII. —
BJ XIII, 108 (H/Holland); KFA 24, 224.
*Eckardt, Julius von. Dr. phiL, Geh. Reg.-Rat,
friih. dtsch. Generalkonsul i. Zurich;
* Wolmar i. Livland 1. VIII. 1836; f Wei-
mar 20. I. — BJ XIII, 142 (H. DiezV,
MAZ 22. I. Vorabd.-Bl.; HJ 1908, 435.
Eder, Marie. Kgl. W r iirttembg. Hofopern-
sangerin; * Kufstein 3. II. 1824; f Kufstein
13. VI. — NTA 1909, 170.
EgginiSChwiler, Joseph, Dompropst i. Solo-
thurn, friih. Prof. d. Apologetik u. Dog-
matik a. d. Solothurner theolog. Lehranst.;
* 15. III. 1836; t Solothurn 5. IV. —
HJ 1908, 435-
EgH, Emil, Dr. theol. k. r., o. Prof. f. kirchen-
geschichtl. Disziplinen u. deren Hilfswiss.,
hervorr. Kirchenhist. d. dtsch. -pro tes tan t.
Schweiz, Zwingli-Forscher, Schopfer d.
Zwingli-Museums u. Red. d. Zs. »Zwingh-
ana«, Mitgl. d. Allg. Geschichtsforsch. Ges.
d. Schweiz u. d. Antiquar. Ges. i. Zurich;
* Flaach 9. I. 1848; f Zurich 31. XII. —
HJ 1908, 435; ASG 40, 501/02 (A. Lechncr);
Schweizer. theolog. Zs. Jg. 26, H. 2 (W.
L. Wuhrmann, Z. Erinnerung an E. E.);
TJ 28, Abt. 8, 543; KJ 1909, 636.
Ehlers, Rudolf, Dr. theol., Ober konsistorial-
rat, Pfarrer a. d. ev. -reform. Gemeinde i.
Frankfurt a. M., hervorr. beteiligt a. d.
Zustandekommen d. Frankf. Kirchenverf.,
langj. Vors. d. Pestalozzivereins z. Rettung
verwahrloster Kinder, Griinder d. Idioten-
anst. zu Idstein, 1879 — 1892 mit Basser*
mann Hrsg. d. »Zs. f. prakt. Theologies;
* Hamburg 30. III. 1834; + Frankfurt a. M.
7. VIII. - HJ 1908, 435; WI 3, 303 (W);
Protest. Monatsh. Jg. 12, 386 — 400 (W.
Kohler); Zs. f. Missionskunde u. Reli-
gionswiss. 1908, H. 8; TJ 28, Abt. 8, 543;
KJ 1909, 634.
♦Ehrhart, Franz Joseph, seit 1898 M. d. R. t
Fiihrer d. pfalz. Sozialdemokraten, genannt
25'
Totenliste 1908: Eichendorff — van Eyken.
26*
dcr »rote Pfalzgraf*, seit 1893 Mitgl. d.
Bayer. Landt.; * Eschbach, Kr. Landau
6. II. 1853; t Ludwigshafen 20. VII. —
BJ XIII, 138 (H. Diez); VZT; W 30, 1286;
HJ 1908, 435; RH 1907, 243, 508 (P>
Ekhendorff, Klara Freifrau von, Schwieger-
tochtcr d. Dichters, Gattin dcs vor 8 Jahrcn
f preufi. Geh. Reg. -Rats Hermann v. Eichen-
dorff; * Neufl 3. VIII. 1826; f Bonn 5. V.
— IZ 130, 1086.
Elchrodt, Richard, bad. Hofschauspieler,
Nestor d. Mannheimer Hoftheaters, Bruder
d. bek. Dichters; * Karlsruhe 9. III. 1840;
t Mannheim 14. IV. — HJ 1908, 435;
NTA 1909, 164, 163 (P).
Eibberger, Hermann, Dr. theol, Geh. Kon-
sistorialrat, Superint.; * Altenburg i. Ostpr.
23. VIII. 1837; f Steglitz 19. XII. — KJ
1909, 636; OA 1908/09, 325.
Ehlig, Peter, Geistl. Rat, Domkapitular, Prof,
d. Dogmatik a. Priester-Seminar i. Trier,
Griinder u. Red. d. »Pastor bonus*; * Trier
25. V. 1852; f das. 21 . VII. — W 30, 1286;
HJ 1908, 436; WI 3, 309 (W); KL 1908,
349 (W); Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt.
1908, 750; TJ 28, Abt. 8, 543.
Eitcl, Ernst, Prof. d. dtsch. Sprache u. Lit.
a. d. Univ. Adelaide, fruh. Pastor d. St.
Stephans-Gemeinde, einer d. angesehensten
Deutschen i. Adelaide; * Efilingen 13. II.
1838; t Adelaide 10. XI. — DE Jg. 8, H. 2
(N); TJ 28, Abt. 8, 543; WJ 1908 Nekr.
Elbe, A. v. d., (Pseud.) s. Decken, Auguste
von der.
EUendt, Georg, Gymn.-Direktor a. Frideri-
cianum i. Konigsberg i. Pr. t verd. Schul-
mann; * Konigsberg 6. V. 1840; t das.
26. VII. — VZT; LZ 1908, 1053.
EOer-Eberstein, Karl Frh. von, Generallt.
z. D., zuletzt Kommand. d. 15. Kav.-Brig.,
Ritter d. Eisem. Kreuzes 2. KL, 1882 z. D.;
* Minden 5. I. 1830; f Hannover 27. V. —
VZ 28. V. M.-A.; MZ 1908, 302; FT 1908,
161; 1909, TL.
Ebenborn, Lucie, Schauspielerin; * Berlin
22. II. 1880; t das. 6. III. — NTA 1909, 162.
Entires, Bernhard, Dr. iheol., Domkapitular,
Regens d. Priestersem. i. Trier; * 20. II.
1828; f Trier 23. IV. — KVZ 23. IV. A.-A.;
HJ 1908, 436.
EngUtfMfer, Richard, Dr. pkil., Prof. a. d.
Techn. Hochsch. i. Wien; * 1849; f Wien
18, XII. — VZT; OR 18, 255.
Efizberg, Eugen Frh. von, Schriftst. u. Jour-
nalist; * Schwieberdingen, Wtirttbg. 26.
II. 1858; t Berlin 27. II. — KL 1909, 54*,
1908, 364/65 (W); FT 1910, 190.
Erath, Wilhelm, vorm.Stadtschultheifi, Wtirtt.
Landt. -Abg. 1862 — 76, Abg. z. Zollparlam.
1868—70; * Horb i. Wurtt. 30. V. 1820;
t das. 23. VI. — WJ 1908 Nekr.; OA
1906/07, 272.
Erbach-Erbach, Artur Graf zu; * Eulbach
I. IX. 1849; f Erbach 7. VI. — VZT;
HJ 1908, 436; HK 1910, 124.
Erbach-Schdnberg, Gustav Ernst, ersterFiirst
u. Graf zu, Senior d. Gesamthauses, erbl.
Mitgl. d. 1. hess. Kammer; * Schdnberg
17. VIII. 1840; f Darmstadt 29. I. — HJ
1908, 436; GT 1908, 124.
Erhardt, Louis, Dr. phil. % Kg). Archiv-Rat;
* Gadcbusch 21. IX. 1857; f Charlotten-
burg Anf. Febr. — KL 1909, 54*, 1908,
368 (W).
Erlanger, Gustav, Komponist von Orchester-,
Chor- u. Kammermusikwerken, Kunst-
kritiker; * Halle a. S. 19. I. 1842; f Frank-
furt a. M. 23. VI. — VZT; HJ 1908, 436;
AMZ 1908, 515; R 349.
Esmarch, Friedrich August von, Wirkl. Geh.
Rat, Prof. d. Chirurgie a. d. Univ. Kiel;
* Tdnning, Schlesw. 9. I. 1823; f Kiel 23.
II. — Kieler Zt. 24. II. A.-A. (N), 27. II.
A.-A. (Trauerfeier); VZ 24. II. A.-A.;
HC 25. II. M.-Bl. (N); Hamb. Nachr. 24.
II. A.-A. (N); TRU Nr. 46 u. 47 (N); IZ
*3<>< 349: 35 1 (Dums m. P); WI 3, 327 (W);
HBL 2, 303/4; PBL 472/74 (W u. P);
DMW 34, 1, 558/59 (A. Bier m. P); BKW
45* i« 578/79 (A. Bier); MR 1908, 117;
MMW 55, 1 (H. Waitz); MZ 1908, 118;
MW 1908, 607 (Kdrting); Chronik d. Univ.
Kiel 1908/09, 73 — 87 (Anschiitz, Rede z.
Gedachtnisfeier d. Univ.); NS 13, 228;
BZ 22, 101 [Berlin. Arztecorresp. Jg. 13,
37 (G. Meyer); Mediz. Bl. Jg. 31, 98;
Centralbl. f. Chirurgie Jg. 35, 357 (Richter);
Mediz. -chirurg. Centralbl. Jg. 43, 98
(Pels-Leusden); Mediz. Klinik Jg. 4, 375;
Wiener klin. Rundsch. 1908, 189 (Schnitz-
ler); Ttirmer April 1908, 51 (G. Korn);
Allgem. Wiener Mediz. Zt. 1908, 99 (E.
u. s. Beziehungen z. Krankenpflege); Zs.
f. Krankenpflege Jg. 30, 65 — 70 (H. Cra-
mer)] 23, 118 [Archiv f. Orthopadie Jg. 7,
1— { (Ritter)]/
Esterle, Benedfkt Ritter von. Dr., ehem.
Oberlandesger.-Pras. v. Tirol; * Cavalese
1834; f Seis a. Schlern 22. VIII. — NFP
25. VIII. A.-B1.
Estrefcher-Rozbfcrski, Karl Ritter von, Dr.
phil, Hofrat, Dir. d. k. k. Jagellon. Univ.-
Bibl. i. Krakau; * Krakau 22. XI. 1827;
t das. 30. IX. — HJ 1908, 436; Mitt. d.
Osterr. Vereins f. Bibliothekswes. Jg. I2 t
H. 4. 231 (E. Kuntze).
Eyken, Heinrich van, Komponist u. Sanger,
Lehrer f. Theorie u. Komposition a. d.
Hochsch. f. Musik i. Berlin; • Elberfeld
19. VII. 1861; t Berlin 28. VIII. — VZ
27"
Totenliste 1908: Eyre — Florschtitz.
28*
29, VIII. M.-A.; T 300 (P); IZ 131, 384;
WI 3, 334; NMZ 29, 2 4t 517 (T. Canstatt
m. P); AMZ 1908, 619 (P); Die Musik Nov.
1908, 116 (R. M. Breithaupt).
Eyre, Arthur Stanhope, Leiter d. Meteorol.
Observat. 1. Ordnung i. Uslar a. Soiling
i. Hannov.; * Carlton i. England 3. VIII.
1840; f Uslar 14. V. — GK 1909, 330;
DRG 31, 88; Meteorol Zs. 25, 360.
Faber, Alexander, Seniorchef d. Magdeburg.
Zt; * Magdeburg 9. V. 1844; | Hasserode
i. Harz 2. II. — VZ 4. II. M.-A.; Mitt. d.
Verl.
Falk, Max, Dr. pkil., ungar. Politiker u.
Publizist, friih. Chefred. d. » Pester Lloyd ♦,
Hauptstutze d. lib. Partei, seit 1869 Mitgl.
d. Reichsr.. Verf. zahlr. hist. Werke;
* Pest 7. X. 1828; f das. 10. IX. — VZ 10.
IX. A.-A.; NFP 10. IX. A.-Bl.; T 307
(P); HJ 1908, 436; IZ 131, 483, 506 (Ph.
Friedrich m. P); WI 3, 338.
Farner, Alfred, Lokal-, AltertUmer- u. Ge-
schichtsforscher, Mitgl. d. Zuricher Anti-
quar. Ges. T lange Jahre i. Zurcher Kant.-
Rat; * Unter-Stammheim 17. III. 1851;
f Stammheim 7. I. — ASG 40, 494/95 (W)-
♦Fastenrath, Johannes, Dr. phil, Hofrat,
Dichter u. Schriftsteller; * Remscheid 3.
V. 1839; t Koln 16 III. — BJ XIII, 20
(F. Zilcken); VZ 17. III. A.-A.; NFP 22.
III. Lit.-Bl. (M. Stona); AZB 1908, Nr. 4
(E. v. Weitra); IZ 130, 531/32 (A. Drossong
m. P); HJ 1908, 436; LE 10, 1033; WI 3,
341 (W); KL 1908, 388/89 (W); BR 1, 343;
Post, Sonntagsbeil. Nr. 23 (Th. Stromer).
Fedderseil, Friedrich August, Pastor i. Nie-
bull, schlesw; -hoist. Erzahler; * Schnate-
bull, Amt Tondern 26. V. 1838; f Flens-
burg i. Aug. — T 276 (P); KL 1908, 391
(W); BR 1, 346; AL 1, x 7 4/75 (W).
Feddersen, Johannes, Landger.-Rat i. Got-
tingen, seit 1908 M. d. A.; * Roy b.
Tondern 30. IV. 1849; f Gottingen 9. VI.
— VZT; HA 1908, 376.
Feigl, Ernst, Schauspieler; * Prag 5. VI. 1866;
f das. 30. VIII. — NTA 1909, 173.
*Fell f W r inand, Dr. theol. et phil, Prof. d.
Theol. a. d. Univ. Munster, kirchenge-
schichtl. Schriftst., Mithrsg. d. »Bibl.
Studien*; * Aachen 13. XII. 1837; f
Munster 5. VII. — BJ XIII, 128 (B.
Vandenhoff); VZT; HJ 1908, 437; TJ 28,
Abt. 8, 543; Chronik d. Univ. Munster f.
1908/09, 6; WI 3. 346 (W).
Feller, Frank, Schweizer Maler, bes. von
Schlachtenbildern; f London 9. III. —
VZT.
Felsenthal, Bernhard, Nestor d. amerik.
Rabbiner, schriftst. tatig, 1854 ausge-
wandert; * Miinchweiler, Rheinpfalz 2. I.
1822; f Chicago 12. I. — Allg. Zt. d.
Judent. 1908, 128/29 (G. Deutsch).
FereilCZy, Jos6 t erst Operettensanger, dann
Dir. d. Zentraltheaters i. Berlin, Veranst.
von Ensemble-Gas tspielen im Theater d.
Westens, i. Lessing-Theater, b. Kroll usw.;
* Unghvar b. Tokay 2. II. 1852; f Buenos
. Aires 27. VII. — VZT; NTA 1909, 171;
EG 253.
Festetlberg-Packisch, August von, Generality
Chef d. Milit.-Reitinstituts. Ritter d. Eisern.
Kreuzes 2. KL; * Oberau, Schles. 5. IX.
1849; f Hannover 2. II. — VZ 3. II. A.-A.;
IZ 130, 374; MZ 1908, 72.
♦Fiedler, Joseph Ritter von, Hof- u. Ministe-
rialrat, ehem. Vizedir. d. Haus-, Hof- u.
Staatsarchivs zu Wien, Mitgl. d. Wiener
Akad. u. d. Bohm. Ges. d. Wiss. zu Prag;
* Wittingau 17. V. 1819; f Wien 30. VI. —
BJ XIII t 265; HJ 1908, 437.
Fischbach, Friedrich, Kunsthist., Ornamen-
ten-, Gewebe- u. Mythen-Forscher, 1883 —
1889 Dir. d. Kunstgewerbeschule i. St.
Gallen; * Aachen 10. II. 1839; f Wies-
baden 12. IX. — NZ 15. IX. M.-A.; T 316
(P); IZ 131, 546; MS 1, 444; KL 1908,
404 (W).
Fischer, Oskar, 1896 — 1907 Burgermeister
von Magdeburg; * Arneburg 27. XL 1839;
f Dresden 17. X. — VZT; OA 1908/09, 374.
Fischer, Reinhard von, Wurtt. General d.
Inf. z. D. t zul. Kommand. d. 18. Div.,
Ritter d. Eisern. Kreuzes 2. KL; f Deger-
loch b. Stuttgart 31. X. — VZT; W 45,
1936; MZ 1908; 610; WJ 1908 Nekr.
Fischer-Manuel, Karl Ludwig Friedrich von,
ehem. bsterr. Genie-Offizier, Mitgl. d. hist.
Vereins d. Kant. Bern, Pras. d. Armen-
vereins, spater d. stadt. Armenkommiss.
i. Bern; * Bern 11. X. 1823; f das. 14. I. —
ASG 40, 495 (W).
Flassig, Friedrich Wilhelm, Dr. theol. h. c,
Rektor d. Priestersem. i. Breslau t Kon-
sistorialrat 1. Instanz., fiirstbischofl. Kom-
missarius f. d. Revision d. Religionsunter-
richts an d. hoheren Lehranst., d. Lehrer-
u. Lehrerinnen-Seminare u. Praparandien ;
♦Oppersdorf, Kr. Neifie 22. VII. 1841;
t Salzbrunn 17. X. — JSG 1908, Nekr.,
5/7 (A. Koenig).
FIor f Georg Friedrich Heinrich Arnold,
Oldenburg. Staatsminist., Justiz- u. Kui-
tusminister a. D.; * Oldenburg i. Gr. 24.
IV. 1833; f das. 27. V. — VZ 2$. V. M.-A.;
T 226 (P).
FIOTSChutz, Georg, Dr. tned., Sanitatsrat,
Prof., bek. durch seine anthropol. For-
schungen, bes. i. Limesgebiet; * K6nigs-
berg i. Franken I. II. 1859; f Wiesbaden
29*
Totenliste 1908: Foerster — Fiirstner.
30*
9. IX. — W 38, 1636; GK 1909, 33i;
DRG 31, 39; PBL 521; L 44, 10, 94.
Foerster, Ferdinand von, Dr., Landesaltest.
d. Schweidnitz-Jauerschen Fiirstent.-
Landschaft, hervorr. tatig auf d. Gebiete
d. Selbstverwaltung; * Ob.-Mittlau, Kr.
Bunzlau 22. IX. 1867; f das. 6. VIII. —
VZT; BTB 1908, 290.
FfiUlck, Philipp von, Generalm. a. D., d.
alteste Offizier d. preufl. Armee; * auf e.
engl. Schiff auf d. Fahrt von Jamaika
nach England 30. XI. 1805; f Charlotten-
burg 15. XI. — T 362 (P); NZ 26. XL
A. -A.; W 47, 2022; MZ 1908, 637.
Frank, Julius, Dr. phiL, Archivar, d. alteste
Mitgl. d. Marie Seebachstiftes i. Weimar,
ehem. bek. Spielleiter u. Schauspieler;
* Danzig 23. I. 1822; f Weimar 9. IX. —
VZ 11. IX. A. -A.; NTA 1909, 173-
♦Frank, Julius, Historienmaler; * Munchen
11. IV. 1826; f das. 30. IV. — BJ XIII,
43 (H. Holland); MAZ Jg. in, Nr. 6;
T 199 (P); HJ 1908, 437; Christl. Kunst
Juni 1908, Beil. S. 95; MS 1, 473; BMW
1, 320 (W); Kchr 19, 438.
Fratltz, Adolf, Dr., Prof. d. Staats- u. Kirchen-
rechts a. d. Univ. Kiel; * Ringleben 14.
X. 1851; t Kiel 19. VI. — T 243 (P); HJ
1908, 437; KJ 1909, 633.
Franz, Reinhold, Dr. med., Geh. Hofrat,
Leibarzt u. Schwager d. Herzogs von
Sachsen-Meiningen, Bruder d . morgan. Ge-
mahlin d. Herzogs, d. Freifrau v. Heldburg,
langjahr. Kurarzt i. Langenschwalbach;
* Naumburg 28. X. 1840; f Kuranst.
Neuwittelsbach b. Munchen 13. XII. —
W 51, 2194; IZ 131, 1219.
Frapan-Akunian, Use s. Akunian.
Frederking, Hugo, Landmesser u. Steuer-
insp. a. D., hess. Dichter u. Romanschrift-
steller; * Kassel 23. VII. 1846; f das. 4.
IX. — VZ 9. IX. M.-A.; IZ 131, 483;
LE 11, 81; KL 1908, 433 (W); BR 1, 379;
HJ 1908, 437; HL 22, 267.
Freinademetz, Peter von, Provikar von
Siidschantung, Mitbegr. d. Mission Jent-
schoufu; * Abter i. Tirol 15. IV. 1852;
f Jentschoufu i. Siidschantung 27. I. —
VZ 8. II. A. -A.; HJ 1908, 437-
Freund, Emilie, geb. Bomly, ehem. Schau-
spielerin, 29 Jahre lang Mitgl. d. Schau-
spielhauses i. Frankfurt a. M.; * Rothen-
burg 21. V. 1835; f Dessau 16. II. —
NTA 1909, 157.
Frey, Ludwig, Vizedirektor d. eidgenoss.
Versicherungsamts; f Bern 23. X. i. A. v.
66 J. — W 44, 1892.
Freytag, Karl Emil Clemens, Dr. phil., Geh.
Reg.-Rat, a. o. Prof. f. spezielle Tierzucht-
lehre u. landwirtsch. Rechnungswesen a. d.
Univ. Halle, Mitarb. an d. von Alois Koch
hrsg. »Encyklopadie d. ges. Tierheilkde.
u.Tierzucht* ; * Braunschweig 26. IX. 1831 ;
f Halle 27. IX. — Chronik d. Univ. Halle-
Wittenberg 1908/09, 12/13.
Freytag-Lorittghoven, Alexander Frh. von,
groflherz. sachs. Kammerherr, russ.-deut-
scher Dichter; * Rio de Janeiro 8. V. 1849;
t Weimar 11. IX. — VZ 13. IX. M.-A.;
IZ 131, 546; HJ 1908, 437; KL 1908,
442 (W); BR 1, 388; FT 1908, 216, 1909, TL.
Fricke, Gustav Adolf, Dr. theol. et phii,
Geh. Rat, Prof. d. neutest. Exegese a. d.
Univ. Leipzig, Senior d. theol. Fakultat,
langjahr. Vors. d. Gustav Adolf- Vereins;
* Leipzig 23. VIII. 1822; f das. 30. III. —
VZ 30. III. A.-A.; T 170 (P); HJ 1908, 437;
WI 3, 384 (W); Allg. Ev.-Luth. Kirchen-
Zt. 1908, 357; TJ 28, Abt. 8, 543; Hartung-
Ihmels, Reden v. d. Trauerfeier am 2. IV.
1908 geh., Leipz. 1908; KJ 1909, 632.
Frledlander, Benedikt, Dr. phil., naturwiss.
u. volkswirtsch. Schriftst.; * Berlin 18.
VII. 1866; t Schoneberg 21. VI. — VZT;
KL 1908, 447 ; Staatswiss. Lit.- u. Schriftst.-
Kal. 1904, 72/73 (W).
Friedmann, Meir, Lektor u. Lehrer d. jtid. Lit.,
grundl. Kenner u. Kommentator d. jud.
Schrifttums; * i. Mai 1831; f Wien 23. XI.
— Allg. Zt. d. Judent. 1908, 583/84 (A.
Kaminka).
Friedfich, Leo (Pseud.) s. Hermann.
Fringilla (Pseud.) s. Schramm-Macdonald.
Marie.
Friihwald, Ferdinand, Dr. med., a. 0. Prof.
d. Kinderheilkunde ; * Wien 1. X. 1854;
t das. 8. II. — LZ 1908, 283; WMW 1908,
366; PBL 563.
FtlChs, Adolf, Geh. Rat, seit Jahrzehnten auf
d. Gebiete d. Arbeitsnachweises, d. Jugend-
fiirsorge u. d. Gefangenenschutzes tatig;
f Karlsruhe 20. X. i. A. v. 75 J. — AF
1908, 482.
Fuchs, Wilhelm von, wurtt. Staatsrat, Vorst.
d. Bauabt. d. Generaldirekt. d. wurtt.
Staatseisenbahn, Mitgl. d. Akad. d. Bau-
wesens i. Berlin; f Stuttgart 8. X. i. A.
v. 66 J. — VZ 10. X. A. -A.; DBZ 42, 80;
WJ 1908 Nekr.
FUrstenberg/M. A. (Pseud.) s. Wundtke, Max.
Furstenberg-Stammheim, Graf Gisbert Egon
von, Kgl. Preufi. Kammerh., SchloO-
hauptm. i. Coblenz, Mitgl. d. Herrenh.,
Vors. d. Rhein. Prov.-Landt.; * SchloG
Stammheim, Rheinprov. 29. III. 1836;
t Bonn 28. III. — T 183 (P); GT 1908, 306;
HH 1904, 316; HJ 1908, 438.
Fiirstner, Adolf, Hofmusikalienhandler i.
Berlin, Verleger von R. Wagners fruheren
Werken u. von Komposition. R. Straufi',
31'
Totenliste 1908: Fuhrmann — Gisi.
32*
Delibes', Massenets u. Leoncavallo's; * Ber-
lin 2. 1. 1835; f Nauheim 7. VII. — VZT; IZ
131, 37; NMZ 29, 18, 400; R 408; HJ
1908, 438.
Fuhrmann, Max, Kirchl. Maler; * Miinchen
i860; f Pasing b. Munch. 21. V. — Christl.
Kunst Juli 1908, Beil., 104.
FtllstJng, Bernhard, WGOb. - Reg. - Rat,
Dr. iur. et phil. h. f., Senatspras. d. Ober-
verw.-Gerichts, Autoritat auf d. Geb. d.
Steuergesetzgebung, Verf. d. bek. Kom-
mentare z. Einkommensteuer- t Erg.- Steuer-
u. Gewerbesteuer-Gesetz; * MUnster 25.
IX. 1841; t Berlin 14. II. — VZ 15. II.
A.-A.; IZ 130, 410; DJZ>) 1908, 295; HJ
1908, 437; KL 1908, 463/64 (W); Staats-
wiss. Lit.- u. Schriftst.-Kal. 1904, 74 (W);
Preufi. Verwaltuhgsbl. Jg. 29, 425.
Fttrrer, Konrad, Prof. d. allgem. Religions-
Gesch. i. Zurich, hervorr. Kanzelredner,
Schriftst., Pfarrer a. St. Peter i. Zurich,
Mitgl. d. geschaftsfuhr. Vorst. d. Dtsch. Pa-
lastina-Vereins, guter Kenner d. palastinens.
Geogr., Mitgl. d. ZUrcher Antiqu. Ges.;
* Fluntern 5. XL 1838^ Zurich 14. IV. —
VZ 15. IV. M.-A.; T 187 (P); HJ 1908, 437;
KL 1908, 467 (W); WI 3, 402 (W); Zs. d.
Dtsch. Palast.-Vereins 1908 4/5, 49 — 53
(E. Kautzsch); Protest. Monatsh. Jg. 12,
232 (H. Kesselring, Z. Erinnerung an P.
Christ u. K. F.); Protestantenbl. 1908,
Nr. 17 (D. Abschiedswort eines sterbenden
Pfarrers); ASG Jg. 40, 497/9$ (W); TJ 28,
Abt. 8, 543; KJ 1909, 633; Schweizer.
Reformblatter 1908, Nr. 18.
Galen, Maximilian Gereon Graf, Dr. theol.
et pkil., Weihbischof i. MUnster i. W.,
Tit.-Bischof von Myrina, papstl. Haus-
pralat u. Thronassistent; * MUnster i. W.
10. X. 1832; t das. 5. XL — VZ 5. XL
A.-A.; KVZ8. XL Beil. 2; W46, 1980; HJ
1908, 438; GT 1908, 309; TJ 28, Abt. 8, 543.
Gander, Otto von, Generally z. D., Ritter d.
Eis. Kreuzes 2. Kl., zul. Kommand. d.
17. Kav.-Brig.; * Beatendorf, Kr. Rybnik
18. II. 1830; f Men tone 2. II. — VZ 11.
11. M.-A.; IZ 130, 374; MZ 1908, 90.
Gaspaiy, I. W., Kapellmeister u. Komponist;
* Hamburg 2. XII. 1839; f Berlin 28. III.
— NTA 1909, 162.
Gatlpp, Robert von, Dr. iur., wUrtt. Staatsrat
a. D., Mitgl. d. DiszipL-Hofes, langj. Vorst.
d. Zen trals telle f. Gewerbe u. Handel, Exz.;
* Bissingen 14. VII. 1836; f Stuttgart
30. VIII. — VZ 31. VIII. A.-A.; WJ 1908
Nekr.; OA 1908/09, 431.
*Gebhardt, Ludwig, Landschaftsmaler;
♦MUnchen 20. VII. 1830; f das. 6. X. —
BJ XIII, 41 (H. Holland).
)) — Deutsche Juristen-Zeitun?.
Gehlen, Albert, Schauspieler u. Spielleiter
a. Stadttheater i. Bremen; * Cttln 24. X.
1874; f Munchen 5. IV. — NTA 1909, 164.
Gehben, Joachim, 1871—76 Hrsg. d. BerL
Skandalbl. »Dtsch. Reichsglocket, spater
Hrsg. d. »Stadtlaternet; * Tonning 1841;
f Charlottenburg 2. II. — VZT; IZ 130,
334; HJ 1908, 438; Al 1, 206.
Gels, Jakob, popularer MUnch. Volkssanger,
Humorist u. Coupletdichter, ehem. Sing-
spielhallen-Direktor, »Papa Geis«; • Athen
27. XII. 1840; f MUnchen 3. III. — MAZ
5. III. Vorabd.-Bl.; IZ 130, 441.
Gemmlngen Frh. von Massenbach, Hermann,
bayer. Generalm., bis 1905 Kommand. d.
6. Inf.-Reg., auch Militarschriftst.; * Mun-
chen 28. I. 1852; f das. 1. XL — FT 1908,
491; 1909 TL.
GenSt, Franz, Generalm., Ins p. d. 1. Pionier-
Insp.; * Stettin 15. II. 1848; f Berlin 26.
X. — VZT; MZ 1908, 595; OA 1908/09, 440.
Gerestdn 9 Elise von, ehem. Schauspieler in;
* Hamburg 15. XII. 1829; f Jena 15. VII. —
NTA 1909, 170.
Gerlach, Jakob von, Geh. Reg. -Rat, Landrat
a. D., Pras. d. Berl. Missionsgesellschaft,
bek. Kirchenpolitiker (konfess. Gruppe);
* Kladen 20. III. 1830; f Berlin 26. XL —
KJ 1909, 635; OA 1908/09, 445.
Gerlach, Otto, Leipz. Maler u. Illustrator,
Spezialzeichner u. kUnstler. Mitarb. d. IZ;
* Leipzig 3. VIII. 1862; t Teheran 15. VIII.
— VZ 21. VIII. M.-A.; IZ 131, 319/20
(N m. P); WI 3, 424.
♦Gersdorff, Hans Otto von, preufi. Grofi-
grundbes., konserv. M. d. R.; * Bauchwitz
i. Posen 10. I. 1864; f das. 17. X. — BJ
XIII, 145 (H. Diez); VZ 19. X. A.-A.;
IZ 131, 752; RH 1907, 260; HJ 1908, 438.
Gey-Hetfize, Marie, »ein stilles, f eines Talent*
in d. Radierkunst, SchUlerin von Otto
Fischer i. Dresden; f Leipzig 28. III. i. A.
v. 27 J. — Kchr 19, 512.
Gintl, Wilhelm Friedrich, Prof. d. analyt.
Chemie a. d. Dtsch. Techn. Hochsch. i.
Prag, Begr. d. ehem. Fabrik AuOig, Mitgl.
d. Herrenh.; * Wien 4. VIII. 1843; t Prag
2 6. II. — VZ 27. II. M.-A.; IZ 130, 441;
Dtsch. Arbeit 7, 6, 399; KL 1908, 503;
WI 3, 434; PF 4, 1, 499 (W); BZ 22, 124
[Intern. Mineralquellen-Zt. Jg-9, Nr.184; Zs.
f . Gewerbehygiene Jg. 1 5, 1 i4(Rambousek)].
Gisi, Martin, Prof., seit 1874 Lehrer d. franzos.
Sprache a. d. Kantonsschule i. Solothurn,
seit 1883 Kan tons- Bibliothekar, Mitgl.
d. Allg. Gesch.-forsch. Ges. d. Schweiz u.
d. Hist. Ver. d. Kant. Solothurn; * Olten
19. II. 1847; t Solothurn 20. VI. — VZT;
LZ 1908, 893; ASG Bd.40, 499 (W).
33*
Totenliste 1908: Giiycki — GreifT.
34*
GJfyck!, Paul von, Dr. phil. % Schulrat, Stadt-
schulinspektor i. Berlin, Schriftst., hervorr.
durch humanitares u. sozialpadagog. Wir-
ken; * Schloppe i. Westpr. 22. V. 1856;
t Berlin 28. III. — VZ 29. III. M.-A.;
KL 1908, 505 (W); WI 3f 43S (W).
Glaser, Eduard, Dr. phiL h. c, Afrika- u.
Arabien-Forscher, 9 Jahre i. Arabien mit
d. Samml. von Inschriften, Ms. u. Sprach-
proben beschaftigt; * Dtsch. Rust i. Mahren
15. III. 1855; f Munchen 7. V. — VZ 9. V.
M.-A., 14. V. M.-A.; T 217 (P); MAZ 1908,
152/53 (H. Grothe, Z. Gedachtnis von
E. G.); IZ 130, 1048/49 (F. Hommel m.
P); G 93, 388; HJ 1908, 438; GK 1909,
332/33; DRG 30, 423, 472; Dtsch. Arbeit
7, 10, 675/77 (M. Grunert m. P); GA 1908,
161; L 1908, 6, 62; Allg. Zs. d. Judent.
1908, BeiL Nr. 20, 284/86 (N); TJ 28, Abt.
8, 543; BZ 22, 125 [Berl. Tagebl. BeiL:
Zeitgeist Nr. 22 (O. Weber)] 23, 148
[Beitr. z. Kenntn. d. Orients Bd. 6, 59 — 65
(H. Grothe)].
Glauniflg, Hans, Hauptmann in d. Schutz-
truppe fur Kamerun, fruher in d. Schutz-
truppe f. Dtsch. Ost-Afrika, hochverd.
um d. Aufnahme d. von ihm betretenen
Gebiete; * 29. I. 1869; f Kamerun 5. III.
i. einem Gefecht gegen d. Eingeborenen. —
GK 1909, 333/34; DKZ 1908, 316, 853;
IZ 130, 530.
Goebel, Gerhard, Dr. theol., Konsistorialrat,
Superintendent u. 1. Domprediger i. Halle
a. S.; * Altwiedbei Neuwicd 30. XII. 1839;
t Halle a. S. 5. XI. — KL 1909, 54*, 1908,
511 (W); Pers. Mitt.
Gdhl&T, Bernhard, Lehrer, Organist u. Kom-
ponist, Dirigent d. Sangerbundes u. Musik-
vereins i. Valparaiso; f Valparaiso Ende
Juli. — VZ 28. VIII. M.-A.; AMZ 1908, 121.
Gdtt, Emil, ein von Tolstoischen Idealen
beeinfl. Landwirt, Schriftst. u. Dichter,
bek. durch seine Schausp. »Mauserung«
u. »Verbotene Fruchte*; * Jochtingen i.
Kaiserstuhl 13. V. 1864; f Freiburg i. B.
13. IV. — NZ 22. IX. M.-A.; MAZ Jg. in,
Nr. 26; LE 10, 1323; NTA 1909, 164;
Dtsch. Christentum Okt. 1909 (K. Hessel-
bacher, E. G., ein sudd. Charakterkopf);
HJ 1908, 438; LZ BeiL: Schone Lit. Nr. 22
u. 23 (Geiger, E. dtsch. Lustspieldichter);
TRU Nr. 229 (W. Wetz, Z. Gedachtnis
e. dtsch. Dichters).
Gdttmann, Karl, Reg.-Rat, Vizedir. d. k. k.
Hofbibliothek i. Wien; * Nagy-Banya
i. Ungarn 13. I. 1845; t Wien 25. X. —
Mitt. d. dsterr. Ver. f. Bibliothekswes.
r Jg. 12, H. 4, 288(O.Doublier); HJ 1908,439.
Gdtz, Leopold, fruh. Reichsratsabg.; * 1839;
f Nikolsburg 20. VII. — OR 16, 274.
Gdtze, Auguste (Pseud.: A. Weimar), GroBh.
Sachs. Kammersangerin, Gesanglehrerin u.
Mitgl. d. Konservator. i. Leipzig, Dichterin
u. Schriftst.; * Weimar 24. II. 1840;
f Leipzig 29. IV. — VZ 2. V. M.-A.; IZ
130, 883; HJ 1908, 439; AMZ 130, 386;
KL 1908, 529 (W); PY 1, 267/268 (W);
NTA 1909, 165; R 473; WI 3, 445 (W).
Goldbeck, Maximilian von, Geh. Oberjustiz-
rat, Landgerichtspras. i. Liegnitz; f
Mierschwitz b. Parchwitz 21. VIII. i. A.
v. 63*/ 4 J. — VZ 22. VIII. A.-A., 23. VIII.
M.-A.; T 293 (P).
Golz, Gustav Adolf von, General d. Inf. z. D.,
bis 1897 Chef d. Ingenieur- u. Pionier-
Corps; * Wittenberg 19. VIII. 1833;
f Homburg v. d. H. 19. VII. — 1851
Einj.-Freiw., 1852 Offizier, 1859 Adjutant
d. 2. Ing.-Insp., darauf d. Generalinsp. d.
big.- u. Pionier-Corps, 1866 Hauptm.,
1870/71 i. Stabe d. Kriegsministers, 1874
Oberstl. u. Kommand. d. 10. Pionier-Bat.,
1877 Kommand. d. Eisenb.-Reg., 1886
Generalm. i. Generals tab, 1888 Chef d.
1. Ing.-Insp., 1890 Generalinsp., 1893 Gen.
d. Inf., 1896 geadelt. — T 261 (P); W 30,
1286, 1294 (P); IZ 131, 220; MW 1908,
2405 (Tauwel); MZ 1908, 422; HJ 1908,
438; LJ 1908, 512.
Gombert, Albert, Prof., Dr. phiL, Oberl. a.
Kgl. Wilhelms-Gymn. i. Breslau, Schriftst.
auf d. Geb. d. Germanistik, bes. d. Wort-
forschung; * Goritz, Kr. Prenzlau 21. IX.
1839; f Breslau 18. VIII. — JSG 1908
Nekr., 7/8 (Troger); Zs. f. dtsch. Wort-
forschung Sept. 1908 (F. Kluge).
Gorel, Ludwig (Pseud.) s. Berg, Leo.
Gottschalg, Wilhelm, Sachs. Hoforganist,
Orgelspieler u. Orgelkomponist, Nestor d.
Weimarer Musiker, Freund Liszts u.
Wagners; * Mechelrode b. Weimar 14. II.
1827; f Weimar 3. V. — VZT; W 24,1022;
NMZ 29, 18, 400; AMZ 1908, 466; R 472.
GottwaM, P. Benedikt, Benediktiner, hervorr.
Kanzelredner u. Gelehrter, seit 1900
Spiritual d. Dominikanerinnenklosters i.
Wil b. St. Gallen, Prof. u. Stiftsbibliothekar,
hochverdient um d. Ordnung u. Katalogi-
sierung d. Engelberg. Stiftsbibliothek, d.
Klosterbibliothek u. d. Archivs i. Wil;
* Offenburg i. Bad. 21. I. 1845; f Wil
b. St. Gallen 22. II. — HJ 1908, 439;
ASG 40, 495 (W).
Grata, Hermann von, seit 1876 Landesrat,
von 1895 — 1907 Landeshauptmann d. Prov.
Schleswig-Holstein; * Kiel 17. IX. 1833;
t das. 15. VI. — Kieler Zt. 10. u. 11. VIII.
1907 M.-A. (50 jahr. Dienstjubilaum),
20. VI. 1908.
Greiff, Wolfgang. Geh. Reg.-Rat u. Senats-
35*
Totenlistc 1908: Grculich — Haidacher.
36*
vors. i. Reichs-Vers.-Amt, auch litcrar.
auf versicherungsrechtl. Gebiete hervor-
gctreten; f Berlin 18. I. — VZ 20. I. A.-A.
Gretdich, Richard, Dr.med. y Geh. Sanitatsrat,
belicbter Arzt; f Berlin 26. V. — VZT;
BKW 45. i* io 79-
Greve, Julius, Pastor, Direktor d. theol.
Seminars d. luther. Freikirche i. Preufien;
t Breslau 28. IV. — VZ 29. IV. A.-A.;
Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 462;
TJ 28, AM. 8, 543; KJ 1909, 633.
Grobecker, Anna, geb. Mejo, einst gefeierte
Soubrette, Operettensangerin, Vertreterin
aller Offenbachschen Heldinnen; * Breslau
27. VII. 1827; f Althofen b. Klagenfurt 26.
IX. — VZ 30. X. M.-A.; NFP 30. IX.
M.-Bl. (Memor); W 40, 1722; IZ 131, 594;
HJ 1908, 439; NTA 1909, 174; EG 352.
Grohmatin, Paul, hervorr. Alpenforscher u.
Hochtourist, Hrsg. von Reisehandbuchern
u. Karten, d. letzte d. Begr. d. osterr.
Alpenvereins ; * Wien 12. VI. 1838; f das.
29. VII. — VZT; IZ 131, 220 (N m. P);
GK 1909, 335; Mitt. d. Osterr. Alpen-
Vereins 10, 133—35; l 5> l8 9 A- (A. Dreyer);
DRG 30, 571; GA 9, 233.
Grub, Friedrich, Okonomierat, Besitzer d.
Milchkuranst. a. Viktoriapark i. Berlin,
1887 — 90 nationallib. M. d. R.; * Stuttgart
19. V. 1833; f Berlin 26. XII. — VZ30. XII.
M.-A.; Hirth, Dtsch. Parlam.-Almanach
16. Ausg., 158; WJ 1908 Nekr.
Grube, Wilhelm, a. 0. Prof. a. d. Univ. Berlin,
ausgez. Sinologe auf linguist., ethnogr. u.
kulturhist. Gebiete, vortr. Kenner d.
chines. Volkes; * St. Petersburg 17. VIII.
1855; f Berlin-Halensee 2. VII. — VZT;
MAZ 1908, 332/33 (A. Forke); IZ 131, 287;
G 94, 147; HJ 1908, 439; GK 1909, 335;
DRG 31, 136; GA 9, 357; KL 1908, 553
(W); Chronik d. Univ. Berlin Jg. 22, 8.
Griibel, Moritz, ehem. Opernsanger; * Reichen-
bach 13. I. 1819; f Wiesbaden 4. IX. —
NTA 1909, 173; EG 359-
GrQtzmacher, Otto, Chef-Red. d. lib. »Neuen
Pommerschen Tageblatts* i. Stargard;
* Stargard 17. VIII. 1838; f das. 1. IX. —
VZ 5. IX. M.-A.; Mitt. d. Red.
♦Grundherr zu Altenthan u. Weyerhaus,
Adolf von, Genremaler; * Munchen 30.
IX. 1848; t das. 6. IV. — BJ XIII, 37
(H. Holland).
*G*Chiel, Jakob, Bildhauer; * Obersalberg i.
Steiermark 26. VII. 1821; f Graz 15. I. —
BT XIII, 204 (J. Ranftl).
Gtildenpfennig, Arnold, Geh. Baurat, Dom-
baumeister, hervorr. Gothiker, Meister auf
d. Gebiete d. Restaurationsarbeiten ; * Mar-
burg i. Westf. 13. XII. 1830; t KSln 23. IX.
— KVZ 24. IX. Mitt.-A.; HJ 1908, 439-
Glfttmami, Hermann, Dr. med., Sanitatsrat,
Schriftst. auf d. Gebiete d. Turnhygiene
u. d. Samariterwesens, Hrsg. d. »Hygiene-
Rundschau* i. Berlin; * Namslau i. Schles.
7. VIII. 1848; f Berlin 21. XL — VZ 24.
XI. A.-A.; KL 1908, 569 (W).
Haas, Adolf, Verleger d. tAugsburger Post-
Zt.4, Mitbesitzer d. Literar. Instituts von
Haas u. Grabherr i. Augsburg, urspr.
Rechtsanw., seit 1871 in d. Red. d. ♦Augs-
burg. Post-Zt.«; * Neuburg a. D. 29. VI.
1844; t Augsburg 4. IX. — HJ 1908, 439;
Pers. Mitt.
Haas, Johannes, Reichsgerichtsrat, Ritter
d. Eisern. Kreuzes 1. KL; *Schlotenitz b.
Stargard 5. X. 1851; f Leipzig 29. I. —
VZ 30. I. M.-A.; IZ 130, 374; MZ 1908,
76; DZL 508.
Habicht, Ludwig, popularer Romanschriftst.,
seit 1 88 1 i. Italien; * Sprottau 23. VII.
1830; f Amalfi Ende Dez. — LE 11, 606;
HJ 1908, 439; BR 2, 75; KL 1908, 577 (W).
Haenflein, Georg, Violinist, Freund u. Junger
Joachims, lange Jahre 1. Konzertmeister
a. Kgl. Theater i. Hannover; * Breslau
17. HI. 1848; f Elberfeld 10. IL — VZ 13.
II. M.-A.; Mitt. d. Theaters.
Haenisch, Karl von, General d. Kav. z. D.,
Ritter d. Schwarz. Adler-Ordens, Chef d.
Ul.-Reg. Nr. 2; * Ratibor i. O.-Schles.
4. I. 1829; f Charlottenburg 5. IX. —
1847 Eintritt i. d. Armee, 1849 Offizier,
1863 Rittm., 1866 Adjutant d. 10. Div.,
1866 Major i. Generalst. d. 5. Korps, 1869
i. Kriegsminist., 1870/71 i. St. d. Kriegs-
ministers, Eis. Kreuz 1. KL u. Adel, 1872
Kommand. d. Drag.-Reg. Nr. 23, 1874
Chef d. Stabes d. 8. Korps, 1882 Kommand.
d. 28. Kav.-Brig., 1883 Direkt. d. Allgem.
Kriegs-Dep. i. Kriegsminist., 1888 Kom-
mand. d. Kav.-Div. d. 15. Korps, 1889
Kommand. d. 4. Korps, 1890 General d.
Kav., 1897 z. D. — VZ 5. IX. A.-A., 6. IX.
M.-A.; W 37, 1592, 1594 (P); IZ 131, 425;
HJ 1908, 439; LJ 1908, 512; MZ 1908, 499;
DZL 522/23.
Hagemann, Robert, WGOber-Post-Rat, zul.
Oberpostdir. i. Hannover; f Hannover 19. X.
— VZT; OA 1908/09, 525.
Hagetl, Ernst Richard, Dr. med.. Prof. d.
Laryngologie a. d. Univ. Leipzig; * Saal-
feld 9. X. 1823; f Leipzig 17. VIL — T 260
(P); IZ 131, 194; PBL 678/79 (W); HBL
3. I3A4-
Haidacher, Sebastian, Dr. theol, fiirsterz-
bischofl. Konsistorialrat, Dekan u. Prof. d.
Kirchengesch. a. d. theol. Fakultat i.
Salzburg, bed. Chrysostomusforscher; * 7. I.
1866; f Munchen 27. VII. — HJ 1908,
439; TJ 28, Abt. 8, 543.
37*
Totenliste 1908: Hallgarten — Hedde.
38*
Hallgarten, Charles, Bankier u. Philanthrop,
Griinder u. Mitbegr. vieler Wohlfahrts-
einrichtungen f. alle Konfessionen, hoch-
herziger Wohltater seiner jiidischen Glau-
bensgenossen i. Ru 13 land; * Mainz 18. XL
1838; f Frankfurt a. M. 19. IV. — FZ
23. IV. 1. M.-Bl. (F. Naumann); T 190 (P);
Allg. Zt. d. Judent. 1908, 207, Beil. Nr. 17;
IZ 130, 834; AF 1908, 251; HJ 1908, 439;
Sozialist. Monatsh. 1908, Bd 2, 643 (P.
Kampffmeyer).
Halmhuber, Heinrich, Prof. f Lehrer a. d.
Stuttg. Baugewerkschule; * Stuttgart
10. IV. 1852; f Konigsfeld 29. VII. —
W 32, 1374; Mitt. d. Baugewerksch. ;
WJ 1908 Nekr.
Hamm, Julius, Ministerialrat i. Strafi-
burg i. E., friih. Kurator d. Univ.; * Ra-
tingen 24. VI. 1839; f Straflburg i. E.
27. IV. — VZ 29. IV. M.-A.; OA 1908/09,
534.
Hammerstein, Olga Freiin von (Pseud.:
O. Martell), Romanschriftst.; * Retzow b.
Mirow 1 1. XII. 1866; f Heringsdorf 8. II. —
KL 1909, 54*, 1908, 589; FT 1908, 311.
Hanauer, Karl August, Ehrendomherr,
Prof., seit 1882 Archivar u. Bibliothekar
d. Stadt Hagenau, vorzugl. Kenner d.
alten elsass. Kulturgeschichte; * Habsheim,
Ob.-Els. 20. V. 1828; t Hagenau 23. VIII. —
HJ 1908, 439; Mitt. d. Stadtbibl.
Harbordt, Adolf, Dr. med., Sanitatsrat, Chef-
arzt d. chirurg. Abt. d. Heiligengeist-
spitals i. Frankfurt a. M., bes. bek. als
Gehirnchirurg und Blinddarmoperateur;
* Gladenbach b. Gieflen 22. X. 1843;
f Frankfurt a. M. 27. III. — VZ 28. III.
A.-A.; FZ 28. III. 3. M.-Bl.; HBL 3, 52;
PBL 686/87.
Harder, Richard Martin Andreas, Geh. Ober-
Reg.-Rat, stand. Hilfsarbeiter i. Reichsamt
d. Innern, friih. Kabinetts-Sekr. d. Kaiserin
Augusta, dann i. Hofstaat d. Kaiserin
Auguste Viktoria, Oberstlt. i. 1. G.-L.-Reg.;
* Berlin 4. I. 1835; t Potsdam 4. III. —
VZ 5. III. A.-A.; MZ 1908, 129; KJ 1909,
632.
Harrach, Maria Theresia Grafin zu Rohrau
u. Thannhausen, geb. Prinzessin von Thurn
u. Taxis, Sternkreuzordensdame, Palast-
dame, letzte Oberhofmeisterin d. Kaiserin
Elisabeth; * Prag 7. I. 1856; f Bruck a. d.
Leitha 20. VIII. — NFP 20. VIII. A.-Bl.;
HJ 1908, 440; HK 1908, 132.
Hartmann, Otto, Mitgl. d. Allgem. Geschichts-
forsch. Ges. d. Schweiz, friih. Privat-Doz.
d. Gesch. i. Zurich, dann Red. d. Basler
Zt M zul. i. Privatleben; * Miihlhausen
14. XI. 1858; f Wil u. V. — ASG 40,
498 (W).
Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolojf. 13. Bd.
Hartwig, Gustav, Baumeister, 1884 national-
lib. M. d. R.; * Unkersdorf b. Dresden
15. XII. 1839; f Dresden 25. II. — VZ
26. II. A.-A.; IZ 130, 410; Hirth, Dtsch.
Parlam.-Alman. is.Ausg., 158.
Hasse, Ernst, DrlphiU Prof. f. Statistik u.
Kolonialpolitik a. d. Univ. Leipzig, Direkt.
d. Stadt. Statist. Amts, 1893 — J 9°3
nationallib. M. d. R., Mitbegr. d. i. J. 1878
einsetzenden Kolonial - Bewegung, Vor-
standsmitgl. d. dtsch. Kolonialges., Vors.
d. Alldeutsch. Verbandes, Griinder u. 1879
bis 1896 auch Vorst. d. Vereins f. Handels-
geogr. u. Kolonialpolitik i. Leipzig; * Leu-
litz b. Wurzen 14. II. 1846; f Leipzig
12. I. — VZ 13. I. A.-A.; IZ 130, 92 (P);
Dtsch. Lehrer-Zt. 1908, 65; AF 1908, 122;
Wartburg 1908, 40; DE 1906, 1 (J. Zemm-
rich m.P); Export 1908, 88; GK 1909, 336;
HJ 1908, 440; RH 1898, 191; WI 3, 514
(W); KL 1908, 609; DZL 539/40; Alld.
Bl. 1908, 18 — 20 (Lebenslauf, Bestattung),
26 — 30 (Trauerkundgebung zu Prof. H.'s
Tode), 45 — 46 (Gedachtnisfeier d. Ortsgr.
Leipz.), 49 — 52 (Trauerfeier d. Alld. Verb,
f. Prof. E. H.).
Hauff, August von, vorm. Pras. d. Landger.
Heilbronn; f Stuttgart 2. IX. — WJ 1908
Nekr.
Haug, Gottlieb. Wiirtt. Landt.-Abg. seit
1 90 1, StadtschultheiO; f Langenau 11. I. —
WJ 1908 Nekr.
Haverland, Anna, Schauspielerin zul. Mitgl.
d. Kgl. Schauspielhauses i. Berlin, Dichterin
u. Novellistin; * Berlin 8. I. 1851; f Dres-
den- Blasewitz I. VI. — W 23, 980; IZ
130, 1267 (P); HJ 1908, 440; NTA 1909,
168.
Havestadt, Christian, Geh. Baurat, Erbauer
d. Teltow-Kanals; * Emmerich 1852;
f Berlin -Wilmersdorf 29. XII. — NZ
31. XII. M.-A.; T 1909, 2 (P); Centralbl.
d. Bauverw. 1909, Nr. 4 (Teubert).
Hazard, Joseph Nikolas, Prof., Agronom
a. d. k. sachs. landwirtsch. Versuchsstation,
Sektionsgeologe; f Mockern b. Leipzig
3. VI. — LZ 1908, 828.
Heckel, Emil, Hofmusikalienhandler i. Mann-
heim, Begr. d. dtsch. Wagner -Vereins,
Freund R.Wagners; * 22. V. 1830; f Mann-
heim 29. III. — VZT; HJ 1908, 440;
NMZ 29, 14, 312; AMZ 1908, 297;
R. W r agner - Jahrb. Jg. 3, 387—396
(A. Beringer).
Hedde, Friedrich, einer d. dtsch. Fiihrer d.
schlesw. -hoist. Erhebung; * Rendsburg
11. IX. 1 81 9; f Grand Island City, Nebraska
5. III. — 1848 Mitgl. d. schlesw. -hoist.
Landesversamml., wanderte 1854 nach
Amerika aus, wo er eine angesehene
27
39*
Totenlistc 1908: Hegel raaier — Herzfeld.
40*
Stellung als Rechtsanw. errang. Griinder
d. Stadt Grand Island, wo er eine be-
deutende Stellung in kommunalen An-
gelegenheiten hatte; seit 1880 Journalist,
d. i. 25. Jg. erscheinende Grand Island
Daily Independent ist seine Schopfung. —
Kieler Zt. 10. III. A.-A,, 14. III. M.-A.
(Schleswig-Holstein i. Amerika), 24. III.
M.-A. (N); IZ 130, 499; HJ 1908, 440;
DAG Bd.89, Nr. i, 5—7 (W. A. Fritsch).
Hegelmaier, August von, Wiirtt. Regierungs-
direktor, Reichsbevollmachtigter a. D.;
f Darmstadt 20. I. — WJ 1908 Nekr.
HegetlSCheiftt, Rudolf. Kommerzienrat, Grofi-
industrieller d. Eisenbranche in Ob.-Schl.;
t Gleiwitz 17. II. — VZT.
Heidmann f J. H., Chef d. Hamb. Kohlen-
importfirma H. W. Heidmann, Beirat d.
Statist. Bureaus d. Reichsamts d. Innern,
Mitgl. d. Hamb. Handelskammer, Auf-
sichtsratsmitglied der Hamb. Siemens-
Schuckert-Werke, der erste, der 1889/90
mit d. Plan e. Hamb. Vorortbahn in
zwei Broschuren an d. Often tlichke it trat;
* Hamburg 13. V. 1855; f Wiesbaden
30. IV. — JSTG 1909, 101.
♦Heilmayer, Karl, Landschaftsmaler; * Mun-
chen 5. III. 1836; f das. 18. V. — BJ
XIII, 189 (H.Holland).
Heinemann, Georg, Direktor d. Deutschen
Theaters i. St. Louis, vorziigl. Komiker,
seit 1 88 1 in Amerika, wo er nacheinander
an den dtsch. Theatern i. New York,
Philadelphia, Milwaukee u. Chicago wirkte;
* Berlin; f St. Louis 3. II. — VZT; NTA
1909, 156.
HeM, Franz (Pseud.) s. Herzfeld, Franz.
Held, Louis, Generallt. u. Kommand. d. 4. Div.,
Ritter d. Eisern. Kreuzes 2. Kl.; * Halten
i. Westf. 22. XL 1849; | Bromberg 27. IV.
— VZT; WI 3, 537; MZ 1908, 243.
Held, Theodor, Dichter, Schriftst. u. Forscher
auf musikhist. Gebiete, alter Berlin. i848er,
der 6 Jahre Festungshaft i. Spandau
verbufite; * Halle a. S. 13. VI. 1822;
t Eulau i. Bohm. 6. II. — VZT; IZ 130,
374; LE 10, 818; HJ 1908, 440; BR 2, 126.
*Helldorff-Bedra, Otto Heinrich von, Land-
rat a. D., Kammerh., Mitgl. d. Staatsrats
u. Herrenh., konserv. M. d. R.; * Schlofi
Bedra b. Neumark, Bez. Halle 16. VIII.
1833; f ^s. 11. III. — BJ XIII, 140
(H. Diez); VZ 13. III. M.-A.; IZ 130, 499;
HJ 1908, 440; Hirth, Dtsch. Parlam.-
Almn. 16. Ausg., 163; DZL 567.
Hellfeld, Otto von, Generallt. z. D., Ritter
d. Eisern. Kreuzes 2. KL, zul. Insp. d.
4. Fufiart.-Insp., 1889 z. D.; * Apolda
2. VIII. 1827; f Berlin 11. XII. — VZ
13. XII. M.-A.; MZ 1908, 692; DZL 568.
Hellitiann, Johann, Senatspras. d. Oberst.
Gerichts- u. Kassationshofes i. Wien;
* 1836; t Wien 23. XII. — VZT; HJ 1908,
440; OR 18, 255.
Henckel von Donnersmarck, Graf Hugo,
Haupt d. kathol. Linie d. Famiiie, Grofi-
grundbes. u. Grofiindustrieller; * Schlofi
Siemianowitz O./Schles. 31. VII. 1832;
f Schlofi Brynnek b. Tarnowitz 2. IV. —
Schles. Zt. 2. IV. A.-A.; HJ 1908, 440;
GT 1908, 368.
Henke, Georg, Generalm. z. D., Ritter d.
Eisern. Kreuzes 2. Kl., bis 1898 Kommand.
d. 78. Inf.-Reg.; * 1843; t Tennelbachthal
18. I. — VZ 22. I. M.-A.; IZ 130, 169;
MZ 1908, 48.
Henning, Otto, Hrsg. d. Greizer Tagebl.,
friih. Hofdruckereibes., Ehrenburger d.
Stadt Greiz, Mitgl. d. Gemeinderates u.
Landt.-Abg., 1887—90 M. d. R. (Reichs-
partei); * 27. II. 1833; f Greiz 28. XII. —
VZ 28. XII. A.-A.; Hirth, Dtsch. Parlam.-
Almn. 16. Ausg., 166.
♦HenningS, Paul, Prof., Kustos a. Botan.
Garten i. Dahlem; * Heide i. Hoist. 27. XI.
1841; f Berlin 14. X. — BJ XIII, 101
(E. Roth); GK 1909, 336; IZ 131, 1120;
NR 1908, 647 (G. Lindau).
Herbert, Otmar, Schauspieler a. d. Koburg-
Goth. Hofbiihne; * Kes9elstadt b. Hanau
22. VIII. 1837; t Koburg 5. V. — VZ
7. X. M.-A.; T 332 (P); NTA 1910, 154;
EG 419.
Hermann, Julius, k. k. Oberbaurat, Dom-
baumeister i. Wien, Leiter d. Restaurations-
arbeiten a. d. Stephanskirche; * Wien
2. V. 1848; t das. 1. III. — VZT; IZ 130,
441; DBZ 42, 128.
Hermann, Leo (Pseud.: Friedrich), Schau-
spieler a. Hofburgtheater i. Wien, Hilfs-
spielleiter von 1871 — 1877, spater Lehrer
am Wiener, dann a. Sternschen Konser-
vatorium i. Berlin; * Wien 6. V. 1842;
f das. 2. VIII. — NTA 1909, 172; EG 289.
Herter, Erwin, Privatd. f. physiolog. Chemie
a. d. Univ. Berlin; * Berlin 21. X. 1849;
f das. 9. IV. — VZ 11. IV. M.-A., 12. IV.
M.-A.; Chronik d. Univ. Berlin Jg. 22, 8.
Hertzer, Hugo Ottomar, Dr. phiL, Geh. Reg.-
Rat, Prof. d. darst. Geometrie a. d. Techn.
Hochsch. i. Berlin, bek. Methodiker d.
Zeichenunterrichts; * Aschersleben 10. IV.
1831; f das. 15. XI. — VZ 17. XI. M.-A.;
Dtsch. Schule 12, 12, 777; PF 4, 1, 627;
KL 1908, 660 (W); Progr. d. Techn.
Hochsch. z. Berlin 1909/10, 155 — 157.
Herzfeld, Franz (Pseud: Franz Held), Epeo-
u. Dramendichter, Stuxmer u. Dr&nger
d. jungs ten Deutschlands, Angehoriger d.
Dichterkreises, dessen Haupt Arno Holz
4 i*
Totenliste 1908: Hesch — Hottenroth.
42*
war, seit 1890 i. geistiger Umnachtung;
* Dusscldorf 30. V. 1862; f Munchen
4. II. — VZT; HJ 1908, 441; IZ 130, 374;
LE 10, 886; BR 2, 148.
Hesch, Wilhelm, Kammersanger a. d. Wiener
Hofoper, erst i. Prag, spater bei Pollini i.
Hamburg, seit 1895 u Wien; * Elbsteinitz
i. Bohm. 3. VII. i860; f Wien 4. I. — VZ
4. I. A. -A.; NFP 4. I. A.-BL; IZ 130, 105;
HJ 1908, 441; NTA 1909, 154/155; EG
427; NMZ 29, 8, 184.
HcB, Oskar, Wirkl. Geh. Kriegsrat i. Kriegs-
minist.; * 1853; f Berlin 13. IV. — VZ
15. IV. M.-A.; OA 1906/07, 489.
Hetlberger, Antonie, geb. Landes, ehem.
Opernsangerin; * Munchen 22. X. 1835;
f Strafiburg i. E. 24. IV. — NTA 1909, 165.
Hewald, Max Ernst Frh. von, bek. Luft-
schifler, Forderer d. Pferde- u. Luftballon-
Sports; * Schoneberg b. Berlin 10. III.
1865; t das. x 7- VI. — W 26, 1 1 10, 1 1 16
(P); FT 1908, 328.
Heydebrand u. d. Lasa, Wilhelm Viktor von,
Dr. iur. % WGRat u. Reg.-Pras. a. D.,
1884—89 M. d. R., 1879—99 M. d. A.;
* Nassadel 26. VIII. 1849; f das. 14. III. —
VZ 16. III. A.-A.; Zs. d. Ver. f. Gesch.
Schlesiens Bd. 43 (N); Hirth, Dtsch. Par-
lam. -Almn. 15. Ausg., 162.
Hilbck, Georg Friedrich Alexander,
fruh. Bergwerksdirektor, Vorst. -Mitgl. d.
Knappschaftsgenoss. u. d. allgem. Knapp-
schaftsvereins Bochum, nationallib. M. d. A.
u. ehem. M. d. R.; * Lippstadt i. Westf.
17. XII. 1841; t Dortmund 15. IX. —
VZ 15. IX. A.-A.; HJ 1908, 441; IZ 131,
546; RH 1898, 197.
Hirschberg, Alfons, Dr. med., Sanitatsrat;
* Baumgarten, Kr. Frankenstein 19. VI.
1855; t Dtsch. Lissa 27. IX. — JSG 1908
Nekr., 8/9.
Hirschhom, Fritz, Kommerzienrat, Senior-
chef d. Tabakfabrik Julius Hirschhorn,
Mitbegr. u. Vors. d. Dtsch. Tabakvereins ;
t Mannheim 3. II. — HJ 1908, 441.
Hlrschmann, Julie, geb. Langhoff, Jugend-
schriftstellerin; * Berlin 1. II. 18 12; f das.
8. VIII. — W 33, Hi8; P Y 1, 359/60 (W).
HIrt, Wilhelm, Rittergutsbes., kons. M. d.A.;
* Cammerau, Kr. Schweidnitz 26. X. 1847;
t das. 20. VI. — VZT; HA 1908, 392.
Hirzel, Christoph Heinrich, Dr. phiL, fruh.
a. o. Prof. d. Chemie a. d. Univ. Leipzig,
ehem. Direktor d. polytechn. Ges., Schweiz.
Konsul; * Zurich 1828; f Leipzig 15. XI. —
VZ 22. XI. M.-A.; LZ 1908, 157 1.
Hirzel, Heinrich Paul, frtih. Pfarrer, spater
Pras. d. Stadtschulpflege, lange Jahre
Mitgl. d. Gross. Stadtrates u. d. Kan tons -
rates, Mitgl. d. Ziiricher Antiqu. Ges.;
* Leipzig 26. IV. 1831; f Zurich 21. VI. —
ASG Jg. 40, 500 (W).
Hobbing, Martin, ausgez. Gesangspadagoge,
Dirigent d. Bremer Lehrergesangvereins,
Komponist von Liedern u. Chorgesangen;
* Greetsiel i. Ostfriesl. 13. V. 1842; f Bremen
16. III. — AMZ 1908, 272.
Hochstrasser, Kandid, Schweiz. Nationalrat;
* 22. XL 1846; f Willisau 31. XII. —
VZT; HJ 1908, 441.
Hock, Jakob Emil, Musikpadagoge i. Prag f
d. letzte d. »Davidsbiindler*; * Prag
31. XII. 1823; f das. 26. IX. — VZ 2. X.
M.-A.
Hdnigl, Dominik, k. Rat, infulierter Abt d.
Stifts Seidenstetten u. Senior d. Abte d.
Benediktinerordens; * 9. IV. 1833; t Seiden-
stetten 22. IX. — HJ 1908, 441.
Hoffmann- DornbllSCh, Luise, Schauspielerin;
* 16. V. 1864; t Berl » n *9. VIII. — NTA
1909, 172.
Hoheisel, Florian, Erzpriester, Mitgl. d.
Zentr. u. d. Hauses d. Abg.; * Dittmanns-
dorf, Kr. Neustadt 3. V. 1847; f Schweid-
nitz 10. V. — VZ 11. V. A. -A., 12. V.
M.-A.; WI 3, 591; HA 1904, 323.
*Holleben, Ernst Albert Ludwig von, Dr. iur. y
Oberlandesger.-Pras. a. D., Kronsyndikus,
Kanzler i. Konigr. Preufien, Mitgl. d.
Herrenh.; * Coblenz 15. IV. 181 5; f Kassel
25. IV. — BJ XIII, 138 (H.Diez); VZ
25. IV. A.-A.; T 190 (P); IZ 130, 883; HJ
1908, 441; WI 3, 596; HH 1904, 323.
Holtze, Friedrich Wilhelm, Prof., Geh. Reg.-
Rat, Ehrenvors. d. Vereins f. Gesch. d.
Mark Brandenburg; * Berlin 30. I. 1820;
f das. 2. VI. — Forsch. z. Brandbg. u.
Preufl. Gesch. Bd. 21, H. 2, S. 1— 35
(F. Holtze).
Holzhausen, Georg Frh. von, preuB. Kam-
merh., Groflgrundbes, i. Bayern u. Oster-
reich, bek. als Bes. d. grofien Parks u.
Familienstammgutes »die Ode« i. Norden
v. Frankf. a. M. u. durch seine groOen
Jagdfahrten i. Asien u. Afrika; * Frank-
furt a. M. 11. III. 1841; f Munchen 4. III. —
VZ 5. III. M.-A.; IZ 130, 441; HJ 1908,
44i; WI 3, 599; FT 1908, 343.
Homeyer, Paul, Prof., Organist a. Gewand-
haus i. Leipzig, Meister d. Orgelspiels,
Lehrer a. Konservat. i. Leipzig; * Oste-
rode i. H. 26. X. 1853; f Leipzig 27. VII. —
T 275 (P); W 31, 1330; IZ 131, 241 (A.
Smolian m. P); HJ 1908, 441; WI 3, 600;
NMZ 29, 23, 504; R 582.
Horny, Anton, Dr. iheol. y Praia t, Dom-
dechant zu St. Stephan i. Wien; * 28. IV.
1824; f Wien 12. X. — HJ 1908, 441.
Hottenroth, Ernst, Prof., Bildhauer; * Frank-
furt a. M. 1872; t Dresden 27. II. — VZ
27*
43*
Totenliste 1 908 : von der Hude — Janssen.
44*
29. II. A.-A.; IZ 130, 504 Qi m. P); Kchr
19, 324-
Hude, Hermann von der, Geh. Baurat;
* Liibeck 2. VI. 1830; | Berlin 4. VI. —
VZ 5. VI. A.-A.; T 225 (P); W 24, 1022;
DBZ 42, 324; MS 2, 212.
HUbschmann, Johann Heinrich, Prof. d.
vergl. Sprachwiss. a. d. Univ. Straflburg;
* Erfurt 1. VII. 1848; f Strafiburg 21. I. —
IZ 130, 334; HJ 1908, 441; KL 1908, 722
(W); WI 3. 609 (W).
HUfner, Gustav von, Dr. med. et rer. nat. t
Prof. d. angew. spez. physiolog. Chemie
a. d. Univ. Tubingen, Vorst. d. physiolog. -
chem. Institute, Senior d. naturw. Fakultat;
* Kostritz 13. V. 1840; t Tubingen 14. III.
— VZ 16. III. A.-A.; IZ 130, 583; MMW
55, i f 916—919 (K. Burker); WI 3, 609;
PF 4, i f 670 (W); WJ 1908 Nekr.; Hoppe-
Seyler's Zs. f. physiolog. Chemie Bd. 58,
1—38 (R. v. Zeynek).
Hiiben-Haeseler, Dietrich Graf von, General
d. Inf., Generaladjutant Wilhelms II., Chef
d. Militar-Kabinetts; * Berlin 13. II. 1852;
f Donaueschingen 14. XI. — 1869 Eintritt
in d. Armee, 1870/71 Eis. Kreuz 2. Kl. f
1878 Premierlt., 1881—82 topogr. Auf-
nahmen i. d. Umgcgend v. Athen, 1882
Hauptm. i. Gr. Generalstabe, 1888 Major,
1889 Flugeladjutant, 1890 z. Dienstleistung
b. Militar-Kabinettkommand., 1893 Oberst-
leutnant, 1894 in d- Grafenstand erhoben
u. z. Botschaft i. Wien kommand.. 1895
Oberst, 1899 Generalm. u. Chef d. Generalst.
d. Gardekorps, Chef d. Militar-Kabinetts,
1902 Generallt., 1906 General d. Inf. —
NZ 16. XI. A.-A.; T 362 (P); NFP 17. XI.
M.-Bl. (D. Personlichkeit des Graf en
H.-H.); IZ 131, 892 (P); W 47, 2022, 2025
(P); HJ 1908, 441; GT 1908, 404; MZ
1908, 637.
Huettier, P. Georg, Musikschriftsteller, seit
1874 Musikdirektor d. Stifts Krems-
munster; * 24. VI. 1837; f Kremsmunster
21. I. — HJ 1908, 441.
Huethe, Julius Alexander, Marine-General-
arzt a. D., bis 1894 Chefarzt d. Marine-
station d. Ostsee; * Heilsberg, Kr. Konigs-
berg 19. IX. 1833; t Capri 1. I. — VZ
6. I. A.-A.
Hugo, Karl von, General d. Inf. z. D.;
* Hildesheim 20. XI. 1845; f Berlin-
Wilmcrsdorf 6. XI. — 1865 Eintritt in d.
hannov. Armee, 1867 in d. preuO. Armee,
1870/71 Eis. Kreuz 2. Kl., 1870 Premierlt.,
1876 Hauptm. i. Gr. Generalstabe, 1884
Major, 1890 Oberstlt. u. Chef d. Generalst.
d. 4. Armeekorps, 1893 Oberst, 1896
Generalm., 1902 Gouverneur v. Ulm, 1903
General d. Inf. u. Gen.-Insp. d. Milit.-
Erziehungs- u. Bildungswesens, 1906 z. D.
— NZ 7. XL M.-A.; W 46, 1980; MZ
1908, 623.
Huhn, Alexander von, Journalist, seit 1890
Mitarb. d. Voss. Zeitung, bes. Feuilletonist,
friih. russ. Offizier, dann Publizist i.
San Francisco; * Riga 14. V. 1852; -f Berlin
25. III. — VZ 26. III. M.-A.
JacobI, Hermann, Ehrenmitgl. d. Mann-
heimer Hofbuhne, Veteran d. Schauspiel-
kunst, Mitbegr. d. Genossenschaft Dtsch.
Buhnenangehoriger; * Berlin 19. IV. 1840;
t Mannheim 6. III. — VZT; IZ 130, 441;
NTA 1909, 180; EG 467.
Jacobsetl, Johann, Rentner, Stifter d. Marga-
rethen-Spende — eines Schrankes, der die
verschiedenartigsten Gebrauchsgegenstande
fur die Krankenpflege enthalt — die heute
in fast 400 Orten zu finden ist; * Moll-
mark b. Sorup 7. XL 1829; f Norder-
brarup, Kr. Schleswig 28. III. — Kieler Zt.
30. III. A.-A.; Personl. Mitt.
Jacusiel, Jakob Kaspar (Pseud.: Kaspar
Immerwahr), Sanitatsrat, Schulhygieniker,
Griinder d. Vereins f. arztliche Nachhilfe,
Verfechter d. freien Arztewahl, Schrift-
steller; * Berlin 21. III. 1849; fdas. 20. VIII.
— VZT; Allg. Zt. d. Judent. 1908, Beil.
Nr. 36.
Jahn, Eduard, Kartograph d. k. k. Geolog.
Reichsanst. i. Wien; * Romerstadt i.
Mahr. 5. V. 1823; f Wien 1. IV. — GK
!9°9, 337; Verh. d. k. k. Geolog. Reichsanst.
7i 139.
Jahflke, Hermann, Schriftsteller, friih. 40
Jahre Volksschullehrer i. Berlin, Biograph
Reuters, Hrsg. seiner Werke u. Verf. von
Dramatisierungen Rcuterscher Werke,Begr.
u. Ehrenvors. d. Dtsch. Lehrer-Schrift-
stellerbundes; * Wintersfelde b. Greifen-
hagen i. Pomm. 20. IV. 1845; f Potzscha
b. Wehlen i. Dez. — VZT; LE 11, 606;
HJ 1908, 442; BR 2, 224; KL 1908,
739 (W).
Jan, Hermann Ludwig von (Pseud.: Hermann
Ludwig), Prof., Privatgelehrter, elsass.
Kultur- u. Musikhist., Novellist u. Obers.;
* Frankfurt a. M. 22. V. 1851; f Ka P
Pendennis, Scilly-Inseln 13. X. — KL
1909. 55*i 1908, 740 (W); HJ 1908, 442.
Janecke, Max, Schauspieler; * Berlin 27. X.
1881; f Dessau 8. IX. — NTA 1909, 173.
Janke, Emil, ehem. Wurtt. Hofschauspieler;
* Danzig 22. VI. 1857; f Stralau 25. II. —
NTA 1909, 158; EG 829.
Janssen, Peter, Prof., Direktor d. Kunst-
akad. i. Dusseldorf, Mitgl. d. Akad. d.
Kiinste i. Berlin, einer d. hervorr. Maler
religioser StofTe; * Dusseldorf 12. XII. 1844;
t das. 19. II. — VZ 20. II. M.-A.. 7.MV.
45"
Totenliste 1908: Jeitteles — Karsten.
4 6*
M.-A. (Gedenkfeier f. P. J. i. d. Kunstakad.);
KVZ 21. II. Mitt.-A.; IZ 130, 351/52
(Drossong m. P); HJ 1908, 442; WI 3,
632; DZL 673; MS 2, 258; Kchr 19, 295;
BMW i, 609/10 (W); Christl. Kunst April
1908, Beil. 71 ; Kraeger, P. J. z. Gedachtnis.
Diisseldorf 1908; Westerm. Monatsh. April
1908, 163 (P); Velh. u. Klas. Monatsh.
April 1908, 308 (P); BZ 22, 144 [Christl.
Kunstbl. f. Kirche, Schule u. Haus 1908,
186 (P. J.-Feier i. Diisseldorf); Dtsch.
Tagcszt. Beil.: Zeitfragen Nr. 9; W Nr. 10
(N. Board); Turmer Mai 1908, 265 — 276
(K. Storck)].
Jeitteles, Adalbert, Germanist, friih. Univ.-
Bibl.- Vorst. i. Innsbruck; * Wien 20. VIIL
1831; f Graz 28. II. — KL 1909, 55*,
1908, 748; LZ 1908, 386.
Jensen, Friedrich Otto Heinrich, Geh.
Justizrat, Landgerichtsdirektor i. Aurich;
* Kopenhagen 29. VIIL 1819; f Aurich
3. I. — Beim Tode Friedrichs VIIL ge-
horte er d. Gliickstadter Obergericht an
u. verweigerte Christian IX. den Eid.
Wurde 1864 Leiter d. Innern in d. neu
gebildeten schlesw.-hoist. Regierung u.
einer d. vertrautesten Ratgeber d. Herzogs
Friedrich. Spater wurde er Mitgl. d.
Konstit. Reichst. d. Nordd. Bundes u. d.
Dtsch. Reichst. — VZ 8. 1. M.-A.; Kieler
Zt. 6. I. A.-A.; IZ 130, 169; HJ 1908, 442;
Hirth, Dtsch. Parlam.-Almn. 5. Ausg. 67.
IlllllleTlliami, Ferdinand, Dr. pkil. % Assist.
a. d. Kgl. Biolog. Anst. auf Helgoland,
wiss. Hilfsarbeiter f. d. intern. Meeres-
forschung; f Helgoland 8. X. i. 40. Lebensj.
— Mitt. d. Dtsch. Seefischerei-Vereins
1908, 527.
Immerwahr, Kaspar (Pseud.) s. Jacusiel, Jakob
Kaspar.
*Inama-Stemegg, Karl Theodor von,
WGRat, Prof., Dr. d. Staatswiss. u.
Dr. iur. h. c, Pras. d. k. k. Statist. Zentral-
kommission i. Wien, Mitgl. d. Herrenh.;
* Augsburg 20. I. 1843; t Innsbruck 28. XL
— BJ XIII, 116 (E. Mischler); VZ 1. XII.
M.-A.; W 49, 2108, 21 14 (P); IZ 131, 1062,
1065 (P); HJ 1908, 441 ; KL 1908, 756 (W);
Zs. f. Volkswirtsch., Sozialpolitik u. Verw.
Bd. 17, H. 6; Wiener statist. Monatsschr.
N. F. 13, 10; GK 1909, 337; AF 1908, 482;
DRG 31, 184; Sitzungsber. d. K. Bayer.
Akad. d. Wiss. 1909, 33*; Dtsch. Ge-
schichtsbl. Bd. 10, 107 — 113 (H. v. Srbik);
Vierteljahrsschr. f. Sozial- u. Wirtschafts-
gesch. Bd. 7, 167 — 171 (G. v. Below).
*Innhausen und Knyphausen, Edzard Furst
zu, WGRat, Pras. d. Herrenh., M. d. R.,
Befurworter d. Cumberl. - Nachfolge
i. Braunschweig, Gegner d. Polen-
enteignung; * Hannover 14. XII. 1827;
t Lutetsburg 16. I. — BJ XIII, 137 (H.
Diez); VZ 16. I. A.-A.; IZ 130, 169; HJ
1908, 442; Mitt. d. Dtsch. Landwirtsch.-
Ges. 23, 26; HK 1908, 323; RH 1907,
302, 454 (P); Konserv. Kal. 1909, III (P);
WI 3, 619.
John, Paul, Geh. Ober justizrat, bis 1900
Senatspras. i. Naumburg; f Naumburg
14. VII. i. A. v. 79 J. — VZT.
JOfiak von Freyenwald, Gustav, k. k. General
d. Kav., Insp. d. Landw.-Kav.; * Olmutz
2. XL 1841; t Wien 24. II. — VZ 24. II.
A.-A.; HJ- 1908, 442; LJ 1908, 513;
Kavallerist. Monatsh. Wien Marz 1908.
Jordan, Friedrich von, Kgl. Bayer. Re-
gierungsdirektor, Vorst. d. Rechnungs-
kammer; f Munchen 24. V. — VZ 26. V.
M.-A.
Isaac, Rudolf, Stadtrat a. D., friih. Zeitungs-
verleger, Begr. d. »Neuen Zeit«; f Char-
lottenburg 30. XII. i. A. v. 78 J. — VZ
31. XII. M.-A.
Isenbart, Theodor, Landgerichts-Pras. a. D.,
Geh. Justiz-Rat; f Kiel 1. VI. — VZ 3. VI.
A.-A.
benbart f W f ilhelm, Generalm. z. D., bis 1897
Kommand. d. 71. Inf.-Reg., Ritter d. Eis.
Kreuzes 2. KL; * Hannover 15. VI. 1843;
t Coblenz 30. XL — VZ 3. XII. M.-A.;
MZ 1908, 664.
Issendorf, Franz von, Generalm. z. D., bis
1906 Kommand. d. 30. Kav.-Brig., Ritter
d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Verden 15. II.
1851; t Wiesbaden 8. X. — VZ 11. X.
M.-A.; MZ 1908, 568.
Ittenbach, Max, Dr. iur. h. r., WGRat,
Kronsyndikus, Mitgl. d. Herrenh. u. d.
Staatsrats, ehem. Generalauditeur d. Armee
u. Marine, verdient um d. Reform d.
Militargerichte u. d. Militarstrafprozesses,
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Gymnich,
Rheinprov. 18. IV. 1831 ; f Berlin 22. XL —
W 44, 1892, 1900 (P); HJ 1908, 442; MZ
1908, 595.
Kaiser, August, Prof. a. d. Landwirtsch.
Landesmittelschule i. Oberhermsdorf, Mit-
glied d. Reichsr., ehem. Vize-Pras. d.
Abg.-H.; * Wien 1850; f Jauernig 7. IV. —
NFP 8. IV. A.-BL; HJ 1908, 442.
Karsten, Gustav, Prof. d. dtsch. u. Leiter d.
modern -sprachl. Abt. d. Staatsuniversitat
% von Illinois, Begr. d. Journal of English
and Germanic Philology; * Petershagen-
feld, Westpr. 22. V. 1859; f Urbana, 111.
28. I. — AZB 1908, Nr. 31; IZ 130, 410;
HJ 1908, 443; LE 10, 818; DAG 8, Nr. 2,
64/65.
Karsten, Hermann, Dr. phil., friih. Prof. d.
Botanik a. d. Univ. Berlin, Durchforscher
47*
Totenliste 1908: Katz — Klein.
48*
Venezuelas u. Colombias; * Stralsund
4. XI. 1817; f Berlin-Grunewald 13. VII. —
VZT; GK 1909, 338; DRG 3°. 135/137;
PF 4, 1, 1229 (W).
Katz, Hermann, Red. d. ^Bohemia* i. Prag,
Korresp. d. NFP; f Prag 10. XI. i. A. v.
57 J. — VZ 10. XL A.-A.; LZ 1908, 1539.
Kauffmann, W r ilhelm, Seniorchef d. Wollen-
weberei Aktienges. Meyer-Kauffmann i. W M
Vors. d. Aufsichtsr. d. Aktienges. Laubaner
Tonwerke; * Schweidnitz 31. V. 1838;
f Wiistegiersdorf 3. IV. — JSG 1908
Nekr., 9/10.
Katlfrnann, Fritz von, Rittergutsbes., seit
1898 M. d. R. t Hosp. d. Nationallib.;
* Steuerwald b. Hildesheim 9. I. 1854;
f Linden 17. VII. — VZT; HJ 1908, 443;
RH 1907, 300, 493 (P); WI 3t 662.
Kaufmann, Richard von, Dr. iur. et phil. f
Geh. Reg. -Rat, Prof. d. Nationalokonom.
a. d. Techn. Hochsch. i. Berlin; * Koln
29. III. 1849; f Berlin-Charlottenburg
12. III. — VZ 15. III. M.-A.; HJ 1908,
443; 12 130. 583; Kchr 19, 344; WI 3, 663.
Keller, Kilian, Okonomierat, friih. nationallib.
M. d. R.; * Giebelstadt b. Wiirzburg
5. IX. 1839; t Wiirzburg 27. VIII. — VZ
28. VIII. M.-A.; RH 1890, 198.
Keller, Philipp, Gutsbes., M. d. R., bei keiner
Partei; * Spiesheim i. Hessen 4. IX. 1858;
f Steinbockenheim 20. XII. — VZ 22. XII.
M.-A.; IZ 131, 1219; HJ 1908, 443; RH
1907. 3 0I » 515 (P)-
Kenkel, Heinrich, Schauspieler, Hauptni.
i. Sezessionskriege ; * Versta i. Oldenburg
27. I. 1825; f Milwaukee 10. VI. — DAG
8, H. 3, 127.
Keppler, Friedrich, Dr. med., hervorr. Arzt,
Begr. d. operativ. Gynakologie i. Italien,
Griind. d. Stadtambulanzen z. Besten
armer Kranker i. Venedig, Pras. d. dtsch.
Kolonie i. Venedig; * Balingen i. Wurtt.
1841; f Venedig 25. II. — MMW 55, 1, 656;
AZB 1908, Nr. 47.
Ketelhodt, Robert Frh. von, Sachs. -Cob.-
Goth. Geh. Staatsrat u. Minist. d. Hzgl.
Hauses a. D.; * Rudolstadt 17. X. 1836;
t Gotha 7. VI. — VZ 10. VI. A.-A.; FT
1908, 378.
Kette, Hermann, Dr. iur., WGOberreg.-
Rat, ehem. Generalkommissions - Pras. i.
Kassel, auch als Buhnendichter bek.;
* Einwinkel 13. II. 1828; f Steglitz
29. XII. — VZ 2. I. 09 A.-A.; HJ 1908, 443.
Kettner, Waldemar, Generally z. D., zul.
Kommand. d. 83. Inf.- Brig., Ritter d.
Eis. Kreuzes 2. KL; t Erfurt 17. II. —
VZ 20. II. A. -A., 21. II. M.-A.; MZ 1908,
117.
Kielhom, Lorenz Franz, Dr. h. c. mehrerer
engl. Univ., Prof. a. d. Univ. Gottingen,
Sanskritist u. Indologe, korresp. MitgL
d. Akad. d. Wiss. zu Berlin u. Munchen,
Begr. d. ^Bombay Sanskrit Series*;
* Osnabruck 31. V. 1840; f Gottingen
19. III. — VZ 20. III. M.-A.; HJ 1908,
443; IZ 130, 583; WI 3, 678 (W); Sitzungs-
ber. d. K. Bayer. Akad. d. Wiss. 1909, 32*;
Chronik d. Univ. Gottingen f. 1907, 6
(J. Wackernagel); Nachr. d. kgl. Ges. d.
Wiss. z. Gottingen. Geschaftl. Mitt. 1908,
63—84 (J. Wackernagel).
KJeiz, Gustav Adolf, Dr.phil.h.c, friih.
Architekt, dann Bildhauer, Lieblingsschiiler
Ernst Rietschels; * Leipzig 26. III. 1826;
f Laubegast b. Dresden 25. VI. — VZT;
IZ 131, 99/100 (N m. P); Kchr 19, 511;
MS 2, 335; Kietz, Erinnerungen. Dresden
1905.
Kifltzlt, Fritz, Generaldirektor d. Abt.
Rote Erde d. Gelsenkirchener Aktien-
gesellschaft, einer d. energischsten Vor-
kampfer f. d. Einfuhrung d. Thomas-
prozesses i. Deutschland., Vorst.-Mitgl. d.
Vereins Dtsch. Eisenhuttenleute u. Mitarb.
d. dtsch. Normalprofilbuches f. Walzeisen;
* Karlingen i. Luxemburg 19. I. 1852;
t Aachen 19. II. — JSTG 1909, 99; DBZ
42, 180.
"KJrchhoff, Johann W'ilhelm Adolf, Geh.
Reg.-Rat, Dr. phil., Prof. d. vergl. Sprach-
wiss. a. d. Univ. Berlin, hervorr. auch
in d. Inschriftenkunde u. Kritik d. griech.
Schriftsteller, Mitgl. d. Akad. d. Wiss.;
* Berlin 6. I. 1826; f das. 27. II. — BJ
XIII, 266 (R.Weil); VZ 28. II. M.-A.;
HC 29. II. M.-A.; AZB 1908, Nr. 34;
IZ 130, 397/398 (W. Bannier m. P); HJ
1908, 443; WI 3, 684 (W); Chronik d.
Univ. Berlin Jg. 21, 7.
Kirchner, Theodor, Dr. iur., friih. Advokat,
dann Kanzlei-Direktor a. d. dtsch. Univ.
i. Prag, Verf. belle tr. u. wiss. Werke;
* Karolinental 5. IX. 1862; f Prag 26. I. —
Dtsch. Arbeit 7, 5, 328 u. 7, 7, 462/464 (R.
Frh. v. Prochdzka); KL 1908, 818 (W).
Kly, Viktor, Prof., Lit.-Hist. u. Journalist;
* Ortelsburg 1. III. 1837; f Elberfeld 1. I. —
KL 1909, 55*, 1908, 822.
Klein, Max, Prof., Bildhauer; * Gdncz i.
LTngarn 27. I. 1847; f Berlin-Grunewald
6. IX. — VZ 8. IX. M.-A. ; NZ 7. IX. A.-A. ;
T 303 (P); IZ 131, 425, 462/63 (N m. P);
MS 2, 348; Kchr 19, 602; WI 3, 692 (W);
Westerm. Monatsh. Nov. 1908, 320 (P).
Klein, Wilhelm, WGOberreg.-Rat, Dr. iur.,
1882 — 1905 Landeshauptm. d. Rhein-
provinz, Mitgl. d. Herrenh.; * 15. VIII.
1834; f Vianden i. Luxemburg 22. VIII.
- VZ 25. VIII. A. -A.; HJ 1908, 443-
49*
Totenliste 1908: Klemperer — Krasnopolski.
50*
Klemperer, Felix, Vors. i. Direktorium d.
Bcrl. Maschinenbau-Aktienges., friih. Di-
rektor d. Firma F. Krupp A.-G., Gruson-
werke b. Magdeburg; * Prag n. VI. 1853;
f Semmering b. Wien 9. I. — JSTG
1909, 96.
KUflkhardt, Robert Julius, Verlagsbuch-
handler, Seniorchef d. Firma Julius Klink-
hardt; * Leipzig 16. I. 1841 ; f das. 6. III. —
VZ 10. III. M.-A.; IZ 130, 441; HJ 1908,
443.
Klonne, August, Fabrikbes. u. Pferdeziichter,
Besitzer d. bedeutendst. Gestuts Westfalens
i. Unna u. einer Flachrennbahn i. Hoppe-
garten; * 21. VIII. 1849; f Unna 30. XII.—
HJ 1908, 443.
Kk>B f Karl, Wiirtt. sozialdemokr. Landt.-Abg.,
friih. M. d. R., Gemeinderat i. Stuttgart;
* Berlin 15. IV. 1847; f Hamburg 11. II. —
MAZ 13. II. Vorabd.-Bl.; RH 1898, 212;
WJ 1908 Nekr.
KKiber, Friedrich von, Generalm. z. D.,
bis 1886 Kommand. d. 23. Drag.-Reg.,
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Karlsruhe
i. B. 9. IV. 1833; t Baden-Baden 23. XII. —
VZT; MZ 1909, 7-
Kfiaack, Heinrich, Generalm. z. D„ bis 1890
Kommand. d. 13. Feld-Art.-Reg., Ritter
d. Eis. Kreuzes 1. Kl., Verf. militar.
Humoresken; * Gnesen 9. IX. 1836;
t Lausanne 30. VI. — VZT; MZ 1908, 397.
Kflirsch, Augustin, Direktor d. Stadttheaters
zu Steyr; * Reichenberg i. B. 4. VII. 1852;
f Steyr 4. I. — NTA 1909, 155.
KnobebdOlff, Wilhelm von, Generalm. z. D.,
bis 1876 Kommand. d. 1. Gren.-Reg.,
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL, einer der
bek. Kenner u. Forderer d. herald. Wiss.,
Historiograph d. Familie von Knobels-
dorff; * Pr.-Stargard 26. VII. 1826;
f Hannover 25. I. — VZ 28. I. M.-A.;
MZ 1908, 61/62.
KnOfT, Josephine Freiin von, Dichterin;
* Wien 16. IV. 1827; t Schl. Stiebar i.
Niederosterr. 30. V. — W 23, 980; HJ
1908, 443; KL 1908, 844 (W); BR 2, 307;
PY 1, 439 (W).
Koch y Julius Ludwig August, Dr. med. %
Medizinalrat, ehem. Direktor d. k. Wurtt.
Irrenanst. Zwiefalten; * Laichingen 4. XII.
1841; f Zwiefalten 25. VI. — WJ 1908
Nekr.; OA 1908/09, 774.
Koeberle, Justus Adolf, Dr. theol, Prof. f.
alttestamentl. Exegesc u. jiid. Religions -
gesch. a. d. Univ. Rostock, auch auf d.
Gebiete d. alten Kulturgesch. schriftst.
tatig; * Memmingen i. Bayern 27. VI.
1871; t Rostock 6. II. — VZ 9. II. M.-A.;
IZ 130, 334; HJ 1908, 444; WI 3, 711 (W);
KL 1908, 846 (W); Jahresber. d. Univ.
Rostock 3, 8; Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt.
1908, 1070/73 (E. Frh. v. d. Goltz), 1095/98,
1120/23 (A. Rehm), 1142/46, 1165/69 (W.
Caspari), 1 193/99, 1225/27, 1252/54 (Wal-
ther); TJ 28, Abt. 8, 544; KJ 1909, 631;
Ev. Kirchen-Zt. 1908, Nr. 18 (Wilke, K.
als Theologe).
Komlcke, Friedrich, Dr.phiL, Geh. Reg.-
Rat, Prof. a. d. landwirtsch. Akad. Bonn-
Poppelsdorf; * Pratau b. Wittenberg
29. I. 1828; f Bonn 16. I. — VZ 19. I.
M.-A.; LZ 1908, 143; Mitt. d. Akad.
Kohl), Maximilian, Dr.phil, Oberl., Biblio-
graph, Lit.- u. Kulturhist.; * Posen 15. X.
1847; f Hamburg 21. I. — KL 1909, 55*.
1908, 857 (W).
KoWewey, Karl Christian, Geh. Admiralitats-
rat, Abteilungsvorst. d. dtsch. Seewarte
a. D.; * Biicken, Grafsch. Hoya i. Hannov.
26. X. 1837; f Hamburg 17. V. — VZ
20. V. M.-A.; IZ 130, 1216 (Hesselbarth
m. P); G 94, 17; GK 1909, 338/39; DRG 30,
472; WI 3, 725; Dtsch. Geogr. Bl. 31, 141
(M. Lindemann); GZ 14, 411; L 44, 6, 62;
GA 9, 161; Zs. f. Schulgeogr. 29, 307/09;
Annal. d. Hydrogr. u. Marit. Meteorol. 36,
237 (E. Herrmann u. v. Hasenkampf);
Mitt. d. Geogr. Ges. i. Hamburg 23, 299.
Koller, Emil, a. 0. Prof. d. engl. u. franzos.
Spr. u. Lit. a. d. Techn. Hochsch. i. Stuttg. f
Vorst. d. Bibliothek; * Speicher, Schweiz
10. I. 1852; f Stuttgart 10. VII. — JB
4. 74, 7, 136; WJ 1908 Nekr.
Kopisch, Karl Gustav, Stadtrat, Stadtalt.
u. Handelsrichter, Vors. d. Verwaltungsrats
d. Breslauer Konsum-Vereins, d. grQflten
derartigen Genoss. auf d. Kontinent, Nefle
d. Dichters Aug. Kopisch; * Breslau
2. V. 1830; t das. 28. I. — VZ 28. I. A.-A.;
JSG 1908 Nekr.. 10/11.
Koppel, Artur, Kommerzienrat, Begr. u.
Generaldirektor d. nach ihm benannten
Aktienges. f. Feld- u. Kleinbahnen i.
Berlin; * Dresden 14. III. 1851; f Baden-
Baden 12. V. — T 205 (P); Pers. Mitt.
Kotehnann, Ludwig, Dr. med., fruh. Hamb.
Augenarzt, Begr. d. »Zs. f. Schul-Gesund-
heitspflege*; * Demmin i. Pomm. 29. VIII.
1839; f Usenburg i. H. i. Aug. — T 280
(J>); Zs. f. Schulgesundheitspflege 1908,
Nr. 10 (L. Burgerstein).
♦Kotschenreiter, Hugo, Genremaler; * Hof
6. I. 1854; f Munchen 22. IV. — BJ XIII,
110 (H. Holland); IZ 130, 811 (G. J.
Wolff m. P).
♦Kramer, Josef von, Prof., Bildhauer;
* Augsburg 26. V. 1841 ; t Munchen 28. V.
— BJ XIII, 111 (H. Holland); Kchr 19,
490.
*KraSf10potskl, Horaz, Hofrat, Dr. iur., Prof.
51*
Totenliste 1908: Krasselt — Ladenburg.
52*
d. Zivilrechts a. d. dtsch. Univ. Prag;
* Pistin i. Galizien 5. XL 1842; f Gmundcn
29. VIII. — BJ XIII, 229 (C. Klatscher);
VZ 29. VIII. A.-A.; NFP 29. VIII. A.-B1.;
T 302 (P); Dtsch. Arbeit 8 t 1, 69 u. 8, 4,
278/82 (Ulbrich m.P); H J 1908, 444; Jurist.
Bl. Jg-37, 427 (E. Lohsing); Allgem.
Osterr. Gerichtszt. 1908, Nr. 42.
Krasselt, Alfred, Grofih. Weim. Hofkonzert-
meister, hervorr. Geiger; * Glauchau
3. VI. 1872; t Weimar 27. IX. — VZ 28.
IX. A.-A., 29. IX. M.-A.; HJ 1908, 444;
R 707; DZL 795.
*Krastel, Friedrich, k. k. Hofburgschau-
spieler u. Regisseur; * Mannheim 6. IV.
1839; t Wicn 12. II. — BJ XIII, 97
(Minor); VZ 12. II. A.-A.; IZ 130, 312/313
(P); HJ 1908, 444; NTA 1909, 157, 7 (P);
Buhne u. Welt io, 1, 502 (L. Klinenberger).
Krause, Aurel, Dr. phil, Prof., seit 1875 ak
Lehrer d. Naturwiss. a. d. Luisenstadt.
Oberrealschule i. Berlin, Forschungsre ben-
der u. Schriftst.; * Poln.-Konopat, Kr.
Schwetz i. Westpr. 30. XII. 1848; f Grofi-
Lichterfelde 11. III. — GK 1909, 339;
GA 9, 186; Dtsch. Geogr. Bl. 31, 143 (E.
Wolkenhauer).
Kretechmer, Edmund, Prof., Dirigent d.
Vokalchors d. Hofkirche i. Dresden, Kgl.
Hofkirchen-Komponist, auch Opern-Kom-
ponist; * Ostritz i. d. Oberlaus. 31. VIII.
1830; t Dresden 13. IX. — NZ 14. IX.
A.-A.; T 310 (P); IZ 131, 506 (A. Smolian
m. P); HJ 1908, 444; NTA 1909, 173;
NMZ 29, 24, 524; AMZ 1908, 652/53 (P.
Schwers); R 711; DZL 864; BZ 23, 198
[Bl. f. Haus- u. Kirchenmusik Jg. 13, n,
33—36 (O. Schmid); D. Musik Nov. 1908,
157—160 (F. A. Geifiler); Signale f. d.
musikal. Welt 1908, Nr. 38 (F. Brandes)].
Krieg, Franz, ehem. Opernsanger; * Baden-
Baden 10. V. 1841; f Berlin 20. III. —
NTA 1909, 162.
Krfes, Alexander von, Geh. Legationsrat a. D. f
bis 1907 vortr. Rat i. Ausw. Amt; * Smar-
zewo 7. V. 1866; f Berlin 19. IV. — VZ
22. IV. M.-A.; OA 1906, 674.
Krosigk, Dedo von, Generalm. z. D., bis 1901
Kommand. d. 2. Garde -Kav.- Brig., Ritter
d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Liegnitz 1. VIII.
1848; f Potsdam 23. XII. — VZT; MZ
1909, 7.
Krtiger, August Hermann, Dusseldorf.
Landschaftsmaler, bekannter Kunstkenner
namentl. auf d. Gebiete d. Theaters;
* Kottbus 6. X. 1834; f Baden-Baden
29; V. — VZ 30. V. M.-A.; W 23, 980;
MS 2, 398.
Krtise, Georg, Theaterdirektor, auch Verf.
von Einaktern u. patriot ischen Volks-
stiicken; * Neustrelitz 13. X. 1830; f Berlin-
Schdneberg 19. XII. — NZ 20. XII. M.-A.;
IZ 131, 1219; LE 11, 606; NTA 1910, 157
(N); HJ 1908, 444.
KUctlty, Peter, Erzpriester, 1890 — 93 elsass.
M. d. R.; * St. Louis, Kant. Pfalzburg
7. I. 1836; t Saarburg i. April. — VZ 22. IV.
A.-A.; RH 1893, J96.
Kiihl, Karsten, bek. Geistlicher, Fuhrer d.
kirchlich-liberalen Bewegung i. Schleswig-
Holstein, Begr. d. ^Evangel. Gemeinde-
boten« (Jg. 1. 1880); * Krumstedt, Dith-
marschen 21. X. 1842; f Nortorf 17. IV. —
Kieler Zt. 30. X. 1903 M.-A., 22. IV. 1908,
A.-A.; AL 1, 415.
Ktihn, Louis, Schauspieler, friih. Mitgl. d.
Dtsch. Theaters i. Berlin, Nestor d. dtsch.
Buhne; * Glatz 24. IV. 1816; f Berlin
10. II. — VZ 12. II. A.-A.; IZ 130, 374;
NTA 1909, 156; EG 557.
Ktihschehn, Josef, Geistl. Rat, Dechant u.
Pfarrer i. Guntersdorf, Niederosterr., christ-
lich-sozial. Reichsr.-Abg.; * 27. VII. 1855;
f Guntersdorf 11. II. — HJ 1908, 444.
*Ktinzli, Arnold, schweiz. Oberst, seit 1894
Kommand. d. 4. Armeekorps, langj. Mitgl.
d. Nationalrats, friih. Ftihrer d. radikal-
demokr., spater d. freis.-demokr. Partei,
Vertreter d. Schweiz auf d. 1. Haager
Friedenskonferenz u. bei d. Handels-
vertrags-Verh. mit Deutschland, Osterreich
u. Italien; * Riken-Murgenthal 20. VI.
1832; f das. 9. XI. — BJ XIII, 226 (A.
Frey); VZT; IZ 131, 1003 (N m. P); HJ
1908, 444.
Kultak, Friedrich, Rittm. a. D., Ritterguts-
bes., Mitgl. d. Herrenh., 1893 — 1903
M. d. A.; * Ublik i. Ostpr. 16. VI.
1855; f das. 12. IX. — VZ 14. IX. A.-A.;
T 314 (P); HA 1899, 273; HH 1904, 329.
Kunze, Fritz, WGeh. Oberreg.-Rat, friih.
Oberverwaltungsgerichtsrat, Schriftst. auf
d. Gebiete d. Verw.- u. Jagd-Rechts,
Veranst. d. Schlofifreiheit-Lotterie; * Kiel
27. II. 1842; f Berlin 8. IX. — VZ 9. IX.
M.-A.; W 37, 1592; IZ 131, 484; DJZ
1908, 1093.
KlltSCher, Karl Theodor, Generalm. z. D.,
bis 1885 Kommand. d. 7. Drag.-Reg.,
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; t Dresden-
Loschwitz 18. III. i. A. v. 76 J. — VZ
21. III. M.-A.; MZ 1908, 174.
Lacher, Karl, k. k. Prof., Direktor d. steier-
mark. kulturhist. Kunstgewerbemuseums
i. Graz; * Uttenhofen i. Bayern 23. V. 1850;
t Graz 18. I. — KL 1909, 55*, 1908, 9i7(W).
Ladenburg, Erich Robert, Privatdoz. d.
Physik a. d. Univ. Berlin; * Kiel 15. X.
1878; t Berlin 14. VI. — Chronik d. Univ.
Berlin Jg. 22, 8; PF 4, 1, 826.
53'
Totenliste 1908: Lamberg — Leitner.
54'
Lamberg, Hubert Reichsgraf von, Oberstland-
kammerer u. -jagermeister i. Osterreich
ob d. Enns, Grande v. Spanien 1. Kl.,
Magnat v. Ungarn; * 12. VIII. 1848;
t Oberndorf 21. XII. — HJ 1908, 445.
Landau, Wilhelm Frh. von. Dr. phil. % For-
schungs-Reisender, eifriger u. opferwiiliger
Forderer d. Orientforschung, Begr. d.
Vorderasiat. Ges.; * Breslau 13. IX. 1848;
t Berlin 17. XI. — VZ 19. XI. A. -A.;
W 48, 2064; AZB 1908, Nr. 123; Allg. Zt.
d. Judent. 1908, Beil. Nr. 48; GK 1909,
341; HJ 1908, 445; FT 1909, 428.
Lange, Ernst, Geh. Reg.-Rat, Burgerm. a. D.,
Ehrenburger v. Erfurt; * Suhl 18. III. 1844;
t Erfurt 19. X. — VZ 19. X. A. -A.; W 43,
1850; OA 1908/09, 858.
Lailge, Johannes, Kirchenmaler, friih. Land-
schafts-, dann Figurenmaler, Schopfer
zahlr. Altarwerke u. Kreuzwegbilder;
* Coblenz 25. III. 1823; f Aachen 19. IV. —
HJ 1908, 445; BMW 1, 804.
Langendorff, Oskar, Dr.med. % Prof. d.
Phvsiologie a. d. Univ. Rostock; * Breslau
1. II. 1853; f Rostock 10. V. — VZ n. V.
A.-A.; T 2n (P); Jahresber. d. Univ.
Rostock 3, 9; PBL 958 (W).
Langer, Edmund, Priester u. Schlofiarchivar
i. Tetschen, Bohmen, bek. durch seine
kirchenmusikal. Schriften; * 3. IV. 1834;
f Tetschen 21. IX. — HJ 1908, 445.
Langguth, Adolf, Dr. phil., Bibliothekar a. d.
Kgl. Bibliothek i. Berlin, Schriftst. auf d.
Gebiete d. Padagogik, d. Lit.-Gesch. u. d.
Biographie, Mitarb. d. VZ; * Groflge-
schwenda, Sa.-Mein. 10. IX. 185 1; f Berlin
5. II. — VZ 7. II. A.-A.; IZ 130, 334;
LE 10, 818; HJ 1908, 445; JB 7, 136;
WI 3, 778 (W); KL 1908, 930 (W).
Lanner, Kathi, Ballettmeisterin, ehem. europ.
Tanzberiihmtheit, Tochter Joseph Lanners;
* Wien 1831; f London 15. XL — NTA
1910, 155.
Larrafi, Anton, sachs. Generallt. z. D., bis
1892 Kommand. v. Dresden; * Dresden
4. XII. 1832; f das. 30. VII. — VZT;
MZ 1908, 447.
L' Arrange, Adolph, Dichter, Begr. d. Deut-
schen Theaters i. Berlin; * Hamburg 8. III.
1838; f Konstanz 25. V. — VZ 25. V. A.-A.;
T 215 (P); W 22, 936, 943 (P); IZ *3°, "01
(H. A. Revel, Intimes von u. tib. A. L'A.
m. P u. 111.); LE 10, 1324; Hochland Jg. 5,
H. 10 (J. Muth); HJ 1908, 44s; NTA
1909, 166, 4 (P); KL 1908, 933 (W); BR
2, 381; WI 3, 781 (W); Tiirmer Juli 1908.
580; Buhne u. Welt 1908, 481—488 (V.
Klemperer); LZ, Beil.: D. Schone Lit.
1908, 73 (H. Land); TRU 1908, Nr. 57
(K. Strecker, L'A. als Biihnenleiter).
Lattre, Artur von, General d. Inf. z. D., bis
1898 Direktor d. Kriegsakad.; * Berlin
31. I. 1831; f das. 4. IV. — 1851 Eintritt
in d. Armee, 1856—59 Kriegsakad., 1859
Premier-Lt., 1859 — 63 i. Gr. Generalst.,
1863 Hauptm., 1866 i. Gr. Hauptquartier,
1867 Major, 1869 — 70 Milit. -Attache* i.
Florenz, 1870/71 Eis. Kreuz 2. Kl., 1871
wiirtt. Kriegsminister, 1873 C ne * d.
Generalst. d. 5. Armeekorps, 1875 Oberst,
1 88 1 Generalm., Kommand. d. Kadetten-
schulen, 1886 Generallt. u. Direktor d.
Kriegsakad., 1890 General d. Inf. z. D. —
VZ6. IV. A.-A.; MZ 1908, 201 ;KJ 1909,632.
Lechner, Sigismund Ritter von f Bayer. WG
Kriegsrat, zul. vortr. Rat u. Sektions-
Vorst. i. Kriegsminist. ; * Bollstadt-Karlshof
30. III. 1832; f Munchen 29. VIII. — MW
1908, 3077; O A 1908/09, 870.
Leiliweber, Heinrich, Dusseldorf. Genremaler;
* Fulda26. IV. 1836; t Dusseldorf 11. II. —
VZT; MS 2, 488; BMW 1, 830 (W).
"LehtikOW, Walter, Landschaftsmaler, der
Maler der Mark; * Bromberg 25. X. 1865;
f Berlin-Grunewald 25. VII. — BJ XIII,
203 (L. Pietsch); T 267 (P); NFP 17. VIII
Nachm. Bl. (Dem Andenken W. L. s);
MAZ 1908, 376 (A. G. Hartmann); IZ 131,
194 (L. Corinth m. P), 899/904 (O. Bie m. P
u. 111.); W 31, 1330/31 (P); LE 10, 1881;
KW Jg. 21, H. 22, 239; D. Kunst Jg. 9,
H. 12 (G. J. Kern); Hochland Jg. 6, H. 11
(U.Klein); HJ 1908, 445; Jahrb. d. bild.
Kunst, Berlin 7, 76; Neue Rundsch. 1909,
Bd. 1, 149 (E. Heilbut); Kchr 19, 529 (M.
Liebermann's Rede am Sarge), 532; MS 2,
488; BMW 1, 831 (W); Nord u. Sud 127,
148 (H. Rosenhagen); WT 3, 796; DZL
858; Westerm. Monatsh. Sept. 1908,
910/91 1 (P); Sozialist. Monatsh. 1908, Bd. 3,
1235 ( A - Plehn); BZ 23, 209 [Berlin.
Architekturwelt Jg. 11, 213 (E. Schur);
Gegenwart 1908, Nr. 49 (H. Abe king, D.
NachlaB-Ausstellung i. Salon Cassierer);
KFA Sept. 1908, 546 (G. J. Kern); Kunst
u. Kunstler Jg. 6, 443 (L. Corinth); Masken
Jg- 4» 8 5 (P- Landau); TRU 1908, Nr. 179
(H. Rosenhagen)] 24, 176 [Kunst u. Kunstler
Jg. 7, 168—176 (J. Elias, Zu W. L.s
Gedachtnis)]; L. Corinth, W. L. Berlin 1910.
Leitictl, Albert, Theater- u. Kunstkritiker
a. d. »Deutschen Zt. « in Wien; * Wien
5. X. 1869; t <las. 27. VI. — VZT; IZ
*Leitner, Franz Xaver, Dr. theol., Pralat u.
Domkapitular, friih. Gencralvikar u. Ver-
trauensmann d. Bischofs von Senestrey;
* Bodenwcihr, Bez.-A. Neuenburg (Ober-
pfalz) 5. I. 1844; f Regensburg 2. VI. —
BJ XIII, 155 (Schenz); VZT; HJ 1908, 445-
4
i
55'
Totenliste 1 908 : Lenz — Liebreich.
56*
LeflZ, Gustav, Dr. phil.. Prof. a. Neuen Gym-
nasium i. Darmstadt, Fiihrer d. dtsch.
Schulvereinsbewegung, unermiidl. Forderer
u. gcwissenhafter Statistiker d. dtsch. Aus-
landsschulwesen ; * Wenings i. Oberhessen
17. XII. 1855; f GieCen 24. I. — VZT;
GK 1909, 341/42; Dtsch. Schule i. Aus-
lande 7, 51 — 56 (H. Amrhein); DE 1908,
81; WI 3, 800 (W).
Leon, Raimund Reichsritter von, Osterr.
Schauspieier, Dramatiker u. Landwirt;
* Meran 13. X. 1865; f Obermais b. Meran
25. IV. — VZT; KL 1908, 956 (W); LZ
1908, 636.
Lepel-Gnitz, Bruno von, Intendant d. Kgl.
Hoftheaters i. Hannover, kgl. preufi.
Kammerh.; * Neuendorf 16. VII. 1843;
t Berlin 11. VI. — VZ 13. VI. M.-A.;
T 228 (P); NTA 1909, 169/170; HJ 1908,
445; WI 3, 803.
Lessing, Julius, Geh. Reg.-Rat, Dr. phil.,
Prof. a. d. Techn. Hochsch., Direktor d.
Samml. d. Kunstgewerbe -Museums i. Berlin,
hervorr. Kenner d. Kleinkunst, Schriftst.;
* Stettin 20. IX. 1843; t Berlin 14. III. —
VZ 14. III. A.-A.; IZ 130, 499, 503/4
(N m. P); AUg. Zt. d. Judent. 1908, Beil.
Nr. 13; Kchr 19, 344; HJ 1908, 445;
KL 1908, 959 (W); WI 3, 805 (W); Westerm.
Monatsh. Mai 1908, 309 (P); Dtsch. Kunst
u. Dekoration Juni 1908, 199 — 208 (H.
Schmitz); Jahrb. d. Kgl. Preufi. Kunst-
samml. Bd. 29, H. 3, I — VI (P. Jessen).
Leuenberger, Rudolf, Dr. iur. h. c, Ober-
gerichts-Pras. i. Bern, 1875 — 1887 Mitgl.
d. Nationalrats u. Berichterst. i. staats-
rechtl. Angelegenheiten; * Ruderswil i.
Emmental 1830; f Bern 18. VIII. —
ASG 40, 500 (W).
Levin, Use s. Frapan-Akunian.
Levy, Gustav, Dr. med., Sanitatsrat, Chefarzt
i. Burger-Spital, Pras. d. Israelit. Konsist.
i. Straflburg i. E.; f Strafiburg 20. I. i. A.
v. 73 J- — VZ 21. I. A.-A.
Levysohn, Arthur, Dr. phil, ehem. Chefred.
d. Berl. Tagebl.; * Grunberg i. Schles.
23. III. 1841; f Meran 11. IV. — VZ 11. IV.
A.-A.; LE 10, 1169; Allg. Zt. d. Judent.
1908, Beil. Nr. 16; HJ 1908, 445.
Levy50hn 9 Ulrich, seit 24 Jahren Direktor
d. Berl. Bbrs en -Couriers; * Grunberg i.
Schles. 22. V. 1846; t Berlin 17. X. —
VZ 18. X. M.-A.; IZ 131, 752; HJ 1908,
445.
Lewinger, Maximilian, Prof., Kgl. Konzert-
meister d. Hofkapelle i. Dresden, Geiger;
* Sulk6wb. Krakau 17. III. 1870; t Dresden
30. VIII. — T 303 (P); AMZ 1908, 620;
IZ 131, 444 (N m. P); NTA 1909, 172/3;
R 765.
Leydig, Franz von, Geh. Mediz.-Rat, bis 1895
Prof. d. An at, u. Zool. a. d. Univ. Bonn,
korresp. Mitgl. d. Akad. d. Wiss.; * Rothen-
burg o. T, 21. V. 1821; f das. 11. IV. —
VZ 15. IV. M.-A.; T 182 (P); IZ 130, 1050
(0. Zacharias m. P); MMW 55, i f 888,
972/3 (O. Schultze m. P); NR 1908, 347
— 351 (R. v. Hanstein); Anat. Anz.
Bd. 32, 503 (M. Nufibaum); Sitzungsber.
d. Niederrh. Ges. 1908 (M. Nufibaum);
L 1909, 37 (O. Taschenberg); Chronik d.
Univ. Bonn f. 1908, 2 — 7 (M. Nufibaum);
HBL 3, 699; PBL 1003/4 (W).
Licht, Hans, Dr. med. % Arzt, Zentr.-Mitgl.
d. Preufi. H. d. Abg.; * Kesten, Kr. Bern-
kastel 12. IV. 1861; f 18. X. — VZ 19. X.
A. -A.; HA 1908, 405.
Lichtblatl, Adolf (Pseud.: A. L. Blau), k. Rat,
Pras. d. Osterr. Fachschriftst.-Verb., Red.
d. Brauer- u. Hopfenzt. »Gambrinus«;
* Wien 17. V. 1844; f das.. 10. V. — KL
1909, 55** 1908, 964 (W).
Lichtenberg, Georg, Dr. iheol. h. c. y Landes-
hauptm. d. Prov. Hannover, Mitgl. u.
Pras. d. Landessynoden ; * Hannover 1852;
t das. 21. V. — VZ 23. V. M.-A.; W 22,
936; Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908,
534; TJ 28, Abt 3, 544; KJ 1909, 633.
Lieb, Hermann, Dtsch. -Amerik. General;
* Arenenberg, Schweiz 24. V. 1826;
f Chicago 5. III. — 1851 nach New York,
1854 Cincinnati, 1856 Chicago, 1861
Gemeiner i. 8. Illinois- Inf. -Reg., in dem-
selben Jahre Hauptm., 1862 Major, 1863
Oberst. Nach d. Kriege Hrsg. einer dtsch.
Zt. i. Springfield, griindete 1870 d. »Deutsch-
Amerikaner«, 1879 — ^85 Vorsteher d.
Chicagoer Wasseramts. — DAG 8, 2, 67/69.
Liebreich, Matthias Eugen Oskar,
Dr. med. h. c, Geh. Mediz.-Rat, Prof. d.
Pharmakologie u. Direktor d. pharmakolog.
Instituts a. d. Univ. Berlin, Begr. u. Vors.
d. Balneolog. Ges., Entd. d. schlaferr.
Eigenschaft d. Chloralhydrats; * K6nigs-
berg i. Pr. 14. II. 1839; f Berlin 2. VII. —
T 246 (P); IZ 131, 55/56 (N m. P); Chronik
d. Univ. Berlin Jg. 22, 6/7; D. dtsch.
Vorkampfer Aug.-H. 1908, 23; KL 1908,
967 (W); WI 3t 814 (W); DMVV 34, 2,
1558/59 (H. Thomms m. P); BKW 45, 2,
1387/88 (Posner); MR 1908, 341; MMW
55, 2, 1647/48 (E. Saalfeld); PF 4, 1, S87;
HBL 3, 707; PBL 1009/10 (P u. W); BZ
23, 211 [Allgem. Mediz. Centralzt. Jg. 77,
431 (Th. Lohnstein); Chemikerzt. Jg. 32,
653 (L. Spiegel); D. Heilkunde 1908, 275;
Therap. Monatsh. Bd. 22, 383 (A. Lang-
gaard); Zs. f. arztl. Fortbildung Jg. 5,
511 (G.Zuelzer); Balneolog. Zt. Jg. 19,
507 (M. Hirsch)] 24, 177 [Berichtc d. dtsch.
57'
Totenliste 1908: Liechtenstein — Loew.
58*
chem. Ges. Jg. 41, 4801 — 5 (A. Lang-
gaard)].
Liechtenstein! Rudolf Furst von u. zu, Herzog
von Troppau u. Jagerndorf, General d.
Kav. v 1. Oberhofmeister d. Kaisers v.
Osterreich, Geh. Rat u. Kammerer, erbl.
Mitgl. d. Herrenh., eine d. glanzendsten
u. liebenswurdigsten Erscheinungen d.
Wiener Hoflebens; * Wien 18. IV. 1838;
t Mahr.-Kromau 15. XII. — NFP 15. XII.
A.-B1.; T 389 (P); IZ 131, 1219 (P); HJ
1908, 446; HK 1908, 40.
Llndemann, Lambert, Dr.phil., Direktor d.
Handelsschule i. Osnabriick, tiichtiger
Schulmann; * Mettmann, Rheinprov. 28.
IV. 1846; f Osnabriick 20. XII. — VZ
21. XII. A.-A.; Pers. Mitt.
Llndemann, Moritz, Dr. phil. h. r., langj. Red.
d. Dtsch. Geogr. Blatter, hervorr. Schriftst.
auf d. Gebiete d. Seefischerei, Ausschufi-
mitgl. d. Dtsch. Seefischerei-Vereins;
* Dresden 27. III. 1823; f Bremen 7. VIII.
— GK 1909, 342/43; G 94, 275; Dtsch.
Geogr. Bl. 31, 246—52; DRG 31, 88;
GA 9, 233; GZ 14, 649—52 (W. Wolken-
hauer); Mitt. d. Dtsch. Seefischerei-Vereins
!9o8 f 355, 451; L 44, 12, no.
Llndemann, Rudolf, Pfarrer i. Fehraltorf,
Mitgl. d. Antiqu. Ges. i. Zurich, als d.
•Wetterpfarrer ♦, Verf. d. Witterungsber.
u. Prognosen in d. »Volkszt.* sehr popular;
* Fahrwangen, Kant. Aargau 11. XI. 1852;
t Fehraltorf 19. XII. — ASG 40, 501 (W).
Lindemifth, Hugo, Gartenbaudirektor, Dozent
a. d. Landwirtsch. Hochsch. i. Berlin;
* Crawinkel, Pro v. Sachsen 17. V. 1846;
t Berlin 1. XII. — VZT; Mitt. d. Hochsch.
Lindenfeb, Gustav Frh. v., k. k. Generalm.;
* Augsburg 6. IX. 1829; t Wien 23. III. —
FT 1908, 439, 1909 TL.
LipOWttz, Alexander, Schauspieler, fruh. a. d.
Stadttheatern i. Riga, Posen u. Dusseldorf,
zul. i. Coin tatig; * Berlin 11. VI. 1866;
t das. I. VIII. — NTA 1909, 172.
Lippe-Biesterfeld, Leopold Prinz zur, preufi.
Generallt. a. 1. s. d. Armee; * Oberkassel
12. V. 1846; f Heidelberg 28. I. — VZ
29. L, 1. II. M.-A.; MZ 1908, 67; HJ
1908, 446; HK 1908, 42.
Lippe-WeiBenfeM, Arnold Graf zur, Dr. theol,
Domherr u. papstl. Geheimkammerer,
furstcrzbischofl. Konsistorialrat u. Dom-
kapitular; * Ratibofitz 21. VIII. 1842;
t Wien 3. X. — W 41, 1766; HJ 1908, 446;
HK 1908, 44.
Ltoauer, Abraham, Dr. med., Geh. Sanitats-
rat, Prof., Hygieniker u. Anthropologe,
verdient um Anthropologic u. Prahistorie,
sowie um d. Entwicklung d. Berl. Anthrop.
Ges.; * Berent, Westpr. 29, VIII. 1832;
t Berlin 30. IX. — VZ 1. X. M.-A.; G 94,
306; IZ 131, 594; GK 1909, 343; DRG
31, 88; HBL 4, 9; PBL 1017/18 (W).
Lob, Otto, Musiklehrer u. Komponist, einer
d. fruchtbarsten neueren Komponisten von
Studentenliedern (»Filia hospitalism), lange
Zeit Musikdirigent i. Chicago; * Lindlar,
Rheinprov.; f Neckargemund b. Heidel-
berg 11. IX. — VZ 16. IX. M.-A.; W 38,
1636; HJ 1908, 446.
LobkOWitZ, Georg Christian Furst, Dr. h. c.
d. Univ. u. d. Techn. Hochsch. i. Prag,
Mitgl. d. Herrenh. u. Reichsr., Fiihrer d.
tschech. Feudalen, 1883 — 1907 Oberst-
landmarschall von Bohmen; * Wien 14. V.
1835; t Prag 21. XII. — VZ 22. XII
M.-A.; NFP 22. XII. M.-Bl.; IZ 131,
1219; HJ 1908, 446; HK 1908, 158.
LobkowitZ, Rudolf Ferdinand Prinz, Feld-
zeugmeister, k. k. Kammerh., Geh. Rat,
Mitgl. d. Magnatenhauses ; * Frischau b.
Znaim 16. VIII. 1840; f W'ien 9. IV. —
VZ 10. IV. M.-A.; NFP 10. IV. M.-BL;
MZ 1908, 215; LJ 1908, 516; HJ 1908,
446; WI 3, 829; Peters, Feldzeugmeister
Prinz L. E. Gedenkbl. Wien 1908.
*Lo8, Walter Degenhard Frh. von, General-
feldmarschall u. Generaladjutant d. Kaisers,
Mitgl. d. Herrenh., Ritter d. Schw. Adler-
Ordens; * Schl. Allner a. d. Sieg 9. IX.
1828; j Bonn 6. VII. — BJ XIII, 129
(H. Diez); T 250 (P); W 28, 1198 (P);
IZ 131, 98 (N m. P); MW 1908, 2023
(v. Loos); MZ 1908, 384; LJ 1908, 516;
I) 10. 802 (P); HJ 1908, 446; WI 3, 829;
FT 1908, 448; DZL 896.
Ldtimanfl, Johann Heinrich, seit 1865 Haupt-
lehrer a. d. Knabenschule zu St. Johann is
i. Flensburg, ausgezeichneter Padagoge,
Verf. vielbenutzter Rechenbiicher ; * Burg,
SUder-Dithmarschen 19. II. 1830; f Flens-
burg 8. II. — Kieler Zt. 9. u. 11. II. M.-A.;
AL Bd. 1, 447/48.
LoeSCher, Fritz, naturwiss. Feuilletonist,
Kunstkritiker, Red. d. *Photogr. Mitt.t;
* Berlin 28. 8. 1873; t Berlin-Mariendorf
5. VIII. — KL 1909, 55*. 1908, 995 (W).
Loesewitz, Friedrich von, Geh. Reg.-Rat,
Landesokonomierat, Mitgl. d. Gesamt-
Ausschusses d. Dtsch. Landwirtsch. -Ges.,
1893— 1898 M - d - R - (Reichspartei);
* Carlsburg 16. III. 18 19; f Lentschow
i. Pomm. 20. VI. — VZT; RH 1893, 205;
Mitt. d. Dtsch. Landw.-Gcs. 23, 303.
*L0CW, Ernst, Dr. phil % Prof. a. Kgl. Real-
gymn. zu Berlin, Botaniker; * Berlin
23. VII. 1843; t das. 12. VIII. — BJ XIII,
184 (E. Roth); VZ 15. VIII., 19. VIII.
M.-A.; NZ 22. VIII. M.-A. (P. Ascherson,
Z. Tode E. L.s); W 34, 1460; Bl. f. hoher.
59*
Totenliste 1908: Ltfwl — Marees.
60*
Schulwes. 25, 371; NR 1908, 562 — 563
(P. Magnus).
Ldwl, Ferdinand Edler von Len ken thai,
Dr. pkil. t Prof. d. Geogr. u. Erdkunde
a. d. Univ. i. Czernowitz; * Proflnitz i.
Mahr. 7. V. 1856; f au * d - Gaisberg b.
Salzburg 2. V. — G 94, 147; GK 1909,
343/44; GZ 14, 425—27 (E. Diener);
DRG 30, 569—71 (W u. P); Dtsch. Arbeit
7, 11, 742 (Lenz m. W); Verh. d. Geolog.
Reichsanst., Wien 1908, 188 (W. Hammer);
Mitt. d. Geogr. Ges., Wien 51, 293; Zs. f.
Schulgeogr., Wien 29, 277; Mitt. d. Dtsch.-
Osterr. Alpenvereins 9, 124; GA 9, 137;
L 44, 6 ? 63; PF 4, 1, 906- (W).
*Loritz, Joseph, Anh. Kammersanger, Ge-
sanglehrer, Schuler Eugen Guras; * Nitten-
au 16. IV. 1864; f Miinchen 27. XII. —
BJ XIII, 61 (A. Frh. v. Mensi); HJ 1908,
446.
Lorleberg, Richard, Kgl. Kammervirtuose,
vorziigl. Cello- Spieler; * Watterode 9. X.
1848; f Hannover 27. X. — NTA 1910, 156.
LotkhillS, Eduard, Dr., nationallib. M. d. A.;
* St. Goarshausen 11. XI. 1847; t < ^ as -
24. V. — VZ 25. V. A. -A.; WI 3, 840;
HA 1904, 336 (P).
*LlJCanU8, Hermann von, Dr. iur. et med. h. r.,
WGRat, Chef d. kais. Zivilkabinetts;
* Halberstadt 24. V. 1831;! Potsdam
3. VIII. — BJ XIII, 141 (H. Diez);
T 272 (P); W 32, 1374, 1377 (W); Ev.-
Kirchl. Anz. 1908, 142; IZ 131, 219 (N m.
P); HJ 1908, 446; WI 3, 842.
LtlCCa, Pauline, verw. Baronin von Wall-
hofen, Preui3. u. Osterr. Kammersanger in;
* Wien 25. IV. 1835 c?); f das. 28. II. —
VZ 29. II. M.-A.; NFP 29. II. M.-Bl.,
1. III. M.-BL; HC 29. II. A.-A.; IZ 130,
397/98 (A. Smolian m. P); HJ 1908, 446;
EG 626; NTA 1909, 158/59 (P); AMZ
! 1908, 200 (R. Fiege); NMZ 29, 12, 265
(L. Andro); MWB 1908, 264 (L. Andro);
R 790.
LudOWieg, Julius, Geh. Reg.-Rat, fruh. Ober-
burgerm. v. Harburg u. M. d. A. (1879
bis 86, 1888—93); * Hitzacker 9. VII.
1830; f Hannover -Waldhausen 12. IX. —
VZ 16. IX. M.-A.; T 317 (P); HA 1886, 245.
Lttdwig, Hermann (Pseud.) s. Jan, Hermann
Ludwig von.
*LtiderS, Hermann, Maler und Zeichner;
* Osterwieck b. Halberstadt 25. XI. 1836;
t Grofi-Lichterfelde 27. XI. — BJ XIII,
198 (L. Pietsch); NZ 30. XL A.-A.; VZ
6. XII. M.-A.; W 49, 2108; IZ 131, 1062
(F. Dernburg), 1065 (P); HJ 1908, 447;
MS 3, 56; Kchr 20, 137.
Liftzow, Leo Frh. von, gen. von Dorgelow,
Dr. iur., Landesdirektor d. Fiirstent. Wal-
deck u. Pvrmont, Kgl. Preufl. Kammerh.;
* Gorlitz '18. V. 1856; t Arolsen 25. IV. —
VZT; FT 1908, 457.
Ma€CO, Adolf Albrecht, Geh. Oberjustizrat,
Landgerichtspras. a. D.; * Flensburg 15. II.
1834; t <ias. 19. VIII. — VZ 23. VIII.
M.-A.
MagtlUSSetl, Harro, Prof., Bildhauer; * Ham-
burg 14. V. 1861; f Berlin-Grunewald
3. XL — T 358 (Zimmermann, Die letzten
Werke eines zu fruh Dahingegangenen);
IZ 131, 846 (N m. P); HC 16. XL A.-A.
(A. Romer, Gesprache mit H. M.); Westerm.
Monatsh. Dez. 1908, 475; Schlesw.-Holst.
Rundsch. f. Kunst u. Lit. Jg. 3, H. 7
(R. Presber); D. Freie Wort Jg. 8, Nr. 19
(Pietsch); Kchr 20, 68/69; KFA 24, 151/52
(P); MS 3, 78; W 45, 1935/36 (P); D.
Magazin Jg. 78, 154 (C. L. Walter); TRU
1908, Nr. 269 (H. v. Moser).
Mafech, Gottlob, Dr. pkil., Prof., Privat-
geiehrter, Schriftst. auf d. Geb. d. Theol.
u. Gesch.; * Orlach 15. IX. 1825; f Cann-
statt 28. III. — KL 1909, 55*, 1908, 1022.
Makowsky, Alexander, Prof. d. Geologie a. d.
Techn. Hochsch. i. Brunn; * Zwittau i.
Mahr. 17. XII. 1833; f Brunn 3. XII. —
NZ 4. XII. M.-A.; PF 4, 2, 947.
Maliszewski, Camillo von, General™, z. D. f
bis 1890 Kommand. d. no. Gren.-Reg. f
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Berlin
10. XII. 1836; f Kassel 6. II. — VZ 8. II.
M.-A.; IZ 130, 334; MZ 1908, 90.
Mabburg-Escheberg, Hans v. d., Dr. iur.,
WGRat, Vizemarschall d. althess.
Ritterschaft, Mitgl. d. Herrenh.; * Esche-
berg b. Zierenberg 5. VI. 1831; f Kassel
2. II. — VZ 4. II. M.-A.; IZ 130, 334;
HJ 1908, 447; HL 22, 59; HH 1904, 332;
WI 3, 863.
Mann, Friedrich, Hrsg. d. »Dtsch. Blatter f.
erziehenden Unterricht* u. d. tPadagog.
Magazins«, Begr. d. »Bibliothek padag.
Klassiker«, Verf. von Schulbuchern; * Lan-
gensalza 5. IX. 1834; f das. 3. VI. — KL
x 909i 55*. 1908, 1027 (W); Mitt. d. Ges.
f. dtsch. Erziehungs- u. Schulgeschichte
18, 3 (Th. Fritzsch); E. v. Sallwiirk, F. M.
Ein Blatt d. Erinnerung. Langensalza
1909. (Padagog. Magazin H. 373.)
Maries, Walter von, Hauptmann, kommand.
z. Ausw. Amt, einer d. ausgezeichnetsten
Topographen d. dtsch. Armee, zul. bei d.
Ausgrabungen i. Milet u. Didyma tatig,
Mitgl. d. Expedition z. Erforschung d.
Schlachtf elder Alexanders d. Gr.; * Adlig-
Skirbst, Ostpr. 27. IX. 1869; f Berlin
26. II. — VZ 27. II. A.-A.; GK 1909, 344;
GA 9, 89; JAW 37, 1909, Bd. 145 A,
43—50 (P. Goessler).
6i*
Totenliste 1 908 : Martina — Merker.
62*
Martina, Aldo, Dr. med. t Oberarzt a. d. Kgl.
Chirurg. Univ.-Klinik i. Greifswald, von
ungewohnlicher "Begabung f. Chirurgie u.
wiss. Forschung; * Hasendorf i. Osterr.
5. VIII. 1877; f Greifswald 25. IV. noch
nicht 31 J. alt. — MMW 55, 1, 999; Mitt.
d. Univ.
Massenbadl, Edmund Frh., Dr. med. n Geh.
Mediz.-Rat; * Potsdam 24. VIII. 1828;
t Berlin 17. V. — FT 1908, 486, 1909 TL.
Matzat, Heinrich, Direktor d. landwirtsch.
Schule i. Weilburg, Schriftst. auf philos.,
hist M geogr. u. padagog. Gebiete; * Milch-
bude b. Klein-Tapiau, Ostpr. 9. I. 1846;
t Weilburg a. L. 24. VIII. — VZ 4. IX.
M.-A.; KL 1908, 1042 (W); GK 1909, 345;
DRG 31, 85/87 (E. Oppermann m. P);
GA 9, 265/67 (E. Oppermann); Dtsch.
Schule 12, 10, 654; WI 3, 881 (W); IZ 131,
425; Zs. f. Schulgeogr. 30, 10—13.
Matirer, Georg, ehem. Opernsanger; * Obritz
24. II. 1830; f Weimar 5. IV. — NTA
1909, 164.
Maurer, Johann, Kreispostdirektor i. Basel,
Verf. von »6o Jahre schweizerischen Post-
dienstes 1842 — 1902. Erinnerungsblatter*,
Basel 1902; * Zollikon b. Zurich 30. V.
1825; t Basel 6. XI. — ASG 40, 501.
Matirer, Johann Baptist, Domkapitular, seit
1903 Generalvikar i. Bamberg; * 29. VIII.
1851; f Bamberg 14. III. — HJ 1908, 448.
Mayer, Adolf, Dr. phil., Prof. d. Mathem. u.
Direktor d. Mathem. Sem. a. d. Univ.
Leipzig; * Leipzig 15. II. 1839; f Gries
II. IV. — VZ 15. IV. M.-A.; DZL 941;
T 189 (P); WI 3, 884 (W); PF 4 , 2, 9 78(W);
Jahresber. d. dtsch. Mathematiker-Ver-
einigung Bd. 17, 355 — 362 (H. Liebmann).
Mayer, August, Generallt. z. D., bis 1901
Prases d. Ing.-Komitees; f Berlin 14. IV.
i. 63. Lebensj. — VZ 16. IV. M.-A.; MZ
1908, 229.
Mayr, Johann Georg, fursterzbisch. Kon-
sistorialrat, Domdechant i. Salzburg; * 30.
III. 1830; t Salzburg 19. II.— H J 1908, 448.
Meckleflburg-Schwerin, Herzogin Johann Al-
brecht, geb. Prinzessin Elisabeth von
Sachsen-Weimar; * Weimar 18. II. 1854;
t Schi. W T iligrad i. Mecklbg.-Schw. 10. VII.
— T 252 (P); IZ 131, 98 (N m. P); HK
1908, 80; HJ 1908, 436.
Meckfeflburg-Strelltz, Herzog Karl Borwin zu;
* Neustrelitz 10. X. 1888; f St. Martin
b. Metz 25. VIII. — HC 26. VIII. M.-A.;
T 294 (P); HJ 1908, 442; HK 1908, 48.
Medem, Rudolf, Dr. iur., Prof., Landger.-
Rat a. D. f Privatdoz. d. Strafrechtswiss.
a. d. Univ. Greifswald; * Marienwerder
17. VI. 1832; t Greifswald 21. VIII. —
Chronik d. Univ. Greifswald Jg. 23, 8/9.
Mediz-PeUkan, Emilie, geb. Pelikan, Land-
schaftsmalerin; * Vocklabruck i. Ober-
osterr. 12. XII. 1861 ; f Leubnitz b. Dresden
19. HI. — VZ 24. III. A.-A.; Kchr 19, 358;
Jahrb. d. bild. Kunst, Berlin 7, 74; MS
3, 395; BMW 2, 233 (W); WI 3, 1023;
DZL 945.
*Meertnanil, Arno, Landschaftsmaler; * Reh-
den i. Westpr. 17. II. 1829; f Nieder-
Thalheim b. Landeck i. Schles. 2. X. —
BJ XIII, 112 (H.Holland).
Meilly, Otto Ludwig, Dr. med., Generalarzt
a. D., bis 1903 Div.-Arzt d. n. Div.;
* Gorlitz 28. X. 1844; t Rostock i. Jan. —
JSG 1908 Nekr., 12/13.
Meist, Karl, sozialdemokr. M. d. R. von
J ^93 — 95 u. 1903 — 07; * Coln-Deutz
12. XII. 1856; t Coin i. Febr. — VZ 21. II.
M.-A.; RH 1903, 275.
Meltzl, Hugo von, Dr. phil. y Prof. d. dtsch.
Sprache u. Lit. a. d. Univ. Klausenburg,
gewandter Ubers. aus 33 Sprachen; * Sachs.
Regen 1846; f auf der Heimreise von
Italien 20. I. — Karpathen, Jg. 1, H. 11
(J. Szots m. W).
Metlgewein, Karl, Kgl. Musikdirektor, hervorr.
Dirigent von Choren, Begr. d. Oratorien-
vereins i. Berlin, Komponist; * Zaunroden
i. Thur. 9. IX. 1852; f Gr.-Lichterfelde
7. IV. — VZ 10. IV. M.-A.; HJ 1908, 448;
NMZ 29, 15, 332; AMZ 1908, 336; R 842;
KJ 1909, 633; Concordia Jg. 15, 152.
Menke, Friedrich Wilhelm, Mitgi. d. Dtsch. -
Amerik. Hist. Ges. von Illinois, Stein-
hauer; * nahe Herford, Westf. 21. IV.
1832; f Quincy, 111. 29. III. — DAG 8, 125
(H. Bormann).
Meringi Joseph Frh. von. Dr. med., Geh.
Mediz.-Rat, Prof. u. Direktor d. mediz.
Univ.-Klinik a. d. Univ. Halle, besond.
bed. auf d. Geb. d. experim. Pathologie
u. Pharmakologie, hervorr. Diabetesfor-
scher; * Coin 28. II. 1849; f Halle 5. I. —
VZ 7. I. M.-A.; IZ 130, 105; DMW 34, i,
206/7 (A. Schmidt m. P); BKW 45, 1,
178/79 (Frese); MMW 55, 1, 400 — 402
(N. Zuntz); Med. Klinik 1908, Nr. 5 (E.
Harnack); Chronik d. Univ. Halle -Witten-
berg 1907/08, 26—28; HBL 4, 211; PBL
1119/20 (P m. W); DZL 952; BZ 22, 189
[Archiv f. Verdauungskrankheiten (usw.)
Bd. 14, 1 (J. Boas); Lotos, Bd. 55, 215
(W. Wiechowski); Russ. Mediz. Rundsch.
Jg. 6, 123 — 127; Therap. Rundsch. 1908, 57
(R. Theilemann); Strattb. Mediz. Zt. Jg. 5, 3
(G. Ledderhose)].
Merker, Moritz, Hauptmann i. d. Ostafrik.
Schutztruppe, Verf. eines Werkes iiber
»Die Massai*; * Ols i. Schles. 20. XII.
1867; f Muanza i. Dtsch. -Ostafr. 3. II. —
63"
Totenliste 1908: Mcrkt — Mohr.
64*
G 93. '79; GK 1909, 345/46; DKZ 1908,
8, 128, 13, 216 (Sander); DRG 30, 328;
GA 9, 65; L 44, 4, 47; Merker, Die Massai.
Ethnogr. Monogr. e. ostafr. Semitenvolkes
(Biogr. von Sander i. Vorw.).
Merkt, Eduard, Wiener Volksdichter; * Wien
20. II. 1852; t das. i. August. — T 295 (P).
Merm&nn, Alfons, Dr. med. y Mediz.-Rat,
Leiter d. Wochnerinnen-Asyls i. Mann-
heim, einer Musteranstalt, die flir etwa
20 ahnliche Anstalten i. Deutschland
vorbildlich war; f Mannheim 8. III. i. A.
v. 55. J. — MMW 55, i, 776.
Meranann, Felix, WGOberfinanzrat, Pro-
vinzial-Steuerdirektor a. D.; f Miinster
i. W. 23. I. i. A. v. 84 J. — VZ 25. I. M.-A.
Merz, Oskar, Musikschriftst., unermiidl. Vor-
kampfer fur d. Sache R. Wagners, 25 Jahre
Musikref. d. »Munch. Neuesten Nachr. «;
* St. Gallen 1 1. IX. 1851 ; f Zurich 21. X. —
VZT; IZ 131, 752; AMZ 1908, 783.
MetSCh, Franz, ehem. (1865— 1905) Chefred.
d. Leipz. 111. Zt.; * Wiedersbach i. Thttr.
24. IV. 1834; t Bad Wildungen 13. X. —
VZT; IZ 131, 711 (N m. P); HJ 1908, 448.
Metlbrink, Friedrich, Ober-Verw.-Gerichts-
Rat, Stadtaltester v. Berlin; * Berlin
13, VII. 1844; f das. 23. I. — VZ 24. I.
A.-A.
Meves, Wilhelm, ehem. Hofschauspieler i.
Braunschweig; * 6. VI. 1846; f Braun-
schweig 26. VIII. — NTA 1909, 172;
EG 669.
*Meyer t Alexander, Dr. iur. % Parlamentarier,
Schriftst. u. Journalist; * Berlin 22. II.
1832; f Berlin-Friedenau 27. VI. — BJ
XIII, 139 (H.Diez); W 27, 1154; IZ 131,
81; HJ 1908, 448; RH 1893, 211.
Meyer, Elard Hugo, Prof. f. indogerm. Mytho-
logie i. Freiburg i. B.; * Bremen 6. X. 1837;
f Freiburg i. B. 12. II. — VZ 12. II. A.-A.,
13. II. M.-A.; AZB 1908, Nr. 26 (F. Kluge);
IZ 130, 374; LE 10, 886; DRG 30, 328;
HJ 1908, 448; WI 3, 906 (W); DZL 958;
Zs. d. Vereins f. Volkskunde 1908, 234 — 236
(M. Roediger).
Meyer, Marie, Schauspielerin, zuletzt (1891
bis 1902) a. Lessing-Theater i. Berlin,
hervorr. Darst. von Mutterrollen; f Berlin
16. VII. i. A. v. 67 J. — T 259 (P); NTA
1909, 170/71; EG 672/73.
MiletlZ, Robert, ehem. Opernsanger; * Wien
18. X. 1857; f Miinster i. W. 6. V. —
NTA 1909, 165.
MHkatl, Max Friedrich Robert Frh. von,
sachs. Generallt. z. D., bis 1905 Kommand.
d. 23. Kav.-Brig., Ritter d. Eis. Kreuzes
2. KL; * Skassa b. GroCenhain 25. VI.
1850; t Gotha 16. VI. — VZT; MZ 1908,
37i.
Milfe-Milarta, Marie von, ehem. Kgl. PreuB.
Hofschauspielerin, die 43 Jahre d. Casseler
Hoftheater angehorte; * Miinchen 19. X.
1832; f StraOburg 17. II. — NTA 1909,
157/58; EG 679; HL 22, 72.
Mitzbttf, Alfred von, Generallt. z. D., bis 1906
Chef d. Militar-Reitinstituts i. Hannover,
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Vevey,
Schweiz 19. IV. 1849; t Potsdam 30. IX. —
VZ 1. X. A. -A.; IZ 131, 594; MZ 1908, 541.
MSblus, Karl August, Dr. phil., Geh. Reg.-Rat,
Prof. d. Zoolog. a. d. Univ. Berlin, Direktor
d. Mus. f. Naturkunde, Mitgl. d. Akad.
d. Wiss., hervorr. auf d. Gebiete d. biolog.
Forschung; * Eilenburg 7. II. 1825;
f Berlin 26. IV. — VZ 27. IV. A. -A.,
28. IV. M.-A.; T 192 (P); Kieler Zt 27. IV.
A. -A. (N); Hamb. Nachr. 7. II. 05 (R.
Hartmeyer, Z. 80. Geburtstage); HC 2. V.
M.-B1. (N); IZ 130, 883, 954 (N m. P);
Dtsch. Schule 12, 5, 312; GK 1909, 346;
DRG 30, 516/18 (W. Wolkenhauer); Mo-
natsh. f. d. naturwiss. Unterr. aller Schul-
gattungen 2, 10 (C. Matzdorff, Z. Er-
innerung an K. M.); Mitt. d. Dtsch, See-
fischerei- Vereins 1908, 269/70; KL 1908,
1096 (W); WI 3, 921 (W); Chronik d. Univ.
Berlin 22, 7; NR 1908, 361—363* 373~ 375
(R. v. Hanstein); BZ 23, 233 [Wiener
klin. Rundsch. Jg. 22, 614, 631, 647
(K. C. Schneider, Ge dan ken von K. A. M.);
Intern, entomol. Zs. Jg. 2, 137 (0. Proch-
now, M.s' asthet. Betrachtg. d. Tiere)].
Mocke, Hans, Operet ten- Sanger; * Nieder-
Lubie 6. IX. 1866; f Buch 31. VII. —
NTA 1909, 171.
*M6nckebcrg, Johann Georg, Dr. iur., pras.
Burgermeister v. Hamburg; * Hamburg
22. VIII. 1839; f das. 27. III. — BJ XIII,
130 (H.Diez); HC 27. III. A.-A.; Hamb.
Nachr. 27. III. A.-A. (N), 27. III. 2. M.-A.,
30. III. A. -A. (Beisetzung); IZ 130, 576/78
(K. Hesselbarth m. P); Mitt. d. Geogr. Ges.
i. Hamb. 23, I. (L. Friederichsen); GK
I909» 346; DRG 30, 472; GZ 14, 283;
WI 3, 923; DZL 981.
Mdrsel, Ferdinand, Kapitan u. Hafenmeister
a. D., langj. Lotse von Tschi mul po, einer
d. eifrigsten u. geschatztesten Mitarb. d.
Dtsch. Seewarte, fiir die er wertvolle u.
sehr gewissenhafte meteorolog. Beobach-
tungen lieferte, Verf. von ,General In-
formation on the Approaches to Chemulpo
Harbour and Navigation on the Han Kang* ;
* Danzig 9. IV. 1844; f Tsingtau 20. V. —
Annalen d. Hydrogr. 36, 420; GK 1909, 346.
Mohr, Franz, Dr. med. % bayer. Gen.-Arzt
1. KL, zul. Korpsarzt d. 1. Bayer. Armee-
korps; * Wurzburg 7. IV. 1830; f Manchen
15. VI. — MW 1908, 2135; OA 1908/09, 1013.
65*
Totenliste 1908: Montecuccoli-Laderchi — Neumann.
66*
MonteCUCCOli-Laderchi, Maximilian Graf,
Haupt d. Hauses, osterr. Gch. Rat u.
Kammerer, MitgL d. Herrenh., Prasident-
stellvertr. d. Staatsschulden-Kontrollkom-
mission, Gouverneur d. osterr. Landerbank;
* 14. IX. 1840; t Hofgastein 17. IX. —
HJ 1908, 449.
Moser, James, Dr. phiL % Privatdoz. d. Physik
a. d. Univ. Wien; * Berlin 11. III. 1852;
f Semmering 23. IX. — NFP 24. IX.
M.-BL; VZ 29. IX. M.-A.
Moser, Ottilie, ehem. Leiterin d. Kurtheaters
i. Marienbad, Gattin d. Direktors Karl
Moser; * Barmen 8. VII. 1837; f Linz
20. II. — NTA 1909, 158.
Mracek, Franz, Hofrat, Prof. d. Med. a. d.
Univ. Wien, Primararzt a. d. k. k. Kranken-
anst. Rudolfstiftung, hervorr. Syphilis-
Forscher; * Beneschau 1. IV. 1848; f Wien
8. IV. — NFP 9. IV. M.-BL; VZ 17. IV.
M.-A.; IZ 130, 834; MMW 55, 1, 832;
WI 3, 936 (W); HBL 4, 297; PBL 1166.
MUhl, Otto, Amtsger.-Rat a. D., Biirgerm.
a. D., EhrenbUrger v. Breslau; * Breslau
11. XII. 1841; f das. 28. XII. — VZT;
OA 1908/09, 1026.
Mtiller, Eduard, Reichsgerichtsrat, friih. bad.
Oberlandesger.-Rat; * Herischried i. Bad.
24. IX. 1854; t Leipzig 4. IX. — VZ 6. IX.
M.-A.; T 307 (P); IZ 131, 484; Recht 12,
Nr. 18 (F6rtsch).
MttHer, Franz Joseph, Stadtschultheifi a. D.,
1879— 1881 M. d. R.; f Ehingen a. D.
26. V. — WJ 1908 Nekr.
♦MUUer, Georg, Historiker; * Obervorholzen,
B. A. Rottenburg i. Niederbayern 30. V.
1838; f Schierling, B. A. Mallersdorf i.
Niederbayern 5. X. — BJ XIII, 244 (A.
Dreyer).
*MiiIler, Hermann von, Generallt. z. D. f
bedeut. Militarschrif tst. ; * Briindel b.
Dernburg i. Anh. 2. VII. 1832; f Berlin
9. I. — BJ XIII, 175 (B. Rathgen); VZ
9. I. A.-A., 10. I. M.-A.; IZ 130, 169;
MW 1908, 159; MZ 1908, 34; LJ 1908, 517.
MtiDer, Hugo, Landesdirekter a. D. d. Prov.
Hannover; f Hannover 17. IV. i. A. v.
78 J. — VZ 21. IV. A.-A.
Mtiller, Otto, Grofiindustrieller, Geh. Kom-
merz.-Rat, EhrenbOrger v. Gorlitz, Stifter
d. Volkslesehalle das.; * Chemnitz 23. IV.
1863; t GSrlitz 26. IV. — VZ 27. IV. A.-A.;
AF 1908, 251; WI 3, 945-
Muller-Harttmg, Karl, Geh. Hofrat, Prof.,
ehem. Hofkapellm., langj. Direktor einer
bek. Musik- u. Orchester-Schule i. Weimar,
seit 1903 i. Charlottenburg lebend, Kom-
ponist von Orgelsonaten, Manner- u.
liturg. Choren, Motetten u. Liedern, Musik-
schriftst., Freund v. Liszt u. Bulow, urspr.
Theologe; * Stadt Suiza 19. V. 1834;
f Charlottenburg 11. VI. — VZT; IZ 131,
81; HJ 1908, 449; NTA 1909, 169; NMZ
29, 19, 413 (O. Urbach m. P); AMZ 1908,
515; R 896.
Mtinzer, Georg, Dr. phiL, Musi kschrif tst.,
Romandichter u. Komponist; * Breslau
4. IX. 1866; f Berlin 23. IV. — VZ 25. IV.
M.-A.; LE 10, 1248; NMZ 29, 16, 352;
AMZ 1908, 368; R 896; HJ 1908, 449;
KL 1908, 1 132 (W).
MliSlfian, Ludwig Ritter von, Generallt. z. D.,
zul. Kommand. d. 1. Feld-Art.-Brig.;
* Mitterfels b. Bogen 5. II. 1826; t MQn-
chen 21. V. — VZ 23. V. M.-A.; T 213 (P).
Nagel, Karl, Kammervirtuose i. W r eimar,
einer d. bedeutendst. Violinspieler Deutsch-
lands, letzter d. Joachim -Kompel-Quartetts;
* 23. X. 1844; f Weimar 11. I. — VZ 14. I.
M.-A.; AMZ 1908, 80; HJ 1908, 449.
NayhauB-Cormons, Julius Caesar Graf, Lan-
desaltest. d. Schweidnitz-Jauerschen FQr-
stent.-Landschaft, 1874 — 1887 M. d. R.
(Zentr.); * Schlofi Bladen 3. VIII. 1821;
t Warmbrunn 5. V. — VZ 5. V. A.-A.;
IZ 130, 1086; HJ 1908, 449; Hirth, Dtsch.
Parlam.-Almn. 15. Ausg., 194.
*Nebe f Karl, Groflh. Bad. Kammersanger,
seit 1900 Mitgl. d. Kgl. Opernhauses i.
Berlin; * Braunschweig 3. X. 1858; f Berlin
7. II. — BJ XIII, 272 (E. Kilian); VZ 8.
II. A.-A.; IZ 130, 334; NMZ 29, 10, 228;
NTA 1909, 156; HJ 1908, 449; EG 711;
WI 3, 960.
Nelde, Emil, Bildhauer, Portrat- u. Figuren-
Maler, Lehrer a. d. Kunst-Akad. zu Konigs-
berg, schuf haupts. mytholog. Genrebilder
u. sensationelle Eflektstucke (am be-
kanntesten: »Die Lebensmiiden«); * K6-
nigsberg i. Pr. 28. XII. 1842; f das- 30. IV.
— VZ 2. V. M.-A.; IZ 130, 1086; HJ 1908,
449; MS 3, 294; BMW 2, 134 (W); WI
3, 96i.
Netlbarth, Friedrich Eduard, Landwirt, frei-
kons. M. d. R. u. M. d. A.; * Wun-
schendorf, Kr. Merseburg 21. V. 1833;
f Lauchstadt 1. IV. — VZ 2. IV. M.-A.;
HA 1882, 265.
Neumann, Otto Wilib., Dr. med., Geh. Sani-
tatsrat, bek. aus d. PUckler-Prozefl;
* Sieradz 17. XL 1831; f Glogau 8. X. —
VZ 8. X. A. -A.; W 42, 1808; OA 1908/09,
1066.
Neumann, Salomon, Dr. med. % Sanitatsrat,
verdient um d. offentl. Gesundheitspflege
d. Stadt Berlin, einer d. Begr. u. Kurator
d. Zentralanst. f. d. Wissenschaft d. Juden-
tums; * Pyritz 22. X. 1819; f Berlin
20. IX. — VZ 22. IX. M.-A.; Statist. Jahrb.
d. Stadt Berlin Jg. 31, Vorw. (N); Allg. Zt.
6 7 *
Totenliste 1908: Neumann — Olbrich.
68*
d. Judent. 1908, 459/6o (N), 519/524
(H. Cohn, Rede b. d. Gedachtnisfeier d.
Lehranst. f. d. Wiss. d. Judent.); AF
1908, 370; MR 1908, 473, 477; PBL 1203.
Neumann, Stephan, Padagoge, Gelehrter u.
Organisator von Ruf, Direktor d. Viktoria-
Schule i. Danzig, die unter seiner Leitung
sich zu einer d. grofiten i. Deutschland
entwickelt hat. Mitbegr. u. langj. Vors.
d. Preufl. Ver. d. offentl. hoher. Madchen-
schulen, nahm 1906 a. d. v. Kultusminist.
einberufenen Konferenz z. Reform d.
hoheren Madchenschulen teil; * Kulm,
Westpr. 24. I. 1 841; f Danzig 31. V. —
Bl. f. hoher. Schulwes. Jg. 25, 246.
Nickel, Johann Heinrich Josef, fruh. Vize-
Burgerm. v. Hanau, 1882 — 1884 freis.
M. d. A.; * 5. XL 1829; f Hanau
13. XI. — VZ 16. XI. A. -A.; HA 1882, 265.
Nickbch-Rosenegk, Kurt von, Generallt. z. D. v
bis 1893 Kommand. d. 28. Kav.-Brig.,
dann bis 1898 Hofmarsch. d. Prinzen
Friedrich Leopold, Ritter d. Eis. Kreuzes
2. KL; * Herrnstadt 29. XII. 1844; f Kun-
nersdorf b. Hirschberg 16. VII. — VZT;
MW 1908, 3509.
*Ni€Olal, Friedrich, Grofih. Bad. Geh. Ober-
flnanzrat; * Karlsruhe 3. IV. 1861; f das.
21. X. — BJ XIII, 15 (O. Ellstatter).
Niedhammer, Joseph, Sem.-Lehrer a. D.,
Domkapellmeister i. Speier, Orgelvirtuose
u. Komponist vieler Messen u. eines
Kaiserrequiems; * Wachenheim 8. III.
1851; t Speier 29. VI. — HJ 1908, 449;
OA 1908/09, 1072.
Niehr, Friedrich, Kammermusiker i. Neu-
strelitz; * Dresden 8. III. 1841; f Neu "
strelitz 15. IX. — NTA 1909, 174.
Niethammer, Albert, Geh. Kommerzienrat,
Dr. ing. k. c. % Chef d. Papierfabrik >Kubler
u. Niethammer*, Ehrenvors. d. Ver. Dtsch.
Papierfabrikanten, 1881 — 1884 u. 1887 bis
1890 nationallib. M. d. R.; * Reichenberg,
Wurttbg. 29. IX. 1833; t Krielstein b.
Waldheim 17. IV. — VZ 21. IV. A.- A.;
IZ 130, 834; AF 1908/ 125 (N), 251; HJ
1908, 449; WJ 1908 Nekr.; Hirth, Dtsch.
Parlam.-Almn. 15. Ausg., 198; WI 3, 973;
DZL 1025.
♦Noll, Fritz, Prof. d. Botanik u. Direktor d.
Botan. Instituts a. d. Univ. Halle; * Frank-
furt a. M. 27. VIII. 1858; t Halle 20. VI. —
BJ XIII, 185 (E. Roth); W 26, 11 10;
IZ 131, 81; KL 1908, 1167; WI 3, 978;
Chronik d. Univ. Halle 1908/09, 8 — 10;
Sitzungsber. d. Niederrh. Ges. f. Natur-
u. Heilkunde v. 6. VII. 1908; NR 1908,
501 — 503 (M. Koernicke); Berichte d.
Dtsch. Botan. Ges. Jg. 1908, Bd. 26«, 77.
Nollet, Julius, Schauspieler u. Spielleiter a.
Kleinen Theater zu Berlin; * Hannover
29. III. 1861; t Berlin 1. VI. — NTA 1909,
168; W 23, 980; WI 3, 979.
Nottsch, Wenzel Ottokar, Prof., His tori en-
u. Portratmaler, humorvoller Dichtcr u.
Erzahler; * Wien 28. II. 1835; t Innsbruck
30. X. — LE 11, 381; HJ 1908, 450; MS
Nachtr.,222; KL 1909, 58*, 1908, 1168 (W).
Nordhelltl, Jakob, Hamb. Groflkaufmann,
bekannt durch seine philanthropise hen
Bestrebungen i. Dienste d. dffentl. Wohl-
tatigkeit; * Memmelsdorf b. Bamberg-
1. X. 1825; f Hamburg 26. XL — HC
1. X. 1905, M.-A. (Ein Hamb. Wohltater.
Z. 80. Geburtstag J. N.s), 27. XL 1908,
A.-A.
Nowifia von Axt, Franz, Generalm. z. D. T
bis 1907 Kommand. d. Truppen- 1) bungs -
Platzes Dfiberitz, Ritter d. Eis. Kreuzes
2. KL; * Nauen, Brandbg. 13. X. 1852:
t Hanau 21. II. — VZ 23. IL M.-A.; IZ
130, 410; MZ 1908, 117/118; WI 3, 982.
Oehme, Oskar Ferdinand, Dr. tW M Geh.
Justizrat u. Notar, Vorst. d. Anwalts-
kammer d. Kgl. Sachs. Ober-Landes-
gerichts; t Leipzig 19. VIII. — Jurist.
Wochenschr. 1908, 617.
*Ocri f Johann Jakob, Dr. phiL % Prof. a.
Gymn. i. Basel; * Lausen, Kt. Baselland
24. VI. 1844; t Bascl 2. IV. — BJ XIII,
166 (H. Schollenberger); VZ 2. IV. A. -A.,
7. IV. M.-A.; ASG 40, 497 (W).
Oesfeld, Adalbert von, Generalm. z. D., bis
1894 Kommand. von Graudenz, Ritter d.
Eis. Kreuzes 2. KL; * Beuthen 8. X. 1838;
f Berlin-Wilmersdorf 11. VII. — T 255
(P); MZ 1908, 397.
Offermarm, Karl Frh. von, Dr.iur. % k. k.
Kommerzienrat, kais. dtsch. Konsul, Grofl-
industrieller u. Fabrikbes.; * Briinn 8. L
1850; f Baden b. Wien 30. VI. — OR 16,
145; FT 1909, 568.
Olbrich, Joseph Maria, Prof., Architekt, be-
kannter Fuhrer d. Darmstadter Kiinstler-
kolonie, Erbauer d. Ausstellungs-Gebaudes
i. Darmstadt u. d. Hauptbahnhofs i. Basel,
auch hervorr. tatig auf d. Gebiete d. Klein -
kunst; * Troppau 22. XII. 1867; f Dttssel-
dorf 8. VIII. — VZ 10. VIII. A.-A.; T 278
(P), 280 (W. Fred, Cber den toten Bau-
meister O.); HC 19. VIII. M.-A. (H.
Bethge); MAZ 1908, 417 (J. Baum); IZ
131, 263 (A. Mailer m. P); KW 2i f 23
(Avenarius); DBZ 42, 456 (O.Wagner);
Velh. u. Klas. Monatsh. Okt. 1909. 2GI
(L. Nachtlicht); HL 22, 232/33; Jahrb.
d. bild. Kunst. Berlin 7, 76; HJ 1908*
450; MS Nachtr., 224; H. Bahr, Buch d.
Jugend, Wien 1909 (enthalt: »J. Olbrich ♦);
Sozialist. Monatsh. 1908, Bd. 3, i*47i
6 9 *
Totenliste 1908: Olszewski — Paulsen.
70*
BZ 23, 251 [D. Architekt Jg. 14, 161
(O. Wagner); D. Baumeister Jg. 6, Beil.,
133 (E. Schur); Neudtsch. Bauzt. 1908,
257 (A. Lehmann); Blaubuch 1908, Nr. 34
(H. Pudor); Gegenwart 1908, Nr. 40 (H.
Bethge); Innendekoration Jg. i8 f 298;
Dekorative Kunst Okt. 1908, 55; Dtsch.
Kunst u. Dekoration Sept. 1908, Anh.
(A. Koch); Kunstgewerbebl. N. F. Jg. 19,
234 (H. Pudor); Masken Jg. 4, 15 (C. R.
Vincentz); Nord u. Siid Nov. 1908, 339 — 344
(H. Bahr); Werkkunst Jg. 3, 353 (O.
Schulze); TRU 1908, Nr. 187 (H. Schliep-
mann); Neudtsch. Bauzt. 1908, Beibl.
Nr. 92 (Gerstner, O.-Ausstellung i. Darm-
stadt)] 24, 208 [Schweizer. Bauzt. Bd. 53,
313 (W. Schafer, O.s letztes Werk, Waren-
haus Tietz i. Diisseldorf); Kunstgewerbebl.
N. F. Jg. 20, 101 — 113 (J. A. Lux); Neue
Revue 1908, Nr. 21 (R. Schwerdtfeger, D.
letzte Werk O.s); Zs. d. osterr. Ingenieur-
u. Architektenvereins Jg. 61 , Nr. 23 (F.
v. Feldegg, 0., s. Leben u. s. Wirken)]
25, 221 [Schweizer. Bauzt. Bd. 54, Nr. 24
(W. Schafer); D. Rheinlande Jg. 9, 233
(W. Schafer)].
Olszewski, Eugen von, Generalm. a. D., bis
1878 Kommand. d. 53. Inf.-Reg., Ritter
d. Eis. Kreuzes 1. Kl.; * Konigsberg i. Pr.
22. VI. 1826; t Wiesbaden 8. VII. —
T 259 (P); MZ 1908, 397.
Olzem, Fritz, Landgerichts-Rat a. D., 1888
bis 1898 M. d. A.; * 22. V. 1846;
t Bonn 16. VIII. — VZ 19. VIII. A.-A.;
HA 1894, 287.
Opper, Hermann Friedrich, 1. Pfarrer
d. luther. Gemeinde i. Cassel, friih. Rektor
d. Burgertochterschule I; * Oberkaufungen
30. X. 1841; f Cassel 22. V. — HL 22,
163, 259/262, 276/78, 289/90 (Schantz).
Oppert, Gustav, Dr. phil. $ Prof., Privatdoz.
f. d. dravidischen Sprachen a. d. Univ.
Berlin, verdienter Sanskritist u. Indologe,
21 Jahre Prof. i. Madras; * Hamburg
30. VII. 1836; f Berlin 16. III. — VZ
17. III. A. -A.; IZ 130, 583; G 93, 260;
GK 1909, 348; DRG 30, 378; GA 9, 137;
Allg. Zt. d. Judent. 1908, Beil. Nr. 12;
HJ 1908, 450; WI 3, 999 (W); Chronik
d. Univ. Berlin 21, 7.
Osann, Artur, Dr. iur., Geh. Justizrat, Rechts-
anwalt i. Darmstadt, 1890 — 1898 national-
lib. M. d. R. u. M. d. hess. Landt.; * Giefien
4. XI. 1829; f Darmstadt 30. IX. — VZ
30. IX. A.-A.; T 323 (P); IZ 131, 594 (P);
HL 22, 296; HJ 1908, 450; RH 1893, 21 7-
Osiatlder, Emilie, hervorr. i. Dienste d.
Berlin. Stadtmission; * Stuttgart 11. VI.
1835; j- Berlin 12. I. — Reformation 1908,
Biogr. Jahrbuch u. Deutschcr Nekrolof. 13.6c!.
Nr. 5 (D. Schwartzkopf); Ev.-KirchL An-
zeiger 1908, 63; KJ 1909. 631.
Paalzow, Karl Adolf, Geh. Reg.-Rat,
Dr. phil. u. tng., bis 1904 Prof. d. Experim.-
Physik a. d. Techn. Hochsch. u. a. d.
Kriegsakad. i. Berlin, Mitgl. d. Kurat. d.
Physik. -Techn. Reichsanst.; * Rathenow
5. VIII. 1823; f Charlottenburg 2. I. —
VZ 3. I. M.-A.; IZ 130, 105; PF 4, 2, 1107
(W); Progr. d. Techn. Hochsch. z. Berlin
1908/09, 152 — 154.
Pabst, Wilhelm, Dr. phil., Prof. u. Oberl. a.
Gymn. i. Gotha, Kustos d. naturwiss.
Samml. d. Mus. i. Gotha, Schriftst. auf d.
Gebiete d. Meteorologie, Petrographie u.
Palaontologie; * Gotha 30. VIII. 1856;
f das. 22. IX. — GK 1909, 348/49; Progr.
d. Gymn. Ernestinum, Gotha 1909, 25 f.;
KL 1908, 1 20 1 (W).
Pach, Oskar (Pseud.) s. Prochaska.
Papetldlck, Gustav Adolf, Prof., bedeut.
Musikpadagoge, langj. Lehrer a. Mohrschen
Konservatorium ; f Berlin 24. V. i. A. v.
70 J. — VZT; W 22, 936, 25, 1099 (P).
*Paubefl, Friedrich, Dr. phil., Prof. d. Philos.
a. d. Univ. Berlin; * Langenhorn, Kr.
Husum 16. VII. 1846; f Berlin-Steglitz
14. VIII. — BJ XIII, 244 (Th. Lorenz);
VZ 15. VIII. A.-A.; NZ 16. VIII. M.-A.
(Th. Kappstein, Ein Kranz auf F. P.s
Grab); T 284 (K. Francke, An F. P.s Grab.
Gedicht m. P); HC 17. VIII. A.-A.; NFP
17. VIII. Nachm.-Bl. (W. Jerusalem), 15.
VIII. 1909 M.-Bl. (Th. Lorenz, F. P.s
Jugenderinnerungen); KVZ 21. VIII. M.-A.,
31. VIII. M.-A. (V. Eschbach); MAZ
1908, 438 (W. Rein); IZ 131, 320 (N m. P);
HJ 1908, 450; Intern. Wochenschr. 19 10,
25 (D. Schafer); DZL 1073; Chronik <L
Univ. Berlin 22, 7; TJ 28, Abt. 8, 544;
Allg. ev.-luth. Kirchen-Zt. 1908, 910/12
(Z. Charakteristik d. Philosophen F. P.);
Christl. Welt 22, Nr. 37 (E. Spranger),
Nr. 52; Hochland 6, H. 1 (M. Ettlinger,
F. P. ein philos. Erzieher); W 45, 1933
(R. Hensel, Erinnerungen an F. P.); Eckart
3, H. 3—4 (K. Oesterreich); Zs. f. Philos.
u. philos. Kritik 133, 2 (H. Lindau);
Kant-Studien 14, 1 (E. Adickes, F. P.
Ein Scheidegrufl); Padag. Archiv 51, H. 1
(J. Speck); Monatsschrift f. hohere Schulen
Aug. 1909 (W. Munch, Padagogisches aus
F. P.s Jugenderinnerungen); Dtsch. Schule
I2 . 9» 579; Dtsch. Lehrer-Zt. 1908, 556;
Bl. f. hoher. Schulwes. 25, 389/91; KW
21, 371 (F. Kuntze); K. Sternberg, F. P.
Nekr. u. krit. Wurdigung. Berlin-Wilmers-
dorf 1908; KJ 1909, 634; Sozialist. Mo-
natsh. 1908, Bd. 3, 1221; BZ 23, 257
[Padag. Archiv 1908, 385 (K. Knabe);
28
7i*
Totenliste 1908: Peltier— Pfleiderer.
7*
Burschenschaftl. BL 1908, 238 (F. Aiaf-
berg); Hammer Jg. 7, 550 (A. Krok);
D. Hilfe 1908, Nr. 35 (A. Titius); D.
20. Jahrh. 1908, Nr. 36; Korrespondenzbl.
f. d. akad. gebild. Lehrerstand 1908, Nr. 33
(W. Miinch); D. Morgen 1908, Nr. 36
(F. Tonnies); Dtsch. Rundsch. Okt. 1908,
145 (Th. Lorenz); Dtsch. Schule 1908, 593
— 613 (Th. Kappstein); Freie bayer.
Schulzt. 1908, 255 (J. Beyhl); Sachs.
Schulzt. 1908, Nr. 39 (K. F. Sturm); TUrmer
Okt. 1908, 70 (F. Heman); Padag. Zt. 1908,
Nr. 34; Zukunft Bd. 64, 604 — 612 (L. Gur-
litt); TRU 1908, Nr. 195; Blaubuch 1908,
Nr. 41 (L. Gurlitt, P. als Reaktionar); Mo-
natsh. d. Comeniusges. 1908, 244 (O. Pflci-
derer u. P.); Monatsschr. f. hohere Schulen
1908, 577 (Aufruf an d. akad. gebild. Lehrer
Dtschlds. z. Errichtg. e. P.-Denkmals)]
2 4» 21 3 [Jugendwohlfahrt 1909, 25 (W.
Kabitz); Berlin, akad. Nachr. 1909, Nr. 8
(W. Munch); Mitt. d. Ges. f. dtsch. Er-
ziehungs- u. Schulgeschichte 1909, 332 — 339
(A. Heubaum); Gcsundheitswarte d. Schule
Jg. 7» 84 (C. Richter, Freiviertelstunde d.
Volksschuljug.); Lehrerin i. Schule u.
Haus Jg. 25, Nr. 14 (P.s Stellung zu
einzelnen Tagesfragen)] 25, 226 [Welt d.
Kaufmanns 1909, 306 — 313 (P.s Lebens-
erinnerungen); Monatsh. d. Comeniusges.
1909, 191 (A. Liebert); Intern. Wochcnschr.
1909, Nr. 35 (Th. Lorenz, Z. Frage einer
P.-Stiftung)l.
Pettier, Wilhelm, Pras. d. kgl. General-
kommission f. Schlesien, seit 1896 Direktor
d. Rentenbank f. Schles.; * Coesfeld i.
Westf. 22. VIII. 1850; f Breslau 19. IX. —
VZ 21. IX. A.-A.; NZ 23. IX. M.-A.;
W 39, 1678; JSG 1908 Nekr., 13/14.
Pemter, Josef Maria, Hofrat, Dr. phil, Prof.
a. d. Univ. Wien, Direktor d. osterr.
Zentralanst. f. Meteorologie u. Geodynamik;
* Neumarkt i. Siidtirol 15. III. 1848;
t Arco 20. XII. — VZ 31. XII. M.-A.;
IZ 131, 1219; DRG 31, 422 (Conrad m. P).
Peschka, Franz, 1907 dtsch. Landsmann-
minister, friih. hervorr. Mitgl. d. Reichsr.
u. bohm. Landt., zuerst Mitgl. d. dtsch.
Fortschrittspartei, dann Fuhrer d. dtsch.
Agrarier; * Abtsdorf b. Leitomischl i.
Bohm. 14. VIII. 1856; f Wien ^o. IV. —
NFP 1. V. M.-Bl., 2. V. Nachm.-Bl. (H.
Prade); IZ 130, 883; Dtsch. Arbeit 7, 9,
630 (C. M. Hergel m. P); HJ 1908, 451.
Pestel, Eduard von, Generalm., zul. Kommand.
d. 7. Ulanen-Reg., Ritter d. Eis. Kreuzes
1. Kl. u. d. Ordens »Pour le me'rite*, d.
tapfere Verteidiger Saarbruckens bei Be-
ginn des Krieges 1870; * Miinster i. W.
18. V. 1821; t Wiesbaden 25. III. — VZ
26. III. M.-A.; T 168 (P); MZ 1908, 187/88;
LJ 1908, 518; t) 10, 577; HJ 1908, 541.
PetCTS, Theodor, Dr. ing. k. c, Geh. Baurat,
Direktor d. Vereins dtsch. Ingenieure u.
Red. d. Zs. dieses Vereins; * Menden b.
Siegburg 15. XL 1841; f Berlin 2. IX. —
VZ 3. IX. A.-A.; T 301 (P); DBZ 42, 504;
IZ 131, 425 (N m. P); JSTG 1909, 103;
Zs. f. d. Ref. d. hoher. Schulen 20, Nr. 4;
WI 3, 1030; Zs. <L Ver. dtsch. Ingenieure
Jg. 52, IS4I—I549.
Petersen, Christian Ferdinand, Dr. med.,
Geh. Mediz.-Rat, Prof., Direktor d. An-
schar-Krankenhauses i. Kiel, friih. Assist,
von Es march u. Litzmann, spater Prof,
u. Direktor d. Chirurg. Poliklinik d. Kieler
Univ., Begr. von Volksunterhaltungs-
Abenden; * Esmark i. Angeln 15. V. 1845;
t Kiel 13. II. — VZ 15. II. M.-A.; Kieler
Zt. 13. II. A.-A., 16. II. M.-A. (Trauer-
feier); IZ 130, 374; MMW 55, 1, 574/75
(A. Pfister); WI 3, 1031; HBL 4, 54i;
PBL 1278/79 (P).
Petersen, Heinrich, Marinemaler i. Diissel-
dorf, friih. i. Flensburg; * Aarhus i. Jut-
land 28. III. 1861; f Diisseldorf 25. V. —
VZ 25. V. M.-A.; T 220 (P); MS 3, 415;
BMW 2, 245 (W).
Pfaff, Karl, Dr. phil, Prof., Gymn.-Oberl.,
Konservator d. stadt. Samml. i. Heidelberg,
Mitgl. d. Kommiss. f. Gesch. d. Stadt
Heidelberg; f Heidelberg 17. VIII. —
VZ 18. VIII. A.-A.; LZ 1908, 1148.
Pfeiffer, Philipp Ritter von, Geistl. Rat,
Dompropst i. Speier; * Rheinzabern 19. I.
1830; f Speier 5. XI. — HJ 1908, 451;
OA 1908/09, 1 135.
Pfister, Ernst, Finanzrat a. D., nationailib.
Mitgl. d. bad. Landt.; * Freiburg i. B.
26. XII. 1826; f das. 19. IX. — NZ 21. IX.
A.-A.
♦Pfldderer, Otto, Dr. theoh et phil. % Prof. d.
Theol. a. d. Univ. Berlin; * Stetten i.
Cannstatt i. Wurtt. 1 IX. 1839; f Gr. Lich-
terfelde b. Berlin 18. VII. — BJ XIII,
209 (O. Zurhellen); T 260 (P), 263 (A.
Scwett (A. Brausewetter); O. P.) W
30, 1286, 1294 (P); Hilfe 1908, Nr. 3
(Titius); MAZ 1908, 354/55 (G. Ruiue);
Chronik d. Univ. Berlin 22, 6; TJ 28, Abt. 8,
544; HJ 1908, 451; DZL 1095; Dtsch.
Rundsch. Aug. 1909, 271 (Th. Kappstein);
Turmer io, H. 12 (Siebert); Allg. Ev.-
Luth. Kirchen-Zt. 1908, 727/28; Pro-
tcstantenbl. 41, Nr. 31, Beil., Nr. 32
(Stier u. Seeberg, Am Sarge O. P.s, J.
Noack, Zu P.s Gedachtnis); Protest.
Monatsbl. 13, H. 2 (P. KirmO); Protest.
Monatsh. 12, 329/32 (J. Websky, Zu O. P.s
Gedachtnis); IZ 131, 194 (G. Runze m.
73*
Totcnliste 1908: Pfyffer — Raab.
74*
P); KJ 1909, 634; BZ 23, 261 [Zs. f. Missi-
onskde. u. Religionswiss. 1908, 257 — 274
(H. Holtzmann); TRU 1908, Nr. 170]
24, 217 [Theol. Arbeiten aus d. rhein.
wissenschaftl. Prediger-Verein N. F. H. 11,
in — 117 (E. Simons, O. P. als Gelehrter
u. Lchrer)] 25, 230 [Brem. Beitr. z. Ausbau
d. Kirche Jg. 3, 227 — 240 (K. Kuhner)].
Ptyffef von Altishofen, Nikolaus, schwcizer.
Landschaftsmiler, Vertreter d. alteren
Schule, de sen meist der engeren Heimat
entnommene Bilder fast alle ins Ausland
gingen; * Luzern 4. VIII. 1836; f das. 22.
V. — HJ 1908, 451; MS Nachtr., 232;
Kchr. 19, 490; BMW 2, 265.
Pieper, Anton, Dr. theol. , Prof. d. kath. Theol.
a. d. Univ. Miinster, Kirchen- u. Lokal-
historiker, Vors. d. westf. Altert.-Vereins;
* Ludinghausen 20. III. 1854; f Miinster
24. XII. — VZ 29. XII. M.-A.; NS 14, 149
(P); Chronik d. Univ. Miinster 1908/09, 6;
TJ28, Abt. 8, 545; HJ 1908, 451-
Pllz, Gustav, Prof. d. Tierheilkd. a. d. Univ.
Konigsberg, Leiter d. Kgl. Univ.-Tier-
klinik, Korps-Stabsvcterinar a. D.; * Bees-
kow 29. IX. 1841; j- Konigsberg i. Pr. 26.
XII. — Chronik d. Univ. Konigsberg
1908/09, 9 (Albert).
Pirner, Heinrich, Vize-Admiral z. D., bis 1903
Reichskommiss. b. Seeamt i. Stettin;
* Berlin 10. III. 1834; f Berlin -Wilmers-
dorf 26. V. — VZ 27. V. A.-A.; T 224 (P);
OA 1908/09, 1 145.
Pischel, Richard, Geh. Reg.-Rat, Dr. phil.,
Prof. a. d. Univ. Berlin, Direktor d. indo-
germ. Sem., Mitgl. d. Akad. d. Wiss.,
hervorr. Sanskritist; * Breslau 18. I. 1849;
t Madras 26. XII. — VZ 30. XII. A.-A.;
T 1909, Nr. 1 (P); GK 1909, 35°; DRG 3*.
232; HJ 1908, 451; TJ 28, Abt. 8, 545;
Abh. d. K. Pr. Akad. d. Wiss. Philos.-
hist. Kl. 1909 (W. Schulzc, Gedachtnisredc);
Sitzungsber. d. K. Bayer. Akad. d. Wiss.
Philos.-philolog. u. hist. Kl. Jg. 1909;
Chronik d. Univ. Berlin 22, 7.
Plattner, Samuel, Journalist, Mitgl. d. hist.-
antiqu. Ges. d. Kant. Graubiinden, 1890 bis
1899 Reg.-Sekr. d. Kant.; * Untervaz
15. VII. 1838; f Churwaldcn 23. II. —
ASG 40, 496 (P. Gillardon m. W).
Pkithner, Franz Xaver, Dr. theol., Prof. d.
Dogmatik a. Lyzeum zu Frcising; * 10. I.
1852; f Freising 17. XI. — HJ 1908, 451.
Plener, Ignaz Frh. von, Dr. iur., k. k. Finanz-
minister; * Wien 21. V. 1810; f das. 17. II.
— NFP 18. II. M.-Bl. (A. Frh. v. Nicbauer);
OR 14, 394; IZ 130, 4^5 (N m. P); FT 1909,
613.
Popplj Xaver, Domkapitular, bischofl. geistl.
Rat; * Passau 6. V. 1840; f Regensburg
4. VI. — KL 1909, 55*, 1908, 1 261 (W).
Poetsch, Emil, Geh. Justizrat, 1864 — 95
Biirgermeister u. Ehrenbiirger d. Stadt
Rofllau, die ihm einen groflen Aufschwung
verdankt, Mitbegr. d. Schifferschule i.
Rofilau, Mitgl. d. Anhalt. Landt. u. d.
Land essyn ode; * Edderitz b. Cothen 6.
XII. 1833; t Dessau 21. VI. — JSTG 1909,
101.
Pohle, Friedrich L e* o n , Geh. Hofrat, Prof.,
vorm. Mitgl. d. akad. Rates d. Akad. d.
bild. Kunste i. Dresden; * Leipzig I. XII.
1849; t Dresden 27. II. — VZ 3. III. A.-A.;
IZ 130, 465 (N m. P); HJ 1908, 451; MS
3, 461; BMW T 2, 295; Kchr 19, 323; W r I 3,
1058 (W).
Pollak, Heinrich, Schriftsteller; * 1834;
f Wien 19. X. — OR 17, 309.
Poschinger, Michael Ritter von, Kommerzien-
rat, Bes. d. Theresien thaler Glasfabriken i.
Bayer. Walde; * Frauenau 8. XII. 1834;
t Tutzing 19. II. — VZT; HJ 1908, 451;
OA 1906/07, 962.
PratSCh, Hermann, Generalm. z. D., bis 1891
Kommand. d. 8. F. -A. -Brig., Ritter d.
Eis. Kreuzes 2. Kl.; f Hannover 14. II.
i. A. v. 68 J. — VZ 20. II. M.-A.; MZ 1908,
117.
PreilSChen, Franz Eduard Frh. v., von u. zu
Liebenstein, Dr. tned., Geh. Mediz.-Rat,
Prof. d. Gynakologie a. d. Univ. Greifs-
wald; * St. Goarshausen 8. III. 1845;
f Wiesbaden 31. XII. — Chronik d. Univ.
Grcifswald 23, 9; FT 1909, 626; HBL 4,
624; PBL 1322.
Prochaska, Franz Josef, Schriftst. u. Dichter,
Vors. d. Dtsch.-Osterr. SchefTelbundes;
* Wien 7. X. 1865; t das. g. X. — KL
i9f>9, 5 8 *. 1908, 1277 (W); HJ 1908, 452;
LE n, 303.
Pruckfier, Caroline, fruh. Opernsangerin,
langj. Gesanglehrerin i. Wien; * Wien 4.
XI. 1832; t Hietzing 15. VI. — NTA 1909,
170; NMZ 29, 20, 440; R 1045; AMZ 1908,
5*5-
Plltld, Otto, Dr. phil, Oberl. i. Charlottenburg,
Schriftst. auf d. Geb. d. Mathem.; * Miig-
genhall 2. V. 1867; f Charlottenburg 2. IV.
— KL 1909, 56*, 1908, 1282.
QueiB, Franz, Inspizient u. Schauspieler a.
Rcsidenz-Theater i. Wiesbaden; * Ebcrs-
walde 7. IX. 1878; f Wiesbaden 20. V. —
NTA 1909, 166.
Quistorp-CreriZOW, Wernhcr von, Dr. iur. %
Rittergutsbcs., Mitgl. d. PreuG. Herrenh.,
1893 — 95 Mitgl. d. A.; * Crenzow
29/XII. 1856; t das. 23. VII. — T 265
(P); W 31, 1330; WI 3, 1082; HA 1894.
*Raab, Curt von, Sachs. General d. Inf., Dr.
28*
75'
Totenliste 1908: Rabenau — Rintelen.
76*
phil. h. r., Vogtland. Geschichtsschreiber;
* Bautzen 15. VII. 1834; f Dresden 1. I. —
BJ XIII, 103 (K. v. Brunn gen. v. Kauf-
fungen); VZ 3. I. M.-A.; IZ 130, 54 (N m.
P); MZ 1908, 22; HJ 1908, 452; KL 1908,
1285 (W); WI 3. 1082.
Rabenau, Karl von, seit 1903 Pras. d. Eisen-
bahndirekt. Mainz; * Essen a. R. 13.
VIII. 1845; t Mainz 19. VII. — VZT;
OA 1908/09, 1 180.
Racke, Josef Adolf Nikola, Weinhandler,
frtih. M. d. R. u. M. d. A. (Zentr.),
verdient urn d. kathol. Vereinswesen;
* Mainz 11. I. 1847; fdas. 26. XII. (ermor-
det von seinem geisteskranken Sonne).
— KVZ 29. XII. M.-A.; T 396 (P); HJ
1908, 452; Hirth, Dtsch. Parlam.-Almn.
16. Ausg., 205.
*Radlkofer, Max, Philologe u. Historiker;
* Munchen 6. VIII. 1836; f Augsburg
4. XII. — BJ Xni, 38 (H. Holland).
*Rau, Adolf, Landschaftsmaler; * Frankfurt a.
M. 5. V. 1867; t Munchen 24. VI. — BJ
XIII, 41 (H. Holland).
Rati, Wilhelm, Generallt. z. D M bis 1895
Kommand. v. Neu-Breisach, Ritter d.
Eis. Kreuzes 2. KL; * Bessungen 26. V.
1833; t Darmstadt 2. V. — MW 1908, 2465;
MZ 1908, 257.
Raven, Hans (Pseud.) s. Mdcke, Hans.
RehUnder, Willy (Pseud.: Rohland), Kgl.
Schauspieler i. Hannover, frUh. i. Berlin
a. Theater d. Westens u. a. Lessing- u.
Berliner Theater; * Coburg 15. X. 1854;
t Hannover 5. IV. — VZ 6. IV. A.-A.;
NTA 1909, 164; EG 843.
Reichenau, Robert, Senatspras. a. Oberverw.-
Gericht; * Marienwerder 9. VI. 1848;
t Berlin 2. X. — VZ 4. X. M.-A.; W 41,
1766.
Reichmann, Rudolf, Mitbegr. u. Hrsg. d.
Davenporter »Demokrat«; * Schleswig
15. III. 1821; f Toledo, Jowa 30. III. —
DAG 8, H. 3, 99/101.
ReiB, Johann Wilhelm, Dr. phil, Geh. Reg.-
Rat, Forschungsreisender, friih. Vors. d.
Ges. f. Erdkunde i. Berlin u. d. Berliner
Ges. f. Anthropologic; * Mannheim 13. VI.
1838; f auf d. Jagd b. Schlofl Konitz i.
ThUr. 29. IX. — VZ 1. X. M.-A.; T 329
(P); GK 1909, 350/51; G 94, 37<>; DRG 16,
326, 31, %%\ GA 9, 11, 257; Zs. d. Ges. f.
Erdkunde 8, 521—24; KL 1908, 13 13 (W).
RtiB, Karl, Hofkapellmeister a. D., Kompo-
nist d. Oper »Otto der SchUtz«; * Frank-
furt a. M. 24. IV. 1829; t das. 4. IV. —
T 182 (P); NTA 1909, 164; NMZ 29, 15,
332; HL 22, 115; HJ 1908, 452; R 1083.
RdBig, Eduard von, ehem. k. k. Staats-
sekretar i. Minist. d. Innern; * Kamon
5. VI. 1848; f Budapest 22. VIII. — NFP
22. VIII. A.-BL
Reuther, Karl, Bad. Groflindustrieller, Gran-
der u. Chef d. Maschinen-Weltfirrna Bopp
u. Reuther i. Mannheim; * Gemmrigheim
i. Wurtt. 13. X. 1846; f Mannheim 13. VI.
— IZ 131, 47 (N m. P); HJ 1908, 452.
ReventlOW-Climinn, Carl Albert Felix Graf
von, Erbherr auf Emkendorf, Mitgl. d.
Schlesw.-Holst. Ritterschaft, Kgl. Dan.
Legat.-Sekr. u. Kgl. Hannov. Geh. Le-
gationsrat a. D.; * Marseille 9. VIII. 1821;
f Emkendorf 10. I. — HC 12. I. M.-BL,
13. I. A.-BL; GT 1908, 726.
Rhena, Friedrich Graf von, kais. dtsch.
Legationsrat, Sohn aus morgan. Ehe d.
Prinzen Karl v. Baden mit ge"b. Freiin
v. Beust; * Karlsruhe 29. I. 1877; | Bern
20. XL — NZ 21. XI. M.-BL; W 48, 2064,
2067 (P); GT 1908, 728.
Rhena, Rosalie Grafin von, Witwe des Prinzen
Karl v. Baden, geb. Freiin v. Beust;
* Karlsruhe 10. VI. 1845; f das. 15. 10. —
VZ 15. X. A. -A.; T 367 (P); W 43, 1850;
HJ 1908, 452; GT 1908, 728.
*Rlchter, Adolf Maximilian, Dr. iheol. h. c. %
WGRat, Exz., ehem. evang. Feldpropst,
Mitgl. d. Oberkirchenrats u. vortr. Rat
i. Preufi. Kultusminist. ; * Frankfurt a. O.
31. VIII. 1842; f Hirschberg 12. X. — BJ
XIII, 221; VZ 13. X. A.-A.; T 334 (P); IZ
131, 711 (P); MZ 1908, 568; HJ 1908, 452;
TJ 28, Abt. 8, 545; KJ 1909, 635.
RIeff, Theodor von, Generallt. z. D., zul.
Kommand. d. 4. Art, -Brig., Ritter d. Eis.
Kreuzes 1. KL; * Wetzlar 5. VII. 1816;
f Charlottenburg 11. VIII. — VZ 12. VIII.
M.-A.; MZ 1908, 459.
Rlffarth, Hubert Heinrich, Grofl-In-
dustrieller, Begr. d. Berliner Hauses d.
Firma Meisenbach, Riffarth u. Co.; * Mun-
chen-Gladbach 12. VIII. i860; f Berlin-
Wilmersdorf 21. I. — DBZ 42, 60; HJ 1908,
452.
Rlndfleisdl, Georg Eduard von, Dr. nud. f
Geh. Mediz.-Rat, Prof. d. patholog. Ana-
tomie a. d. Univ. WUrzburg; * Kdthen
15. XII. 1836; f WUrzburg 6. XII. —
VZ 7. XII. A.-A.; T 379 (P); W 50, 2152,
2156 (P); IZ 131, 1062; DZL 1 188; DMW
35, 1, 70/71 (L. W. Weber); MMW 55, 2 t
2682/83 (M. Borst); PBL 1390 (P); HBL 5,
32; BZ 24, 233 [Verh. d. physik.-chem.
Ges., WUrzburg Bd. 40, 103 — 130 (M.
Borst)].
Rintelen, Viktor, Geh. Ober-Justiz-Rat,
Kammergerichtsrat a. D. u. Mitgl. d.
Kompetenzgerichtshofes, Dr. iur. h. c. f
ehem. M. d. R. u. M. d. A. (Zentr.),
1871 Appellationsgerichtsr. i. Hamm, 1877
7f
Totenliste 1908: Robbert — Salm-Salm.
78*
Obertribunalsr. i. Berlin, 1880 — 82 beim
Hilfssenat d. Reichsgerichts, seitdem beim
Kammergericht; * Wesel 17. VIII. 1826;
f Berlin-Friedenau 20. IX. — VZ 21. IX.
A. -A.; W 39, 1678; IZ 131, 546; HJ 1908,
453; KL 1908, 1334/5 (W); RH 1903, 302;
DZL 1 188.
♦Robbert, Wilhelm, humorist. Schriftst.;
* Donsbniggen 31. V. 1838; f Cleve 27.
VIII. — BJ XIII, 165 (E. L.).
*RocggC, Wilhelm, Historien-Genremaler;
* Ostercappeln b. Osnabrtick 28. IV. 1829;
f Munchen 11. II. — BJ XIII, 39 (H.
Holland).
Roehrig, Ludwig Otto, Orientalist, seit 1853
in den Vereinigt. Staaten, 1869 — 1885
Prof. f. Sanskrit a. d. Cornell-Univ., 1895
Prof. f. semit. Sprachen a. d. Stanford-
Univ., auch Komponist; * 19. VI. 1839;
f Pasadena 15. VII. — HJ 1908, 453.
Roesler, Albert, Geh. Justizrat, Landgerichts-
direktor a. D.; * Kassel 29. VIII. 1840;
t Bremen 19. IV. — HL 22, 130/131.
Rosier, Franz, dtsch.-bohm. Musiker, Pianist
u. Komponist; * Aussig 14. IV. 1876;
t Rom 1. VIII. — Dtsch. Arbeit 8, 4, 319
(J. Cerny).
Rohland, Friedrich Wilhelm (Pseud.) s. Reh-
lander, Willy.
♦Rohf, PaulTheodor,Landschafts-u. Bildnis-
maler; * Chemnitz, Sa. 25. XI. 1864;
t Pasing b. Munchen 2. XI. — B J XIII, 37
(H. Holland).
Rohr, Philipp von, Prasident d. evang.
Kirchensynode von Wiskonsin, einer d.
angesehensten u. bekanntesten Pastoren
d. ev.-luth. Kirche Amerikas, 42 Jahre
lang Seelsorger d. ev.-luth. St. Martins-
Gemeinde i. Winona, einer z. Halfte von
Deutschen bewohnten, am Mississippi
gelegenen Stadt; j* Winona 22. XII. —
DE 8, H. 2 (N).
Rosen, Viktor Baron von, Prof. a. d. St.
Petersburger Univ., hochverd. Arabist
u. Orientalist, Mitgl. d. Kais. russ. Akad.
d. Wiss.; * Reval 5. III. 1849; t St. Peters-
burg 10./23. I. — GK 1909, 351 ; AZB 1908,
646.
Rosenheim, Karl, Direktor d. Raimund-
Theaters i. Wien; f Wien 10. V. i. 52. Le-
bensj. — VZ 13. V. M.-A.; NTA 1909, 165.
♦Rosertmund, Max, Dr. phil. % Prof. d. Geo-
dasie u. Topographie a. Eidgenoss. Poly-
technikum i. Zurich; * Liestal (Kt. Basel-
land) 12. II. 1857; f Kusnacht b. Zurich
18. VIII. — BJ XIII, 167 (H. Schollen-
berger); VZ 22. VIII. M.-A.; T 295 (P);
GK 1909, 351; IZ 131, 384.
Rosenthal-von der Leyen, Else, Dr.med., eine
d. ersten i. PreuOen approb. Arztinnen;
* Bremen 13. X. 1874; f Berlin 26. IX. —
BKW 45, 2, 191 5/16 (M. Michaelis).
Riihhnann, Richard, Dr. phil. y Oberstudienrat,
nationallib. M. d. R. u. M. d. Sachs. Landt.;
* Dresden 13. V. 1846; f Dobeln 17. XI. —
VZ 19. XI. A.-A.; W 48, 2064; IZ 131,
1003; Zs. f. lateinlose hoh. Schulen Jg. 20,
H. 3/4 (J- Schubert).
Rutz, Albert, Bayer. Generalm. z. D., bis
1899 Kommand. d. 2. Feldart.-Brig.;
* Ansbach 3. IV. 1846; f Munchen 6. VIII.
— VZT; OA 1908/09, 1 281.
Rttzicka, Sophie, ehem. Opem- u. Konzert-
sangerin, wirkte i. Olmiitz, Koln u. Frank-
furt a. M.; * Prag 1848; f Frankfurt a. M.
29. VII. — NTA 1909, 171.
Saatz, Dr. med., Geh. Sanitatsrat, Laryngo-
loge, hervorr. tatig i. Interesse d, Arzte-
standes, Schatzmeister d. Arztekammer zu
Berlin; * Merseburgi2.XII. 1850; f Berlin
5. II. — VZ 8. II. M.-A.; BKW 45, 1,387;
MR 1908, 73 (N).
Sachsen-Altenburg, Ernst Herzog von, preufl.
u. sachs. Generaloberst; * Hildburghausen
16. IX. 1826; f Altenburg 7. II. — MAZ
8. II. Vorabd.-Bl.; IZ 130, 281/84 (F.
Volger m. P); NTA 1909, 156; HK 1908,
82; MZ 1908, 83/84.
Sack, Eduard, bek. Journalist; | Frankfurt
a. M. 20. V. i. A. v. 77 J. — unter d. Mi-
nistern v. Bethmann-Hollweg u. v. Muhler
ein gefeierter Fuhrer d. freisinn. Lehrer-
schaft d. Prov. Preufien, begr. 1861 d.
Schulblatt f. d. Volksschullehrer d. Prov.
Preufien, hatte ein Hauptverdienst an d.
Begr. d. »Preufl. Pestalozzi-Vereins« u. d.
♦Provinziallehrerversammlungen «. Nach
zahllosen Schikanen, Geld- u. Gefangnis-
Strafen mufite er sein Blatt schlieBen.
1866 Red. d. »Wegweiser« i. Berlin, 1872
Red. a. d. Frankf. Zt. — W 22, 936; Dtsch.
Schule 12, 7, 460.
Salnt-Julien, Klemens Graf, Geheimrat, Lan-
despras. i. Herzogt. Salzburg; * Wolfsegg
25. IX. 1845; t Salzburg 23. VIII. — VZT;
GT 1908, 7S0.
Saldern, Konrad Adam Leopold, Kais. dtsch.
Gesandter z. D., 1898 — 1903 Ministerresi-
dent i. Bangkok, 1903 — 1906 i. Soul,
Korea; * 3. I. 1847; f Charlottenburg
8. VI. — VZ 11. VI. M.-A.; T 228 (P);
HJ 1908, 453-
Salm, Friedrich Wilhelm, Generalm. a. D.,
bis 1904 Kommand. d. Landw.-Bez.
Beuthen O.-Schles., Ritter d. Eis. Kreuzes
2. Kl., Verf. mehrerer Abh. iiber Gym-
nastik; * Wesel 6. II. 1849; f Wiesbaden
25. I. — VZ 30. I. M.-A.; MZ 1908, 61.
Salm-Salm, Nikolaus Leopold Fiirst zu, erbl.
Mitgl. d. preufl. Herrenh.; * Schlofl Anholt
79'
Totenliste 1908: Salzmann — Schlippcnbach.
80*
b. Bocholt 18. VII. 1838; f das. 16. II. —
VZ 17. II. A.-A.; IZ 130, 410; HJ 1908,
453; HK 1908, 181; HH 1904, 344; WI 3,
1174.
SalzmaiM, Paul, Generalm., Kommand. d.
66. Inf. -Brig.; * Gotha 1. IX. 1853; f Metz
15. XL — NZ 16. XL A.-A.; MZ 1908, 637.
Sandorl, Steffi (Pseud.) s. Schramm.
Satlter, Benedikt, Dr. iheol, Abt d. Bene-
diktinerstiftes Emaus i. Prag, Schopfer d.
Beuroner Choralgesanges u. fruchtb. aszet.
Schriftst.; * Langeneuslingen i. Hohen-
zollern 24. VIII. 1835; t Pra g 7- VI. —
VZ 10. VI. A.-A.; HJ 1908, 454; KL 1908,
1394 (W).
♦Schaarschmidt, Karl, Dr. phil., Geh. Reg.-
Rat, Prof. d. Philos. a. d. Univ. Bonn,
ehem. Direktor d. dortig. Univ.-Bibl.;
* Berlin 3. XL 1822; f Bonn 26. XII. —
BJ XIII, 225 (Elter); Zentralbl. f. Biblio-
thekswes. Jg. 26, H. 2 (E. Dorsch); JB 7,
134, 8, 142; Chronik d. Univ. Bonn f. 1908,
13—16 (Elter).
Schaefer, Georg, Dr. phil., Geheimrat, Prof,
d. Kunstgesch. a. d, Techn. Hochsch. i.
Darmstadt; * Mainz 13. IV. 1823; f Darm-
stadt 15. VIII. — KVZ 21. VIII. A.-A.;
HJ 1908, 454-
♦Schaefer, Karl, Dr. ing. % Oberbaurat, Prof,
a. d. Techn. Hochsch. i. Karlsruhe; * Kassel
18. I. 1844; f Karisfelde b. Halle a. S. 5.
V. — BJ XIII, 147 (C Weber); VZ 7. V.
M.-A., A.-A.; T 200 (P); IZ 130, 1050
(N m. P); DBZ 42, 260, 398/402 (C. Gurlitt
m. P); HL 22, 147/148; HJ 1908, 454;
Kchr 19, 438; Progr. d. Techn. Hochsch.
i. Karlsruhe 1908; MS 4, 181; Zentralbl. d.
Bauverw. 1908, Nr. 39 (L. Diehm, m. P);
Zs. f. Gesch. d. Architektur 1909, 240 — 246
(Ostendorf, Sch.s wissenschaftl. Werke).
SchMffer, Wilhelm, Landgerichts-Pras. i.
Kolmar; * Mering 14. XII. 1849; t Kolmar
13. V. — VZ 24. V. M.-A.; OA 1908/09,
I30 1 -
Scharlach, Julius, Dr. iur., Rechtsanw., eifr.
Forderer kolonialer Bestrebungen u. Griin-
der von kolonisator. Unternehmungen i.
Kamerun u. Siidwestafrika; f Hamburg
28. III. — VZT.
Schaumberg, Berth old, Generalm. z. D., zul.
Kommand. d. Truppenubungsplatzes Ha-
genau, Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL;
* Stargard i. Pomm. 6. I. 1841; f Gut
Schney b. Lichtenfels i. Oberfranken 26.
XII. — VZ 29. XII. M.-A.; MZ 1909, 7.
Schauroth, Oskar von, Generallt. z. D., bis
1890 Kommand. d. 14. Inf.-Brig., Ritter
d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Ohrdruf 8. I. 1834;
t Eberswalde 23. X. — VZ 25. XL A.-A.;
MZ 1908, 651.
Schedel von Greifenstein, Adolf, Ingenieur,
Eisenbahn-Erbauer i. China, Togo u.
Kamerun; * 6. VII. 1879; t Duala i. West-
afrika 4. III. — MAZ 14. III. M.-Bl.
Scheibner, Wilhelm, Dr. phil, Geh. Hofrat,
ehem. Prof. d. Mathem. a. d. Univ. Leipzig;
* Gotha 8. I. 1826; f Leipzig 8. IV. — VZ
8. IV. A.-A., 10. IV. M.-A.; IZ 130, 834;
GK 1909, 352; DRG 30, 423; L 44, 6, 63;
KL 1908, 1412; WI 3, 1 193 (W).
Schellhortl, Emil von, Bayer. Generalm. z. D.,
bis 1888 Kommand. d. Kadettenkorps,
fruh, Direktor d. Kriegsschule i. Miinchen;
* Landsberg i. Bayern 10. IV. 1828;
t Munchen 11. XII. — VZ 12. XII. M.-A.;
W 51, 2194; MZ 1908, 693.
Schelling, Hermann von, Dr. iur. et pkil.,
"frtih. preufl. Justizminister, jiingster Sohn
des Philosophen Fr. W. J. v. Sch.; * Er-
langen 19. IV. 1824; j* Berlin 15. XL —
1866 vortr. Rat i. Justizminist., 1879
Staatssekretar d. Reichsjustizamts, 1889
bis 1894 preufi. Justizminister, leitete die
Arbeiten fur d. neue BGB ein; auch Obers.
antiker Meisterwerke. — NZ 16. XL A.-A.;
W 47, 2022; IZ 131, 1003; DJZ 1908, 1327;
HJ 1908, 454.
Schenkel, J. J., hervorr. Kanzelredner, verd.
Lokalhist., Ehrenmitgl. d. hist.-antiqu.
Vereins zu Schaffhausen, fruh. Pras. d.
Stadtschulrats u. d. Groflen Rats; * Thayn-
gen 7. XII. 1830; t Schaffhausen 26. I. —
ASG 40, 496/497 (W).
Scherer, Joseph, Kaplan i. Hergiswald,
Lokalhist., Mitgl. d. hist. Vereins d. 5 Orte;
* Emmen 8. IV. 1840; t Hergiswald 10.
IV. — ASG 40, 497 (W).
Schlegel, Wilhelm, fruh. langj. Leiter d. Stadt-
theater i. Zurich u. Basel, spater am Opern-
hause zu Frankfurt a. M. tatig; # Wesel
14. XL 1824; f Frankfurt a. M. 14. I. —
NTA 1909, 155.
Schleiter, Wilhelm, Generalm. z. D., zuL
Kommand. d. Fiis.-Reg. Nr. 40, Ritter d.
Eis. Kreuzes 2. KL; * Braunschweig 10.
VII. 1834; t das. 24. XII. — VZT; MZ
1909, 21.
Schlleben, Joachim Kaspar Anton Richard
von, fruh. sachs. Kultusminister; * Nieder-
friedersdorf 23. VII. 1848; f Schlofl Tauben-
heim a. d. Spree 7. II. — VZ 8. II. M.-A.;
IZ 130, 334; Dtsch. Lehrer-Zt. 1908, 145;
HJ 1908, 454.
Schiippenbach, Karl Graf von, General d.
Inf., bis 1887 Gouverneur v. Mainz; * Ber-
lin 19. IX. 1830; f Schlofi Arendsec, Kr.
Prenzlau 19. VIII. — 1849 Eintritt in d.
Armee als Einj.-Freiw., 1850 Lt., 1861
Hauptm. i. Gr. Generalst., 1866 Major,
1870 Eis. Kreuz 1. KL, 1871 Oberstlt. u.
8i<
Totenliste 1908; Schlippenbach — Schnabel.
82*
Direktor d. Kriegsschule i. Potsdam, 1873
Oberst, 1880 Generalm., 1881 Insp. d.
Kriegsschulen, 1884 Generality 1886 Gouv.
v. Mainz, 1887 z. D., 1895 Charakter als
General d. Inf. — VZ 20. VIII. A.-A.;
MZ 1908, 471; GT 1909, 793.
Schlippenbach, Otto Graf von, Generalm.
z. D., bis 1907 Kommand. d. 22. Inf.-Brig.,
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Nizza
4. III. 1853; t Riva 18. IV. — VZ 22. IV. M.-
A.;MZ 1908, 229; WI 3, 1209; GT 1909, 795.
Schlitzberger, Siegmund, ehem. Mittclschul-
lehrer, bekannt durch seine i. Auftr. d.
Regierung hrsg. Pilztafeln, Verf. einer
groflen Zahl von naturwiss. Werken;
* Simmershausen 18. VII. 1844; f Kassel
2. IX. — HL 22, 267.
Sclllosser, Eduard, ehem. Groflh. Bad. Hof-
opernsanger; * Amberg 17. VI. 1839;
f Darmstadt 17. VII. — NT A 1909, 171.
*Schluftlberger, Johann von, Dr. iur. et
phil. h. c. f WGRat, fruh. Pras. d. Eis.-
Lothr. Landesausschusses, Groflindustrieller ;
* Gebweiler 24. II. 1819; f das. 13. IX.
— BJ XIII, 135 (H. Diez); T 308 (P); VZ
15. IX. M.-A.; IZ 131, 484; HJ 1908, 454;
KL 1908, 1437 (W); WI 3, 121 1 ; Sitzmann,
Dictionnaire de Biographie des Hommes
C&ebres de TAlsace T. 2, 690/691.
*Schlumprecht, Heinrich, Xylograph; * Miin-
chen 4. I. 1859; f das. 17. XII. — BJ XIII,
113 (H. Holland).
Schmarda, Ludwig Karl, Dr. phil, Hofrat,
Prof. d. Zool. a. d. Univ. Wien, Tier-
geograph, beriihm. Geologe u. Forschungs-
reisender; * Olmutz 23. VIII. 1819; f Wien
7. IV. — NFP 7. IV. A.-A.; VZ 10. IV.
A. -A.; T 179 (P); G 93, 323; GK 1909,
352/53; DRG 30, 474/76, 30, 377; GA 9,
161; L 44, 5, 54; Alman. d. k. Akad. d.
Wiss., Wien 1908, 283 (V. v. Lang).
Schmld, Adolf, Dr. med., Hofrat, 35 Jahre
lang Arzt i. Bad Reichenhall; * Erlangen
29. XL 1846; t Berlin 14. XII. — MMW 56,
1, 139/140 (W. Mayer).
Schmidt, Friedrich, Geologe, Botaniker u.
Palaontologe, Mitgl. d. Akad. d. Wiss. i.
St. Petersburg; * auf einem Landgute
i. Kr. Prenau i. Livland 15./28. I. 1832;
t St. Petersburg 20. XL — VZ 28. XL
M.-A.; GK 1909, 353.
Schmidt, Hermann Friedrich, Pfarrer d.
dtsch. ev. Gemeinde i. Cannes, Lehrer d.
Kronprinzessin Cecilie, hervorr. Prediger,
Verf. von »Kellners Weh und WohU u.
zahlr. Predigtsamml.; f Cannes 30. I. —
Christl. Welt 1908, 775—781 (R. Otto,
Erinnerungen an H. Sch.); TJ 28, Abt. 8,
545; KJ 1909, 631.
Schmidt, Julius von, Generallt. z. D. t bis
1886 Kommand. d. 37. Inf.-Brig., Ritter
d. Eis. Kreuzes 1. Kl., Verf. d. Werkes
♦Die Schicksale der hess. Armee-Division
1866 «; * Kassel 3. VIII. 1827; f das. 23.
IX. — VZ 24. IX. A.-A.; HL 22, 283; MZ
1908, 541.
Schmidt, Karl Wilhelm Albert, Brauereibes.
i. Rawitsch, freikonserv. M. d. R. u. M.
d. A.; * Gorkau 1. XII. 1846; f Breslau
7. L — VZ 8. I. M.-A.; IZ 130, 169; RH
19031 316; WI 3, 1219.
Schmidt, Otto, Geh. Justizrat, Landgerichts-
direktor a. D.; * Paderborn 15. VI. 1842;
f Bcrlin-Charlottenburg 3. IX. — VZ 6.
IX. M.-A.; OA 1908/09, 1348.
Schmidt-Michelsen, Alexander, hervorr. Land-
schafts- u. Genremaler; * Leipzig 5. XL
1859; f das. 21. XL — W 48, 2064; Kchr
20, 118; Westerm. Monatsh. Juni 1909,
439/440; MS 4, 211; BMW 2, 596 (W).
Schmitt, Gottfried Ritter von, Dr. iur., Pras.
d. Obersten Landgerichts, lebensl. Mitgl.
d. Bayer. Kammer d. Reichsrate, 1863 — 69
lib. Mitgl. d. bayer. Abg.-Kammer, war
an d. Ausarbeitung d. BGB wesentlich
beteiiigt; * 1827; f Ebern 25. VIII. — VZ
25. VIII. A.-A., 26. VIII. M.-A.; IZ 131,
384; DJZ 1908, 1015 (v. Henle); HJ 1908,
454-
Schmitt, Gregor, Dr. med., Obermediz.-Rat,
Medizinal-Beamter f. Unterfranken, Hrsg.
d. »Arzt lichen Taschenbuchs« von 1861 — 95;
* Riedenheim i. Unterfranken 12. III. 1832;
t Wurzburg 5. V. — MMW 55, 1, 1345/46;
PBL 1514 (W); KL 1908, 1457.
Schmitt, Josef Ritter von, Dr. iur., Geh. Hof-
u. Justizrat, Advokat, Pras. d. Landrats
von Oberfrankcn, Vors. d. Anwaltskammer
Bamberg; * Hofheim 4. V. 1838; f Bam-
berg 16. IV. — HJ 1908, 454; OA 1907/08,
Ir 33-
SchmuckenschlSger, Adolf, Prof., Konsisto-
rialrat, theolog. Schriftst.; * Kollerschlag
23. XII. 1841; f Linz a. D. 17. VII. — KL
1909, 1908, 1460 (W).
*Schnabe), Isidor, Dr. med., k. k. Hofrat,
Prof. f. Augenheilkunde a. d. Univ. Wien;
* Neu-Bydz3w i. Bohm. 14. XL 1842;
t Wien 4. XII. — BJ XIII, 145 (E.); VZ 8.
XII. M.-A.; IZ 131, 1120; Dtsch. Arbeit
8, 6, 461/65 (Elschnig m. P u. W); PBL
1515 (W); HBL 5, 251; KL 1908, 1461;
Mediz. Bl. Jg. 31, 601 (S. Klein); BZ 23,
296 [ Mediz. -chirurg. Zentralbl. Jg. 43, 601;
Wiener klin. Rundsch. Jg. 22, 815 (H.
Lauber); Prager mediz. Wochenschr. Jg.
33, 801 (C. Hirsch); WMW Jg. 58, 2773]
24, 245 [Zentralbl. f. prakt. Augenheilkde.
Jg- 3 2 » 354 (J- Hirschberg); Wochenschr.
f. Therapie u. Hygiene d. Auges Jg. 12,
83*
Totenliste 1908: Schneider — SchSnlein.
84*
Nr. 15 (M. Bondi); Wiener klin. Wochen-
schrift Jg. 22, 32; Zs. f. Augenheilkde.
Bd. 21, 90 (H. Lauber), 262 — 266 (M. Salz-
mann)].
Schneider, Arthur, WGOberbaurat, bis
1905 vortr. Rat i. Minist. d. offentl.
Arbeiten; * Konigsberg 3. IV. 1839;
t Berlin 27. VII. — VZT; OA 1907/08,
1 138.
Schneller, Christian, Dr. phil., Hofrat, Tiroler
Dichter, Schriftst. u< Folklorist, friih.
Gymnasiallehrer, dann Landesschulinsp.
f. d. Volksschulen, spater f. d. Mittel-
schulen Tirols, Mitgl. d. Statist. Zentral-
kommission i. Wien; * Holzgau b. Reutte
i. Tirol 5. XL 1831; f Cornocalda b.
Rovereto 5. VIII. — VZ 10. VIII. A.-A.;
T 282 (P); GK 1909, 353; DRG 31, 39;
LE 10, 1754; HJ 1908, 454; KL 1908,
1468 (W); Forsch. u. Mitt. z. Gesch. Tirols
Jg. 6, 72—79 (A. Troger).
SchneuwJy, Josef, Archivar, Ehrenmitgl.
d. dtsch. Gesch ichtsforsch.-Vereins d. Kant.
Freiburg; * Freiburg i. Schw. 14. IV. 1839;
f das. 4. X. — ASG 40, 500/501.
Schoen, Ernst Christian Johannes, Dr. iur. f
prasidierender Biirgerm. i. Liibeck; * Lii-
beck 24. VI. 1843; t <* as - x 3- x - — vz *4-
X. M.-A.; IZ 131, 711 (P); HJ 1908, 455-
*Sch5naich-Carolath, Emil Prinz von, Dichter;
* Breslau 8. IV. 1852; f Haseldorf i. Hoist.
30. IV. — BJ XIII, 151 (V. Klemperer);
VZ 1. V. M.-A.; Schles. Zt. 5. V. M.-Bl.
(Ch. Grafin Rittberg); FZ 6. V. 2. M.-Bl.
(Wie ein Dichter stirbt); Kieler Zt. 2. V.
A.-A., 7. V. A.-A. (Ober d. Heimgang d.
Prinzcn E. v. Sch.-C); HC 30. IV. M.-A.
(H. Seyfarth), 1. V. M.-A., 8. V. A.-A.
(M. Stein), Beil. Nr. 14 (H. Benzmann);
TRU Nr. 104 (K. Busse); NZ Sonnt.-Beii.
Nr. 19 (H. Bethge, Erinnerungen an Prinz
E. v. Sch.-C); Leipz. Neueste Nachr.
Nr. 121 (M. Mendheim); Hamb. Nachr.
Nr - 3*>5 (J- Kruse); Hamb. Fremdenbl.
Nr. 112 (H. Bethge); IZ 130, 883; KL
1908, 1475 (W); HJ 1908, 455; LE 10,
1209; Eckart 2, 8 (J. Havemann, Auf d.
Tod d. Prinzen E. v. Sch.-C), 2, 10 (G.
Falke, Pr. E. v. Sch.-C Ein Gedenkwort);
NS 13, 293/98 (W. Lobsien m.P); Schlesw.-
Holst. Rundsch. 3, 1 (W. Lobsien u. H.
Heiberg); Gegenwart Bd. 73, Nr. 20 (H.
Benzmann); D. alte Glaube Jg. 9, Nr. 44
(P. Steinmann, Z. Erinnerung an Prinz
E. v. Sch.-C); Dtsch. Wacht Jg. 1, Nr. 19
(W. Koch); Dtsch. Warte Nr. 121 (P.
Landau); Christl. Welt 1908, 568/70 (E.
Mullenhoff); Konserv. Monatsschr. Nov.
1908, 141 (H. Spiero); Hochland Jg. 5,
H. 10 (M. Bahr); Bremer Beitr. z. Ausbau
d. Kirche Jg. 3, H. 3 (E. v. Sch.-C Dichter,
Prophet); L. Krapp, Prinz E. v. Sch.-C
Leipz. 1908 (Moderne Lyriker 4); V.
Klemperer, Prinz E. v. Sch.-C Char-
lottenburg 1908 ( Person lichkeiten hrsg.
von W. Leven, H. 33); G. Schiiler, Prinz
E. v. Sch.-C als Mensch u. Dichter. Leipz.
1909; H. Seyfarth, Aus d. Leben u. d.
Werken d. Prinzen E. v. Sch.-C. Leipzig
1909; E. KammerhofI, Prinz E. v. Sch.-C
als Mensch u. religioser Lyriker. Leipz.
1909 (Beitr. z. Literaturgesch. H. 63);
J. Burggraf, Carolath-Predigten. Leipz.
1909; Westerm. Monatsh. Juni 1908,
460/461 (P); BZ 22, 242 [D. Deutsche
Bd. 8, Nr. 2 (G. Schuler); Erwinia Jg. 15,
154—167 (E. A. Regener); D. Heimat
1908, 2—10, 141 — 151 (E. Kammerhoff);
D. Hilfe 1908, Nr. 19 (H. Schnellbach);
Sudd. Monatsh. Juni 1908, 753; Turmer
Juni 1908, 423—426 (M. v. Stern); Ober
den Wassern 1908, 289 — 298 (L. Kiesgen)]
23, 2 97 [D. Magazin Jg. 77, 164—168
(E. KammerhofI); Schweiz. Rundsch. Jg. 8,
287—304 (L. Korodi); Xenien Juni/Juli
1908 (W. Schoene); D. christl. Frau Jg. 6,
340 — 345 (R. Knies, Weib-Problem in
d. Dichtungen d. Prinz. E. v. Sch.-C);
Velh. u. Klas. Monatsh. Juli 1908, 644 — 650
(C Busse, Erinnerungen an Prinz E. v.
Sch.-C)] 24, 245 [Ober den Wassern 1909,
253 — 259 (0. Putz, Prinz E. v. Sch.-C
als Dichter d. soz. Mitleids)] 25, 261
[Bremer Beitr. z. Ausb. d. Kirche Jg. 3,
252—265 (H. Seyfarth, E. Dichter d. dtsch.
Christent.)].
Sctldnberg, Gustav Friedrich von, Dr. iur.,
phiU et se. pol. 9 Staatsrat, Kanzler d. Univ.
Tubingen, Prof. d. Nationaldkonom. ;
* Stettin 21. VII. 1839; f Tubingen 3. I. —
VZ 4. I. M.-A.; IZ 130, 94 (N m. P); HJ
1908, 455; ASG 40, 494 (W); KL 1908,
1476 (W); DZL 1299.
Schonbom, Karl Graf, osterr. Geh. Rat u.
Kammerer, Chef d. jilngsten Linie d.
Hauses; * 10. IV. 1840; f Neuhof b. Neu-
kirchen, Bez. Eger 29. V. — HJ 1908, 455.
Schdnhoff, Leopold, Theater- Kritiker am
»Tag«, Verf. d. Samml. »Zehn Jahre
Berliner Theater*; * Wischau i. Mahren
1853; t Wiesbaden 2. V. — VZ 7. V. M.-A.;
T 195 (P. Roland); FZ 6. V. 2. M.-BL
(Erinnerungen an L. Sch.); LE io, 1248;
KW Jg. 21, H. 3, 300; HJ 1908, 455-
SchSnlein, Hermann, Verlagsbuchhandler,
Grunder u. Hrsg. d. ill. Zs. »Buch f. Alle«,
»Chronik d. Zeitt, » Blatter f. den hausl.
Kreist, »Bibliotbek d. Unterhaltung u.
d. Wissens*. Seine Firma wurde 1890
mit d. »Union Dtsch. Verlagsges.* ver-
8 5 *
Totenliste 1908: Scholz — Schultze.
86*
schmolzen; er hinterliefl 3 Millionen f.
wohltatige u. gemeinnutzige Zwecke;
* Leipzig 2. XII. 1833; f Stuttgart 11 IX.
— VZ 23. IX. M.-A.; W 38, 1636; IZ 131,
506; HJ 1908, 455.
Sch0lZ y Anton von, Dr. theol., Geh. Rat,
Prof. d. Theol. a. d. Univ. Wurzburg,
Ssnior d. Univ.; * Schmachtenberg i.
Untcrfranken 15. II. 1829; f Wurzburg
30. IX. — VZ 1. X. A.-A.; W 41, 1766;
IZ 131, 594; D. Katholik 88, 11; TJ 28,
Abt. 8, 545; KL 1908, 1473 (W); VVI 3,
1238 (W).
Scholz, Paul Joseph, Rittergutsbes., 1870—85
M. d. A.; * Starrwitz, Kr. Grottkau
8. IV. 1822; t Breslau 27. I. — VZ 29. I.
M.-A.; HA 1882, 287.
SctlOfl, Erich von, Generalm., Kommand. d.
24. Inf.- Brig., Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.;
* Stolp i. Pomm. 17. IV. 1849; f Neifle
12. VII. — VZT; MZ 1908, 397; WI 3,
1239.
Schor, Konrad, Generalm. z. D., bis 1879
Kommand. d. 23. Inf.-Brig., Ritter d. Eis.
Kreuzes 2. Kl.; * Jordansmiihle 13. IV.
1828; f Kiel 9. V. — VZ 14. V. M.-A.;
MZ 1908, 272.
Schott, Rudolf von, wurttemb. Generalm.
z. D., bis 1888 Kommand. d. 26. Drag.-Reg.,
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Stuttgart
19. VI. 1836; f das- 24. VII. — VZT;
MZ 1908, 422; WJ 1908 Nekr.; OA 1907/08,
1 1 S3-
Schrabisch, Heinrich von, Generalm. z. D.,
Oberstkammerh. d. Herzogin Marie v.
Sachsen-Kob.-Gotha, friih. Fliigeladjut.
d. Herzogs Ernst II., Ritter d. Eis. Kreuzes
2. KL; * Schmiedeberg 13. IX. 1827;
t Gotha 25. X. — MZ 1908, 595.
'Schlatter, Eberhard, Dr. theol et phil y Geh.
Reg.-Rat, Prof. d. Assyriologie a. d. Univ.
Berlin, Mitgl. d. Akad. d. Wiss.; * Braun-
schweig 5. I. 1836; f Berlin 3. VII. —
BJ XIII, 156 (E. Meyer); T 249 (P); W 28,
1 198; IZ 131, 287; MAZ 1908, 327 (F.
Hommel); Protestantenbl. 1908, ion;
Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 678;
GK 1909, 353; DRG31, 136; GA9, 257;
WI 3, 1241 (W); KL 1908, 1483 (W);
HJ 1908, 455; G 94, 147; Abh. d. K. Pr.
Akad. d. Wiss. Philos.-hist. Kl. 1909
(E. Meyer, Gedachtnisrede); TJ 28, Abt. 8,
545; Chronikd. Univ. Berlin 22, 7; KJ 1909,
634; Ber. iib. d. Verh. d. kgl. sachs. Ges.
d. Wiss. zu Leipzig, Philol.-hist. CI. Bd. 6o,
195 — 205 (H. Zimmern).
Schramm, Steffi (Pseud.: Sandori), Schau-
spielerin a. Residenz-Theater i. Wiesbaden;
* Wien 31. I. 1882; f Wiesbaden 13. V. —
NT A 1909, 166.
Schnunm-Macdonald, Marie, geb. Schwendy,
Dichterin u. Schriftst., dram. Lehrerin;
* Berlin n. IV. 1846; f Dresden 9. II. —
VZ 11. II. M.-A.; LE 10, 818; HJ 1908,
455; KL 1908, 1485 (W).
Schreiber, Joseph, Dr. med.i k. k. Rat, hervorr.
verdient um d. Entstehung u. Entwicklung
d. Kurorts Aussee; * Bohm.-Leipa 17. III.
1835; t Aussee 27. IX. — VZ 29. IX. A.-A. ;
PBL 1527/28; HBL 5, 282.
*Schr6ttcr von Kristelli, Leopold Ritter,
Dr. med., Hofrat, Prof. d. Pathol, u. Thera-
pie a. d. Univ. Wien; * Graz 5. II. 1837;
t Wien 22. IV. — BJ XIII, 26 (C. Reitter);
NFP 22. IV. A.-A., 23. IV. M.-BL; T 187
(P); IZ 130, 834; DMW 34, i, 930/31 (M.
Groflmann m. P); WMW 1908, 961; MR
1908, 217; PBL 1532/34 (P); HBL 5, 289;
KL 1908, 1496 (W); WI 3, 1247 (W); BZ
22, 243 [Mediz. Bl. Jg. 31, 205 (S. Klein);
Mediz. -chirur. Centralbl. Jg. 43, 205;
Arztl. Zentralzt. Bd. 20, 311; Mediz.
Klinik Jg. 4, 692, 715 (W. Roth); Wiener
klin. Rundsch. Jg. 22, 320 (J. Fein);
Tuberkulosis Jg. 7, 151 — 155;- Wiener klin.
Wochenschr. Jg. 21, 641 (0. Chiari); Zs.
f. klin. Mediz. Jg. 65, Bd. 1 ; Zs. f. Ohren-
heilkde. Bd. 56, 84 (G. Killian)] 23, 298
[Monatsschr. f. Ohrenheilkde. (usw.) Jg. 42
(M. Groflmann); Zs. f. Laryngol. Rhinol. u.
Grenzgeb. 1908, 141 a (Blumenfeld)].
Schubert, Carl, ehem. Opernsanger a. Kgl.
Theater zu Hannover, Direktor d. Fiirstl.
Theaters zu Pyrmont; * Berlin 29. V. 1867;
f auf seinem Landsitz i. Spreewald 31. VII.
— NTA 1909, 171; EG 930.
Schiltz, Friedrich, hervorr. polit. Schriftst.,
Feuilletonist u. Theaterreferent, Mitarb. d.
NFP; * Prag 25. IV. 1845; t Wien 22. XII.
— VZT; HJ 1908, 455; LE 10, 606.
Schiltze, Albert, Kupferstecher u. Illustrator
von Ruf, Hauptvertreter d. wissenschaftl.,
bes. mediz. Lithographie; * Berlin 11. VII.
1827; f das. 30. I. — VZ 1. II. A.-A.;
IZ 130, 374; Kchr 19, 325.
Schulenberg, Karl Graf von d., Erbherr auf
Trampe, Kr. Niederbarnim, Mitgl. d.
Herrenh.; * Neustrelitz 12. VIII. 1840;
f Trampe 28. IV. - VZ 1; V. M.-A.; HJ
1908, 455; HH 1904, 349; GT 190), 809.
Schulte, Eduard, Dr. phti, ehem. Gymnasial-
lchrer, langj. Mitarb. d. VZ, Historiker,
Ubers. aus d. Lat., Griech., Franz., ItaL,
Engl. u. HolL; * Weil i. W r estf. 4. IV. 1841 ;
f Freienwalde a. 0. 1. XII. — VZ 2. XII.
A.-A.; KL 1908, 1504.
Schulten, Annmariek (Pseud.) s. Wuthenow,
Alwine.
Schultze, Fritz, Dr. phil., Geh. Hofrat, Prof.
d. Philos. u. Padag. a. d. Techn. Hoch-
87*
Totenliste 1908: Schulz — Siebold.
88*
schule i. Dresden, Bibliotheks-Direktor;
* Celle 7. V. 1846; f Dresden 22. VIII. —
NZ 23. VIII. M.-A.; T 291 (P); IZ 131,
425, 444 (N m. P); HJ 1908, 455; KL 1908,
1508 (W); WI 3, 1258 (W); Bericht d.
Techn. Hochsch. z. Dresden 1908/09, 4.
Schtllz, Hermann, Generalm. z. D., zul. Bri-
gadier d. Gend.-Brig. i. Els.-Lothr., Ritter
d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Mainz 17. XII.
1825; f Wiesbaden 12. VII. — MW 1908,
3509; OA 1908/09, 1400.
Schtllze, Karl Otto, Geh. Ober-Postrat,
fruh. vortr. Rat i. Reichspostamt; * Anger-
burg 25. V. 1824; f Berlin i. Juli. — VZT;
OA 1908/09, 1406.
Schumacher, Ferdinand, dtsch.-amerik. Grofi-
industrieller, der »Hafermehlkonig* t der
mit seinen Quaker-Oats- Biichsen ganz
Europa uberschwemmte; * 30. III. 1822;
f Akron, Ohio 10. IV. — HJ 1908, 455.
Schumann, Gotthold, Senior d. dtsch. Zirkus-
Direktoren; * Weimar 25. XI. 1825;
t Braunschweig i. Dez. — T 396 (P).
*Schwabe, Ludwig von, Dr. phil, Prof. d.
j klass. Philol. u. Archaol. a. d. Univ. Tu-
bingen; * Gieflen 24. VI. 1835; t TQbingen
20. II. — BJ XIII, 124 (W. Schmid);
VZ 21. II. A.-A.; IZ 130, 410; HJ 1908,
455; WJ 1908 Nekr.; KL 1908, 1523 (W);
WI 3, 1266; Siidwestdtsch. Schulbl. 1909,
118 (P. Binder).
Schwalm, Robert, Komponist u. Dirigent;
* Erfurt 6. XII. 1845; f Elbing 4. VIII. —
AMZ 1908, 598; R 1212.
Schwanhauser, Gustav, Kommerzienrat,
Nestor d. dtsch. Bleistiftindustrie; * 1840;
t Berlin 30. IX. — VZT; IZ 131, 796; AF
1908, 482.
Schwarz, Julie, Schauspielerin ; * Karlsruhe
21. XII. 1846; f das. 17. IX. — NTA 1909,
174.
Schwarz, Theodor, ehem. Schauspieler;
* Wiesbaden 14. XII. 1832; f Hamburg
29. IV. — NTA 1909, 165.
Schwarzenberg, Julius, Dr. iur. f fruh. Pras.
d. Landesokonomie-Kommission in Braun-
schweig; f Braunschweig 21. VI. — VZT.
Schwerin, Detloff Graf von, Dr. iur. % Reg.-
Pras. v. Koslin; * Stevelin 7. IV. 1853;
f Bad Soden i. Taunus 5. V. — VZ 6. V.
M.-A.; WI 3, 1273; GT 1909, 822.
Sedlnitzky-Ordrowas von Choltic, Kasimir
Frh., k. k. Oberlandesgerichts-Rat a. D.;
* Dobromielitz 17. XI. 1847; f Graz 12.
VII. — FT 1908, 726, 1909 TL.
Seeliger, Oswald, Dr. phil, Prof. d. Zool.
a. d. Univ. Rostock, Direktor d. zoolog.
Instituts, bek. Tiergeograph ; * Biala,
Osterr.-Schles. 24. V. 1858; t Leipzig 17.
V. — VZ 20. V. A.-A., 21. V. M.-A.; GK
1909, 353; DRG 30, 472; T 213 (P); KL
1908, 1539 (W); Jahresber. d. Univ.
Rostock 3, 9/10.
*Seltz, Ludwig, Prof., Maler, Direktor d.
vatikan. Galerien; * Rom 11. VI. 1844;
t Albano n. IX. — BJ XIII, 205 (J.
Ranftl); T 310 (P); IZ 131, 484; Hochland
Jg. 6, H. 2 (J. Negwer); Christl. Kunst
Marz 1909, 161/66 (M. Furst); Zs. f. christl.
Kunst 1908, 219 (Schmitgen); HJ 1908,
455; MS 4, 257; Kchr 19, 603; DBZ 1909,
Nr. 24 (A. Siebig, L. S. u. s. Kunst).
Senn, Nikolaus, Prof. d. Chirurgie a. d. Univ.
Chicago, hervorr. Experimentator; * Buchs
b. St. Gallen 31. X. 1844; f Chicago 2. I. —
War erst Volksschullehrer, ging 1874 nach
Milwaukee, studierte von 1877 — 78 in
Miincheh u. promovierte hier, wurde 1888
Prof. a. Rush' Medical College i. Chicago
unter Beibehaltung seiner Praxis i. Mil-
waukee u. 1 89 1 Nachfolger Parks* als
Inhabers d. chirurg. Professur, worauf er
nach Chicago iibersiedelte. — DMW 34,
1, 470/71 (Garre m. P); MMW 55, i, 629/30
(Allemann m. P); BKW 45, i, 387, 770/71
(C. Beck); HBL 5, 365.
Settegast, Hermann, Dr. phil. y Geh. Reg.-Rat,
Prof., landwirtschaftl. Lehrer u. Schriftst.,
Mitgl. d. Gesamt-Ausschusses d. Dtsch.
Landwirtsch.-Ges.; * Konigsberg 30. IV.
1819; f Berlin 12. VIII. — VZ 12. VIII.
A. -A.; T 282 (P); IZ 131, 305; Mitt. d.
Dtsch. Landwirtsch.-Ges. Jg. 23, 294;
WI 3, 1291 (W).
*Sickel, Theodor Ritter von, Dr. pkzl. et iur.,
k. k. Hofrat, Sektionschef, Mitgl. d. Herren-
hauses, Prof. f. altere dtsch. Geschichte
a. d. Univ. Wien, Mitgl. d. Akad. d. Wiss.;
, * Aken, Kr. Kalbe 18. XII. 1826; f Meran
21. IV. — BJ XIII, 62 (E. v. Ottenthal);
VZ 22. IV., 23. IV. M.-A.; NFP 22. IV.
M.-Bl. (E. v. Ottenthal); T 188 (P); IZ 130,
834; Jahresber. d. Thur.-Sachs. Vereins
z. Erforsch. d. vaterl. Altert. u. Erh. d.
Denkmale 1907/08 (K. Heldmann);
Sitzungsber. d. K. Bayer. Akad. d. Wiss.
Philos.-philolog. u. hist. Kl. 1909, 32*;
ASG 40, 498 (W); KL 1908, 1557 (W);
WI 3, 1295 (W); HJ 1908, 456; DZL 1364;
Neues Archiv d. Ges. f. altere dtsch. Ge-
schichtskde. Bd. 33, 773—781 (M. Tangl);
Hist. Vierteljahrsschr. 1908, 333 — 359
(W. Erben); Almn. d. k. Akad. d. Wiss.,
Wien Jg. 1908, 327 — 340 (J. v. Karabacek);
Zs. d. dtsch. Ver. f. d. Gesch. Mahrens u.
Schlesiens Jg. 13, 1 — 24 (B. Bretholz).
*Sfebold, Heinrich Frh. von, ehem. k. k.
Konsul, hervorr. Kenner Ostasiens; * St.
Martin b. Boppard a. Rh. 21. VII. 1852;
t Schl. Freudenstein i. Tirol 11. VIII. —
89*
Totenliste 1908: Siedel — Stephan.
90*
BJ XIII, 215 (A. Graf v. Brandenstein-
Zeppelin); NFP 12. VIII. M.-Bl.; IZ 131,
305; GK 1909,' 354-
♦Siedel, Ernst Karl Gottlob, Dr. phil, Kir-
chcnrat, ausgez. Prediger, theol. Schriftst.;
* Mahlitzsch b. Dobeln 27. II. 1820;
f Dresden 17. II. — BJ XIII, 219 (A.
Reichardt); TJ 28, Abt. 8, 545; KJ 1909,
632.
Sietnerlng, Julius, ostpr. Landschaftsmaler,
Bruder des Bildhauers; * Konigsberg i. Pr.
10. VI. 18^7; f das. 28. IV. — VZ 2. V.
M.-A.; BMW 2, 749 (W); Mitt. d. Konigsb.
Kunst-Akad.
Simons, Rudolf von, Major z. D., 2. Vors. d.
Preufl. Landes-Kriegerverb. u. Dtsch.
Kriegerbundes, Schatzm. d. KyrThauser-
bundes, Vorst.-Mitgl. d. dtsch. Kolonialges.;
* Honnef 13. IX. 1851; f Berlin 6. IV. —
o 10, 502; mz 1908, 146.
Singer, Karl, Dr. phil, Direktor d. Statist.
Amts d. Stadt Miinchen, besond. verd.
um d. Wohnungsfragc, Schriftl. d. Zs. f.
Wohnungswescn i. Bayern; * Nurnberg
i860; f Miinchen 19. VI. — VZT; AF
1908, 251 ; MMW 55, 2, 1700/01 (A. Fischer);
MAZ 1908, 263 (P. Busching); \VI 3,
J 302 (W).
Sdrensetl, Johannes Christian, SJ, Kunst-
schriftst. ; * Kopenhagen 16. IX. 1862;
t Dusseldorf 17. I. — HJ 1908, 456;
Christi. Kunst Marz 1908, Beil., 66; KL
1908, 1 58 1 (W).
Sohn, Karl Rudolf, Genre- u. Portrat-Maler.
aus bek. Kunstlerfamilie; * Dusseldorf
21. VII. 1845; t das. 30. VIII. — NZ 1.
IX. A.-A.; T 299 (P); HJ 1908, 4=;6; KFA
24, 76; MS 4, 301; BMW 2, 767 (W).
Soldan, Louis, Schulinsp. d. oflentl. Schulen
v. St. Louis, Dtsch. -Amerikaner, bedeut.
Schulmann; * Frankfurt a. M. 1842;
f St. Louis 27. III. — FZ 23. IV. 2. M.-Bl.
(A. Hofer, Zu L. S.s Gedachtnis); Dtsch.
Schule 12, 6, 383; Bl. f. hoher. Schulwes.
Jg. 25, 176.
Solms-Laubach, Ernst Graf, Gch. Reg.-Rat,
ehem. Kreisdircktor v. Strafiburg-Land,
Domherr v. Naumburg; * Laubach 24.
IV. 1837; f Darmstadt 11. VIII. — W 34,
1460; HJ 1908, 456.
Specht, Franz Anton, Dr. theol. , Domkapitu-
lar, hist., theolog. u. padagog. Schriftst.;
* Miinchen 19. VI. 1847; | das. 20. II. —
MAZ 22. II. Vorabd.-Bl.; HJ 1908, 456;
KL 1908, 1584 (W).
♦Speck von Stemburg, Hermann Frh. von,
Dr. iur. h. r., Dtsch. Botschafter i. Washing-
ton; * Leeds 21. VIII. 1852; f Heidelberg
23. VIII. — BJ XIII, 134 (H. Diez); VZ
24. VIII. A.-A.; T 290 (P); NFP 30. VIII.
(H. v. Rath); Dtsch. Vorkampfer Sept.
1908; IZ 131, 344 (N m. P); HJ 1908, 456;
WI 3, 1316.
Sperber-Grauden, Emil Julius Hermann von,
Rittergutsbes., Mitgl. d. Herrenh.; * Som-
meram, Kr. Ragnit 5. III. 1840; f Konigs-
berg i. Pr. 12. X. — VZ 13. X. M.-A.;
HH 1904, 352.
Spiegl, Edgar, Frh. von Thurnsee, Chef red.,
Pras. d. Wiener Journalisten- u. Schrift-
stellervercins Concordia, Vors. d. Urheber-
rechts-Sachverstiindigenkollegiums i. Wien;
* Steingrub 1. V. 1839; f Gainfarn 29. VI. —
W 27, 1 154; IZ 131, 287; HJ 1908, 456;
KL 1908,* 1587; WI 3, 1319.
Spiegler, Eduard, Dr. phil. et med., a. o. Prof,
d. Dermatol, a. d. Univ. W r ien, bek. Syphi-
lisforscher, Abt.-Vorst. a. d. Allgem.
Poliklinik, Vizepras. d. W r iener Dermatol.
Ges.; * 14. VIII. i860; f Gainfarn 21. VII.
— T 266 (P); W 31, 1330; IZ 131, 194.
* Spring, Alfons, Genremaler; * Libau i. Kur-
land 30. V. 1842; f Miinchen 14. VII. —
BJ XIII, 114 (H. Holland).
Stadion (Stadion Thannhausen), Philipp
Franz Josef Graf von, d. letzte mannl.
Vertreter d. Geschlechts, erbl. bayer.
Reichsrat; * 4. X. 1847; t Kauth b. Pilsen
11. IX. — VZ 15. IX. M.-A.; HJ 1908,
456; OR 17, 75; WJ 1908 Nekr.
Staegenwallner, Mathes, Gutsbes., 1899 bis
1908 konserv. M. d. A.; * Dagutschen
19. HI. 1835; f das. i. Okt. — VZT; HA
1904, 360.
Stahl, Ludwig, Schauspieler u. Oberregisseur
a. Kgl. Hoftheater i. Dresden, ehem. k. k.
Offzier, der i. J. 1879 auf Vcranlassung
Sonnenthals zur Biihne gcgangen war;
* Briinn 4. IV. 1856; f Blankenberghe
24. VIII. — W 35, i!W: lz W, 384;
NTA 1909, 172, 173 (P); HJ 1908, 456;
EG 986; WI 3, 1324.
Steffens, Georg, Dr. phil., Privatdoz. d.
roman. Philol. a. d. Univ. Bonn; * Magde-
burg 13. XI. 1866; t Bonn 13. XL — LZ
1908, 1571; Chronik d. Univ. Bonn f. 1908,
12/13 (Gaufinez).
Steinhei], Gustav von, General d. Inf. z. D.,
ehem. wiirtt. Kriegsminister; * Ludwigs-
burg 3. III. 1S32; f Stuttgart 13. III. —
1848 Eintritt in d. wiirtt. Armee, 1866
Hauptmann, 1870 Major u. Adjutant d.
Kriegsministers, i874 0berstlt., i876 0berst t
1883 Generalm. u. Kriegsminister, 1887
Generallt., 1891 General d. Inf., 1892 z. D.
— VZ 13. III. A.-A., 14. III. M.-A.; IZ
130, 183; MZ 1908, 160/61; HJ 1908, 456;
WJ 1908 Nekr.
Stephan, Emil, Dr. mtd. % Marinestabsarzt,
Ethnograph, 1907 Leiter einer vom PreuO.
9i*
Totenliste 1908: Stiefel — Sucher.
92 s1
Kultusminist. auf 2 Jahre berechneten,
nach dem Bismarck-Archipel entsandten
Expedition, Verf. von »Neumecklenburg«,
Berlin 1907 u. *Stids£ekunst* t ebd. 1907;
* Glatz 16. V. 1872; f Namatanai auf
Neumecklenburg 25. V. — IZ 131, 37, 385;
G 94, 114; GK 1909, 354; DRG 30. 5i8;
GZ 14, 411; DKZ 25, 461, 27, 482.
♦Stiefel, Karl Julius, Dr. phil. % Prof. d.
dtsch. Lit. a. Polytechn. i. Zurich; * Ztirich
31. V. 1847; t Zurich 24. VI. — BJ XIII,
171 (H. Schollenbergcr); VZT; HJ 1908,
456; KL 1908, 1625 (W)
Stieffel, Peter, ehem. Hofmusikus; * Mann-
heim 25. II. 1843; t das - 2 4- VII. — NTA
1909, 171.
Stleler, Ludwig, Generalm. z. D., bis 1900
Kommand. d. 38. Inf.- Brig., Ritter d. Eis.
Kreuzes 2. KL; * Worms 25. V. 1846;
t Darmstadt 2. V. — VZ 9. V. A.-A.;
MZ 1908, 257.
Stoecker, Karl August Heinrich, Okonomierat,
vcrdient um d. Bodenzinsablosung i.
Bayern, hervorr. nationallib. Mitgl. d.
Bayer. Landt., 1884 — 90 M. d. R.; * Lan-
gcnfeld, Bez.-A. Scheinfeld i. Mittelfr.
11. XII. 1845; t Erlangen 25. II. — VZ
26. II. M.-A.; MAZ 26. II. M.-BL; IZ 130,
410; HJ 1908, 456; Hirth, Dtsch. Parlam.-
Almn. 16. Ausg., 225.
Stocked, Fanny, Schriftst., Novellistin u.
Feuilletonistin; * Jessen 5. XI. 1844;
t Potsdam 7. IX. — VZ 9. IX. A.-A.;
IZ 131, 484; HJ 1908, 457; KL 1908,
1629 (W).
Stoerk, Felix, Dr. iur. % Geh. Justizrat, Prof,
d. Staats-, Verw.- u. Volkerrechts a. d.
Univ. Greifswald, Vizepras. d. »Institut
de Droit International*, Hrsg. von Martens
Nouveau Recueil des Trails; * Ofen 20.
X. 185 1 ; t Greifswald 18. I. — VZ 21. I.
M.-A.; HJ 1908, 457; DJZ 1908, 174
(Laband); Archiv f. orient!. Recht Bd. 23,
H. 1 (C. Sartorius); Zs. f. Volkerrecht u.
Bundesstaatsrecht Bd. 2, 5/6 (L. v. Bar);
Zs. f. intern. Privat- u. offentl. Recht
Bd. 18, H. 3/5 (Strisower); KL 1908,
1634 (W); WI 3, 1346.
Strantz, Gustav von, Generalm. z. D., bis
1885 kommand. z. Statthalter v. Els.-
Lothr.; * Breslau 22. IX. 1823; f Hanno-
ver-Waldhausen 3. VII. — VZT; MZ 1908,
3»4.
StrauB, Fricdrich, Dr. med., Generaloberarzt
a. D., Sohn von D. F. StrauC; * Heilbronn
6. XI. 1845; t Stuttgart 25. VI. — W 27,
1 154; OA 1908/09, 1509.
Streiter, Albrecht, bayer. Generalm. z. D.,
bis 1886 Sektionschef d. Insp. d. Art.,
Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL; * Ingolstadt
17. XL 1830; f Munchen 12. I. — VZ 14.
I. M.-A.; MZ 1908, 35. .
Streubel, Johann Ferdinand, Privatschul-
direktor, der Holland. Tumvater*, 1867
Mitbegr. d. Niederl. Turnerbundes, 1882 bis
1896 Vorst. einer von ihm begrundeten
dtsch. Schuie; * Freiberg i. S. 6. II. 1836;
f Blasewitz b. Dresden 17. I. — IZ 130,
170; HJ 1908, 457.
Stritt, Albert, Prof. a. Konservatorium i. Wien,
fruher Hofopernsanger, Schauspieler u.
Spielleiter; * Konigsbcrg i. Pr. 9. X.
1847; f Dresden 11. II. — VZ14. II. M.-A.;
IZ 130, 374; NTA 1909, 157; EG 1014;
HJ 1908, 457.
Stritzko, Josef, Wiener Operetten-Kompo-
nist: »Hochzeit auf Sacramento «, »Der
Hofmeister* u. »Tipp-Topp«; * 17. IV.
1861; f Wien 8. III. — VZT; NTA 1909,
160.
Strdssenreuther, Christian, Ob.-Landger.-
Pras. a. D.; * Warmensteinach 2. II. 1829;
f Fiirth i. Febr. — VZT; OA 1906/07, 1274.
Strubberg, Otto von, General d. Inf. z. D.,
langjahr. Generalinspekteur d. Militar-
Erziehungs- u. Bildungswesens, Chef d.
Inf.- Reg. Nr. 30; * Liibbecke, Westf.
16. IX. 1821; f Berlin 9. XL — 1839 Lt.,
1843 — 46 Allgem. Kriegsschule, 1846 — 79
Erzieher a. Kadetten-H. z. Berlin, 1849
Feldzug i. Baden, 1855 Generalst.-Offizier
b. Milit.-Gouvern. Rheinl. u. W r estf., 1859
pcrsonl. Adjutant d. Prinz Regenten, 1861
Flugeladjutant d. Konigs, 1865 Kommand.
d. 4. G.-G.-Reg., 1870 Kommand. d. 30.
Inf. -Reg., Ritter d. Eis. Kreuzes 1. KL
u. d. Ordens Pour le me>ite, 1873 Generallt.
u. Kommand. d. 19. Div., 1880 Generalinsp.
d. Milit.-Erziehungs- u. Bildungswesens,
1890 z. D. — VZ 10. XL M.-A.; T 358
(P); W 46, 1980, 1983 (P); MW 1908, 3245;
MZ 1908,621/22; LJ1908, 519; IZ 131, 892;
HJ 1908, 457; DZL 1435-
Struck, Ferdinand, Dr. phil., Besitzer d.
Rcgierungsbuchdruckerei i. Stralsund, Chef-
redakt. d. *Stralsundischen Zt.*; * Stral-
sund 17. VI. 1832; f das. 28. VII. — VZT;
KL 1908, 1646.
Stucki, Gottlieb, Seminarlehrer i. Bern,
Dozent d. Methodik a. d. Lehramtsschule
d. Univ. Bern, Mitarb. a. d. »Schwciz.
Lehrerzt. «, Verf. mchrerer Lehrbucher;
* Hinterkappeln b. Bern 18. II. 1854;
t Bern 26. V. — ASG 40, 499 (W); GK
I 9°9» 355; Dtsch. Schuie 12, 7, 461.
Sucher, Josef, K. PreuO. Hof kapellmeister
a. D., Prof., Wagnerinterpret; * Dob6r i.
Eisenberger Komitat 23. XL 1843; f Berlin
4. IV. — VZ 5. IV. M.-A.; IZ 130, 794
(A. Smolian m. P.); NMZ 29, 14, 312;
93"
Totenliste 1908: SuBrnann-Hellborn — Trbndlin.
94*
AMZ 1908, 310 (P. Schwers); NTA 1909,
163; HJ 1908, 457; R 1290; R. Wagner-
Jahrb. Jg. 3, 396 (R. Sternfeld).
SuBmann-Henborn, Louis, Prof., Berliner
Biidhauer, 1882—86 kUnstl. Leiter d. Berl.
Porzellanmanufaktur; * Berlin 28. III.
1828; f das. 15. VIII. — VZ 17. VIII. A.-A.;
Allg. Zt. d. Judent. '1908, Beii. Nr. 34;
MS 4, 367; Kchr 19, 564; HJ 1908, 457;
DZL 1449.
Teichrmiller, Ernst, Dr. theol, Oberhofpre-
diger, fruh. Generalsuperintendent u. Vors.
d. An halt. Konsistoriums i. Dessau;
* Helmstedt 17. VII. 1824; f Dessau
28. IX. — VZT; TJ 28, Abt. 8, 546; DZL
1454; KJ 1909, 634.
Teller, Leopold, ehem. Herzogl. Meining.
Hofschauspieler; * Budapest 3. IV. 1844;
f Passau 8. VI. — NTA 1909, 168/69 (P);
EG 1027.
TempeRloff, Emil von, Ob.-Verw.-Gerichtsrat;
* Dombrowka 29. III. 1840; f Baden-
Baden 6. VI. — VZ 11. VI. M.-A.; OA
1906/07, 1290.
TeutSCh, Eduard, lothr. Politiker, Angehoriger
d. Protestpartei, 1874—77 M. d. R.; * 1833;
t Schlofl Hochberg b. Wingen 15. X. —
VZ 17. X. M.-A.; HJ 1908, 457; Hirth,
Dtsch. Parlam.-Almn. 11. Ausg., 117.
Thelemann, Friedricb, Dr. med., General -
Ober-Arzt a. D.; * Wahrenberg 17. VI.
1835; t Koburg 30. XI. — VZ 2. XII.
M.-A.; OA 1908/09, 1537.
*ThId, Andreas, Dr. iheoL, Bischof von
Ermland, Historiker; * Lockau i. Kr.
Rossel 28. IX. 1826; t Frauenburg 17. VII.
- BJ XIII, 164 (J. Kolberg); T 259 (P);
w 30, 1286, 1294 (P); iz 131* 194; Allg.
Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 727; TJ 28,
Abt. 8, 546; KL 1908, 1672 (W); DZL 1459.
Ttliekfl, Peter Heinrich, Musikdirektor, Chor-
direktor u. Organist a. d. kathol. Pfarr-
kirche i. Goch, fruchtb. Kirchenmusik-
Komponist; * Cranenburg 11. VIII. 1839;
t Goch, Rheinl. 9. I. — HJ 1908, 457; OA
1906/07, 1297.
Thlem, Adolf, Baurat, besond. auf hydrolog.
Gebiete tatig, Schopfer d. Wasserversor-
gungsanst. vieler Stadte; * Liegnitz 21.
II. 1836; f Leipzig 2. V. — VZT; IZ 130,
1086.
Thlerfelder, Ferdinand Albert, Dr. med.,
Geh. Mediz.-Rat, Prof. d. patholog. Ana-
tomie a. d. Univ. Rostock; * Meiflen
26. XII. 1842; f Rostock 22. I. — DMW
- 34, 1, 429 (Zabel m. P); Jahresber. d. Univ.
Rostock 3, 7; PBL 1703/04; HBL 5, 651;
WI 3, 1383; DZL 1461; Verh. d. dtsch.
pathol. Ges. 1908, 323 (E. Schwalbe).
Thoma, Rudolf, Prof., Musikdirektor, Kantor
a. St. Elisabeth i. Breslau, Vors. d. evang.
Kirchenmusikvereins i. Schles., Dirigent,
Komponist mehrerer Oratorien; * Lehse-
witz 22. II. 1829; t Breslau 21. X. —VZT;
W 44, 1892; AMZ 1908, 782; HJ 1908, 457.
♦Thumann, Paul, Prof. u. Lehrer a. d. Hoch-
schule f. bild. Kiinste i. Berlin, Mitgl. d.
Akad. d. Kiinste; * Tzschacksdorf i. d.
Niederlausitz 5. X. 1834; f Berlin 19. II. —
BJ XIII, 197 (L. Pietsch); VZ 21. II. M.-A.;
IZ 130, 352 (N m. P); KW Jg. 21, H. 3,
52; Kchr 19, 294; MS 4, 414; BMW 2,
888/890 (W); HJ 1908, 458; WI 3, 1389;
DZL 1466; Westerm. Monatsh. April 1908,
163 (p).
Tledemann, Ludwig von, Geh. Reg.- u.
Baurat, Mitgl. d. Akad. d. Bauwesens;
* Russoschin 17. XI. 1841; f Berlin-
Wannsee 4. III. — VZT; OA 1906/07, 1304.
Tige, Ernestine Grafin von, Sternkreuz-
ordensdame, 1. Regentin d. Herz. Savoyen-
schen Damenstifts in Wien; * 21. XI.
1824; t Wien 4. IV. — HJ 1908, 458.
Timm, Daniel, d. al teste dtsch. Stadtmissio-
nar; * Eckernforde 18. V. 1822; f Hamburg
7. II. — Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908,
190; OA 1906/07, 1306; KJ 1909, 632.
Tippekkirch, Oskar von, Generallt. z. D.,
bis 1890 Kommand. d. 31. Inf.- Brig.,
Ritter d. Eis. Kreuzes 1. KL; * Berlin
6. XI. 1834; f Berlin -Charlottenburg
9. XII. — VZ 9. XII. A.-A.; W 51, 2194;
MZ 1908, 679.
Todt f Albert, Pras. d. Eisenbahndirektion
Erfurt; f Erfurt 21. V. — VZ 22. V. A.-A.;
W 22, 986.
Tomqulst, Ernst, der targentinische Roth-
schild ♦, Grofikaufmann dtsch. Herkunft
u. dtsch. Ausbildung, 1874 Begr. d. jetzigen
Welthauses i. Buenos Aires, Grofibank,
Zucker- u. Fleischextraktfabrikation, Kolo-
nisationslandereien; f Buenos Aires 17.
VI. — HJ 1908, 458.
Toskana, Groflherzog Ferdinand IV. von;
* Florenz 10. VI. 1835; t Salzburg 17. I. —
MAZ 18. I. Vorabd.-Bl.; NFP 17. I. A.-BL
Trede, Paul, holstein. plattdtsch. Dichter,
Lyriker u. Erzahler von »Dorfgeschichten«;
* Brockdorf 19. VIII. 1829; \ Bremen
29. VI. — VZT; LE 10, 1610; HJ 1908,
458; AL 2, 327; KL 1908, 1692 (W).
TrelleT, Franz, hess. Schriftst. u. Dichter,
fruh. Schauspieler, Lyriker u. Verf. von
Festspielen; * Kassei 15. X. 1839; f d*s.
28. VI. — VZT; LE 10, 1609; HL 22,
194/96 (P); NTA 1909, 170; HJ 1908, 458;
KL 1908, 1692 (W).
TrondUn, Karl Bruno, Dr. iur. et phil. f
Justizrat, OberbOrgerm. von Leipzig, ins-
besondere um d. Reorganisation d. Armen-
95<
Totenliste 1908: Tschan — Walcker.
96*
wesens i. Leipzig hoch verdient, Mitgl.
d. 1. Sachs. Kammer, 1884 — 90 nationallib.
M. d, R.; * Leipzig 26. V. 1835; f Dresden
27. V. — T 217 (P); W 23, 980 (P); IZ 130,
1080 (N m. P); AF 1908, 252; HJ 1908,
458; WI 3, 1402; Hirth, Dtsch. Parl.-
Almn. 16. Ausg., 228.
Tschan, Josef, Dr. iur., Advokat, friih.
Reichsr.-Abg. u. Obmann d. deutsch-
nation. Partei i. Tirol; * Innsbruck 23. XII.
1844; t das. 1. VI. — NFP 1. VI. Nachm.-
BL; HJ 1908, 458.
Tschlrsky-Renard, Graf Mortimer, GroB-
grundbes. i. Ob.-Schles., Landesaltest.,
Kreisdep. u. Mitgl. d. Herrenh.; * Kober-
witz, Kr. Breslau 17. IX. 1844; f
Breslau 18. III. — VZ 20. III. M.-A.;
Schles. Zt. 20. III. M.-Bl.; HJ 1908, 458;
WI 3, 1405; GT 1909. 946.
Tutzatier, Franz, sozialdemokr. M. d. R.
(1890— 1906); * Berlin 10. III. 1852;
f das. 3. X. — VZ 4. X. M.-A.; RH 1903,
,.341-
Uchtiitz u. Steinkirch, Kuno von, Prof.,
Bildhauer, Schuler von Viktor Tilgner;
* Breslau 3. VII. 1856; f Berlin -Wilmers-
dorf2 9 .VII.—T270(P);W32, 1374, 1377;
IZ 131, 220, 275 (N m. P); HJ 1908, 458;
MS 4, 460.
Uhden, Otto, Amtsrat, Domanenpachter,
1871—98 konserv. M. d. R.; * Sorge b.
Krossen a. O. 23. I. 1827; f das. 18. I. —
VZ 19. I. M.-A.; RH 1893, 249*
Ulbrlch, Karl, Pastor, langjahr. Vorst. d.
Diakonissenanst. Bethanien i. Breslau;
* Frankenstein 21. IV. 1834; f Breslau
31. I. — Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908,
166; Ev.-Kirchl. Anz. 1908, 63.
Vaikntln, Richard, Schauspieler u. Regisseur
a. Deutschen, spater am Kleinen, u. zuletzt
a. Hebbel-Theater; * Luzern 3. II. 1874;
t Berlin 14. I. — VZ 14. I. A. -A.; IZ 130,
170; NTA 1909, 155; EG 1063.
*Vecchioni, August Napoleon, demokr. u.
lib. Politiker, langjahr. Chefred. d. Munch.
Neuest. Nachr.; * Zweibrucken 10. I. 1826;
t Munchen 14. II. — BJ XIII, 243 (A.
Dreyer); VZT.
Vogel, Emil, Musikschriftst., Musikhistoriker,
Organisator u. 1893 — 1901 Bibliothekar d.
»Musikbibliothek Peters * i. Leipzig u.
Hrsg. ihres Jahrb., Ehrenmitgl. d. Kgl.
Musikakad. i. Florenz; * Wriezen 21. I.
1859; f Nikolassee b. Berlin 18. VI. — VZT;
IZ 131, 81; AMZ 1908, 515, 526/28 (A.
Seidl); NMZ 29, 19, 420; HJ 1908, 459;
KL 1908, 1724 (W); WI 3, 1430; R 1412;
Zs. d. intern. Musikges. Jg. io, 335 (R.
Schwartz).
Vogt, Adolf, Dr. med., Prof. d. Hygiene a. d.
Univ. Bern; * Gieflen 27. X. 1823; f Bern
28. I. — IZ 130, 105; PBL 1783/84 (W);
HBL 6, 143.
♦Volt, Karl von, Dr. mcd., Geh. Ob.-Mediz.-
Rat, Prof. d. Physiol, a. d. Univ. MQnchen,
Mitgl. d. Akad. d. Wiss.; * Amberg v.
X. 1831; f Munchen 31. I. — BJ XIII,
3 (O. Krummacher); VZ 4. II. M.-A.;
MAZ 1. II. M.-BL; IZ 130, 312/13 (J. Mar-
cuse m. P); DMW 34, 1, 340/41 (Boruttau
m. P); MMW 55, 2, 1437/42 (M. Crerner,
Gedachtnisrede); Chronik d. Univ. Munchen
1907/08, 6—8; KL 1908, 1728 (W); WI 3,
1434 (W); PBL 1787/88 (P. u. W); HBL 6,
147; NR 1908, 180 — 183 (E. I. Lesser);
BZ 22, 279 [Mediz. Korrespondenzbl. d.
Wiirtt. arztl. Landesver. Jg. 78, 361 — 365
(W. Camerer); Mediz. Klinik Jg. 4, 337
(F. Muller); Wiener klin. Rundsch. Jg. 22,
139 (E. Wiener); Wiener klin. Wochenschr.
Jg. 21, 260 (A. Durig); Zs. f. diat. u. phys.
Therapie Bd. 12, 5 (J. Marcuse); Wiener
landwirtsch. Zt. 1908, Nr. 14 (W. Bersch);
Dtsch. mediz. Presse Bd.12, 33 (M. Schreuer,
K. V. u. d. moderne Ernahrungslehre)]
23, 344 [Zs. f. Biologie Bd. 51, I— XXIV
(O. Frank)] 24, 284 [Almn. d. k. Akad. d.
Wiss., Wien Jg. 1908, 304 (V. v. Lang)].
Vote, Lothar, Geh. Justizrat, Kgl. Land-
gerichts-Direktor; * Meerholz 29. XI.
1836; t Kassel 14. III. — HL 22, 102.
VoretzSCh, Johann Felix, Musikdirektor,
Direkt. d. Franzschen u. d. Neuen Sing-
akademie i. Halle a. S.; * Altkirchen i. Sa,-
Altenb. 17. VII. 1835; f Halle a. S. —
NMZ 29, 17, 381; R 1418.
Wachler, Ludwig, Dr. iur. % WGOb.-
Justizrat, Generalstaatsanwalt; * Breslau
26. XI. 1835; t Berlin 11. XI. — NZ 12.
XI. M.-A.; T 359 (P); IZ 131, 892/93 (P);
TR 12. XI. M.-A.; W 44, 2022; DJZ 1908,
1324 (Isenbiel); HJ 1908, 459.
Wadlter, Karl von, Generality General-
adjutant d. Grofiherz. Ernst Ludwig von
Hessen, Ritter d. Eis. Kreuzes 2. KL;
♦Darmstadt 18. IX. i85i;tdas. u.VIL —
t 255 <P); w 29, 1242; mz 1908, 397;
WI 3, 1444.
Waecker-Gotter, Ludwig Frh. v., WGRat,
friih, dtsch. Gesandter i. Belgrad; * Breslau
21. X. 1833; f Baden-Baden 24. V. — VZ
27. V. M.-A., A.-A.
Wahlburg, Otto, Spielleiter u. ehem. Biihnen-
leiter; * Meifien 7. III. 1863; f Dresden
25. X. — NTA 1910, 154.
Walcker, Karl, Kgl. Kommerzienrat u. Hof-
orgelbaumeister, Chef d. Orgelbaufirma
Walcker & Co.; * Ludwigsburg 6. III.
1845; t das - J 9- v - — NMZ 2 9» l8 » 40o;
WJ 1908 Nekr.; WI 3, 1449-
97*
Totcnlistc 1908: Walther — Wiesinger.
98*
Walther, Eduard, Schulrat, Direktor d. Ber-
liner kgl. Taubstummen-Anstalt u. Taub-
stummen-Lehrer-Bildungsanst.; * Mosch-
wig, Kr. Wittenberg 21. V. 1840; f Berlin
8. VI. — VZ 13. VI. M.-A.; W 24, 1022;
Dtsch. Schule 12, 7, 461; Dtsch. Schulzt.
1908, 282/83 (K. Wolffgramm); WI 3,
1456 (W); KL 1908, 1759 (W).
Wassermann, Leonhard (Pseud.: Friedlieb),
Pfarrer u. Sozialpolitikcr; * Ober-Olm
6. I. 1843; f Mainz 3. II. — KL 1909, 57*,
1908, 1767 (W).
Wedding, Gustav Friedrich Hermann,
Dr. phil., Geh. Bergrat, Prof. a. d. Berg-
akad. u. a- d. Techn. Hochsch. i. Berlin,
hervorr. Kenner auf d. Gebiete d. Eisen-
hiittenwesens, eine Zeitlang Dezernent f.
Huttenwesen i. Minist.; * Berlin 9. III.
1834; t Dusscldorf 6. V. — VZ 7. V. M.-A.;
T 200 (P); IZ 130, 1086; GK 1909, 356;
PF 4, 2, 1605 (W); L 44. 5. 55; KL 1908,
1776 (W); Progr. d. Techn. Hochsch. z.
Berlin 1908/09, 155 — 56.
Wedekifld, Donald, Schriftsteller, Dramaturg
a. Zuricher Stadttheater, Bruder von
Frank u. Erika \V.; * Hannover 4. XI.
1871; t Wien 5. VI. — W 24, 1022; NTA
1909, 168; LE 10, 1400; HJ 1908, 459;
KL 1908, 1776 (W).
Wedekind, Ludwig, Dr. phil, Geh. Hofrat,
Prof. d. Mathem. a. d. Techn. Hochsch. i.
Karlsruhe; * Palermo 4. VI. 1843; t Karls-
ruhe 11. I. — VZ 14. II. A.-A.; IZ 130,
374; Progr. d. Techn. Hochsch. z. Karlsruhe
1908/09, 89 — 90; WI 3, 1468.
Wedel, Oskar Graf von, W r GRat,
Kammerh., ObcrschloG-Hauptm. i. Wei-
mar; * Osnabriick 29. X. 1835; f W T eimar
15. I. — VZ 15. I. A.-A.; OA 1906/07, 1376.
Weigel, Bernhard Woldcmar, k. sachs.
Gtneralm. z. D., bis 1902 Kommand. d.
139. Inf.-Reg., Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.;
* Dresden 27. I. 1851; f das. 5. VI. — VZT;
MZ 1908, 385; OA 1906/07, 1382.
Weintraud, Franz, Geh. Kommerzienrat,
Pras. d. Handelskamm. z. Offenbach a. M.;
* Offenbach 19. I. 1833; f das. 18. VIII. —
VZT; OA 1906/07, 1384; Mitt. d. Handels-
kammer.
Wellenkamp, Hermann, Marineoberbaurat u.
SchifTsbau-Bctriebsdirektor, nahm 1908
s. Abschied, um sich d. Vervollkommnung
u. Verwertung s. Erfindungen, insbesond.
d. von ihm konstruiertcn Schlcpp- u. MeB-
vorrichtungen f. Schiffsmodelle u. Pro-
peller zu widmen; * Berlin 27. II. 1865;
t Kiel 15. VII. — JSTG 1909, 103.
Weniger, Bernhard, Generalm. z. D., bis 1894
Kommand. d. Truppcn-Ubungs-Platzcs
Hagenau; * Neuhaldensleben, Prov. Sachs.
5. VI. 1835; t Wiesbaden 9. IV. — VZ 22.
IV. M.-A.; MZ 1908, 215.
WeilZig, Karl, Dr. phil., Prof. u. Lehrer a.
Kgl. Wilhelms-Gymn. i. Breslau, Schriftst.
auf d. Geb. d. Philos.; * Breslau 22. XI.
i860; t das. 13. XII. — JSG 1908 Nekr.,
15/16 (Th. Heine).
Werckshagen, Karl, Pfarrer i. Dalldorf,
bek. lib. Theologe, Schriftst.; * Ronsdorf,
Rheinprov. 23. VIII. 1863; f Berlin 3. VIII.
— T 272 (P); KJ 1909, 634.
Werlhof, Gustav von, Generalm. a. D., bis
1898 Kommand. d. Truppen-Obungs-
Platzes Zeithain, Ritter d. Eis. Kreuzes
2. Kl.; * Hannover 4. IV. 1843; f Hanno-
ver-Kleefeld 2. III. — MW 1908, 1091;
MZ 1908, 146.
Wermcrt, Johann Georg Friedrich, Dr. phil.,
Privat-Gelehrter, nationalokonom. Schrift-
steller; * Epe i. Kr. Bersenbriick 12. II.
1859; f Gr.-Lichterfelde i. Jan. — LZ
1908. 108; KL 1908, 1805; WI 3, 1487 (W).
*Weriter, Fritz, Prof., Historien- u. Genre-
maler. Mitgl. d. Akad. d. Kiinste i. Berlin;
* Berlin 3. XII. 1827; f das. 15. IV. —
BJ XIII, 201 (L. Pietsch); VZ 15. IV.
A.-A.; T 183 (P. Roland m. P); Kchr 19,
398; Hohenzollern-Jahrb. Jg. 12. 1908, 62
(P. Seidel, F. W\ als preuB. Geschichts-
malcr. Ein Gedenkbl. m. 111.); HJ 1908,
459; MS 5, 80; BMW 2, 1003/1005 (W);
Jahrb. d. bild. Kunst Berlin 7, 74; WI 3,
1489.
Werthem, Alfred von, Generalm. z. D.,
1895 — 1901 Kommand. v. W 7 esel, Ritter
d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Sangerhausen 27.
X. 1842; f Naumburg 7. XI. — VZT;
MZ 1908, 624.
Weygand, Friedrich, Generalm. z. D., bis 1906
Vorst. d. Bekleidungs-Amts d. 14. Armee-
korps, Ritter d. Eis. Kreuzes 2. Kl.; * Darm-
stadt 9. XI. 1839; f W T iesbaden 8. VII. —
VZT; MZ 1908, 397.
Wickop, Wllhclm, Architekt, Prof. u. Oberl.
a. d. Provinzial-Gewerbeschule i. Aachen;
* 29. X. 1824; t Rhondorf a. Rh. 4. X. -
DBZ 42, 608 (H. Piitzer).
Wiebe, Adolf, WGRat, Oberbaudirektor
a. D., Mitgl. d. Akad. d. Bauwesens,
Ehren-Mitgl. d. Berl. Architekten-Vcreins,
hervorr. tiitig auf d. Geb. d. Wasser-
bauten; * Tiegenhof 17. III. 1826;
t Heiligendamm 7. VII. — VZT; DBZ 42,
388; DZL 1566.
Wieland, Adam, Dr. iur. % Ober-Verwaltungs-
gerichtsrat; f Gr.-Lichterfelde 5. IX. —
VZ 8. IX. A.-A.
Wieslnger, August, Dr. thcol. Oberkonsisto-
rialrat. Prof. d. Theol. a. d. Univ. Gottingen;
* Artclshofen 7. VIII. 1818; f Gottingen
99*
Totenliste 1908: Wigand — Wttllner.
100*
9. II. — VZ 11. II. M.-A.; IZ 130, 374;
Allg. Ev.-Luth. Kirchen-Zt. 1908, 190;
H J 1908, 459; TJ 28, Abt. 8, 546; KL 1908,
1826 (W); DZL 1572; KJ 1909, 632.
Wigand, Paul, Dr. phil, Geistl. d. kathol.-
apost. Gemeinde i. Frankf. a. M., Schriftst.
auf d. Geb. d. Theol. u. Philol.; * Marburg
24. XI. 1853; t Frankf. a. M. — HL22, Nr.6
(H. Keller- Jordan, Erinnerungen an P. W.);
KL 1908, 1827 (W).
Wigger, Heinrich, papstl. Hauspralat, Dom-
propst u. Generalvikar i. Paderborn;
* 25. XII. 1827; t Paderborn 18. I. —
VZT; HJ 1908, 459.
Wittiehnj, August, Prof., Geigenvirtuose,
Konzertmeister bei d. ersten Festspielen
z. Bayreuth i. J. 1876, seit 1894 Lehrer
a. d. Guildhall-Musikschule i. London,
Verf. d. »Groflen Violinschule*; * Usingcn
i. Nassau 21. IX. 1845; f London 22. I. —
VZ 23. I. A.-A.; IZ 130, 170, 175/76 (N
m. P); AMZ 1908, 100; NMZ 29, 9, 200
(E. Honold m. P), 29, 11, 247; NTA 1909,
155; R 1462.
WHke, Rudolf, Illustrator u. Karikaturist,
Mitarb. a. Simplicissimus; * Braunschweig
27. X. 1873; t das. 4. XI. — NZ 6. XI.
A.-A.; MAZ Jg. in, Nr. 33 (A. G. Hart-
mann); Simpliciss. Jg. 13, Nr. 34; Siidd.
Monatsh. Jan.-H. 1909 (K. Voll); Marz
Jg. 2, Bd. 1, 513 (M. Slevogt, Rangstufen
d. Kunst m. 6. Zeichn. v. E. W.), Bd. 4, 67
(H. Eich, Z. Wilke-Ausstellung); Kchr 20,
70; KFA 24, 152 (P); MS Nachtr. 1906, 285.
WJnkelmann, Emil.Kammermusikus; * Braun-
schweig 4. III. 1844; f das. 19. IX. —
NTA 1909, 174.
Winterfeldt-Menkin, Karl Ulrich von,
Landrat a. D., Geh. Reg.-Rat, Mitgl. d.
Herrenh., konservat. M. d. R. u. Alterspras. ;
* Berlin 2. III. 1823; f Gut Menkin b.
Brussow 16. VI. — W 25, 1064; IZ 131, 37;
HJ 1908, 459; HH 1904, 631; WI 3t I515-
Wittenhorst-Sonsfeld, Hans, Oberlt., 1905/06
Kommand. d. Station Wasserfall (Hurub)
i. Dtsch.-Sudwest-Afrika. Schriftst., Be-
richterst. d. IZ; * Baden-Baden 6. VIII.
1878; f Freiburg i. B. 2. IX. — IZ 131, 711;
OA 1908/09, 1687.
Wittenstein, Eduard, Dr. phiL, Kommerzien-
rat, GroBindustrieller i. Barmen, Vorst.-
Mitgl. d. Zentralstelle f. Volkswohlfahrt ;
* 1848; t Barmen 18. VIII. — AF 1908, 370.
Wittig, Gregor Konstantin, Dr. phil, Privat-
gelehrter, Schriftst. auf d. Geb. d. Philos.,
Philol. u. Psychol., Begr. u. langjahr.
Leiter d. Psych. Studien, Forscher iiber
J. Chr. Gunther; * Bolkenhain i. Schles.
31. X. 1834; t Leipzig 7. IX. - VZ 13.
IX. M.-A.; T 313 (P); KL 1908, 1853 (W).
Wdlbliflg, Friedrich Wilhelm Barthold,
Landesokonomierat, Hauptgeschaftsfuhrer
d. Dtsch. Landwirtsch. -Ges.; * Weifien-
fels i. Thiir. 3. XII. 1840; f Berlin 9. V. —
VZ 9. V. A.-A.; T 205 (P); Mitt. d. Dtsch.
Landwirtsch. -Ges. Jg. 23, 153/154; Jahrb.
d. Dtsch. Landwirtsch. -Ges. Bd. 23,
221/226 (Thiel, Gedenkbl. an B. W. m. P).
♦Wdlfflill, Eduard von, Dr. iur. et phil, Geh.
Rat, Prof. d. lat. Philol. a, d. Univ. MUn-
chen; * Basel 1. I. 1831; f das. 8. XI. —
BJ XIII, 168 (H. Schollenberger); VZ 9.
XI. A.-A.; IZ 131, 893; W 46, 1980; HJ
1908, 460; Chronik d. Univ. Munchen
1908/09, 15/18; Sitzungsber. d. Bayer.
Akad. d. Wiss. Philos. -philol. u. hist. KL
1909, 28* (Vollmer); Archiv f. latein.
Lexikogr. u. Gramm. Erg.-Bd., 1 — 6
(O. Hey).
Wdllwarth-Lauterburg, August Frh. von, k.
Wurtt. Kammerh., Oberhofmarschall a. D.,
Generalm. a. 1. s., Ehrenpras. d. Wurtt.
Kriegerbundes; * Essingen 29. XII. 1845;
t Stuttgart 12. VIII. — NZ 19. VIII. M.-A.;
MZ 1908, 459; WJ 1908 Nekr.; FT 1908,
877; WI 3, 1524.
Wolbring, Franziska, Schauspielerin, seit
1895 Mitgl. d. Stadttheaters z. Rostock;
* Elberfeld 27. III. 1861; f Rostock 23. III.
— NTA 1909, 162.
Wolf, Karl, Dr. phil. % Prof., Ob.-Realschul-
Oberl. a. D., Historiker u. Kulturgeograph,
Chefred. d. Spamerschen Konvers.-Lexi-
kons; * Langensalza 14. III. 1838; "f Eise-
nach Ende Sept. — LZ 1908, 1310; KL
1908, 1858 (W).
Wolfermann, Albert, Prof., Kammermusiker
a. Kgl. Hof theater z. Dresden, Violin -
virtuose; * Altenburg 25. IV. 1844; f das.
10. I. — IZ 130, 170; NTA 1909, 155.
Wolff, Wilhelm von, wurtt. Oberstlt. a. D.,
1877 — 94 Landt.-Abg.; * Tubingen 26.
XII. 1825; | Stuttgart 19. VI. — W r J
1908 Nekr.; OA 1908/09, 1694.
Wolny, Josef, Erzpriester, 1883 — 98 Zentr.-M.
d. R.; * Poln.-Olbersdorf, Ob.-Schles. 19.
IV. 1844; f Zelesno b. Oppeln 6. VII. —
VZT; RH 1893, 257.
*WoIter, Plazidus, Erzabt d. Beuroner Abtei;
* Bonn 24. IV. 1828; f Beuron 13. IX. —
BJ XIIL 125 (S. v. Oer); T 305 (P); VZ
14. IX. A.-A.; IZ 131, 547; Kchr 20,
13/14; HJ 1908, 460; TJ 28, Abt. 8, 546.
Wullner, Friedrich Hugo Anton Adolf, Dr.
phil. u. Dr. ing. h. c, Geh. Reg.-Rat, Prof,
d. Physik a. d. Techn. Hochsch. i. Aachen;
* Dusseldorf 13. VI. 1835; f Aachen 6. X. —
VZ 7. X. M.-A.; T 329 (P); IZ 131, 711;
PF 4, 2, 1673 (W); Zs. d. Ver. dtsch. In-
genieure Jg. 52, 1741.
ioi*
Totenliste 1908: WUnschmann — Zwick.
I02*
Wiinschmantl, Hugo, Kammermusiker a.
Kgl. Hof theater i. Dresden; * Rabenau
19. XI. 1859; t Dresden 17. VIII. — NTA
1909, 172.
Wundtke, Max (Pseud. : M. A. v. Furstenberg),
Feuilletonist, Novellist u. Lyriker; * Frank-
furt a. O. 8. VIII. 1863; f Dresden 30. X. —
VZT; IZ 131, 796; LE 11, 380; HJ 1908,
460; KL 1908, 1877/78 (W).
WuthetlOW, Alwine, geb. Balthasar (Pseud.:
Annmariek Schulten), plattdtsch. Dialekt-
dichterin, Fritz Reuters Freundin, Deutsch-
lands alteste Dichterin d. Gegenwart;
* Neunkirchen b. Greifswald 16. IX. 1820;
t Greifswald 8. I. — VZ 11. I. M.-A.;
HC 10. I. A.-B1.; IZ 130, 170; LE 10, 674,
l, 1069 ff.; Eckart Febr.-H., 314 (M.
Moller); HJ 1908, 460; KL 1908, 1882
(W); PY 1, 454/5 (W).
Zawadzky, Fedor von, Kammerh., Alterspras.
d. Schles. Provinzial-Landt.; f Breslau
15. VI. i. A. v. 87 J. — VZT; W 25, 1064.
Zedtwitz-Duppatl, Kurt Graf von, 6s t err.
Geh. Rat u. Kammerer, seit 1881 Mitgl.
d. Herrenh.; * Asch 3. X. 1822; f Prefiburg
19. XL — HJ 1908, 460; GT 1910, 1067.
Zedtwltz-Schdnbach, Karl Max Graf von,
fruh. konserv.-kler. Mitgl. d. Reichsr. u.
bohm. Landt.; *Budweis 25. VI. 1844; t P ra S
25.IIL— VZT; HJ 1908,460; GT 1910, 1068.
♦Zeller, Eduard, Dr. iheol., tur., med. et phil.,
WGRat, Mitgl. d. Akad. d. Wiss. f
Ritter d. Ordens »Pour le me>ite*, ehem.
Prof. d. Philos. a. d. Univ. Berlin; * Klein-
bottwar b. Marbach 22. I. 1814; f Stuttgart
19. III. — BJ XIII, 47 (Th. Ziegler); VZ
20. III. M.-A.; FZ 22. III. 1. M.-Bl. (E.
Traumann, Ein Bcsuch beim alten Z.),
3. VI. 1. M.-Bl. (W. Windelband); NFP 5.
IV. Beil. (W. Dilthey); HC 7. IV. M.-A.
(Th. Achelis); Protestantenbl. 1908, Nr. 13;
IZ 130, 530, 532 (N m. P); HL 22, 102;
! HJ 1908, 460; Wage ii, Nr. 17 (B. Munz);
Archiv f. Gesch. d. Philos. N. F. 14, 3
(L. Stein); Sitzungsber. d. Bayer. Akad.
d. Wiss. Philos.-philol. u. hist. Kl. 1909,
32*; Chronik d. Univ. Berlin 21, 7; KJ 1909,
632; BZ 22, 291 [D. Bund, Sonntagsbl.
1908, Nr. 14 (I. Kreyenbuhl); D. humanist.
Gymn. 1908, 98—101 (G. Uhlig); Dtsch.
Rundsch. Mai 1908, 173 — 191 (W. Lang);
TRU 1908, Nr. 71 (M. Runze)] 23, 359
[Dtsch. Revue Dez. 1908, 277 — 82 (E.
Hermann, E. Z. u. d. Wunderglaube)] 24,
296 [Intern. Wochenschr. 3, 221 — 234
(E. Schmidt, Aus E. Z.s Erinnerungen e.
90 jahrig.); Almn. d. k. Akad. d. Wiss.,
Wien Jg. 1908, 342 (J. v. Karabacek);
Abh. d. Akad. d. Wiss., Berlin, Philos. -
hist. CI. 1908 (Diels, Gedachtnisrede)]
* 2 5» 3*5 [Dtsch. Revue Juli 1909, 54 (G.
Zeiler, E. Stunde bei E. Z.)].
Zempy Joseph, Dr. iur. y Altbundesrat, 1895
u. 1902 Pras. d. schweizer. Eidgenossen-
schaft; * 2. IX. 1834; f Bern 7. XII. —
NZ 8. XII. A.-A.; T 381 (P); IZ 131, 1120.
Zenger, Vaclav Karel, Prof. d. Meteorologie
a. d. Bohm. Techn. Hochsch. i. Prag,
hervorr. Astrophysiker, Erfinder einer
ganzen Reihe von Instrumenten u. Mefi-
apparaten, besond. bekannt dadurch, dafl
er das Erdbeben i. Italien i. J. 1892 u. d.
Katastrophen d. Mont Pele* u. i. S. Fran-
cisco monatelang voraussagte; * Komotau
i. Bohm. 17. XII. 1830; f Prag 22. I. —
IZ 130, 170; GK 1909, 357.
Zlegfier, Kurt von, Generally z. D., bis 1896
Kommand. d. 7. Inf.-Brig., Ritter d. Eis.
Kreuzes 1. Kl.; * Wittenberg 21. VI. 1839;
t Halle a. S. 28. IX. — VZ 29. IX. M.-A.;
T 334 (P); MZ 1918, 541.
Zindler, Max, Guts- u. Fabrikbesitzer, seit
1903 M. d. R., seit 1890 M. d. A.
(konserv.); * Lobsens, Kr. Wirsitz 5. VI.
1852; f Neudorf b. Schonlanke 15. IV. —
VZ 15. IV. A.-A.; HJ 1908, 460; WI 3,
1557; RH 1907, 410, 459 (P).
*Zumbusch, Julius, Bildhauer; * Herzebrook
i. Westf. 16. VII. 1832; f Pasingb. Munchen
6. IV. — BJ XIII, 115 (H. Holland).
Zumstein, Jakob, Dr. med., Prof., Privatdoz.
a. d. Univ. Marburg, 2. Prosektor a.
anatom. Institut; * Wiedlisbach 22. III.
1861; f Marburg 27. IX. — VZT; Chronik
d. Univ. Marburg 1908, 5/7 (W).
Zweigert, Wilhelm Erich, Ob.-Burgermeister
v. Essen a. R., Mitgl. d. Herrenh.; * Neu-
stettin 25. II. 1849; f Essen a. R. — WI 3,
1564 (W), 4, TL; HH 1904, 362.
Zwick, Hermann, Dr. phil. % Schulrat, Kreis-
u. Stadtschulinsp., freis. M. d. R. u. M. d.
A.; * Gnichwitz 16. XI. 1848; f Berlin.
— WI3, 1574 (W), 4, TL; RH 1898, 286;
HA 1904, 374.
BiogT, Jahrbuch u. Deutscher Nckrolog-. 13. Bd.
29
Verlag von Georg Reimer, Berlin W. 35
Carl Schurz, Lebenserinnerungen
Band I. Bis zum Jahre 1852* Mit einem Bildnis: Schurz und Kinkel
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Band IL Von 1852 bis 1870. Mil einem Bildnis von Schurz
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Herausgegeben von Paul Nathan. Mit eincm Portrat Bambergers
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Gustav von Mevissen
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Ernst Moritz Arndt
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Originalen herausgegeben von Heinrich Mcisner und Robert Geerds
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Graf Alexander Keyserling
Ein Lebensbild aus seinen Briefen und Tagebiichcrn zusammengestellt
von seiner Tochter Frcifrau Helene von Taube von der Is sen.
2 BSnde mit zwei Portrats Preis geheftet M. 20.—
Heinrich Hilgard -Villard, Lebenserinnerungen
Ein Burger zweicr Weiten (1835 — 1900). Mit acht Portrats
Preis geheftet M. 10.
Abraham Lincoln
von Carl Sehurx. Ann dem Enirlischen iibersetzt van Miry Noltc.
2.80
BIOGRAPHISCHES JAHRBUCt
UNO
DEUTSCHER NEKROLOC
FROHER ERSCHIENEN DIE BANDE:
I. DIE TOTEN DES JAHRES 1896
MIT DEN BILDNISSEN VON H. VON TREITSCHKE
UND E. DU BOIS-REYMOND
II. DIE TOTEN DES JAHRES 1897
MIT DEN BILDNISSEN VON J AC. BURCKHARDT
UND JOH. BRAHMS
III. DIE TOTEN DES JAHRES 1898
MIT DEN BILDNISSEN VON TH. FONTANE UND
C. F. MEYER
IV. DIE TOTEN DES JAHRES 1899
MIT DEM BILDNIS VON R. W. BUNS EN
V. DIE TOTEN DES JAHRES 1900
MIT DEM BILDNIS VON FRIEDR. NIETZSCHE
VI. DIE TOTEN DES JAHRES 1901
MIT DEM BILDNIS VON ARNOLD BOCKLIN
VII. DIE TOTEN DES JAHRES 1902
MIT DEM BILDNIS VON RUDOLF VIRCHOW
VIII. DIE TOTEN DES JAHRES 1903
MIT DEM BILDNIS VON THEODOR MOMMSEN
IX. DIE TOTEN DES JAHRES 1904
MIT DEM BILDNIS VON FRIEDRICH RATZEL
X. DIE TOTEN DES JAHRES 1905
MIT DEM BILDNIS VON ERNST ABBE
XI. DIE TOTEN DES JAHRES 1906
MIT DEM BILDNIS VON CARL SCHURZ
XII. DIE TOTEN DES JAHRES 1907
MIT DEM BILDNIS GROSSH. FRIEDRICHS I VON BADEN
REGISTER ZUM l.BIS X.BAND (1896-1905)
PREIS DES JAHRBUCHS PRO BAND BROSCHIERT M. 12.-
TM FRTWK'.M HAT.RFRAN7.RANn M 14. _
nt n r* iivm^t /-»r?/^rn^ nn Men nrnriM